FREITAG: Der Wandel wird handgreiflich

Ob es mit dem Herbst zu tun hat, an dem man erntet, oder einfach am Lauf der Dinge – ich weiß nicht, warum sich gerade jetzt der Wandel zu manifestieren beginnt.

Geneigte Leser und Leserinnen meines Blogs werden bestimmt schon gemerkt haben, dass ich eine leidenschaftliche Raucherin bin. Ich weiß, das ist inzwischen weit weg von dem ursprünglichen Hauch des Bohemians, und gerade das hat meine Bockigkeit in den letzten Jahren zusätzlich zur Leidenschaft befeuert. Jetzt brenne ich gerade sehr, denn am 1. November wird sich grundlegend etwas an meinem Leben ändern. Weil man mich endgültig auf die Straße schickt, wenn ich eine Fluppe rauchen will – diese Bezeichnung von einer Freundin finde ich wirklich eleganter als das hierzulande gebräuchliche „Tschick“.
Ich will mich jetzt gar nicht über Sinn und Unsinn des neuen Gesetzes auslassen – Sie können sich ohnehin denken, wie ich dazu stehe. Doch was mich wirklich umtreibt, ist, dass ich nicht mehr vollumfänglich meine Zeit in einer Umgebung verbringen kann, die mich vollumfänglich so nimmt, wie ich bin. Als Raucherin. Der Gastronom meines Vertrauens ist auch schon etwas unrund, weil seine Klientel zu einem Großteil aus Rauchern besteht und er nicht weiß, ob er künftig auf der Straße bedienen muss oder eben dieser Großteil ganz wegbleibt. Wie auch immer: Ich fühle mich in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt, und Freiheit ist ein Riesenthema für mich. Am Wochenende habe ich in Frankfurt erlebt, wie man es auch machen kann. Nämlich an die Tür ein Schild pappen, das 18-Jährigen den Eintritt versperrt. Weil: Wer volljährig ist, kann selbst über sein Leben entscheiden. Denk‘ ich mir halt so in meiner Pippi-Langstrumpf-Welt.
Eine Freundin meinte, man werde sich daran gewöhnen. Bestimmt. Und falls nicht, bleibe ich eben zu Hause. Jetzt könnte ich das Positive daran sehen und jubeln, weil mir das tatsächlich die freien Abende beschert, die ich immer wieder bemängle. Doch manchmal brauche eben auch ich den sozialen Austausch, und zwar den unbeabsichtigten, der sich ergibt, weil man auf engem Raum nebeneinander steht und irgendwie ins Gespräch kommt. Werde ich die Geschichten vermissen, die sich um Selbstmorde, Liebeskummer, Energieraub, Gedichte und sonstige Begehrlichkeiten drehen? Ja! Ich könnte Romane lesen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, doch mit Stimme, Augen und Mimik sind diese Geschichten dann doch intensiver.
Zwangsläufig muss ich mich also dem Wandel hingeben. Vor einigen Jahren, als dieses Gesetz schon im Raum stand, habe ich laut von mir gegeben, dass ich bis dahin einen Ort gefunden haben werde, an den ich auswandern kann. Doch trotz intensiver Suche habe ich diesen bislang nicht gefunden. Was einer Schicksalsgläubigen wie mir nur eines zeigen kann: Du bleibst zu Hause und adaptierst dein Leben. In welche Richtung, weiß ich noch nicht. Aber ein erzwungener Wandel ergibt keinen Spaß.
Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich in meinem Leben selbstbestimmt etwas ändert, ist der Entschluss, KEINEN Roman zu schreiben. Also abgesehen von dem einen, der seit Monaten in der Rohfassung auf meinen Laptop schlummert. Ich habe eingesehen, dass meine Motivation, das zu tun, die falsche ist. Auf den Trichter gebracht hat mich Eckhart Tolle, der in einem seiner Vorträge zu bedenken gab, dass wir eine Sache nicht durchziehen können, solange das Ego beteiligt ist. Und ich gestehe: Beim Verfassen der Rohfassung war mein Ego ganz massiv involviert. Insofern musste ich mir eingestehen, dass ich aus den falschen Gründen viel Zeit investiert habe, in denen ich vielleicht schlafen, spazieren gehen oder lesen hätte können. Eine andere Freundin meinte, dass sich durch diese Entscheidung eine Lücke auftun würde in meinem Leben. Ja, endlich!
Und nein, ich werde sie nicht gleich wieder stopfen lassen. Das zählt auch zu den Entschlüssen, die ich in der Frankfurter Raucherkneipe getroffen habe. Ich bin die Königin meiner Zeit. Und selbst wenn Begehrlichkeiten von außen auftreten, muss ich ihnen nicht nachgeben – bei aller Liebe zum Socializing. Ich kann gut alleine sein, konnte es immer, weil ich Langeweile einfach nicht kenne. Es gibt immer etwas zu tun, zu denken, zu erledigen. Und ich bekomme mehr und mehr Lust darauf, mich um mein nächstes Umfeld zu kümmern. Spinnweben entfernen, Badezimmerboden wischen, Laub eintüten – solche Sachen. Werde ich dadurch spießig? Vielleicht, aber who cares?
Meinungsstabilität finde ich inzwischen auch überbewertet. Hatte ich im Frühsommer noch beschlossen, den Jahreswechsel dieses Mal in der Heimat zu verbringen, bin ich jetzt schon wieder fleißig auf Reiseplattformen unterwegs, um einen sandigen Platz für meine Füße zu finden. Vielleicht hängt es mit den sinkenden Temperaturen zusammen, vielleicht mit der aufkeimenden Sehnsucht, einfach beim Blick auf ein Meer das Jahr zu bilanzieren. Und mich darauf zu freuen, welche Manifestationen des Wandels 2020 auf mich zukommen werden. Es flutscht noch nicht wunschgemäß, was mich misstrauisch macht. Doch ich bleibe optimistisch, dass im richtigen Moment das richtige Angebot reinflattern wird. Ich bleibe neugierig, bleiben Sie es auch!

FREITAG: Die Ineffizienz von Interpretationen

Manche Dinge ändern sich einfach nicht, auch nicht mit zunehmendem Alter, und schon gar nicht bei Frauen. Denn irgendwo haben wir das Interpretationsgen versteckt, das sich weder abschalten noch zertrümmern lässt.

Kürzlich bei einem Mädelsabend ganz großes Kopfkino: Die eine fliegt mehrere Monate auf einen anderen Kontinent, um dort zu arbeiten, und denkt schon jetzt darüber nach, wie sie die eine Woche zwischen Weihnachten und Neujahr allein überbrücken könnte. Nicht, dass es allein eine reine Planungssache wäre – Sehenswürdigkeiten gibt es genügend. Doch: Wie werde ich mich fühlen? Werde ich mich langweilen, einsam sein, mich an irgendjemanden klammern, um das zu verhindern? Angst macht sich breit angesichts der Freiheit, mit der frau (noch) wenig bis nichts anfangen kann. Und selbst meine Beteuerungen, dass es eine ganz großartige Sache ist, selbst über seine Zeit bestimmen zu können, drehen das Kopfkino nicht ab.
Die andere erzählt von beruflichen Problemen, davon, dass sie es mit Menschen zu tun hat, die sich als weniger cool entpuppen, als sie es ursprünglich gedacht hatte. Und dass sie sich mit Problemen befassen muss, in die sie noch nicht einmal involviert ist. Als sie die Augen rollt, weil sie das alles so nervt, gehe ich erst einmal eine Zigarette rauchen und denke darüber nach, wie sehr wir Frauen doch „Hier!“ schreien, wenn es um Befürchtungen und Ängste geht. Vielleicht ist das eine evolutionäre Geschichte, weil wir seit Urzeiten auf Beschützen und Kümmern gepolt sind. Und wenn da irgendetwas dazwischenkommt, wird geschuftet und getan und gegrübelt, bis das System eine Lösung ausspuckt. Was da an Zeit vergeht!
Nach der Raucherpause bin ich mit der Berichterstattung dran und erzähle von meinen Begegnungen seit dem letzten Treffen. Bei einer Geschichte geht dann die Post ab. Ich erzähle von einem Gespräch und werde mit der vollen Ladung an Interpretationen konfrontiert. Dass das, was mir erzählt wurde, eh nur einem Klischee entspräche. Wie ich so blöd sein könne, das zu glauben oder gar darauf hereinzufallen. Dass man nicht wisse, wie oft manche Menschen die gleichen Worte für verschiedene Ansprechpartner absetzen würden. Und während ich mir all das anhöre, denke ich mir, dass ich diese Interpretationen wirklich satthabe, weil ich dafür auch gar keine Zeit mehr aufwenden möchte, denn gesichertes Wissen kommt dabei ohnehin nicht heraus.
Ich kümmere mich lieber darum, was Worte oder Situationen mit mir machen und wie ich damit umgehe. Ich mache mir auch gar keinen Kopf mehr darüber, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt. Was an mich herangetragen wird, gilt. Ob ich es glaube, mich damit beschäftigen möchte oder einfach weiterziehe, ist meine Angelegenheit. Und da knüpfe ich dann an. Wenn mir jemand etwas erzählt, das mich aufwühlt, überlege ich nicht, wie dieser Mensch das gemeint haben könnte. Ich überlege mir, warum mich das aufwühlt, was die Aussage in mir lostritt und welche Schlüsse ich daraus ziehen könnte. Nur so kann ich wachsen – interpretieren wirft mich zurück.
Leicht ist es nicht, zugegeben. Doch schon allein die Bemühung, achtsam zu sein und voreilige Schlüsse zu verhindern, zeigt mir, wie häufig Frauen (und auch Männer, wie mir bestätigt wurde) interpretieren. Doch bringt uns das wirklich weiter? Nicht in meiner Welt. Wir verschwenden Zeit und Energie und machen dabei noch nicht einmal etwas besser – im Gegenteil. Voreilige Schlüsse können Beziehungen auf die Dauer zerstören, weil sie nämlich nur eines bewirken: dem anderen zu zeigen, dass man nur daran interessiert ist, ihn in eine Schublade zu packen, bevor man ihm Interesse zeigt. Insofern gibt es für mich vorrangig zwei Vorgehensweisen: das Gesagte zu nehmen, wie es kommt, oder so lange zu fragen, bis ich mein Gegenüber verstanden habe. Und glauben Sie mir: Selbst das Fragen dauert nicht so lange, wie die unendliche Phalanx an Interpretationen zu durchdenken, zu der die menschliche Fantasie fähig ist.

FREITAG: Die Lücke im Wandel der Zeit

Unter einigen meiner Freundinnen gibt es eine Redewendung, wenn es um mich und meine Verlässlichkeit geht: „Sie kommt, ausgenommen Tod oder Meteoriteneinschlag.“ Ich fand und finde es eben wichtig, dass es Menschen gibt, auf die man zählen kann. So jemand wollte ich immer sein – gibt eh zu wenig Stabilität in dieser Welt. Und auch wenn ich wiederholt die Erfahrung gemacht habe, dass Veränderung stets eine zum Besseren ist, bin ich selbst in diesem Punkt für Entschleunigung – muss sich ja nicht alles gleichzeitig ändern, oder?
Doch meistens wird in Phasen wie diesen darauf wenig Rücksicht genommen. Schon seit Monaten denke und spreche ich über den Wandel, konnte ihn nie greifen und war gespannt, wann er sich denn offenbaren würde. Und vor allem wie, damit ich ihn auch tatsächlich erkenne. Sollten Sie ähnliche Gedanken haben – glauben Sie mir, Sie werden ihn erkennen, denn er legt sich lang und breit auf Ihren Fußabstreifer, an dem Sie einfach nicht vorbeikommen.
Wie so häufig spricht derzeit mein Körper ein ernstes Wort mit mir. Und während ich versuche, eine Salzlösung zwischen meinen Nasenlöchern hin und her zu schicken, mein Halschakra mit 741 Hertz-Musik beschalle und mir eine verkühlungsvertreibende Diät verordnet habe, kommen unweigerlich Gedanken darüber zutage, was denn jetzt wieder falsch gelaufen sein könnte. Ich war doch so zufrieden, ja fast glücklich. Wobei mir Zufriedenheit inzwischen lieber ist, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich habe meinen Terminkalender so blockiert, dass ich an drei Abenden in der Woche zu Hause bin. Darauf war ich ziemlich stolz, denn für jemanden, der glaubt, dass alles in sein Leben gehört, was das Leben schickt, ist das ein Riesending. Allerdings hat das dazu geführt, dass ich die Abendtermine jetzt untertags unterbringen möchte, soweit das möglich ist. Denn vollumfänglich „NEIN“ zu sagen, ist angesichts meiner wunderbaren Freundesschar unendlich schwer. Doch wozu führt das? Dass zwar meine Abende ruhiger werden, dafür die Tage aus allen Nähten platzen. Und wenn da jetzt ein, zwei neue Menschen dazukommen, die auch Zeit beanspruchen, dann wird es wirklich eng. Jetzt könnten Sie zu Recht sagen: „Dann lass die halt erst gar nicht rein.“ Stimmt. Und glauben Sie mir, ich habe mir das alles wahrlich nicht ausgesucht. Wie gesagt: Ich hatte das Gefühl, vollkommen in meiner Mitte zu sein.
Jetzt stehe ich vor der Frage, was mir lieb und teuer ist. Aktuell selbstverständlich das Bestreben nach einer freien Nase und einem schmerzlosen Hals. Und dass die Katze nicht jedes Mal zusammenzuckt, wenn ich huste. Dazu brauche ich Zeit für mich selbst, was mir zugegebenermaßen schwerfällt, weil ich darin keine Vorbilder habe. Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist meine Großmutter, die sich jeden Tag nach dem Frühstück ihre Füße mit einer Creme eingerieben hat. Das wars in Sachen Selfcaring-Vorbild. Gesundheitliche Malaisen wurden mit schulmedizinischen Mitteln niedergeprügelt, damit man schnell wieder funktionieren konnte. Und das mag in vielen Fällen durchaus seine Richtigkeit gehabt haben. Doch jetzt denke ich mir: Es muss doch etwas dahinterstecken. Mir fällt eine Freundin ein, die einmal sagte: „Ich habe genug von der Selbsterforschung.“ Ja, man kann es übertreiben und in die Egozentrik rutschen – geschenkt. Doch in Zeiten des Wandels will ich trotzdem für mich den richtigen Weg finden.
Lieb und teuer ist mir allerdings auch meine Verlässlichkeit – mir selbst und anderen gegenüber. Ich suche seit Monaten nach einer Routine für meinen Alltag, die ich selbst immer wieder sabotiere. Dass ich jetzt krank bin, werte ich als Resultat daraus. Warum ich das sabotiere? Gute Frage. Wahrscheinlich deshalb, weil ich der Meinung bin, dass man dem Leben nicht mehr Tage hinzufügen sollte, sondern den Tagen mehr Leben. Und meißelt man diese Tage in Stein, hat das Leben eben wenig Platz. Die Kunst bestünde nun darin, Lücken zum Durchatmen zu lassen. Eine andere Freundin von mir fürchtet sich gerade ein bisschen vor den künftigen Lücken, die eine zu Ende gehende Beziehung hinterlässt. Als ich ihr sagte, dass sie gar nicht so schnell schauen könnte, wie die sich füllen würden, bedankte sie sich. Das gab ihr Hoffnung. Mich erinnerte es daran, dass mir genau nach dieser Erfahrung die eine oder andere Lücke guttäte. Doch nach diesem Gesetz würde sich die Katze in den Schwanz beißen: Lücke → Lücke geschlossen, Lücke neu eröffnet → Lücke geschlossen! Das kann also nicht die Wahrheit sein, geschweige denn ein Instrument für meinen Umgang mit dem Wandel.
Ich stelle fest, dass ich (noch) zu wenige Instrumente für diese Veränderungen habe, dass ich mich schwer tue, von bekannten Verhaltensweisen abzurücken, Glaubenssätze loszulassen. Dass ich es aber andererseits auch nicht schaffen werde, neue Gegebenheiten mit den rostigen Werkzeugen der Vergangenheit zu meistern. Also werde ich wohl noch ein bisschen Zeit mit mir selbst verbringen müssen, um die Dinge um mich herum sortieren zu können. Um herauszufinden, wie ich mit den Themen umgehe, die von außen an mich herangetragen werden und die in meinem Inneren aufploppen. Klarheit zwischen Nasendusche, feuchten Taschentüchern und verschwollenen Augen zu finden, ist eine Herausforderung. Aber keine unannehmbare. Drücken Sie mir die Daumen und bleiben Sie dem Wandel gewogen.

FREITAG: Die Tapetentüre

Es gäbe diese Woche ja einiges, worüber ich berichten könnte. Allerdings versuche ich ja immer, hinter allem, was mir passiert, den tieferen Sinn herauszubuddeln. Es gibt ihn nicht bei allem, aber vielem.

Vor einiger Zeit habe ich aufgehört, gleich nach dem Aufstehen drei Seiten zu schreiben. Ich habe das gefühlt 100 Jahre lang immer wieder gemacht, vor allem zu einer Zeit, die für mich schwierig war und wo ich händeringend nach einer Lösung gesucht habe. Dabei hat mir das morgendliche Schreiben geholfen, weshalb ich immer dann, wenn ich vor einer innerlichen Wand stehe, schnell zu Stift und Schreibheft greife, um sie niederzureißen. Doch kürzlich ist mir aufgefallen, dass mich das morgendliche Schreiben nicht nur von Problemen befreien kann, sondern mir auch eines macht: nämlich jenes, mich an diese schwierige Zeit zu erinnern. Weshalb ich es gelassen habe und nur mehr wirklich punktuell einsetze, wenn sich besagte Wand vor mir aufbaut.
Und siehe da, kleine Wände kann ich schon ohne Schreiben bewältigen. Beispielsweise jene, die sich in Form von fast 20 Litern Traubensaft vor mir aufbaute, für den mir die Behältnisse und Gefriertüten ausgingen. Es ist jedes Jahr das gleiche: Ich freue mich ob der Riesenernte, doch die Verarbeitung stresst mich. Das Abperlen der einzelnen Beeren, das Waschen, das Entsaften. Heuer ging es etwas leichter, weil ich mir einen Tag dafür frei genommen und es als meditative Tätigkeit eingestuft hatte. Doch nach vier Stunden Abperl-Meditation tat mir das Genick weh, was in meiner Vorstellung von Meditation eigentlich nicht passieren sollte – eher das Gegenteil. Und es saß mir auch die Sorge im Genick, was ich denn mit dem vielen Saft machen sollte. Da schrieb mir eine Freundin und fragte, ob ich Zeit für eine Tasse Kaffee hätte. Auf die Information, dass ich mitten in der Traubenernte stecke und leider keine Zeit habe, meinte sie, ob ich Flaschen gebrauchen könnte, die sie ohnehin entsorgen wollte. Halleluja!
Eine weitere Wand errichtete sich, weil ich zwei Karten für eine Veranstaltung hatte, die ich mit einer anderen Freundin besuchen wollte. Leider musste die relativ kurzfristig beruflich verreisen, und ich versuchte, die eine Karte an eine passende und interessierte Person zu bringen. Anfangs war ich zuversichtlich, doch dieses Gefühl schwand schnell, weil genau an diesem Tag offenbar überall der Bär tanzte. Ich stellte das Angebot in eine Facebook-Gruppe, die normalerweise für alles und jeden eine Lösung hat – nichts. Und als mein Ex mir auch noch fünf Alternativen vorschlug, sprudelte es aus mir heraus: „Ich übergebe das jetzt dem Schöpfer, der soll sich darum kümmern.“ Ich hatte alles getan und kam nicht weiter. Und selbst das Schreiben hätte mir nichts geholfen. Also beschloss ich, zur Veranstaltung zu marschieren und zu versuchen, die eine Karte an eine Frau oder einen Mann zu bringen. Wer neben mir lacht, war mir sekundär. Die Schlange vor der Kasse war lang, als ich der Kartenverkäuferin signalisierte, dass es noch ein verfügbares Ticket gäbe, falls sie in ihrem Computer keines mehr finden würde. Dann stellte ich mich an die Seite und beobachtete die Menschenschlange. Aus einem plötzlichen Impuls heraus und weil mich die Frau so freundlich angelächelt hat, fragte ich sie und ihre Begleitung, ob sie zwei Karten brauchen könnten. Denn irgendwie war mir ohnehin nach einem heimeligen Abend. Und tatsächlich: Nach einigen Minuten Nachdenkzeit fanden meine Tickets neue Besitzer, und ich marschierte durch den Regen, dafür mit einem zufriedenen Lächeln nach Hause.
Einmal im Jahr versuche ich, mich mit einer lieben Bekannten zu treffen, für die ich arbeite. Die letzten Male hat es nicht geklappt, weil ihr Termine oder Vergesslichkeit dazwischen gekommen sind. Und doch probiere ich es immer wieder, weil ich sie einfach mag. So auch diese Woche mit ganz viel Hoffnung, dass wir es schaffen würden. Als ich sie erinnerte, kam zurück: „Wir haben etwas ausgemacht??????“ Ich musste lächeln, denn irgendwie hatte ich es schon gespürt. Und schrieb einem uralten Freund, mit dem ich ebenfalls seit langem versuche, einen Termin zu finden. Wir haben seit 25 Jahren nicht mehr geplaudert, und das wollten wir beide ändern. Doch unsere Kalender waren einfach nicht kompatibel. Ich schrieb ihn also an und fragte, ob er Zeit hätte. Und er hatte!
Es gibt dieses wunderbare Lied von Lee Ann Womack: „I hope you dance“. Eine Zeile daraus lautet: „Whenever one door closes I hope one more opens“ – genau diese Erfahrung durfte ich in dieser Woche machen. Ich habe selbst danach gesucht, und genau in diesen Momenten, wo ich die Wand abtastete, hörte ich das Klicken der Tapetentüre. Dass Dankbarkeit zu Glück führt, kann ich nur einmal mehr unterstreichen.

FREITAG: Hoffnung genießen

„Hoffen bedeutet, nichts machen. Man kann hoffen, oder man kann tun.“ Das las ich am Wochenende in einer Zeitung. Und obwohl noch eine ganze Seite zu diesem Inhalt geschrieben stand, blieb nur diese Aussage bei mir hängen.

Vor einiger Zeit hatte ich mir ja ob einer völligen geistigen Überlastung eine Informationsdiät verordnet. Nicht, dass ich vorher ein News-Junkie gewesen wäre – über die negativen Auswirkungen von negativen Nachrichten (selten sind es andere) war ich mir schon seit Langem klar und hatte deshalb das regelmäßige Nachrichtenschauen und -lesen fast vollständig eingestellt. Doch angeregt durch ein Buch, habe ich mich inzwischen auf das ausschließliche Lesen von Wochenzeitungen und Büchern verlegt. Dieses Buch hat ebenfalls empfohlen, nur noch solche Inhalte dem Geist zuzuführen, die die Kompetenz stärken.
Jetzt bin ich ja ziemlich leidenschaftlich, was mein berufliches Tun angeht – ob es nun Schreiben oder Lehren ist. Doch mich nur darüber informieren? Das kommt und kam mir einigermaßen einseitig vor. Also machte ich eine kleine Mindmap mit fünf Themen, die mich privat mehr als alles andere interessieren. Und siehe da, meinem Kopf geht es etwas besser, seit ich mich darauf fokussiere. Kann ich also nur allen empfehlen, die manchmal auch nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht.
Also las ich innerhalb dieses definierten Spektrums am Wochenende ein Interview mit einer Frau, die sich sehr für Menschenrechte engagiert, deshalb keinen festen Wohnsitz hat und auch sonst einigermaßen unkonventionell lebt. Vieles fand ich interessant, mit einigem konnte ich mich nicht identifizieren. Doch vor allem über eines musste ich nachdenken, eben über ihre Meinung über die Hoffnung. Ich erinnerte mich an eine Phase meines Lebens, in der ich vorrangig gehofft hatte, weil mir alles andere entglitten war. Doch als ich dann las, dass Hoffnung nur dann berechtigt sei, wenn es auch eine Minimalwahrscheinlichkeit an Umsetzungsmöglichkeit gebe, ist ein riesiger Brocken davon abgebrochen. Diese Minimalvariante sah ich damals überhaupt nicht. Und hörte auf zu hoffen.
Was sich dann aber herausstellte, war: Es passierten die Dinge, die ich mir erhofft hatte, trotzdem. Das Interessante an dieser Entwicklung war, dass ich zwar nichts in der Sache tun konnte, dafür auf einer anderen Ebene. Nämlich dort, wo es darum ging, das Feld zu bestellen für Wahrscheinlichkeiten. Denn seien wir ehrlich: Wenn wir im Herbst Zwiebeln legen oder im Frühling Blumen aussäen, wissen wir auch nicht genau, ob sie jemals das Sonnenlicht erblicken werden. Doch die Wahrscheinlichkeit steigt, wenn wir das in guter Erde tun.
Als diese Frau nun davon sprach, dass Hoffnung gleichzusetzen sei mit Passivität, war ich absolut anderer Meinung und bin es immer noch. Vielmehr sehe ich im Hoffen eine sehr aktive Angelegenheit. Denn zum einen kann das Herumackern sehr wohl in Arbeit ausarten, wie ich an den Hochbeeten immer wieder bemerke. Und zum anderen ist es auch in unserer überkontrollierten Zeit durchaus ein Aufwand, genau diese Kontrolle aktiv abzugeben. Ich war ja auch immer ein Mensch, der am liebsten alles kontrollieren wollte, schließlich heißt es ja stets so leistungsorientiert: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Alternativ ist auch „Wie man sich bettet, so liegt man“ sehr beliebt. Doch ich habe irgendwann begriffen, dass wir eben nicht bis zum letzten Punkt planen können. Weil es manchmal eben doch anders kommt. Weil es eben anders für uns vorgesehen ist, als wir es uns manchmal wünschen. Und wir genau das aus den Augen verlieren, wenn wir uns der mehr oder minder ausgeprägten Kontrollsucht hingeben.
Und wenn diese Frau sagt, dass Hoffen Nichtstun bedeutet, gebe ich ihr doch insofern recht, dass wir an einen Punkt gelangen, wo wir tatsächlich nichts tun – müssen. Wo wir uns zurücklehnen und zuschauen dürfen, was mit unserer Saat passiert. Für mich ist das eines der letzten Mysterien unserer Zeit, das wir bitte, bitte als solches genießen sollten. Die Liebe ist auch so eines – aber das ist ein anderes Thema.