FREITAG: In die Weiblichkeit springen

Für mich sind Märkte ja nicht zwingend Konsumeinladungen, sondern vor allem Inspiration. Zum Schauen. Zum Freuen. Zum Nachdenken.

Bei mir ums Eck findet alle heiligen drei Zeiten ein Designermarkt in einer ebenso stylishen Umgebung statt. Und weil in meiner Gegend wenig Innovatives passiert, gehöre ich zu den Stammbesuchern dieser Veranstaltung. Dort finde ich dann Ohrringe aus brasilianischem Gras, türkische Hamam-Mäntel und Schneidbretter aus recycleten Surfboards. Was mir nicht nur gefällt, sondern auch insofern Freude bereitet, weil ich die Kreativität der jungen Menschen spüre, die sich das alles einfallen haben lassen.
Die Hallen sind immer prall gefüllt, was mir irgendwann einmal bei aller Einfallsexplosion zu viel wird und ich mich – ganz Bobo – mit einem Matcha Latte in eine Nische im Freien zurück ziehe. Dort ziehe ich dann Bilanz ob des Gesehenen und überlege mir wie jüngst, wem ichwomit zu Weihnachten beglücken könnte. Ich muss dort nämlich wirklich auf mein Budget achten, denn meine Begeisterung würde sich direkt auf mein Geldbörsl auswirken. So schnell könnte ich gar nicht denken, wäre es nämlich leer. Die Schlangen vor dem mobilen Bankomaten sind traditionell lange, was ich mir ersparen will. Deshalb ein kurzer Rückzug und Listenschreiben.
Und schauen, wer sonst noch da ist oder kommt. Mir fällt eine junge Frau ins Auge, die in einem knatschgelben Samtblazer kreischend auf eine Freundin zustürmt, die auf dem Kopf einen weinroten Schlapphut und am Körper ein blauweiß getupftes Kleid trägt. Und aus dem Nirgendwo schießt mir ein „Es geht doch!“ in den Kopf, dem ich nachspüre. Denn wie geneigte Leser meines Blogs vielleicht schon bemerkt haben, sind mir jungen Menschen sehr nahe. Mir fällt ein Artikel einer jungen Journalistin ein, den ich vor einigen Monaten gelesen habe und der sich mit altersloser Mode beschäftigte. Und sich darüber ausließ, dass sich die Jugend heutzutage gar nicht mehr für ihre Jugend interessiere. Und sich deshalb kleide wie Frauen, die im Reformhaus einkaufen und in den Töpferkurs gehen. Ja, das ist ein Klischee, aber keines von mir.
Das finde ich auch an diesem Markttag. Wadenlange Röcke in Grau und Schwarz, knittrige Hemden in Erdtönen, flache Gesundheitsschuhe. Die Autorin schrieb, dass diese Kleidung eine Gelassenheit ausstrahle, die jugendlicher Kleidung fehle. Ich finde allerdings auch noch etwas anderes, nämlich viel Farbe an älteren Frauen, geschätzt ab 50. Sei es auf den Lippen, im Haar oder eben am Körper. Sie strahlen damit genauso Gelassenheit aus. Was mich zu einem anderen Artikel, vielmehr einem Interview mit einer Modeschöpferin führt, die etwas sehr Wahres sagt: „Frauen sind dann am schönsten, wenn sie die Kraft haben, ihre Weiblichkeit zu zeigen.“ Man werde nicht stärker, wenn man sich in eine Uniform hineinreduziere. Grossartig, denke ich mir, aber auch, dass es bei mir selbst Jahrzehnte gedauert hat, bis ich das begriffen hatte.
Wie immer versuche ich der Situation etwas Positives abzugewinnen. Punkt 1: Mir sind junge Frauen, die Gelassenheit ausstrahlen wollen, lieber als jene, die ihre Körper in viel zu kleine Größen hineinpressen. Punkt 2: Wenn die Geschäfte für junge Mode inzwischen auf diesen Zug aufspringen, kann ich auch dorthin gehen und darf die ältere mit der jüngeren Claudia in Kontakt bringen. Punkt 3: Von einer eher unscheinbaren Modebasis aus seine Weiblichkeit zu suchen, erinnert mich an ein Spruch von Ilse Aichinger: „Um zu lieben, ist es nötig, nicht zuerst einen großen Schritt vor, sondern einen kleinen zurück zu tun, weil es dann leichter ist, zu springen.“ Und das gilt natürlich und zuallererst für die Selbstliebe.

FREITAG: Das Prosecco-Prinzip

Kürzlich habe ich gelesen, dass Gender Marketing dazu beiträgt, bestehende Geschlechter-Missstände noch weiter zu vertiefen. Und auch wenn ich aufgrund meines mangelnden Medienkonsums da vielleicht nicht mitreden kann: Ein Glas Prosecco kann ich darauf allemal trinken.

Kürzlich bei der Präsentation eines Veranstaltungskonzeptes, das sich mit Nachtspaziergängen für Frauen durch den Wald beschäftigte. Ich kenne Leute, die halten heimische Landeshauptstädte schon für Klein-Kairo, was kann einem da erst im Wald passieren? Ich empfehle einen Naturerlebnispädagogik-Tag in demselben, da lernt man Hören und Sehen auf ganz wunderbare Art und Weise. Wie auch immer: Die Vortragende hatte sich für ihre nächtlichen Spaziergänge von einem Folder über eine Ladies‘ Night inspirieren lassen. Grundsätzlich keine schlechte Idee, denn manchmal braucht man das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Doch als sie das Ausgangspapier durch die Runde gehen ließ, fiel mir eines auf.
Der Prosecco. Und heute beim Durchblättern eines Magazins das gleiche, gepaart mit dem Wellness-Angebot einer Therme. „Bei einem Glas Prosecco…“ kann frau einfach viel besser ihr Dasein genießen oder so ähnlich. Wann hat das begonnen, dass wir Frauen ganz unzweifelhaft mit bestimmten Getränken und Speisen assoziiert werden? Mir passiert das laufend. Letzte Woche war ich mit einem Mann essen, er wählte als Vorspeise einen Salat, ich eine Suppe. Als der Kellner kam, schaute er mich mit zielsicherem Blick an und reichte das Saure in meine Richtung. Mein Fingerzeig belehrte ihn eines Besseren. Und als ich mit einem anderen Mann etwas trinken war und er sich einen Spritzer bestellte, war sich die Servierperson ziemlich sicher, dass das Bier zu meinem alten Freund gehörte.
Hat der Film „Frauen, die Prosecco trinken“ etwas mit dieser Schubladisierung zu tun? Oder steht da ganz große Lobbyarbeit entsprechender Kellereien dahinter? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir es hier mit so etwas wie Gender Marketing zu tun haben, das offenbar gerade ziemlich boomt. Die Frage ist nur, ob wir dadurch nicht erst recht in Kategorien geschaufelt werden, die uns wenig entsprechen. Besonders schön in diesem Zusammenhang fand ich eine Studie aus dem Frühjahr des ablaufenden Jahres. Sie besagte, dass Frauen, die Alkohol trinken, als sexuell verfügbar wahrgenommen werden, Männer hingegen nicht. Geht’s noch?
Ich bin keine Feminismus-Amazone (mein Vater würde mir an dieser Stelle vermutlich widersprechen) und verstehe auch, dass der Mensch gewissen Kategorien braucht, um sich in dieser Welt einigermaßen orientieren zu können. Geschenkt. Doch wenn einen die Kategorisierung davon abhält, Menschen wahrzunehmen, dann hört es sich für mich auf. Natürlich ist es ein Aufwand, jeden Tag als einen neuen Tag zu betrachten, jeden Menschen in seiner Tagesverfassung zu beobachten. Doch anders kann es in meiner Welt nicht gehen, wenn wir das Gefühl füreinander behalten möchten. Wo kommen wir denn hin, wenn wir jeden Menschen einfach ablegen und ihm damit jede Chance verwehren, sich zu entwickeln? Wir kommen in einen Zustand, der uns zunehmend versteinert. Weil ja alles bleibt, wie es immer war. Ein Mensch war immer schon erzkatholisch – warum sollte er Buddhist werden? Ein Mensch hat immer schon vegetarisch gegessen – warum sollte er plötzlich Fleisch essen? Ein Mensch zählte sich immer schon zur Rolling Stones-Fraktion – warum sollte er auf einmal Beatles hören? Ganz einfach: weil das Leben ein Fluss ist. Und das normal ist, wie etwas in meiner Welt nur normal sein kann.
Unsere Zeit führt uns nur zu deutlich vor Augen, dass vieles transformiert werden muss, was lange eben in Stein gemeiselt war. Dagegen kann man sich mit viel Kraft stemmen, klar. Doch das KOSTET auch Kraft – und Lebensfreude. Denn einen Zustand zu beklagen, den es nicht mehr gibt, macht trübsinnig. Viel empfehlenswerter wäre es, das Neues willkommen zu heißen und es zu feiern – von mir aus auch mit einem Glas Prosecco. Solange ich ein Bier trinken darf…

FREITAG: Wo ist die Wärmeglocke?

Jetzt ist er also da, der Winter. Und auch wenn ich bei der ersten Schneeflocke nicht so hyperventiliere wie meine Mutter – zu früh kommt er irgendwie immer.

Als ich gestern nach einem netten Abendessen mit Freunden auf die Straße getreten bin, ärgerte ich mich über den heftigen Regen. Und beim Einsteigen ins Auto war es selbst mir klar geworden: Der heftige Regen war Schnee. Und nein, ich hatte nur alkoholfreies Bier getrunken. Doch trotz der Tatsache, dass wir mitten im November stecken und die Temperaturen alles andere als kuschelig sind, bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es der Schnee bis zu mir schaffen könnte. Von meinen Eltern haben mich Bilder einer zehn Zentimeter dicken Schicht schon erreicht, aber mein Gott – die wohnen ja auch in den Bergen, und da gehört der Schnee ja auch hin. Der große Koloss, den ich von meinem Arbeitszimmer aus sehe, hat schon länger eine eisige Zuckerhaube, aber hier in meinem Garten? Irgendwie dachte ich wohl, dass über meinem Haus eine Art Wärmeglocke hängt, die alles zum Schmelzen bringt, was sich auf zehn Meter nähert.
Heute morgen beim Aufwachen hörte ich dann – nichts. Das ist insofern ungewöhnlich, weil durch meine Gegend rund 30.000 Autos am Tag gondeln, meist auf dem Weg zum nahe gelegenen Einkaufszentrum. Das man eigentlich auch bequem mit dem Bus oder der S-Bahn erreichen könnte, aber wer im frühen Vorweihnachtseinkauf steckt, will sich auch nicht zu Tode schleppen, ne? Wie auch immer: Ich hörte kein Motorengeräusch, keine Beatmusik aus den Autos, noch nicht einmal das Klicken der Busoberleitungen. Und das hieß für mich selbst im Stadium des Aufwachens, in dem ich normalerweise noch nicht einmal meinen Namen weiß: Es liegt Schnee.
Die weiße Sonne an der Garagenwand spiegelte den Matsch auf meiner lavendelblauen Tischdecke mit den Sonnenblumen. Die Äste des Thuje hingen nach unten, und auch die letzten Zinnien, die ich den ganzen Sommer vor lauernden Schnecken beschützt hatte, trugen ein weißes Hütchen. Auf dem Steg beim Teich sah ich Katzenpfötchen und im Geist die Anmut, wenn ein Stubentiger vorsichtig Schritt für Schritt den unsicheren und kalten Untergrund abtastet. Und so saß meine Katze auch schon auf der Fensterbank, als ich die Rollläden raufdrehte und maunzte mich an, als hätte ich persönlich den Schneehahn aufgedreht.
Früher war Schnee super für mich, als ich noch zum Schifahren ging. Das habe ich inzwischen aufgegeben, weil ich nicht einsehe, dass ich für ein 500 Kilometer großes Schigebiet, das ich in keinsterweise innerhalb eines Tages bekurven kann, 3.000 Euro zahlen soll. Wirtschaftlich gesehen leuchtet mir das ein. Haushaltsbudgetmäßig nicht. Wenn ich mich irgendwann mit dem Schnee abgefunden habe, gehe ich ganz gerne mit richtigem Schuhwerk spazieren und kann auch dem Knirschen unter meinen Füßen durchaus etwas abgewinnen. Wenn nicht die Kälte wäre!
Klar, man kann sich anziehen. Und anziehen. Und anziehen. Mit entsprechend vielen Schichten übersteht man jeden Winter. Oder der passenden Funktionskleidung, die ich allerdings nicht besitze, weil ich von der Gleichmacherei wenig halte. Doch ich sehe natürlich deren Vorteile, insofern alles gut. Das winterliche Zwiebelgetue geht mir trotzdem auf die Nerven. Eine Freundin meinte kürzlich, dass ihre Müdigkeit daher kommen könnte, weil sie beim Anziehen soviel Energie aufwenden müsse. My Tribe! Ich kriege ja schon Hitzewallungen, wenn ich in eine Strumpfhose schlüpfen muss. Das Maximum sind Netzstrümpfe, und ja, es ist mir bewusst, dass nichts weiter von winterlicher Funktionskleidung entfernt ist. Sie merken schon: Winter ist nicht meine Jahreszeit.
Und doch kann ich diesen einen Moment genießen. Den nämlich, wenn es draußen dämmert, ganz dicke Flocken fallen und ich auf meiner Kamincouch im Warmen sitzen und der Gemächlichkeit zusehen darf. Es gibt kaum etwas Entspannenderes als das. Das zeigt mir, dass alles seine Zeit braucht, auch so eine Schneeflocke. Sie kann nur in der für sie möglichen Geschwindigkeit schweben, es geht eben nicht schneller. Man kann sie nicht antreiben, ihr etwas dafür versprechen oder sie sogar dafür belohnen. Nichts da – it takes time! Insofern ist der Winter ein guter Lehrmeister für mich, geduldig zu sein.
Allerdings reicht die Geduld dann doch nicht so weit, das Jahresende und die damit zusammenhängenden Aktivitäten auf mich zukommen zu lassen. Deshalb habe ich einen Flug gen Süden gebucht und freue mich unbändig darauf. Keine Funktionskleidung, keine Strümpfe, keine Schneekristalle auf dem Tisch vor meinem Fenster. Sondern nur Sonne, mein Journal und eine Tasse Kaffee. Die Kälte bekommt mich früh genug zurück.

FREITAG: Genießen, was ist

Ziemlich entspannt vom Bosporus zurückgekehrt, geht mir doch einiges durch den Kopf – vielleicht weil ich keine Zeile geschrieben habe? Offenbar verstopft mein Gehirn, wenn es kein Ventil hat.

Zeit mit meinem Vater zu verbringen, der gemeinsam mit mir den Orient lieben gelernt hat, war eine sehr wertvolle Erfahrung. Seine Perspektiven haben sich seit unserer letzten Reise verschoben, seine Kräfte sind etwas geschwunden, doch die Neugierde und die Genussfähigkeit für Neues geblieben. Vieles wird nicht mehr kommuniziert, sondern gleich internalisiert, denn der Bilderspeicher muss wieder für eine Zeit lang, zumindest bis zur nächsten Reise aufgefüllt werden.
Für mich war es auch (wieder) eine neue Erfahrung, mit einem Menschen gemeinsam zu reisen. Sie wissen ja, dass ich normalerweise am liebsten allein durch die Welt streune, in meiner Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit, die manchmal vielleicht etwas ziellos erscheint – der Eindruck täuscht allerdings, denn mein Ziel ist es ebenso wie bei meinem Vater, unvergessliche Erinnerungen zu sammeln. Und die können in der Blauen Moschee ebenso lauern wie in einem Schalgeschäft des Großen Bazars.
Eine neue Erfahrung war es auf jeden Fall, dass ich definitiv nicht dafür gemacht bin, vor 22 Uhr ins Bett zu gehen. Das musste ich in den letzten Tagen schon wegen der Zeitverschiebung, dem nicht vorhandenen Balkon und Terminen, die früh gelegt wurden, feststellen. Das hatte zur Folge, dass ich mich hin und her gewälzt habe und das Gefühl hatte, kein magisches Auge zugemacht zu haben. Am ersten Abend hatte ich noch optimistisch drei Gläser Tee getrunken – die sind vor dem zweiten Schlafengehen zwei Bieren gewichen. Hat aber auch nix geholfen.
Irgendwann kam ich dann auf den Trichter, dass mir mein abendliches Schreibritual fehlte, speziell auf Reisen. Da halte ich normalerweise fest, was mir tagsüber durch den Kopf gegangen ist. Doch dafür war keine Zeit, und ich wollte mir auch nur wirklich notwendige Zeit vom Zusammensein mit meinem Vater abzwicken lassen. Und irgendwann im Flieger dann platzte mir fast der Schädel, weil ich wohl zu viel in denselben hineingesteckt hatte, ohne für einen Abfluss zu sorgen.
Dass meine schottische Freundin ein ähnliches Gefühl hatte und ihr Ventil öffnete, bevor ich meinen Hahn fand, hat das Gefühl der Völle vermutlich unterstützt. Und so saß ich auf meinem Sandwich-Sitz im Flieger und versuchte, in meinen Blackberry hineinzuschreiben, was hinauswollte. Und es war nichts Freundliches, sondern Gedanken darüber, warum ich schwer meinen Ärger artikulieren kann. Diesem Thema waren nämlich die letzten Worte meiner Freundin gewidmet gewesen, bevor mein Flieger abhob. Unser Automatismus ist immer der gleiche. Wir ärgern uns ganz fürchterlich über etwas, und dann überlegen wir so lange, wie wir das diplomatisch ausdrücken können, dass wir darüber nicht nur unendlich viel Energie verlieren, sondern unsere Botschaften derart glatt geschliffen sind, dass das Gegenüber nur mehr wenig bis gar nichts vom Ärger mitbekommt. Und wir wundern uns dann, dass die Reaktionen scheinbar ungenügend sind.
Die Krux daran ist, dass wir nicht noch mehr Ärger in diese Welt bringen, dass wir auf Unfreundlichkeiten oder Unachtsamkeiten nicht auf dem gleichen Level reagieren und Bewusstsein dafür wecken wollen, dass es jeder Mensch in der Hand hat, die beste Version seiner selbst zu werden. Wir sind vor unterschiedlichen religiösen Hintergründen sozialisiert worden, und trotzdem halten wir gar nichts von der Aug-um-Aug-Philosophie. Das Zauberwort ist Impulskontrolle. Doch während wir versuchen, den Ärger zu transformieren, verpufft schon vieles davon. Dann wird rationalisiert, das Ergebnis durch die Weltverbesserungsmaschine gedreht und heraus kommt im allerbesten Fall etwas Sarkastisches. Und wir wissen ja, dass Sarkasmus eine Gabe ist, die nicht jeder schätzt. Wenn dann ein Okay zurückkommt, schauen wir ungläubig auf unsere Displays und denken an die berühmten Perlen, die sich offenbar nicht jedermann anstecken möchte. Und weil wir zu diesem Zeitpunkt schon total erschöpft von der intellektuellen Leistung des Ärgerwandels sind, bringt uns dann dieses Okay endgültig aus der Fassung.
Während ich also im Flieger saß und wahrscheinlich irgendwo über Sofia an der Artikulation meines Ärgers bastelte, stellte ich plötzlich fest, dass ich keine Lust mehr hatte. Keine Lust mehr auf Ärger, auf Diplomatie, en général auf Menschen, die solche Gefühle oder Bestrebungen in mir auslösen. Mögen sie auf ihrer Entwicklungsstufe bleiben, solange sie es dort kuschelig finden. Mögen sie andere Lehrmeister finden, die ihnen einen Spiegel vorhalten. Mögen sie in ihrer eigenen Geschwindigkeit zu ihrem besten Selbst gelangen. Und als ich meinen Blackberry wieder in meinem Rucksack unter dem Sitz verstaute, sah ich, wie mein Vater mit einem Becher Rotwein in den Sonnenuntergang lächelte. Genau darum geht es: das zu sehen und zu genießen, was ist. Er war immer schon ein großartiger Lehrmeister.

FREITAG: Die Werte meiner Großeltern

Am heutigen Tag stehen wahrscheinlich einige von uns an den Gräbern, die unsere Vorfahren aufbewahren. Für mich ist das immer eine willkommene Gelegenheit, meine Großeltern zu besuchen.

Meiner Oma, die ich an der einen oder anderen Stelle dieses Blog immer wieder erwähnt habe, fiel es immer schwer, nach dem Tod ihres Mannes dessen Grabstätte zu besuchen. Und bis heute wissen wir nicht mit absoluter Sicherheit, warum sie die Allerheiligentradition abgelehnt hat. Gut, sie hatte es nicht so mit der Kirche, schimpfte auf die Pfarrer und trotzdem: die Goldene und Diamantene Hochzeit musste noch einmal mit einem solchen begangen werden. Über diese Ambivalenz hat sie nie gesprochen, und während ich darüber schreibe, bedaure ich es, sie nicht danach gefragt zu haben. Mein Opa hat damals mitgezogen – ob er eine Wahl hatte bei so einer Frau, die am Ende immer durchsetzen konnte, was sie sich vorgenommen hatte? Wahrscheinlich nicht.
Wenn ich also heute auf die steinerne Tafel mit den Namen meiner Großeltern mütterlicherseits schaue, meiner an diesem Tag immer ein bisschen weinerlichen Mutter die Hand drücke und ihre floralen Bemühungen ob der Gestaltung der Grabstätte wertschätze, gehen meine Gedanken zurück zu diesen beiden Menschen, die mein Leben so wesentlich beeinflusst haben. Und natürlich hatte ich auch väterlicherseits die gleiche Besetzung, doch da lagen die Verhältnisse etwas anders. Ich sah sie nur einmal im Jahr, war mehr damit beschäftigt, sie zu beobachten als mit ihnen zu interagieren oder zu sprechen. Und wenn ich meinen Vater nach seinen Eltern frage, bleiben meine „Warums“ meist unbeantwortet – danach fragte man eben in dieser Generation selten. Und ich war zu ihren Lebzeiten noch zu wenig rabiat, als dass ich deren Lebensweise auf den Prüfstand gestellt hätte.
Opa und Oma hingegen sah ich mindestens einmal in der Woche, sie sahen mich wachsen und rebellieren. Und sie haben das ausgehalten, was mir gut tat. Heute sehe ich das so, dass sie sich heimlich die Hände gerieben haben, weil sie die Revolution aus relativ sicherer Entfernung erleben konnten, ohne direkte Hiebe abzukriegen. Naja, meine Oma vielleicht schon, denn an ihr habe ich mich wirklich abgekämpft. Doch heute weiß ich, dass das ein Stellvertreterkrieg war, sie nur ein Avatar für alles, was ich falsch fand und ablehnte. Und genausogut weiß ich heute, dass sie ein Vorbild an Hartnäckigkeit, bedingungsloser Liebe und Stärke war.
An meinen Opa muss ich jeden Tag denken, wenn die Katze lächelnd neben mit auf dem völlig verhaarten Sesselkissen liegt. Denn genauso schaute er drein, wenn er wirklich zufrieden war – im Kreise seiner sozialen Kontakte, beim Kreuzworträtseln, Radiohören und Rauchen. Er roch immer gut, weil er darauf Wert legte und er war selten ungehalten. Aus der Balance geriert er nur, wenn seine Frau ihm durch Anweisungen beim Autofahren auf die Nerven ging. Und selbst da war er über die Maßen geduldig. Seine Vorbildwirkung bestand darin, mit Kleinigkeiten zufrieden zu sein und stets darauf hinzuweisen, dass wir es doch im Grunde schön haben in unserem Leben. Und er hat zwei innerfamiliäre Weisheiten geprägt, die nach wie vor zum Einsatz kommen. Wenn wir etwas nicht mehr finden, heißt es: „Es geht nichts verloren im Weltenall.“ Und wenn sich zwei Menschen zusammenfinden, die man jetzt ursächlich nicht gemeinsam in eine Box gesteckt hätte, sagte er immer: „Er/Sie wird schon auch seine/ihre Qualitäten haben.“ Beide Weisheiten drücken aus, wie tolerant und gelassen er auf dem Grunde seines Herzen war. Auch mir gegenüber, um die er sich nie sorgte – und damit hat er mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben.
Manchmal überlege ich mir, ob sie mein Leben, wie ich es jetzt führe, mögen oder in der heutigen Zeit zurecht kommen würden. Und vielleicht bekomme ich ja von den beiden eine Antwort auf die erste Frage. Wäre die Welt 2019 ein Ort für sie? Bestimmt, denn sie hatten etwas, was vielen Menschen heute fehlt: einen inneren roten Faden. Der hat sie durch stürmische Situationen geleitet und auf das ausgerichtet hat, was sie für wichtig hielten. Und selbst wenn einige ihrer Prinzipien vielleicht heute tatsächlich nicht mehr umsetzbar sind: Werte zu entwickeln, ist heute aktueller denn je.