FREITAG: Dem Sturm trotzen

Während ich mich beim Spaziergang gegen den eisigen Wind stemme, fällt mir der Roman „Gut gegen Nordwind“ ein, der für einen Kollegen vor Jahren ein ziemlicher Erfolg war. Und durchaus im Trend liegt, sieht man sich die Kommunikation in Social Distancing-Zeiten an.

Waren es in dem Buch „nur“ Mails, die es möglich machten, dass Menschen miteinander in Kontakt treten konnten, haben wir heute doch schon deutlich mehr Möglichkeiten. Ich profitiere ja schon länger davon, da ich ja gerne auf Reisen und bei sonstigen Gelegenheiten Leute in mein Leben hole, mit denen ich ohne die sozialen Netzwerke keinen Kontakt pflegen könnte. Begonnen hat das bei mir vor sechs Jahren; das Leben vorher war ein beschauliches, vergleiche ich es mit dem, was heute läuft.

Seitdem Social Media ein Teil meines täglichen Lebens ist, habe ich mich immer wieder gefragt, ob wirklich alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Denn bei aller Verbundenheit: Ghosting gäbe es ohne Social Media auch nicht. Kürzt man es ab, sind Zufälligkeiten unübersehbar. Doch in Zeiten wie diesen habe ich beschlossen, mich auf die positiven Seiten zu konzentrieren. Darauf zum Beispiel, dass ich mit meinen Eltern eine Konferenzschaltung über Whatsapp machen kann, wenn meine Mutter am Laptop sitzt und mein Vater vor dem Fernseher chillt. Dass ich mit Menschen skype, von denen ich lange nichts gehört habe. Dass ich an Challenges im Internet mitmachen und damit Verbundenheit demonstrieren kann, von denen ich ohne SM nie erfahren hätte. Und dass ich über Online-Klassen vieles lernen kann, wofür ich mir sonst nie die Zeit genommen hätte.

Doch ich gönne mir auch immer wieder Offline-Zeiten. Wenn meine Augen anzuschwellen beginnen, weil ich dauernd auf irgendein Viereck starre, wird es Zeit, den Blick zu weiten. Und die Flügel zu spannen, leider in den aktuell scharfen Nordwind, der einem bis ins Mark bläst. Eigentlich habe ich ja schon die Halbschuhsaison ausgerufen, doch barfuß geht momentan gar nicht. Schließlich will ich nicht wegen so einer Sturheit krank werden. Auf die andere Sache zu achten, reicht mir schon. Und es reicht mir langsam auch schon wieder mit meinem Medienkonsum, den ich – zwecks Regelung des täglichen Lebens – vorerst noch aufrecht erhalte. Vielleicht ist es ja eine Berufskrankheit, aber jedes Mal, wenn ich die Nachrichten gehört habe, bleiben Fragen unbeantwortet. Und weil ich das ganz schlecht aushalte, recherchiere ich auf eigene Faust, was im Endeffekt noch mehr Bildschirmzeit bedeutet.

Zum Beispiel, warum kaum jemand über die Lage in Südamerika und meinem geliebten Afrika berichtet. Warum niemand erklärt, dass es einen Unterschied zwischen Infektion und Erkrankung gibt. Warum so ein Test in der Anschaffung durchaus zu einem Wirtschaftsfaktor wird, den sich nicht jedes Land leisten kann. Und warum unsere medizinischen Fachkräfte an ihre Grenzen stoßen, wenn es am Dienstag auf der Seite des Gesundheitsministeriums hieß, dass 250 Menschen wegen des C-Wortes stationär behandelt werden. Und warum will unsere Regierung so viele Testungen wie möglich, obwohl es vonseiten der Krankenhäuser heißt, dass sich bitteschön nur die testen lassen sollen, die Symptome haben und alle anderen daheim bleiben sollen. So was alles. Ich bin keine Anhängerin von Verschwörungstheorien, verstehen Sie mich richtig. Aber ich fühle mich in wichtigen Punkten öffentlich uninformiert. Eine Freundin von mir sagt, dass sie es sich nicht erklären kann, warum Produktionsbetriebe weiter arbeiten, wo wir doch Abstand zueinander halten sollten. Und warum ausgerechnet jetzt die Salzach umgebuddelt werden muss, weil die Bauarbeiter da ja auch nicht gerade Distanz halten.

Ich halte mich an die Beschränkungen, auch weil ich mich – wie mir jetzt erst klar wird – von langer Hand auf diese Situation vorbereitet habe. Und weil mein rebellisches Ich scheinbar im Winterschlaf ist. Ich stelle das nicht in Frage, sondern nehme alles mit Gelassenheit, aber auch Achtsamkeit wahr. Die blinden Flecken in der Information ebenso wie die sprießenden Blätter, die Veilchen und die Meisen auf meinen Spaziergängen. Und den Nordwind, der uns ja theoretisch nach Süden treibt. Aus bekannten Gründen ist das aktuell keine besonders gute Idee, aber Süden bedeutet immer auch Wärme. Und wenn er uns in die Wärme treibt, dann auch in warme Gedanken, Gefühle und Worte. Sorgen Sie also für ausreichend Wärme in Ihrem Leben und bleiben Sie gesund!

FREITAG: Frieden in den vier Wänden

Der Medienkonsum hat mich wieder eingefangen. Und es ist gar nicht so einfach, das in vernünftigen Bahnen zu halten, zumal vieles zum Kopfschütteln anregt und einiges kaum kommuniziert wird.

Gleich vorweg: Ja, ich hatte eine Anwandlung, die wahrscheinlich einer leichten Panikattacke entspricht. Und ja, in meinem Kopf spielte das Kakophonie-Orchester bei den ersten Meldungen, dass sich unser Leben vermutlich gravierend ändern wird. Also betrachten Sie bitte alle folgenden Erkenntnisse durch die Brille einer Frau, die nicht in einem anderen Universum oder auf einer Insel lebt.

Obwohl ich Inseln ja sehr liebe. Und blicke ich auf mein aktuelles Dasein, so gleicht es vermutlich einer Art Inseldasein. Vieles an meinem Leben hat sich allerdings nicht verändert, denn schon seit geraumer Zeit habe ich mir meine sozialen Kontakte sehr bewusst eingeteilt. Nicht, weil ich Angst vor irgendeiner Art von Ansteckung hatte, sondern weil ich mehr Zeit für mich und meine Pläne haben wollte. Insofern bin ich eingeschränkte Begegnungen inzwischen gewöhnt. Dass sie nun ganz wegfallen, sprich dass ich meine Freundeschar auf unbestimmte Zeit nicht mehr umarmen darf, ist selbstverständlich bedauerlich. Und ich weiß auch, dass es nicht für jede/n von ihnen einfach ist, plötzlich für das eigene Entertainment zu sorgen. Telefonate können das Bussi nicht ersetzen und doch helfen, sich gegenseitig auf dem neuesten Stand zu halten. Viel wird sich nicht tun im Äußeren, im Inneren dafür vermutlich umso mehr. Sogar die Polizei richtet sich schon darauf ein, dass sie jetzt vermehrt zu häuslichen Unstimmigkeiten gerufen wird. Die Randalierer im Umfeld von Nachtlokalen haben ja Ferien, die sie vermutlich zuhause verbringen (müssen).

Was mich traurig stimmt, ist die Tatsache, dass die Grenze zu Deutschland gesperrt ist, wo meine Kinder und ihr Vater leben. Auch wenn ich die Kids aufgrund ihres eigenen Lebensrhythmus‘ nur mehr sporadisch sehe, ist es doch etwas anderes, ob wir uns gezielt Zeit füreinander nehmen oder das von oben geregelt wird. Grundsätzlich wecken solche Erlasse meine Rebellion und ich drifte schnell in eine „Jetzt erst recht“-Haltung. Doch aktuell nützt mir das gar nichts, weshalb ich beschlossen habe, das Beste aus der Situation zu machen. Und das ist: Ich nehme alles, wie es ist.

Und hüte mich vor Kopfkino, das ja momentan ob der geschlossenen Filmtheater ohnehin ins innere und äußere Wohnzimmer umgezogen ist. Ich bekomme Filmchen von Hamsterkäufen, meine Mutter steht vor leeren Nudel- und Reisregalen, kein Tag vergeht ohne Späße über Toilettenpapierberge. Zu letzterem habe ich meine eigene Theorie entwickelt: Menschen unter Stress oder in Panik reagieren häufig mit verflüssigtem Stuhlgang. Und wenn sie dann auf dem Thron sitzen und sich fragen, wie lange diese körperliche Disbalance dauern könnte, wollen sie natürlich vorbereitet sein. Und die, die keinen Durchfall haben, folgen dem Herdentrieb. Ayurvedisch gesehen, gibt es andere Möglichkeiten, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, aber dazu muss man bereit sein.

Apropos Ayurveda: Da ich seit Jahren nach dieser Philosophie zu leben versuche, habe ich überhaupt keine Probleme mit leeren Regalen oder Schütten. Denn das, was mir laut Ayurveda gut tut oder der Situation angemessen ist, finde ich nach wie vor. Und schon alleine deshalb sehe ich für mich persönlich keinen Grund, Nudeln oder Reis, geschweige denn Klopapier zu horten. Ich brauche Nüsse, Käse, Früchte mit hohem Vitamin C-Gehalt, Gewürze. Und Frischluft. Dass ich spazieren gehen kann, empfinde ich als großes Glück. Und meinen Garten sowieso, der mir auch soziale Interaktion mit meinen Nachbarn ermöglicht, selbst wenn es schwer fällt, den Kleinsten nicht über den Zaun zu heben und mit ihm die Fische in meinem Teich zu zählen. Wenigstens haben wir vor kurzem eine Seilbahn zwischen den beiden Häusern gebaut, um Dinge austauschen zu können. Der Sinn des Ganzen ist überschaubar, doch es macht Freude. Dem Kleinen und uns Großen, die wir uns an seiner Freude aufrichten.

Insofern habe ich meinen Worten von letzter Woche nicht sehr viel an Erkenntnis hinzuzufügen. Das Immunsystem zu stärken bleibt wichtig, die Bewegung in der frischen Luft und zum Alleinseinmüssen eine neue Perspektive zu entwickeln ebenso. Denn statt sich ob der verordneten Selbstisolation leid zu tun, kann man das vom Selfcaring-Aspekt her betrachten. Ich kann beispielsweise endlich meine gesammelten Magazine und Wochenzeitungen lesen, ausgiebig und sinnvoll für mich selbst kochen, Podcasts hören und mich auf Themen fokussieren, für die mir unter normalen Umständen die Zeit gefehlt hätte. Und damit meine ich nicht die 300. Doku über COVID-19.

Was ich diesbezüglich verstehe: Der menschliche Körper mit einem intakten Immunsystem kann durchaus damit fertig werden, die Sterberate liegt bei unter einem Prozent. Ich verstehe auch, dass ein Infizierter nicht gleichzusetzen ist mit einem Erkrankten. Ich verstehe, dass es mit heutigem Stand über 80.000 Menschen weltweit gibt, die gesund geworden sind. Und ich verstehe, dass Stress oder Panik das Entzündungsrisiko im Körper erhöhen. Wenn also jeder darauf schaut, dass er gelassen bleibt und seine Widerstandskraft stärkt, dürfte allen geholfen sein. Denn selbst wenn man sich die Virusdinger einfängt: Wenn wir sie intrinsisch bekämpfen können, tragen wir sie auch nicht mehr weiter.

Also stärken Sie sich mit allem, was Ihnen (außer körperlichen Berührungen) gut tut: lustige Filme, anregende Bücher, interessante Podcasts, Entrümpeln, Frühlingsputz, Garten/Balkonarbeit, Bewegung im Freien, Atemübungen zu angenehmer Musik, selbst musizieren. Nehmen Sie ein ausgiebiges Schaumbad, holen Sie Ihre Brettspiele oder Spielkarten aus dem Schrank, rufen Sie liebe Menschen an. Es gibt vieles, was man tun kann – finden Sie es raus! Und bleiben Sie gesund.

FREITAG: Die kleinen Scheißerchen

Lange habe ich mich davon ferngehalten, denn wenn sich im eigenen Leben gerade so viel bewegt, interessiert einen der berühmte umfallende Sack Reis in China nicht. Doch jetzt hat auch bei mir das C-Wort Einzug gehalten.

Ich besitze zwei Paare bestickter Schuhe aus China und wahrscheinlich noch mehr, wenn ich die Etiketten meiner Klamotten studieren würde. Mein Bezug zu diesem Land beschränkt sich auf einen sehr aufregenden Hongkong-Trip vor Jahrzehnten, da war die Stadt noch Teil des British Empires. Ich war verliebt, traf Jeremy Irons auf der Fähre zwischen Kowloon und Hong Kong Island, erwarb einen Tiegel Tigerbalsam, den ich immer noch in meinem Erste Hilfe-Schrank aufbewahre. Näher bin ich China nie gekommen, doch China ist zu mir gekommen, wie zu Ihnen vermutlich auch.

In den Kleiderschrank, ins Schuhregal, auf den Teller. Und natürlich auch in Form von Touristenkohorten. Das nennt man Globalisierung, von der nahezu jeder von uns profitiert. Ginge es ohne sie? Bestimmt, aber unser Leben würde grundlegend anders aussehen. Und da der Mensch nur ungern etwas hergibt, was ihm zu dienen scheint, lieben wir die weltweite Freiheit. Auch wenn sie ihre Schattenseiten hat. Doch genau hier spiegelt sich das Innere nach außen. Wie viele von uns betreiben denn Schattenarbeit, beschäftigen sich mit den nicht ganz so schmeichelhaften Seiten ihres Selbst? Das Leben ist doch viel zu spannend, um sich in sich selbst zu vergraben. Mir fällt wieder eine Freundin ein, die sagte, dass sie die jahrzehntelange Selbstreflexion satthabe. Und auch ich hatte letztes Jahr einmal so eine Phase, wo mir die Gedanken über mein Leben gehörig auf die Nerven gegangen sind. Doch die ging vorbei, weil ich festgestellt habe, dass Lernen ohne Verstoffwechseln einfach schlechter funktioniert als mit.

Und wie sich viele von uns nicht mit den Flüchtlingswellen befassen wollen, die meiner Ansicht nach auch eine Folge der Globalisierung sind, bräuchte es jetzt also viel kleinere Einheiten, die importiert wurden. Mein kleiner Nachbar liebt es, wenn ich zu so etwas „kleine Scheißerchen“ sage, und genau das sind diese Viren. Die einen sagen, dass man nichts darüber wisse, die anderen sagen, was sie darüber wissen. Und wir dazwischen? Schieben vielfach Panik, hamstern in Geschäften, bleiben zu Hause, meiden andere. Und wissen erst recht nicht, was genau zu tun oder zu lassen ist.

Kürzlich habe ich ein Video von einem weltweit anerkannten Arzt und Meditationslehrer gesehen, der dazu aufgerufen hat, sich einfach selbst zu stärken. Weil die Panik selbst nämlich sehr viel zerstört – nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das intrinsische System. Seine Botschaft: Wenn man mit sich im Einklang sei, hätten die kleinen Scheißerchen gar keine Chance. Dazu gehört – natürlich – Meditation, aber auch gesundes Essen, ausreichend Schlaf, Freude und Bewegung in der Natur. Auch Kurkuma kann helfen (ich höre meinen Vater jaulen!).

Apropos: Kürzlich hat er angeregt, dass ich meine Reise in die Türkei überdenken möge. Das ist normalerweise ein Satz, der von meiner Mutter kommt. Als intuitiver Fisch pickt sie alles Mögliche auf, was lebensbedrohlich werden KÖNNTE. Doch das ist eine andere Geschichte. Wie auch immer: Ich habe recherchiert und gefunden, dass es dort nicht einen einzigen bestätigten Fall der Krankheit gibt. Jetzt frage ich mich, ob die mich vielleicht gar nicht reinlassen, wenn ich türkischen Boden betreten möchte. Früher hatte ich Bedenken, dass ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit unerwünscht wäre; jetzt sind es die kleinen Scheißerchen, die mir den Urlaub vermasseln könnten.

Einen beruflichen Auftrag haben sie übrigens auch schon gekillt. Das C-Wort hat also, abgesehen von meinen bestickten Schuhen, meinen Alltag erreicht. Von C wie China bis C wie Claudia – da sage noch einer, dass nicht alles mit allem verbunden ist. Umso wichtiger ist die Lebensfreude. Ich gehe heute wieder tanzen und treffe mich dann mit einer Freundin. Bleiben Sie gesund und gelassen!

FREITAG: Wander, Falke!

In mich werden ja immer wieder Dinge hineinprojiziert, und nach anfänglichem Hadern habe ich mich damit abgefunden. Ich kann das eh nicht ändern, sondern mache Situationen durch Erklärungen vielfach schlimmer. Mit einem Wanderfalken verglichen zu werden, hat allerdings etwas.

Außer dass Wanderfalken drollig und klein sind, wusste ich bis vor kurzem nicht viel über diese Zeitgenossen, die offenbar lange Zeit vom Aussterben bedroht waren. Doch wenn jemand schon einmal mit einem originellen Vergleich daher kommt, wollte ich mich damit beschäftigen. Die Antwort auf meine Rückfrage, wie dieser denn zustande käme, lautete übrigens: „Du bist auch dauernd unterwegs.“

Das stimmt schon, wenn auch nicht mit einer maximalen Geschwindigkeit von 320 km/h. Weder meine Schritte noch mein karmaviolettes Auto bewegen sich in diesen Dimensionen. Andererseits: Wie schnell fliegt ein Flugzeug? Die South African Airways haben mich zum Jahreswechsel immerhin mit über 1.000 Stundenkilometern an mein Ziel gebracht. Ein Wanderfalke bräuchte dafür dreimal so lange, hätte er die Puste, die Strecke in einem Zug zu schaffen.

Wenn ich mir das vergangene Jahr in Erinnerung rufe, in dem ich ja weniger reisen wollte, muss ich sagen: glanzvoll gescheitert! Berlin, Augsburg, Tirol, Wien, Frankfurt, Istanbul – daheimbleiben sieht anders aus. Und auch wenn ich das Gefühl habe, dass meine angepeilten Traumreiseziele immer weniger werden, finde ich trotzdem immer einen Grund, mich auf den Weg zu machen. Drei Reiseziele stehen schon fest, ein viertes kommt mit Sicherheit für das Jahresende dazu. Und zwischendrin? Zu meinen Kapstadt-Plänen zählt beispielsweise, dass ich mich öfters mit meinen Eltern treffen möchte. Ob das bei ihnen, bei mir oder irgendwo dazwischen stattfinden wird, bleibt spontan zu entscheiden. Dazu werde ich auch ins Auto springen, die Musik laut aufdrehen und mich des Lebens freuen. Auch meine Tochter möchte ich besuchen, sie weiß davon allerdings noch nix.

Inzwischen freunde ich mich mit dem Wanderfalkenvergleich an. Denn offenbar gibt es wirklich Parallelen, die mir so noch nicht bewusst waren. Zugegebenermaßen beschäftige ich mich mit dem Federvieh viel zu wenig, abgesehen von Tauben und Raben, Spatzen und Amseln, Meisen und vereinzelten Rotkehlchen, die sich in meiner näheren und weiteren Umgebung Gehör verschaffen und manchmal auch der Katze als Nahrung dienen, wenn sie wieder einmal das Raubtier in sich entdeckt und mit dem dreigängigen Menü unzufrieden ist, das ich ihr vorsetze.

Der gravierendste Unterschied zwischen den Vögeln und mir – abgesehen von der Fortbewegungsart und dem Aussehen – ist, dass sie Felsbrüter sind. Man gebe mir einen Felsen, und ich laufe davon. Als Stein kann ich ihn noch ertragen, schränkt er meine Sicht ein, erwachen in mir zwei Reflexe: jener, Ausschau nach einem Lift oder einer Straße zu halten, um hinauf zu kommen oder jener, zu flüchten. 19 Jahre in einer bergigen Gegend aufzuwachsen, prägt. Manche finden Freude daran, ihre Kräfte mit dem Felsen zu messen; ich verwende meine Kraft darauf, möglichst intensiv auf das Gaspedal zu drücken. Das natürlich nur, wenn ich zu einem kurzfristigen Felsbrüten eingeladen werden sprich meine Eltern besuche. Erst kürzlich dachte ich mir, dass selbst ein offener Talblick nichts daran ändert, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite Berge auftürmen, die den Horizont beschränken. Und das auf mannigfache Weise. Trotzdem kann ich natürlich verstehen, dass das für Flachländer das Paradies ist. Das Gesetz der Polarität eben.

Wanderfalken zieht es zunehmend in die Städte und brüten an modernen „Felsen“, lese ich. Die sind offenbar auch schon drauf gekommen, dass dort das Leben interessanter ist. Als Ort mit der höchsten Dichte an brütenden Wanderfalkenpaaren gilt Manhattan. Muss für mich jetzt auch nicht sein, obwohl ich gerne in dieser Stadt lebe, wo mein Haus steht. Übrigens keines aus Felsen, sondern aus Holz. Insofern werde ich wohl nie einen Wanderfalken unter meinem Dach zu beherbergen haben. Doch wahrscheinlich ist eh zu wenig Platz in diesem Revier für zwei unserer Art.