FREITAG: Heiratsantrag für zwischendurch

Manchmal zweifle ich an meiner Außenwirkung, vor allem, wenn ich andere Reaktionen bekomme, als aus meiner Sicht angemessen wären. Einen Heiratsantrag beispielsweise.

Seit einem Monat weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Zeit ist proppenvoll, die Klage über kein Mehr an Tagesstunden schreit zum Himmel und trotzdem finde ich alles ganz wunderbar. Der Flow des Stresses hat mich fest im Griff, und nein, das ist kein Widerspruch, denn es gibt ja guten und bösen Stress. Meiner ist gut, weil interessant, horizonterweiternd, vielfältig – Eustress im besten Sinne also.

Und weil ich so wohlig auf dieser Welle schwimme, fehlt mir – außer besagter Zeit – eben gerade gar nichts. Sogar der Anruf, auf den ich letzte Woche gewartet habe, ist inzwischen gekommen, Abtransport der Nussbaumzweige inklusive. Mein Leben ist schön. Und durchgetaktet. Da hat eben wenig Zusätzliches Platz. Und schon gar kein Heiratsantrag. Die Frage nach einem Zusammenleben hatte ich ja im letzten Jahr schon einmal, jetzt hat dieser Mann noch eins draufgelegt. Und ich fragte mich zum wiederholten Mal, welchen Teil von „NEIN 2019“ er missverstanden haben könnte.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass es doch ein Quäntchen Mut erfordert, diese Frage zu stellen. Und deshalb wollte ich ihre Beantwortung ernsthaft erwägen. Trotz meines ersten Bauchimpulses habe ich dann eine meiner ältesten Freundinnen konsultiert – wenn man sich fast 40 Jahre kennt, hat man doch einige Unwägbarkeiten miteinander abgewogen. Was mich nach dem Begrüßungsbussi (ja, wir sind Rebellen!) unendlich gefreut hat: Der Name des Mannes hat sie vorerst überhaupt nicht interessiert. Das nenne ich Zugewandtheit im besten Sinne. Allerdings hatte ich sie gebeten, mich in genau einer Frage zu beraten. Die war: Habe ich die Hosen voll und lehne deshalb diese Heiratsidee ab oder ist das alles tatsächlich nichts für mich?

Meine Freundin hat ganze Arbeit geleistet. Sie hat mir verdeutlicht, dass ich keinen Mann brauche, der mir ausländischen Immobilienbesitz anbietet. Dass ich meine Energie den Bedürfnissen des Mannes schenken würde, ohne selbst einschlägige Bedürfnisse zu haben/zu entwickeln/zu fordern. Und vor allem: Sie hat mich daran erinnert, dass ich zu keiner Zeit meines Lebens eine symbiotische Beziehung zu einem Mann gepflegt habe. Was sich im aktuellen Fall schwer vermeiden ließe, weil erwartet.

Salopp gesagt: Schiss habe ich also nicht, was eine große Erleichterung darstellt. Wenn das Leben ein einziger Regenbogen ist, fällt es eben manchmal schwer, sich auch nur kurzfristig für eine Farbe zu entscheiden. Und einen entsprechend klaren Gedanken oder ein eindeutiges Gefühl zu entwickeln. Da helfen Freundinnen. Apropos: Eine andere hatte einen Lachflash, nachdem ich ihr die minderfrohe Botschaft überbracht. Und die dritte rief entrüstet: „Wer glaubt, Deiner würdig zu sein?“

Wenn ich eingangs meine Kommunikationsfähigkeit in Frage gestellt habe, dann deshalb, weil ich durchaus meine tiefe Zufriedenheit mit dem aktuellen Dasein ausstrahle. Und inzwischen auch gelernt habe, deutlich meine Bedürfnisse zu kommunizieren. Doch für manche Menschen ist eben selbst ein „NEIN“ noch zu wenig eindeutig. Falls Sie Tipps für mich haben – nur her damit! Ich bin für alles offen, nur nicht fürs Heiraten.

FREITAG: Einschnitt fürs Ego

Der Sommer nimmt Fahrt auf, zumindest wettermäßig. Und das sind grundsätzlich gute Nachrichten. Wenn es dabei nicht meinem Nussbaum an den Kragen ginge…

Als ich heute Morgen die Rollläden hinaufkurbelte, fiel mir ein Mann auf, der jenseits meiner Grundstücksmauern meinen Nussbaum zurechtstutzte. Ohne mein Wissen und damit natürlich ohne meine Erlaubnis. Nein, ich kannte den Mann nicht – insofern ist auch ein Racheakt oder eine passiv-aggressive Handlung auszuschließen. Da er sich auf einer Hebebühne befand, nahm ich an, dass er wohl von offizieller Seite kommen musste. Ich setzte meine Nerdbrille auf (irgendwie musste ich ja mein mangelhaft repräsentatives Morgenmantel-Outfit wettmachen!) und stapfte in den Garten. Jetzt muss man vielleicht wissen, dass ich an einem ganz normalen Morgen erst zwei Stunden nach dem Aufstehen wirklich Kontakt zur Außenwelt aufnehme, weil ich mich zuerst um mich selbst kümmern und meinen Aufstehgrant eigenverantwortlich in den Griff bekommen möchte. Heute musste ich einige Stufen überspringen. Unter größtmöglicher Grant-Zurückhaltung sprach ich den Baumkastrierer an, der mich informierte, dass mein Nussbaum das öffentliche Busnetz zu behindern droht und er ihn deshalb kappen müsse.

Bei aller Fürsorge: Ich wäre gerne informiert gewesen. Schließlich handelt es sich um den Baum, dessentwegen ich an diesem Ort lebe. Meine Großmutter hatte seinerzeit bestimmt, dass dieses Grundstück schon allein deshalb erstanden werden müsse, weil dieser Baum eben hier steht. Kriegsgeneration eben, die am Ende doch immer wieder aufs Hamstern aus war. Im Zuge des Hausbaus erfuhr ich dann, dass dieser Baum stadtteilbildend ist und nur in Ansätzen getrimmt werden darf – das Umschlagen war also keine Option. Und jetzt kommt der Busbetreiber und haut mir da einfach so ein Loch hinein. Bei der Service-Hotline bekomme ich nur die Auskunft, dass ich einen Rückruf erhalten werden. „Klar, gaaaaaaaaanz bestimmt“, denke ich mir augenrollend.

Was ich daraus lerne: Das Ego ist früher wach als der Rest von mir. Und unter diesen Umständen auch hartnäckiger als sonst. Rausschreiben hilft wenig, im Gegenteil. Da brezelt sich das Ego erst recht auf. Meditieren hilft da schon eher. Weil man dadurch eher lernt, Dinge so zu nehmen, wie sie in dem Moment einfach sind. Und am Ende einer solchen Meditation komme ich nicht selten darauf, dass alles auch eine gute Seite hat. Denn der Busbetreiber hätte genauso gut sagen können, dass ich mich selbst darum zu kümmern habe, dass die Botanik nicht mit dem Bus kollidiert. Und das wiederum hätte für mich Organisation bedeutet, auch Geldeinsatz. Insofern alles zu meinen Gunsten abgelaufen. „Gefragt werden möchte ich aber trotzdem“, rülpst mein Ego, bevor es sich niederlegt und auf den Anruf wartet.

FREITAG: Rote Autos für weite Strecken

Man soll vorsichtig sein, was man sich wünscht. Nein, lerne ich beim Gespräch über den Zaun. Und wieder lerne ich von der Jugend.

Bald hat mein kleiner Nachbar Geburtstag. Auf die Frage, wie alt er wird (nicht dass ich es nicht wüsste, doch Männer kann man nicht früh genug in den Redefluss bringen), streckt er mir seine Hand entgegen und spreizt alle Finger. Das kann man jetzt nicht unbedingt als gewaltiges verbales Statement betrachten, doch die Antwort auf die Frage nach seinen Wünschen umso mehr. Ein rotes Auto mit Wohnwagen für sich, dann ein Spielhaus mit einem kleinen Trampolin und vieles mehr. Seine Wünsche, erklärt er mir, liegen in Brieferln in seinem Bauch. Dort gibt es Fenster, durch die der Postbote schaut und dann liefert. Seine Mutter ist bemüht, Enttäuschungen zu vermeiden und versucht, die Anzahl der ersehnten Geschenke einzudampfen und ihren Kleinen dahin gehend einzuschwingen, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen müssen. Der bald Fünfjährige widerspricht vehement. Und ich versuche mich in Diplomatie, werfe über den Zaun, dass Wünsche ihre eigene Geschwindigkeit haben.

Dabei fällt mir ein, dass mir kürzlich der Satz gesagt wurde: „Wünschen darf man aber schon.“ Er folgte auf meine Aussage, dass ich mich so gut wie nie um einen Mann bemüht habe in meinem Leben. Genauer: einen in mein Leben zu ziehen. Ich erinnere mich noch an meine Gymnasialzeit, als einer meiner Mitschüler plötzlich damit begann, mich während der Stunden anzustarren. Ich fand das hochgradig irritierend, und dass er mir seine Zuneigung schrieb und dann auch noch mit mir spazieren gehen wollte, verstärkte dieses Gefühl noch. Nicht dass er unansehnlich gewesen wäre oder sich unangemessen verhalten hätte: Ich verstand einfach nicht, was er suchte und an/in mir fand. Was er bezweckte. Leider kam er nie über das Starren hinaus, auch beim Spaziergang nicht. Doch eines hatte er geschafft, nämlich dass ich Zeit mit ihm verbrachte. Und das habe ich in den vergangenen 40 Jahren immer wieder getan, mit unterschiedlichem Erfolg. Doch gewünscht habe ich mir eine Beziehung eigentlich selten. Es passierte halt. Vermutlich waren die Hormone im Spiel, auch die eine oder andere Beweisführung, dass ich „es auch konnte“. Und das Gefühl des Verliebtseins hatte ich schon ganz gerne.

Allerdings kam damit natürlich auch die innere und äußere Ruhe abhanden. Wenn man einen Freund hatte, bedeutete das Kümmern, Klamüsern, Kompromisse. Kuscheln natürlich auch, aber hauptsächlich die ersten drei. Aus heutiger Sicht stelle ich fest, dass ich da wohl einiges missverstanden oder mir vieles falsch abgeschaut habe. Meine Beobachtungen sind und waren: Um Männer muss man sich kümmern. Inzwischen weiß ich: Männer können sich ganz gut um sich selber kümmern, wenn man sie nur läßt. Klamüsern lag eher in meinem Bemühen, mein Gegenüber kennen- und verstehen zu lernen. Inzwischen weiß ich: Verstehen ist nur eingeschränkt möglich, Akzeptanz für die Eigenheiten des Anderen vorteilhafter. Und das mit den Kompromissen? Einer meiner Onkels sagt immer, dass ihn Kompromisse nicht interessieren. Denn wenn seine Frau glücklich ist, ist er es auch. Unnötig zu betonen, dass ich mit ihm darüber diskutiert habe, um ihm auch sein Recht zu verdeutlichen. Doch verändert hat das nichts. Er versucht nach wie vor, seine Frau zu beglücken, was nur beschränkt klappt, da sie sehr viel von Kompromissen hält.

In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder versucht, eine dieser Listen fürs Universum zu schreiben, wie es eine meiner Freundinnen getan hat. Sie beschrieb bis ins kleinste Detail ihren Wunschmann, und siehe da – das Universum hat geliefert. Bei mir hat das nur mangelhaft geklappt, vor allem weil ich eines außer Acht gelassen hatte: meine Intention. Und die war eben auch mangelhaft. Mir war beim Listenschreiben eher die Neugierde wichtig, ob das klappt als die Tatsache, dass Mr. Right vor meinem Tor von seinem weißen Schimmel abgeworfen wird. Manchmal wollte ich auch nur irgendwem beweisen, dass Männer in meinem Leben durchaus Platz haben. Auch Schwachsinn. Doch jetzt weiß ich: Ich habe keine Ahnung, ob ich mir einen Mann wünschen soll oder nicht. Und deshalb wünsche ich mir eben gar nichts. Im Grunde ist nämlich alles schon da – vielleicht nicht in der traditionellen Verteilung, aber trotzdem.

Von meinem kleinen Nachbarn kann ich lernen, dass man unbeschwert wünschen kann. Und vertrauen darf, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen. Tun sie das nicht, so lange man Kind ist, wächst man glücklicherweise heran und kümmert sich irgendwann selbst um seine Sehnsüchte. „Gib Deinem Wunsch Maß und Grenze, und Dir entgegen kommt das Ziel.“ Gemäß dieser Worte von Theodor Fontane wünsche ich mir das Maß von rund 9.000 Kilometern Luftlinie, die Überquerung der Grenzen von Italien, Libyen, Niger, Tschad, der Zentralafrikanischen Republik, des Kongo, Angola, Namibia und Südafrika. Auf dieser Strecke kommt mir auch das Ziel entgegen, mein geliebtes „Beach House“. Wenn’s leicht geht, liebes Universum, heuer noch. Bis dahin wünsche ich mir Gesundheit und Zufriedenheit für alle Menschen, die mir am Herzen liegen und Frieden im Herzen der Restpopulation des Planeten. Das Universum hat einiges zu tun.

FREITAG: Ich darf alles!

Mein Ex meinte, dass ich momentan gerade sehr im Kopf bin. Dabei habe ich ein völlig entgegengesetztes Gefühl. Impulse ja, aber die führen gerade nirgendwo hin.

Einer dieser Sommertage, auf die ich schon lange gewartet habe. Von den Morgenstunden an strahlend blau, mit einem prickelnden Wind und ausreichend Wärme. Im Grunde ein idealer Badetag, wenn man sich nicht selbst sabotieren würde. Das passiert manchmal, und gerade dann schätze ich mich glücklich, dass es mir überhaupt auffällt. Täte es das nämlich nicht, befände ich mich in einem Status der Stagnation und würde mir den Kopf darüber zerbrechen, was das nun wieder soll.

Ich stelle also diese Lähmung in mir fest. Die Ursachen sind mannigfaltig und deshalb ein kompliziertes Geflecht von Gedanken. Erstens spüre ich, dass sich in meinem Körper sehr viele Informationen gesammelt haben, die irgendwie feststecken. Ich kriege sie auf die Schnelle nicht los, so etwas braucht Zeit. Jetzt könnte man meinen, dass Wasser ja den absolut richtigen Effekt hätte, nämlich das alles auszuspülen. Grundsätzlich richtig, doch wenn man das Gefühl hat, dass man wie eine Boje AUF dem Wasser liegt, statt sich IM Wasser treiben zu lassen, sind das mangelhafte Zustände. Abgesehen davon hat die Erfahrung gezeigt, dass ich immer wieder die Geschichte der Umliegenden aufschnappe, und insofern ist die Gefahr einer weiteren Zunahme meines Overkills an Informationen groß. Punkt 2: Das Zeitmanagement, das für heute Tanzen und Texten und Treffen vorsieht. Tauchen brächte dieses Konstrukt schon wieder ins Wanken, weil auch mein Tag nur 24 Stunden hat – da kannste machen gar nix. Dass ich nicht weiß, wie warm der See ist, befördert die Gemengelage auch nicht gerade.

Sie verstehen nun vielleicht meine Stagnation. Extremhitze hat diese Auswirkung auf mich, schon die Aussicht darauf lähmt mich. So wie es aussieht, weiß ich aktuell vor allem, was ich NICHT will. Und das macht mich hellhörig. Denn grundsätzlich weiß ich zwar, dass ich nichts muss, doch diese Vermeidungsstrategie ist normalerweise keine konstruktive – zumindest in meiner Welt. Ich bin dafür, nicht dagegen. Wie drehe ich das also?

Ich darf alles! Ich darf zuhause bleiben, meinen Fuß pflegen, der immer noch Achtsamkeit erfordert. Ich darf mich unter die Gartendusche stellen, wenn sich die Körpertemperatur in Sturzbächen an Schweiß äußert. Und ja, ich darf auch eine Bauchtanzstunde ausfallen lassen, wenn ich befürchte, dass mich die Hitze samt körperlicher Betätigung in die Knie zwingen wird. Dort zu verweilen, hat sich angesichts meines Fuß als wenig zielführend erwiesen. Auch wenn diese Stellung gut gegen den Zehenkrampf ist, den ich hin und wieder ausfasse, wenn mich der Bellydance-Perfektionismus befällt.

Ich darf im Schatten sitzen, so lange ich will, egal, ob das Schönheitsideal einen braunen Teint vorsieht oder nicht. Coco Chanel mag in den 1920ern die sonnengegerbte Haut zum Statussymbol gemacht haben, doch wenn die Lebensart und die Unabhängigkeit an einem äußeren Merkmal hängen bleibt, läuft es auf eine. Und die kann man ändern. Oder sich zumindest davon lösen. Nicht dass ich mir mit leicht gebräunten Wangen nicht auch besser gefalle – kommen allerdings verkniffene Gesichtszüge ob der Hitze davon, die in Grimmigkeitsfalten münden, verliert das Sonnenbad deutlich an Attraktivität.

Ich darf für mich selbst kochen, was von Vorteil ist, weil ich dann weiß, was ich esse. Im aktuellen Zustand: Detox! Ja, es gibt Lebensmittel, die einen Abfluss von Information befördert, aber natürlich sollte man dann auch darauf achten, dass der Zufluss einigermaßen kontrolliert bleibt. Deshalb habe ich im Telefonat mit meinem Ex auch darauf hingewiesen, dass ich nur so viel erzähle, weil er mich gefragt hatte und eigentlich viel lieber geschwiegen hätte. Und bei allem Wohlwollen, weniger gehört hätte. Aber was soll ich sagen? Der Mann ist trotz seiner höchst positiven Entwicklung halt immer noch lösungsorientiert und bemüht, mein Leben zu verbessern. Mitunter haben wir beide davon unterschiedliche Auffassungen. Und meine ist heute: Ich darf alles, muss nix. Auch keine Lösungshinweise annehmen. Deshalb darf ich auch die Lösungen in mir selbst finden. Kann dauern, doch ich hoffe, dass sie in einen entleerten Kopf weicher fallen. Dass ich mich jetzt als Ganzes weich in die Hängematte fallen lasse, dürfte helfen.

FREITAG: Der Geist des Reisens

Gar nicht so einfach, ein deutsches Wort für Mind-Set zu finden. Gesinnung klingt irgendwie vorgestrig, Bewusstsein ist meines Erachtens ein wenig zu hoch gegriffen. Wie auch immer: Es ist kompliziert.

Ich finde Geisteshaltung und Denkweise und bin zufrieden, dass ich mich dem Denglish widersetzen konnte. Eine wirkliche Geisel der rhetorischen Menschheit, doch manchmal unumgänglich, weil es einfach Wörter gibt, die man im Deutschen nur mit viel mehr Silben übersetzen kann. Lustig wird es dann, wenn ein deutsches Wort auch auf Englisch deutsch daherkommt. Übersetzt man nämlich „Fernweh“ dorthin, erhält man „Wanderlust“. Womit ich beim Thema bin.

Während ich in (nicht an) reifen Kirschen ersticke, einen Dschungel vor meinen Fenstern habe und der Himmel strahlt, kreisen zwei Gedanken umeinander. Der eine: Wie schön ist es hier und wie glücklich darf ich mich schätzen! Und das noch dazu in einer der schönsten Städte der Welt, die (normalerweise) drei Millionen Menschen im Jahr anzieht. Die eine Lebensqualität bietet, die man selten irgendwo findet mit Bergen und Seen, Kultur und Kulinarik, Freiheit und Tradition. Früher dachte ich mir öfters, dass ich doch noch einmal irgendwo anders wohnen möchte – London zum Beispiel. Doch bei meinem letzten Besuch musste ich feststellen, dass ich mich von dem, was ich an dieser Metropole so liebte, entfernt habe und im Grunde nur von einem Park zum nächsten gesprintet bin, weil mir alles andere zu laut und zu nervig war. Doch ein kleines Apartment am Rande des Hydeparks – warum nicht? Allerdings ist es gerade keine sehr gute Zeit für Überlegungen dieser Art.

Was mich zum anderen Gedanken bringt, der mir ziemlich fremd ist. Mit dem Sommer und dem Herannahen der Schulferien kommt man am Thema Urlaub kaum vorbei. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr verebbt es auch wieder sehr schnell, weil die Alternativen zum Urlaub zu Hause wahlweise der Mut zum Anziehen der von Siebenmeilenstiefeln gering sind. Heute hätte ich mit meinen Eltern den Flieger nach Edinburgh besteigen sollen, um dort den 82. Geburtstag meines Vaters zu feiern. Jetzt findet er in den Tiroler Bergen statt, und ich werde noch eine Weile warten müssen, bis ich meine schottische Freundin nach über zwei Jahren endlich treffen kann. Ob ich meine andere Freundin in Kapstadt heuer noch sehen werde, weiß ich auch nicht. Und meine ewige Liebe sowieso – das Meer. Jetzt könnte ich natürlich nach Italien oder Kroatien, im September habe ich eine Einladung zu einer Weinreise in der Türkei. Doch mit den Mittelmeer-Hotspots bin ich eigentlich durch, weil für mich das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt; ob mich die Türkei bis dahin reinlässt, ist auch fraglich, selbst wenn ab Mitte Juli die Flieger wieder dorthin abheben.

Letztes Jahr hatte ich ja schon den Versuch gemacht unternommen, Urlaub daheim zu machen. Es war schön dort, ruhig und doch irgendwie vertraut. Und das ist genau das, was ich beim Verreisen vermeiden möchte – das Vertraute. Am liebsten habe ich den fremden Geruch, wenn ich irgendwo im Süden die ersten Schritte aus dem Flieger mache. Doch wie wird das werden, wenn wir alle diesen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen? 14 Vierzehn Stunden Flug mit Visier könnte ich mir noch vorstellen, allerdings das Schlafen schwierig machen. Und die wichtigste Frage: Tue ich mir das wirklich an?

Im Gespräch mit einer Freundin stelle ich fest: Reisen ist ein Mind-Set, eine Geisteshaltung, eine Denkweise. Und ja, ich empfinde mich als Reisende – mental, seelisch, körperlich. Ich bin gerne unterwegs, tauche gerne in fremde Kulturen ein, treffe gerne Menschen, die einer anderen Mentalität anhängen als ich selbst. Und wenn dabei das Meer zu hören und zu sehen ist, bin ich auf Wolke sieben. Doch in Zeiten wie diesen frage ich mich: Ist das nicht alles ein Gedankenkonstrukt? Nimmt es mir etwas von meiner Persönlichkeit oder meinem Wohlbefinden, wenn ich das alles nicht mehr habe? Vermutlich nicht. Das Sturheitsgen in mir schreit natürlich „doch, doch, doch“, wird aber sehr leise angesichts der wahrscheinlichen Einschränkungen beim Hüpfen von Kontinent zu Kontinent.

Im vergangenen Jahr war ich in einer ähnlichen Situation. Es gab kein Reiseziel, keine Unterkünfte, zu keine erschwinglichen Preisen, zu denen ich mich aufraffen konnte. Damals habe ich entschieden, gar nichts zu entscheiden und alles auf mich zukommen zu lassen. Weil ich das Gedankenkarussell in meinem Kopf nicht mehr wollte. Ich kenne diese Situation also bereits. Und selbst wenn die Vorzeichen 2020 anders sind und ich es gar nicht mag, gezwungenermaßen von etwas abgehalten zu werden: Es ist, wie es ist. Ich bin zwar noch weit davon entfernt, Urlaub in Österreich als wirkliche Alternative zu „meinem“ Beach House zu betrachten. Oder zum Meer allgemein. Doch vielleicht brauche ich diese Pause, um mich neu zu justieren. Um meine Persönlichkeit und das Reisen zu entkoppeln. Weil eben auch das Unterwegssein eine Frage der Perspektive ist. Momentan habe ich das Gefühl, dass ich dafür offen sein sollte – schauen wir mal, was daherkommt.