FREITAG: Eine Handvoll Gesundheit

Jetzt kriecht sie wieder rein, die Schwere. Zumindest für einige Menschen in meinem Umfeld. Dass der Winter vor der Türe steht, macht die Sache nicht leichter.

Meine Kusine in Kanada liest sich um Kopf und Kragen, was die C-Scheisserchen angeht. Meine andere Kusine zerbricht sich den Kopf, wie man einen 16köpfigen Wanderausflug „legal“ anlegen könnte. Meine Tiroler Freundin hängt lethargisch an ihrer Wohnböschung und hofft händeringend auf Rückenwind. Eine andere Freundin liegt wegen Hyperventilierung der Pumpe im Krankenhaus, eine weitere leidet an Schnappatmung, weil sie als eierlegende Wollmilchsau bezahlt wird, dafür aber zu wenig Tagesstunden zur Verfügung hat. Eine Freundin ist als Lehrerin und Mutter eines schulpflichtigen Kindes total überfordert. Und bei einer anderen hat man das Gefühl, dass sie bald jeden anspringt, der Abstand von ihr nimmt und/oder irgendetwas zum Thema Mund-Nasen-Schutz zu ihr sagt, den sie rebellischerweise manchmal einfach „vergisst“.

Ja, die Zeiten sind schwer, vor allem aber ziemlich kompliziert, wie ich finde. Denn für die kleinsten Handgriffe müssen wir aktuell unser Gehirn anwerfen und nach den neuesten Vorschriften schürfen, wenn wir uns im Rahmen der nationalen Gesundwerdungspläne bewegen möchten. „Sollen“ ist vielleicht das bessere Wort, denn „möchten“ ist aktuell nicht gefragt. Was passiert, wenn man sich vom „Möchten“ pushen lässt, sehen wir ja an den Orten, die neumodern als „hotspots“ bezeichnet werden. Noch mehr dort, wo die C-Ampel auf Rot steht, weil quasi jeder jeden angesteckt hat, fast wie bei einem Gesellschaftsspiel.

Der Unterhaltungswert ist allerdings beschränkt. Und doch sollen wir doch bei all dem die Freude nicht zu kurz kommen lassen. Endlich haben es zwei Apotheker und ein Arzt in Oberösterreich laut ausgesprochen: Ja, man kann etwas tun, auch jenseits vom lähmenden Warten auf eine Impfung. Ja, man kann sich mit Vitaminen und Spurenelementen versorgen, etwa mit Selen und Zink, den Vitaminen C und D. Auch mit Meditation, Bewegung und gesunder Ernährung. Stellen Sie sich vor: Eine Studie hat ergeben, dass der durchschnittliche Österreicher und sein weibliches Pendant statt der empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse nur zwei essen – wundert mich da etwas? Nein! Falls jemand die Portion definiert haben möchte: die Hand zur Faust ballen! Das ist die Portion, die jeder Mensch braucht. Keine transportable Waage, kein ständig mitgeführter Messbecher. Simple as that.

Ich war heute im Reformhaus und habe mich mit Zink, Kurkuma und Echinazin eingedeckt. Selen besorge ich mir noch, ebenso wie Colostrum. Noch nie gehört? Studien sagen, dass es die Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen extrem senkt. Dass es zur Darmgesundheit beiträgt und gut für die Collagenproduktion der Haut ist. Auch wenn ich keine leidenschaftliche Tablettenschluckerin bin: Das alles ist mir bei weitem lieber, als jammernd auf eine Impfung zu warten, von der wir schon jetzt wissen, dass unter fünf Jahren keine Langzeitergebnisse zu erwarten sind. Meine kanadische Kusine meinte zwar, dass es fünf Jahre dauern könnte, bis wir alle an den Impfstoff kommen. Doch selbst in diesem Fall haben wir die Verantwortung für uns selbst. Jetzt!

Und dann noch die Freude. Zugegebenermaßen habe ich mich in den letzten Tagen selbst daran abgearbeitet. Weil ich einfach müde bin, und erfahrungsgemäß ist in diesem Zustand alles, aber auch wirklich alles bäh. Doch auch das zeigt die Erfahrung: Irgendwann einmal gehe ich mir damit auf die Nerven. Es hat einfach keinen Sinn, irgendwelche Schlupflöcher zu suchen, weil das erst recht Stress verursacht. Und das ist ganz unintelligent in Zeiten wie diesen. Jetzt kommt erschwerend dazu, dass alle Kinder samt deren Vater in Risikogebieten wohnen, teilweise sogar mit einem Lockdown konfrontiert sind. Umso inniger habe ich beschlossen, den Kopf der gedachten Perlenschnur zu überlassen und sie nicht durchzuschneiden. Das Wetter aktuell unterstützt meinen Auftrieb, auch die Aussicht auf eine Woche Nichtstun. Und wenn ich aus diesem Nichtstun wieder auftauche, das wirklich ein solches werden dürfte, weil alles andere beschwerlich ist, sehe ich hoffentlich auch das Gute im Kalten, das Warme im Regen und das Grazile in der Winterzeit. In diesem Sinne lesen wir uns am 7. November – und immer schön die Fäuste ballen!

FREITAG: Stammgast im (virtuellen) Kopfkino

Die Generation, die nach der Generation Z kommt, wird vielleicht E oder Alpha genannt werden. Wie auch immer: Ihr Alltag wird sich vielfach digital abspielen. Und da braucht es Achtsamkeit, wie ich finde.

Bei Recherchen kommen einem ja viele Themen unter, die mit dem eigentlichen Informationsziel nur am Rande zu tun haben. In diesem Kontext durfte ich also jüngst erfahren, dass das analoge Leben für junge Menschen auf dem Rückzug ist. Schon die jetzige Generation Z, also jene, die frühestens 1995 und spätestens 1999 geboren wurde, erfährt ein eingeschränktes reales Leben. Die nachfolgende, über deren Namen noch diskutiert wird, kriegt ohne WLAN Auszucker, weil sie nichts anderes kennt und gewohnt ist, alles gleich und sofort tun, suchen und organisieren zu können.

Meine erste Reaktion: Gott, wie schrecklich! Meine zweite: Vorsicht! Denk noch einmal nach. Denn zum einen muss man sich als Mensch meines Alters immer auch fragen, was man selbst dazu beigetragen hat. Mein Jüngster gehört der Generation Z an, wie auch seine Freundin. Und wenn ich mir erzählen lasse, was ihren Alltag ausmacht, ist da natürlich viel Virtuelles dabei. Schon alleine deshalb, weil beide noch studieren und das in Zeiten wie diesen eben häufig „auf die Ferne“ passiert. Und natürlich bedienen beide die sozialen Netzwerke und teilen ihr Leben mit anderen. Und da kommen wir zum Punkt: Sie teilen ihr analoges Leben mit anderen. Sie gehen in die frische Luft, treffen sich mit Freunden, belegen hoffentlich bald einen Samba-Tanzkurs  – letzteres liegt allerdings nicht ganz in ihrer Hand. Vermutlich bin ich selbst häufiger auf Instagram und Facebook als die beiden. Insofern haben die vielen Ausflüge, die intensiven Gespräche und das Spielen doch dazu beigetragen, dass die Kids sich noch an den Spaß erinnern können.

Wie ich mich daran, als ich in Urlaubszeiten meine Eltern von einer Telefonzelle über die aktuellen Erlebnisse informiert habe, erinnere. Keine ständige Erreichbarkeit, ein Gefühl von Freisein, das sich heutzutage kaum mehr jemand leisten kann/will. Bei mir ging diese Zeit zu Ende, als ich mein erstes, dickes Motorola-Handy bekam. Meine Handtasche wurde schwerer, damit auch der Rechtfertigungsdruck, warum ich einen Anruf nicht entgegen genommen hatte. Und dann kam dieser eine Moment, wo ich aus emotionalen Gründen damit begann, Apps zu benützen, die Kommunikation mit anderen Teilen der Welt ermöglichte. Das war das wahre Ende meiner analogen Welt.

Denn was damit grundsätzlich passierte, war: Mein Kopf drehte sich verstärkt um „hätte – wäre – könnte“ – Themen. Weil die reale Welt eben nicht stattfand aufgrund von Entfernungen, musste die 3D-Welt in die eindimensionale Welt der Textnachrichten oder Postings gepresst werden. Was jetzt selbst einem physikalischen Nackerbazi wie mir klar ist: Das kann nicht funktionieren. Und dennoch habe ich es jahrelang probiert. Am Ende stand die Erkenntnis, dass das alles nichts mit meiner Realität zu tun hat.

Seitdem fällt mir verstärkt auf, wie viele Menschen Stammgäste in ihrem Kopfkino sind. Kürzlich hörte ich die Aussage: „Die Vergangenheit ist vorbei, die Gegenwart trist, bleibt nur die Zukunft, über die es sich nachzudenken lohnt.“ Das erklärt vieles, wenn nicht alles. Verstehen Sie mich richtig: Ich plane auch gerne – siehe Reisethematik. Siehe Voll50. Siehe meinen Terminkalender. Doch dabei unterscheide ich sehr klar, wofür sich der Energie-Einsatz lohnt und wie weit meine Selbstwirksamkeit geht. Natürlich könnte ich auch einen Engel anrufen, der mir den Weg freischaufelt nach Südafrika und dabei auch gleich das C-Scheisserchen wegfegt. Habe ich getan, Herr Engel war auf diesem Ohr taub. Und genau das ist der Punkt. Wenn etwas nicht klappt, wird einem das ziemlich deutlich vor Augen geführt. Meine Faustregel: Nach dem dritten Versuch lasse ich es einfach. Egal was.

Kopfkino entsteht auch oft aus Angst. Wenn ich nicht um Punkt 12 Uhr mittags ein „Ich liebe Dich“ höre, kann da natürlich die Welt untergegangen sein. Wenn ich ein sehr persönliches Interview gebe, kann das natürlich eine Einladung für einen Stalker sein. Wenn ich eine Zigarette anzünde, kann ich natürlich Krebs bekommen. Doch es KANN auch ganz anders kommen. Man hat eben immer die Wahl, wohin man seine Aufmerksamkeit lenken will. Wenn ich um fünf vor zwölf eine Liebeserklärung bekomme, reicht das doch mindestens für zwei Stunden. Wenn ich ein Interview gebe, kann ich andere bestärken. Wenn ich rauche, kann ich meine Verdauung anregen.

Und auch hier folge ich dreimal dem Impuls, die Sicht auf die Dinge zu ändern, wenn sie an mich herangetragen wird. Gelingt es dann immer noch nicht, lege ich den Schalter um. Und dann befinde ich mich in einem Modus, der zwar den Ausführungen des Gegenübers folgt, doch gleichzeitig auch um spirituelle Unterstützung dafür bittet, dass dem/der Anderen die Angst genommen werden möge. Und der Fokus sich wieder auf das richte, was vor den Füßen passiert. Nämlich auf das 3D-Leben.

Vor meinem Fenster ist gerade die Sonne durch die Wolken gebrochen. Neben mir schnurrt die Katze auf einem weißen Handtuch. Ein blaues liegt um meinen Hals, weil ich vor dem Schreiben dieser Zeilen aus der Dusche gestiegen bin. Und mein Bauch meldet, dass er endlich die Nudeln mit Roten Rüben und Garnelen essen möchte, die von gestern noch übrig geblieben sind. Das ist für mich analoges Leben: zu achten, welches Potenzial ein Tag haben kann, wenn ich ihn mit der richtigen Intention gestalte. Und diese Intention sollte immer eine freudvolle, heitere und aufmerksame sein. Nur so können wir alle durch diese ungewissen Zeiten kommen, ohne schwereren Schaden zu nehmen.

FREITAG: Kein Kreuz mit den Kreuzerln

Gerade bin ich drauf gekommen, dass ich eine Veranstaltung am 1. Oktober versäumt habe, zu der ich unbedingt wollte. Was mich zur Frage bringt: Warum nimmt die Kraft mit nahendem Jahresende ab?

Bereits vor einigen Monaten (können auch Jahre sein) habe ich mit einer Freundin die Frage diskutiert, warum man sich immer müder fühlt, je länger ein Jahr dauert. Und eine schlüssige Antwort konnte ich ihrem Argument nicht entgegen setzen, das da lautete: „Warum sollte denn am 1. Januar plötzlich wieder Kraft verfügbar sein?“ Klingt logisch, ist es vermutlich auch. Und doch mache ich jetzt schon jahrelang die Erfahrung, dass es spätestens im Oktober mit der Müdigkeit bergauf geht.

Mein Vater nennt das die Herbstdepression, was umso erstaunlicher ist, weil er bestimmt der Letzte ist, der mir eine solche unterstellen würde. Und auch sonst fällt mir niemand ein, der mich in die gedrückte Ecke stellen könnte. Vielleicht deshalb, weil ich meine Müdigkeit ganz still und heimlich zuhause pflege. Um mit meiner Mutter zu sprechen: „Geht ja niemanden etwas an.“ Und ich kann mich sogar noch erinnern – es muss September gewesen sein -, dass ich vollster Überzeugung war, dass die Kraft heuer reicht. Dank der C-Zeit. Wo ja alles so gemächlich war, so ruhig, so idyllisch, zumindest im Außen.

Eine Herbst- oder Winterdepression ist eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Krankheit, eine Spielart aus dem Reigen der saisonal-affektiven Störungen. Das erinnert mich an die Therapeutin, die mich vier Jahre lang begleitet hat und mir eine Anpassungsstörung attestiert hätte, wäre die Frage nach einer Diagnose gestellt worden. Jetzt gibt es bestimmt den einen oder die andere, die mich vielleicht tatsächlich als leicht bis mittelschwer gestört empfindet, aber dabei kommt es ja immer irgendwie auf den Referenzrahmen an. Wenn mein Steuerberater mich als besser gelaunt empfindet als 90 Prozent seiner restlichen Klienten, obwohl ich mich selbst als extrem grantig empfinde, unterstreicht das meine These. Wenn ich in Zeiten wie diesen nach Afrika fliege, finden sich bestimmt auch hier Menschen, die das als völlig gestört bezeichnen. Störungen pflastern eh schon immer meinen Weg, seien es passive oder aktive.

Trotzdem lese ich nach. Die Symptome für eine Herbst- oder Winterdepression sind eine geänderte Stimmung, reduziertes Energieniveau, Ängstlichkeit, verlängerte Schlafdauer und Appetit auf Süßigkeiten sowie Gewichtszunahme. Na dann. Externe Reaktionen zeigen mir relativ klar an, dass sich meine Stimmung nur unwesentlich verändert hat. Kommt allerdings auf das Thema an. Meine zuständige Redakteurin fragte nach meinem letzten Blogbeitrag, ob es sein könne, dass mich die C-Situation Nerven koste. Yep – sie ist wirklich ein feinfühliger Mensch. Doch jenseits des viralen Gottseibeiuns‘ bin ich recht aufgeräumt. Kein Kreuzerl bei den Symptomen.

Ein dickes dafür beim Energieniveau, doch das ist der Tatsache geschuldet, dass mein Workload momentan ungewöhnlich hoch ist. Doch das ist irgendwie meiner neu gewonnenen Hartnäckigkeit geschuldet. Wenn ich früher mal eine arbeitstechnische Ebbe erlebt habe, begann ich Projekte, die mir persönlich wichtig waren. Und wurde die bezahlte Arbeit mehr, verschwanden diese Projekte wieder in einer eigens dafür eingerichteten Schütte. Wo sie lagen und lagen und lagen. Manche finde ich heute noch, wenn ich denn mal die Zeit habe, ein wenig aufzuräumen. Doch in diesem Jahr ist das anders. Es verläuft wieder einmal nach dem Prinzip „Wer den ersten Schritt macht, dem kommt der Schöpfer entgegen.“ Und das ist ja auch überaus positiv. Was sich verändert hat, ist die Einstellung zu meinen eigenen Projekten. Denn heuer will ich sie nicht versenken, sondern dran bleiben. Und das mit aller Konsequenz. Dass mein dritter Sammelband „Voll Fünfzig und halb philosophisch“ mit eigenen Inspirationskarten, Webauftritt und Facebook-Seite in die Welt kam, ist Folge dieser Hartnäckigkeit – und es macht soooooo viel Freude! Doch die Pflege und Verbreitung des Themas „Voll Fünfzig“ macht natürlich Arbeit, die zusätzlich zur zunehmenden Schreibtätigkeit Auswirkungen auf mein Zeitbudget hat. Und in weiterer Folge auf mein Energielevel. Wenn ich in Zeiten wie diesen zwischen einem Interview über das Buch oder einem Mittagsschläfchen wählen muss, gewinnt klarerweise das Interview.

Ängstlichkeit zählt jetzt nicht zu meinen hervorstechenden Eigenschaften. Und um sicherzustellen, dass wir von einer Art Ängstlichkeit sprechen: Scheu, Schüchternheit, Bangigkeit, Zaghaftigkeit und Beklommenheit bleiben mir größtenteils erspart. Gut, ein wenig Bangigkeit und Zaghaftigkeit bezüglich meiner Reisepläne habe ich schon, doch das betrifft eher die virale Umgangsweise mit äquatorialen Reisenden. Es reicht bei weitem nicht für ein fettes Kreuzerl. Vielleicht für ein Bleistift-Kreuzerl, aber keines mit einem Textmarker.

Ach, verlängerte Schlafdauer! Eine Freundin berichtete kürzlich, dass sie einen ganzen Tag im Bett verbracht hätte. Das klingt nach Himmel für mich. Ich merke davon wenig, denn mein Körper wacht meist nach sechs bis sieben Stunden auf. Und selbst bei größter Willenskraft, noch eine Runde Schlaf dran zu hängen, wird daraus nicht mehr als ein Hin-und-Her-Wälzen. Manchmal unterbricht auch die Katze diese Bemühungen, selten der Wecker. Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Wecker hasse? Sie reißen einen genau dann aus dem Schlaf, wenn der Körper einfach noch nicht für eine andere Stellung bereit ist. Ein wahrer Segen ist es, wenn Menschen ohne Wecker exakt dann aufwachen, wenn es Zeit zum Aufstehen ist. Gibt es. Ich gehöre nicht dazu. Kein Kreuzerl.

Bleibt noch der gesteigerte Appetit auf Süßigkeiten und die damit zusammenhängende Gewichtszunahme. Seit ich entdeckt habe, dass sich in meiner Nähe eine Outlet-Dependance meines Lieblingschocolatiers befindet, habe ich jede Menge Süßigkeiten zuhause. Zusätzlich zu denen, die ich so zwischendurch kaufe. Was zur Folge hat, dass der entsprechende Lagerungsort einigermaßen vollgerammelt ist. Und immer, wenn ich mal reinschaue, denke ich mir: Ich muss da mal aufräumen. Denn Fakt ist: Mehr als vier Stücke dunkle Schokolade werden es selten, die ich mir gönne. Und wirklich auf das Gewicht wirken sie sich auch nicht aus. Ich stelle mich zwar nie auf die Waage, doch solange mir meine Klamotten noch passen, ist noch alles im grünen Bereich. Und ein leerer Bereich, wo ein Kreuzerl hinkäme.

Ich fasse zusammen: keine Herbst- und Winterdepression. Sorry, Vater. Sieht fast so aus, als würde ich eher mit fortschreitendem Jahr meine Bedürfnisse zunehmend vernachlässigen. Und insofern wäre mir mit einem Powernap ab und an schon geholfen. Mit Spaziergängen in der Herbstsonne. Mit der Aussicht auf eine Reise in die Wärme am Jahresende. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wenn ich hier ein Textmarker-Kreuzerl setze.

FREITAG: Einblick in die mentale Kakophonie

Nach einem langen Tag, an dem ich meinen Entsafter gefüttert habe mit der Ernte des städtischen Weingartens, finde ich mich mit einem vollen Kopf wieder.

Im Tarot gibt es dafür die Karte „Sieben Kelche“. In einem meiner Decks steht ein Mensch vor einer Wolke, auf der sieben Kelche schweben, jeder von ihnen mit einem anderen Inhalt. Passt aktuell wie die Klappe aufs Auge.

Punkt eins: die C-Situation. Merken Sie es auch, dass es wieder losgeht mit der Medienpanik? Dass wir aufgewühlt werden mit Schlagzeilen wie „Schon über 8.000 Infizierte in Österreich“? Wir reden von 0,1 Prozent der Bevölkerung! Und wieder spricht keiner davon, was jede/r von uns selbst machen kann, um sich gesund zu erhalten – abgesehen von den offiziell verordneten Maßnahmen: vernünftig essen, Bewegung in der frischen Luft, Freude, ausreichend schlafen, vielleicht auch meditieren oder sonstwie Ruhe geben, vor allem dem Kopf. Hauptsache, wir fiebern alle auf eine Impfung hin, für die plötzlich alle Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt werden, die uns bislang für neue Medikamente sinnvoll erschienen. Mich einer Situation ausgeliefert zu sehen, die ich zwar für meine kleine Stadtinsel beeinflussen kann, aber deren Wirklichkeit an der Grundstücksgrenze endet, fördert meinen Grundgrant. Und ich bin ungerne grantig.

Punkt zwei: Die damit zusammenhängende Einschränkung meiner Freiheit. Wenn am 1. Oktober die südafrikanischen Grenzen für den Tourismus geöffnet werden, ist das nur Grund für einen freudigen Augenaufschlag. Ein breites Lächeln versage ich mir. Denn alles weitere hängt von Faktoren ab, die eben jene bestimmen, die sich außerhalb meiner Auffassung von Vernunft befinden. Natürlich verstehe ich, dass man lieber einmal zu vorsichtig ist als einmal zu wenig. Lieber vor einer Blindschleiche weglaufen, als sich mit einer Kreuzotter zu verbrüdern. Geschenkt. Gefühlt möchte ich gleich in den Flieger steigen, gedacht schreibe ich in mein Tagebuch, dass ich ja auch wieder zurückkommen muss. Und das ist ein weiterer Faktor, der außerhalb meiner Kontrolle ist.

Punkt Drei: die allgemein herrschende, unterschwellige Angst. Jetzt geht es bei vielen vielleicht gar nicht darum, dass sie sich den Virus einfangen könnten. Wie eine Freundin sagte: „Ein Virus bringt normalerweise seinen Wirt nicht um, weil er  damit seine Lebensgrundlage um die Ecke bringen würde.“ Es geht um die Angst, die entsteht, wenn es an Transparenz fehlt. Wenn für den Einzelnen die Zusammenhänge nicht mehr nachzuvollziehen sind. Die einen fangen in solchen Situationen mit Achtsamkeitsübungen und Meditieren an, die anderen flüchten sich in Verschwörungstheorien. Und gerade sie halten das Hirn am Laufen, ganz einfach, weil es verstehen möchte. Doch kann man die Gegenwart wirklich verstehen? Ich gebe zu: ich scheitere.

Punkt Vier: Kontaktschuld. Auch etwas, woran mein Gehirn scheitert. Nämlich daran, dass man einen Menschen diskreditiert, weil er sich in der falschen Gesellschaft befindet oder befunden hat. Ich weiß schon, dass das mit dem menschlichen Bedürfnis zu tun hat, dass Schubladen den Umgang mit der Umwelt leichter, ja manchmal sogar packbar machen. Und in Zeiten wie diesen schießt dieser Willen wirklich übermäßig ins Kraut. Deshalb: Halloooooooooo! Angenommen, ich verkehre mich Menschen, die Grünzeug nicht nur essen, sondern auch rauchen – macht mich das zu einem Kiffer? Angenommen, ich bin an einem Ort, wo sich Obdachlose treffen – macht mich das zu einem Sandler? Angenommen, ich pflege Beziehungen zu Menschen mit rechter Gesinnung – macht mich das zu einem Nazi? Was da fundamental falsch läuft, ist meiner Meinung nach folgendes: Irgendwie ist es bei vielen Menschen offenbar unter den Tisch gefallen, dass schlechtes Verhalten nicht zwangsläufig gleichzusetzen ist damit, dass dieser Mensch ein verabscheuungswürdiger Mensch ist. Im Bestreben, die Schubladen zu füllen, ist aktuell die Geschwindigkeit atemberaubend. DA reicht es schon, einen Satz zu isolieren und das dann als Diskreditierung heranzuziehen. Am Wochenende lese ich die Bezeichnung dafür: der Wille zum Missverständnis.

Punkt Fünf: Wenn der Mund-Nasen-Schutz äußerer Ausdruck der Distanzierung innerhalb der Gesellschaft ist, frage ich mich, was uns wieder auf ein gesundes Maß zurück bringen könnte. In einen Zustand, der den regen Austausch zwischen Individuen fördert, ohne gleich in einen Shitstorm auszuarten. Auf eine Ebene, wo wir Menschen in ihrer Ganzheit wahrnehmen können und nicht nur die Körner rauspicken, die unser Ego füttert, das sich vor Angst aufplustern muss, um zu überleben.

Punkt Sechs: Ich kämpfe selbst mit diesem Ego, tagtäglich. Und am Wochenende höre ich, dass schon das Erkennen dieses Kampfes reicht, um dem Kobold die Kraft zu nehmen. Vielleicht nicht gleich auf einen Schlag, doch jeden Tag ein wenig mehr. Wenn das Bewusstsein wächst, kommt auch die Klarheit.