FREITAG: Es herbstelt

Ach, ich mag den Herbst – auch wenn mein Kühlschrank vor Trauben, Zwetschgen und Äpfeln überquillt. Ja, Erntezeit ist eine fruchtbare Zeit, und langsam beginnt auch das vorsichtige Ernten aus den Jahressaaten im Leben.

Vor einiger Zeit habe ich mir ein Sechs-Minuten-Tagebuch angeschafft. Nicht dass ich ungern Tagebuch schreiben würde; manchmal denke ich mehr oder weniger laut darüber nach, wohin ich mit den bisher angefüllten Schreibheften soll, die sich über die Jahrzehnte angesammelt haben und die sowieso niemand lesen wird, weil unleserlich für 99,9 Prozent der Bevölkerung. Ich denke, nicht einmal die Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien käme durch den Schlaufendschungel durch. Andererseits: man wächst mit den Herausforderungen, auch so eine Sammlung. Doch das ist ein anderes Thema.
Das Sechs-Minuten-Tagebuch ist im Grunde ein Achtsamkeits- und Dankbarkeitsbuch, bei dem man sich morgens und abends drei Minuten hinsetzt und reflektiert. Es werden einem immer die gleichen Fragen gestellt, die man je nach Tagesverfassung möglichst konkret beantworten soll. Einmal in der Woche blickt man auf dieselbe, monatlich ebenfalls. Dabei geht es um Wünsche, Hoffnungen, aber eben auch sehr viel um Zufriedenheit aus Erreichtem. Während dieses Sommers habe ich dieses Gefühl sehr oft beim Blick aus dem Fenster empfunden, wenn nach einem Regenguss das Grün geblitzt und einen so wunderbaren Kontrast zum sommerblauen Himmel gebildet hat. Ich verspürte diese Morgenruhe bei den Klängen zur Sufi-Musik, beim Schnurren der Katze, beim ersten Schluck Kaffee. Keine spektakulären Dinge finden sich auf diesen Ausfüllseiten, die immer einen Satz beinhalteten: „Alles ist gut.“
Ein altes Sprichwort sagt, dass Übung den Meister macht – und das trifft auch auf die Dankbarkeit und Achtsamkeit zu. Wenn man derartig offen für Unerwartetes ist wie ich, dann kommt diese Übung im ganz normalen Alltag oft zu kurz. Denn gerade dann, wenn man mit einer Meditation beginnen will, läutet das Telefon oder es bingt am Handy oder mein kleiner Nachbar steht auf der Veranda seines Holzhauses und ruft nach einem Eis. Jetzt könnten Sie zu Recht sagen, dass ich ja endlich das Wörtchen „Nein“ lernen könnte. Und ganz unrecht hätten Sie damit auch gar nicht – schließlich kann ich nicht überall sein, muss hin und wieder auch schlafen oder essen. Andererseits: „Live happens while we’re busy making other plans.“
Mein Ex sagt immer, dass ich endlich zur Ruhe kommen sollte. Denn dieses Leben, dass ich seit unserer räumlichen und erotischen Trennung führe, macht ihn total kirre. Er hält schon die Sufi-Musik nicht aus, doch wahrscheinlich deshalb, weil er kein Bauchtänzer ist. Die Beschäftigung mit dem Orient öffnet eben auch andere Klangwelten. Ich im Gegensatz hab’s nicht so mit Chorälen, aber ansonsten verstehen wir uns auch nach 23 Jahren so gut, dass die Kinder unbeschwert Zeit mit uns beiden verbringen können.
Sie merken, ich schweife ab. Das ist allerdings symptomatisch für mein Dasein. Ich springe von einem Thema zum anderen, weil für mich alles in alles fließt. Weil ich das Gefühl habe, dass es wenig Trennung gibt zwischen den einzelnen Ebenen meines Daseins. Deshalb kann ich beispielsweise auch nie genau sagen, wie viel ich an einem Tag gearbeitet habe. Denn wenn ich schreibe, kann es sein, dass ich währenddessen Hunger bekomme und kochen gehe. Danach setze ich mich an den Teich zu einem Verdauungsrülpserchen und schreibe anschließend weiter. Oder ich gehe in den Garten, wühle in der Erde und dabei kommt mir ein Gedanke, den ich schriftlich festhalten möchte. Oder ich fahre zum See und nehme Arbeit mit.
In meinem Sechs-Minuten-Tagebuch steht fast täglich, dass ich mir selbst mehr Achtsamkeit schenken möchte. Das betrifft mein Hungergefühl ebenso wie Müdigkeit, wenn sie unmittelbar auftritt oder Energielosigkeit, die sich oft in Frieren äußert. Und dass ich das öfter als bisher in meinem Leben schaffe, ist für mich eine Ernte dieses Jahres. Auch, dass ich es zu 90 Prozent zu Wege bringe, mir selbst und nur mir den Sonntag zu schenken. Meine Trafikantin meinte, sie würde diese Tage spontan planen. Doch das funktioniert bei mir nicht. Ich muss mir proaktiv Zeit für mich selbst nehmen – so steht es auch in meinem Sechs-Minuten-Tagebuch. Nur so klappt es bei mir.
Am kommenden Sonntag werde ich meinen Claudia-Tag auf einem Schiff verbringen und schauen, ob ich dort auch bei mir sein kann. Wasser hat ja die wunderbare Wirkung auf mich, dass ich sehr gut loslassen kann. Oder vielleicht auch weitere Ernteerkenntnisse sammeln werde – who knows? Schwierig wird es, wenn mich jemand anspricht. Da „Nein“ zu sagen und ein abweisendes Gesicht zu machen, fällt mir schwer. Doch hey, selbst das wird einen tieferen Sinn haben, der mein Leben bereichern kann. Und der nächste Claudia-Tag kommt bestimmt.

FREITAG: Reden statt anklagen

Man kann es mit allem übertreiben, finde ich. Vor allem Drama Lamas greifen gerne zu diesem aufmerksamkeitsverschaffenden Trick. Doch die meisten von ihnen bringen damit niemanden in den Knast – hoffe ich zumindest.

Vor einigen Monate brachte die hiesige Tageszeitung ein Portrait von mir, weshalb ich mich erkenntlich zeigen wollte und ein Abo abgeschlossen habe. Meist überfliege ich die Titelseite, lese darauf die Öko-Glosse und wenn ich mir ausgesprochen Zeit nehme, blättere ich durch den Lokalteil. Dass ich dabei immer die Tage versäume, wo Freunde von mir Interviews geben und ich dann unschuldig schauen muss, wenn sie mich darauf anreden, ist eine andere Geschichte. Sie merken schon: ich bin eine schlampige Printmediennutzerin geworden. Und das trifft auch auf das Abo meiner Wochenzeitung zu, die ich inzwischen total zerfleddere, bevor sie meinen Geist ob all der gut geschriebenen Geschichten zerfleddert. Nur die Themen, die mich laut Inhaltsangabe interessieren, überleben diesen Prozess. Reicht auch noch.
Bei meiner lokalen Zeitung geht es schneller, schon allein wegen des Umfangs. Doch heute bin ich hängen geblieben, und zwar an einer Geschichte, bei der ich mir die Augen reiben musste. Nicht wegen des Kollegen, der sich damit beschäftigt hat, sondern wegen des Inhalts. Da ging es um eine über 70jährige Frau, deren Mann wohl neben alt auch ziemlich krank war. Bei einem Arztbesuch hatte sie sich beim Herrn Doktor erkundigt, ob es denn nötig sei, dass ihr Gatte so viele Medikamente nehmen müsse. Dabei ist mir meine Großmutter väterlicherseits eingefallen, die sich sehr gerne mit Ärzten umgeben hat und entsprechend viele Rezepte eingelöst hat. Nach ihrem Tod füllten diese einen halben Müllsack. Ich glaube mich auch erinnern zu können, dass mein Mediziner-Vater immer wieder einmal gefragt hat, wofür sie das eine oder andere Präparat verschrieben bekommen hätte. Angesichts der aktuellen Erkenntnis hat er wirklich Glück gehabt, dass er für diese Frage nicht im Kittchen gelandet ist.
Die 70jährige Frau nämlich wurde wegen versuchter Anstiftung zum Mord angeklagt, vier Monate saß sie in Untersuchungshaft. Und das alles offenbar wegen eines Missverständnisses. Sie wollte ihrem Mann das Leben erleichtern, dass ihrer Anschauung nach mit weniger Medikamenten eher zu gewährleisten war. Verstanden wurde, dass sie ihren Mann durch das Absetzen der Präparate um die Ecke bringen wollte. Und das alles zieht jetzt weitere Kreise, weil man zur Absicherung jetzt auch noch weitere Richtlinien und Verschärfungen der Anzeigepflicht fordert. Und ich frage mich wieder einmal: Haben Menschen ihre kommunikativen Fähigkeiten komplett verloren?
Nicht dass mein Leben arm an Missverständnissen ist! Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass in die einfachsten Sätze Romane hineingedichtet werden. Und das oft nur deshalb, weil man an einem Wort hängen bleibt, das irgendwas triggert. Bei meinem Ex beispielsweise ist es aktuell das Wort „Leid“. Wenn ich ihm etwas vorlese, von dem ich denke, dass es ihn freuen würde, und das Wort „Leid“ kommt zu früh, kann ich auch gleich mit dem Vortrag aufhören. Denn der Rest versickert eben in seiner Abwehr. Jetzt ist er aber schon zu den Fortgeschrittenen zu rechnen, denn er ist sich nach einer kurzen Beruhigungszeit dessen bewusst und dann auch für den Rest aufnahmebereit. Bei vielen anderen findet diese Reflexion nicht statt. Sie brettern mit ihren Überzeugungen einfach über das Gegenüber drüber, als gäbe es eine Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Es hat einen Grund, warum der Mensch zwei Ohren und nur einen Mund hat. Doch das Zuhören ist eine Qualität, die keine große mehr zu sein scheint. Das Nachfragen übrigens auch nicht, wenn man etwas nicht verstanden hat. Das ist aber auch nur logisch, wenn man eh nicht zuhören will. Doch brauchen gerade jene, die verstopfte Ohren haben, irgendwann einmal jemanden, der sich das anhört, was sie von sich geben. Und da ist diesen Menschen dann jeder recht, der des Weges kommt. Ich verstehe das schon – man muss sich ja manche Dinge von der Seele reden. Doch gute Kommunikation ist wie eine Beziehung ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Eine alte Gesprächsregel besagt, dass man zweimal auf Gesagtes eingehen sollte, bevor man sich selbst ins Spiel bringt. Und das gilt für das Gegenüber dann selbstverständlich auch. Die verschärfte Version wäre der indianische „Talking Stick“, bei dem so lange zugehört werden muss, bis der Inhaber desselben ihn weitergibt. Das kann dauern, zugegeben. Und deshalb ist diese Methode ja auch nicht immer und überall passend. Aber zweimal auf sein Gegenüber zu reagieren – das muss drin sein.
Und hätte der Arzt die 70jährige Frau gefragt, warum sie nach dem Absetzen der Medikamente verlangt, hätte sie dem Mediziner vielleicht erklären können, wie sie es gemeint hat. Und dann hätte man die Gefängniswärter, die Schöffen und die Richter nicht bemühen müssen. Dass man das dafür verwendete Steuergeld sinnvoller einsetzen hätte können, scheint mir glasklar. Oder stelle ich mir das in meiner Pippi Langstrumpf-Welt nur wieder einmal einfacher vor als es ist? Na ja, „einfacher“ ist vielleicht das falsche Wort – direkter, wertschätzender und konstruktiver würde es wohl eher treffen. Doch das setzt eines voraus, nämlich eine zunehmende Distanzierung zum eigenen Ego. Und das ist dann tatsächlich weniger einfach, als Pippi sich das gedacht hätte.

FREITAG: Die Zeit ist reif für Griechenland

Der Vorteil von Auszeiten ist ja unter anderem, dass man lernt. Und das muss gar nichts Großartiges sein, wenn auch etwas Großartiges daraus resultieren kann.

Während meines Urlaubs ist etwas eingetreten, was ich für unmöglich gehalten hätte: Ich habe mich tatsächlich in den Bergen entspannt. In den sozialen Medien stünde an dieser Stelle nun dieses Emoticon, das sich den Kopf hält und ein Gesicht macht, als wäre es Edvard Munchs „Der Schrei“ entsprungen. Ich bin sicher, Sie kennen das. Meint: absolutes Entsetzen! Doch andererseits bin ich wirklich glücklich darüber, dass das Experiment derart gut funktioniert hat.
Was mir allerdings auch hier wichtig war: die Aussicht. Wenn Berge meinen Horizont beschränken, dann empfinde ich nach wie vor einen unbändigen Fluchtreflex. Jetzt könnten Sie sagen, dass Berge dazu da sind, sie zu erklimmen. Das überlasse ich gerne anderen, ich bevorzuge die entspannte Art des Anstiegs, und der erfolgt eben über Lift oder Auto. Und diese Einstellung hatte ich bereits vor meiner Raucherkarriere. „Papa, tragen!“ ist noch jetzt ein beinahe geflügeltes Wort, wenn zwischen meinen Eltern und mir Kindheitserinnerungen ausgetauscht werden.
Während ich also nun auf diesem Berg in einem unendlich paradiesischen Hotel gesessen bin, hatte ich ausreichend Zeit, um meinen Geist fliegen zu lassen. Wenn man in luftigen Höhen in der Sonne sitzt und außer zirpenden Grillen nichts hört, kehrt eine unglaubliche Ruhe ein. Und die Niederungen werden einem bewusst, vor allem die emotionalen. Ich bin ja der Meinung, dass wir uns selbst nie wirklich kennen, doch das Kennenlernen finde ich ziemlich spannend. Weil uns das dazu bringt, eine Entwicklung 24/7 mitzuverfolgen. Bei anderen passiert das ja immer nur in Zeitfenstern, mit uns selbst verbringen wir das ganze Leben. Und das Sitzen auf einer Bank mit Blick über ein weites Tal befördert eine Bestandsaufnahme der emotionalen Befindlichkeit ungemein.
Während das Meer, das ja bislang meine bevorzugte Reisedestination war, vielfach Gedanken, Sorgen oder sonstige Malaisen wegzutragen pflegt, ermöglicht die entgegengesetzte Richtung einen Überblick. Gibt es außer besagter Grillen keine sonstigen Reize, die einen zerstreuen, fällt das Wesentliche umso mehr ins Gewicht. Das, was dem Leben Sinn gibt oder geben könnte, wenn man es nur zulässt. Oder vielleicht auch, dass der bisherige Sinn des Lebens gar nicht mehr stimmt. Weil eben eine Entwicklung stattgefunden hat, die man in der alltäglichen Getriebenheit noch nicht wahrnehmen konnte.
In der Abgeschiedenheit eröffnen sich ganz andere gedankliche Möglichkeiten. Weil man den Luxus genießen kann, sich wieder zu entdecken. Durchzuatmen und dabei vieles loszulassen, was beschwert, ohne dass man sich dessen bewusst war. Und während man den Grillen beim Springen zuschaut, kommt die Idee plötzlich daher, dass man ja auch hüpfen könnte. An Ort und Stelle, aber auch aus Gewohnheiten und Konditionierungen heraus, die einem nicht mehr entsprechen. Dabei entsteht ein weiter Raum, den man neu besetzen und einrichten kann. Oder einfach nur dessen Weite und Leere genießen kann.
In dieser Weite treffe ich Aris, den griechischen Gärtner. Ich habe es nicht so mit Griechenland, war auch noch nie dort, denn als ich mit 16 hin wollte, durfte ich nicht. Und als ich konnte, war es schon überlaufen. Aris betreibt ein Hotel in Athen, das aber mehr Geld braucht, als die Touristen zahlen. Also arbeitet er im Sommer in den österreichischen Bergen und bringt den Hotelgarten samt Gemüsebeeten in Ordnung. Er ist erstaunt, dass ich seine Heimat noch nie besucht habe und schreibt mir eine Liste mit Inseln, die ich unbedingt sehen sollte. Weil sie eben nicht übervölkert sind. Und in meiner inneren Weite denke ich, dass ich diesen Wink nie wahrgenommen hätte, würde ich noch in meinen Konditionierungen stecken. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass mein nächstes Ziel Griechenland ist. Sie werden es erfahren.

FREITAG: Zuhause angekommen

Die Tochter einer Freundin ist jetzt in ihr eigenes, langersehntes Leben aufgebrochen. Nicht dass es vorher schlecht gewesen wäre – wenn immer wieder die Frage aufpoppt, ob es einem entspricht, muss es wohl noch mehr geben.

Ich erinnere mich noch gut an meinen eigenen Aufbruch aus der Gegend, die jetzt auch die junge Frau verlassen hat. Die Berge rund herum, die Möglichkeiten beschränkt – und das lag nicht nur an der Geographie. Die Tochter meiner Freundin würde das sofort unterschreiben, obwohl sie als Mitglied einer anderen Generation mit der ganzen (Internet-)Welt verbunden ist. Ich weiß nicht, ob mich das Netz von einem Aufbruch damals abgehalten hätte – die junge Frau auf jeden Fall nicht. Was wieder einmal beweist: Es gibt keinen Ersatz für das wirkliche Leben.
Sie hat sich nun in England eingerichtet, ich habe damals schon Salzburg als absolutes Freiheitsgebiet betrachtet. Und war total glücklich in meiner ersten Nacht auf einem Ausziehbett, das mein siedlungshilfsbereiter Großvater und ich drei Stockwerke hinauf geschleppt hatten, weil es nicht in den Lift passte. Was die junge Frau nach den ersten britischen Tagen schreibt, klingt auch verdächtig nach Glück. Und auch nach Nachdenklichkeit, die sich schon alleine daraus ergibt, weil man plötzlich aus der Distanz auf das bisherige Leben, die Mechanismen und Prägungen blickt. Und feststellt: Es wurde höchste Zeit, Eigenheiten zu entwickeln. Auch wenn man noch nicht genau weiß, welche. Doch die Neugierde ist überwältigend, weil einfach alles besser ist als das bekannte.
Nicht, dass das Dagewesene schlecht wäre – manchmal passt es halt einfach nicht zu einem. Und aus Loyalität, Anerkennungs-, wahlweise Anpassungswillen schiebt man diese Tatsache oft weg. Dass Kinder das tun, erklärt sich aus der Abhängigkeit von den Eltern. Als erwachsener Mensch muss man erst einmal verinnerlichen, dass man plötzlich auch eigene Wege gehen kann. Dass man den Erziehenden nicht lebenslang ihre Bemühungen in die Schuhe schieben kann, obwohl man selbst fähig (geworden) ist, in die Sandalen zu schlüpfen, die einem passen.
Ich sage ja oft mit einem Augenzwinkern, dass mich der Storch im Zuge eines Schwächeanfalls dort fallen gelassen hat, wo ich auf die Welt gekommen bin. Und kürzlich bin ich auch drauf gekommen, was der tiefere Sinn dahinter ist. Es hat mir eben nicht entsprochen. Doch da können weder die Umgebung noch die Menschen etwas dafür. Sich irgendwo zuhause zu fühlen, ist vor allem ein inneres Gefühl, das unmittelbar mit dem eigenen Selbst zu tun hat. Ich habe zufriedene Menschen kennengelernt, die glücklich waren, wenn man ihnen ein Badetuch geschenkt hat. Und ich weiß von Menschen mit goldenen Wasserhähnen, die den ganzen Tag Kaffee trinken und trotzdem keinen Boost in ihrem Leben haben. Klingt wie ein Klischee, stimmt aber.
Unser Leben ist eine Reise. Manche müssen wie ich Tausende von Kilometern hinter sich bringen, um bei sich anzukommen. Manche wissen es scheinbar sehr schnell, wo ihre Wurzeln und wer sie sind. Über einen Kamm scheren kann man das keinesfalls. Nichtsdestotrotz macht mich die vorgeblich immer schon dagewesene Zufriedenheit manchmal stutzig. Denn der Mensch ist ein „work in progress“, und wenn er sich schon im Außen nicht verändert, glaube ich doch an die Notwendigkeit einer inneren Entwicklung. Von der Wiege bis zur Bahre glücklich zu sein, halte ich einfach für eine Illusion. In der heutigen Zeit, die permanent versucht, durch negative Schlagzeilen, Gefühle und Impulse diese Zufriedenheit zu unterminieren, muss es doch ein steter Prozess sein, seine Mitte zu behalten.
Vielleicht bin ich auch nur skeptisch, weil ich eine Suchende war und bin. Wie die Tochter meiner Freundin. Das Ziel klingt nach einem weiteren Klischee: Selbstverwirklichung. Doch was steht dahinter? Nichts mehr als der Wunsch, sich selbst so annehmen zu können, wie man eben gemacht wurde. Und das geht oft nur durch Distanz. Nach fast 35 Jahren örtlicher Entfernung von den Prägungen meiner ersten zwei Lebensjahrzehnte hatte ich kürzlich zum ersten Mal das Gefühl, endlich zuhause zu sein. Und weil das so ist, fahre ich jetzt einige Tage zu meinen Eltern. Und werde dort ganz ich selbst sein. Drücken Sie mir die Daumen, dass sie das ertragen können. Den nächsten Blogbeitrag gibt es wieder am 23. August.

FREITAG: Unter die Leute, Flaneusen!

Aktuell ist in meiner Stadt wieder einiges los, und wenn man so durch die Straßen und Gassen spaziert, begegnet einem schon mal das eine oder andere Gesicht, das man normalerweise aus den Gazetten beim Hausarzt sieht. Doch das wahre Ereignis ist das Spazieren, wie ich kürzlich lernen durfte.

Die Sonntage gehören ja normalerweise mir alleine, und diese Zeit nutze ich zum Hören verschiedenster Podcasts und Audiobücher. Vor einigen Tagen kam mir einer unter über ein Buch, das sich mit dem Flanieren beschäftigt, und zwar jenem von Frauen und Queer people. Wikipedia erklärt letzteres mit Menschen, die von einer heteronormativen Regel abweichen. In heutigen Stellenanzeigen würde man sie wahrscheinlich unter „divers“ einreihen. Verschiedene AutorInnen haben zum Thema Flanieren Geschichten geschrieben, und weil ich das selbst gerne tue, wollte ich reinhören.

Die Herausgeberin erzählte, dass viele Frauen über das Gefühl des Beobachtetwerdens berichten. Und sie diese objekthafte Sicht nicht unbedingt als angenehm empfinden. Im Gegensatz dazu könne der weiße, männliche Flaneur unbeobachtet durch die Stadt spazieren und keiner nehme Notiz von ihm. Und sollte er doch einmal Aufmerksamkeit erregen, stört ihn das nicht. Frauen wollen anonym flanieren, fasst die Herausgeberin die Geschichten zusammen.

Nicht dass ich mir jemals Gedanken darüber gemacht hätte, ob ich eine Flaneuse bin, wenn ich durch die Stadt streife, entweder auf dem Weg zu meinem persönlichen Künstlertreff, der Suche nach einer Viererpackung Venusbrüstchen oder einfach zum Genuss. Doch was mir durch diese Auseinandersetzung klar wird: andere Frauen empfinden das Beobachtetwerden als sexuell. Und das ist für sie ein Störfaktor.

Vielleicht liegt es ja an meinem Alter, vielleicht aber auch an einem gewissen Grad von Selbst-Bewusstsein, das sich doch über die Jahrzehnte eingestellt hat. Ich kann mich erinnern, dass ich während meiner Pubertät in einem Tiroler Tal auch am liebsten unsichtbar gewesen wäre, aber das hatte mit der Position meines Vaters zu tun, die Menschen dazu gebracht hat, mich zu beobachten. Und das genau in den Jahren, wo man sich selbst exzessiv unter die Lupe nimmt und in keiner Sekunde seines Lebens wirklich glücklich mit sich selbst ist. Als sexuell habe ich das auch damals nicht wahrgenommen, gestört hat es mich trotzdem.

Doch jetzt bin ich ziemlich zufrieden mit mir, und es ist eher so, dass ich die Sekunden zähle, an denen ich etwas zu bemängeln habe. Manchmal ist es sogar so, dass ich mich miserabel fühle, dann in den Spiegel schaue und mich wundere, dass ich dabei doch noch einigermaßen akzeptabel aussehe. Und weil das so ist, macht es mir auch absolut nichts aus, wenn ich beim Flanieren angesehen werde. Warum auch? Wenn ich mich in ein Straßencafé setze, beobachte ich ja auch. Gleiches Recht für alle.

Ist das ein Zeichen von Gelassenheit des Alters? Fast scheint es mir so. Doch was ich gar nicht verstehen kann, ist, warum sich Frauen jeglichen Alters nicht einfach ihrer Schönheit und Anmut bewusst sein können. Warum sie mit Selbstzweifeln aus dem Haus und durchs Leben gehen, wo sie doch so vieles an sich lieben könnten. Manchmal denke ich, dass die Emanzipation gerade in solchen Situationen über ihr Ziel hinausgeschossen hat. Viel zu weit. Wenn Frauen nämlich nur mehr im Optimierungswahn stecken, weil sie glauben, nicht mehr zu genügen, dann ist in meiner Pippi Langstrumpf-Welt etwas verkehrt gelaufen. Dann hat uns der vermeintliche Kampf um Gleichberechtigung nur von uns selbst weggeführt, anstatt uns zu entsprechen.

Eine Freundin von mir geht nie in Kaffeehäuser, weil sie sagt, dass man sich dort eh nicht unterhalten kann und außerdem komisch angeschaut wird, wenn man alleine dort sitzt. Vielleicht sollte ich sie einmal fragen, woher bei ihr dieses Gefühl kommt. Denn in meinen Augen ist sie eine Klassefrau, die mit Lebendigkeit, Humor und Intelligenz das Straßenbild erheblich anregender machen könnte. Und offenbar muss ich nicht nur Frauen meines Alters dazu ermutigen, das Beige im Schrank zu lassen, sondern auch Jüngeren zurufen: Ihr seid schön, zeigt es und seid stolz darauf!

FREITAG: Verständnis loslassen

Geneigte LeserInnen dieser wöchentlichen Zeilen dürften inzwischen wissen, dass ich mich selbst zu den Wurzelmenschen zähle. Bedeutet: immer allem auf den Grund gehen möchte. Doch ich lerne.

Während eines Seebesuchs liege ich auf dem Rücken und schauen den Zweigen der Trauerweide zu, wie sie hin und wieder den Sonnenstrahlen ihren Weg frei geben. Das Blitzen in diesen Momenten – wunderbar! Doch dann blitzt es auch in meinem Kopf, weil mein kleines, aber feines Ego eine Frage in mein Gehirn pflanzt, nämlich jene, warum ich bei manchen Unternehmungen, bei denen ich früher um eine Teilnahme gebeten wurde, inzwischen ohne mich stattfinden.
Und meine Gedanken schwingen mit den Zweigen von einer Seite auf die andere – Sie kennen das vielleicht. Zuerst kommt die Frage nach einem möglichen Fehlverhalten, das mir allerdings nicht bewusst ist, weil ich grundsätzlich ein gutmütiger und positiv gestimmter Mensch bin. Als das Pendel auf die andere Seite schwingt, denke ich mir, dass ich vielleicht von einer speziellen Person nicht mehr gemocht werde. An Vier-Augen-Abenden wäre mir aber diesbezügliches nicht aufgefallen. So, wieder auf die andere Seite. Bin ich vielleicht so stumpf und selbstbezogen, dass sich das meiner Aufmerksamkeit entzieht? Das alles geht noch eine Zeitlang hin und her, bis ich zu schwitzen beginne und ins Wasser gehe.
Nass und mit erhöhtem Herzschlag lege ich mich wieder unter die Trauerweide, dieses Mal auf den Bauch. Normalerweise stöpsle ich mich ein, doch dieses Mal sind meine Gedanken laut genug. Und mein Herzschlag. Vielleicht lag es daran, dass meine grüne Decke auf der Wiese lag, aber der Kontakt zum Grün verortete mich auf einmal wieder in der Realität. Plötzlich hatte ich vor meinem inneren Auge, dass ich ja fragen könnte, wenn mich das Verhalten stört. Und dann: „Will ich überhaupt den Grund wissen?“ Dieser Gedanke hat mich aufsitzen und aufs Wasser schauen lassen. Denn das ist absolut neu für mich. Nicht mehr verstehen wollen, sondern einfach akzeptieren. Und das nicht einmal mit einer traurigen Schwingung, sondern leichten Herzens. Denn eines steht fest: Wenn ich nicht mehr zu jeder Hochzeit eingeladen bin, bekomme ich Zeit geschenkt. In der kann ich mich auf meine Themen fokussieren, lesen, Katze streicheln und eventuell früher ins Bett gehen. Nicht, dass sich letzteres inzwischen zu einer Gewohnheit ausgewachsen hätte – aber immerhin arbeite ich schon daran.
Ein weiterer Vorteil: Durch das Nicht-Fragen oder in weiterer Folge Nicht-Kümmern unterbleiben unangenehme Folgeerscheinungen. Vielleicht fühlt sich der andere ertappt und reagiert anders, als man sich das vorstellt. Oder man selbst handelt gekränkt und will sich rechtfertigen. Sie merken schon, was das für einen Rattenschwanz an Möglichkeiten nach sich zieht. Oder ziehen könnte. Wobei ich bei den voreiligen Schlüssen bin. Don Miguel Ruiz rät ja in seinen „Vier Versprechen“, sich vor schnellen Annahmen und Interpretationen zu hüten, weil sie nichts anderes als eine Suche nach Sicherheit darstellen. Und mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.
Sich damit zu beschäftigen, hat einiges in mir bewegt. Und mich noch achtsamer dafür gemacht, was andere sagen und wie ich darauf reagiere. Auch ob ich überhaupt reagiere. Ganz ausschließen kann man das ja nie, doch man hat immer die Wahl, ob man das nach außen trägt oder bei sich behält. Ich bin noch lange nicht am Ende dieser Entwicklung, doch der erste Schritt fühlt sich gut an. Leicht. Friedvoll. Mein kleines, aber feines Ego ist baden gegangen.

FREITAG: Es lebe die Krise!

Momentan regnet es neue Begrifflichkeiten, was vielleicht damit zusammenhängt, dass ich wieder mehr Zeit zum Lesen finde. Und interessanterweise lese ich immer das, was eine Entsprechung in meinem Leben findet. Es lebe die Krise!

Nachdem es mit den großen Reisen aktuell nur schleppend funktioniert, lasse ich mich langsam, aber positiv gestimmt auf kleinere ein. Zum Beispiel auf Besuche meiner Kinder. Und da ich ja alle als meine Kinder bezeichne, die länger als drei Tage in meinem Leben sind, habe ich inzwischen fast eine kleine Fußballmannschaft um mich geschart. Natürlich gibt es da ‚Stammspieler‘, aber auch jene, die aufgrund von Entfernungen selten in meine Richtung kommen, gehören dazu.
Einen davon habe ich – neben meinem Jüngsten und dessen Freundin – am vergangenen Wochenende besucht und viel Quality-Time mit ihm verbracht. Unser Verhältnis ist trotz des Altersunterschiedes sehr eng, weil uns das Forschen nach Ursachen für Wirkungen verbindet, das Lernenwollen über das Leben und selbstverständlich die Suche nach dem Sinn hinter den Dingen. Die Gespräche dauern Stunden und wir genießen das. Schließlich findet man das nicht hinter jeder Hecke. Was mich aber betrübt hat, war, dass sich dieser junge Mensch in einer Krise befindet. Weil er in seinem Alter den Sinn des Lebens nicht findet. Weil er sich wegsperrt vom Leben, das für ihn mehr oder weniger aus Arbeit und spärlichen, oberflächlichen Sozialkontakten besteht, deren Pflege er sich immer wieder aufs Neue überlegt. Weil er niemanden findet, der wie er eben nach dem Sinn sucht.
Einen Tag später besucht mich ein anderer junger Mensch, der mir erzählt, dass sein Leben gerade zusammenbricht. Da geht es um Grundsätzlichkeiten handfester Natur, Job und generelle Überforderung – solche Sachen. Und während ich nach der Unterbrechung meines Claudia-Tages zuerst einmal etwas esse, um meine Batterien aufzufüllen, stoße ich auf einen Begriff, der meine Erfahrungen zu subsumieren scheint: Quarterlife-Crisis. Offenbar gibt es das als Kategorie bereits seit den 1990er-Jahren, doch mich hat sie eben erst jetzt erreicht. Ja, in manchen Dingen bin ich langsam. Und nein, ich habe keinerlei Erinnerung daran, selbst da durchgegangen zu sein.
Jetzt sollte ich mich davor hüten, dieses Phänomen zu negieren, nur weil ich es nicht erlebt habe. In dieser Phase zwischen dem 21. und dem 29. Lebensjahr habe ich studiert und gearbeitet, das Leben genossen und viel erlebt. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass ich aus einem behüteten Haushalt stamme und erst nach der Matura richtig ins Leben springen konnte. Heutzutage machen junge Menschen diese Erfahrungen ja schon mit 16 und dann weiß man eventuell mit Mitte 20 nicht mehr, was noch kommen soll. Die einzige krisenhafte Erfahrung, an die ich mich erinnern kann, war mit einem Mann verbunden, doch das hat sich relativ schnell gelöst, weil ein neuer Mann auf der Matte stand.
Wie auch immer. Ernst nehmen will ich dieses Phänomen schon, denn ich bin überzeugt, dass uns die Generationen Y und Z in eine ganzheitlichere Zukunft führen werden. Und vielleicht ist es deshalb auch gut, wenn ihre Vertreter zweifeln. Denn Zweifel ist immer auch ein Aufbrechen von ‚alten‘ Strukturen, ein Überdenken von Glaubenssätzen der Ahnen. Meine Generation, die Generation X, hat ja noch vieles von den Eltern übernommen und wenig hinterfragt, solange alles funktioniert und Gültigkeit hatte. Durch meinen kreativen Beruf habe ich früh mit dem Infragestellen begonnen, denn da gelten andere Regeln als in handfesten Branchen wie dem Bankenwesen oder der Medizin. Und das habe ich auch versucht, an meine Kinder weiterzugeben. Für mich war es immer eine Herausforderung, ihnen achtsam beizubringen, was sie für ein Leben in einem neuen Zeitalter brauchen (könnten). Denn dass sich die Welt verjüngt und damit andere Qualitäten gefragt sein werden, war mir relativ schnell klar.
Das war und ist es immer, was mich im Umgang mit jungen Menschen fasziniert. Sie bringen einen dazu, die eigene Gedankenwelt zu überprüfen. Denn wer mit offenen Ohren zuhört, merkt sehr schnell, dass heutzutage wirklich vieles andersherum läuft. Dass sie in einer Umgebung aufwachsen, die einerseits ziemlich reglementiert, andererseits laut, schnell und überfrachtet ist. Und dass genau das dazu führen kann, dass man seinen roten Faden verliert. Viele wissen dann nicht einmal mehr, ob sie männlich, weiblich oder divers sind. Und das kann ich gut verstehen. Manchmal fühle ich mich auch divers, was aber weniger mit meiner sexuellen Orientierung, sondern vielmehr mit einem kurzzeitigen Verlust meines Kontaktes zu mir selbst zusammenhängt. #informationsoverkill.
Insofern bin ich geneigt, die Quarterlife-Crisis als ähnlich sinnvoll zu erachten wie die Midlife-Crisis. Denn beide bringen uns dazu, über den Status quo nachzudenken und das zu ändern, was aufgehört hat zu nähren. Das ist in jedem Fall zuerst einmal verwirrend, weil sich einem die Optionen auf den ersten Blick nicht gerade aufdrängen. Doch beschäftigt man sich damit, weil man sie als Möglichkeit zur Entwicklung begreift, entsteht daraus meist etwas Besseres. Oder zumindest etwas, das einem mehr entspricht. Ob man da schon Mitte 50 oder erst Mitte 20 ist, scheint mir nachrangig. Fortschritt in persönlichen Dingen finde ich immer gut. Dorthin zu gelangen tut weh, ja. Doch das Wesen der Krise ist, dass sie zeitlich begrenzt ist. Und dass es ein ‚Danach‘ gibt, das idealerweise voller Lehren ist, mit denen man arbeiten und – vor allem – erfüllter leben kann.

FREITAG: All-ein-Sein im Alleinsein

All-ein-Sein im Alleinsein – Meine älteste Freundin wird Oma. Wir waren 16, als wir uns im Bus zur Schule und Arbeit kennengelernt haben. Damals hatte sie mehr als ich die Sehnsucht nach Leben in ihren Augen – meine waren so verschlafen, dass ich sie mehr hörte als sah.

Das ist bis heute so geblieben. Wir sehen uns seltener als wir telefonieren, und doch teilen wir die Meilensteine unseres Lebens miteinander. Immer wieder faszinierend finde ich, wie sich zwei Leben so unterschiedlich entwickeln und trotzdem in den wesentlichen Punkten parallel verlaufen können. Sie hat ihr bisheriges Leben in den Bergen verbracht, ich bin davor geflohen. Sie hat drei Kinder geboren, geheiratet und das Gegenteil getan. Ich habe mir meine drei Kinder schenken lassen, in wilder Ehe gelebt und diesen Zustand gewandelt. Viele Faktoren hätten dafür gesprochen, dass sich unsere Wege trennen in den vergangenen fast 40 Jahren. Und doch hat sich eine tiefe Verbundenheit entwickelt, die alle äußeren Umstände hinfällig gemacht hat. Unwichtig. Irrelevant. Die gemeinsame Zeit ist nach wie vor gefüllt mit Lachen, Spiritualität, geteilten Herausforderungen und Bestärkungen.

Jetzt wird sie also Oma. Ihr Ältester und seine Partnerin erweitern das Paarleben mit Hund um ein Zwergerl. Und das in einem Moment, wo meine Freundin gerade ein neues Kapitel ihres Lebens aufschlägt und eine Ausbildung begonnen hat. Meine Sorge, dass sie in den Kümmer-Modus zurückgeworfen werden könnte, beantwortet sie mit „Ich werde das Kind verwöhnen, erziehen sollen es die Eltern.“ Sehr entspannt finde ich das, doch das ist die Aura meiner Freundin, wenn sie bei sich ist. Dass das nicht allzu oft vorgekommen ist in ihrem Leben als dreifache, alleinerziehende Mutter, ist jedem klar. Und doch kann sie es unglaublich genießen, wenn sie Zeit mit sich selbst verbringt. Denn Alleinsein bedeutet für sie alles andere als Einsamkeit.

Auch darin sind wir uns einig. Denn wir sind in einem Alter, wo wir endlich bereit sind, uns um uns selbst zu kümmern. Das richtig herbeisehnen, wenn uns wieder einmal das Leben dazwischen kommt. Und immer wieder einen neuen Anlauf nehmen, um dieses Territorium zu erobern oder gegenüber dem Leben zu verteidigen. Es ist wirklich faszinierend, wie viele Frauen ich in meinem Leben haben, die sich permanent um andere kümmern und deren Bedürfnis nach Selfcaring mit jedem fremden Problem wächst. Hat das damit zu tun, dass sich gleich und gleich gerne gesellt? Die eine kümmert sich um ihre Tochter, obwohl die durchaus im Stande wäre, selbst für gewisse Dinge Verantwortung zu übernehmen. Eine andere zerspragelt sich zwischen Karriere, Ehe und alleiniger Existenzsicherung. Wieder eine andere hat das Gefühl, ihren fragilen Mann hinten und vorne betüteln zu müssen, obwohl sie lieber ein Buch lesen würde. Und eine vierte versucht aktiv, ihre Aufmerksamkeit vom Kümmern aufs Kontemplieren zu richten und doch hin und wieder Urlaub von der Familie zu nehmen.

Meine Herausforderungen sind meistens externer Natur. Denn aus der Lücke in meinem Leben, die ich vor fünf Jahren nach dem großen Umbruch erwartet hatte, ist ein Wühltisch geworden. Ich LIEBE Wühltische, weil man nie weiß, was man findet. Für mich als grundneugierigen Menschen ist das hochspannend. Ich bin sowieso der Meinung, dass man das bekommt, was einen weiterbringt. Doch wenn ich beispielsweise auf die letzte Woche schaue, sehe ich sehr viel Kümmern und wenig Selfcaring. Lange war mir einer der wichtigsten Beweggründe für meine weiten Reisen nicht bewusst, nämlich der Drang, endlich ausschließlich für mich selbst und meinen inneren Frieden zu sorgen. Da ich heuer ja (vorläufig) beschlossen habe, keine halbe Weltreise zu machen, werde ich wohl andere Wege finden müssen, das zu gewährleisten. Denn ohne Alleinsein geht es nicht mehr. Auch bei meinen Freundinnen nicht. Nicht, weil wir alle miteinander misanthropisch geworden wären – die Sehnsucht nach dem Andocken an unser Innerstes wird nur offenbar mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Und es ist schon was Wahres dran, am „Aus der Ruhe kommt die Kraft“. Ist man bei sich, fällt auch die Beschäftigung mit anderen Menschen im Leben leichter. Weil man sich entspannt und aus der Mann-im-Mond-Perspektive anschauen kann, wofür man zuständig ist und wann man andere machen lassen kann. Und darf. Aber machen wir uns nichts vor: Es ist ein steter Bewusstseinsprozess, der noch weit davon entfernt ist, ein Automatismus zu werden. Doch es wird schon, Schritt für Schritt.

FREITAG: Unterm Rock

Was ich an meinem Beruf besonders schätze, ist, dass ich immer wieder lernen darf. Über Zusammenhänge, Menschen, Themen, mit denen sich meine Interessenslage bislang wenig bis gar nicht überschnitten hat. Und dann gibt es da auch noch neue Begrifflichkeiten.

Da rede ich jetzt nicht von Fremdwörtern wie Akinese, die mich meistens im Bauchtanzstudio befällt, wenn ich mein Bein nach hinten strecken und dabei auch noch schütteln soll. Da geht maximal ein gequältes Lächeln, aber darüber hinaus ergebe ich mich vollkommen der Bewegungshemmung. Oder usurpieren, weil mir körperliche Gewalt in ihrer Ausübung fremd ist (was nicht heißt, dass ich nicht ab und an davon träume, jemandem eine runter zu hauen) und ich meist nur will, was zu mir gehört. Auf Macht kann ich ebenfalls verzichten, mir reicht es, wenn ich mein Leben eigenmächtig wuppe. Würde ich da auch noch usurpieren, würde ich wahrscheinlich schon mit meinen Pastinaken Tango tanzen.
Ich rede von einer Begrifflichkeit, die mir kürzlich bei der seltenen Lektüre meiner abonnierten Wochenzeitung begegnet ist. Ja, Zeitunglesen gehört zu meinem Beruf – lucky me! Wie auch immer: Plötzlich stand da „Upskirting“. Schon gehört? Ich bis dahin nicht. Die Recherche ergab, dass damit das Unter-den-Rock-Fotografieren gemeint ist. Geht’s noch? Es gibt einen Begriff für diese Absonderlichkeit? Man könnte eigentlich in unserer übersexualisierten Zeit davon ausgehen, dass die Hinterteile von Frauen sowie diverse umhüllende Kleidungsstücke durchaus gekannt sind. Offenbar nicht, denn das verwackelte Bild eines Handys muss ja wohl ganz etwas besonders Aufregendes sein. *augenroll* Die Briten haben inzwischen ein Gesetz dagegen erlassen, in Österreich und Deutschland sind derzeit gesetzlich „erlaubt“. Ich hasse es, mich zu wiederholen, aber: Geht’s noch?
Wenn ich mir die Führerscheinanwärter von heute anschaue, dann stelle ich fest, dass sich der Prüfungsstoff vervielfacht hat. An Ge- und Verbote, die heute umgesetzt werden müssen, kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht war der Führerschein damals so billig, weil wir nur die Hälfte wissen mussten? Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Gesetzeslage damals übersichtlicher war. Weil es noch so etwas wie Benehmen gab. Weil man durchaus noch eine Ahnung hatte, was zum friedlichen Miteinander notwendig ist. Vorfahrt geben statt nehmen, Bitte und Danke, Profile statt Pos fotografieren – solche Sachen. Manche jungen Menschen trauen sich oft schon deshalb kaum mehr etwas, weil sie fürchten, wegen einer Lächerlichkeit verknackt zu werden.
Unsere Gesetzeslage ist unübersichtlich wie die Verkehrslage auf dem Mittelstreifen einer Autobahn. Und ich denke, das kommt daher, dass es für jedes Fehlverhalten von Menschen gleich ein Gesetz geben muss. Weil die Gesellschaft offenbar ohne das alles außer Rand und Band gerät. Verstehen Sie mich bitte richtig: Für die dicken Dinger ist gerechte Strafe angemessen. Doch für kleine Dinge wie Upskirting sollte es kein Gesetz brauchen – weil wir wissen MÜSSEN, dass das einfach ungehörig ist. Weil wir Menschen sind, die sich befrieden statt bekriegen sollten. Und das geht manchmal besser ohne Handy. Punkt.

FREITAG: Sommergefühle

Sommerhimmel

Ich liebe es, wenn ich in der Früh bei meinem Schlafzimmerfenster raus schaue und mir Hildegard von Bingens Grünkraft in die Augen springt. Der Sommer ist jedes Jahr etwas ganz Besonderes, wenn auch mit einer Umstellung der täglichen Abläufe verbunden. Das ist auch Wandel, dieses Mal jener der Natur.

Heuer habe ich so viel wie nie in den Garten investiert. Und dabei rede ich noch nicht einmal von zugekauften Pflanzen oder Samen, obwohl die auch ein Budget auffrasen, das ich in den vergangenen drei Jahren nicht ausgegeben habe, als ich den Garten einfach machen ließ, wozu er lustig war. Vor allem habe ich Zeit und Liebe investiert, mir meine kleine Oase in der Stadt wieder zu einem erweiterten Wohnzimmer zu machen, durch das ich Tag und Nacht schlendern kann, während die Katze um mich herum tänzelt, im Gebüsch der Igel hustet und die unterschiedlichen Texturen der Wege meine Fußsohlen massieren. Dass ich auch heuer wieder das Gefühl habe, Dornröschen zu sein, hängt aber auch damit zusammen, dass ich bei dieser Hitze nahezu jeden Tag mit dem Gartenschlauch ausrücken muss. Und das ist eine logistische Herausforderung in zweierlei Hinsicht. Erstens sollte ich die richtige Tageszeit erwischen, denn wenn die Sonne hoch steht, laufe ich Gefahr, die Blätter meiner Mitbewohner zu verbrennen. Das wiederum macht notwendig, dass ich zeitig aufstehe, was ich per se schon sehr ungern tue. Ich bin eben auch im Sommer eine Nachteule. Andererseits lockt das abendliche Gießen die Schnecken aus ihren Verstecken, die sich bereits auch so über Mangold und Kohlrabi, Kürbis und Pak Choi hergemacht haben. An heißen Tagen nach einem Regenguss wuchte ich die Gießkannen in die Regentonnen und wieder heraus, um die Töpfe mit Flüssigkeit zu versorgen. Hat es länger nicht geregnet, muss der Gartenschlauch entwirrt werden. Und obwohl ich zwei Einheiten habe, die an unterschiedlichen Stellen des Gartens hängen, muss ich jede davon durch den halben Garten schleifen. Da knickt der Schlauch schon mal und ich muss zurück, während das Beet mit dem Immergrün überflutet wird. Warum? Weil sich das Spritzstück nicht abdrehen lässt. Oder ich breche beim Ziehen des Schlauches die Stiele der Fetthenne ab, die als eine der wenigen Pflanzen dem Garten auch im Herbst und Winter den Hauch von Blüten geben. Das Schilf ist biegsam genug, und trotzdem sind auch an dieser Stelle schon einige Halme dem Gartengießen zum Opfer gefallen. Mein Ex hat mir geraten, den Schlauch vorher auszulegen – habe ich getan, hat sich nicht sonderlich bewährt. Die Stiele der Fetthenne sind nur später gebrochen.
Da ich viele Fetthennen in meinem Garten habe, weiß ich, dass sie mit ihrem Blütenflor die gefährdete Schwester ausgleichen werden, und zur Not kann ich eine an einem etwas bescheideneren Standort umpflanzen. Ist also alles nur ärgerlich, aber nicht dramatisch. Was meinen Tagesablauf zudem verändert, ist die Beschattung meines Hauses. Denn wenn ich nicht zum richtigen Zeitpunkt die Rollläden herunter lasse, verbringe ich mein Dasein in einem Backofen. Also werden am Morgen die Fenster der Schattenseite aufgerissen, während auf der anderen Seite alles verdunkelt bleibt. Mit zunehmendem Fortschreiten des Sonnenstandes, kommen die einen wieder rauf und die anderen runter. Zwölf Rolläden werden also manövriert, was mir langsam, aber sicher zu definierten Oberarmen verhilft. Andere gehen ins Fitness-Studio, ich kurble. Auch hier ist Zeitmanagement wichtig, denn gehe ich aus dem Haus, muss ich mir vorher überlegen, wie die Beschattung zu sein hat, damit mein Dornröschen-Schloss angenehm temperiert ist.
Früher hatte ich zudem den Stressfaktor des Seebesuchs. Denn wer ständig Eintritt bezahlen muss, kommt bei den gestaffelten Preisen schon manchmal in Turbulenzen. Sie werden zwar billiger, je später man hinkommt; allerdings ist das kein exklusiver Gedanken, sondern der fällt vielen ein. Was bedeutet, dass man die Wahl hat zwischen einem teuren Tagesticket, obwohl man nur zwei Stunden Baden will, oder einer überfüllten Liegewiese, wo es keine Privatsphäre mehr gibt – weder akustisch noch physisch. Vor einigen Jahren hatte ich ja einen Verehrer, der immer zu mir aufs Handtuch wollte. Ich hielt das für den Beginn einer psychischen Störung. Heute weiss ich: das ist zum Trend geworden. Inzwischen verscheuche ich Menschen mit einem Blick über meinen Brillenrand, wenn sie die Zwei-Meter-Grenze rund um mich herum verletzen. Nennen Sie mich authistisch – ich stehe dazu. Wenn ich Kontakt zu Menschen will, sage ich das. Wenn nicht, möge man bitte in angemessenem Abstand Quizfragen diskutieren, Fast Food-Stände besprechen oder das Verhalten anderer bemängeln. Manche sind dabei so laut, dass ihre Stimmen sogar durch meine Kopfhörer dringen. Und das, obwohl sie nebeneinander auf ihre Matten liegen. Wie auch immer: seit letztem Jahr habe ich eine Saisonkarte und kann schon am Morgen am See sein, wenn sich der Andrang noch in Grenzen hält – allgemein und speziell rund um meine Badetasche.
Trotzdem mag ich den Sommer, die hellen Himmel, das kühle Wasser des Sees, an dessen Ufer ich arbeiten und gegebenenfalls eintauchen kann, wenn mir gerade wenig einfällt. Ich mag es, wenn die Sonne die Wassertropfen auf der Haut auftrocknen, ich den Zweigen von unten beim Schwingen zusehen kann und über eine kurze Strecke einem Flugzeug nachschauen darf, das einen Kondensstreifen hinter sich herzieht. Ich genieße den Lauf der Wolken, die lauen Nächte in einem Gastgarten, die leichte Kleidung – selbst wenn sie wie aktuell vorrangig am Körper klebt. Aber auf diese Weise lerne ich auch einmal dieses Wet T-Shirt-Gefühl kennen, das ich mir aus Anstandsgründen, eventuell wegen mangelnder Oberweite bisher versagt habe. Bei diesen Temperaturen wäre die einzige Alternative, in klimatisierte Räume zu gehen, was mir ein Graus ist. Lieber setze ich mich ins Auto, kurble (wieder einmal) die Fenster runter, zünde mir eine Zigarette an und höre laute Musik, während ich Gas gebe. Auch das ist Sommer für mich, und noch dazu ein ziemlich guter. Morgen sehe ich Rod Stewart – mehr geht fast nicht.