FREITAG: Rote Autos für weite Strecken

Man soll vorsichtig sein, was man sich wünscht. Nein, lerne ich beim Gespräch über den Zaun. Und wieder lerne ich von der Jugend.

Bald hat mein kleiner Nachbar Geburtstag. Auf die Frage, wie alt er wird (nicht dass ich es nicht wüsste, doch Männer kann man nicht früh genug in den Redefluss bringen), streckt er mir seine Hand entgegen und spreizt alle Finger. Das kann man jetzt nicht unbedingt als gewaltiges verbales Statement betrachten, doch die Antwort auf die Frage nach seinen Wünschen umso mehr. Ein rotes Auto mit Wohnwagen für sich, dann ein Spielhaus mit einem kleinen Trampolin und vieles mehr. Seine Wünsche, erklärt er mir, liegen in Brieferln in seinem Bauch. Dort gibt es Fenster, durch die der Postbote schaut und dann liefert. Seine Mutter ist bemüht, Enttäuschungen zu vermeiden und versucht, die Anzahl der ersehnten Geschenke einzudampfen und ihren Kleinen dahin gehend einzuschwingen, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen müssen. Der bald Fünfjährige widerspricht vehement. Und ich versuche mich in Diplomatie, werfe über den Zaun, dass Wünsche ihre eigene Geschwindigkeit haben.

Dabei fällt mir ein, dass mir kürzlich der Satz gesagt wurde: „Wünschen darf man aber schon.“ Er folgte auf meine Aussage, dass ich mich so gut wie nie um einen Mann bemüht habe in meinem Leben. Genauer: einen in mein Leben zu ziehen. Ich erinnere mich noch an meine Gymnasialzeit, als einer meiner Mitschüler plötzlich damit begann, mich während der Stunden anzustarren. Ich fand das hochgradig irritierend, und dass er mir seine Zuneigung schrieb und dann auch noch mit mir spazieren gehen wollte, verstärkte dieses Gefühl noch. Nicht dass er unansehnlich gewesen wäre oder sich unangemessen verhalten hätte: Ich verstand einfach nicht, was er suchte und an/in mir fand. Was er bezweckte. Leider kam er nie über das Starren hinaus, auch beim Spaziergang nicht. Doch eines hatte er geschafft, nämlich dass ich Zeit mit ihm verbrachte. Und das habe ich in den vergangenen 40 Jahren immer wieder getan, mit unterschiedlichem Erfolg. Doch gewünscht habe ich mir eine Beziehung eigentlich selten. Es passierte halt. Vermutlich waren die Hormone im Spiel, auch die eine oder andere Beweisführung, dass ich „es auch konnte“. Und das Gefühl des Verliebtseins hatte ich schon ganz gerne.

Allerdings kam damit natürlich auch die innere und äußere Ruhe abhanden. Wenn man einen Freund hatte, bedeutete das Kümmern, Klamüsern, Kompromisse. Kuscheln natürlich auch, aber hauptsächlich die ersten drei. Aus heutiger Sicht stelle ich fest, dass ich da wohl einiges missverstanden oder mir vieles falsch abgeschaut habe. Meine Beobachtungen sind und waren: Um Männer muss man sich kümmern. Inzwischen weiß ich: Männer können sich ganz gut um sich selber kümmern, wenn man sie nur läßt. Klamüsern lag eher in meinem Bemühen, mein Gegenüber kennen- und verstehen zu lernen. Inzwischen weiß ich: Verstehen ist nur eingeschränkt möglich, Akzeptanz für die Eigenheiten des Anderen vorteilhafter. Und das mit den Kompromissen? Einer meiner Onkels sagt immer, dass ihn Kompromisse nicht interessieren. Denn wenn seine Frau glücklich ist, ist er es auch. Unnötig zu betonen, dass ich mit ihm darüber diskutiert habe, um ihm auch sein Recht zu verdeutlichen. Doch verändert hat das nichts. Er versucht nach wie vor, seine Frau zu beglücken, was nur beschränkt klappt, da sie sehr viel von Kompromissen hält.

In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder versucht, eine dieser Listen fürs Universum zu schreiben, wie es eine meiner Freundinnen getan hat. Sie beschrieb bis ins kleinste Detail ihren Wunschmann, und siehe da – das Universum hat geliefert. Bei mir hat das nur mangelhaft geklappt, vor allem weil ich eines außer Acht gelassen hatte: meine Intention. Und die war eben auch mangelhaft. Mir war beim Listenschreiben eher die Neugierde wichtig, ob das klappt als die Tatsache, dass Mr. Right vor meinem Tor von seinem weißen Schimmel abgeworfen wird. Manchmal wollte ich auch nur irgendwem beweisen, dass Männer in meinem Leben durchaus Platz haben. Auch Schwachsinn. Doch jetzt weiß ich: Ich habe keine Ahnung, ob ich mir einen Mann wünschen soll oder nicht. Und deshalb wünsche ich mir eben gar nichts. Im Grunde ist nämlich alles schon da – vielleicht nicht in der traditionellen Verteilung, aber trotzdem.

Von meinem kleinen Nachbarn kann ich lernen, dass man unbeschwert wünschen kann. Und vertrauen darf, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen. Tun sie das nicht, so lange man Kind ist, wächst man glücklicherweise heran und kümmert sich irgendwann selbst um seine Sehnsüchte. „Gib Deinem Wunsch Maß und Grenze, und Dir entgegen kommt das Ziel.“ Gemäß dieser Worte von Theodor Fontane wünsche ich mir das Maß von rund 9.000 Kilometern Luftlinie, die Überquerung der Grenzen von Italien, Libyen, Niger, Tschad, der Zentralafrikanischen Republik, des Kongo, Angola, Namibia und Südafrika. Auf dieser Strecke kommt mir auch das Ziel entgegen, mein geliebtes „Beach House“. Wenn’s leicht geht, liebes Universum, heuer noch. Bis dahin wünsche ich mir Gesundheit und Zufriedenheit für alle Menschen, die mir am Herzen liegen und Frieden im Herzen der Restpopulation des Planeten. Das Universum hat einiges zu tun.

FREITAG: Ich darf alles!

Mein Ex meinte, dass ich momentan gerade sehr im Kopf bin. Dabei habe ich ein völlig entgegengesetztes Gefühl. Impulse ja, aber die führen gerade nirgendwo hin.

Einer dieser Sommertage, auf die ich schon lange gewartet habe. Von den Morgenstunden an strahlend blau, mit einem prickelnden Wind und ausreichend Wärme. Im Grunde ein idealer Badetag, wenn man sich nicht selbst sabotieren würde. Das passiert manchmal, und gerade dann schätze ich mich glücklich, dass es mir überhaupt auffällt. Täte es das nämlich nicht, befände ich mich in einem Status der Stagnation und würde mir den Kopf darüber zerbrechen, was das nun wieder soll.

Ich stelle also diese Lähmung in mir fest. Die Ursachen sind mannigfaltig und deshalb ein kompliziertes Geflecht von Gedanken. Erstens spüre ich, dass sich in meinem Körper sehr viele Informationen gesammelt haben, die irgendwie feststecken. Ich kriege sie auf die Schnelle nicht los, so etwas braucht Zeit. Jetzt könnte man meinen, dass Wasser ja den absolut richtigen Effekt hätte, nämlich das alles auszuspülen. Grundsätzlich richtig, doch wenn man das Gefühl hat, dass man wie eine Boje AUF dem Wasser liegt, statt sich IM Wasser treiben zu lassen, sind das mangelhafte Zustände. Abgesehen davon hat die Erfahrung gezeigt, dass ich immer wieder die Geschichte der Umliegenden aufschnappe, und insofern ist die Gefahr einer weiteren Zunahme meines Overkills an Informationen groß. Punkt 2: Das Zeitmanagement, das für heute Tanzen und Texten und Treffen vorsieht. Tauchen brächte dieses Konstrukt schon wieder ins Wanken, weil auch mein Tag nur 24 Stunden hat – da kannste machen gar nix. Dass ich nicht weiß, wie warm der See ist, befördert die Gemengelage auch nicht gerade.

Sie verstehen nun vielleicht meine Stagnation. Extremhitze hat diese Auswirkung auf mich, schon die Aussicht darauf lähmt mich. So wie es aussieht, weiß ich aktuell vor allem, was ich NICHT will. Und das macht mich hellhörig. Denn grundsätzlich weiß ich zwar, dass ich nichts muss, doch diese Vermeidungsstrategie ist normalerweise keine konstruktive – zumindest in meiner Welt. Ich bin dafür, nicht dagegen. Wie drehe ich das also?

Ich darf alles! Ich darf zuhause bleiben, meinen Fuß pflegen, der immer noch Achtsamkeit erfordert. Ich darf mich unter die Gartendusche stellen, wenn sich die Körpertemperatur in Sturzbächen an Schweiß äußert. Und ja, ich darf auch eine Bauchtanzstunde ausfallen lassen, wenn ich befürchte, dass mich die Hitze samt körperlicher Betätigung in die Knie zwingen wird. Dort zu verweilen, hat sich angesichts meines Fuß als wenig zielführend erwiesen. Auch wenn diese Stellung gut gegen den Zehenkrampf ist, den ich hin und wieder ausfasse, wenn mich der Bellydance-Perfektionismus befällt.

Ich darf im Schatten sitzen, so lange ich will, egal, ob das Schönheitsideal einen braunen Teint vorsieht oder nicht. Coco Chanel mag in den 1920ern die sonnengegerbte Haut zum Statussymbol gemacht haben, doch wenn die Lebensart und die Unabhängigkeit an einem äußeren Merkmal hängen bleibt, läuft es auf eine. Und die kann man ändern. Oder sich zumindest davon lösen. Nicht dass ich mir mit leicht gebräunten Wangen nicht auch besser gefalle – kommen allerdings verkniffene Gesichtszüge ob der Hitze davon, die in Grimmigkeitsfalten münden, verliert das Sonnenbad deutlich an Attraktivität.

Ich darf für mich selbst kochen, was von Vorteil ist, weil ich dann weiß, was ich esse. Im aktuellen Zustand: Detox! Ja, es gibt Lebensmittel, die einen Abfluss von Information befördert, aber natürlich sollte man dann auch darauf achten, dass der Zufluss einigermaßen kontrolliert bleibt. Deshalb habe ich im Telefonat mit meinem Ex auch darauf hingewiesen, dass ich nur so viel erzähle, weil er mich gefragt hatte und eigentlich viel lieber geschwiegen hätte. Und bei allem Wohlwollen, weniger gehört hätte. Aber was soll ich sagen? Der Mann ist trotz seiner höchst positiven Entwicklung halt immer noch lösungsorientiert und bemüht, mein Leben zu verbessern. Mitunter haben wir beide davon unterschiedliche Auffassungen. Und meine ist heute: Ich darf alles, muss nix. Auch keine Lösungshinweise annehmen. Deshalb darf ich auch die Lösungen in mir selbst finden. Kann dauern, doch ich hoffe, dass sie in einen entleerten Kopf weicher fallen. Dass ich mich jetzt als Ganzes weich in die Hängematte fallen lasse, dürfte helfen.

FREITAG: Der Geist des Reisens

Gar nicht so einfach, ein deutsches Wort für Mind-Set zu finden. Gesinnung klingt irgendwie vorgestrig, Bewusstsein ist meines Erachtens ein wenig zu hoch gegriffen. Wie auch immer: Es ist kompliziert.

Ich finde Geisteshaltung und Denkweise und bin zufrieden, dass ich mich dem Denglish widersetzen konnte. Eine wirkliche Geisel der rhetorischen Menschheit, doch manchmal unumgänglich, weil es einfach Wörter gibt, die man im Deutschen nur mit viel mehr Silben übersetzen kann. Lustig wird es dann, wenn ein deutsches Wort auch auf Englisch deutsch daherkommt. Übersetzt man nämlich „Fernweh“ dorthin, erhält man „Wanderlust“. Womit ich beim Thema bin.

Während ich in (nicht an) reifen Kirschen ersticke, einen Dschungel vor meinen Fenstern habe und der Himmel strahlt, kreisen zwei Gedanken umeinander. Der eine: Wie schön ist es hier und wie glücklich darf ich mich schätzen! Und das noch dazu in einer der schönsten Städte der Welt, die (normalerweise) drei Millionen Menschen im Jahr anzieht. Die eine Lebensqualität bietet, die man selten irgendwo findet mit Bergen und Seen, Kultur und Kulinarik, Freiheit und Tradition. Früher dachte ich mir öfters, dass ich doch noch einmal irgendwo anders wohnen möchte – London zum Beispiel. Doch bei meinem letzten Besuch musste ich feststellen, dass ich mich von dem, was ich an dieser Metropole so liebte, entfernt habe und im Grunde nur von einem Park zum nächsten gesprintet bin, weil mir alles andere zu laut und zu nervig war. Doch ein kleines Apartment am Rande des Hydeparks – warum nicht? Allerdings ist es gerade keine sehr gute Zeit für Überlegungen dieser Art.

Was mich zum anderen Gedanken bringt, der mir ziemlich fremd ist. Mit dem Sommer und dem Herannahen der Schulferien kommt man am Thema Urlaub kaum vorbei. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr verebbt es auch wieder sehr schnell, weil die Alternativen zum Urlaub zu Hause wahlweise der Mut zum Anziehen der von Siebenmeilenstiefeln gering sind. Heute hätte ich mit meinen Eltern den Flieger nach Edinburgh besteigen sollen, um dort den 82. Geburtstag meines Vaters zu feiern. Jetzt findet er in den Tiroler Bergen statt, und ich werde noch eine Weile warten müssen, bis ich meine schottische Freundin nach über zwei Jahren endlich treffen kann. Ob ich meine andere Freundin in Kapstadt heuer noch sehen werde, weiß ich auch nicht. Und meine ewige Liebe sowieso – das Meer. Jetzt könnte ich natürlich nach Italien oder Kroatien, im September habe ich eine Einladung zu einer Weinreise in der Türkei. Doch mit den Mittelmeer-Hotspots bin ich eigentlich durch, weil für mich das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt; ob mich die Türkei bis dahin reinlässt, ist auch fraglich, selbst wenn ab Mitte Juli die Flieger wieder dorthin abheben.

Letztes Jahr hatte ich ja schon den Versuch gemacht unternommen, Urlaub daheim zu machen. Es war schön dort, ruhig und doch irgendwie vertraut. Und das ist genau das, was ich beim Verreisen vermeiden möchte – das Vertraute. Am liebsten habe ich den fremden Geruch, wenn ich irgendwo im Süden die ersten Schritte aus dem Flieger mache. Doch wie wird das werden, wenn wir alle diesen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen? 14 Vierzehn Stunden Flug mit Visier könnte ich mir noch vorstellen, allerdings das Schlafen schwierig machen. Und die wichtigste Frage: Tue ich mir das wirklich an?

Im Gespräch mit einer Freundin stelle ich fest: Reisen ist ein Mind-Set, eine Geisteshaltung, eine Denkweise. Und ja, ich empfinde mich als Reisende – mental, seelisch, körperlich. Ich bin gerne unterwegs, tauche gerne in fremde Kulturen ein, treffe gerne Menschen, die einer anderen Mentalität anhängen als ich selbst. Und wenn dabei das Meer zu hören und zu sehen ist, bin ich auf Wolke sieben. Doch in Zeiten wie diesen frage ich mich: Ist das nicht alles ein Gedankenkonstrukt? Nimmt es mir etwas von meiner Persönlichkeit oder meinem Wohlbefinden, wenn ich das alles nicht mehr habe? Vermutlich nicht. Das Sturheitsgen in mir schreit natürlich „doch, doch, doch“, wird aber sehr leise angesichts der wahrscheinlichen Einschränkungen beim Hüpfen von Kontinent zu Kontinent.

Im vergangenen Jahr war ich in einer ähnlichen Situation. Es gab kein Reiseziel, keine Unterkünfte, zu keine erschwinglichen Preisen, zu denen ich mich aufraffen konnte. Damals habe ich entschieden, gar nichts zu entscheiden und alles auf mich zukommen zu lassen. Weil ich das Gedankenkarussell in meinem Kopf nicht mehr wollte. Ich kenne diese Situation also bereits. Und selbst wenn die Vorzeichen 2020 anders sind und ich es gar nicht mag, gezwungenermaßen von etwas abgehalten zu werden: Es ist, wie es ist. Ich bin zwar noch weit davon entfernt, Urlaub in Österreich als wirkliche Alternative zu „meinem“ Beach House zu betrachten. Oder zum Meer allgemein. Doch vielleicht brauche ich diese Pause, um mich neu zu justieren. Um meine Persönlichkeit und das Reisen zu entkoppeln. Weil eben auch das Unterwegssein eine Frage der Perspektive ist. Momentan habe ich das Gefühl, dass ich dafür offen sein sollte – schauen wir mal, was daherkommt.

FREITAG: Das Lernen geht weiter

Ein kleiner Test am Morgen hat ergeben, dass fast alle meine Chakren aktuell aus der Balance sind. Ausgenommen mein Hals-Chakra. Der perfekte Tag also, um mich mitzuteilen.

Ja, mein Leben ist momentan wieder proppenvoll, und offenbar verschließen sich meine Chakren von innen. Von unten nach oben: Ich hatte einige Wochen ein Problem mit meinem linken Fuß, der einfach etwas anderes wollte als ich. Ruhe, Extremcouching, Fürsorge. Und ab dem Zeitpunkt, an dem ich das begriffen hatte, konnte er heilen. Für das Gleichgewicht ist ein schmerzender Fuß suboptimal, doch da bin ich zuversichtlich. Was mein Sakralchakra angeht – na ja. Ich wollte meine C-Zeit dazu nutzen, endlich das dritte „Voll50“-Buch zu schaffen mit allem, was ich dazu an Ideen aus Kapstadt mitgebracht hatte. Und diese Ideen finde ich nach wie vor gut. Doch die Schöpferkraft lässt mich im Stich. Seit drei, vier Wochen habe ich mir einen eigenen Tag nur dafür reserviert – irritierend, dass seitdem immer an diesem Tag irgendetwas Dringendes passiert, was meine Aufmerksamkeit erfordert. Und nein, nicht immer steht der Willen fürs Werk. Andererseits: Wenn ich mich auf die göttliche Vorstellung von Geschwindigkeit verlasse, wird mir schon der richtige Zeitpunkt und damit auch der entsprechende Energieschub vermittelt werden. Hoffe ich zumindest, denn ich bin sicher, bislang schon einige Hinweise in dieser Richtung übersehen zu haben. Aber hey, ich bin ein lernendes Wesen und insofern optimistisch. Unmittelbar damit hängt mein Nabel-Chakra zusammen. Wenn eine Ebene darunter Ebbe herrscht, kann die übergeordnete wenig machen. Doch daran arbeite ich, zumal sich herausgestellt hat, dass es eine direkte Verbindung zwischen meinem Fuß und diesem Chakra gibt. Entsprechende Yogaübungen, Ernährung und Meditationen zeigen Wirkung, was meinen Optimismus befeuert. Hitze ist jetzt zwar nicht unbedingt das Richtige für diese Körpergegend, aber dafür eine Freude für das Wurzel-Chakra. Dass ich mir meine Fuß-Chakren als rote Kreise vorstellen soll, wie mir eine Meditation verrät, hilft dabei. Das Rot wird einfach umgeleitet.

Dass das Herz-Chakra aus der Balance ist, ist vermutlich eine Folge aus all dem. Nicht, dass ich die Menschen in meinem Leben nicht mehr lieb hätte oder ihnen nicht mehr mit Mitgefühl begegnen würde – mir fehlt einfach die Zeit, mich darauf einzustimmen und es wirklich zu empfinden. Ich habe zwar eine Art Autopilot diesbezüglich, weil ich um ihre Bedeutung in meinem Leben weiß. Doch spüren ist noch einmal eine andere Dimension. Das ist wie mit ständigem Begehrtsein – man kann irgendwann einmal kein eigenes Begehren mehr empfinden, sondern reagiert nur noch.

Das Hals-Chakra ist aktuell – wie gesagt – in Ordnung, das Stirn-Chakra die nächste Baustelle. Obwohl ich da kürzlich wirklich einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben glaubte. Und zwar hin zu mehr Bewusstheit und Erkenntnis. Was ja im Idealfall das Ergebnis von Lernen sein sollte. Ich habe nämlich gelernt, dass ich etwas absolut persönlich Gemeintes überhaupt nicht persönlich genommen habe. Andere nahmen das an mich Herangetragene viel persönlicher als ich, und das brachte mich zum Nachdenken. Wenn es um die Interaktion mit mehreren Menschen in einem Lernumfeld geht, bin ich manchmal ein bisschen blind. Ich will Wissen generieren, die Gruppendynamik ist dabei sekundär. Natürlich ist es wichtig, dass Wertschätzung und Respekt herrschen, doch für das Subkutane fehlt mir die Wahrnehmung. Und deshalb habe ich das persönlich Gemeinte auch nicht kommen sehen wie andere. Was aber insofern nichts macht, weil ich gelernt habe: Mein Selbstwert ist stabil, ich kann mich in Momenten wie diesen darauf konzentrieren, was mir das Gegenüber über sich selbst erzählt. Dabei hilft vermutlich auch, dass ich mich inzwischen schon sehr daran gewöhnt habe, eine Projektionsfläche für andere zu sein. Früher habe ich mich darüber unglaublich aufgeregt und nächtelang gebrütet, was denn an mir diese Eindrücke hervorgerufen haben könnte. Inzwischen weiß ich: Reaktionen wie diese haben mit mir gar nichts zu tun. Ich bin okay, der/die andere aber auch – selbst, wenn wir darin übereinstimmen, eben nicht übereinzustimmen. Könnte der kleine Test sich bezüglich meines Stirn-Chakras geirrt haben?

Richtig lag er sicher beim Kronen-Chakra, denn kommt momentan gar nichts rein, obwohl ich in meinen Tagen Zeit für Spiritualität reserviere, jeden Morgen meditiere und auch zwischenzeitlich meinem Hörsinn Ruhe gönne. Könnte es sein, dass ich einfach grenzenlos übermüdet bin, wahlweise überreizt oder überbeansprucht? Vermutlich. Doch wenn ich mir die nächsten zehn Tage anschaue, ist für das Ausbalancieren wenig Zeit. Andererseits: Jetzt, wo ich es weiß, kann Abhilfe geschaffen werden. Regelmäßige Stille, Einkehr und Grünkraft können helfen, gleichzeitig das stete, aber sanfte Dranbleiben an dem, was mir wichtig ist. Öfter durchatmen. Besseres Selbstmanagement statt Zeitmanagement. Heureka!

FREITAG: Wilhelm Busch und das Muss

Geneigte Leser*nnen dieser Zeilen werden schon bemerkt haben, dass ich gerne lerne. Der Beschluss kam spät, aber nicht zu spät – in Zeiten von Lifelong Learning sowieso nicht.

Meine Kindheit war von ziemlich vielen Büchern bevölkert, unter anderem auch von denen von Wilhelm Busch. Witwe Bolte, Max und Moritz – diese Figuren sind immer dann aufgetaucht, wenn die ausgeliehenen Bücher wieder einmal vor der Abgabefrist ausgelesen waren. Allerdings kann ich mich nicht an den Spruch: „Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muss“ erinnern. Das kann zweierlei Gründe haben. Erstens, weil ich zumindest in meinen ersten acht Schuljahren immer gerne gelernt habe. Zweitens, weil in den nächsten fünf Jahren zumindest meine Eltern den Beschluss gefasst hatten, ich aber aus Pubertätsgründen natürlich meinen eigenen Weg suchen wollte. Mein Horizont damals hat noch nicht so weit gereicht, dass sich das mit lauter Bergen rundherum in der gewünschten Art und Weise meiner Eltern erledigte. Aber wurscht, schlussendlich habe ich den Weg zur Kreuzung gefunden, die mehr anbot als die Richtungen „taleinwärts“ oder „talauswärts“.

Dass mir irgendwann einmal alle Himmelsrichtungen offenstanden, fand ich anfangs großartig und erfüllend. Doch mit zunehmendem Alter ist es tatsächlich so, dass ich das Gefühl habe: Die Optionen erdrücken mich ein bisschen. Bei Reisedestinationen ist das glücklicherweise nicht ganz so schlimm, momentan sowieso nicht. Beim Lernen allerdings gerate ich ins Schleudern. Denn in unserer komplexen Welt gibt es schließlich immer etwas, was wir noch nicht wissen. Und damit meine ich jetzt nicht, dass ich es einfach nicht schaffe, in meinem Mailsystem eine Signatur zu installieren, die NICHT in einer Zeile erscheint, sondern untereinander. Obwohl man das schon auch als Lernen bezeichnen könnte. Irgendwie. In meiner Welt hat Lernen allerdings etwas mit der Erweiterung des Bewusstseins zu tun. Wie die Welt funktioniert. Wie Menschen funktionieren. Und ja, auch Wissen über Katzen gehört da durchaus dazu. Kürzlich habe ich gelesen, dass die Stubentiger im Grunde nur miauen, weil sie sicherstellen möchten, dass wir Menschen auf sie reagieren und dass sie nicht länger als maximal vier Minuten gestreichelt werden wollen. Was mich zur Erkenntnis bringt, dass die Katze, bei der ich wohne, höher oder niedriger entwickelt sein muss. Doch genau wissen werde ich das wohl nie. Insofern hat die gewonnene Erkenntnis zwar an meinem Alltag angedockt, mir aber nicht wesentlich weitergeholfen.

Und genau das ist der Punkt. Wir schaufeln viel zu viel Wissen in uns hinein, ohne zu reflektieren, ob es uns auch weiterbringt. Da hilft die 5-Stunden-Regel, habe ich gelernt. Sie besagt, dass man jeden Tag eine Stunde damit verbringen sollte, etwas Neues zu lernen – idealerweise etwas, was uns weiterbringt. „Erfunden“ hat sie der amerikanische Präsident Benjamin Franklin, und aktuell ist sie nach wie vor, beispielsweise für Bill Gates (momentan eher pfui wegen seiner C-Impfstoff-Engagements), Oprah Winfrey und Warren Buffett. Jetzt muss man sich ja nicht unbedingt die Bücher zu Gemüte führen, denen diese drei anhängen. Man kann seinen Lesestoff wirklich ganz individuell definieren. Doch man sollte jeden Tag eine Stunde dafür reservieren. Was nicht bedeutet, dass man sie irgendwo abzwicken muss – achten Sie ruhig einmal darauf, wo Sie nicht so hundertprozentig produktiv sind oder sein wollen. Ich persönlich ziehe Lesestoff jedem Programm vor, das um 20:15 Uhr über den Bildschirm flimmert. Und sollte das schon out of date sein: Das habe ich offensichtlich noch nicht gelernt.

Der zweite Punkt dieser Regel: darüber reflektieren. Und das kann im Gespräch mit jemandem sein, aber auch schriftlich passieren. Ich habe mir dafür ein kleines Heft angelegt, das ich gerne in die Hand nehme, weil der Umschlag mit flauschigen Samtgirlanden verziert ist. Darin notiere ich mir alles, was ich verstanden habe und im Kopf behalten möchte. Schreiben hat mir persönlich schon immer geholfen. Während meiner Studienzeit beispielsweise habe ich alle meine Skripte mit der Schreibmaschine getippt, was zudem den Vorteil hatte, dass ich das Gehörte auch lernen konnte. Meine Handschrift war dazu leider nicht geeignet. Man kann aber auch beim Staubsaugen oder Spazierengehen darüber nachsinnen – je nach Lust und Befindlichkeit.

Punkt drei: das Integrieren in den Alltag. Kürzlich hatte ich einen Aha-Moment diesbezüglich, weil ich schon seit geraumer Zeit darüber nachdenke, warum ich immer nur schräge Typen anziehe. Die Erkenntnis: Ich reagiere nur auf diese Spezies, weil sie mich neugierig macht. Nun kann man sich normalerweise an allen zehn Fingern ausrechnen, dass Schrägheit nie gerade wird, doch da bin ich bislang etwas langsam gewesen auch wenn mich die Beschäftigung mit diesen Menschen ziemlich viel Energie, Herzblut und Schlaf gekostet hat. Und dann kam der Beschluss, zu lernen, wie ich damit aufhören kann. Im Prinzip ziemlich einfach, doch darauf muss man erst einmal kommen. Meine Conclusio: Wenn mir einer schräg kommt und ich die Neugier in mir aufsteigen fühle, gehe ich einfach weg. Oder ich drehe mich um. Oder ich rede mit jemandem anders. Und so kann ich die gewonnene Erkenntnis auf den Boden bringen. Punkt drei erfüllt. Das mag mir jetzt in einem ersten Schritt nicht zwangsläufig den Kontostand von Bill Gates, Warren Buffetts oder Oprah Winfrey bescheren. Doch wenn ich mir überlege, wie viele Stunden Gedankendrainage ich mir damit spare, die ich in meine eigenen Projekte stecken kann, dann bin ich auf einem guten Weg. Und unterschreibe ein Zitat von Günther Jauch nahezu blind: „Wissen wird erst zu Bildung durch die Persönlichkeit eines Menschen. Bildung ist mit Lernen verbunden, das kostet Zeit und Nerven, aber wissen Sie, was? Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen!“

FREITAG: Nachtrag zum Muttertag

Meine Mutter hat über mich geschrieben und hat recht gute Chancen, dass dieser Text auch veröffentlicht wird. Und ich hätte mir nie gedacht, wie heilsam das ist.

Ich kenne kaum jemanden, den seine Mutter kaltlässt. Und insofern ist es vermutlich gut, dass ich selbst nie Kinder auf die Welt gebracht habe und mich auf mein Dasein als „wilde Mutter“ konzentrieren kann. Da steht man mit all seinen Stärken und Schwächen nicht ganz so im Fokus. Böse Zungen würden nun vielleicht sagen, dass es leicht ist mit Kindern, wenn man sie wieder „zurückgeben“ kann. Doch meine Erfahrung ist: Das Zurückgeben und Zurücknehmen ist ein ständiger Prozess, der einen lehrt, wie schnell sich Kinder verändern können und wie wichtig es ist, diese verschiedenen Stadien wahrzunehmen – vor allem für die Kids.

Wie auch immer: Ich schreibe ja schon lange über die jungen Menschen in meinem Leben, weil ich unglaublich viel von ihnen gelernt habe und das immer noch tue. Unser gemeinsames Dasein ist nach wie vor verwoben, auch wenn es an unterschiedlichen Orten stattfindet und lockerer geflochten ist. Und genau hier stellt sich heraus, ob man imstande war, kräftige Fäden zu spinnen. Wie es im Moment aussieht, haben wir das geschafft. Und es ist jeden Sonntag aufs Neue ein virtuelles Vergnügen, den Kids bei ihren Projekten, Gedanken und Herausforderungen zu folgen, manchmal gefragt zu werden und trotzdem zu wissen, dass sie alle Lösungen für das Leben heute in sich tragen.

Ob ihnen bewusst ist, dass ich immer wieder über sie schreibe? Vermutlich nicht. Es genügt ihnen, wenn sie zu Weihnachten einen rührseligen Brief von mir bekommen, wo ich ihre Entwicklung zusammenfasse und sie stärke. Da weiß ich, dass sie das lieben – oft mehr als das dazugehörige Geschenk. Und auch ich kann mich noch genau an die ersten Zeilen meiner Mutter in einem kleinen Büchlein erinnern, das sie mir vor über 20 Jahren geschenkt hat. Nicht dass meine Mutter schreibfaul wäre oder nichts zu sagen hätte; aus irgendeinem Grund überließ sie das Verfassen von Zeilen an mich stets meinem Vater. Ich liebe seine Karten und die darin enthaltenen Gedanken, doch mit zunehmendem Alter (meinem!) werden mir die Gedanken meiner Mutter wichtiger.

Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich mich in den vergangenen Jahren sehr damit auseinandergesetzt habe, was Weiblichkeit in der heutigen Zeit bedeutet. Denn irgendwann einmal musste ich feststellen, dass es dafür kaum Vorbilder gibt. Die C-Zeit hat ja gezeigt, wie leicht man in traditionelle Rollen schlüpft, ohne das zu hinterfragen. Eine meiner Freundinnen hat sich daran sehr abgearbeitet, dass ihre drei Männer zu Hause es nur in sehr seltenen Fällen für nötig empfanden, irgendetwas zur Herstellung der häuslichen Ordnung beizutragen oder organisatorische Dinge zu erledigen. Es blieb an ihr hängen, so schnell konnte sie gar nicht schauen.

Die Frauen, die ich während meines Aufwachsens beobachten konnte, waren unterschiedlich und doch ähnlich in ihren Vorgehensweisen. Meine Großmutter mütterlicherseits pflegte ein absolut traditionelles Frauenleben in aller Konsequenz. Dass es ihr nicht ganz entsprochen haben muss, lässt sich wohl an dem einen Satz nach dem Tod ihres Gatten ablesen, der ihr mit 90 Jahren einfach herausgerutscht ist: „Jetzt bin ich wieder frei!“ Meine Mutter adaptierte das Frauenleben, indem sie arbeitete. Beiden war wichtig, dass ich unabhängig werde – mission accomplished! Und trotzdem dachte ich mir irgendwann einmal, warum man das betonen muss, wo es sich eigentlich von selbst versteht. Etwas später ahnte ich, dass dieser Leitspruch aus ihrer jeweiligen Lebenssituation heraus kam, dass die beiden vermutlich stets das Gefühl hatten, einen Mann zu brauchen, um existieren zu können.

Wenn man Glaubenssätze wie diese unbewusst übernimmt und dann darauf kommt, dass das Leben noch andere Dinge für einen bereithält, kann der Sprung vom Turm unsanft werden. Da wird einiges gerade gerüttelt, doch ein schlüssiges Konzept zu einem weiblichen Dasein fällt damit noch lange nicht an seinen Platz. Das ist harte Arbeit – gedanklich, körperlich, seelisch. Und wenn ich nach all dieser Arbeit von meiner Mutter lese: „Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, wie sie ihre Situation mit so viel Elan und Freude meisterte“, dann weiß ich, dass mein Weg der richtige war.

Denn wie wir es drehen und wenden, ob wir mit unserer Mutter in Kontakt sind oder nicht: Ihre Bedeutung für uns – und da mache ich keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen – ist ständig präsent und wichtig. Meine Mutter und ich haben über viele Dinge im Leben unterschiedliche Auffassungen und wahrscheinlich rollen wir übereinander öfter die Augen als andere Menschen. Doch wenn jahrzehntelange Reibung in eine so große Wertschätzung zwischen Mutter und Tochter mündet, ist die Dankbarkeit überbordend – und alles ist gut.

FREITAG: Das glühende Grab

Das „alte“ Leben hat mich wieder. Und das merke ich daran, dass ich mit den Einschätzungen anderer bezüglich meiner Person konfrontiert werde. Wie konnte ich nur ohne sie leben?

Seit Kurzem absolviere ich eine Ausbildung, die sich mit Biografiearbeit beschäftigt. Was daraus wird, habe ich schon grob im Kopf, doch die Umsetzung wird sich mit der Zeit klarer ausformen. Und wie Sie sich vielleicht schon denken können, arbeitet man da auch ganz schön im eigenen Leben herum. Man versucht, ein bestimmtes Lebensalter mit bestimmten Ereignissen zu verknüpfen, sucht nach frühen Erinnerungen und leitet davon seine Daseinsthemen ab. Und wie bei fast jedem Eintritt in ein neues Lernfeld gibt es die unvermeidlichen und auch notwendigen Vorstellungsrunden.

Vor Jahren, als mein Selbstständigsein etwas ruckelte, habe ich einen Selbstmarketingkurs gesucht. In der Vorstellungsrunde mussten sich zwei Menschen gegenübersitzen und sich ohne weitere Information einschätzen. Der Mann, der mich in irgendeine Schublade zu legen versuchte, zog jene heraus, wo „Buchhalterin“ draufstand, und da wusste ich, dass ich diesen Kurs wirklich dringend nötig hatte. Letztens eine ähnliche Situation, nur zu dritt. Zwei mussten über den anderen in dessen Beisein Ideen sammeln, die ihnen zu seiner/ihrer Erscheinung einfielen. Und siehe da: So schlecht lagen sie nicht, auch wenn ich keine Kunsthandwerksstücke verkaufe, die ich selbst herstelle. Und weder verheiratet noch glücklich geschieden bin. Doch der Rest passte. Und ich freute mich, weil es mir zeigte, dass ich inzwischen eine gewisse innere und äußere Kongruenz erreicht habe.

Was mir mit der nächsten Einschätzung etwas schwerer fiel. Denn da wurde ich als – Zitat – „kleine Herzensbrecherin“ eingestuft. Und obwohl es charmant gemeint war, würde ich das nie wollen. Denn ein Herz zu brechen, ist eine höchst unschöne und schmerzhafte Angelegenheit. Selbst wenn man es nicht absichtlich tut, wie in meinem Fall. Und ich frage mich natürlich auch, was an meinen Verhaltensweisen so herzbrecherisch sein soll. Ich bin freundlich und zugewandt zu nahezu jedem Menschen, der mir über den Weg läuft. Eigentlich kenne ich nur einen, vor dem ich Reißaus nehme, weil er eine derart düstere Aura hat, dass ich Angst habe, davon angesteckt zu werden. Ich höre zu, wenn mir jemand etwas erzählt, ohne daran zu denken, ob ich mit den mitgeteilten Konsequenzen leben kann. Ich komme auch nicht in Sack und Asche daher, weil ich einfach glaube, dass die Welt mehr Farben braucht. Und wenn dann noch etwas glitzert oder durchscheint, ist es auch in Ordnung. Allerdings scheint das jetzt auch schon auszureichen, um Fantasien anzureichern.

Was mich zur nächsten Einschätzung bringt: „Du glühst so sehr, dass du bestimmt noch aus dem Grab heraus glühst.“ I beg your pardon? Hätte ich etwas Rotes getragen – geschenkt! Doch halt: Mein Lippenstift war rot. Doch ist das genug, um mich zu einer Wiedergängerin zu machen? Eine gute Seite hat das allerdings. Meine Nachfahren müssen wenigstens kein Geld in Grabkerzen investieren, weil das ganze Plätzchen sowieso erleuchtet ist. Nein, aber ernsthaft. Eine Freundin sagte, ich solle es als Kompliment nehmen, was ich ja auch tue. Denn offensichtlich gibt es wenige Männer, die heutzutage noch Äußerungen in diese Richtung machen. Kann ich nicht unterschreiben, aber vielleicht hängt das mit meiner herzbrecherischen, glühenden Kunsthandwerksverkäuferinnenexistenz zusammen. Die Erzählerin in mir findet das ziemlich aufregend, denn aus diesen drei Worten kann man einen Roman schreiben. Vielleicht kein Stück Hochliteratur, aber doch etwas, was man am Wörtherseestrand oder in der Hängematte gerne liest.

Die Wochen der Ausgangsbeschränkungen hatten mich von Einschätzungen dieser Art weitgehend befreit, auch wenn ich in schriftlicher Form mit Begrifflichkeiten wie „Hexe“ und „grammatikalisch brutal“ bezeichnet wurde. Aber wenn man sich danach wieder einschwingen kann, verkraftet man auch das. Jetzt steigert sich das alles langsam, wechselt die Ebene von virtuell zu 3-D, was auch entsprechende Energien mit sich bringt, die in der kürzlichen Vergangenheit durch das WWW abgefangen wurden. Bin gespannt, wie mein System dieses Mal reagiert, ob es sich wieder zurückzieht oder sich daran gewöhnt. Momentan weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll.

FREITAG: Den Sinn im Sinnlosen finden

Die Tatsache, dass ich mich letzte Woche wieder von etwas getrennt habe, versetzt mich jetzt in die Lage, das, was ich behalten habe, umso kritischer zu beäugen.

Vielleicht kennen Sie das Phänomen: Kaum lässt man das eine los, erwischt man sich dabei, an anderer Stelle zu klammern. Ich kann zwar fünf Kilo meiner Lieblingswochenzeitung wegwerfen, dafür aber echt bockig werden, wenn ich einen lieben Freund per Verordnung in der Öffentlichkeit nicht umarmen darf. An dieser Stelle ist „klammern“ wörtlich zu nehmen. Und ob der aktuellen Situation bin ich fast schon chronisch bockig, was mich wundert. Denn wochenlang habe ich meinem Alleinsein gefrönt und alles ganz wunderbar gefunden. Doch langsam wird es widersinnig. Schon alleine die Aussage, dass man Abstand halten solle, aber nur dort, wo es möglich sei. Eine Freundin erzählt mir von ihrer Fahrt in der Wiener U-Bahn, wo sie eigenhändig zwei Streithähne auseinanderdividiert hat, weil die sich ob der Mund-Nasen-Bedeckung fast in die Haare gekriegt hätten, nachdem halbe Myriaden von Menschen sich Haut an Haut durch die Gänge geschoben hatten. Vielleicht sollte ich meine Freund*innen auch nur mehr in der U-Bahn treffen, denn wenn man ohnehin schon gegeneinander schrammt, kommt es auf eine Umarmung mehr oder weniger auch nicht an, oder?

Doch bevor ich mich wieder einmal in Rage rede – einmal am Tag genügt, und dieses eine Mal habe ich heute schon hinter mir -, will ich wieder zu meiner Lieblingswochenzeitung zurückkehren. Stellen Sie sich vor: Ich lese die aktuelle Ausgabe! Und bleibe an einem Artikel hängen, der sich mit einem Vergleich der jetzigen Situation mit einer im 18. Jahrhundert beschäftigt. Damals hatte man das Social Distancing auch schon praktiziert, zwar nicht aufgrund von Epidemien, sondern aufgrund der Erkenntnis, dass sich Krankheiten durchaus von Individuum zu Individuum übertragen lassen. Vor dieser Zeit glaubte man an körperliche Unausgewogenheiten als Ursache, die absolut intrinsisch waren. Aus dieser Zeit stammt übrigens der Gebrauch von Nachtwäsche, Besteck und Taschentuch. In einem ersten Schritt bedeutet das: Die Gesellschaft hat schon einmal einen Individualisierungsschub durchgemacht. Nach Ansicht des Autors brauchen wir uns nicht über die aktuellen Tendenzen aufzuregen, denn sie sind im Prinzip nichts Neues, sondern nur die leicht verschärfte Version dessen, was sich ohnehin bereits angekündigt hat. Und dann kommt ein ganzer Absatz im Nominalstil, der die bis dahin kraftvolle Ausdrucksform des Journalisten in das übernächste Universum beamt. Verödung, Einübung, Zuwachs, Entstehung, Machtzuwachs – das muss doch wirklich nicht sein. Ist es denn so schwer, den Menschen zu erzählen, dass viele Kleinunternehmen schließen werden und jene, die dort arbeiten, kaum mehr genug zum Leben verdienen werden? Nein, da spricht man von Niedergang. Man könnte auch sagen, dass immer mehr Menschen sich auf Beziehungsportalen und erotischen Tauschbörsen kennenlernen werden. Aber nein, der Zuwachs muss herhalten. Wobei sich mir ja die Frage stellt, was man denn im virtuellen Raum so tauscht – aber vielleicht bin ich viel zu materialistisch, um in diesem Kontext auch nur einen Hauch von Fantasie entwickeln zu können. Und wenn das Thema schon angeschnitten ist: Einübung der Umgangsweisen eines kühleren und berührungslosen gesellschaftlichen Verkehrs – wow!

Was sagt es denn über uns aus, dass wir einen kühleren Umgang miteinander üben müssen? Und ich frage das jetzt nicht den Gastronomen meines Vertrauens, der sowieso von jedem seiner Gäste mindestens einmal mehr oder weniger intensiv geküsst wurde. Dass er sich über die neue Coolness freut, kann ich mir lebhaft vorstellen. Machen Sie mal einem Semibetrunkenen klar, dass sein Atmen schlecht und die damit verbundene Körperflüssigkeit auch keinen Deut besser ist! Dass er sich diese Diskussionen damals ersparen wollte und jetzt ersparen kann, ist nachvollziehbar. Doch jemand, der nicht im Mittelpunkt von geistreichen Sympathiekundgebungen steht, sollte doch ohnehin ein Gespür dafür haben, von wem er sich angreifen oder abbusseln lässt. Oder nicht? Wieder einmal ein Pippi-Langstrumpf-Moment? Die Freundin aus der U-Bahn, eine pensionierte Krankenschwester, umarmt auch, sieht aber vom Küssen ab. So geht es doch auch. Interessant wird die Einübung des berührungslosen gesellschaftlichen Verkehrs. Angenommen, ich verliebe mich in einen Mann, während ich doch genau das Gegenteil üben sollte. Ist dann alles, was übrig bleibt, eine spirituelle Partnerschaft, bei der das höchste der Gefühle eine geistige Vereinigung ist? Nicht dass ich das nicht kennen würde und dem etwas abgewinnen könnte – doch wo sollen sich denn dann künftig die Kinder einnisten? Mit Kopfgeburten wird die Menschheit nicht überleben können. Oder kriegen jetzt nur mehr jene Paare Kinder, die vor der Epidemie schon Tisch und Bett geteilt haben? Was für ein Druck! Das ist schon nahe an der Massenproduktion. Oops, in die Nominalstilfalle gegangen.

Sie sehen, meine schäfchenartige Gelassenheit aus dem März 2020 hat Feuer unter dem Allerwertesten bekommen. Und dieses Feuer wird jetzt am Glühen gehalten und darf überall Funken sprühen, wo es einen Lufthauch mehr erhaschen kann. Mehr als „erlaubt“, mehr als „geplant“, mehr als „gesund“. Mein rebellisches Ich ist wieder da, und bei aller Erkenntnis der vergangenen Wochen, die vieles in meinem Leben zum Guten gewendet hat: Wenn man zwanghaft versucht, etwas Sinnlosem Sinn zu geben, wird es deshalb noch lange nicht sinnvoll. Besonders nicht, wenn Angst als Motivator dahintersteckt. Marianne Williamson sagt: „Sinn ist nicht etwas, das eine Situation uns gibt; es ist das, was wir einer Situation geben.“ Und das ist das wirklich Spannende in dieser Zeit, finden Sie nicht auch?

FREITAG: Alle guten Dinge sind drei

Ich finde es ja ganz großartig, auf welche Ideen Menschen kommen, wenn sie versuchen, das Beste aus einer Situation zu machen. Zimmerreisen zum Beispiel.

Mich wundert es nicht, dass es ausgerechnet ein Philosoph ist, der sich dazu entschlossen hat, sein Zuhause zu einem Reiseziel zu machen. Gut, inzwischen ist er wieder einigermaßen in der Nach-C-Realität angekommen, was bedeutet, dass die Reise zu Ende ist. Doch er meinte, dass die Zeit zwar nicht im Fluge vergangen sei, er aber durchaus noch eine Weile durchgehalten hätte. Insofern sollte ich mich vielleicht näher mit seiner Philosophie auseinandersetzen.

Meine Heimreise ist auch zu Ende gegangen. Und der Schlusspunkt war ein Riesending für mich. Denn im Wohnzimmer steht die Stereoanlage auf einem Gestell mit drei Ebenen, die bislang mit Wochenzeitungen voll belegt waren. Da und dort habe ich bereits über meinen absoluten Unwillen gesprochen, die Produkte des guten Journalismus einfach ungelesen in der Altpapiertonne zu versenken. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung: Journalisten wollen aus Prinzip gelesen werden. Dass sie manchmal nicht allzu viel Mühe darauf verwenden, dass das der Leserschaft einigermaßen leichtfällt, steht auf einem anderen Blatt. Berichte werden zu Kommentaren, der Fokus auf das ewig Negative nervt auch furchtbar und dass in China ein Rad umfällt, interessiert mich maximal dann, wenn ein Schmetterling auf meiner Schulter sitzt.

Doch es gibt Ausnahmen von der Regel. Und diese sind es auch wert, gesammelt zu werden. So wie die Reportagen von Egon Erwin Kisch, der zwar als Kommunist verschrien, dafür aber ein umso besserer Journalist war und als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus gilt. Oder eben viele Artikel in meinem Regal. Vermutlich. Denn gelesen habe ich die Elaborate der Kollegenschaft ja noch nicht, doch sammeln tue ich sie seit 2014! Verstehen kann das vermutlich keiner, außer vielleicht eine Freundin von mir, die diese Wochenzeitung ebenfalls abonniert hat und auch ständig am Umschichten der durchwegs als fett zu bezeichnenden Ausgaben ist.

Am Wochenende kam wieder das Gespräch darauf, und da begann etwas in mir zu bröckeln. Ich hatte ja während der C-Zeit im Zuge meiner Entrümpelungsaktivitäten immer wieder einmal an Abschied gedacht, doch wenn ich mir dann in Erinnerung rief, welche Titelgeschichten mich neugierig machten, winkte ich innerlich ein ums andere Mal ab. Doch heute fand ich die Lösung. Es muss ja nicht stets nur eine Alles-oder-Nichts-Mentalität zelebriert werden; dazwischen gibt es doch auch noch etwas. Wäre ich ein Schwarz-Weiß-Typ, läge die Lösung in einer der 256 Graustufen, und dieses Bild würde durchaus schlüssig sein in diesem Kontext.

Wie so oft, wenn ich mich verabschiede, läuft es auf einen Prozess hinaus. Ich bin nicht der Typ des eiskalten Schnitts, weil ich weiß, dass das bei mir nur eine Kotzattacke des Egos wäre. Deshalb rationalisiere ich den Abschied gemäß meinem jeweiligen Entwicklungsstand und gehe einen Schritt nach dem anderen. Was jetzt die Wochenzeitungen angeht, war der Beginn des Weges der Gedanke, dass ich ja gar nicht weiß, was ich versäume. Ist wie mit Bungee-Jumping. Wenn man es nie probiert hat, fehlt es einem auch nicht. Ich glaube, der alte Spruch „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ trifft es auch ganz gut. Der zweite Schritt war die Erkenntnis, dass die Erfahrung seit 2014 gezeigt hat: Mir fehlt die Zeit für die wöchentliche Ausgabe – wo soll ich also die Muse hernehmen, mich sechs Jahre zurückzubeamen, wo ich doch gar nicht sicher bin, ob ich dort unbedingt wieder hin muss? Und die dritte Stufe erklomm ich, als ich mir bewusst machte, dass ich ja nicht gleich alle Exemplare dem Altpapiercontainer zuführen muss. Und obwohl ich den Bestand schon einmal aussortiert hatte, unternahm ich einen weiteren Anlauf und siehe da – ein Fach aus dem Regal ist nun leer. Im Loslassen bin ich von der langsamen Truppe, aber wenn der Wagen rollt, dann gibt es kein Halten mehr. Und nachdem ich mich bis zum Ende des Jahres in keinerlei Fernreisepläne versteige, werde ich wohl auch eine Art Zimmerreise machen und durch die Zeitungssammlung surfen. Auf die Frequenz möchte ich mich nicht festlegen, denn vorgenommen habe ich mir schon viel, wenn es um das Lesen dieser Konvolute geht. Aber wer weiß? Irgendwann sind die sieben Bücher, die ich aktuell parallel lese, zugeklappt und dann, ja dann …

FREITAG: Das große Glück

Das Leben nimmt wieder Fahrt auf. So würden es bestimmt jene ausdrücken, die sich in den vergangenen Wochen extrem ausgebremst gefühlt haben. Bei mir ist es eher so, dass ich schon wieder auf die Bremse steigen möchte.

Den Eltern meinen Lieblingsplatz zu zeigen, sie orientalisch zu bekochen und mich innerlich an ihren gegenseitigen Mechanismen abzuarbeiten – das könnte ich jetzt wieder. Der Muttertag war dafür der perfekte Rahmen, und sogar das Wetter war anständig, wenn auch nicht besonders gut. Wenn man allerdings immer das tut, was das Wetter zulässt, ist man im Flow, auch zu dritt. Meine Eltern mit Mund-Nasen-Bedeckung am Bahnhof abzuholen, war allerdings gewöhnungsbedürftig, und ich kann jetzt gar nicht so genau sagen, warum. Vermutlich, weil ich ihre Freude über unser Wiedersehen erst dann gesehen habe, als ich die Lachfältchen um ihre Augen wahrnehmen konnte. Und ja, eigentlich hatte ich meine Brille vorher geputzt. Doch Brillen, Haare und Ohrgummis lenken schon irgendwie vom Wesentlichen ab.

Seit 1. Mai treffe ich mich ja privat mit den Menschen, die mir am Herzen liegen, und stets warne ich davor, dass ich auch umarmen werde. Es kann ja sein, dass jemand noch nicht so weit ist. Eine Freundin von mir meldete beispielsweise zurück, dass sie noch ein bisschen Zeit brauche. Meine älteren Nachbarn glücklicherweise nicht, und gestern habe ich in einem Anflug von Seligkeit auch meinen vierjährigen Lieblingsmann nach Wochen der durch einen Zaun getrennten Sehnsucht in den Arm nehmen können. Apropos, getrennt: In einem Monat darf ich das auch mit meinen Kindern und deren Vater wieder tun, die in Deutschland wohnen. Eigentlich könnte ich schon jetzt riskieren, über die Grenze zu schleichen, doch das Stichprobenrisiko, von einem ob der Familienverhältnisse komplett verwirrten Beamten wieder nach Hause geschickt zu werden, muss nicht sein. Die sonntäglichen Videokonferenzen helfen allen über die Trennung hinweg.

Zum Lernen fehlt mir aktuell schon wieder die Zeit, weil das Lehren in den Vordergrund gerückt ist. Wenn ich alles zusammenzähle, was sich allein seit gestern aufgetan hat, dann vermelde ich vier Online-Workshops und drei Präsenzseminare von September bis November. Seit Kurzem gibt es auch eine Deadline für das dritte Buch, was bedeutet, dass ich Beiträge aussuchen, die dazu gehörige Website texten und mich um ein kleines, aber wichtiges Extra kümmern muss, das hier noch nicht verraten wird. Hinzu kommt das Schreiben von Artikeln, das auch wieder zunimmt und wirklich Freude macht. Ab Ende Mai wird die Zeit noch knapper, weil ich dann eine neue Ausbildung beginne, auf die ich mich ebenfalls sehr freue, weil sie im März starten hätte sollen, doch durch das C-Wort gefährdet war. Jetzt starten wir einfach später, und das in einem Raum, in dem wir weit genug auseinander sitzen können.

Tja, und dann ist da noch die andere Seite meines Ichs. Die, die die Gartenhütte in eine Liegehütte umbauen will. Die, die das Ergebnis einer Häckselorgie endlich im Hochbeet und sonstigen Kompartimenten unterbringen möchte. Die, die immer noch nicht genug über das Kartenlegen weiß und die auch noch ein soziales Leben hat(te). Der Gastronom meines Vertrauens sperrt sein Lokal auch wieder auf, und ich wünsche ihm wirklich gutes Wetter, damit sich die Tische im Außenbereich füllen können. Sein Lokal ist nämlich superwinzig, und nach der Durststrecke, die hinter ihm liegt, erhoffe ich für ihn Unmengen von Groupies. Und auch ich werde beim nächsten lauen Abend dort sein und ihn umarmen – er ist darauf schon vorbereitet und hat mein Vorhaben abgenickt.

Mein Jüngster hat inzwischen seinen Bachelor in der Tasche, und seit Wochen warten wir darauf, einen Termin für eine entsprechende Feier vereinbaren zu können. Das ist jetzt ebenso möglich wie das Nachfeiern von Ostern und sämtlicher Geburtstage, die heuer in der Sparvariante über die Bühne gegangen sind. Und während ich das alles schreibe, denke ich mir: Woher soll ich die Zeit für all das nehmen? Ich werde sie finden und, nein, ich schreibe nicht schon wieder über Zeitmanagement. Vielmehr über Prioritäten. Und die werden ganz klar andere sein als vor einiger Zeit. Weil ich das Gefühl habe, dass gerade alles zu mir kommt, was zu mir gehört. Weil ich dabei so ein großes Glück empfinde. Weil ich spüre, dass es richtig ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal diese Empfindung hatte. Immer war irgendetwas schwer, zäh oder nur mit Anstrengung zu bewältigen – beruflich wie privat. Jetzt flutscht es. Und auf diese Geschmeidigkeit werde ich mich konzentrieren. Und bei dem kleinen Rausch achtsam bleiben, denn ich kenne mich: Ab einem bestimmten Zeitpunkt werde ich übermütig, weil eh alles so großartig ist. Da kann ich schon mal eine Ausnahme machen von der wunderbaren Reise. Und dann ist auch eine zweite machbar, und schon habe ich mich selbst von der Welle heruntergeholt. Natürlich ist mir klar, dass das Meer eine unruhige Angelegenheit ist und dass es immer anders kommen kann, als man es geplant hat. Doch gerade das ist momentan ja das Schöne: Ich plane gar nicht so viel und werde trotzdem geflutet von so viel Schönem. Vor allem von Dankbarkeit in meinem Inneren. Und das ist Gott sei Dank keine Sache von Ebbe und Flut.