FREITAG: Ein „bisschen“ treffen

Im neuen Lebensjahr angekommen, stelle ich fest, dass ich an meinem Geburtstag genauso beschäftigt war wie in „alten“ Zeiten. Und doch bin ich am Abend traurig ins Bett gegangen.

Geneigte LeserInnen meiner freitäglichen Ergüsse werden sich noch erinnern, dass ich für meinen Geburtstag ziemlich genaue Vorstellungen hatte: nämlich ihn ausfallen zu lassen. Doch offenbar gehörte das wieder einmal zu den Ideen, die das Universum abgelehnt hat. Es begann damit, dass mich mein Ältester, der in Bayern wohnt, auf einer Fußgängerbrücke zwischen Österreich und Deutschland treffen wollte. Nachdem das rein vergnügliche Klügeln ja offiziell verboten war, fiel mir auf, dass ich dringend Medikamente aus Deutschland brauche, die ich hierzulande nur mit Rezept bekomme. Er erklärte sich bereit, sie für mich zu besorgen – grenzüberschreitender Warenverkehr samt Versorgung von Bedürftigen war ja erlaubt.

Zudem erreichte mich die Einladung zu einem Social Distancing-Frühstück bei meinen Nachbarn, den Großeltern meines Kleinen, der wirklich ziemlich leidet, dass er immer noch nicht zu mir darf. Und während wir politisch korrekt beim Kaffee in der Sonne saßen, hatte sich eine Freundin auf den Weg gemacht, um mir persönlich zehn rote Rosen zu überreichen. Auch hier wurde der Mindestabstand penibel eingehalten.

Das Treffen mit meinem Ältesten, dem sich seine Freundin und sein Vater anschlossen, stellte sich als Herausforderung dar. Zuerst ließ sich der Kofferraumdeckel nicht mehr schließen, dafür war die Fußgängerbrücke verbarrikadiert. Auch die alternative Übertrittslösung war geschlossen. Und so versuchten wir es auf dem legalsten Weg, den es dafür gibt, frei nach dem Motto „Let’s face the enemy.“ Ich parkte also unmittelbar vor den Zelten der Grenzkontrollen, setzte mein charmantestes Lächeln auf und fragte, ob ich meine Gratulanten auf der anderen Seite der Grenze kurz treffen könnte. Und siehe da: sowohl österreichische als auch deutsche Kontrolleure waren überaus freundlich und ließen mich passieren.

Und dort warteten die drei auf mich mit ihren Geschenken und sogar einem Piccolo-Sekt zum Anstoßen. Wir wahrten natürlich auch hier den Abstand, doch als ich mich wieder auf den Heimweg machte, war mir zum Heulen. Und trotz aller Liebenswürdigkeiten, die in Form von Glückwünschen und persönlich ausgelieferten, über die diversen Eingänge gehängten Geschenken meinen Tag bereichert haben, wurde mir eines klar: Das Social Distancing in der direkten Begegnung ist schlimm für mich.

Ich habe – wie Sie bestimmt mitbekommen haben – überhaupt kein Problem damit, meine Tage alleine zu verbringen. Doch mein Geburtstag hat mir gezeigt, dass die soziale Distanz von Angesicht zu Angesicht in mein Herz sticht. Ich möchte meine Nachbarin umarmen, weil sie es ganz dringend braucht. Ich möchte meine FreundInnen umarmen, weil auch das notwendig ist. Und meine Eltern und meine Kinder sowieso. Das „bisschen“ Treffen tut mir weh. Und deshalb suche ich gerade nach einer Lösung für mich, wie ich künftig mit der Situation umgehen kann. Es ist mir bewusst, dass es nicht zur Allgemeinbildung gehört oder Standard ist, dass man sich über geschriebene oder gesprochene Worte verbinden kann. Ich kann das, auch über Video. Doch in der Öffentlichkeit Abstand halten – nein!

Vielleicht hat sich in den vergangenen Wochen auch einfach nur mein Gehirn verwandelt in einen Zustand, der nicht einmal mehr mit dem Begriff der „neuen Normalität“ etwas anfangen kann. Zumindest wie ihn die Obrigkeit definiert. Neue Normalität wäre für mich ein hohes Maß an Achtsamkeit, wie, wann und mit wem man sich abgibt. Wie man auf die eigenen Befindlichkeiten reagiert und zum Wohl aller seine Gesundheit erhält. Welche Kilometer ich fahre und welches Kleidungsstück ich brauche. Eigenverantwortung eben. Doch das scheint man uns nicht zuzutrauen. Und da stellt sich mir schon die Frage, ob wir uns als Gesellschaft das nicht wirklich selbst zuzuschreiben haben. Gesetze werden ja nicht wegen jener erlassen, die einen halbwegs vernünftigen Zugang zur Wirklichkeit haben, sondern wegen jener, die über die Stränge schlagen. Und ja, das ist ungerecht, denn die Zahl derer, die pfleglich miteinander umgehen, ist ungleich höher. Doch sie sind diejenigen, die unser immer enger werdendes Gesetzeskonstrukt zu verantworten haben. Auch in der jetzigen Situation.

Ach, ich weiß auch nicht, was das Beste für die politische Zielgruppe Österreich ist. Ich weiß nur, dass manche Dinge langsam unplausibel werden. Und je häufiger das vorkommt, umso rebellischer werde ich. Im Innen wie im Außen. Das wiederum erzeugt Stress, der mein Immunsystem schwächt. In meiner heutigen, geleiteten Meditationseinheit habe ich gehört, dass man bei auftauchenden Herausforderungen zuerst still werden und sich dann öffnen soll für die Lösungen, die das Leben einem zuträgt. Das werde ich jetzt auch tun. Ich halte Sie auf dem Laufenden – bleiben Sie bis dahin gesund!

FREITAG: Neue Normalität

Als ich das zum ersten Mal hörte, empfand ich es schon alleine deshalb als Bedrohung, weil es das Ende einer Ära ankündigte. Und der veränderungsunwillige Stier will eben immer alles gleich haben. Doch jetzt sehe ich das anders.

Es werden immer mehr Menschen, die mir berichten, wie wohl sie sich aktuell fühlen. Allen voran meine Kinder, bei denen ich anfangs Sorge hatte, dass ihre Lebendigkeit schlecht mit Grenzen zurecht kommt. Wir als Familie haben eine wöchentliche Videokonferenz installiert, bei der wir uns über den jeweiligen Alltag austauschen und bei aller Distanz daran teilhaben können. Mein Ältester – von seiner Firma ins Home Office expediert – genießt seine täglichen Spaziergänge und will auch nicht ins Unternehmen zurück, wenn es ab Anfang Mai wieder erlaubt ist. Mein Jüngster hat sich während seiner studienmäßigen Auszeit im Garten der Mutter ausgetobt und meine Tochter kocht sich vegan in eine andere, bessere Welt.

Mein Vater hat sich in seinem Dasein zwischen Informationsaufnahme und Inseldasein wohlig eingerichtet, meine Mutter hat neben dem Maskennähen und dem Basteln von nachhaltiger Weihnachtsdeko ein drittes Projekt eröffnet, das mich ganz besonders freut. Weil es mich an ein Land erinnert, dem ich heuer vermutlich fern bleiben muss. In Südafrika werden nämlich Teebeutel, aus denen die Blätter entfernt wurden, in der Sonne getrocknet und zu wunderhübschen Gegenständen verarbeitet. Zu Engeln beispielsweise. Nun ja, meine Mutter ist nun auch in diese Branche eingestiegen, und ich freue mich schon, wenn ich ein Bild von ihrem ersten Kunstwerk bekomme. Falls sie es nicht auch für Weihnachten aufbewahrt – Fische brauchen schließlich immer ein kleines Geheimnis.

Heute habe ich mit meinem Friseur telefoniert, und auf die Frage, wie es ihm und den Seinen gehe, meinte auch er: „Du, wir haben so viel erledigt. Und die ersten zwei Wochen waren reiner Urlaub.“ My Tribe! Natürlich ist er auch froh, dass bald wieder Geld fließen wird, und wenn wir Kunden seinen Salon stürmen werden, finden wir diesen auch verändert vor. Weil auch er Ausdruck der Selbstwirksamkeit während der letzten Wochen ist. Ob wir uns weiterhin so gut unterhalten werden, wenn wir durch Masken hindurch kommunizieren müssen, während die Haarföns zur Geräuschkulisse beitragen? Ich werde es sehen. Meinen Wunschtermin habe ich bekommen, mein Friseur wetzt schon die Schere.

Alles wird wieder leichter, wie es scheint. Und wenn ich sehe, wie mein kleiner Nachbar schon fast über den Zaun klettern kann, stelle ich Fortschritt auch in meiner nächsten Umgebung fest. In der Natur selbstverständlich auch, wo ich mich an den frischen Kastanienblüten erfreue, bei jedem Spaziergang durch den Garten eine Nase voller Lorbeerblütenduft nehme und die Mangoldblättchen durch die Erdoberfläche stoßen sehen. Und ich merke auch, dass diese Leichtigkeit dazu führt, dass immer mehr Menschen „konspirative“ Treffen vorschlagen beziehungsweise andenken. Sogar meine Eltern haben sich schon informiert, ob sie zu meinem bevorstehenden Geburtstag in den Zug steigen dürfen. Und die sind normalerweise diejenigen, die einen Handwerker anrufen, wann die Rechnung kommt, bevor der ihr Grundstück verlassen hat.

Ich wiederhole mich ungern, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund halte ich mich an die Regeln. Gerade jetzt, wo auch eine Lockerung der sozialen Kontakte in Aussicht gestellt wird – auf die paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an. Mein Geburtstag ist nun wirklich kein Grund, Strafen zu riskieren. Nach einem ungewöhnlichen Weihnachtsfest und ausgefallenen Ostern darf ruhig auch die Wiederkehr meiner weltlichen Einkehr verschoben werden. Ich bin eh ein ganzes Jahr ein Jahr älter.

Nicht, dass ich mir das unter „neuer Normalität“ vorstelle – doch ich frage mich schon, was ich selbst von meinem jetzigen Zustand dorthin retten möchte. Und das ist gar nicht so wenig. In dieser Woche habe ich ein Interview mit einem deutschen Politikwissenschaftler gehört, der meinte: „Wir sehen, dass momentan vieles geht, was wir für unmöglich hielten. Und dass es viele Alternativen dazu gibt, was wir als alternativlos gehalten haben.“ Auch wenn ich es noch nicht detailliert formulieren kann: Die Frage, ob ich etwas brauche oder ob ich Lust darauf habe, wird mich künftig wahrscheinlich begleiten. Vermutlich wird das auch mein Zeitmanagement betreffen, mein Shoppingverhalten sowieso und auch meine Ausgehgewohnheiten. Die hatten sich ja schon aufgrund des Rauchverbots in Lokalen verändert, doch wenn ich daran denke, dass der Eintritt in mein Stammlokal nur mit Mundschutz und zahlenmäßig reglementiert vonstatten gehen könnte, lade ich den Wirt meines Vertrauens lieber wieder zum Essen zu mir nach Hause ein.

Mal sehen, wie es weitergeht – mit der Gesellschaft und mit mir. Mit meinem Zeitmanagement und dem Wandel, den ich im vergangenen Jahr gespürt habe und der jetzt in 3D angekommen ist für mich. Ich spüre, dass es keinen Weg zurück gibt für mich, nur einen nach vorne. Und der wird sich mir jeden Tag aufs Neue eröffnen. Ich freue mich darauf. Bleiben Sie gesund und neugierig!

FREITAG: Kreativ dank Corona

Zeit ist das, was man aus ihr macht. Das merke ich gerade deutlich, denn momentan wünsche ich mir wieder ein paar Stunden mehr am Tag. Wie soll das nur werden, wenn der Corona-Urlaub vorbei ist!

Im März hatte ich mich für eine Ausbildung angemeldet, weil ich mit dem Gefühl aus Kapstadt zurück gekommen war, dass es wieder Zeit für Download ist. Doch dann kam das C-Wort dazwischen und meine Ausbildung wurde verschoben. Ob sie nun später oder im Internet stattfinden wird, ist noch unklar. Die für mich wichtige Erkenntnis war allerdings die, dass ich wieder lernen wollte. Und bereit dafür war, weil ich wusste, wohin ich meinen Weg lenken möchte. Begonnen habe ich allerdings mit etwas Unkonventionellem, vielleicht sogar vermeintlich Spiritistischem. Meine Wahl fiel auf etwas, was mir Spass machte, aber trotzdem Subtext lieferte. Ich belegte einen Online-Kurs, der sich mit Kartenlegen als Coaching-Instrument beschäftigte. Noch bin ich nicht ganz durch damit, weil mich neben dem Coaching sehr faszinierte, wie man mit Tarot- und Orakelkarten Geschichten erzählen kann. Mit einem fertigen und drei halben Romanmanuskripten in der Schublade hat das die Autorin in mir sehr gefesselt.

Und weil ich gerade an der Zusammenstellung des dritten „Voll Fünfzig“-Buches mit ausgewählten Beiträgen meiner FREITAG-Kolumnen und an ausgedehnten Zusatzangeboten arbeite, dachte ich mir, dass mein Wissen über Social Media-Marketing durchaus noch ausbaufähig wäre. Also habe ich auch dazu einen Online-Kurs gebucht. Und siehe da, ich habe einen Berg von Arbeit vor mir, auf den ich mich unglaublich freue. Teil dieser Zusatzangebote werden Schreibseminare sein, doch keiner von uns weiß, wie es sich damit künftig verhalten wird. Präsenzworkshops mussten abgesagt werden, und jeder überlegt sich nun, wie er seine Inhalte ins Netz bringen kann, damit ein Miteinander weiterhin möglich ist – neunormal halt. Gesagt. Getan. Wenn ich den aktuellen Kurs zum Online-Lehren abgeschlossen habe, warten schon zwei Aufträge auf mich, die ich ohne das C-Wort bestimmt nicht bekommen hätte. Hurrrrrra!

Doch nicht nur ich lerne. Am positivsten überrascht war ich in den vergangenen Wochen von der Lernbereitschaft und -willigkeit meiner Eltern. Nachdem sie in Tirol beheimatet sind und dort unter Hausarrest gebeten worden waren, hatte ich die Befürchtung, dass ich vor allem meiner superregen Mutter irgendwann einmal mit nassem Taschentuch und gerauften Haaren beim Videochat gegenübersitzen würde. Weil sie vor Langeweile den Lebensmut verloren hat. Doch mitnichten. Sie kanalisierte endlich wieder ihre Kreativität und begann – früh wie selten – mit origineller Weihnachtsdekoration. Und sie stieg ins Maskennäh-Business ein, was für eine gelernte Schneidermeisterin ja ein Klacks ist. Für meinen pragmatismusdurchdrungenen Vater war die Situation ohnehin kein Problem; alles, was er gerne tut, konnte er weiterhin ohne Einschränkungen machen. Reisen ausgenommen. Unsere Schottlandreise im Juni fällt mit großer Wahrscheinlichkeit in den Ärmelkanal. Ach, reden wir nicht davon.

Trotz aller Gelassenheit mit der Tiroler Situation wollte ich meine Eltern zu etwas Neuem inspirieren und habe eine Haiku-Challenge ausgerufen. Zur Erklärung: Ein Haiku ist ein japanisches Kurzgedicht, das aus drei Zeilen besteht. Die erste besteht aus fünf Silben, die zweite aus sieben und die dritte wieder aus fünf Silben. Jeden Tag gibt es ein Thema, demgemäß im Laufe des Tages von uns dreien ein Haiku samt Bild in die Familiengruppe gestellt wird. Sollten Sie nun fragen, was der Sinn hinter dem Ganzen ist, darf ich Ihnen folgendes antworten: Gerade die jetzige Zeit ist wie gemacht dafür, Dinge zu entdecken, die keinem unmittelbaren Nutzen oder Zweck zugeführt werden können. Sondern die einfach nur Freude machen und Verbundenheit schaffen. Das haben meine Eltern verstanden, und ich bin unglaublich stolz auf sie. Abgesehen von einem Tag – O-Ton meines Vaters: „Ich will heute nicht nachdenken.“ – haben wir bislang 48 Gedichte geschrieben. Unser heutiges Thema war beispielsweise „Haustier“. Hier kommen die Ergebnisse:

Mein Lieblingsplatz ist
im Schatten, niemand sieht mich,
ich sehe alles.

Eine Katze als
Haustier kuschelt besonders
auf dem Bauch gerne.

Meine Augen sind
geschlossen, deshalb sehe
ich die Welt auch nicht.

Ich bin überzeugt, Sie können sich die Bilder dazu vorstellen.

Starten Sie doch auch eine kleine Challenge mit Ihren Lieben, fordern Sie sie ruhig ein bisschen! Auch wenn wir jetzt wieder verstärkt shoppen gehen können – ist das wirklich erfüllender als gelebte Kreativität? Bleiben Sie kreativ und gesund!

FREITAG: Freiheit üben

Ich habe einen Freund, der lange Jahre mit den südafrikanischen Buschmännern gelebt hat. Und er ist kein Mann der vielen Worte, auch wenn er über seine Erlebnisse und Erkenntnisse ein Buch geschrieben hat. Er beweist, wie wenige Worte es braucht, um auf den Punkt zu kommen.

„Stay safe, stay free“ hat der Freund geschrieben, und das könnte manch einer in der heutigen Zeit als Provokation empfinden. Zu sehr nagt die von oben verordnete Vereinzelung an vielen Menschen, die schwer einen Sinn in ihrer aktuellen Lebenssituation entdecken können. Und die gerne die Tage zählen würden, gäbe man ihnen etwas zu zählen.

Gut, es ist Licht am Horizont, das unter anderem die Gewerbetreibenden, Gärtner und Friseure freut. Ich bin auch glücklich darüber, wieder die Möglichkeit zu haben – was nicht bedeutet, dass ich sie auch nutzen werden. Der Andrang in den Gartenzentren wird immens sein, auch wenn die Eismänner noch schlafen. Die Geschäfte werden sich füllen, auch wenn man vielleicht in der Zwischenzeit gelernt hat, was man mehr und was weniger braucht. Doch Shoppen ist für so viele Menschen zu einem Hobby geworden, dass viele alleine deshalb die Shops stürmen werden. Für meinen Friseur freue ich mich auch, denn sein kleiner Familienbetrieb kann nun endlich wieder etwas zur Verschönerung unserer Welt beitragen – zu meiner hoffentlich auch, denn acht Monate ohne ihn sind selbst mir zu lange.

Anfang der Woche bin ich erstmals mit einer Maske einkaufen gegangen. Und nein, es war keine angenehme Angelegenheit. Schon alleine deshalb werde ich mir sehr genau überlegen, ob Shopping unbedingt nötig sein wird. Diese Maske ist heiß, man versteht die Menschen schlecht, und Brillenträger wie ich kämpfen mit angelaufenen Gläsern. Wie soll man sich da frei fühlen, wie es mein Freund anregt? Ich verstehe ihn auf der Seelen-Ebene.

Auch wenn ich die geliebte Innenstadt seit Wochen nicht mehr gesehen, meine Freunde nicht umarmt und meine Eltern nur mittels Webcam spreche, ist mir eines klar geworden: Es ist eine Entscheidung, ob man sich auf den Mangel oder die Fülle konzentriert. Überwiegt ersteres, kann der Weg nur in die innere Gefangenheit gehen. Da bleiben Chancen liegen, da greift der Trübsinn um sich und schwächt das Immunsystem. Natürlich kenne ich Phasen wie diese, doch eine Freundin hat mich kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass meine Vorgangsweise in diesen Phasen vielleicht nicht mainstreamig sein könnten. Mir geht mein Aufenthalt im Tal der Tränen nämlich irgendwann einmal auf die Nerven. Und wenn sich von außen keine Lösung anbietet, so gehe ich in mein Inneres und suche dort nach einem Weg. Und den habe ich bislang immer gefunden. Meine Macheten-Sammlung für untröstliche Situationen ist entsprechend groß, und vielleicht verstehe ich diesen Freund eben genau auf dieser Ebene.

Die Freiheit liegt in der Wahl. FÜR und VON etwas. Und genau das kann man momentan sehr gut üben. Wenn man wollte. Weil vieles sonst nicht möglich ist. Vor allem Ablenkung. Wann, wenn nicht jetzt kann man Verhaltensweisen, Bedürfnissen und Abneigungen besser auf den Grund gehen? Ich verstehe, dass das Angst macht, weil man nicht weiß, was man dort entdecken könnte. Doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es wird alles leichter und einfacher.

Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich diese Zeit leicht nehme, mich nicht beklage oder leide. Weil ich die Hintergründe meiner Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Abneigungen sehr genau und schmerzvoll erforscht habe. Und selbst wenn ich mich in diesem Prozess oft gefragt habe, wofür das alles gut sein soll, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es wusste. Nämlich genau jetzt. Ein Beispiel: Vor einem Jahr bin ich aus Kapstadt zurück gekommen und hatte das Gefühl, dass ich zuhause bleiben möchte. Hat zwar praktisch nur mangelhaft funktioniert, aber es geht um die Einstellung. Ich war bereit, das Reisen auszusetzen und es war für mich in Ordnung. Vor vier Jahren hatte ich mich entschlossen, keinen Sex mehr zu haben. Und auch das war in Ordnung für mich, obwohl es anders kam. Was ich sagen möchte: Hat man mit einem Thema seinen Frieden gemacht, stärkt das. Auch wenn es Ausreißer gibt. Jetzt befinde ich mich in der Situation, dass ich absolut nicht weiß, wann ich da nächste Mal einen Flieger besteigen werden. Und hätte ich letztes Jahr nicht diese Erkenntnis gehabt, würde ich jetzt am Rad drehen. Tue ich nicht, weil ich in Frieden bin. Mit dem anderen Thema auch und dem Rest sowieso.

Diesen Frieden wünsche ich auch allen von Herzen, doch manche sind dafür einfach noch nicht bereit. Womit das zusammenhängt, ist individuell verschieden. Und auch wenn ich weiß, dass mein Wünschen gerade gar nicht hilft, bleibt doch die Hoffnung aufrecht, dass es irgendwann einmal Erfolg haben wird. Bleiben Sie gesund – nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch!

FREITAG: Alles eine Frage der Perspektive

Für viele wird die Durststrecke langsam lang. Einsamkeit macht sich breit, Langeweile sowieso und auch Hoffnungslosigkeit. Schreib was Optimistisches, rät mein Vater.

Heute Morgen dachte ich mir zum ersten Mal wieder, dass ich meinen Medienkonsum zurückschrauben sollte. Nicht nur dass mir diese eine Stunde in meinem Alltag fehlt. Es nimmt auch meine Gedankenwelt voll und ganz in Anspruch. Dabei bin ich der Meinung, dass es durchaus anderes gibt, worüber man nachdenken und was man machen kann. Doch das aktuelle Thema hat sich anscheinend wie ein Schleier über die mentalen Mikrokosmen gelegt. Und das dämpft vor allem eines: die Zuversicht.

Meine schottische Freundin ist gerade auf dem 5G-Trip. Dort kursieren Meldungen (die ich übrigens bei uns auch schon mitgekriegt habe), dass diese neue Technologie mitschuldig an unserem aktuellen Zustand sein soll. In ihrer Welt zählt sie eins und eins zusammen: Vor ihrem Haus wird die Straße aufgegraben, obwohl sie vorher absolut intakt war. Die Vögel haben aufgehört zu singen, und auch die Müdigkeit kann unmöglich von mangelndem Schlaf kommen. Alles, was ich ihr antworten konnte, war: Ich weiß nicht, ob 5G damit etwas zu tun hat oder nicht. Und wenn sogar unser Bundeskanzler zugibt, dass er nicht weiß, wie es weitergehen wird, kann man natürlich in kollektive Hilflosigkeit verfallen.

Umso wichtiger scheint es mir, zur Wurzel dieser Hilflosigkeit vorzudringen. Sie entstammt ja dem Gefühl, dass wir nichts machen können, sprich irgendwie die Kontrolle über unser Leben verloren haben. Doch da bin ich absolut anderer Meinung. Klar, wir müssen andere verpflichtend davor schützen, vor dem Gewürzregal des Supermarkts angeniest zu werden. Dass wir dazu verpflichtet werden müssen, spricht meiner Meinung nach schon Bände. Ein Immunologe hat kürzlich gesagt, dass wir vor allem eines in den vergangenen Jahren vollkommen aus den Augen verloren haben, nämlich Hygiene. Aber gut – jetzt werden wir wieder daran erinnert. Ich kann mich nun daran stoßen, dass ich mit angelaufener Brille durch den Supermarkt kurve; ich kann aber auch endlich die Nicki-Tücher meiner Großmutter umbinden und mit der Attitüde eines groovy gangsters meine Gurken einsammeln. So viel Handlungsspielraum haben wir noch.

Ich kann mich natürlich ganz der Nachrichtenlage hingeben, die im Vergleich zur vergangenen Woche endlich auch von Gesundungen spricht, endlich zwischen Kranken und Infizierten unterscheidet. Und doch nur Bilder davon zeigt, wo Menschen überfordert, krank und verzweifelt sind. Das erzeugt Stress durch Hilflosigkeit, den wir in der aktuellen Lage wirklich in keiner Weise gebrauchen können. Und doch können wir etwas tun, egal, ob es von Erfolg gekennzeichnet ist oder nicht. Zum Beispiel den Anordnungen Folge leisten. Und uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir nicht im Gefängnis sitzen. Wir dürfen an die frische Luft, uns dort bewegen, die Sonne auf unserer Haut spüren, uns an den Knospen vielerorts freuen. Wir können uns gesund ernähren, vor allem endlich einmal mit Muse kochen und neue Rezepte ausprobieren. Wir haben ein schier unerschöpfliches Angebot im Internet, das uns anspornt, Neues zu lernen oder einfach nur Spaß zu haben. Oder die Freiheit, einfach nur zu sitzen und an einem virtuellen Meditationskurs teilzunehmen. Wir sind frei, mit wem wir Kontakt halten oder neu aufnehmen. Mit wem man mit, mit wem ohne Kamera telefoniert und mit wem gar nicht. Mit wem man Ängste teilt und mit wem Hoffnung. Wen man inspirieren kann und wer einen inspirieren kann. Das sind alles Entscheidungen, die wir nach wie vor und sehr aktiv treffen können.

Und was 5G angeht: Ich erinnere mich, dass es ganz viele Bürgerinitiativen gegen Handymasten gegeben hat, als die sich im Aufschwung befanden. Die waren einfach Teufelszeug, und doch gibt es inzwischen nur mehr wenige Menschen, die mit einem reinen Tastenhandy zufrieden sind. Verstehen Sie mich richtig: Ich will weder gegen noch für 5G argumentieren, ganz einfach, weil ich es nicht weiß. Was ich allerdings seit Jahren proaktiv mache, ist, mein Handy und den Router über Nacht einfach auszuschalten und das Schlafzimmer frei von irgendwelchen Strahlen zu halten. Und was außerhalb meines Schlafzimmers auf mich einstrahlt, kann ich eh nicht kontrollieren.

Womit ich zum letzten Punkt komme: die weitverbreitete Illusion, alles „im Griff zu haben“. Die jetzige Zeit zeigt uns genau das Gegenteil. Dass wir eben nicht bis zur letzten Konsequenz unser Leben kontrollieren können. Und wir können es uns aktuell noch nicht einmal einreden. Weil es eben eine höhere Instanz gibt, die uns vorschreibt, was wir zu tun oder zu lassen haben. Gehen wir allerdings noch eine Ebene höher, hat es diese höhere Instanz immer schon gegeben – egal, ob wir sie nun Schöpfer, Allah oder Universum nennen. Von dort kamen schon immer andere Impulse, als wir sie uns vorgestellt, erhofft oder gewünscht hatten. Nur nannten wir es dann eben Zufall oder Schicksal. Doch in jedem einzelnen dieser Fälle hätten wir merken können, dass die hundertprozentige Kontrolle eben eine Illusion ist. Das unter „normalen“ Umständen ins Dasein zu implementieren, wäre einfacher gewesen als jetzt, weil wir ja „nicht anders können“, wahlweise „dazu verdammt sind“. Doch es ist nicht zu spät, der Situation diesbezüglich etwas Positives abzugewinnen. Denn die höhere Instanz hat unendlich viel Geduld mit uns und unserem Lernprozess. Und wenn wir diesen proaktiv und optimistisch gestalten, profitieren wir auch nach dem Ende des Istzustands von dieser Erfahrung. Darin liegt für mich eine ganz große Hoffnung. Bleiben Sie gesund!

 

 

FREITAG: Dem Sturm trotzen

Während ich mich beim Spaziergang gegen den eisigen Wind stemme, fällt mir der Roman „Gut gegen Nordwind“ ein, der für einen Kollegen vor Jahren ein ziemlicher Erfolg war. Und durchaus im Trend liegt, sieht man sich die Kommunikation in Social Distancing-Zeiten an.

Waren es in dem Buch „nur“ Mails, die es möglich machten, dass Menschen miteinander in Kontakt treten konnten, haben wir heute doch schon deutlich mehr Möglichkeiten. Ich profitiere ja schon länger davon, da ich ja gerne auf Reisen und bei sonstigen Gelegenheiten Leute in mein Leben hole, mit denen ich ohne die sozialen Netzwerke keinen Kontakt pflegen könnte. Begonnen hat das bei mir vor sechs Jahren; das Leben vorher war ein beschauliches, vergleiche ich es mit dem, was heute läuft.

Seitdem Social Media ein Teil meines täglichen Lebens ist, habe ich mich immer wieder gefragt, ob wirklich alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Denn bei aller Verbundenheit: Ghosting gäbe es ohne Social Media auch nicht. Kürzt man es ab, sind Zufälligkeiten unübersehbar. Doch in Zeiten wie diesen habe ich beschlossen, mich auf die positiven Seiten zu konzentrieren. Darauf zum Beispiel, dass ich mit meinen Eltern eine Konferenzschaltung über Whatsapp machen kann, wenn meine Mutter am Laptop sitzt und mein Vater vor dem Fernseher chillt. Dass ich mit Menschen skype, von denen ich lange nichts gehört habe. Dass ich an Challenges im Internet mitmachen und damit Verbundenheit demonstrieren kann, von denen ich ohne SM nie erfahren hätte. Und dass ich über Online-Klassen vieles lernen kann, wofür ich mir sonst nie die Zeit genommen hätte.

Doch ich gönne mir auch immer wieder Offline-Zeiten. Wenn meine Augen anzuschwellen beginnen, weil ich dauernd auf irgendein Viereck starre, wird es Zeit, den Blick zu weiten. Und die Flügel zu spannen, leider in den aktuell scharfen Nordwind, der einem bis ins Mark bläst. Eigentlich habe ich ja schon die Halbschuhsaison ausgerufen, doch barfuß geht momentan gar nicht. Schließlich will ich nicht wegen so einer Sturheit krank werden. Auf die andere Sache zu achten, reicht mir schon. Und es reicht mir langsam auch schon wieder mit meinem Medienkonsum, den ich – zwecks Regelung des täglichen Lebens – vorerst noch aufrecht erhalte. Vielleicht ist es ja eine Berufskrankheit, aber jedes Mal, wenn ich die Nachrichten gehört habe, bleiben Fragen unbeantwortet. Und weil ich das ganz schlecht aushalte, recherchiere ich auf eigene Faust, was im Endeffekt noch mehr Bildschirmzeit bedeutet.

Zum Beispiel, warum kaum jemand über die Lage in Südamerika und meinem geliebten Afrika berichtet. Warum niemand erklärt, dass es einen Unterschied zwischen Infektion und Erkrankung gibt. Warum so ein Test in der Anschaffung durchaus zu einem Wirtschaftsfaktor wird, den sich nicht jedes Land leisten kann. Und warum unsere medizinischen Fachkräfte an ihre Grenzen stoßen, wenn es am Dienstag auf der Seite des Gesundheitsministeriums hieß, dass 250 Menschen wegen des C-Wortes stationär behandelt werden. Und warum will unsere Regierung so viele Testungen wie möglich, obwohl es vonseiten der Krankenhäuser heißt, dass sich bitteschön nur die testen lassen sollen, die Symptome haben und alle anderen daheim bleiben sollen. So was alles. Ich bin keine Anhängerin von Verschwörungstheorien, verstehen Sie mich richtig. Aber ich fühle mich in wichtigen Punkten öffentlich uninformiert. Eine Freundin von mir sagt, dass sie es sich nicht erklären kann, warum Produktionsbetriebe weiter arbeiten, wo wir doch Abstand zueinander halten sollten. Und warum ausgerechnet jetzt die Salzach umgebuddelt werden muss, weil die Bauarbeiter da ja auch nicht gerade Distanz halten.

Ich halte mich an die Beschränkungen, auch weil ich mich – wie mir jetzt erst klar wird – von langer Hand auf diese Situation vorbereitet habe. Und weil mein rebellisches Ich scheinbar im Winterschlaf ist. Ich stelle das nicht in Frage, sondern nehme alles mit Gelassenheit, aber auch Achtsamkeit wahr. Die blinden Flecken in der Information ebenso wie die sprießenden Blätter, die Veilchen und die Meisen auf meinen Spaziergängen. Und den Nordwind, der uns ja theoretisch nach Süden treibt. Aus bekannten Gründen ist das aktuell keine besonders gute Idee, aber Süden bedeutet immer auch Wärme. Und wenn er uns in die Wärme treibt, dann auch in warme Gedanken, Gefühle und Worte. Sorgen Sie also für ausreichend Wärme in Ihrem Leben und bleiben Sie gesund!

FREITAG: Frieden in den vier Wänden

Der Medienkonsum hat mich wieder eingefangen. Und es ist gar nicht so einfach, das in vernünftigen Bahnen zu halten, zumal vieles zum Kopfschütteln anregt und einiges kaum kommuniziert wird.

Gleich vorweg: Ja, ich hatte eine Anwandlung, die wahrscheinlich einer leichten Panikattacke entspricht. Und ja, in meinem Kopf spielte das Kakophonie-Orchester bei den ersten Meldungen, dass sich unser Leben vermutlich gravierend ändern wird. Also betrachten Sie bitte alle folgenden Erkenntnisse durch die Brille einer Frau, die nicht in einem anderen Universum oder auf einer Insel lebt.

Obwohl ich Inseln ja sehr liebe. Und blicke ich auf mein aktuelles Dasein, so gleicht es vermutlich einer Art Inseldasein. Vieles an meinem Leben hat sich allerdings nicht verändert, denn schon seit geraumer Zeit habe ich mir meine sozialen Kontakte sehr bewusst eingeteilt. Nicht, weil ich Angst vor irgendeiner Art von Ansteckung hatte, sondern weil ich mehr Zeit für mich und meine Pläne haben wollte. Insofern bin ich eingeschränkte Begegnungen inzwischen gewöhnt. Dass sie nun ganz wegfallen, sprich dass ich meine Freundeschar auf unbestimmte Zeit nicht mehr umarmen darf, ist selbstverständlich bedauerlich. Und ich weiß auch, dass es nicht für jede/n von ihnen einfach ist, plötzlich für das eigene Entertainment zu sorgen. Telefonate können das Bussi nicht ersetzen und doch helfen, sich gegenseitig auf dem neuesten Stand zu halten. Viel wird sich nicht tun im Äußeren, im Inneren dafür vermutlich umso mehr. Sogar die Polizei richtet sich schon darauf ein, dass sie jetzt vermehrt zu häuslichen Unstimmigkeiten gerufen wird. Die Randalierer im Umfeld von Nachtlokalen haben ja Ferien, die sie vermutlich zuhause verbringen (müssen).

Was mich traurig stimmt, ist die Tatsache, dass die Grenze zu Deutschland gesperrt ist, wo meine Kinder und ihr Vater leben. Auch wenn ich die Kids aufgrund ihres eigenen Lebensrhythmus‘ nur mehr sporadisch sehe, ist es doch etwas anderes, ob wir uns gezielt Zeit füreinander nehmen oder das von oben geregelt wird. Grundsätzlich wecken solche Erlasse meine Rebellion und ich drifte schnell in eine „Jetzt erst recht“-Haltung. Doch aktuell nützt mir das gar nichts, weshalb ich beschlossen habe, das Beste aus der Situation zu machen. Und das ist: Ich nehme alles, wie es ist.

Und hüte mich vor Kopfkino, das ja momentan ob der geschlossenen Filmtheater ohnehin ins innere und äußere Wohnzimmer umgezogen ist. Ich bekomme Filmchen von Hamsterkäufen, meine Mutter steht vor leeren Nudel- und Reisregalen, kein Tag vergeht ohne Späße über Toilettenpapierberge. Zu letzterem habe ich meine eigene Theorie entwickelt: Menschen unter Stress oder in Panik reagieren häufig mit verflüssigtem Stuhlgang. Und wenn sie dann auf dem Thron sitzen und sich fragen, wie lange diese körperliche Disbalance dauern könnte, wollen sie natürlich vorbereitet sein. Und die, die keinen Durchfall haben, folgen dem Herdentrieb. Ayurvedisch gesehen, gibt es andere Möglichkeiten, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, aber dazu muss man bereit sein.

Apropos Ayurveda: Da ich seit Jahren nach dieser Philosophie zu leben versuche, habe ich überhaupt keine Probleme mit leeren Regalen oder Schütten. Denn das, was mir laut Ayurveda gut tut oder der Situation angemessen ist, finde ich nach wie vor. Und schon alleine deshalb sehe ich für mich persönlich keinen Grund, Nudeln oder Reis, geschweige denn Klopapier zu horten. Ich brauche Nüsse, Käse, Früchte mit hohem Vitamin C-Gehalt, Gewürze. Und Frischluft. Dass ich spazieren gehen kann, empfinde ich als großes Glück. Und meinen Garten sowieso, der mir auch soziale Interaktion mit meinen Nachbarn ermöglicht, selbst wenn es schwer fällt, den Kleinsten nicht über den Zaun zu heben und mit ihm die Fische in meinem Teich zu zählen. Wenigstens haben wir vor kurzem eine Seilbahn zwischen den beiden Häusern gebaut, um Dinge austauschen zu können. Der Sinn des Ganzen ist überschaubar, doch es macht Freude. Dem Kleinen und uns Großen, die wir uns an seiner Freude aufrichten.

Insofern habe ich meinen Worten von letzter Woche nicht sehr viel an Erkenntnis hinzuzufügen. Das Immunsystem zu stärken bleibt wichtig, die Bewegung in der frischen Luft und zum Alleinseinmüssen eine neue Perspektive zu entwickeln ebenso. Denn statt sich ob der verordneten Selbstisolation leid zu tun, kann man das vom Selfcaring-Aspekt her betrachten. Ich kann beispielsweise endlich meine gesammelten Magazine und Wochenzeitungen lesen, ausgiebig und sinnvoll für mich selbst kochen, Podcasts hören und mich auf Themen fokussieren, für die mir unter normalen Umständen die Zeit gefehlt hätte. Und damit meine ich nicht die 300. Doku über COVID-19.

Was ich diesbezüglich verstehe: Der menschliche Körper mit einem intakten Immunsystem kann durchaus damit fertig werden, die Sterberate liegt bei unter einem Prozent. Ich verstehe auch, dass ein Infizierter nicht gleichzusetzen ist mit einem Erkrankten. Ich verstehe, dass es mit heutigem Stand über 80.000 Menschen weltweit gibt, die gesund geworden sind. Und ich verstehe, dass Stress oder Panik das Entzündungsrisiko im Körper erhöhen. Wenn also jeder darauf schaut, dass er gelassen bleibt und seine Widerstandskraft stärkt, dürfte allen geholfen sein. Denn selbst wenn man sich die Virusdinger einfängt: Wenn wir sie intrinsisch bekämpfen können, tragen wir sie auch nicht mehr weiter.

Also stärken Sie sich mit allem, was Ihnen (außer körperlichen Berührungen) gut tut: lustige Filme, anregende Bücher, interessante Podcasts, Entrümpeln, Frühlingsputz, Garten/Balkonarbeit, Bewegung im Freien, Atemübungen zu angenehmer Musik, selbst musizieren. Nehmen Sie ein ausgiebiges Schaumbad, holen Sie Ihre Brettspiele oder Spielkarten aus dem Schrank, rufen Sie liebe Menschen an. Es gibt vieles, was man tun kann – finden Sie es raus! Und bleiben Sie gesund.

FREITAG: Die kleinen Scheißerchen

Lange habe ich mich davon ferngehalten, denn wenn sich im eigenen Leben gerade so viel bewegt, interessiert einen der berühmte umfallende Sack Reis in China nicht. Doch jetzt hat auch bei mir das C-Wort Einzug gehalten.

Ich besitze zwei Paare bestickter Schuhe aus China und wahrscheinlich noch mehr, wenn ich die Etiketten meiner Klamotten studieren würde. Mein Bezug zu diesem Land beschränkt sich auf einen sehr aufregenden Hongkong-Trip vor Jahrzehnten, da war die Stadt noch Teil des British Empires. Ich war verliebt, traf Jeremy Irons auf der Fähre zwischen Kowloon und Hong Kong Island, erwarb einen Tiegel Tigerbalsam, den ich immer noch in meinem Erste Hilfe-Schrank aufbewahre. Näher bin ich China nie gekommen, doch China ist zu mir gekommen, wie zu Ihnen vermutlich auch.

In den Kleiderschrank, ins Schuhregal, auf den Teller. Und natürlich auch in Form von Touristenkohorten. Das nennt man Globalisierung, von der nahezu jeder von uns profitiert. Ginge es ohne sie? Bestimmt, aber unser Leben würde grundlegend anders aussehen. Und da der Mensch nur ungern etwas hergibt, was ihm zu dienen scheint, lieben wir die weltweite Freiheit. Auch wenn sie ihre Schattenseiten hat. Doch genau hier spiegelt sich das Innere nach außen. Wie viele von uns betreiben denn Schattenarbeit, beschäftigen sich mit den nicht ganz so schmeichelhaften Seiten ihres Selbst? Das Leben ist doch viel zu spannend, um sich in sich selbst zu vergraben. Mir fällt wieder eine Freundin ein, die sagte, dass sie die jahrzehntelange Selbstreflexion satthabe. Und auch ich hatte letztes Jahr einmal so eine Phase, wo mir die Gedanken über mein Leben gehörig auf die Nerven gegangen sind. Doch die ging vorbei, weil ich festgestellt habe, dass Lernen ohne Verstoffwechseln einfach schlechter funktioniert als mit.

Und wie sich viele von uns nicht mit den Flüchtlingswellen befassen wollen, die meiner Ansicht nach auch eine Folge der Globalisierung sind, bräuchte es jetzt also viel kleinere Einheiten, die importiert wurden. Mein kleiner Nachbar liebt es, wenn ich zu so etwas „kleine Scheißerchen“ sage, und genau das sind diese Viren. Die einen sagen, dass man nichts darüber wisse, die anderen sagen, was sie darüber wissen. Und wir dazwischen? Schieben vielfach Panik, hamstern in Geschäften, bleiben zu Hause, meiden andere. Und wissen erst recht nicht, was genau zu tun oder zu lassen ist.

Kürzlich habe ich ein Video von einem weltweit anerkannten Arzt und Meditationslehrer gesehen, der dazu aufgerufen hat, sich einfach selbst zu stärken. Weil die Panik selbst nämlich sehr viel zerstört – nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das intrinsische System. Seine Botschaft: Wenn man mit sich im Einklang sei, hätten die kleinen Scheißerchen gar keine Chance. Dazu gehört – natürlich – Meditation, aber auch gesundes Essen, ausreichend Schlaf, Freude und Bewegung in der Natur. Auch Kurkuma kann helfen (ich höre meinen Vater jaulen!).

Apropos: Kürzlich hat er angeregt, dass ich meine Reise in die Türkei überdenken möge. Das ist normalerweise ein Satz, der von meiner Mutter kommt. Als intuitiver Fisch pickt sie alles Mögliche auf, was lebensbedrohlich werden KÖNNTE. Doch das ist eine andere Geschichte. Wie auch immer: Ich habe recherchiert und gefunden, dass es dort nicht einen einzigen bestätigten Fall der Krankheit gibt. Jetzt frage ich mich, ob die mich vielleicht gar nicht reinlassen, wenn ich türkischen Boden betreten möchte. Früher hatte ich Bedenken, dass ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit unerwünscht wäre; jetzt sind es die kleinen Scheißerchen, die mir den Urlaub vermasseln könnten.

Einen beruflichen Auftrag haben sie übrigens auch schon gekillt. Das C-Wort hat also, abgesehen von meinen bestickten Schuhen, meinen Alltag erreicht. Von C wie China bis C wie Claudia – da sage noch einer, dass nicht alles mit allem verbunden ist. Umso wichtiger ist die Lebensfreude. Ich gehe heute wieder tanzen und treffe mich dann mit einer Freundin. Bleiben Sie gesund und gelassen!

FREITAG: Wander, Falke!

In mich werden ja immer wieder Dinge hineinprojiziert, und nach anfänglichem Hadern habe ich mich damit abgefunden. Ich kann das eh nicht ändern, sondern mache Situationen durch Erklärungen vielfach schlimmer. Mit einem Wanderfalken verglichen zu werden, hat allerdings etwas.

Außer dass Wanderfalken drollig und klein sind, wusste ich bis vor kurzem nicht viel über diese Zeitgenossen, die offenbar lange Zeit vom Aussterben bedroht waren. Doch wenn jemand schon einmal mit einem originellen Vergleich daher kommt, wollte ich mich damit beschäftigen. Die Antwort auf meine Rückfrage, wie dieser denn zustande käme, lautete übrigens: „Du bist auch dauernd unterwegs.“

Das stimmt schon, wenn auch nicht mit einer maximalen Geschwindigkeit von 320 km/h. Weder meine Schritte noch mein karmaviolettes Auto bewegen sich in diesen Dimensionen. Andererseits: Wie schnell fliegt ein Flugzeug? Die South African Airways haben mich zum Jahreswechsel immerhin mit über 1.000 Stundenkilometern an mein Ziel gebracht. Ein Wanderfalke bräuchte dafür dreimal so lange, hätte er die Puste, die Strecke in einem Zug zu schaffen.

Wenn ich mir das vergangene Jahr in Erinnerung rufe, in dem ich ja weniger reisen wollte, muss ich sagen: glanzvoll gescheitert! Berlin, Augsburg, Tirol, Wien, Frankfurt, Istanbul – daheimbleiben sieht anders aus. Und auch wenn ich das Gefühl habe, dass meine angepeilten Traumreiseziele immer weniger werden, finde ich trotzdem immer einen Grund, mich auf den Weg zu machen. Drei Reiseziele stehen schon fest, ein viertes kommt mit Sicherheit für das Jahresende dazu. Und zwischendrin? Zu meinen Kapstadt-Plänen zählt beispielsweise, dass ich mich öfters mit meinen Eltern treffen möchte. Ob das bei ihnen, bei mir oder irgendwo dazwischen stattfinden wird, bleibt spontan zu entscheiden. Dazu werde ich auch ins Auto springen, die Musik laut aufdrehen und mich des Lebens freuen. Auch meine Tochter möchte ich besuchen, sie weiß davon allerdings noch nix.

Inzwischen freunde ich mich mit dem Wanderfalkenvergleich an. Denn offenbar gibt es wirklich Parallelen, die mir so noch nicht bewusst waren. Zugegebenermaßen beschäftige ich mich mit dem Federvieh viel zu wenig, abgesehen von Tauben und Raben, Spatzen und Amseln, Meisen und vereinzelten Rotkehlchen, die sich in meiner näheren und weiteren Umgebung Gehör verschaffen und manchmal auch der Katze als Nahrung dienen, wenn sie wieder einmal das Raubtier in sich entdeckt und mit dem dreigängigen Menü unzufrieden ist, das ich ihr vorsetze.

Der gravierendste Unterschied zwischen den Vögeln und mir – abgesehen von der Fortbewegungsart und dem Aussehen – ist, dass sie Felsbrüter sind. Man gebe mir einen Felsen, und ich laufe davon. Als Stein kann ich ihn noch ertragen, schränkt er meine Sicht ein, erwachen in mir zwei Reflexe: jener, Ausschau nach einem Lift oder einer Straße zu halten, um hinauf zu kommen oder jener, zu flüchten. 19 Jahre in einer bergigen Gegend aufzuwachsen, prägt. Manche finden Freude daran, ihre Kräfte mit dem Felsen zu messen; ich verwende meine Kraft darauf, möglichst intensiv auf das Gaspedal zu drücken. Das natürlich nur, wenn ich zu einem kurzfristigen Felsbrüten eingeladen werden sprich meine Eltern besuche. Erst kürzlich dachte ich mir, dass selbst ein offener Talblick nichts daran ändert, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite Berge auftürmen, die den Horizont beschränken. Und das auf mannigfache Weise. Trotzdem kann ich natürlich verstehen, dass das für Flachländer das Paradies ist. Das Gesetz der Polarität eben.

Wanderfalken zieht es zunehmend in die Städte und brüten an modernen „Felsen“, lese ich. Die sind offenbar auch schon drauf gekommen, dass dort das Leben interessanter ist. Als Ort mit der höchsten Dichte an brütenden Wanderfalkenpaaren gilt Manhattan. Muss für mich jetzt auch nicht sein, obwohl ich gerne in dieser Stadt lebe, wo mein Haus steht. Übrigens keines aus Felsen, sondern aus Holz. Insofern werde ich wohl nie einen Wanderfalken unter meinem Dach zu beherbergen haben. Doch wahrscheinlich ist eh zu wenig Platz in diesem Revier für zwei unserer Art.

FREITAG: Frauen, findet Euch – gegenseitig!

Wir Frauen verlieren oft nur allzu leicht den Fokus darauf, was uns ausmacht. Und wenn es dann hart auf hart kommt, fällt er uns erst recht nicht mehr ein.

Folgende Situation: Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern hat einen kranken Mann, der in einer Heilstätte untergebracht ist. Sie arbeitet dreimal die Woche, die Kinder sind zwar in Betreuungsstätten aufgehoben, aber eben nicht so lange, dass es nicht ein gewisses Zeitmanagement nötig machen würden. Die Großmütter sind zwar eingebunden, aber eben auch nicht mehr unbedingt in vollem Saft. Der Mann ist naturgemäß keine Hilfe, sondern erlegt seiner Frau auch noch auf, seine Krankheit zu verschweigen.

In so einem Fall träume ich von einer idealen Frauenwelt. In der setzen sich alle weiblichen Kräfte im Umfeld dieser jungen Frau zusammen – die Omas, die Freundinnen, vielleicht sogar die Freundinnen der Omas und tun vor allem eines: die junge Frau stärken. Sie einnorden auf das, was zählt. Nämlich genau nicht darauf, sich Gedanken um den kranken Mann zu machen, der ohnehin in den besten medizinischen Händen ist, sondern sich ganz auf ihre persönliche Situation zu fokussieren. Weibliches Krisenmanagement eben.

Da übernimmt eine das Kochen, eine das Abholen oder Bringen der Kleinen vom und zum Kindergarten, eine andere das Waschen und alle miteinander das Zuhören. Denn das ist für Frauen in Krisen am allerwichtigsten. Die, die am reinlichsten ist, kann einmal durchsaugen; eine andere füllt den Kühlschrank. So stelle ich mir die Aufteilung in einem Weiberstamm vor. Doch was passiert tatsächlich?

Die junge Frau fühlt sich alleine gelassen und will darüber nicht reden. Die Großmütter sind völlig überlastet, weil sie eben auch schon fortgeschrittenen Semesters sind, vielleicht körperlich nur beschränkt beweglich und/oder immobil und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, die ja in manchen ländlichen Gegenden wirklich zum Heulen selten aufkreuzen. Es gibt welche, die sagen, sie hätten sich um ihren Mann oder eigene Kinder zu kümmern. Natürlich muss man sich zuerst um die Grundsätzlichkeiten vor der eigenen Haustüre kümmern, doch Notlagen sind ja meist so geartet, dass es nach einer absehbaren Zeit wieder einigermaßen normal weitergeht. Zum einen, weil die Not gelindert wird, zum anderen weil man eventuell lernt, mit der Not umzugehen oder sie irgendwie in die Weltsicht integriert. Insofern erfordern außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Vorgangsweisen.

Ich kenne Situationen wie diese persönlich, weil ich jahrelang in einer Lage war, die mich auch nicht darüber reden hat lassen. Weil ich es selbst schaffen, niemanden belasten, mir meine eigene Kraft beweisen wollte. Doch wirklich aus dieser Situation herausgekommen bin ich erst dann, als ich beschlossen hatte, mir Hilfe zu suchen. Dann ging es mit dem Reden, dann kam Unterstützung von außen, dann bewegte sich etwas. Wenn ich Geschichte wie die dieser jungen Frau höre, möchte ich sie zuerst einmal in den Arm nehmen und ihr das Gefühl geben, dass sie nicht alleine ist. Dann möchte ich eine Stammessitzung einberufen, gerne auch mit Trommeln, Räucherzeug und bei Mondschein. Und dann, wenn alle auf der gleichen Ebene schwingen, die Aufgaben verteilen. Das stelle ich mir unter wahren Frauenpower vor. Nicht die, die im Anzug in die Vorstandsetagen drängt, sondern die an der Basis weiß, was ihre Schwestern gerade brauchen. Danach kann immer noch Zeit und Kraft für das Unternehmenspenthouse sein, doch ohne die Wurzelarbeit bleibt alles eben ein Luftschloss. Das schnell verweht wird, wenn es nicht angebunden ist. Und dieses Angebundensein entsteht eben durch Verbundenheit. Mit uns selbst, unseren Mitweibern und dann mit dem Rest der Welt.