FREITAG: Frieden in den vier Wänden

Der Medienkonsum hat mich wieder eingefangen. Und es ist gar nicht so einfach, das in vernünftigen Bahnen zu halten, zumal vieles zum Kopfschütteln anregt und einiges kaum kommuniziert wird.

Gleich vorweg: Ja, ich hatte eine Anwandlung, die wahrscheinlich einer leichten Panikattacke entspricht. Und ja, in meinem Kopf spielte das Kakophonie-Orchester bei den ersten Meldungen, dass sich unser Leben vermutlich gravierend ändern wird. Also betrachten Sie bitte alle folgenden Erkenntnisse durch die Brille einer Frau, die nicht in einem anderen Universum oder auf einer Insel lebt.

Obwohl ich Inseln ja sehr liebe. Und blicke ich auf mein aktuelles Dasein, so gleicht es vermutlich einer Art Inseldasein. Vieles an meinem Leben hat sich allerdings nicht verändert, denn schon seit geraumer Zeit habe ich mir meine sozialen Kontakte sehr bewusst eingeteilt. Nicht, weil ich Angst vor irgendeiner Art von Ansteckung hatte, sondern weil ich mehr Zeit für mich und meine Pläne haben wollte. Insofern bin ich eingeschränkte Begegnungen inzwischen gewöhnt. Dass sie nun ganz wegfallen, sprich dass ich meine Freundeschar auf unbestimmte Zeit nicht mehr umarmen darf, ist selbstverständlich bedauerlich. Und ich weiß auch, dass es nicht für jede/n von ihnen einfach ist, plötzlich für das eigene Entertainment zu sorgen. Telefonate können das Bussi nicht ersetzen und doch helfen, sich gegenseitig auf dem neuesten Stand zu halten. Viel wird sich nicht tun im Äußeren, im Inneren dafür vermutlich umso mehr. Sogar die Polizei richtet sich schon darauf ein, dass sie jetzt vermehrt zu häuslichen Unstimmigkeiten gerufen wird. Die Randalierer im Umfeld von Nachtlokalen haben ja Ferien, die sie vermutlich zuhause verbringen (müssen).

Was mich traurig stimmt, ist die Tatsache, dass die Grenze zu Deutschland gesperrt ist, wo meine Kinder und ihr Vater leben. Auch wenn ich die Kids aufgrund ihres eigenen Lebensrhythmus‘ nur mehr sporadisch sehe, ist es doch etwas anderes, ob wir uns gezielt Zeit füreinander nehmen oder das von oben geregelt wird. Grundsätzlich wecken solche Erlasse meine Rebellion und ich drifte schnell in eine „Jetzt erst recht“-Haltung. Doch aktuell nützt mir das gar nichts, weshalb ich beschlossen habe, das Beste aus der Situation zu machen. Und das ist: Ich nehme alles, wie es ist.

Und hüte mich vor Kopfkino, das ja momentan ob der geschlossenen Filmtheater ohnehin ins innere und äußere Wohnzimmer umgezogen ist. Ich bekomme Filmchen von Hamsterkäufen, meine Mutter steht vor leeren Nudel- und Reisregalen, kein Tag vergeht ohne Späße über Toilettenpapierberge. Zu letzterem habe ich meine eigene Theorie entwickelt: Menschen unter Stress oder in Panik reagieren häufig mit verflüssigtem Stuhlgang. Und wenn sie dann auf dem Thron sitzen und sich fragen, wie lange diese körperliche Disbalance dauern könnte, wollen sie natürlich vorbereitet sein. Und die, die keinen Durchfall haben, folgen dem Herdentrieb. Ayurvedisch gesehen, gibt es andere Möglichkeiten, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, aber dazu muss man bereit sein.

Apropos Ayurveda: Da ich seit Jahren nach dieser Philosophie zu leben versuche, habe ich überhaupt keine Probleme mit leeren Regalen oder Schütten. Denn das, was mir laut Ayurveda gut tut oder der Situation angemessen ist, finde ich nach wie vor. Und schon alleine deshalb sehe ich für mich persönlich keinen Grund, Nudeln oder Reis, geschweige denn Klopapier zu horten. Ich brauche Nüsse, Käse, Früchte mit hohem Vitamin C-Gehalt, Gewürze. Und Frischluft. Dass ich spazieren gehen kann, empfinde ich als großes Glück. Und meinen Garten sowieso, der mir auch soziale Interaktion mit meinen Nachbarn ermöglicht, selbst wenn es schwer fällt, den Kleinsten nicht über den Zaun zu heben und mit ihm die Fische in meinem Teich zu zählen. Wenigstens haben wir vor kurzem eine Seilbahn zwischen den beiden Häusern gebaut, um Dinge austauschen zu können. Der Sinn des Ganzen ist überschaubar, doch es macht Freude. Dem Kleinen und uns Großen, die wir uns an seiner Freude aufrichten.

Insofern habe ich meinen Worten von letzter Woche nicht sehr viel an Erkenntnis hinzuzufügen. Das Immunsystem zu stärken bleibt wichtig, die Bewegung in der frischen Luft und zum Alleinseinmüssen eine neue Perspektive zu entwickeln ebenso. Denn statt sich ob der verordneten Selbstisolation leid zu tun, kann man das vom Selfcaring-Aspekt her betrachten. Ich kann beispielsweise endlich meine gesammelten Magazine und Wochenzeitungen lesen, ausgiebig und sinnvoll für mich selbst kochen, Podcasts hören und mich auf Themen fokussieren, für die mir unter normalen Umständen die Zeit gefehlt hätte. Und damit meine ich nicht die 300. Doku über COVID-19.

Was ich diesbezüglich verstehe: Der menschliche Körper mit einem intakten Immunsystem kann durchaus damit fertig werden, die Sterberate liegt bei unter einem Prozent. Ich verstehe auch, dass ein Infizierter nicht gleichzusetzen ist mit einem Erkrankten. Ich verstehe, dass es mit heutigem Stand über 80.000 Menschen weltweit gibt, die gesund geworden sind. Und ich verstehe, dass Stress oder Panik das Entzündungsrisiko im Körper erhöhen. Wenn also jeder darauf schaut, dass er gelassen bleibt und seine Widerstandskraft stärkt, dürfte allen geholfen sein. Denn selbst wenn man sich die Virusdinger einfängt: Wenn wir sie intrinsisch bekämpfen können, tragen wir sie auch nicht mehr weiter.

Also stärken Sie sich mit allem, was Ihnen (außer körperlichen Berührungen) gut tut: lustige Filme, anregende Bücher, interessante Podcasts, Entrümpeln, Frühlingsputz, Garten/Balkonarbeit, Bewegung im Freien, Atemübungen zu angenehmer Musik, selbst musizieren. Nehmen Sie ein ausgiebiges Schaumbad, holen Sie Ihre Brettspiele oder Spielkarten aus dem Schrank, rufen Sie liebe Menschen an. Es gibt vieles, was man tun kann – finden Sie es raus! Und bleiben Sie gesund.

FREITAG: Die kleinen Scheißerchen

Lange habe ich mich davon ferngehalten, denn wenn sich im eigenen Leben gerade so viel bewegt, interessiert einen der berühmte umfallende Sack Reis in China nicht. Doch jetzt hat auch bei mir das C-Wort Einzug gehalten.

Ich besitze zwei Paare bestickter Schuhe aus China und wahrscheinlich noch mehr, wenn ich die Etiketten meiner Klamotten studieren würde. Mein Bezug zu diesem Land beschränkt sich auf einen sehr aufregenden Hongkong-Trip vor Jahrzehnten, da war die Stadt noch Teil des British Empires. Ich war verliebt, traf Jeremy Irons auf der Fähre zwischen Kowloon und Hong Kong Island, erwarb einen Tiegel Tigerbalsam, den ich immer noch in meinem Erste Hilfe-Schrank aufbewahre. Näher bin ich China nie gekommen, doch China ist zu mir gekommen, wie zu Ihnen vermutlich auch.

In den Kleiderschrank, ins Schuhregal, auf den Teller. Und natürlich auch in Form von Touristenkohorten. Das nennt man Globalisierung, von der nahezu jeder von uns profitiert. Ginge es ohne sie? Bestimmt, aber unser Leben würde grundlegend anders aussehen. Und da der Mensch nur ungern etwas hergibt, was ihm zu dienen scheint, lieben wir die weltweite Freiheit. Auch wenn sie ihre Schattenseiten hat. Doch genau hier spiegelt sich das Innere nach außen. Wie viele von uns betreiben denn Schattenarbeit, beschäftigen sich mit den nicht ganz so schmeichelhaften Seiten ihres Selbst? Das Leben ist doch viel zu spannend, um sich in sich selbst zu vergraben. Mir fällt wieder eine Freundin ein, die sagte, dass sie die jahrzehntelange Selbstreflexion satthabe. Und auch ich hatte letztes Jahr einmal so eine Phase, wo mir die Gedanken über mein Leben gehörig auf die Nerven gegangen sind. Doch die ging vorbei, weil ich festgestellt habe, dass Lernen ohne Verstoffwechseln einfach schlechter funktioniert als mit.

Und wie sich viele von uns nicht mit den Flüchtlingswellen befassen wollen, die meiner Ansicht nach auch eine Folge der Globalisierung sind, bräuchte es jetzt also viel kleinere Einheiten, die importiert wurden. Mein kleiner Nachbar liebt es, wenn ich zu so etwas „kleine Scheißerchen“ sage, und genau das sind diese Viren. Die einen sagen, dass man nichts darüber wisse, die anderen sagen, was sie darüber wissen. Und wir dazwischen? Schieben vielfach Panik, hamstern in Geschäften, bleiben zu Hause, meiden andere. Und wissen erst recht nicht, was genau zu tun oder zu lassen ist.

Kürzlich habe ich ein Video von einem weltweit anerkannten Arzt und Meditationslehrer gesehen, der dazu aufgerufen hat, sich einfach selbst zu stärken. Weil die Panik selbst nämlich sehr viel zerstört – nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das intrinsische System. Seine Botschaft: Wenn man mit sich im Einklang sei, hätten die kleinen Scheißerchen gar keine Chance. Dazu gehört – natürlich – Meditation, aber auch gesundes Essen, ausreichend Schlaf, Freude und Bewegung in der Natur. Auch Kurkuma kann helfen (ich höre meinen Vater jaulen!).

Apropos: Kürzlich hat er angeregt, dass ich meine Reise in die Türkei überdenken möge. Das ist normalerweise ein Satz, der von meiner Mutter kommt. Als intuitiver Fisch pickt sie alles Mögliche auf, was lebensbedrohlich werden KÖNNTE. Doch das ist eine andere Geschichte. Wie auch immer: Ich habe recherchiert und gefunden, dass es dort nicht einen einzigen bestätigten Fall der Krankheit gibt. Jetzt frage ich mich, ob die mich vielleicht gar nicht reinlassen, wenn ich türkischen Boden betreten möchte. Früher hatte ich Bedenken, dass ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit unerwünscht wäre; jetzt sind es die kleinen Scheißerchen, die mir den Urlaub vermasseln könnten.

Einen beruflichen Auftrag haben sie übrigens auch schon gekillt. Das C-Wort hat also, abgesehen von meinen bestickten Schuhen, meinen Alltag erreicht. Von C wie China bis C wie Claudia – da sage noch einer, dass nicht alles mit allem verbunden ist. Umso wichtiger ist die Lebensfreude. Ich gehe heute wieder tanzen und treffe mich dann mit einer Freundin. Bleiben Sie gesund und gelassen!

FREITAG: Wander, Falke!

In mich werden ja immer wieder Dinge hineinprojiziert, und nach anfänglichem Hadern habe ich mich damit abgefunden. Ich kann das eh nicht ändern, sondern mache Situationen durch Erklärungen vielfach schlimmer. Mit einem Wanderfalken verglichen zu werden, hat allerdings etwas.

Außer dass Wanderfalken drollig und klein sind, wusste ich bis vor kurzem nicht viel über diese Zeitgenossen, die offenbar lange Zeit vom Aussterben bedroht waren. Doch wenn jemand schon einmal mit einem originellen Vergleich daher kommt, wollte ich mich damit beschäftigen. Die Antwort auf meine Rückfrage, wie dieser denn zustande käme, lautete übrigens: „Du bist auch dauernd unterwegs.“

Das stimmt schon, wenn auch nicht mit einer maximalen Geschwindigkeit von 320 km/h. Weder meine Schritte noch mein karmaviolettes Auto bewegen sich in diesen Dimensionen. Andererseits: Wie schnell fliegt ein Flugzeug? Die South African Airways haben mich zum Jahreswechsel immerhin mit über 1.000 Stundenkilometern an mein Ziel gebracht. Ein Wanderfalke bräuchte dafür dreimal so lange, hätte er die Puste, die Strecke in einem Zug zu schaffen.

Wenn ich mir das vergangene Jahr in Erinnerung rufe, in dem ich ja weniger reisen wollte, muss ich sagen: glanzvoll gescheitert! Berlin, Augsburg, Tirol, Wien, Frankfurt, Istanbul – daheimbleiben sieht anders aus. Und auch wenn ich das Gefühl habe, dass meine angepeilten Traumreiseziele immer weniger werden, finde ich trotzdem immer einen Grund, mich auf den Weg zu machen. Drei Reiseziele stehen schon fest, ein viertes kommt mit Sicherheit für das Jahresende dazu. Und zwischendrin? Zu meinen Kapstadt-Plänen zählt beispielsweise, dass ich mich öfters mit meinen Eltern treffen möchte. Ob das bei ihnen, bei mir oder irgendwo dazwischen stattfinden wird, bleibt spontan zu entscheiden. Dazu werde ich auch ins Auto springen, die Musik laut aufdrehen und mich des Lebens freuen. Auch meine Tochter möchte ich besuchen, sie weiß davon allerdings noch nix.

Inzwischen freunde ich mich mit dem Wanderfalkenvergleich an. Denn offenbar gibt es wirklich Parallelen, die mir so noch nicht bewusst waren. Zugegebenermaßen beschäftige ich mich mit dem Federvieh viel zu wenig, abgesehen von Tauben und Raben, Spatzen und Amseln, Meisen und vereinzelten Rotkehlchen, die sich in meiner näheren und weiteren Umgebung Gehör verschaffen und manchmal auch der Katze als Nahrung dienen, wenn sie wieder einmal das Raubtier in sich entdeckt und mit dem dreigängigen Menü unzufrieden ist, das ich ihr vorsetze.

Der gravierendste Unterschied zwischen den Vögeln und mir – abgesehen von der Fortbewegungsart und dem Aussehen – ist, dass sie Felsbrüter sind. Man gebe mir einen Felsen, und ich laufe davon. Als Stein kann ich ihn noch ertragen, schränkt er meine Sicht ein, erwachen in mir zwei Reflexe: jener, Ausschau nach einem Lift oder einer Straße zu halten, um hinauf zu kommen oder jener, zu flüchten. 19 Jahre in einer bergigen Gegend aufzuwachsen, prägt. Manche finden Freude daran, ihre Kräfte mit dem Felsen zu messen; ich verwende meine Kraft darauf, möglichst intensiv auf das Gaspedal zu drücken. Das natürlich nur, wenn ich zu einem kurzfristigen Felsbrüten eingeladen werden sprich meine Eltern besuche. Erst kürzlich dachte ich mir, dass selbst ein offener Talblick nichts daran ändert, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite Berge auftürmen, die den Horizont beschränken. Und das auf mannigfache Weise. Trotzdem kann ich natürlich verstehen, dass das für Flachländer das Paradies ist. Das Gesetz der Polarität eben.

Wanderfalken zieht es zunehmend in die Städte und brüten an modernen „Felsen“, lese ich. Die sind offenbar auch schon drauf gekommen, dass dort das Leben interessanter ist. Als Ort mit der höchsten Dichte an brütenden Wanderfalkenpaaren gilt Manhattan. Muss für mich jetzt auch nicht sein, obwohl ich gerne in dieser Stadt lebe, wo mein Haus steht. Übrigens keines aus Felsen, sondern aus Holz. Insofern werde ich wohl nie einen Wanderfalken unter meinem Dach zu beherbergen haben. Doch wahrscheinlich ist eh zu wenig Platz in diesem Revier für zwei unserer Art.

FREITAG: Frauen, findet Euch – gegenseitig!

Wir Frauen verlieren oft nur allzu leicht den Fokus darauf, was uns ausmacht. Und wenn es dann hart auf hart kommt, fällt er uns erst recht nicht mehr ein.

Folgende Situation: Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern hat einen kranken Mann, der in einer Heilstätte untergebracht ist. Sie arbeitet dreimal die Woche, die Kinder sind zwar in Betreuungsstätten aufgehoben, aber eben nicht so lange, dass es nicht ein gewisses Zeitmanagement nötig machen würden. Die Großmütter sind zwar eingebunden, aber eben auch nicht mehr unbedingt in vollem Saft. Der Mann ist naturgemäß keine Hilfe, sondern erlegt seiner Frau auch noch auf, seine Krankheit zu verschweigen.

In so einem Fall träume ich von einer idealen Frauenwelt. In der setzen sich alle weiblichen Kräfte im Umfeld dieser jungen Frau zusammen – die Omas, die Freundinnen, vielleicht sogar die Freundinnen der Omas und tun vor allem eines: die junge Frau stärken. Sie einnorden auf das, was zählt. Nämlich genau nicht darauf, sich Gedanken um den kranken Mann zu machen, der ohnehin in den besten medizinischen Händen ist, sondern sich ganz auf ihre persönliche Situation zu fokussieren. Weibliches Krisenmanagement eben.

Da übernimmt eine das Kochen, eine das Abholen oder Bringen der Kleinen vom und zum Kindergarten, eine andere das Waschen und alle miteinander das Zuhören. Denn das ist für Frauen in Krisen am allerwichtigsten. Die, die am reinlichsten ist, kann einmal durchsaugen; eine andere füllt den Kühlschrank. So stelle ich mir die Aufteilung in einem Weiberstamm vor. Doch was passiert tatsächlich?

Die junge Frau fühlt sich alleine gelassen und will darüber nicht reden. Die Großmütter sind völlig überlastet, weil sie eben auch schon fortgeschrittenen Semesters sind, vielleicht körperlich nur beschränkt beweglich und/oder immobil und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, die ja in manchen ländlichen Gegenden wirklich zum Heulen selten aufkreuzen. Es gibt welche, die sagen, sie hätten sich um ihren Mann oder eigene Kinder zu kümmern. Natürlich muss man sich zuerst um die Grundsätzlichkeiten vor der eigenen Haustüre kümmern, doch Notlagen sind ja meist so geartet, dass es nach einer absehbaren Zeit wieder einigermaßen normal weitergeht. Zum einen, weil die Not gelindert wird, zum anderen weil man eventuell lernt, mit der Not umzugehen oder sie irgendwie in die Weltsicht integriert. Insofern erfordern außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Vorgangsweisen.

Ich kenne Situationen wie diese persönlich, weil ich jahrelang in einer Lage war, die mich auch nicht darüber reden hat lassen. Weil ich es selbst schaffen, niemanden belasten, mir meine eigene Kraft beweisen wollte. Doch wirklich aus dieser Situation herausgekommen bin ich erst dann, als ich beschlossen hatte, mir Hilfe zu suchen. Dann ging es mit dem Reden, dann kam Unterstützung von außen, dann bewegte sich etwas. Wenn ich Geschichte wie die dieser jungen Frau höre, möchte ich sie zuerst einmal in den Arm nehmen und ihr das Gefühl geben, dass sie nicht alleine ist. Dann möchte ich eine Stammessitzung einberufen, gerne auch mit Trommeln, Räucherzeug und bei Mondschein. Und dann, wenn alle auf der gleichen Ebene schwingen, die Aufgaben verteilen. Das stelle ich mir unter wahren Frauenpower vor. Nicht die, die im Anzug in die Vorstandsetagen drängt, sondern die an der Basis weiß, was ihre Schwestern gerade brauchen. Danach kann immer noch Zeit und Kraft für das Unternehmenspenthouse sein, doch ohne die Wurzelarbeit bleibt alles eben ein Luftschloss. Das schnell verweht wird, wenn es nicht angebunden ist. Und dieses Angebundensein entsteht eben durch Verbundenheit. Mit uns selbst, unseren Mitweibern und dann mit dem Rest der Welt.

FREITAG: Fokus-Pokus

Gelenkte Aufmerksamkeit tut manchmal wirklich gut, vor allem deshalb, weil man dadurch viel leichter Synchronizitäten erlebt. Eine Möglichkeit dafür ist das zufällige Ziehen von Orakelkarten.

Seit Jahresanfang mache ich das: eine für den Monat, eine für die Woche und eine für den Tag. Da kommen einem dann, je nach Deck (so nennt man die Kartenstapel), entweder einzelne Begriffe oder auch Sprüche entgegen, die zum Denken und zur Achtsamkeit anregen können. Ich handhabe das so, dass ich jeden Abend vor dem Schlafengehen auf den Tag zurückblicke und mir überlege, inwiefern sich diese drei Botschaften in den hinter mir liegenden Stunden manifestiert haben. Das schult die Aufmerksamkeit, die Selbstreflexion und die Freude. Meine Karte für diese Woche lenkt meinen Fokus auf „Akzeptanz“.
Dabei habe ich in einem ersten Brainstorming – und ohne dass ich den Erklärtext dazu gelesen hätte – ans Außen gedacht. Daran, was ich dort alles akzeptieren könnte. Zum Beispiel Menschen mit großen Autos, die schlecht einparken können und sich auch sonst vieles rausnehmen, frei nach dem Motto „Der Große frisst den Kleinen.“ Oder die Tatsache, dass es in der heutigen Zeit „Orbiting“ gibt. Nach „Phubbing“ das zweite Wort, das ich mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen habe. Unter Orbiting versteht man das Verhalten, wenn man auf persönliche Nachrichten nicht mehr antwortet, dafür im virtuellen Raum Postings liked oder kommentiert. In meiner Welt ist das ja einfacher: Wenn mich jemand nur mangelhaft interessiert, schaue ich mir dauerhaft auch keine Storys mehr an – weder auf WhatsApp noch auf Facebook oder Instagram. Simple as that. Doch anscheinend ist das Leben dort draußen komplexer, und das habe ich auch zu akzeptieren. Dass Menschen heutzutage immer noch Lebensmittel wegwerfen, obwohl Meisterköche damit inzwischen ganze Menüs bestreiten, ist mir ebenfalls unverständlich. Und wenn es ungenügend ist, anderes vorzuleben, muss man eben akzeptieren, dass sich manche auf einer anderen Entwicklungsstufe befinden.
Ich bin immer noch erleichtert, dass mir diese Übung in Gelassenheit über den Weg geschickt wurde. Denn macht man sich bewusst, dass das Gegenüber auf einer anderen Entwicklungsstufe ist, kann man viel ruhiger zuhören. Und das gilt durchaus auch für einen selbst. Da gibt es nämlich auch einiges zu akzeptieren. Beispielweise, dass die Zehennägel am linken Fuß schneller wachsen als die am rechten. Oder dass man es manchmal nicht schafft, sich einfach auszudrücken. Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich mich schon für etwas entschieden hätte (kann mich nicht mehr erinnern, was es genau war). Meine Antwort: „Ich bin noch nicht zu einer finalen Einstellung gelangt.“ Das Gegenüber musste sehr lachen, was mir wiederum vor Augen geführt hat, dass „Ich weiß es noch nicht“ auch genügt hätte. Für einen viel denkenden Menschen wie mich ist es auch zu akzeptieren, dass ich nicht zu allem eine Meinung brauche. Zum Beispiel über Politik. Was nicht bedeutet, dass es mir egal ist, was in einem Land passiert. Aber ich beurteile den Output und nicht das Geplappere bis dahin. Ich muss auch keine Meinung zum Thema Sex haben. Oder zu Jan Kroos. Oder zum kasachischen Steuerrecht. Und während ich das akzeptiere, gewinne ich Zeit, um mir eine Meinung dort zu bilden, wo die thematische Gemengelage in mir etwas zum Klingen bringt.
Meine Monatskarte lautet übrigens „Serendipität“. Darunter versteht man laut Wikipedia „eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist“. Davon sammle ich jetzt schon seit über zwanzig Tagen Eindrücke, die mich zum Lächeln bringen und in mir das Gefühl hervorrufen, dass alles mit allem verbunden ist. Mit einem weinenden und lachenden Auge blicke ich deshalb dem 1. März entgegen, der eine neue Karte bringen wird. Wäre es nicht ein wunderbarer Moment von Serendipität, wieder diesen Begriff zu ziehen? Falls er nicht eintritt, werde ich das akzeptieren.

FREITAG: Nix is fix zwischen Venus und Mars

So angenehm die virtuellen Möglichkeiten durch so genannte Messaging-Dienste sind, eröffnet sich doch immer wieder der Spielraum der Spekulation. Und das betrifft sehr oft die Kommunikation zwischen Frau und Mann.

„Ich möchte erobert werden.“ „Ich melde mich, hab‘ Dich ganz ganz lieb.“ Was so nett als Antwort daher kommt, löst doch eine überwältigende Menge an Interpretationen aus. Und offensichtlich auch auf der Seite, die erobern sollte. Durch meine eigene Position, die aktuell glücklicherweise frei von solchen Unterhaltungen ist, fallen mir die Mechanismen dahinter umso stärker auf. Und ich habe eine These entwickelt, die ich mit ihnen teilen möchte. Vorweg: Mein Vater hält sie für durchaus möglich, und das bedeutet schon einiges.
Ungern weide ich das Bild des Mannes vom Mars und das der Frau von der Venus aus. Und doch stimmt da einiges daran. Zum Beispiel, dass beide unterschiedlich ticken. Vor einigen Wochen habe ich dazu eine durchaus erhellende Unterweisung bekommen, die besagte, dass Frauen auf Einheit und Männer auf Trennung ausgerichtet seien. Das führe dazu, dass Frauen dadurch schlechter in die Gänge kommen (beispielsweise mit ihrer Karriere), weil sie das große Ganze im Auge behielten und das irgendwie träge mache, wenn das große Ganze auch nur den kleinsten Mangel aufweise. Männer tun sich dabei leichter, weil sie entscheiden, welchen Weg sie gehen, ohne auf das große Ganze zu achten. Weil es ihnen wichtig ist, dass sie sich überhaupt bewegen. Deshalb gäbe es auch hauptsächlich spirituelle Lehrer und so wenige Lehrerinnen.
Umgelegt auf das Kommunikationsverhalten bedeutet das für mich, dass Frauen oft viel zu sehr darauf bedacht sind, mit ihren Worten niemandem auf die Füße zu treten. Und dass Männer oft nicht verstehen, wenn Frauen ihre Aussagen interpretieren, die doch ziemlich klar sind. Mein Jüngster, den ich für einen ziemlich hellen Kopf halte, hat mir im Sommer erklärt, dass Männer simpel sind. Das war der Anfang meiner Beobachtungen, wenn auch ein überraschender.
„Ich möchte erobert werden“ ist in diesem Sinne für eine Frau durchaus verständlich. Und dabei meine ich nicht, dass das weibliche Geschlecht gerne erobert werden möchte (geschenkt!), sondern dass es versteht, was damit gemeint ist. Und das kann vieles umfassen, je nachdem, wie frau gestrickt ist. Die eine mag mit Geschenken überschüttet werden, die andere mit Körperwärme und eine dritte mit langen Textnachrichten. Und eine vierte vielleicht mit allem. Und wenn das Wort „Eroberung“ fällt, denkt natürlich jede in ihrem Referenzrahmen. Der für jede individuell ist, was aber in einer Frauenrunde egal ist – da reicht eben schon „Ich möchte erobert werden.“ Doch für den Mann eröffnet sich dadurch eine Riesenraum der Spekulation. Er könnte jetzt nach dem Prinzip „Trial & Error“ vorgehen, er könnte aber auch fragen. Diese beiden Varianten würde ein Großteil der zur Eroberung bereitstehenden Weiblichkeit durchaus als Versuch gelten lassen. Was allerdings Verwirrung stiftet, ist: die männliche Auffassung von Eroberung. Denn hier wie dort gilt: Das ist für jeden Mann individuell. Und sind die individuellen Auffassungen eben inkompatibel, enden wir Frauen in stundenlangen Gesprächen darüber, was „ Ich melde mich, hab‘ Dich ganz ganz lieb“ denn zu bedeuten habe als Antwort.
Es könnte heißen, dass Mann keine Zeit hat, darauf detailliert einzugehen, aber die emotionale Ebene aufrecht erhalten möchte. Es könnte heißen, dass er die Frau abkühlen lassen will, um dann auf vernünftiger Ebene weiter mit ihr kommunizieren zu können. Es könnte heißen, dass er sich mit dieser Aussage nicht auseinandersetzen möchte, weil er in seiner Welt eh alles dazu getan hat, dass die Frau sich geliebt fühlt. Es könnte aber auch bedeuten, dass er einfach kein Interesse hat, sich damit auseinander zu setzen und eigentlich eh schon auf einer anderen Hochzeit tanzt. Doch woher soll Frau in ihrer Orientierung nach Einheit Gewissheit nehmen, was Worte aus einem Trennungsverständnis heraus zu bedeuten haben? Eben. Der kleine, aber zeitfeine Unterschied: Die ganzheitlich orientierte Frau denkt sich stunden- und tagelang um Kopf um Kragen, um Worte wie diese zu verstehen. Der Mann versteht etwas nicht, fragt selten nach und macht einfach sein Ding weiter, das er vor der Nachricht begonnen hat. Weil: Der Weg ist das Ziel.
Ich finde ja, dass beide Blickwinkel ihre Berechtigung haben. Und die Bilanz der Unterweisung ist jene, dass sich beide Geschlechter nur im Augenblick treffen können. Die Frau tritt einen Schritt aus ihrem Einheitsdenken heraus, und der Mann hält auf seinem Weg inne, um die Frau zu treffen. Im Jetzt. Doch das braucht Bewusstsein und konkret Kommunikation. Wenn die Frau etwas möchte, sollte sie das klar kommunizieren. Statt „Ich möchte erobert werden“ könnte sie sagen „Wenn ich nur einmal am Tag eine Nachricht von Dir bekomme, bedeutet das für mich Desinteresse.“ Der Mann könnte nach einem „Ich melde mich“ einen konkreten Zeitpunkt angeben, wann das vonstatten geht. Und sich daran halten.
Falls uns jemals jemand gesagt hat, dass die Sache zwischen Mann und Frau einfach sei, wenn es nur genügend Zuneigung gebe, war das eine Riesenschwindelei. Einfach ist gar nichts zwischen Mars und Venus. Doch gerade das macht die Sache spannend. Nämlich dann, wenn man jemanden trifft, mit dem alles scheinbar flutscht und man sich im siebten Himmel wähnt. Meist passen da nur zwei Illusionen perfekt zueinander. Doch früher oder später hat sich noch jede Illusion aufgelöst und dann? Stimmt die Gefühlsebene, beginnt das wahre Aufeinanderzugehen. Stimmt sie nicht, setzt man einen Schlusspunkt. Doch auch hier gehen die Auffassungen von Frau und Mann auseinander, wie das zu gestalten ist. Ach, diese Geschichte ist eine unendliche, doch sie ist es wert, gelebt zu werden.

FREITAG: Die Geduld

Mir als im Sternzeichen des Stier Geborene wird ja nach gesagt, dass ich über eine gehörige Portion Geduld verfüge. Manchmal sogar zu viel Geduld, so im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt. Und auch heute übe ich mich darin: Ich warte auf einen Anruf.

Draußen scheint seit langem wieder die Sonne, und meine Füße treten unter dem Schreibtisch vor sich hin, wenn sie schon nicht ins Freie kommen. Ich warte nämlich auf einen Anruf, weil dieser Anruf einer Freundin von mir zu ziemlich viel Geld verhelfen könnte. Leider bin ich vertraglich dahin gehend gebunden, dass ich mich nicht breiter darüber auslassen darf, aber vielleicht können Sie es sich ja denken. Schließlich braucht jeder von uns einmal eine Glücksfee.
Und während ich darauf achte, dass meine Akkus meines Telefons aufgeladen ist und mich still beschäftige, wünsche ich meiner Freundin bei ihrem Reichtumsplan alles Glück dieser Welt. Und mir, dass sie mich dabei nicht braucht. Denn ehrlicherweise weiß ich nämlich so gut wie jeder reflektierte Mensch: Man kann heutzutage einfach nicht alle Informationen speichern, sondern nur hoffen, dass das Richtige im richtigen Moment hängen geblieben ist. Mein Vater ist aus diesem Grund sogar in Pension gegangen, weil er sich bewusst wurde, dass sich die Medizin so rasant entwickelt, dass man gar nicht mehr Schritt halten kann. Und gerade in einer Domäne, wo es um Leben oder Tod gehen kann, ist der Entschluss, aus diesem Rennen auszusteigen, ein kluger. Jetzt geht es bei meiner Freundin glücklicherweise nicht um „Dead or alive“, sondern um ein besseres Leben mit mehr Möglichkeiten. Nicht primär für sie allein, sondern für das große Ganze, das ihr Dasein ausmacht.
Sie wartet auch schon lange, und bei ihr steht die Geduld nicht wirklich in den Sternen. Das Streben, ihr Leben so zu führen, wie sie es sich vorstellt schon, und das ist ja für jeden nachvollziehbar. Wie das gelingen könnte – darin ist sie ziemlich einfallsreich, weshalb sie jetzt eben auf etwas unkonventionelle Art und Weise ihr Glück versucht. Toi, toi, toi! Meine Aktivität findet auf einer anderen Ebene statt. Nicht, dass ich nicht auch meine Pläne hätte! Die Liste, die ich aus Kapstadt mitgebracht habe, umfasst 20 private und berufliche Punkte, die der Umsetzung harren. Und schon allein durch die Anzahl der Vorhaben muss ich auch hier wieder warten, denn nur weil ich jetzt will, bedeutet das nicht, dass die anderen auch wollen. Geschenkt! Deshalb versuche ich nun, die To-Do-Liste intuitiv abzuarbeiten. Das bedeutet, dass ich meine Achtsamkeit schärfe und darauf achte, welche passenden Verbindungsknoten sich vor meinen Augen lösen. Das funktioniert nach dem Motto „Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.“ Ein kleines Beispiel: Auf meiner Liste steht zum Beispiel, dass ich meine Fotos gerne anders streuen möchte als auf Instagram. Und so finde ich mich kürzlich in einem Gespräch mit einem Mann wieder, der Kalender und Postkarten verlegt. Ich würde auch gerne wieder mehr Schreibseminare halten, und während ich einen Freund treffe und mich mit ihm über Gott und die Welt unterhalte, erzählt er mir von einem Netzwerk, in das ich damit gut passen würde. Voilá!
Diese Herangehensweise macht mein Leben gerade sehr spannend, weil ich jeden Morgen diese Liste durchlese und mich auf die überraschenden Entdeckungen des Tages freue. Die schönste heute wäre, wenn es meine Freundin ohne mich zum Reichtum bringen würde; die zweitschönste, wenn ich diesen Anruf bekomme und genau die gewünschte Information parat hätte. Wir werden sehen!

 

FREITAG: Alter, das Meer!

Ich bin reif für die Seniorenresidenz, habe ich festgestellt. Aber nicht, weil ich vielleicht schon in einem entsprechenden Alter wäre, sondern weil ich angeregt wurde, über das Wohnen im Alter nachzudenken.

Was an jenen Tagen passiert ist, als ich das erste Mal das Meer gesehen habe, liegt jenseits meiner Erinnerung. Die früheste setzt ein, wenn ich an meine erste Pasta mit Muscheln denke, die ich an der Adria gegessen habe. Und seitdem immer wieder: das Meer. Meine Eltern haben mir einmal ein klingendes Geburtstagsalbum geschenkt, in dem sie zu den Bildern ihre Erinnerungen erzählt haben. Ein Satz darin: „Und immer wieder das Meer.“ Das war wohl der Moment, in dem ich mir dieser permanenten Sehnsucht so richtig bewusst geworden bin. Ja, es muss immer wieder das Meer sein, und ein Urlaub ohne Gischt ist kaum vorstellbar. Selbstverständlich ist mir klar, dass ich mich dadurch von sehr vielen wunderschönen Destinationen dieser Welt freiwillig abschneide, aber hey, man kann nicht alles haben. Letztes Jahr habe ich es einmal ohne Meer versucht, mir ein Domizil über den Wolken gesucht. Das ging irgendwie, doch das Rauschen hat mir ziemlich gefehlt, auch wenn die Vögel sich um Kopf und Kragen gesungen haben, um das auszugleichen.
Als ich vor Jahren ein Coaching gemacht habe, sollte ich mir meinen Sehnsuchtsort vorstellen, an dem ich schreiben könnte. Noch heute weiß ich jedes Detail der Einrichtung, die Farben und selbstverständlich den Ausblick. Raten Sie mal! Aufs Meer natürlich. Daran musste ich denken, als ich eine Buchpräsentation besuchte, deren Thema „Jetzt das Wohnen für später planen“ war. Die sehr kluge Herangehensweise der Autorinnen: Wenn die Wohnung oder das Haus mehr Energie kostet als sie oder es bringt, ist es Zeit, über das Leben im Alter nachzudenken. Das machte mich nachdenklich, ja fast schon sehnsüchtig nach diesem Meeresblick, den kein Strauchschnitt, kein stundenlanges Staubsaugen, kein vollgestopfter Hauswirtschaftsraum trübte. Dort „war“ ich einfach nur, habe das getan, wonach mir war (und selbst ohne Arbeit ist mir immer nach sehr viel) und musste mich um nichts kümmern. Das ist es nämlich, was mich oft sehr viel Energie kostet. Was für andere ein Klacks ist, kann ich tagelang prokrastinieren. Den aktuellen Scheiterhaufen in meinem Garten beispielsweise. Nachdem ich momentan niemanden habe, den ich dort gedanklich verbrennen sollte, könnte er eigentlich weg. Doch dieser Anruf beim Wertstoffhof! Ich weiß nämlich schon, was mich erwartet: ein ziemlich ungenauer Abholtermin, den ich so nicht akzeptieren kann, weil ich zum Entfernen des Haufens aus meinem Garten hinaus auf die Straße Hilfe brauche, die nicht jederzeit verfügbar ist. Der Greifarm kann nicht übers Tor fahren, weil Bäume diesen Weg behindern. Und würde ich den Scheiterhaufen dorthin schieben, wo er erreichbar wäre, kann ich mit dem Auto nicht mehr aus der Garage. Das alles erkläre ich dem Mann am anderen Ende der Leitung jedes Jahr zweimal, und jedes Mal ist es ein Wahnsinnsakt, ihn dazu zu bringen, mir einen genauen Tag zu nennen. Habe ich erwähnt, dass es mich unendlich ermüdet, die immer gleichen Gespräche führen zu müssen, selbst wenn sie nur zweimal im Jahr stattfinden?
Wäre ich in einer Seniorenresidenz (idealerweise in Strandlage), würde jemand anderer diese Unterhaltungen führen. Denn ich verbrächte meine Zeit damit, in Palmenwipfel zu kontemplieren, statt mir darüber Gedanken zu machen, wie und vor allem wann ich die Wipfel meiner Trauerweide aus meinem Garten entfernen lasse. Natürlich hätte ich in dieser Residenz auch einen Balkon oder eine Terrasse, auf der ich dann Strauchtomaten und Miniäpfel ziehe, Blumen sind obligatorisch. Doch, halt! Wie bringe ich die Erde auf meinen Balkon? Und die Töpfe, die in ihrer Sturmresistenz natürlich auch ein gewisses Gewicht haben müssen? Und angesichts der äußerst windigen Endtage in Kapstadt muss ich mich auch fragen, ob ich das permanent brauche, dieses Blasen aus allen Richtungen, selbst wenn sich mein Kopf immer freut, wenn er gewisse Gedanken dem Wind übergeben kann. Doch irgendwann wird selbst mein Kopf leer sein, und was verbläst der Sturm dann? Mich und meine Ruhe.
Als ich einer Freundin meine Sehnsucht nach der Seniorenresidenz erzählte, sagte sie, dass ich ohne meinen Garten nicht sein könnte. Und vermutlich hat sie recht, auch wenn er mir manchmal buchstäblich über den Kopf wächst. Da hilft es ungemein, Menschen um sich zu haben, die helfen – und das gerne. Weil sie den Wert eines Gartens zu schätzen wissen. Wie ich ja auch. Ich denke deshalb, dass ich noch einige Jahre die Energiebalance halten kann, doch irgendwann einmal werde ich es versuchen. Mit dem Meer.

FREITAG: Karmisches Kapstadt

Der Winter hat mich wieder, und damit meine ich nicht den Schnee, der für meine Verhältnisse zu dieser Jahreszeit gehört. Der lässt ja irgendwie auf sich warten, wie vieles andere auch.

Ach, wo soll ich anfangen mit meinen Berichten über die hinter mir liegende Auszeit? Die Urlaubssymphonie klingt immer noch nach, und wie das mit derart komplexen Musikstücken ist, kann man die Melodieführung der einzelnen Instrumente aufs erste Hinhören nur schwer erkennen. Die erste Woche auf europäischem Boden jedenfalls war nicht dazu da, mir vollumfänglich die gewonnenen Erkenntnisse bewusst zu machen. Geschweige denn irgendetwas davon auf den Boden zu bringen.
Nach einem völlig problemlosen Heimflug und einem warmen Empfang musste ich mir eingestehen, dass es doch einiges gibt, was mir auf den Magen geschlagen ist. Denn am Tag nach meiner Rückkehr fand ich mich mit einer Kolik auf dem Sofa wieder, das meine Teilnahme an einer Geburtstagsfeier und das Halten eines Workshops mit Vehemenz verhindert hat. Und während ich die Atemzüge zählte, um zumindest ein wenig auf den nächsten Krampf vorbereitet zu sein, hatte ich ausreichend Ruhe, mir das alles von innen anzuschauen.
Natürlich ist da die Kälte. Wenn man aus einem Land kommt, an dem es selten unter dreißig Grad warm war und der Wind trotzdem einen angenehmen Aufenthalt im Freien ermöglicht hat, sind Minusgrade ein veritabler Grund, einen Krampf zu kriegen. Oder zumindest den Buckel aufzustellen und nach dem nächsten Heizpilz Ausschau zu halten. Hätte ich da schon mit meinem Ältesten telefoniert gehabt, der mir erklärte, dass Kälte ohne Bewertung einfach nur hingenommen werden könne, hätte ich die Klimaveränderung vielleicht bewusster wahrgenommen. Leider fand das Gespräch erst statt, als meine Leibesmitte schon wieder einigermaßen entspannt war.
Was mir vermutlich auch auf den Magen geschlagen ist: die langen Gesichter, die ich bereits in der Abflughalle wahrgenommen hatte und die in krassem Widerspruch zu den entspannten Gesichtern standen, die ich siebzehn Tage lang um mich hatte. Und das, obwohl mir im Vorfeld der Reise mehr Menschen als gewöhnlich versicherten, dass ich mich in eine der gefährlichsten Städte der Welt begebe. Offenbar hat sich da über Kapstadt etwas rumgesprochen, was in keiner Weise meiner Wahrnehmung entsprach und auch jetzt nicht entspricht. Ich schreibe das meinem Alleinreisen zu. Denn wenn man nur auf sich gestellt ist, hat man eine ganz andere Wahrnehmung seiner Umgebung, kann sich viel mehr auf seine Intuition verlassen. Zu zweit zu reisen bedeutet nicht nur, auf zwei unterschiedliche Interessenlagen Rücksicht zu nehmen, sondern auch zwei Intuitionen zu respektieren. Und dann kann es passieren, dass man sich gerade unterhält und dadurch die Aufmerksamkeit von etwas abgelenkt wird, was in weiterer Folge ins Auge oder tiefer gehen kann. Wie auch immer: Dort, wo mich meine Intuition hinschauen ließ, habe ich nahezu ausschließlich Sympathie, Freude und Gelassenheit erlebt. Dass ich davon ausgegangen bin, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen in der Abflughalle zu treffen, dürfte eine verkehrte Erwartungshaltung gewesen sein.
Andererseits: Ich kann es verstehen, dass man von der Tatsache, Kapstadt verlassen zu müssen, richtig angefressen ist. Vielleicht habe ich die Gesichter einfach falsch interpretiert. Denn auch ich war dieses Mal wirklich tief betrübt, in den Norden zurückkehren zu müssen. Stimmen aus meinem Umfeld sagten mir zwar liebevoll, dass doch jeder Urlaub einmal zu Ende ginge, und ja, soweit hat die afrikanische Sonne meine Gehirnzellen noch verschont, dass mir das klar war. Trotzdem: Ich versuche stets, mir etwas von diesem Gefühl zu erhalten, auch in den Alltag zu transferieren und damit zu institutionalisieren. Was ich dieses Mal erfahren durfte, geht allerdings weit über meinen persönlichen Einflussbereich hinaus. Denn magischerweise habe ich fast ausschließlich an Gesprächen teilnehmen oder ihnen gezwungenermaßen zuhören dürfen, die sich ums Karma drehten. Nein, ich habe mich nicht in einschlägigen Lokalitäten, Chantzentren oder Strandyoga-Umgebungen aufgehalten, bei denen dieses Thema zum Standardgesprächsthema gehört. Das passierte in meinen Unterkünften, in Straßencafés, Restaurants. Und würde ich mich damit nicht selbst schon Jahre beschäftigen, hätte ich mich verfolgt fühlen können. Nicht von Kriminellen, sondern von Karmajüngern.
Ich frage Sie: Wann haben Sie das letzte Mal ein Gespräch über Karma geführt oder gar einem gelauscht? Versuchsweise war ich vor einigen Tagen in meinem Lieblingseiscafé und habe dort zugehört, worüber sich die Menschen unterhalten. Weg war die Magie des Karmas. Da ging es um Geld, Probleme, Zwistigkeiten. Unnütz zu sagen, dass auch dabei die Gesichter in Falten gelegt waren, die alles andere als Lebensfreude ausdrückten. Doch bei all dem Gerede übers Karma schien etwas anderes durch: eine tiefe Bereitschaft, das Leben und seine Zusammenhänge anders zu sehen. Mein Freund Paul, mit dem ich mich in Kapstadt viel zu wenig unterhalten konnte, meinte, dass die kreative Energie inzwischen südlich des Äquators anzutreffen sei und der Norden feststecke. Ich habe ihn nicht gefragt, wie er zu dieser Meinung kommt, denn er hat mein diesbezügliches Gefühl mit einem Satz ausgedrückt. Und als ich in die Eisdielengesichter schaute, dachte ich mir, dass auch sie feststecken. In Verhaltens- und Denkweisen, die sie oder unsere gesamte Gesellschaft in diese aktuelle Lage gebracht haben. Dass sich weniger bewegt, als sich bewegen könnte. Und dass sich viele Menschen bewegen möchten, aber nicht genau wissen, wie sie es anstellen könnten oder sollten.
Ich habe kein Patentrezept aus Kapstadt mitgebracht, das für jeden anderen Menschen Heilung verspricht. Oder Bewegung. Doch ich habe erfahren, dass es ganz einfache Dinge sind, die Raum schaffen für Bewegung. Denn den brauchen wir. Insofern entferne ich seit meiner Rückkehr aus jedem Raum meines Hauses eine Sache, die ihre Bedeutung verloren hat. Ich habe alle Magazine abbestellt, die ich seit Jahren horte, ohne wirklich die Zeit zu haben, sie zu lesen. Ich schalte das Radio nur mehr dann ein, wenn mein Kopf leer genug ist, um neue Informationen aufnehmen zu können – oder ein bisschen musikalische Leichtigkeit braucht. Ich nehme mir den Raum in der Natur wieder für meine Powerwalks, die meine Gedanken ebenfalls in Bewegung setzen. Und nachdem Karma nur ein anderer Name für das Gesetz von Ursache und Wirkung ist, bin ich überzeugt, dass sich die Kapstadt-Kreativität in den neu geschaffenen Räumen sehr wohlfühlen wird.

FREITAG: Weihnachtliche To-Do-Liste

Es kommt ja doch immer anders als man denkt. Und vorbereiten kann man sich erst recht nicht darauf. Also bleibt nur die Gelassenheit. Nichts Neues, aber immer wieder neu ins Bewusstsein zu rufen.

Die Faktenlage ist eindeutig. In wenigen Tagen ist Weihnachten. Mein Vater muss sich vorher noch einer Operation unterziehen. Die Arbeit stapelt sich ob meiner künftigen Urlaubsabwesenheit auf dem Schreibtisch und will zumindest vorbereitet werden, damit ich ab Mitte Januar gleich loslegen kann. Geschenke und Karten sind weder eingepackt noch geschrieben. Und auch von anderswo werden Hindernisse und Erschwernisse an mich herangetragen. Draußen tobt der Frühling und bringt meinen Biorhythmus derart durcheinander, dass ich aus dem Schwitzen gar nicht mehr herauskomme. Mein Reisekoffer ist gähnend leer. Und der Terminkalender ist voll.
In Zeiten wie diesen bin ich grundsätzlich einmal dankbar dafür, dass für Fahrt aufnehmende Gedankenspiralen keine einzige Sekunde bleibt. Eine Freundin von mir sagt mir jeden Tag, wie wichtig es ist, volle Tage zu haben, um gar nicht erst auf die Idee zu kommen, nachzudenken. Mission accomplished! Und so kann sich mein Kopf auf das konzentrieren, was vor meinen Füßen passiert. Kürzlich las ich sogar ein diesbezügliches Mantra, das da lautete: „Wisse, wo Deine Füße sind.“ Bringt einen ins Jetzt, schneller als man blinzeln kann.
Doch während ich auf meine Füße starre, stapeln sich in meinem Kopf all jene Dinge, die es noch zu organisieren und zu verstoffwechseln gilt. Also erinnere ich mich an eine andere Freundin, mit der ich immer wieder das Pro und Contra von Listen diskutiere. Greife zum Stift, ziehe unter einem Stapel ungelesener Zeitungen einen Zettel heraus und beginne mit dem Löschen meiner Gedächtnispunkte. „Mein Kopf ist kein Speichergerät, sondern eine Denkfabrik“, kommt mir in den Sinne. Diesen Spruch habe ich in meinem Dankbarkeitstagebuch gelesen und gleich an meinen Vater weiter geleitet, der immer wieder über seine Vergesslichkeit klagt. Damit ich nicht ins Klagen komme, vor allem nicht im Süden Afrikas, muss die Liste her. Und siehe da: Nachdem alles aus dem Kopf draußen und sortiert ist, geht es besser. Ist ja alles nicht ganz so schlimm, wie es sich angefühlt hat.
Diese Art von Gelassenheit versuche ich auch, wenn ich an meinen klinisch verstauten Vater denke. Eine OP vor Weihnachten könnte man jetzt vor Weihnachten terminlich eher als suboptimal bezeichnen, angesichts meiner Abreise ganz besonders. Ich könnte mir Gedanken über eine Reiseabbruchsversicherung machen, meinen Lebensmittelpunkt in seine Nähe verlegen, ihn mit von Besorgnis verzerrtem Gesicht anschauen. Würde ihm das helfen an einem Ort, an dem alles Erdenkliche für ihn und seine Gesundheit getan wird? Eher nicht. Im Gegenteil, mein griesgrämiges Gesicht würde vermutlich eine Krankenhausdepression hervorrufen, die für seinen Heilungsverlauf wenig hilfreich wäre. Auch wenn ich mich an seinem Pragmatismus manchmal ziemlich abarbeite, bin ich doch froh, dass er mir ein bisschen davon vererbt hat. Deshalb denke ich mir: „Wenn es ihm nichts ausmacht, stellt es auch für mich kein Problem dar.“ Und Mediziner unter sich sind ja sowieso eine Skurrilität. Also ist er quasi unter Freunden, und das ist gut so.
Wenn alles wie geplant läuft und die medizinischen Installateure ihre Gefäßbürsten erfolgreich wieder einpacken, werden wir Weihnachten wie gewohnt feiern. Er vielleicht eher auf der Couch, mit meiner Katze auf dem Bauch (falls sie ihre Funktion als Heilerin einsieht), der Rest der Familie ihn bespaßend oder betütelnd. Und die Prioritäten werden glasklar sein: wir sind zusammen. Nichts anderes zählt in diesem Moment.
Mögen Sie jede Menge solcher Momente zum Weihnachtsfest genießen können – sie nähren unsere Zukunft. Apropos: Den nächsten Blogbeitrag gibt es wieder am 24. Januar. Landen Sie sanft im neuen Jahrzehnt!