FREITAG: Heimat in der Fülle

Eine Ära ist zu Ende gegangen, nämlich jene, während der ich mich schlecht gefühlt habe, weil ich den Begriff „Heimat“ in mir nicht verorten konnte. Und das kam so.

An dieser Stelle habe ich ja schon wiederholt meine These ausgeführt, dass der Storch einen Schwächeanfall gehabt haben muss, als er mich dort fallen gelassen hat, wo ich auf die Welt kam. Denn so richtig zuhause habe ich mich dort nie gefühlt – die Berge zu hoch, die Menschen zu kategorisch, die Sprache zu sperrig. Dabei gab es eine Zeit, wo ich mit meiner Mutter darum kämpfte, Dialekt sprechen zu dürfen. Dabei gab es eine Zeit, wo ich stolz auf meine Herkunft war. Dabei gab es eine Zeit, wo ich die Berge schon wegen der Schipisten geliebt habe. Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Als ich dann umzog, war Heimat für mich meine Familie, Menschen, auch wenn sie dort wohnten, wovor ich geflüchtet war. Noch heute dauert die Fahrt zu meinen Eltern gefühlt länger als die Rückreise. Und das liegt nicht an meinen Erzeugern, sondern daran, dass ich mich ungern von der Geographie einfangen lasse. Dass auf der Strecke eine permanente Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt wurde und ich langsamer fahren MUSS, verstärkt dieses Gefühl noch.

Seit einigen Jahren nun fühle ich mich hier zuhause, wo ich wohne. Das habe ich mir auch nicht sofort erlaubt – es war halt einfach der Fluchtort. Doch seit ich die Opposition gegen meine Herkunftsregion aufgegeben habe, kann ich ihn auch als Heimat empfinden. Allerdings muss ich mir selbst natürlich auch die Frage gefallen lassen, woher denn dann dieses Fernweh kommt, das mich quasi permanent quält und das ich momentan zwar beiseite schiebe, aber trotzdem unausrottbar scheint. Am Wochenende lese ich einen Artikel, der mir all diese Fragen beantwortet und vieles heilt.

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat ein Buch über Heimat geschrieben, und weil das ein Thema ist, das zieht, darf er in meiner bevorzugten Wochenzeitung den Heimatbegriff ausdifferenzieren. Er spricht von Heimatlosigkeit, wenn etwas nicht mehr so ist, wie es vertraut war. Und das weckt in mir die Erinnerung, dass meine Ablösung wohl damit begonnen hat, als ich zum ersten Mal in meinem Bestreben, zu helfen, missverstanden wurde. Und daraus massive Nachteile lukriert habe. Nicht wenige bekommen dadurch Hautprobleme, weil die äußere Barriere unseres Körpers auf Dissonanzen zwischen Innen und Außen reagiert. Davon bin ich glücklicherweise verschont geblieben, abgesehen von der pubertären Akne, die zwar altersbedingt erklärbar ist, vermutlich aber auch diesen Dissonanzen geschuldet ist.

Für Schmid ist Heimat das Basislager des Lebens und erwähnt in diesem Zusammenhang den Wohnraum für die Seele, in dem Menschen sein können, wie sie wollen. Neulich brachte meine Kusine ihren Freund das erste Mal mit in mein Haus und eine seiner ersten Äußerungen war: „Sehr gemütlich, aber voll.“ Eine Großkusine meinte vor vielen Jahren, dass sie meine Wohnumgebung sehr inspirierend finde, weil man überall etwas sehe, das man anschauen könne. Offensichtlich war das immer schon mein Ding, nämlich aus dem Vollen zu leben. Nein, Scherz. Mir wurde bewusst, dass mein Wohnraum tatsächlich meine Höhle ist, wo es alles gibt, was ich für die Basis meines Dasein brauche. Zugegeben, es könnte etwas weniger sein, und daran arbeite ich ja auch. Doch vieles, was bei mir herumsteht und – hängt, ist für mich von Bedeutung. Nur bedingt gilt das für elektronische Geräte, wobei ich sagen muss: ein Leben ohne Cinchkabel ist für mich kaum vorstellbar. Und verreisen ohne meinen sonnengelben Lautsprecher ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wo wir wieder bei Wilhelm Schmid landen. Er schreibt nämlich, dass Heimat auch im Unterwegssein entsteht. Und wenn ich mein Gefühl erinnere, das mich im Inneren eines Fliegers durchflutet, kann ich das absolut unterschreiben. Das Reisen gibt mir nämlich das Gefühl, nicht nur in einer Region, sondern auf der ganzen Welt zuhause zu sein. Weil ich mich als Teil des Ganzen fühle. Und dazu zählt eben auch, dass ich andere Sprachen höre, mich mit Mentalitäten beschäftigen und lernen darf. Und wenn ich im Flieger sitze, dann bin ich dorthin unterwegs – zum Gefühl, Teil der Welt zu sein. Das ist mir wichtig, und schon alleine deshalb Heimat. Schmid schreibt nämlich, dass Heimat das ist, was eben nicht egal ist. Deshalb plädiert er dafür, das Leben nicht auf eine einzige Haupt- und Herzensheimat zu beschränken, sondern auch in diesem Bereich auf dem Vollen zu schöpfen. Soziale, mentale, räumliche und temporäre Heimaten zu gründen und zu pflegen – das ist es, was ich gefühlt immer schon gemacht habe. Und mich deshalb nicht selten als „komisch“ kategorisiert empfunden habe. Weil man sich eben festzulegen habe. Das genau ist für mich unmöglich, und dank Wilhelm Schmid kann ich diese Baustelle nun auflassen. Und mich dem widmen, was er rät: „Die beste Voraussetzung für eine Heimat in der Beziehung zu anderen ist die Beziehung zu sich selbst, die Heimat sein kann.“

PS: Der Artikel „Heimat ist mehr als ein Ort“ von Wilhelm Schmid ist am 29. April in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen.

FREITAG: Umdenken braucht Zeit

Ich entschuldige mich gleich am Anfang, dass ich meine Schreibpause letzte Woche vergessen hatte, anzukündigen. Dass mein ‚Urlaub‘ dann anders als geplant verlaufen ist, könnte man insofern in die Kategorie ‚Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort‘ schieben.

Anfang des Jahres war ich noch so optimistisch gewesen, dass ich mir die Woche vor meinem Geburtstag in der Sonne am Meer vorgestellt hatte. Doch die alte Art der Visualisierung funktioniert eben nicht mehr – Gedankenfehler! Das Nachjustieren in Sachen Reisen funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Ich mache mich schon kundig, wohin der Flieger von Salzburg abhebt. Und ja, es sind immer nur einzelne Flieger. Aktuell gibt es zwei Destinationen: Düsseldorf und Istanbul. Ich war noch nie in Düsseldorf, habe aber gehört, dass es recht schön sein soll. Allerdings hätte ich dort unter einer Düsselbrücke schlafen müssen, und ich bezweifle, ob die Stadt aus dieser Perspektive immer noch schön ist. Nach Istanbul zu fliegen, ist grundsätzlich immer die bessere Idee. Doch dann telefonierte ich mit einem Freund und der baute ein Hindernis nach dem anderen vor mir auf. Punkt eins: Ich müsste im öffentlichen Raum Maske tragen. Das mache ich nicht einmal hier, aber gut – was nimmt man nicht alles für einen Hauch von Orient auf sich. Punkt zwei: Alle Restaurants sind wegen Ramadan geschlossen. Ich müsste quasi ein All inclusive-Etablissement buchen, damit ich nicht verhungere. Und obwohl ich es gern habe, wenn sich ein Mann um meine Magenfüllung Gedanken macht – nein! Punkt drei: Ich wäre an meinem Geburtstag in Quarantäne gewesen, was den Besuch lieber Menschen unmöglich gemacht hätte – selbst wenn sie geimpft gewesen wären. Sie sehen meine Problem. Das ist Reisen neu, nämlich sich über die ganz alltäglichen Konsequenzen bewusst zu werden.

Und die waren am geringsten beim ‚Urlaub‘ zuhause. Der Wetterbericht war deprimierend, also habe ich mich mit drei Kilogramm neuen Büchern eingedeckt und mich eingekuschelt auf dem Kaminsofa visualisiert. Dann bekam ich plötzlich Kreuzschmerzen – ein Körper meines Alters verträgt es zunehmend schlecht, wenn man das tägliche Yogaprogramm für eine Woche aussetzt. Und insofern hat es mein unterer Rücken schlecht vertragen, sich aufs Kaminsofa zu betten. Bewegung war angesagt. Bei schlechtem Wetter auf und nieder im Haus, bei halbwegs angenehmer Witterung nach draußen und gehen, gehen, gehen. Dann kamen Zahnschmerzen dazu. Man stelle sich mein Zahnfleisch wie einen Airbag vor, der sich plötzlich aufbläst – auch ohne Aufprall. Das Beißen tat auch noch weh. Glücklicherweise bin ich im Besitz einer geheimnisvollen Kräutertinktur, die Wunder wirkt. Allerdings braucht auch dieses Wunder drei Tage. Nach dem ersten Spültag konnte ich wieder kauen, nach dem zweiten war der Zahnairbag nur noch halb gefüllt und am dritten war wieder alles einigermaßen gut. Da war es aber schon Donnerstag. Der Freitag war sonnig und zog mich an ein Seeufer, das mir eher weniger bekannt ist. Und am Samstag schickte der Geburtstag bereits die ersten Boten.

Mein Fazit, wieder einmal: Ich habe kein Talent für ‚Urlaub zuhause‘. Auch das zweite Mal hat sich kaum bewährt. Zumindest was meine bisherigen Erwartungen an das Konzept ‚Urlaub‘ angeht. Meine Lernaufgabe aus all dem kann also nur sein, dieses Konzept zu überdenken. Und nein, auch die Alternative ‚Durcharbeiten‘ hat sich nicht bewährt. Weil ich dann irgendwann einmal wieder auf dem Zahnfleisch daherkomme und eine Großpackung Kräutertinktur brauche – mindestens. Vielleicht sollte ich einfach nur sitzen und in meinen Körper hineinhorchen. Auf ihn hören und demgemäß handeln. Quasi Basisarbeit betreiben, damit ich dann irgendwann einmal wieder die Flügel ausbreiten kann. Und bis dahin an meinen Vorurteilen gewissen Ländern gegenüber arbeiten. Da bin ich ja auch picky oder schnäckig oder pienzig. Das Ziel: egal, wo sich das Meer befindet und welche Sprache ich dort höre – Hauptsache Meer. Kann noch ein bisschen dauern, das Umdenken.

FREITAG: Sessel her oder Schuhe aus

Mit der Macht ist es ja so eine Sache. Irgendwie hat es etwas Unangenehmes an sich, fast Verruchtes. Doch sie hat auch eine konstruktive Seite.

Am Wochenende diskutierte ich mit den Teilnehmenden meines Workshops zum Thema Gruppendynamik über Macht. Und wie schon wiederholt beobachtet: Irgendwie ist das für einige von ihnen unangenehm. Verstehen kann ich das gut, denn mit Macht wollte ich auch lange nichts zu tun haben, geschweige denn, sie auszuüben. Während meines Studiums hatte ich „Masse und Macht“ von Elias Canetti gelesen – diese Seite von Macht dürfte wohl hängen geblieben und deshalb auf die Seite geschoben worden sein. Die Geschichtsbücher und Tageszeitungen sind voll davon, wie Macht missbraucht werden kann, weil sie zum persönlichen Vorteil genutzt wird und dadurch immer manipulativ ist.

Wenn ich meine Gruppe nun dazu aufrufe, Macht auszuüben, kommt das nur beschränkt gut an. Doch durch das Erläutern der konstruktiven Seite kommen wir ins Gespräch, öffnen sich Herzen, weil ja alle gerne lehren und Wissen weitergeben möchten. Und sie sehen, dass „Macht“ etwas mit „machen“ zu tun hat. Mit etwas bewegen wollen zum Wohl derer, die sich einem anvertraut haben. Und das ist ein klarer Auftrag, ins Tun zu kommen. Oft haben Menschen am Beginn dieser Tätigkeit viele Selbstzweifel. „Kann ich das?“ oder „Wen interessiert das schon?“ sind nur einige der Fragen des inneren Zensors, die die Lehrenden in spe davon abhalten, in dieses Tun zu kommen. Und am Ende ist nicht selten eine Abneigung vor der Macht der Grund dafür, eigene Lehrkonzepte zu prokrastinieren.

Nach einer Pause kam die Rede auf „Sofagate“. In meiner Welt wäre das etwas Wildes, das sich auf einer Couch abspielt – die Details überlasse ich Ihrer Phantasie. In der Welt „da draußen“ versteht man darunter, dass die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen während eines Besuchs beim türkischen Präsidenten aus Ermangelung eines dritten Stuhls auf dem Sofa Platz nehmen musste. Der zweite Sessel im Raum war nämlich bereits durch ihren EU-Kollegen buchstäblich besetzt worden. Claude Michel ist der Präsident des Europäischen Rates und ganz nebenbei der Sohn jenes Politikers, der sich während der Sanktionen gegen Österreich um die Jahrtausendwende hierzulande nicht unbedingt Freunde gemacht hatte. Gut, wir heben diese Sippenhaftung auf, doch nichtsdestotrotz lese ich, dass Monsieur Michel seit diesem Besuch nun schlecht schlafe, weil er die Frau Präsidentin gesäßmäßig außen vor gelassen habe. Und fast finde ich es charmant, dass sich heutzutage wieder Männer Gedanken darüber machen, wenn sie Frauen nicht in den Mantel helfen oder ihnen den Sessel zurechtrücken.

Teile meiner Gruppe waren der Meinung, dass diese ganze Aktion eine Provokation des türkischen Präsidenten war, da man ja wisse, wie im Islam mit Frauen umgegangen werde. Ein anderer Teil hätte es als Aufgabe der Männer gesehen, einen Stuhl für von der Leyen aufzutreiben. Aber zack, zack. Und doch waren sich alle relativ einig darüber, dass es ein Protokoll gebe, dem man zu entsprechen habe. Mich erinnerte diese Situation an eine Geschichte, die ich über Angela Merkel und Wladimir Putin gelesen habe. Da Putin ja aus Geheimdienstkreisen kommt, wisse er, dass sich Merkel vor Hunden fürchte. Weshalb er anfangs immer einen Hund bei den gemeinsamen Treffen dabei gehabt habe. Er ist ja ein Mann der starken Symbole. Doch dass daraus ein „Doggate“ entstanden wäre, ist mir nicht bekannt. Nur, dass sie ihm diese Provokation nie verziehen habe und trotzdem gute Miene zum bösen Spiel mache.

Während sich die Gruppe noch über „Sofagate“ austauscht, überlege ich mir, was ich an Präsidentinnenstelle gemacht hätte. Vermutlich wäre meine erste Amtshandlung gewesen, dass ich mir die Schuhe ausziehe und sie mit den Sohlen nach oben auf den Teppich lege. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, was das in diesem Rahmen bedeutet. Dann hätte ich meine Beine hochgelagert, um einen Aschenbecher gebeten und eine Zigarette angezündet. Und mit Amüsement die Testosteronschlacht verfolgt. Gut, diese Art der Herangehensweise hätte mich natürlich nie in dieses Amt gebracht – da muss man die Spielregeln schon kennen. Andererseits: Wer hat denn die Spielregeln gemacht?

Was mich wieder zum Thema zurück bringt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ursula von der Leyen viel bewegen möchte und deshalb ihre Macht sinnvoll nutzen kann. In diesem Fall allerdings hat sie sich aushebeln lassen. Eine Frau wie sie ist nicht darauf angewiesen, dass sich Männer um ihre Belange kümmern – Ausnahme ist sicher die Familie, denn für die sieben Kinder hat  sehr wohl ihr Ehemann gesorgt. Aber beruflich gesehen hätte ich ihr zugetraut, dass sie einfach einen dritten Stuhl verlangt. In Ruhe und der ihr eigenen Bestimmtheit. Und wie ich Männer dieser Provenienz kenne, kommen sie klaren Bitten meistens nach. Wäre das gescheitert, hätte sie ja immer noch die Schuhe ausziehen können.

FREITAG: Die Macht der Dampflok

Dampflok

Wenn ich im vergangenen Jahr etwas gelernt habe, dann das: Man kann allerhand machen, von dem man nie geglaubt hätte, dass es klappt. In eine eigene Macht zu kommen, ist etwas Wunderbares.

Vor einiger Zeit habe ich gehört, dass ich Menschen das Gefühl gebe, sie unter Druck zu setzen. Das war einer dieser Momente, wo Selbstbild auf Fremdbild geclasht ist. In meiner Welt bin ich die toleranteste Person überhaupt, nehme jeden Menschen so, wie er ist oder sein möchte. Und unter Druck setze ich schon deshalb niemanden, weil ich das selbst nicht ausstehen kann. Man frage meine Mutter. Wie schon öfters an dieser Stelle angemerkt: ich bin im Sternzeichen Stier, und das gilt als das am meisten fixierte von allen. Nicht im psychiatrischen Sinne, aber doch in seiner Erdung und – Achtung Euphemismus – Meinungsstabilität.

Diesen ruhenden Pol in mir kann nur eine kleine Nebensächlichkeit in Bewegung bringen: ein direkter oder indirekter Hilferuf. Mit einem „Das kann man doch nicht so lassen“ bin ich aufgewachsen, meine Mutter wittert sogar eine genetische Disposition bei mir. Eine Freundin nennt das „zu gut für diese Welt“, ich nenne es „mir das Paradies verdienen“, was mir von eben jener Freundin immer wieder die Frage einbringt, wie oft ich denn dort hinein wolle. Ich zucke dann meist mit den Schultern, denn schließlich kann ich nicht wissen, wie oft ich noch in die Geschehnisse dieser Welt geworfen werden. Also rein physisch gesehen. Ich baue lieber vor, man weiß ja nie.

Das mit dem Druck ließ mir keine Ruhe, weshalb ich wieder einmal Wurzelarbeit betrieben habe. Und etwas festgestellt habe, was bitter schmeckt. Nämlich, dass ich unbewusst machtbewusst bin. Oder zumindest so rüberkomme. Und das hat mit meiner Lösungsorientierung zu tun, mit dem „Das kann man doch nicht so lassen“. Wenn ich mitbekomme, dass jemand an sich, anderen oder der Welt generell leidet, springt meine Lösungsmaschinerie an. Und weil ich mir selbst schon so viele Lösungen erarbeiten musste, um aus den unterschiedlichen Leiden heraus zu steigen, habe ich ein ziemliches Arsenal angesammelt. Nicht unbedingt für naturwissenschaftliche Probleme, da bin ich ja bekanntlich nackter als nackt. Doch alles, was im sozialen, gesundheitlichen oder sonstigen Zwischenbereichen angesiedelt ist, bringt mich und meinen Werkzeugkoffer, gepaart mit meiner Recherchebegabung auf Hochtouren. Da können Sie sich ruhig eine Dampflok vorstellen, die Fahrt aufnimmt. Und da wird schnell platt gefahren, was man eigentlich befördern möchte.

Das alles hängt weniger damit zusammen, dass ich jemanden manipulieren möchte – so wird Macht ja vielfach gedeutet. Es liegt mir einfach daran, das Leben eines anderen Menschen besser zu machen oder ihn zumindest dabei zu unterstützen. In den seltensten Fällen habe ich persönlich etwas davon – gut, wenn ich meine Eltern jemals dazu bringen sollte, mehrmals am Tag ohne mich zu lachen, würde mein Seelenheil davon profitieren, weil ich sie dann in guter Stimmung wüsste. Doch selbst das ist eine Bewertung meinerseits, die mir im Grunde nicht zusteht.

Ebenso wenig wie die Überfrachtung eines Gegenübers mit Lösungen für dessen Probleme. Und das ist mir ja schon bewusst, eigentlich seit einiges Jahren. Es ist ein ständiger Lernprozess, damit nicht hausieren zu gehen. Manchmal geht es besser, manchmal weniger gut. Doch wer mich schon  lange kennt, weiß natürlich, dass diese Dampflok mit jeder Lebensbarriere, die sich anderen in den Weg stellt, einen Scheit Holz in den Kessel geworfen bekommt. Da kann ich noch so unbeteiligt schauen, maximal nicken und trotzdem schweigen. 

Bitter an dem Ganzen ist für mich, dass ich an einem Verhalten gemessen werde, das ich zu ändern versuche. Weil ich gelernt habe, dass es niemandem schadet, wenn er oder sie um Hilfe bittet. Und tut er oder sie das nicht, wird er oder sie schon alleine damit zurecht kommen. Zuhören kann ich ja trotzdem, was vielfach eh schon hilft. Bitter ist auch, dass meine Lösungsideen als druckvoll empfunden werden, wo sie doch aus dem Geist der Entlastung geboren werden. Andererseits habe ich auch gelernt, dass es sehr erleichternd sein kann, jedes Holzscheit noch einmal in der Hand zu drehen und zu überlegen, ob der Kessel überhaupt dampfen soll. Denn mit einem „Du schaffst das schon, da bin ich ganz sicher“ tut man nämlich eines: man stärkt das Gegenüber, schenkt Vertrauen und Zuversicht. Mit übermäßigem Lösungsbeschuss vermittelt man hingegen das Gefühl, dass es alleine nicht zurecht kommt. Und wirkt entgegen der Intention erst recht kontraproduktiv. Oder eben druckvoll.

Ich habe eine Freundin, die mir mehrmals und ausdrücklich die Erlaubnis gegeben hat, Lösungsmöglichkeiten zu produzieren, weil sie mir genau aus diesem Grund ihre Probleme anvertraut. Das nenne ich einen Auftrag. Ansonsten beschränke ich mein Machtbewusstsein inzwischen auf mein eigenes Leben und kann so viel gestalten, auch weil mein Kopf dafür frei ist. Die Zusammenarbeit mit Menschen meines „Stammes“ hilft dabei, in meiner Lösungskompetenz doch noch etwas Gutes zu sehen. Und mir klar zu machen, dass es nicht an mir liegt – auch andere können fixiert sein. Worauf auch immer.

FREITAG: Auferstehung – eine Vision

Momentan ist das Leben wieder so dicht, dass viele Impressionen eine Geschichte wert wären, und doch fällt die Entscheidung schwer, eine herauszugreifen. Deshalb dieses Mal etwas ganz anderes.

Wenn wir in diesen Tagen von Auferstehung sprechen, fällt es vielen schwer, sich diese vorzustellen. Und auch ich kann kaum abschätzen, wie mein Leben in einem Monat aussehen wird. Und trotzdem nehme ich den Impuls vom Vater meiner Kinder auf, doch darüber zu schreiben, wie ich mir Ostern 2027 vorstelle. Visualisierungen haben ja ihren ganz eigenen Zauber.

Ich decke den Tisch im Wohnzimmer und höre dabei das Rauschen der Wellen vor meiner Terrasse. Meine Füße haben sie schon berührt, und auch die Muscheln für die Ostertisch-Dekoration liegen bereits an Ort und Stelle. Ich war in guter Gesellschaft, denn der Bub meiner Tochter hat mir beim Sammeln geholfen. Das mit dem Tischdecken war ihm zu langweilig, auch weil er doch gerne schon seine Osternesterln suchen wollte. Doch dafür muss die ganze Familie erst wach sein. Damit ist er auch gerade beschäftigt. Ich höre seine Stimme, während ich das Wasser für die Eier auf den Herd stelle und lächle, weil ich genau weiß, wie sich das anfühlt, wenn man schlafen will und dem Charme eines Kindes trotzdem nicht widerstehen kann.

Es ist ein großer Tisch, an dem alle Menschen sitzen, die mir am Herzen liegen. Und auf dem alles liegt, was ich gerne mag. Die Wohnzimmertüren nach draußen sind geöffnet, zwischen das Stimmengewirr schiebt sich Möwengeschrei und eine salzige Brise. Der Älteste sitzt auf der Terrasse und meditiert, der Jüngste steht an der Kaffeemaschine und servisiert die anderen. Ich lehne mich zurück, schaue auf die Dünen und sehe, wie der Wind feine Sandschichten nach Südosten trägt.

Ich empfinde eine warme Ruhe in mir an diesem Ort, der alles hat, was ich brauche. Und selbst wenn alle wieder ihrer Wege gehen nach diesem Auferstehungsfest, weiß ich, dass dieser Ort derjenige ist, den ich mir immer gewünscht habe. Dass ich deshalb Glück habe. Und glücklich bin, weil es das Leben gut mit mir gemeint hat. Auch wenn ich Täler zu durchschreiten hatte, Herausforderungen vor meine Füße geworfen wurden und mir auch Verlust nicht erspart geblieben ist – heute ist alles gut. Weil es immer auch gut ist, wenn es schlecht ist. Und wenn es nur das Bewusstsein ist, dass eine Situation für nichts anderes gut ist, als daraus zu lernen.

Vieles habe ich dem Wind zu verdanken, der mir am Strand das Gehirn frei bläst. Der mir die trüben Gedanken nimmt und mir Lösungen gibt. Überall in den Dünen gibt es einen Pfad, den man nehmen kann, wenn es am Ufer zu rau wird. Die Entscheidung, welcher es denn sein wird, fällt intuitiv, und er führt mich immer zu der Erkenntnis, die ich gerade brauche. Am Abend, wenn die Sonne sich unter den Horizont schiebt, schreibe ich sie auf, in Rot, Blau oder Grün. Denn eines weiß ich auch 2027: Es liegt an mir, dass mein Leben bunt bleibt.

Am Abend treffen wir uns vor dem Kamin wieder, mein Tochter lebendig und kreativ wie eh und je, obwohl der Kleine sie den ganzen Tag durch Garten und Gestade gejagt hat. Sie trotzdem in sich ruhen zu sehen, ist ein Geschenk. Einige versenken ihre Blicke im Feuer, andere bilden Plaudergrüppchen, es wird gelacht und gedacht. Ich schaukle mit dem Geräusch der Brandung, im Innen wie im Außen. Das Pfeifen des Windes im Dachstuhl wird meine Einschlafmusik sein.

FREITAG: Gelebtes Nicht-Leben

Kennen Sie noch jemanden, der sich über die aktuelle Lage nicht beschwert? Die Medien sind auch voller Klagen, und vom Internet will ich gar nicht erst anfangen.

Also ich komme ja gar nicht dazu, mich über die Situation zu beschweren, weil ich ja damit beschäftigt bin, mein Leben am Laufen zu halten. Dazu gehören natürlich die Menschen, die mir am Herzen liegen, auch ihre Klagen. Es gibt welche über die Masken, über das mangelnde Kulturangebot oder – mein persönliches Highlight – das Leben insgesamt. Weil das kein Leben sei, höre ich von dem Mann, der letztes Jahr beschlossen hat, mit mir leben zu wollen. Mein „Nein“ hat sich wohl in den Gesprächen mit dem Ausland irgendwann und irgendwo versendet. Deshalb sammle ich jetzt Karmapunkte und versuche, ihm „Leben“ zu erklären. Schon einmal versucht? Ist nämlich gar nicht so einfach, wenn man mittendrin steckt.

Wenn man jetzt eine etwas traditionelle Sicht auf das Leben hat, kann es momentan haken. Traditionell nämlich insofern, dass man gerne zurück hätte, was man immer schon als gegeben angenommen hat. Wenn man einfach nicht davon lassen mag, was man bisher als wichtig erachtet hat. Und zugegebenermaßen kann es bitter sein, plötzlich mit leeren Händen da zu stehen, weil einem alles entglitten ist, was einem den Alltag gefüllt hat. Da entstehen Lücken, für die man nichts kann und die man auch gerne wieder zudecken würde – eben am liebsten mit den Dingen, die bereits in den letzten 500 Jahren dort aufbewahrt wurden. „S’not life, babe“, höre ich, und nehme das zum Anlass, ihm zu erzählen, wie ich meine Tage fülle. Die gute, alte Vorbildwirkung hat schon vieles richten können. Nicht bei ihm. „S’not life, babe“, sagt er auch zu meinem Leben, und das macht mich dann doch etwas grummelig, denn mein Leben lasse ich mir von gar niemandem vermiesen.

Am nächsten Tag meditiere ich und ändere dann meine Strategie. Ich halte ein Buch über die integrale Lebenspraxis in die Kamera und beginne, ihm zu erklären, was gemäß dieses Ansatzes zum Leben gehört.

Punkt 1: der Körper. Wenn man sich beklagt, dass die Muskeln zurückgehen, weil die Fitness-Studios geschlossen haben, kann man was tun. Millionen Menschen bewegen sich auf die unterschiedlichste Art und Weise halbwegs parallel zu Youtube-Videos. Habe ich auch in Anspruch genommen, hat nicht weh getan. Und wenn ich eine Abwechslung zu meinem täglichen Workout suche, tut ich es immer noch. Klage abgelehnt.

Punkt 2: der Verstand. Wenn der Kopf mit Sorgen, Befürchtungen und sonstigen Ego-Gedanken voll ist, kann man sich logischerweise mit nichts anderem beschäftigen, auch nicht auf wissenswerte Sachverhalte konzentrieren. Und anders als bei Flügen, Ausbildungen oder Konzerten hat auch eine Warteliste für sinnvolle Gedanken keinen Zweck, weil man ja selbst dafür keinen Platz im Hirn hat. Dabei könnte man gerade jetzt unendlich viel Wissen generieren. Eine Bekannte hat beispielsweise mit dem Studium der jüdischen Kulturgeschichte begonnen. Ich treibe mich in Workshops übers Schreiben und die Biographiearbeit herum, von sonstigen Angeboten wie Podcasts und Büchern ganz zu schweigen. Manchmal wird es mir sogar zu viel, weil mich meine Begeisterung luftig-locker über die Barrieren meiner geistigen Aufnahmefähigkeit hüpfen lässt und ich mich dann mit Nackenverspannungen wiederfinde, die dem schweren Kopf geschuldet sind. Trotzdem: Klage abgelehnt.

Punkt 3: der Geist. Wann, wenn nicht jetzt hat man Zeit für Meditation? Und wenn die Tage dann wieder schneeloser werden, kann man das praktisch überall machen. Genauso wie ein Gebet überall stattfinden kann, für das man nicht unbedingt ein Gebäude drumherum braucht. Gut, bei Starkregen empfiehlt sich das, aber sonst hört der Schöpfer überall zu. Natürlich mag die spirituelle Gemeinschaft eine Verortung brauchen – doch gerade das letzte Jahr hat gezeigt, dass beispielsweise junge Katholiken Internetangebote dazu sehr gut und sehr gerne angenommen haben. Auch wenn noch Luft nach oben ist. Aber das ist ein anderes Thema. Sich nicht mit dem Universum verbinden zu können, weil dazwischen ein Virus kursiert? Klage abgelehnt.

Punkt 4: der Schatten. Der Volksmund spricht ja von Wahnsinn light, wenn man „einen Schatten hat“. Und das mag vor allem dann zutreffen, wenn man sich mit diesem Schatten eben nicht befasst. Sprich keine Reflexionsarbeit leistet, etwa in Form von Tagebuchschreiben oder einer Therapie. Auch das Erfassen von nächtlichen Träumen kann Schattenarbeit sein. Doch wenn man sich der Entscheidung entzieht, in welcher Sprache man schreiben möchte oder die Träume nicht zu Kenntnis nehmen will, kann ich nur eines sagen: Klage abgelehnt.

Ich persönlich bin mit diesen vier Punkten täglich zwischen vier und fünf Stunden beschäftigt. Dazu kommen noch die nachgereihten Themen aus der integralen Lebenspraxis wie Arbeit, Ethik, Beziehungen, Kreativität und Seele. Das nenne ich Leben. Weil es nämlich genau das ist, was sich vor meinen Füßen abspielt und was ich selbstwirksam gestalten kann. Auch in Pandemie-Zeiten. Und wenn mir wieder jemand damit kommt, dass das kein Leben ist, werde ich sanft lächeln und das Gespräch beenden mit dem Hinweis, dass ich mich lieber mit meinem Nicht-Leben beschäftige als mit nichtgelebten Leben.

FREITAG: Körpernahe Ohrenzeugen

Nah am Körper eines anderen Menschen zu arbeiten, ist für viele eine Erfüllung. Doch in Zeiten wie diesen kann das schon mal zur Plage werden.

Kürzlich habe ich Ihnen ja schon von meinem Physiotherapeuten erzählt, der sich mit den Gliedmaßen und sonstigen Befindlichkeiten von Verschwörungstheoretikern konfrontiert sieht. Und anfangs dachte ich, dass es mit seiner ruhigen Art zu tun hätte, dass manche Menschen mit ihren Konzepten einfach nicht hinter dem Berg halten wollen, sobald er die kuschelige Decke über sie breitet und seine stets bunten Socken unter dem Loch des Massagebettes platziert. Doch inzwischen weiß ich: er ist nicht der einzige.

Letzte Woche saß ich wegen meiner widerspenstigen Zehennagelspange bei der Fußpflegerin. Ursprünglich hatte ich mir selbst helfen wollen und versucht, dieses kurze Plastikband, das sich frühzeitig von meinem Nagel gelöst hatte, wieder anzukleben. Doch nachdem ich mich dann kurzfristig in der Situation befand, dass mein Daumen an meinem großen Zehen klebte und nur mehr mit einiger Anstrengung von demselben zu trennen war, beschloss ich, doch wieder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach den anfänglichen Freundlichkeiten, die man eben mit Menschen austauscht, die manche Körperteile besser kennen als man selbst, trat eine kurze Pause ein. Meine Fußpflegerin brach sie mit der Frage: „Haben Sie schon mal ein Rauschen in den Ohren gehabt?“ Ich nickte, und das umso mehr, als sie mir erzählte, dass sie den ganzen Tag mit dem C-Scheisserchen-Thema berieselt werde und schon gar nicht mehr wisse, was sie antworten solle. Wenn sie nach Hause kommt, legt sie sich erst einmal in die Badewanne, bevor sie sich mit Tochter und Mann konfrontiert, weil sie einfach mal ihre Ruhe braucht. „Ich kann’s nicht mehr hören“, sagte sie.

Ähnliches höre ich von meinem Friseur, der mich heute um zehn  Zentimeter Keratinmasse erleichtert hat. Er ist normalerweise keiner, der jammert. Die erste Phase der Ausgangsbeschränkungen hatte er für Umbauarbeiten genutzt, zuhause und im Geschäft. Und als wir uns danach trafen, schien er mir ziemlich ausbalanciert. „Es geht mir auf die Nerven“, sagte er heute. Und meinte, dass auch er den ganzen Tag dem ausgesetzt wäre, was die Leute an C-Sorgen in den Spiegel vor sich sprechen würden. Es schlage auf die Stimmung, meinte er – und mir wurde klar, wie privilegiert ich bin mit meiner körperfernen Dienstleistung. Manchmal verbringe ich ganze Tage ohne C-Scheisserchen, ganz einfach, weil ich bestimmen kann, was ich in meine Ohren hinein lasse. Hat man es aber mit Menschen zu tun, die es gar nicht abwarten können, mit jemandem außerhalb ihres Haushalts, wahlweise außerhalb ihres Kopfes über dieses Thema zu reden, hat man den Schwarzen Peter gezogen. Ist das jetzt rassistisch, dass ich dieses Kartenspiel erwähne? Heißt das jetzt womöglich schon anders? Werde das googeln.

Eines scheint mir klar zu sein: sobald Menschen nicht mehr im Tun sind, beginnt der Kopf zu rattern. Und fast glaube ich: Früher unterhielt man sich über das Wetter, heute über die C-Scheisserchen. Und obwohl ich nie besonders gut in Small Talk war und da immer noch gewisse Defizite habe, ist mir dann doch das Wetter um Hausecken lieber. Gerade erlebe ich vorgezogenes Aprilwetter. Vor zehn Minuten schien die Sonne, dann kam ein Schneesturm und jetzt fallen wieder Strahlen auf die schlafende Katze zu meinen Füßen. Bildet das Wetter das Leben ab? Absolut. Auch wenn es stürmt und schneit – die Sonne setzt sich immer wieder durch, schon alleine deshalb, weil sie jeden Tag wieder aufgeht und Licht auf das wirft, was ist. Natürlich stehen Märzenbecher im Schnee – doch sie überleben es. Natürlich ist es kalt – doch der nächste Sommer kommt bestimmt. Natürlich müssen wir mehr zuhause sein – doch das ist schließlich unser Hafen. Es wird wieder die Zeit kommen, wo wir ablegen.

Meinen Physiotherapeuten habe ich zum Lachen gebracht, meine Fusspflegerin ermutigt, sich mehr Auszeit zu nehmen und meinen Friseur abgelenkt. Wenn wir schon so froh sind, dass wir körpernahe Dienstleistungen in Anspruch nehmen dürfen, sollten wir daran denken, dass wir nicht die einzigen sind, die ihre Probleme dort besprechen. Und glauben Sie mir: Es macht Freude, denen Freude zu schenken, die einem selbst Freude schenken. Ob Massage oder Kosmetik – diese Zeit kann man ebenso gut nutzen, um nicht nur den Körper, sondern auch den Geist zu entspannen.  Danach kann wieder kommen, was sich nicht verhindern lässt. Ist dann immer noch früh genug.

 

 

FREITAG: Harrys Heldenreise

Meine Mutter hat eine ganz gute Intuition. Leider folgt sie ihr nicht immer. Weshalb ich es auch nicht tun kann. Doch wenn ich einmal einen Impuls von ihr bekomme, schaue ich schon mal, wohin er mich führt.

„Hast Du das Interview von Harry gesehen?“ schreibt sie mir. Und auch wenn ich Harry gern habe auf eine distanzierte, tabloidartige Art und Weise, verfolge ich doch kaum die Berichterstattung über ihn und seine Frau. Klar, die beiden sind ausgetreten, schwanger und jetzt wohnhaft in Kalifornien. So weit, so informiert. Doch für das Bewusstsein, dass es ein Interview für die breite Masse gibt, brauche ich meine Mutter. Sie hat Meghan schon seit geraumer Zeit auf dem Kicker – die Liste der vermeintlichen Mängel würde diesen Rahmen hier sprengen. Und ganz entgegen meiner Gewohnheit, den Dingen bis zur Wurzel zu folgen, habe ich nie wirklich hinterfragt, warum das Glamourleben von London eine Frau in einem verhöhnten österreichischen Bundesland ärgert.

Und jetzt also dieses Interview, das ich mir – dem Impuls meiner Mutter folgend – anschaue. Warum ich Oprah mag, kann ich leichter sagen, weshalb ich mich schon einmal freue, dass sie das Gespräch führt. In ihrer empathischen, aber durchaus strengen und direkten Art und Weise. Ihr gegenüber eine junge Frau in einem teuren Kleid, die mir bei aller Hollywood- und Windsor-Attitüde fast leid tut. Ich erfahre, dass sie keine Ahnung hatte, in welchen Verein sie da hinein heiratet, dass sie keinen hatte, der mit ihr die britische Nationalhymne oder den royalen Knicks einübte. Dass keiner sie beschützt hat. Und auch Harry fühlte sich ausgeliefert, gefangen zwischen der alten und der neuen Welt. Als Autorin merke ich, dass er sich mitten drin in seiner ganz persönlichen Heldenreise befindet, irgendwo zwischen der Begegnung mit der Göttin und der Frau als Versucherin. Als nächstes steht die Versöhnung mit dem Vater an, was Harry ja auch angekündigt hat. Nichtsdestotrotz: er ist erst in der Mitte des Weges, da kann noch einiges kommen. Was Meghan angeht, kann ich weniger sagen, denn ihren Werdegang kenne ich kaum. Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen. Doch was mir schon aufstößt, und nicht angenehm: ihre Unbedarftheit.

Seit Jahren wundere ich mich, dass Menschen in Situationen kommen, die man relativ leicht vorhersehen und abwenden hätte können. Da lassen sich Völker aufwiegeln, weil sie sich nicht informieren; da lassen sich Völker einsperren, weil sie sich nicht informieren; da lassen sich Völker manipulieren, weil sie sich nicht informieren. Und offenbar passiert das auch einer simplen amerikanischen Schauspielerin. Die wenigstens so ehrlich ist, vor sich und der Welt einzugestehen, dass sie naiv war. Jetzt bin ich ja eine große Freundin von Naivität, weil sie bedingungslose Offenheit signalisiert und Wunder möglich macht. Meghans Wunder ist wohl noch ausständig, auch aus eigenem Verschulden. Und doch kann ich das irgendwie nachvollziehen.

Ich hatte einmal eine Affäre mit einem Mann, der mich so fasziniert hat, dass ich mir selbst nach der fünften Nennung seines Vornamen denselben nicht merken konnte. Fast wie ein Zauberspruch verschwand sein Name aus meinem Gedächtnis, sobald ich ihn gehört hatte. Ich stieg in den Flieger, um ihn zu besuchen, ohne seinen Nachnamen zu kennen, geschweige ihn gegoogelt zu haben. Meinen besorgten Freundinnen schickte ich dann vom Ziel aus die Adresse, damit sie mich im Fall des Falles „herausholen“ konnten. Eine von ihnen kennt sie heute noch, ich habe sie bereits vergessen. Ja, der Trip blieb einzigartig, das Erlebnis ebenfalls. Doch genauso stelle ich mir Meghan vor, die sich einfach Hals über Kopf in Harry verliebt hat und dachte, dass alles gut wird mit dem Einen an ihrer Seite. Dass man alle Unwägbarkeiten überwinden könne und am Ende alles gut wird. Hollywood lebt von Happy Endings. Und wir sind zu einem gewissen Grad von Hollywood geprägt. Auch ohne selbst Schauspielerinnen zu sein. Frauen sind für dieses Happy End ja besonders anfällig, egal wo auf diesem Planeten.

Jetzt sitzt Meghan also in ihrem Designerkleid neben Harry und vor Oprah und wundert sich, dass alles so gekommen ist, wie sie es nun ausbadet. Sich zu beklagen, dass man keinen Personal Trainer für die Nationalhymne und den Knicks zur Seite gestellt bekommen hat, regt mich schon ein bisschen auf. Als Schauspielerin müsste ihr das Rollenstudium doch durchaus vertraut sein. Meine Vorbehalte gegenüber Frauen tauchen immer dann auf, wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich nicht um ihre eigenen Befindlichkeiten kümmern, sondern diese lieber delegieren. Und trotzdem: Sie tut mir leid, auch wenn sie aus ihrer Wolke Sieben auf ein mit Millionen Pfund gestopftes Kissen gefallen ist. Denn jeder Traum, aus dem man erwacht, schockiert, verletzt, deprimiert. Egal ob Herzogin oder Hosenverkäuferin. Und daran ändern eben auch ein Prinz, Millionen oder ein weltweites Interview nichts. Harrys Heldenreise hingegen bleibt spannend.

FREITAG: Von Knien und Kohlenstoff

Man sollte ja immer mal wieder etwas Neues ausprobieren – gerade wenn der Frühling vor der Türe steht. Eine neue Gymnastikübung zum Beispiel. Vorher sollte man aber die Kniescheibensehne fragen, ob sie das mag.

„Unterarmstütz mit Hip Twist“, und das alles auf den Knien – klingt komplizierter als es ist, kann aber Folgen haben. Idealerweise wird der Bauchtanzbauch fester, im schlechtesten Fall beleidigt man die Kniescheibensehne. Die gute Nachricht: Man stirbt nicht daran. Die weniger gute: Man muss was tun. Oder besser lassen, vor allem die „Unterarmstütz mit Hip Twist“ auf Knien. Vor allem dann, wenn man irgendwann einmal wieder Bauchtanzen und den Shimmy mit zwei stabilen Gelenken ausführen möchte.

Dass eine neue Gymnastikübung vielleicht der falsche Ansatz ist, um etwas Neues im Leben zu integrieren, habe ich begriffen. Doch es gibt ja ganz viele Alternativen dazu. Zum Physiotherapeuten zu gehen und die beleidigte Kniescheibensehne kalmieren zu lassen beispielsweise. Wir kennen uns seit Jahren, und immer komme ich mit etwas, was zwar nicht schlimm, aber auch nicht ganz richtig ist. Der Zusatznutzen für mich sind die Gespräche, die mich derart erheitern, dass die Festigung meiner Bauchmuskulatur durch Lachen viel angenehmer passiert als durch das Unterarmstütz-Ding.

Ich höre, dass mein Physiotherapeut inzwischen sehr glücklich ist, während seiner Arbeit Maske tragen zu können. Denn aus irgendeinem Grund beschäftigt sich seine Kundschaft mit den diversesten Theorien über die C-Scheisserchen und die als hilfreich propagierte Impfung. Und wenn ihm dann ein Lächeln auskommt, sieht das eben keiner hinter der Maske. Er erzählt mir von einer Theorie, die ich wahrscheinlich nie mehr aus meinem Kopf bekomme, sollte ich wieder einmal vegetarische Kottbullär oder einen neuen Bezug für mein Klippan Sofa suchen. Ihm, also dem Therapeuten, wurde zugetragen, dass wir nur deshalb in den Genuss des Virus‘ gekommen sind, weil Außerirdische uns ausrotten möchten, um unsere Infrastruktur nutzen zu können. „Das schau‘ ich mir an, wie die mit drei Fingern eine IKEA-Küche zusammenbauen“, meinte der Physiotherapeut dazu und konnte seine Arbeit ob meines Lachflashs kaum mehr fortsetzen. Ich denke, es gibt genügend Menschen mit linken Händen, wenn es um das Zusammenbauen von Möbeln geht; vielleicht macht der Wille die fehlenden zwei Finger wett? Vielleicht sind die Herrschaften sogar schneller, wenn sie zusammenhelfen? Wenn vier mit jeweils drei Fingern kollaborieren, ist das jedenfalls konstruktiver als wenn sich jemand mit zwei linken Händen abplagt. Rein rechnerisch. Er hat dann auch noch von Nanotubes berichtet, die er wie ich googeln mussten, um auch nur annähernd ein Basiswissen darüber zu bekommen. Doch da ich naturwissenschaftlich behindert bin, reicht mir schon die Information, dass das mikroskopisch kleine röhrenförmige Gebilde aus Kohlenstoff sind, wobei die Kohlenstoffatome eine wabenartige Struktur mit Sechsecken und jeweils drei Bindungspartnern einnehmen, vorgegeben durch die sp2-Hybridisierung. Sie können sich aussuchen, bei welchem Wort dieser Wikipedia-Beschreibung ich ausgestiegen bin. Mir das alles auch noch im Verschwörungskontext vorstellen zu müssen, sprengt mein ohnehin schon überlastetes Gehirn.

Irgendwann war mein Lachflash abgeklungen und der Physiotherapeut konnte seine Arbeit fortsetzen. Und mir mitteilen, dass ich irgendwann einmal wieder Frieden mit meiner Kniescheibensehne schließen kann. Demut auf hartem Untergrund sollte ich in den nächsten Wochen vermeiden, weshalb ich wieder einmal dankbar für die Erfindung von Yoga-Matten bin. Dort ist man selbst beim Sonnengruß auf der weichen Seite. Den darf ich weiter machen und dankbar sein für jeden Tag, an dem in meinem Knie wieder alles auf seinem Platz dehnt.

FREITAG: Aus Pech mach Gold

 

 

 

 

 

 

Acht Wochen hat dieses Jahr schon wieder auf dem Buckel, und früher als erwartet wärmt uns die Sonne auf. Jetzt fehlt nur noch das Meer. Oder entsprechende Reisefreiheit. Dabei reicht mir schon eine Fahrt nach Tirol.

Kürzlich saß ich mit einer Freundin beisammen und wir stellten fest: Reisegedanken zahlen sich momentan echt nicht aus. Selbst wenn ich für einen Tag an einen durchschnittlichen Adriastrand wollen würde, müsste ich dort 14 Tage bleiben, ob ich will oder nicht. Und nein, in meinem aktuellen Zustand will ich nicht. Obwohl ich mir sehr wohl bewusst bin, dass Bibione heuer sehr viel wahrscheinlicher werden könnte als Boulders Beach. Doch soweit bin ich noch lange nicht, vor allem nicht dort, wo sich meine Kusine hingewagt hat: zu Reisebuchungen mit doppeltem Fallschirm – also reiserücktrittsmäßig.

Ich kämpfe mich an Tirol ab. Obwohl ich mich inzwischen schon sehr daran gewöhnt habe, meine Eltern durch die Videokamera zu sehen und auf diesem Weg ihre Stimmung zu erhellen – einen Geburtstagsbesuch ersetzt das natürlich in keinster Weise. Dass sie in einem so genannten Virusvarianten-Gebiet wohnen, ist Pech, das ihnen über den Kopf geschüttet wurde, ohne dass sie es verdienen. Sie halten sich überpenibel an sämtliche Vorschriften, fast wie die Salzburger Festspiele, die mehr von ihren Besuchern gefordert haben, als es das Gesetz wollte. Sie sind gesund und tun auch vieles dafür, diesen Zustand aufrecht zu erhalten. Rutscht die Stimmung doch einmal in den Keller, bin ich nur einen Fingertipp auf das Kamerasymbol eines Nachrichtenanbieters entfernt. Etwas Albernes fällt mir immer ein. Nichtsdestotrotz: Es wird eine Challenge, dieser Geburtstagsbesuch.

Meine Mutter befürchtet Scherereien für mich, weil sie darüber in der Zeitung liest. Und meinen Kollegen von der Journaille sind Scherereien natürlich lieber als flutschende Grenzbegegnungen. Eine Diskussion gibt allemal mehr her als ein freundlicher Kurzdialog und Durchwinken. Wie auch immer: Ich glaube zu wissen, woran es liegt. Keiner liest die Verordnungen oder kann sie nicht sinngemäß erfassen. Was jetzt kein Superwunder ist, wenn man bedenkt, wie sie geschrieben sind. Man nimmt sich das raus, was man versteht und lässt das in sich nachwirken. Hat man Fragen, wendet man sich gegebenenfalls an eine Auskunftsperson, die ihrerseits durch die Frage so verwirrt wird, dass sie aus Zeitnot (weil ja viele fragen) einfach die nächstbeste, einfachste Antwort gibt. Nimmt sich jemand mehr Zeit, gibt er vielleicht eine andere Antwort. Und wenn sich das dann rumspricht, ist das Verständnisschlamassel erst recht groß.

Und von diesem Verständnisschlamassel kann ich mich selbst nicht ausnehmen, wie gerade erfahren musste. Noch bevor ich mich beim Schreiben dieser Zeilen vollständig in Rage katapultieren konnte, erfahre ich von einem Freund, dass ich selbst ungenau gelesen habe. Die Krux lag bei einem Verständnisfehler, der „innerhalb von zehn Tagen“ als „zehn Tage“ interpretiert hat. Ich bin ja normalerweise keine Korinthenkackerin, doch wenn es um Worte geht, schaue ich meist schon sehr genau. Und jetzt ist es also auch mir passiert – Pech. Ich bin aber nur ein klitzekleiner Pechvogel, und damit kann ich umgehen. Aus Gewohnheit.

Schließlich haben wir alle immer wieder mal Pech. Sprich eine nicht ganz so optimale Ausgangsposition oder schicksalshafte Wendungen, die unserer Intention zuwiderlaufen. Doch glücklicherweise habe ich gelernt, dass alles eine Frage der beweglichen Halswirbelsäule ist. Solange ich den Hals drehen und in eine Richtung blicken kann, die erfreulich ist, kann aus dem vermeintlichen Pech eine kleine Goldmünze werden. Und die werde ich einsammeln, wenn ich über die innerösterreichischen Landstraßen tuckere, in Gegenden komme, die ich aus Zeitgründen in der Vergangenheit gemieden habe und ganz viel Musik hören. Mein Halschakra wird durch das viele Mitsingen jubeln, wenn ich zuhause angekommen sein werde. Später als beabsichtigt, aber um Reiseerfahrungen reicher. Mehr ist momentan nicht drin.