FREITAG: Vierfaches Vergnügen

Letzte Woche war die soziale Seite meines Daseins tarotmäßig durch die „Vier der Stäbe“ gekennzeichnet. Diese Karte steht für ein freudiges Ereignis, und an einem Tag hat sich das alles gebündelt.

Im Grunde ist es ja durch die C-Zeit so bei mir geworden, dass ich meine sozialen Kontakte sehr selektiv pflege. Nicht nur, weil ich offen und aufmerksam mit den Menschen zusammentreffen möchte, sondern auch, damit ich im Anschluss alles Gehörte zu einem wohlwollenden Abschluss bringen will. Sprich: Entweder aus dem Erlebten eine Lehre ziehe, mich weiter freuen oder es loslassen. In der erwähnten C-Zeit vor einem Jahr ist mir bewusst geworden, dass ich bei mehr Socializing weder mir noch den anderen gerecht werden kann. Weil wenn zu viel, dann am Ende zu wenig: Aufmerksamkeit, Zugewandtheit, Mitgefühl.

Bislang ist mir das ganz gut geglückt, wenn es auch immer wieder einige Ausreißer gab und sich an dem einen oder anderen Tag doch mal zwei Treffen einrichten lassen mussten. Doch letzte Woche habe ich meinem Aufnahmefass eigenhändig den Boden ausgeschlagen. Zwei Termine standen ohnehin schon fest, wobei einer von ihnen relativ flexibel war, der andere von vormittags nach nachmittags und wieder zurück sprang. Und während dieser Kür kam die Anfrage für ein kurzes gemeinsames Frühstück, das eine Rarität darstellte und schon deshalb gewürdigt werden wollte. Als das alles an seinen Platz gefallen war, stellte sich heraus, dass ich im August vergessen hatte, Konzertkarten zu reservieren und die Freundin, mit der ich ins Festspielhaus gehen sollte, sich bereits seit Monaten darauf freut. Ich kümmerte mich und fand nur die Möglichkeit, entweder die Abendkasse anzusteuern oder stattdessen ein Abendessen gemeinsam einzunehmen. Ich gestehe es: Ich habe in dieser Nacht nicht sehr gut geschlafen.

In der Früh bei meinen Morgenseiten habe ich dann aufgegeben, vor allem den Widerstand in mir selbst gegen vier Verabredungen. Zum einen war ich ja selbst schuld, weil ich trotz aller Notwendigkeit noch immer keine Assistenz zur Seite habe, die mich in Termine zwängen könnte. Zum anderen gegen meine Bereitschaft, immer alles willkommen zu heißen, was gerade an meine Lebenstüre klopft. Und dann sprang ich in den Bus und freute mich auf alle Begegnungen. Die erste war frisch wie der Morgen, die zweite überraschend wie meine morgendliche Entscheidung, die dritte warm wie der nachmittägliche Sonnenschein und die vierte aufregend.

Meine Freundin hatte nämlich in ihrer Verzweiflung über meine Vergesslichkeit und die damit drohenden Konsequenzen einen der Musiker auf Facebook ausgemacht und ihm die leidige Geschichte geschrieben. Was wiederum zur Folge hatte, dass der schneidige, italienische Saxophonspieler zwei Freikarten für uns organisiert hat. Und das Sahnehäubchen für meine Freundin: In der Pause konnte sie sich sogar noch mit ihm unterhalten und ich ihm danken, dass er mir aus der Patsche geholfen hatte. Da sage noch einer, Tarotkarten sind Hokuspokus. Obwohl: Magisch war das alles schon ein bisschen.

FREITAG: Blackout der Verbundenheit

Anfang der Woche hat sich wieder einmal gezeigt: Das gute alte SMS ist manchmal doch noch recht nützlich. Glücklicherweise ist mir das erst spät eingefallen.

Dieses Zeichen am Ende einer Nachricht, das besagt, dass dieselbe nicht gesendet werden konnte, hat wohl am Montag Milliarden von Menschen miteinander verbunden. „Die längsten sechs Stunden meines Lebens“ lese ich am nächsten Tag auf Instagram, während der junge Mann im Bett liegt und in sein Smartphone starrt. Ich wünschte, ich könnte das auch einmal von einer meiner sechs Stunden Lebenszeit sagen.

Irgendwie hatte ich es anfangs noch gar nicht gemerkt, dass da etwas verstopft war in unserer weltweiten Rohrpost. Erst als ich eine zweite Nachricht schicken wollte, fiel mir auf, dass die erste immer noch in Warteposition war. Wie es sich gehört, habe ich zuerst meine eigenen Fazilitäten überprüft. Da dort alles in Ordnung war, kam der nächste Check mit anderen Social Media-Kanälen. Auch da Verzögerung. Das Überprüfen des Ist-Zustandes über eine Störungswebsite zeigte: Es handelte sich um ein größeres Problem, das außerhalb meiner Macht stand. Wie groß, weiß ich erst jetzt und es übersteigt meinen Horizont: 25 Milliarden Whatsapp-Nachrichten und 54 Millionen Messenger-Nachrichten wurden nicht gesendet. 3,75 Milliarden Minuten weniger wurde über Whatsapp telefoniert. 125 Millionen Instagram-Stories konnten nicht gepostet werden und 3, 6 Milliarden Minuten wurde dort nicht gescrollt. Das alles hat die Schweizer Nachrichtenplattform Watson gesammelt. Ich kann mich nur wiederholen: Das sprengt meinen Horizont.

Mit Whatsapp-Telefonie wird also innerhalb von sechs Stunden die Zeit von über 7.000 Jahren verbracht. Unvorstellbar! Manchmal wünsche ich mir das zwar auch, doch wenn ich es so vor mir stehen sehe – also in Zahlen -, denke ich mir doch, wie gemütlich unsere 24 Stunden sind. Und vermutlich ist der menschliche Mechanismus auch gar nicht auf mehr Zeit ausgerichtet. Umso erstaunlicher ist es, wie heutzutage Verbundenheit gepflegt wird. Kolportierte drei Milliarden Menschen waren von dem Blackout betroffen, was bedeutet: Sie konnten nicht mit ihren Lieben in Kontakt treten. Sie konnten ihre Communities nicht mit Informationen versorgen. Sie konnten nicht ihre Befindlichkeiten der Welt offenbaren. „Die längsten sechs Stunden meines Lebens“ zeigt, wie wichtig, ja essentiell diese Kommunikation für Unmengen von Menschen inzwischen geworden ist.

Für mich bedeutet das einmal mehr: Ich bin wirklich froh, dass ich nicht mehr ganz jung, nicht so selbstverständlich mit Social Media aufgewachsen bin. Ich kenne eine Zeit ohne all das, wo Briefe und das Telefon die einzigen technischen Hilfsmittel waren, mit denen man Abwesenheiten überbrücken konnte. Das bedeutet andersrum, dass mir Dinge einfallen, die ich jenseits von Wischen, Telefonieren oder Posten tun kann. Meine schottische Freundin auch. Sie hatte die Gesellschaft eines Babies und hat den Blackout gar nicht wirklich bemerkt. Was interessant ist, weil sie einmal eine der am meisten begeisterten Instagrammerinnen war, die ich kenne. Ich hatte Zeit, mich mit dem Zusammenhang zwischen Mondrian und Downshifting zu beschäftigen, also damit, was wir von ihm über die Vereinfachung des Lebens lernen können. Und einfacher war das Leben auf alle Fälle, als es plötzlich still war ohne Vibrieren, Blingen oder sonstige Klingelei.

Es war für mich ein Sprung in die Vergangenheit, in jene Zeit, bevor ich aus gefühlstechnischen Gründen in diesen ganzen Social Media-Wahnsinn eingestiegen bin. Und weil manche ja von der Sieben-Jahres-Regel sprechen, die einen Lebenszyklus markiert, stelle ich fest: Die Gefühlstechnik hat sich verändert. Das Wischverhalten könnte nachziehen. Ich bin bereit dafür.

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FREITAG: Die kreative Schildkröte

Was tut man, wenn sich drei Fragen einfach nicht beantworten lassen? Man denkt einfach um die Ecke, nachdem man sich im nächsten Umfeld umgeschaut hat.

Letzte Woche war ich ja ob meiner Entscheidungsunlust so verzweifelt, dass ich mir sogar Nachrichten reingezogen habe. Was zwar bei dem einen oder der anderen Kopfschütteln und Kichern hervorgerufen hat, brachte mich nicht wirklich weiter. Weil ich mir selbst keine Antworten auf die Fragen

  • Brauche ich Urlaub?
  • Will ich wegfahren?
  • Falls ja, wohin?

geben konnte. Und plötzlich war da eine Idee, die ganz neu für mich ist und die ich gerade umsetze. Woran ich Sie teilhaben lassen will, obwohl ich EIGENTLICH ja nicht arbeite in dieser Woche.

Als ich für mich beschlossen hatte, eine kreative Woche zu machen, kam aus dem Freundeskreis schnell die Frage: „Wo?“ Interessant fand ich das deshalb, weil wir offensichtlich immer davon ausgehen, dass man entweder nach Zakynthos zum Malen, nach Bali zum Meditieren oder nach Klütz zum Schreiben fahren muss. Vermutlich wäre ich keine Ausnahme gewesen, hätte jemand anderer dieses Vorhaben an mich herangetragen. Deshalb habe ich auch hochgezogene Augenbrauen geerntet, als ich verkündete, zuhause Kreativ-Urlaub machen zu wollen.

Die Idee war befeuert worden durch die Tatsache, dass auf meiner Treppe, die den Wohnraum mit der Arbeitssphäre verbindet, so vieles liegt, was ich inspirierend finde und verfolgen möchte. Doch der normale Gang der Dinge ist: Ich nehme sie mit in den ersten Stock, staple sie neben die anderen Häufchen, die schon da liegen, sortiere sie maximal dort ein, wo ich eine Schütte für Ideen geschaffen habe. Und dort werden diese Ideen immer schwerer – in meinem Bewusstsein. Ich weiß, dass sie da sind. Ich weiß, dass ich daraus etwas entwickeln könnte. Ich weiß, dass ich es nicht tue, weil meine Tage zu kurz sind. Und genau das wollte ich nicht mehr.

Also habe ich alles, was in meinem Haus zum Thema Kreativität zu finden war, nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten gepackt und beschäftige mich in dieser Woche ausschließlich damit, um die Ecke zu denken. Ich habe ein eigenes Schreibheft angefangen, wo alles, was aufpoppt, nieder geschrieben wird, auch für längere Reflexionen ist da Platz. Ich habe wieder damit begonnen, vor dem ersten gesprochenen Wort drei Seiten zu schreiben und stelle fest: die Ideen kommen ziemlich leicht. Ich habe schon mehrere zu meinem nächsten Schreibworkshop gesammelt, ich brüte über Vermarktungsmöglichkeiten meines nächsten Buches, das bald erscheinen wird, ich füttere meinen Geist mit Neuem. Gestern war ich in einem neuen Restaurant, heute habe ich mir eine Ausstellung zum Thema „Female Sensitivity“ angesehen. Ich bin ein Mensch, der in seiner Mitte ist, wenn die Sinne jauchzen. Und das funktioniert bislang ganz gut. Dabei muss es gar nicht sofort klicken – die Ausstellung war beispielsweise etwas verstörend für mich, doch ich bin sicher, dass die nachfolgende Reflexionsrunde etwas ausspucken wird, was ich mir während des Blickes auf gefangene Körper, an Glas gepresste Gesichter und jede Menge weiblicher Geschlechtsorgane nicht gleich eingefallen ist.

Außerdem habe ich es tatsächlich geschafft, an einem einzigen (Wochen-)Tag ein Buch zu lesen. Auch zum Thema Kreativität, geschrieben von John Cleese, den viele von Ihnen bestimmt aus der Monty Python-Serie kennen. Oder aus „Ein Fisch namens Wanda“. Er hat ausgeführt, dass es Hasen und Schildkröten gibt. Hasen wollen alles schnell entscheiden, weil sie sich der Entscheidung entledigen möchten. Und dann gibt es die Schildkröten, deren wichtigste Frage ist: „Bis wann muss ich das entscheiden?“ Sie sind auch diejenigen, die von Prokrastination profitieren, weil das Abwarten oft dazu führt, dass sich neue Erkenntnisse ergeben, die dann zu einer eindeutigen Entscheidung führen. Oft habe ich mich selbst ja wegen meiner Neigung zur Aufschieberitis gegeiselt, doch seit ich weiß, dass ich eine Schildkröte bin und welche Qualitäten damit einher gehen, geht es mir deutlich besser. Nichtsdestotrotz tut es mir unendlich leid, dass das erste Haustier, das ich besessen habe, durch meine Schuld zu Tode kommen ist. Ich hatte nämlich als Kind vergessen, meine Schildkröte einzuwintern. Das war der Anfang einer Reihe von unglücklichen Verhältnissen zu Haustieren, doch das ist eine andere Geschichte.

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FREITAG: Triple-Tag

Ich schreibe diese Zeilen an einem Tag, an dem Vollmond, Herbstbeginn und Weltfriedenstag zusammenfallen. Alles sehr symbolträchtig, wie ich finde.

Leider verhindert der dichte Wolkengatsch, dass ich die volle Scheibe am Himmel sehe, von der ich natürlich weiß, dass sie keine Scheibe ist und auf der ich trotzdem immer ein Gesicht sehe und mir dazu den Mann im Mond vorstelle. Dabei ist der Mond ja in den romanischen Sprachen weiblich, und bei den Chinesen ist der Mann sogar tatsächlich eine Frau. Eine, die ein Unsterblichkeitselixier getrunken haben soll und sich dann auf den Mond davon gemacht hat. Mir erscheint das weibliche Geschlecht des Mondes natürlicher, denn ich wüsste jetzt auch gar nicht, ob Männer die Wirkungen des Mondes so spüren wie Frauen. Eventuell beim Autofahren, aber dieses Klischee möchte ich nicht weiter ausführen. Im England des 12. Jahrhunderts sprach man allerdings davon, dass sich Männer bei Vollmond in Wölfe verwandeln. Ob rabiate Autofahrer die moderne Variante dieser Wölfe sind? Ich weiß es nicht, werde aber beim nächsten Vollmond, dem so genannten Jägermond darauf achten, wer so über die Straßen jagt.

Über den Abschied vom Sommer habe ich eh schon ausführlich geschrieben, und doch kann ich mich nicht wirklich trennen vom Sommergefühl. Obwohl die meisten Menschen, denen ich begegnet bin, bereits in Regenjacken und Schlauchschals gehüllt waren, bin ich heute noch einmal in meine Babouches und eine dünne Hose geschlüpft, habe mir fest vorgenommen, in der kurzärmeligen Strickjacke nicht zu frieren. Was gelungen ist, aber auch damit zu tun hatte, dass ich in herzerwärmender Gesellschaft war. Obwohl ich mich schon gefühlt seit Wochen auf die satten Herbstfarben freue und konstantere, wenn auch kühlere Temperaturen herbei sehne, habe ich am Wochenende doch mit Freude festgestellt: Selbst im Hochgebirge steht der Farbwechsel noch aus. Selbst die Nächte sind bei weitem noch nicht so frostig, wie man es dort erwarten würde. Nichtsdestotrotz: Ein bisschen Sommer sollte schon noch her. Auch ein bisschen Meer – Sie merken, ich habe im Juli meinen Meerhunger wieder getriggert. Doch ich spüre, wie unentschieden ich diesbezüglich bin. EIGENTLICH habe ich mir für die nächste Woche Urlaub eingeteilt, EIGENTLICH möchte ich ans Meer, doch EIGENTLICH kann ich mich nicht entscheiden, an welches. Offensichtlich habe ich mich von einem noch nicht verabschiedet, nämlich von meiner Entscheidungsfreude, wenn es ums Reisen geht. Ich bin sogar richtig, richtig schnäkig geworden. Und das hat noch nicht einmal mit der C-Situation zu tun, sondern einfach damit, dass ich ganz bestimmte Vorstellungen habe, wie dieses Am-Meer-Sein zu sein hat. Das Quartier darf nicht zu abgefuckt, aber auch nicht zu teuer sein. Es sollte neben einem Balkon auch einen Wasserkocher, möglichst beides mit Meerblick, haben. Ob ich mich anderen Gästen aussetzen will oder mich lieber in einer Ferienwohnung einniste, ist auch so eine Schwebe-Entscheidung, zu der ich mich noch nicht durchgerungen habe. Die Uhr tickt, Aufgaben sollten delegiert werden, doch selbst der Entscheidungszauber meines Ältesten hat bislang wenig gefruchtet. Heute hat er mir erklärt, dass man sich mit Warten selbst boykottiert und am gescheitesten den Zauber vergessen sollte. Daran arbeite ich jetzt, während ich vergeblich den Himmel nach der unsterblichen Frau absuche.

Ein bisschen stört diese Unentschiedenheit schon meinen inneren Frieden. Weil ich etwas will, von dem ich nicht weiß, ob ich es wollen soll. Am besten wird sein, an etwas anderes zu denken – wie immer. Arbeit bietet sich da natürlich an, doch offen wie ich bin, recherchiere ich wieder einmal. Und stelle fest: Ein Tankstellen-Kassier wurde erschossen, weil er an die Maskenpflicht erinnert hat. Und stelle fest: Eine 17jährige ist nach dem Konsum von zwölf Energy-Drinks in der Notaufnahme gelandet. Und stelle fest: Ein Schlagerfan ist an den Folgen einer Harnverhaltung gestorben, weil er falsch abgebogen ist, nachdem er es wirklich nicht mehr „halten“ konnte. Das Kopfschütteln über das, was in der Welt abgeht, schleudert auch die Reisegedanken aus meinem Hirn. Die Katze kratzt an der Balkontüre – jetzt zählt sowieso nichts anderes mehr als der Servicegedanke. Ich sag’s ja immer: Sind die besten Therapeuten, die Katzen, vor allem bei blöden Gedanken.

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FREITAG: Abkühlen mit Kamillentee

Langsam fällt wirklich alles an seinen Platz, habe ich so das Gefühl. Ob das mit meinem niedrigen Blutdruck zu tun hat?

Kürzlich erklärte mir der Vater meiner Kinder wieder einmal, dass ich zu viel in meinem Leben hätte. Er könne das daran erkennen, dass ich wie ein geschlagener Hund aus meinem Schlafzimmer heraustorkeln würde. Und das wiederum passiere nur, weil ich im Schlaf keine Erholung fände aus Gründen meines übervollen Lebens. Ist so weit ganz schlüssig, wenn es nicht mich betreffen würde. Ich schlurfe deshalb aus meinem Bett, weil mein Blutdruck für eine ordentliche Körperhaltung samt damit zusammenhängender, guter Laune einfach zu wenig leistet. Und weshalb ich in der Früh wirklich zwei Stunden brauche, um mich an meinen Namen und meine Bestimmung zu erinnern. Manche brauchen diese Zeit ja für die Körperpflege, ich für meine Identität. Was unter Umstanden das gleiche sein kann, aber nicht in meinem Fall. Zuerst will ich wissen, wen ich pflege. Und dann brauche ich auch nicht länger als 15 Minuten, um mich gesellschaftsfähig zu machen.

Der Vater meiner Kinder hat mir das nur widerwillig abgenommen. Seit heute habe ich es schriftlich – 87 Schläge pro Minute schleudern einen um 8 Uhr früh nicht gerade explosiv in den Tag. Zur Blutabnahme in der neuen Arztpraxis hat es gereicht. Und das unter erschwerten Bedingungen, weil man ja in so einem Fall keinen Kaffee mit Milch und Zucker trinken sollte. Frühstücken auch nicht, aber das ist für mich meistens unwichtig. Muckefuck reicht. Allerdings bin ich momentan auf Impfdiät, und das sind super erschwerte Bedingungen für meinen Blutdruck. Und den Rest meines Lebens.

Da bei Ayurveda davon ausgegangen wird, dass durch eine Impfung der Körper in einen Stresszustand versetzt wird, gilt es in diesem Fall mit einigen Kniffen gegenzusteuern. Und das schon drei Tage vorher. Das bedeutet in meinem Fall: statt Kaffee Kamillentee, statt Chili Koriander, statt Beeren Bananen. Zusätzlich noch Nahrungsergänzungsmittel, die den Körper prophylaktisch runterkühlen. Das alles hat nun also dazu geführt, dass ich nunmehr schon den fünften Tag ziemlich traumwandlerisch durch mein Leben schwebe. Mein Bauch hat an Umfang zugenommen, weil er das Frühstücken nicht gewohnt ist. Um 20 Uhr gähne ich das erste Mal. Und dazwischen muss ich darauf achten, hin und wieder meine Augenlider weiter hochzuziehen als auf Halbmast. Aber hey – Hauptsache keine Impfreaktionen!

Bei dem ersten Schuss habe ich das auch gemacht, allerdings musste ich das Vorhaben drei Tage nach der Impfung einstellen. Weil ich mich zielstrebig auf eine Depression hinbewegt habe. An kleinen, aber unfeinen Gedanken kann ich das festmachen, auch mein Körper gibt mir Signale, dass es der Erdung nun genug ist. Und das werde ich dieses Mal wohl ebenso halten. Also habe ich noch einen Tag Abkühlung und Beruhigung vor mir und werde mich dann richtig, richtig freuen, den Kamillentee wieder ganz hinten ins Regal zu schieben.

Meiner Umgebung ist das alles kaum aufgefallen, weil ich mich ja durch die Diät mehr oder weniger auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittelmaß eingegroovt habe. Aber mir fehlt das Wirbelige, das Aktive, das Entscheidungsfreudige. Und das erobere ich mir zurück, genauso wie mein kleiner Nachbar kürzlich den Zaun erobert hat. Jetzt ist er endlich groß genug, um selbständig in seine zwei Höhlen auf meinem Grundstück krabbeln zu können. Diese Art von Kraft strebe ich wieder an – und in meine Höhle krabbeln werde ich dann auch vermutlich wieder weit nach Mitternacht. An diesem Tag werde ich wissen: Alles ist wieder so, wie es sein soll.

FREITAG: Abschied, bitte warten!

Diese Woche haben wir den letzten Neumond des Sommers erlebt, und das satte Blau des Himmels ist schon seit einiger Zeit einem wässrigen Ton gewichen. Ein weiterer Abschied steht bevor.

Ich kann mich noch an meine Zeit als Schülerin erinnern, die in den letzten Tagen der Sommerferien sich neue Schulsachen ausgesucht hat, später Modemagazine gewälzt hat, um irgendwie schick den ersten Schultag nach das Auszeit zu überstehen. Und ich habe mich meistens im Herbst verliebt. Für mich hat diese Jahreszeit – sie ist mir die liebste – also durchaus seinen Reiz.

Den Charakter dieser Jahreszeit verstehe ich erst langsam, dafür über umso intensiver. Er ist einer der Ernte, einer, der Bilanz zieht und sich danach von allem verabschiedet, was weg kann. Die Trauben hängen jeden Tag schwerer an den Reben, an Ernte ist aus Zeitmangel aktuell noch nicht zu denken. Also dürfen die Vögel ernten, bis der Tag des Einsammeln, Abbeerenls und Einkochen kommt. Selbst wenn das Federvieh fleißig ist, weiß ich: Es ist genug für alle da.

Eine Bilanz des Sommers habe ich bereits an dieser Stelle gezogen. Was weg kann, ist nach einem Treffen mit meinem Steuerberater das Gefühl, ich müsste mich stressen. Es sind stets heitere Treffen, ähnlich jenen mit dem Frauen- und Zahnarzt, denn danach fühle ich mich stets besser. Weil ich merke, dass mein Kopfkino halt am Ende des Tages auch nur eine Illusion ist, die mich mit mir selbst nicht gerade freundlich umgehen lässt. Weg kann auch das Gefühl, dass ich es irgendjemandem Recht machen müsste. Nicht dass ich unliebsame Erfahrungen gemacht hätte; das Gegenteil hat mich zu dieser Erkenntnis kommen lassen. Und die eine oder andere Unsicherheit, die von außen geschürt wurde. Denn immer, wenn eine Anregung kam, die etwas optimieren wollte, was in meinem System gerade nicht zu optimieren ist, habe ich mich innerlich aufgerichtet. Auf das „MMMMMMM“ oder „NNNNNN“ in meinem Bauch gehört und dann beschlossen: „Du bist gut, wie Du bist. Perfektion dient lediglich der Oberfläche.“ Äußerlich habe ich entweder gelächelt oder mich für die Anregung bedankt mit dem Hinweis, dass ich darüber nachdenken werden. Nachgedacht habe ich allerdings darüber, was die Anregung über den Menschen aussagt, der sie abgesondert hat. Sehr spannend!

Zum bewussten Abschiednehmen von einer Person hat diese Vorgangsweise nicht geführt. Vielmehr hat durch meine Haltung ein ganz natürlicher Selektionsprozess eingesetzt, den man mit dem Gesetz der Anziehung beschreiben könnte. Wenn man mit sich im Reinen ist, zieht man auch solche Menschen an. Wenn man viel im Kopf ist, findet man sich auch im Kreis von Brainies wieder. Und ist man unglücklich, hängt an jedem Mundwinkel jemand, dessen Mundwinkel ebenfalls hängen.

Jetzt kann ich mich bekannterweise vor Gefühlen, die von außen an mich herangetragen werden, nur ungenügend schützen. Weil zu empathisch, weil zu lösungsorientiert, weil zu idealistisch. Doch auch das ist in diesem Sommer etwas besser geworden, weil ich viele Möglichkeiten hatte, zu üben. Leider aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, weil ein mir nahe stehendes Familienmitglied an einer schweren Krankheit leidet, die heuer diagnostiziert wurde. Der Jammer ist an allen Ecken und Enden groß, die Menge der Handlungsoptionen größer. Denn jeder fühlt mit, hat aber eine von anderen unterschiedliche Vorstellung davon, was jetzt zu tun ist. Ich eingeschlossen. Ich habe in diesem Sommer Stunden, wenn nicht Tage damit verbracht, mir Lösungen zu überlegen, weil das meine Natur ist. Und doch musste ich feststellen, dass mein Aktionsradius sehr überschaubar ist. Ich kann weder erzwingen, dass ayurvedische Heilkräuter eingesetzt noch Prioritäten anders positioniert oder Emotionen aus dem Spiel gelassen werden. Alles, was ich an Gefühlen und Analysen produziere, hilft dem Betroffenen rein gar nichts. Weil er um sein Leben kämpft. Und das seine oberste Priorität ist. Ich war in diesem Sommer wegen dieser Angelegenheit oft sehr wütend, aus Traurigkeit, weil man von außen immer einen kühleren Blick auf alles hat. Situationen besser durchschaut, Zusammenhänge klarer sind. Doch diese Emotionen habe ich losgelassen, sie durch reines Zuhören und Stärken der Verzweifelten ersetzt. Mehr geht nicht, weil – ganz pragmatisch – meine Befugnis begrenzt ist. Um das zu begreifen, war dieser Sommer notwendig.

Der Himmel über der Terrasse, auf der ich diese Zeilen schreibe, ist durchsichtig wie die Stimme meines geliebten Verwandten. Doch wie ich in der äußeren Fülle inmitten der Weintrauben sitze, kann er auf ein Leben in absolutem Erlebnisreichtum zurückblicken, den manche Menschen in drei Inkarnationen nicht sammeln können. Es wird sich zeigen, ob sich daraus ein Aufschwung ergibt, den Tagen noch mehr Leben hinfügen zu wollen oder die Erkenntnis, dass es genug ist und war. Ich hoffe auf ersteres – dieser Abschied kann noch warten.

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FREITAG: Wildes Wetter

Einerseits waren die letzten Monate die heißesten Monate seit langem. Andererseits hat gefühlt jeder das Gefühl, um den Sommer betrogen worden zu sein. Das Wetter hat als Small Talk-Thema Hochkonjunktur.

Gestern im Gespräch mit meiner wilden Mutter. Für alle, die diesen Begriff nicht kennen: Ich habe ihn zum ersten Mal in Clarissa Pinkolas „Wolfsfrau“ gelesen. Ohne das Ganze hier und jetzt zu sehr aufzuladen – eine wilde Mutter ist das, was ein junger Mensch braucht, wenn er mit einer erwachsenen Frau reden möchte, die nicht seine Mutter ist. Sprich ihn nicht erziehen muss, ihm Werte vermitteln muss, ihn für die Gesellschaft vorbereiten muss. Ich habe oft beobachtet, dass es jungen Menschen genau daran oft mangelt, weshalb ich mich selbst gerne als „wilde Mutter“ zur Verfügung stelle. Angenommen wurde das bereits mehrmals, und ich kann diese Erfahrung nur jeder Frau wünschen.

Irgendwann einmal habe ich festgestellt, dass auch ich so eine „wilde Mutter“ habe, eigentlich sogar zwei. Doch wie so vieles in meinem Leben ist auch diese Erkenntnis erst verspätet, aber nicht zu spät in mein Leben gekommen. Ich war selbst früher „wilde Mutter“, als dass ich meine getroffen hatte. Aber jetzt ist sie da, und ich finde das ganz großartig. Wie auch immer: Zwei wilde Mütter haben sich also unterhalten. Zwei, die eigentlich nichts lieber tun, als sich mit Menschen zu verbinden. Die neugierig auf Menschen sind. Die ihren Intellekt schulen wollen, auch wenn über 20 Jahre Altersunterschied zwischen ihnen liegen. Was beweist: Die Generationenlücke kann, muss es aber nicht geben.

Nachdem wir unsere Eingangsbonmots hin und her geworfen hatten, stellten wir fest: Die Gespräche sind nicht mehr die, die wir so geliebt haben. Also die mit anderen Menschen. Und das aus einem einzigen Grund, nämlich der dünnen Bandbreite der Themen, über die man sich unterhält. Was dazu führt, dass meine früher so gesellige wilde Mutter inzwischen lieber daheim sitzt, als sich in ein Kaffeehaus zu setzen und nach unterhaltsamen Männern Ausschau zu halten. „Alle reden über Corona und das Impfen“, klagt sie. Und auch der Gastronom meines Vertrauens, dem ja ohnehin die Energie seiner Gäste ungefragt ins Haus schwappt, bestätigt das. Die wilde Mutter kann sich entziehen, er nicht. Zumindest nicht, ohne auf Facebook einen Shitstorm zu ernten, weil er sich einen Tag mehr regenerieren will, als das die Crowd von ihm erwartet.

Meine wilde Mutter ist eine Schulfreundin meiner Mutter, mit der sie regelmäßig telefoniert und von der sie wohlwollend anmerkt, dass wenigstens hier die C-Scheisserchen nicht das vorherrschende Thema sind. Sondern das Wetter. Darin ist meine Mutter ziemlich gut, weil sie unter Wetter leidet, egal welchem. Deshalb ist das immer etwas, was sie beschäftigt und womit sie sich auf sicherem Small Talk-Grund bewegt. Mir war ja Small Talk lange ein Graus, weil es stets tausende Themen für mich gegeben hat, die mich interessiert haben. Doch jeder, der schon einmal versucht hat, ein Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, weiß: Dafür braucht es zwei. Ich kenne nur einen Menschen, der das rigoros geschafft hat, nämlich meine Oma. Wenn ihr ein Diskussionsgegenstand nicht gepasst hat, kam sie mitten im Satz eines anderen mit einem ihrer Lieblingsthemen daher: Geld, Essen oder Familie. Keiner wagte es, sich dem zu widersetzen.

Meine Oma hat mir vieles vorgemacht, was ich inzwischen auch in mein Leben integriert habe, das allerdings nicht. Ich finde das grob, weshalb mir nur die Alternative bleibt, bei einem ungeliebten Thema den Ort zu wechseln. Meistens ist es die Toilette, was meine Kusine vermutlich als Fluchtort bezeichnen würde. Also meinen Fluchtort. Insofern müsste ich also gegenwärtig viel Zeit dort verbringen, was ich aber damit vermeide, dass ich gleich von Anfang an auf Wetterthemen einsteige. Ja, es hat etwas Heilsam-Unaufgeregtes, sich über den Kontrast zwischen Hitze und Starkregen zu unterhalten und festzustellen, dass das Wetter ein Spiegel der gesellschaftlichen Gesprächsthemen ist. Es gibt kein Dazwischen mehr. Entweder ist man für etwas oder dagegen. Sich in der Mitte zu treffen, scheint keine erstrebenswerte Qualität mehr zu haben. In meiner Erinnerung hat das vor 20 Jahren begonnen, als der kleine Bush meinte: „Entweder sind sie auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen.“ Im „Spiegel“ wurde das zu „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Damals wurde die Welt sehr schnell schwarz und weiß. Und heute ist sie es wieder – oder hat das mit den 256 Graustufen nur in meinem Wunschdenken stattgefunden? Das Internet erklärt mir, dass es diesen Spruch bereits in der Bibel gibt. Na bravo!

Natürlich kann man auch zu Wetter eine Schwarz-Weiß-Meinung haben, also es entweder gut oder schlecht finden. Doch der Spruch „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“ zeigt etwas Wichtiges auf: Es ist eine Sache der Perspektive. Und wenn ich am fünften Tag in Folge bei Regen aufstehe, kann ich natürlich beklagen, dass mir die Sonne fehlt, dass mir kalt ist und dass es völlig unnatürlich ist, schon im August den Ofen anzuheizen. Oder ich freue mich darüber, dass ich passendes Arbeitswetter vorgesetzt bekomme, mich auf mein Zuhause fokussieren und dort etwas bewegen kann. Und darauf vertrauen, dass eines immer wieder eintreten wird: der nächste sonnige Tag. Insofern ist das Reden über das Wetter hoch philosophisch, weshalb ich dafür plädiere, es von der Liste der beliebtesten Small Talk-Themen zu entfernen. Denn man tut ihm unrecht, belässt man es beim Jammern. Das hat das Wetter nicht verdient, weil es viel zu vielschichtig für eindimensionale Menschen ist. Probieren Sie es einmal aus!

FREITAG: Sommer der Liebe

Was für ein Sommer! Für Sie auch? Und das in Zeiten, von denen es immer heißt, es wäre vieles nicht möglich. Wäre noch mehr möglich gewesen, wäre ich vermutlich zum Schreiben dieser Zeilen nicht mehr fähig.

Ein sicheres Zeichen dafür, dass dieser Sommer voll war, ist wohl die Tatsache, dass ich mich kaum mehr erinnern kann, wann der Besucherreigen begonnen hat, sich zu drehen. Vermutlich im Juni mit dem Besuch meiner Eltern. Ohne Kalender bin ich aufgeschmissen, wie meine Kusine merken musste, als ich in meinem Hirn hilflos nach einem Termin suchte, den ich erst letzte Woche vereinbart hatte. Schlussendlich hat sie mir auf die Sprünge geholfen, bevor ich das Handy zücken konnte.

Ursprünglich hatte ich im Kopf, dass meine andere Kusine samt Onkel den Anfang gemacht hatten. Dank Kalender weiß ich jetzt, dass es meine Erzeuger waren. Was davon geblieben ist? Die Barfußschuhe meines Vaters, die wir damals gekauft hatten und in die er sich ziemlich mühselig einfinden musste – buchstäblich. Heute habe ich festgestellt: Die Füße flutschen inzwischen in die Schuhe, und er trägt sie auch regelmäßig, seit er weiß, dass sie sich durch tägliches Tragen nicht ungewöhnlich abtragen. Ich liebe Entwicklungen wie diese – selbst mit über 80!

Die nächsten waren eben Kusine und Onkel. Gleich ins Eingemachte zu springen, ist eine Qualität, die ich mit ihr teile. Da wird gleich nach der ersten Umarmung über Verwerfungen, Prozesse, Hintergründe gesprochen, ohne die ein Leben für uns beide wenig sinnlos ist. Mein Onkel als auf allen Ebenen leichtfüßiger Mensch hat sich da mühelos eingefügt und aus seiner Jugend erzählt. Seitdem kennen meine Kusine und ich seine Lieblingsfilme – habe sie gleich nach dem Gespräch um zwei Uhr nachts notiert. Der nächste Geburtstag kommt bestimmt, auch wenn das Packerl vermutlich die eine oder andere Irritation in seinem Umfeld auslösen dürfte. Doch auch hier gilt: Irritationen bringen etwas in Bewegung und ich liebe Bewegung!

Etwas kürzer besuchte mich eine gute Bekannte aus Linz, sehr inspirierend und auf einer Wellenlänge, vor allem wenn es um das Thema Gesundheit geht. Kooperationen sind nicht ausgeschlossen, doch das ist keine Priorität, sondern einfach eine Begleiterscheinung, wenn man sich in einer Bubble bewegt. Danach machte ich einen Besuch bei meinen Eltern, weil mein Vater seinen Geburtstag feierte. Auch dort selbstverständlich Besuche und viel Input, den es zu ver- und nachzubearbeiten galt. Beim Autofahren geht das gut, denn selbst bei einer Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 wehen die Haare und der Zigarettenrauch, wenn die Musik bis zum Anschlag aufgedreht ist. Ich liebe Reflexionen!

Das war alles nicht nötig, als ich mich zum ersten Urlaub außerhalb Österreichs aufmachte. Das Meer war auditive Kulisse genug, die ich so lange vermisst hatte. Und ich stellte fest, dass es gar nicht die superweiten Wege sein müssen, um mich in die Entspannung zu bringen. Auch wenn ich kleine psychosomatische Malaisen zu bewältigen hatte: Das Kopfkino aus dem Vorfeld war eben nur das. Die Realität war harmlos und leicht. Wenn ich jetzt höre, dass es unsicher sei, nach Kroatien zu fahren, kann ich nur sagen: Das schlimmste, was passieren kann, ist eine Quarantäne. Auch das eine Erkenntnis, die wir vor einem Jahr noch nicht hatten. Und ich liebe Erkenntnisse!

Dann kamen die Festspiele, auch jene der Kinder. Wunderbare Aufführungen und Begegnungen, viel Andocken an die Lebenswelten anderer Menschen unterschiedlichen Alters, das Beobachten und Anteil-nehmen-dürfen an Prozessen, die wir alle durchlaufen und doch unterschiedlich laufen. Zu erkennen, mit welcher Bewusstheit die Kids ihr Leben überdenken und gestalten, ist ein steter Quell von Freude für mich. Natürlich haben sie wie wir alle ihre Kämpfe, innerlich wie äußerlich. Doch auch nur irgendeiner Form von Opfermentalität fern zu bleiben, ist ihnen gemeinsam, und dafür kann ich speziell in Zeiten wie diesen gar nicht genug dankbar sein. Ich liebe Prozesse!

Und dann zum Abschluss noch einmal meine Eltern. Ein Kreis hat sich quasi geschlossen. Aus dem Urlaub kommend, durfte ich sie gelöst erleben wie lange nicht, und das führe ich darauf zurück, dass sie durch die Bewegung eine Entwicklung beobachten konnten, die ihnen einen Prozess vor Augen geführt hat, den sie reflektieren und ihr persönliches Dasein mit zufriedener Erkenntnis erfüllen konnten. Ich liebe meine Eltern!

FREITAG: Rebellion mit Ablaufdatum

Vor ein paar Tagen hatte ich wieder einmal das Glück, Zeit mit meinem Jüngsten zu verbringen. Und wie das so ist, wenn Generationen aufeinandertreffen: Die eine oder andere Erkenntnis springt dann doch dabei heraus. Für mich.

Wir haben da diese Tradition, mein Jüngster und ich. Seit 15 Jahren gehen wir zu den Festspielen, meist zu Konzerten. Einmal hat es uns zu einem Ballettabend verschlagen, einmal zu einem Theaterstück. Und immer war es ein Erlebnis, das Jahre später noch nachklingt. Zum Beispiel mein rosaroter Hosenanzug (nein, nicht pink!), in dem ich steckte, als der Zehnjährige erstmals Festspielluft schnupperte. Und den Alkohol in den Pralinen, mit denen ich ihn gelockt hatte und auf denen er heute noch besteht, auch wenn er den Alkohol darin nicht mehr wahrnimmt. Haben wir eben erst gecheckt, auch seine Freundin. Auf die ging übrigens die Festspieltradition über, sowohl was den Besuch als auch das gemeinsame Essen und die speziellen Pralinen angeht. Schließlich sind Traditionen dazu da, weitergegeben zu werden.

Tradition hat eben in diesem Kontext auch das ausführliche, manchmal durchaus kontroversielle Gespräch, in dem kein Thema ausgespart bleibt. Und auch wenn mein Jüngster und ich zeitgleich pubertiert und menopausiert und damit ähnliche Symptome miteinander geteilt haben, stellt sich doch heraus: In manchen Dingen gibt es unterschiedliche Ansichten. Jetzt könnte man es so wie mein Vater machen, der meine diversen, abweichenden Ansichten mit einem inneren Augenrollen bedenkt und weitermacht, wie er es für richtig hält. Oder man nimmt Impulse von außen zum Anlass, eigene Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Und das habe ich getan, nachdem er mich in seiner erwachsenen, aber immer noch sommersprossig-blauäugigen Art gefragt hat: „Glaubst Du nicht, dass Du es nach 55 Jahren mit dem Rebellieren auch mal gut sein lassen kannst?“

In einer ersten Reaktion wurde ich natürlich noch rebellischer und habe mich innerlich gefragt, was denn so schlecht daran sein sollte, Ansichten auch jenseits des Mainstreams zu haben und zu kultivieren. Äußerlich habe ich vom Thema abgelenkt, um mir Gedankenzeit zu geben. Und für den Rest des Abends den Boden für andere Gespräche zu bereiten. Die dann auch stattfanden und mein Dasein wie immer bereichert haben. Wieder alleine, nutzte ich die Gedankenzeit, die ich mir verschafft hatte, um mein Rebellentum zu überdenken. Die Argumente auf einen Zettel zu schreiben und mich nochmal so richtig hineinfallen zu lassen. Und mich von der emotionalen Richtigkeit meiner Aufmüpfigkeit zu überzeugen. Nach einer Viertelstunde begann ich, einige dieser Argumente, die in einem größeren Rahmen als meiner emotionalen Welt angesiedelt waren, zu recherchieren. Und siehe da: Einige Fakten hatten sich tatsächlich geändert – in meine Richtung. Ich würde jetzt nicht soweit gehen, dass mein ständiges Anbeten gegen den Mainstreams endlich vom Universum zu den Verantwortlichen getragen wurde. Doch waren die geänderten Umstände dann doch ein Zeichen dafür, dass ich mit meiner Denke nicht ganz alleine war. Um die Sache zu einem schnellen Ende zu bringen: Ich habe meine Entscheidung adaptiert.

Kurz darauf bin ich zu Gast bei einer meiner „Voll50“-Frauen, die ich für den gleichnamigen Blog im 14-Tage-Rhythmus interviewte. Eine großartige, kecke und warmherzige Frau, die ganz viel von Rebellentum hält, vor allem mit zunehmendem Alter. Auch ich beobachte das an mir, dass der Widerspruchsgeist tatsächlich zunimmt, je mehr Jahre ich ansammle. Und ich werde unduldsamer, wie meine „Voll50“-Frau auch. Nicht unbedingt darin, dass wir keine andere Meinung gelten lassen, weil wir nur noch unsere eigene Hexensuppe kochen wollen. Sondern vielmehr insofern, dass wir schlechtes Benehmen nicht mehr zu tolerieren gedenken. Wir haben genaue Vorstellungen, wie ein Gespräch zu verlaufen hat, unabhängig vom Inhalt, über den wir gerne reden. Wir haben genaue Vorstellungen, wie man miteinander umgeht, vor allem zwischen den Geschlechtern. Entspricht jemand nicht diesen Vorgaben, wird der Abstand zwischen „Hi“ und „Bye“ immer kürzer.

Diese Rebellion kann mir niemand nehmen, auch nicht mein Jüngster. Die Zeit ist zu kostbar, um sie mit trashigen Angelegenheiten zu verbringen. Doch wenn man feststellt, dass die eigene Argumentationswelt trashy geworden ist, muss man das eben ändern. An einer Meinung festzuhalten, nur weil sie Jahrzehnte überdauert hat, gibt ihr nicht die Berechtigung, auch den Rest der Lebenszeit gelten zu dürfen. Überzeugungen sind gut, doch sie können sich ändern, vor allem in einer Welt, wo sich das Wissen innerhalb eines Jahres verdoppelt. Manchmal sogar schneller. Zum richtigen Zeitpunkt daran zu schrauben, ist ein Luxus, den man sich unbedingt leisten sollte.

FREITAG: Gedenk-Gewitter

Im Grunde möchte ich dauernd über den gesellschaftlichen Diskurs bezüglich „der Impfung“ schreiben, doch Selbstdisziplin bedeutet auch: Es gibt noch anderes, Erfreuliches.

Wie Sie letzte Woche bemerkt haben: Ich mag Gedenktage. Sie lenken die Aufmerksamkeit in eine Richtung, in die wir normalerweise vielleicht nicht blicken würden. Wegen des täglichen Kleinkleins, wegen der beruflichen und familiären Anforderungen, wegen des Kopfkinos, das ja ohnehin am liebsten nach hinten oder vorne denkt und selten im Jetzt ist. Gedenktage – jetzt nicht unbedingt der japanische Tag des Berges oder der amerikanische Tag der Schokoladentropfen-Kekse – können uns dazu bringen, Bilanz zu ziehen und unsere Entwicklung zu resümieren.

Einen meiner ganz persönlichen Gedenktage hatte ich diese Woche. Meine ursprüngliche Aufgabe in einer dieser Gegenden, wo der Hase laaaaange wartet, bis ihm der Fuchs eine gute Nacht wünscht, war, einen Schreibworkshop zu halten. Professionell gesehen, freute ich mich sehr darauf, denn ich mag diesen Teil meiner beruflichen Säulenhalle. Privat war ich gespannt, wie diese Landschaft, in der vor sieben Jahren vermutlich der größte Umbruch meines Lebens stattgefunden hat, auf mich wirken würde.

Normalerweise bin ich ja alles andere als ein Angsthase. Wenn ich spüre, dass ich mich vor etwas fürchte, gehe ich schnurstracks darauf zu. Mit zunehmendem Alter allerdings habe ich bemerkt, dass mir diese Strecken oft zu mühsam geworden sind und dass ich versuche, das ganz intellektuell zu lösen. Was gelingen kann, aber nicht muss. Und selbst wenn das Mindset gut reagiert, kann die direkte Konfrontation den Prozess doch noch einmal fruchtbar unterstützen. So also auch in den vergangenen Tagen.

Schon die Fahrt dorthin könnte man als reine Trigger-Fahrt bezeichnen. In Gegenden, in denen sich nicht viel tut, bleibt natürlich auch vieles so, wie man es in Erinnerung hat. Klar: Hier war eine Straße breiter, dort ein Geschäft geschlossen – doch am Ende der Strecke war mir bewusst, dass ich mich die ganze Zeit in der Hall of Memories aufhalten würde. Untertags habe ich mich daraus entfernt, weil ich ja mit den Schreibenden zusammen war und sie mit entsprechenden Impulsen versorgt habe. Das gemeinsame Abendessen und anschließende Leserunden waren ebenfalls hilfreich im Verschieben der Gedanken auf die Zeit alleine in meinem Juche unter dem Dach eines idyllischen Bauernhofes.

Am ersten Abend schaute ich dem Himmel stundenlang zu, wie er immer dunkler wurde. Hörte dem Regen zu, der auf die glatte Oberfläche des Trampolins trommelte. Und stellte fest, dass doch viele Emotionen, die hinter den Erinnerungen steckten, weggespült worden waren. Natürlich durch Tränen, aber auch durch die unterschiedlichen Wetterlagen der vergangenen Jahre. Und die viele Sonne, die ich in mein Gemüt eingeladen habe, hat nicht nur die Tränen getrocknet, sondern auch mein Denken ausgerichtet. Dorthin, wo das Strahlen noch hilft. Dorthin, wo Wärme nicht nur ein meteorologisches Phänomen ist, sondern auch ein Persönlichkeitsmerkmal.

Am zweiten Abend krachte es dann ordentlich. Vergeblich versuchte ich, mit meinem Handy die Blitze einzufangen, die über den Bergen und den Sonnenhüten im Garten tanzten. Alles, was die Foto-App anzeigte, waren schwarze Bilder. Ich konnte das Licht, das die Gegend in eine dramatische Kulisse verwandelte, einfach nicht festhalten. Also legte ich das Telefon weg und genoss einfach das Schauspiel, beobachtete. Zwischen Blitz und Donner fiel mir auf: Genauso mache ich es inzwischen mit Erinnerungen, speziell jenen aus dieser Gegend. Ich weiß, was stattgefunden hat, auch wenn es mir sieben Jahre später surreal erscheint. Ich weiß, wie ich mich damals gefühlt habe, auch wenn ich sieben Jahre später den Zugang zu diesen Emotionen verloren habe. Ich weiß, wo ich sieben Jahre später stehe.

Nur wenig habe ich mit der Frau zu tun, die damals derart durch den Wind war, dass er sie leicht forttragen konnte. Als ich auf die sich im Sturm biegenden Bäume schaute, wurde mir klar, dass ich mich selbst ins Trockene gebracht habe. In ruhigere Gefilde, in denen ich den Wind immer noch liebe, doch weiß, wann ich mich davor zu schützen habe. Und vor allem: wie ich das anstelle. Hätte ich früher einen Humpen auf diese Erkenntnis getrunken (siehe Blogbeitrag von letzter Woche), so fand ich mich angesichts des reinigenden Gewitters in einer Situation, die mich seelenruhig ins Bett gehen ließ – gefeiert habe ich im Schlaf.