FREITAG: Lass die Leute reden

Offenheit hat immer eine helle und eine dunkle Seite. Meine Erfahrung ist, dass die helle bei weitem überwiegt, weil sie Nähe und dadurch Verbundenheit schafft. Für mich persönlich war das immer ein Selbstläufer, trotz Warnungen.

Schon als Kind habe ich immer wieder gehört: „Erzähl Fremden nicht immer alles über Dich oder unsere Familie.“ Und ich habe das schon damals nicht verstanden, weil ich in meiner Welt ja nicht über meine Verwandtschaft, sondern von mir erzählt habe. Wie ich sie erlebe, welche Gedanken sie in mir auslöst. Doch heute verstehe ich, dass Menschen eben unterschiedlich mit dem umgehen, was ihr Ureigenes ist. Und dass viele von ihnen tatsächlich nicht wirklich darüber reden, was sie tatsächlich umtreibt.

Kürzlich habe ich meine Mutter zu einem Kontrolltermin nach einer Augenoperation begleitet und dabei zufällig eine alte Freundin von ihr getroffen. Sie war sehr aufgeregt darüber, dass sie nicht wusste, dass meine Mutter diese OP gehabt hatte, obwohl sie meiner Mutter jedes kleine Detail ihrer eigenen Krankengeschichte mitteilt. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten und haben mehr oder weniger auch so lange Kontakt. Da wurde mir wieder einmal bewusst: Meine Mutter ist eine sehr diskrete Person, vor allem was ihre eigenen Befindlichkeiten angeht. Was sie davon hält, dass ich diesen Blog schreibe, können Sie sich vorstellen.

Vor einiger Zeit saß ich mit acht wunderbaren Frauen meines Alters zusammen. Die Atmosphäre war sehr vertraut, obwohl sich einzelne Weiber noch gar nicht kannten. In einer ersten Runde wurde die Frage gestellt, welche Themen denn wichtig für sie seien und worüber sie sonst kaum oder gar nicht reden. „Sex“ antworteten viele. Das überraschte mich, denn Sex hat mich immer beschäftigt, seit ich weiß, was das ist. Selbst in den Zeiten, wo ich bewusst darauf verzichtet habe, kam ich dem Thema nicht aus, weil er für mein soziales Umfeld ein Thema war. Ich finde es wichtig in Freundschaften, einen wertschätzenden Raum für alles mögliche zu eröffnen. Und wenn Sex frau eben beschäftigt, soll es so sein. Neun Frauen über Sex reden zu hören, ist übrigens eine großartige Erfahrung.

Ich bin eben immer sehr dafür, dass man sich Dinge von der Seele redet. Und das möglichst direkt. Das musst jetzt nicht heißen, dass man gleich Sexprobleme oder anderes Intimitäten auf den Tisch packt. Das kann auch ein Gedankengang sein, der zum eigentlichen Thema führt. Entwicklungen in Gedanken, Worten und Taten finde ich immer spannend – viel mehr, als zu erfahren, wo jemand wann etwas getan hat. Ganz zu schweigen von „Mein Pferd, mein Haus, mein Segelboot“- Konversationen. Interessiert mich Nüsse, ermüdet mich, weil laaaaaangweilig.

Ich höre viele dieser Entwicklungsgeschichten, was meinen Alltag unglaublich bereichert. Doch ich weiß auch, dass das wesentlich damit zusammenhängt, dass ich ein offener Mensch bin. Dass ich auch meine Themen anspreche, ohne Rücksicht darauf, was jemand von mir denken könnte. Siehe diesen Blog. Schon 2008 sangen „Die Ärzte“ das Lied „Lasse redn“, was vollkommen meiner Erlebenswelt fast von Anbeginn meiner Existenz entsprach. Lange war mein Dasein als Tochter davon bestimmt, mich den Erwartungen anderer anzunähern. Den Sinn konnte ich nur spärlich nachvollziehen,, weil ich schon damals das Gefühl hatte, dass ich damit auf keinen grünen Zweig kommen würde. Heute weiß ich es.

Was mir auch bewusst ist: Nur weil ich mir meine Offenheit nicht nehmen ließ, haben sich andere Menschen mir geöffnet. Und daraus haben sich ganz wunderbare Begegnungen und Freundschaften ergeben, auf die ich keinesfalls verzichten möchte. Selbst wenn es nur einmalige Erlebnisse waren, die nach einer Nacht vorbei gezogen sind, haben sie meiner Welt einen Stupser gegeben und den Drall erhöht – zumindest für eine kurze Zeit. Heute morgen habe ich in „Wenn es verletzt, ist es keine Liebe“ gelesen, dass das Ausmaß von Offenheit darüber bestimmt, wie inspirierend man von seiner Umwelt wahrgenommen wird. Und wenn ich auf mein soziales Umfeld schaue, alle wunderbaren Menschen, die es mit mir gestalten, bin ich glücklich. Glücklich darüber, dass ich mich nicht von den gut gemeinten Warnungen und wenigen schlechten Erfahrungen dahingehend beeinflussen habe lassen, meinen Mund zu halten, wo ich sprechen wollte und musste. Offenheit schafft Verbundenheit, weil sie Nähe herstellt, weil sie ermöglicht, dass wir uns als verletzliche Wesen begegnen und miteinander wachsen können. Und dann die Erfolge feiern können. Auch wenn es momentan zu heiß zum Feiern ist. Doch auch um zwei Uhr nachts kann man noch tanzen. Alleine oder – noch besser – miteinander.

Die gesprochene Version dieses Textes finden Sie auf www.voll50.com/category/podcast

Musiktipp: www.youtube.com/watch?v=AaQcnnM2a70

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