FREITAG: Arzt ade, Ärztin aloha!

Es wird langsam, auch weil mir ein Teil der Schnupfenlast weggenommen wurde – leider! Bei manchen Menschen geht es eben nicht ohne Rudelkuscheln.

Auch wenn ich vorsichtig war: Sie sind dann doch übergesprungen, diese Schnupfenschlümpfe. Und deshalb ist das Paket mit all den Hilfsmitteln, die ich letzte Woche an dieser Stelle ausgebreitet habe, schon halb gepackt. Nein, nicht mit meiner gebrauchten Nasendusche – das schlechte Gewissen hat mich eine neue kaufen lassen. Außerdem benötige ich meine ja noch, denn die 14 Tage sind ja noch nicht vorüber. Allerdings kann ich wieder gut schlafen, ich jage weniger Meersalzlösung über meine Schleimhäute und der herabschauende Hund geht auch schon wieder, ohne dass sich währenddessen die Nase in Blitzgeschwindigkeit verschließt. Also alles gut!

Und im Grund sogar supergut, denn ich war seit sieben Jahren wieder beim Blutabnehmen. Nicht dass ich so besonders neugierig darauf gewesen wäre, aber mein Hausarzt verabschiedet sich in die Pension und ich wollte ihn vorher noch einmal sehen. Zumindest zur Hälfte, denn mein Angebot, uns frisch getestet ohne Mundschutz zu begegnen, hat er abgelehnt. Verständlich, denn wer möchte denn den Ruhestand mit einem Virenkrönchen beginnen? Er bestimmt nicht. Wie ich überhaupt im Grunde immer schon das Gefühl hatte, dass er ganz gut auf sich achten sprich sich ganz gut von den Irrungen und Wirrungen der (medizinischen) Welt, wahlweise seiner Patienten distanzieren kann. Und ich mochte auch die heitere Gelassenheit, mit der er mir stets begegnet ist. Ich habe ja durchaus kreative Erklärungen für manchen Krankheiten, mit denen ich auch nicht hinter dem Berg gehalten habe, wenn er vor mir gesessen ist. Nachdem mein Vater als gesundheitstechnologischer Sparring-Partner irgendwann einmal ausgefallen war, musste mein Hausarzt herhalten. Und irgendwie hatte ich oft das Gefühl, dass ihn meine Theorien auch amüsiert haben – als Ausgleich zu den sonstigen Menschen, die er tagtäglich gesehen hat. Wusste er, dass ich bestimmt wieder mit einer Abstrusität daher kommen würde, war mir klar, dass er jedes Zipperlein mit dem Rauchen argumentieren würde. Vergessen werde ich ihm nie, dass er mir eine schulmedizinische Erklärung für den Leberhusten geliefert hat. Leider habe ich sie schon wieder vergessen, aber ich weiß jetzt, dass es eine gibt. Hilft auch schon.

Wir gehen auseinander mit – abgesehen von schnupfenbedingt erhöhten Leukozyten – dem besten Blutbefund seit Jahrzehnten. Und jetzt geht für mich die Suche nach einer medizinischen Fachkraft wieder los, die mit mir kompatibel ist. Mein Hausarzt meinte zwar, dass das überbewertet werde, aber er hat ja auch leicht reden – wir haben uns wirklich von Anfang an gut verstanden. Für mich ist das wichtig, weil ich einerseits wenig zum Reichtum eines Arztes oder einer Ärztin beitrage – da will ich wenigstens ein Lichtblick sein können. Andererseits kann ich als Patientin eine Plage sein, weil ich nur schwer etwas Schulmedizinisches widerspruchslos akzeptiere. Ich erinnere mich an den Besuch bei einem Orthopäden, der irgendwann einmal sagte: „Ich glaube, Sie nehmen mich nicht ernst.“ Eine medizinische Fachkraft zu finden, die so in sich ruht, dass sie alternative Sichtweisen akzeptiert, wird wohl eine Herausforderung werden.

Mein Hausarzt hat mir die Tochter eines Kollegen empfohlen, die die Praxis übernommen hat. Und vielleicht ist die Zeit jetzt wirklich reif dafür, meine Gesundheit in die Hände einer Frau zu legen. Einfach nur, um zu schauen, ob sie durch ihr Alter eine andere Herangehensweise an das Thema Gesundheitserhaltung hat. Oder von ihrem Vater und den medizinischen Prägungen die Krankheitssicht auf den Menschen übernommen hat. Ob sie auf das Gesamtsystem schaut oder eher an Reparaturarbeiten interessiert ist. Ich traue jungen Menschen gerne viel zu, und sie haben mich selten bis nie enttäuscht. Dass die vermutlich neue Hausärztin ein Diplom in psychosomatischer Medizin hat, klingt schon einmal gut.

FREITAG: Naseweise Tage

Ich könnte aktuell über Tausend Sachen schreiben, was leider zur Folge hat, dass ich mich für eine davon entscheiden muss. Mit einer vollen Nase fehlt der Riecher für das richtige Thema, weshalb ich schon jetzt für thematische Verfehlungen auf ihre Großzügigkeit hoffe.

Diese Woche bei einem Vortrag über Daoismus. Es war mühsam, zugegebenermaßen, und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass meine Konzentrationsfähigkeit abgenommen hatte oder dass ich auf etwas gewartet habe, was nicht kam. Irgendwann einmal habe ich begonnen, meine Unterarme und -beine einzucremen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich meine Zeit verschwende. Und weil mich Tätigkeiten dieser Art aus dem Kopf bringen, der nach fast anderthalb Stunden ohne Punkt und Ziel immer schwerer wurde. Da wundert es, dass ich mir tatsächlich einen Satz von Laotse gemerkt habe: „Tue nichts und alles ist getan.“

So kommt mir mein Leben gerade vor. Eigentlich tue ich nichts, doch rund herum tut sich alles. Besuche, Reinigungsarbeiten, Arbeitsaufträge – kurz: Die Tage füllen sich ohne mein bewusstes Zutun. Und bis zu einem gewissen Punkt finde ich das ganz wunderbar, doch irgendwann kommt dieser eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In meinem Fall ist das meine Nase und die darin verborgenen Schleimhäute.

Ich weiß, dass ich auch hier nichts tun kann, weil ein Schnupfen eben mit oder ohne Medikation 14 Tage dauert. Und jetzt könnte ich mich ja auf Laotse verlassen und verinnerlichen, dass kein Handlungsbedarf besteht. Das könnte ich vermutlich auch ganz gut, wenn nicht zwei Besucherschichten, Arbeit und sonstige Aufträge anstünden. Da will ich fit sein, da will ich stehen wie ein Einser, da will ich funktionieren.

Also krame ich in meiner Hausapotheke und der ayurvedischen Literatur, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der es mir ermöglicht, die Froschaugen zu minimieren und die Schleimhäute zu schmälern. Auch die damit zusammenhängende Flüssigkeitsproduktion sollte tunlichst eingeschränkt werden, weil mir das Geschleime auch ohne Schnupfen ein Gräuel ist. Ich finde eine Nasendusche, China- und Nasenöl sowie mehrere Meersalzsprays. Und das alles in der richtigen Reihenfolge zu konsumieren, bringt mich in die Aktion. Aktueller Anlass: ein Corona-Test. Bekanntlich muss man da ja zumindest ein Nasenloch frei haben, weil sonst kein Ergebnis zu erwarten ist.

Normalerweise funktioniert die Nasendusche sehr schnell – vorausgesetzt, ich erwische einen Zeitpunkt, an dem beide Löcher frei sind. Übersehe ich diesen, muss ich wieder warten – zwei bis drei Stunden laut Nasenzyklus. Dieser besagt, dass die Luft eben nicht immer durch beide Löcher gleichzeitig eingesogen und ausgeatmet wird, sondern wechselseitig. Und die kleinen Zeitspanne zu erwischen, wo sich dieser Wechsel vollzieht, ist einen Challenge. Etwas schneller funktioniert die Behandlung mit Chinaöl, das einem sehr schnell den Kanal bis ins Hirn durchputzt. Und einem auch die Möglichkeit bietet, die Nasendusche gleich nachzuschieben. Widerspricht allerdings dem natürlichen Rhythmus, doch da muss man Prioritäten setzen.

Das Nasenöl ist weniger hilfreich, schmiert allerdings jene Stelle unter der dem Nasensteg, der durch das viele Schnäuzen arg in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich empfehle dieses Öl allerdings nur zuhause, denn wenn es in Gesellschaft fettig aus der Nase rinnt, schaut man vermutlich in angewiderte Gesichter. Wenn es welche gibt, die sich mit einem treffen wollen, der schnupfig ist. Heutzutage weiß man ja nie, ob sich dahinter nicht doch Corona verbirgt.

In meinem Fall nicht, was mich beruhigt, vor allem auch angesichts der angekündigten Besuche. Das Rudelkuscheln wird vermutlich auf ein Minimum eingeschränkt, ich möchte schließlich niemanden verschnupft abfahren sehen. Und wer weiß? Vielleicht nimmt der Schnupfen wundersamer Weise gegen Ende der Woche ab, weil die Anforderungen eben dieser Woche auch alle abgehakt sind. Da ich ja meistens der Meinung bin, dass meine gesundheitlichen Verwerfungen psychosomatischer Natur sind, halte ich das für möglich.

Das Tanzen habe ich deshalb heute abgesagt. So gerne ich meine Hüften schwinge – ich habe das Gefühl, dass mir das Schwingen auf der Hollywood-Schaukel besser tut. Weil ich dort tatsächlich nichts tue, außer vielleicht die Katze zu streicheln. Und wenn ich diese Zeilen vollendet habe, gibt es auch abgesehen von der Stimmaufnahme dieses Beitrags nichts mehr, was es zu tun gibt. Und dann schaue ich mal, was sich von selbst erledigt. Auf die Reaktionen zu meinen stimmlichen Kapazitäten freue ich mich schon jetzt.

FREITAG: „S’is like this“

Vor einiger Zeit habe ich eine neue Funktion übernommen, die sich viel mit Gruppendynamik und interpersoneller Kommunikation beschäftigt. Dabei die Position der Frau im Mond einzunehmen, hilft ungemein.

Wogen glätten, Räume für Harmonie öffnen, Synergien zeigen – so würde ich diese neue Aufgabe konkreter beschreiben. Und als wir kürzlich zusammenkamen und ich erstmals im größeren Rahmen meine Funktion beschrieben habe, wurde mir klar: es geht mehr oder weniger um interpersonelle Kommunikation. Ich bot mich also an, zu vermitteln, sollten Menschen innerhalb unserer Institution Probleme miteinander bekommen. Eine Kollegin fragte mich: „Und was ist, wenn jemand von uns Probleme mit Dir hat?“

Ich erinnerte mich an einen Sonntagsspaziergang mit meinen Kindern, als mich der Älteste fragte, wie ich mit Menschen umginge, die mich nicht mochten. Und schon damals fiel es mir schwer, eine Antwort zu finden, da ich keine Zeit hatte, mich darauf zu fokussieren, wer etwas gegen mich haben könnte. Also sagte ich ihm, dass ich niemanden kennen würde, der etwas gegen mich hätte. Das mag ein zutiefst subjektiver Eindruck gewesen sein und fällt vielleicht in die Schublade einer Freundin, die kürzlich zu mir sagte: „Man kann sich alles schön reden.“ Meine Antwort: „Man sollte sich tunlichst alles schön reden.“ Schließlich richten wir uns am Schönen auf, jeden Tag aufs Neue.

Jetzt hätte ich die Frage meiner Kollegin als Provokation empfinden können, und weil ich sie kenne, möchte ich auch gar nicht ausschließen, dass sie die eine oder andere Ameise in den Allerwertesten gekniffen hat. Und doch kam etwas aus meinem Mund, das ohne großes Nachdenken sprudelte und mich im Nachhinein sehr glücklich gemacht hat. Ich antwortete: „Bitte sagt es mir direkt, denn ich tendiere inzwischen dazu, gar nichts mehr persönlich zu nehmen.“ Und das war die Wahrheit. Eine schöne Wahrheit für jemanden, der Jahrzehnte damit verbracht hat, zwischen den Zeilen zu raten. Zu interpretieren, was das Zeug hält. Etwas oder jemanden schön zu reden, obwohl die Lotusblüte noch meterweit von der Wasseroberfläche entfernt war und noch gar nicht feststand, ob sie diese jemals erreichen würde.

Kürzlich habe ich mit einem guten Bekannten in Tunesien telefoniert, dem ich die fundamentale Lebensweisheit „s’is like this“ verdanke. Schon alleine deshalb hebe ich ab, wenn er sich meldet. Denn „S’is like this“ ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Die Katze, die mich als Gastgeberin auserkoren hat, war auch eine gute Lehrmeisterin in „S’is like this“. Wenn ihr etwas wehtut, tut es weh. Aber sie katastrophisiert den Schmerz nicht. Sie schläft weiter, frisst weiter, lässt sich weiterhin streicheln und jagt Mäusen, Vögeln, Fischen nach. Bewertung ist ihr vollkommen fremd, während ich zumindest noch zum Schönreden neige. Ob ich mir das je abgewöhnen werde? Ich bezweifle das.

Gerade hat sich ein passendes Beispiel dafür ergeben. Während ich auf der Terrasse im Sonnenschein diese Zeilen schreibe, umkreist mich ein Rosenkäfer. Früher habe ich die Dinger gehasst, weil sie ihre glitschigen Riesenlarven immer in der Erde des Glashauses abgelagert hatten und ich mich mit Ekel um die Entsorgung kümmern musste. Jetzt bewerte ich die Larven nicht mehr, habe aber auch schon lange keine mehr gefunden. Wie auch immer. Dieser Rosenkäfer hat sich gerade in meinem Haarnest verfangen und bedurfte einer Hilfestellung, um dem Wirrwarr zu entkommen. Früher hätte ich einen Hysterieanfall bekommen, weil pfui. Heute denke ich, dass mich der Käfer mit einer Rose verwechselt hat, die er anfliegen wollte. Merken Sie etwas? Alles eine Frage der Perspektive.

Wenn ich nichts persönlich nehme – außer ich werde eben direkt adressiert -, werden auch die Bewertungen weniger. Wenn man Lust darauf hat, kann man Situationen auch schönredend erleben – der Euphemismus ist ja durchaus allgegenwärtig in unserer Zeit. So kann ich im Augenblick sein, wahlweise in meinem Kopf eine Geschichte stricken, die mir Freude macht. Und in Daseinszuständen wie diesen kommt man gar nicht mehr auf die Idee, sich angegriffen zu fühlen. Daraus resultiert wiederum: Wenn ich mich nicht angegriffen fühle, muss ich mich nicht verteidigen. Und stoppe damit das Rad der Impulsivität, das in der Kommunikation sehr leicht angetaucht werden kann.

Der Rosenkäfer ist gerade wieder über meinen Kopf hinweg gebrummt. Ein Schmetterling gondelt in Wellen um mich herum, und die Katze balanciert ihren eleganten Körper auf dem Geländer entlang. Das wahrzunehmen, ist ein viel größeres Geschenk als mir zu überlegen, wer mich gerade nicht ausstehen kann. Andererseits: ich würde nicht einmal das persönlich nehmen, sondern lediglich bedauern, dass diese Mensch seine Zeit mit grummeligen Gedanken verbringt. Ihn anlächeln und mich auf etwas Positives konzentrieren. Pippi Langstrumpf hat viele Facetten, „S’is like this“ ist eine davon.

FREITAG: Zurück zur neuen Normalität

Wir wurden ja dahingehend eingegroovt, dass wir uns in einer neuen Normalität wiederfinden würden. Doch die ist vermutlich für jeden anders, egal, wie sehr er sich bemüht, Vor-Coronazustände herzustellen.

Der Gastronom meines Vertrauens kann es langsam angehen lassen mit dem Öffnen, denn bei Schlechtwetter ein Bier im Freien zu trinken, ist kein Regenspaziergang. Also sperrt er später auf und pünktlich zu. So gewöhnt er sich gemütlich ans Arbeiten. Mein Kreuz wird sich wieder ans Bauchtanzen gewöhnen dürfen und das Ischialgische dürfte bald verschwinden. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum ich mich wieder aufs Tanzen freue. Es gibt mir das Gefühl einer Vor-Corona-Nostalgie. Denn das es anders sein wird als vor vielen Monaten, ist mir klar. Ganz einfach deshalb, weil ich anders bin.

Das hängt jetzt nicht mit den Corona-Kurven des Körpers zusammen, sondern mit dem Drumherum. Ich habe beschlossen, statt mit dem Bus mit der S-Bahn in die Stadt zu fahren, weil ich da weniger Zeit in einem Öffi verbringen muss. Das Gute daran: Der Spaziergang zum Studio entlang des Flusses dauert länger und wärmt mich fürs Hüftschwingen auf. Unsere Truppe wird kleiner sein, weil eben nur eine überschaubare Anzahl von Damen umeinander herum wirbeln dürfen. Dem Spaß wird das in keinster Weise abträglich sein, da bin ich sicher. Und das Nachfüllen der rausgetanzten Flüssigkeit danach wird auch moderat verlaufen, denn in drei Stunden kann man sich zwar strategisch ausreichend betrinken; sinnvoll ist etwas anderes. Vor allem, wenn man sich das Kampftrinken in einer Zeit abgewöhnt hat, in der andere erst so richtig Geschmack daran gefunden haben. Der Gastronom meines Vertrauens wird mich trotzdem weiterhin liebevoll „kleines Miststück“ nennen.

Als ich mit einer Freundin zusammensitze, sprechen wir darüber, was denn bei offenen Konzerthallen, Kinosälen und Gastronomie-Betrieben anders werden könnte in unserem Leben. Ob wir der Versuchung widerstehen können, unsere Terminpläne wieder gnadenlos zuzupflastern, weil so viel passiert, was unsere Aufmerksamkeit fesselt. Weil wir uns eben in den vergangenen Monaten in ein Leben gefunden haben, das uns großteils entspricht. Und das konnte deshalb gedeihen, weil wir auf uns selbst zurück geworfen waren und praktisch mit der Gelegenheit beschenkt wurden, unseren ganz persönlichen Weg zu finden. Und im Grunde sind wir uns einig, dass wir auch weiterhin auf diesem Pfad bleiben wollen. Auch wenn es schwer werden könnte.

Einer Verlockung bin ich theoretisch schon erlegen, nämlich der des Kinobesuchs. Allerdings steht er noch nicht ultimativ fest, weil meine Begleitung hoffentlich ihrer Gesundung den Vorrang geben wird vor 90 Minuten Munkeln im Dunkeln. Tod hin, Meteoriteneinschlag her. Wenn ich etwas gelernt habe in den vergangenen Monaten, dann ist es das: Unsere Gesundheit sollte uns über alles gehen. Nie war es wichtiger, auf das Wohlbefinden zu schauen; verabsäumen wir das, hilft die beste Impfung nicht.

Mein Terminkalender ist bis Mitte Juli nahezu voll. Und das steht in keinem Widerspruch zum oben Ausgeführten. Denn er beinhaltet sehr viel Me-Time. Das bedeutet: Ich habe soziale Tage und Tage, wo ich meinem eigenen Rhythmus folge, meine Gedanken denke. Meine Freundin meint, dass das eine Sache des Alters ist; ich glaube, es ist eine Sache von Bewusstheit. Wenn ich bewusst Menschen treffen möchte, sollte ich im Augenblick sein können und meine Gedanken nicht immer in andere Richtungen abdriften sehen. Umgekehrt: Wenn ich meinem Rhythmus folge, soll kein anderer den Takt vorgeben. Das ist für mich Balance.

Schon im Frühjahr letzten Jahres hatte ich bedauernde Momente bezüglich der „Öffnung“, die sich im Laufe der Zeit auswuchsen. Damals führte ich das auf den Workload zurück, der an meinen Energiereserven nagte. Heute weiß ich: Ich kann nur ein beschränktes Kontingent an Aktivitäten leisten. In jeglicher Richtung. Weil ich gelernt habe, dass das Leben nur dann schön ist, wenn man sich mit etwas aus vollem Herzen beschäftigen kann. Sich hineinwerfen kann. Sich hingeben kann. Mit drei Treffen am Tag, fünf Bieren und vier Stunden Schlaf wird das nichts. Ja, ich bin über 50, aber über die Straße helfen braucht mir noch keiner. Weil ich den Weg nach Hause inzwischen selber und rechtzeitig kenne. Das Leben im Innen hat an Bedeutung gewonnen, mein Leben im Außen wenig verloren. Deshalb habe ich mir eine neue Hängematte geleistet. Sie hängt im Innen. Wenn es im Außen regnet, kann ich die Fenster öffnen und trotzdem schaukeln. Das ist meine neue Normalität, in der vollkommenen, wenn auch schutzbedürftigen Balance zwischen Auszug und Rückzug.

FREITAG: Eine Dosis Moral

Mein Selbstbild entspricht nur bedingt dem einer moralinsauren Natur. Und über weite Strecken meines Lebens hätte ich bestimmt gesagt, dass ich auch mit Prinzipien so meine Probleme habe. Doch bei einem aktuellen Thema komme ich dem Moralisieren schon sehr nahe.

„Selbstverständlich lässt Du Dich impfen“, sagte mein medizinischer Vater vor inzwischen Monaten im Brustton der Überzeugung eines Erziehungsberechtigten. Dass er mit dieser liebevoll-anordnenden Aussage auf Widerstand stoßen würde, kam zunächst unerwartet und irritierte ihn. Inzwischen hat er das Thema fallen gelassen wie jemand, der mit dem Schlüsselbund in der Hand einen Powernap macht. Und kommt das Thema zwischen ihm und mir auf, fällt er immer schneller in einen mentalen Powernap.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin keine Impfgegnerin. Vor einem Aufenthalt in Tansania habe ich mich gegen alles impfen lassen, was einem nur passieren könnte – Tollwut inklusive. Dabei war damals die Gefahr größer, dass ich einen Hund anfalle als umgekehrt. Aber wurscht. Ich finde Impfungen praktisch, wenn sie mir Freiheiten bringen, die ich mir unbedingt nehmen möchte. Wie eben Reisen.

Von Impfungen gegen die Angst halte ich wenig. Und als ich mit meiner Ex-Therapeutin beim Kaffee auf meiner Terrasse sitze, gibt sie mir Recht. Auch sie ist keine Impfgegnerin, sieht aber hinter die Dinge und so auch die Angst, der man sich ihrer Meinung nach stellen sollte – und sie eben nicht wegimpfen kann. Meine Fußpflegerin erzählte mir kürzlich von ihrer Großmutter, die geimpft ist und trotzdem Angst hat, ihre Enkel zu treffen. Genau das meinen meine Therapeutin und ich.

Thema Freiheit. Eine Maske zu tragen, widerspricht meinem Empfinden von Freiheit. Und auch wenn ich die bunten Farben, die es inzwischen als Gesichtsaccessoire gibt, sehr mag – wirklich frei fühle ich mich darunter nicht. Trotzdem trage ich sie, und die Sinnhaftigkeit scheint mir ja auch inzwischen erwiesen. Für jene, die nicht geimpft sind. Doch warum man die Maske auch noch tragen muss, wenn man auf der so sicheren Impfseite steht, erschließt sich mir nicht. Vielleicht doch nicht so zuverlässig?

Was mich zum ständigen Auf und Ab der Informationslage bringt. Es ist das Wesen der Wissenschaft, dass sich die Erkenntnislage sehr schnell ändern kann. Hier eine „Hü“-Studie, dort eine „Hott“-Studie, und die dritte sagt wieder etwas anderes. Und das ist durchaus normal, wenn man sich den verhältnismäßig geringen Zeitraum anschaut, in dem die Impfung verfügbar ist. Da kann man eben noch nicht alles wissen. Aus diesem Grund sind ja Langzeitstudien durchaus sinnvoll. Und deshalb schinde ich Zeit – ich gestehe. Und gehe zum Testen, was in meinem Fall relativ komfortabel vonstatten geht, weil ich in keine Richtung länger als zehn Minuten unterwegs bin.

In meinem Umfeld sind immer mehr Menschen geimpft, mit mehr oder weniger großen Auswirkungen. Dafür bin ich sehr dankbar. Weil es ihnen Seelenruhe schenkt. Mir schenkt es keine Seelenruhe – und jetzt kommt der moralisierende Teil -, wenn ich weiß, dass sich ein Großteil der Länder dieser Welt den Impfstoff nicht leisten kann. Dass „reiche“ Länder es nicht fertigbringen, für eine Aussetzung des Patentschutzes zu plädieren, damit der ärmere Teil des Planeten auch produzieren kann. Denn klammern wir Milliarden von Menschen aus, erreichen uns von dort neue gesundheitliche Herausforderungen, die die aktuellen Investitionen in den Impfstoff um ein Vielfaches übersteigen können. Und dann? Natürlich kann ich mich jetzt fragen, was es einem Mann in Ghana bringt, wenn ich mich nicht impfen lasse? In seinem Alltag vermutlich wenig. Doch ich bin eben Idealistin und glaube daran, dass uns Solidarität weiterbringt – zumindest menschlich.

Apropos weiterbringen: Will man nach Sansibar, braucht man eine Gelbfieber-Impfung, wenn man vom Kontinent einreist. Sollte man nach Südafrika wollen und eine Corona-Impfung verpflichtend sein, wird auch dieser Anforderung nachgekommen. Sie finden das opportunistisch? Jein. Ja, weil es mir persönlich wichtig ist, dort wieder hinzukommen und der Mann in Ghana scheinbar an Bedeutung verliert wegen meines Begehrens. Nein, weil ich mit jeder Reise nach Afrika das Augenmerk von Menschen auf diesen Kontinent lenke, für den Corona beileibe nicht das einzige Problem ist und an dem viel zu lange vorbei geschaut wurde.

Für mich ist die Zeit noch nicht reif, eine Impfentscheidung zu treffen. Und als ich gestern im Dunkeln auf der Veranda gesessen bin, den Windspielen zugehört habe und sich die Katze über den Sisalteppich rollte, ist mir das wieder eingefallen. Ich entscheide nichts, wenn ich mich nicht entscheiden kann. Seitdem ist in meinem Kopf wieder Ruhe, und die kann mir im lebendigen Zustand keine Spritze der Welt schenken.

FREITAG: Heimat in der Fülle

Eine Ära ist zu Ende gegangen, nämlich jene, während der ich mich schlecht gefühlt habe, weil ich den Begriff „Heimat“ in mir nicht verorten konnte. Und das kam so.

An dieser Stelle habe ich ja schon wiederholt meine These ausgeführt, dass der Storch einen Schwächeanfall gehabt haben muss, als er mich dort fallen gelassen hat, wo ich auf die Welt kam. Denn so richtig zuhause habe ich mich dort nie gefühlt – die Berge zu hoch, die Menschen zu kategorisch, die Sprache zu sperrig. Dabei gab es eine Zeit, wo ich mit meiner Mutter darum kämpfte, Dialekt sprechen zu dürfen. Dabei gab es eine Zeit, wo ich stolz auf meine Herkunft war. Dabei gab es eine Zeit, wo ich die Berge schon wegen der Schipisten geliebt habe. Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Als ich dann umzog, war Heimat für mich meine Familie, Menschen, auch wenn sie dort wohnten, wovor ich geflüchtet war. Noch heute dauert die Fahrt zu meinen Eltern gefühlt länger als die Rückreise. Und das liegt nicht an meinen Erzeugern, sondern daran, dass ich mich ungern von der Geographie einfangen lasse. Dass auf der Strecke eine permanente Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt wurde und ich langsamer fahren MUSS, verstärkt dieses Gefühl noch.

Seit einigen Jahren nun fühle ich mich hier zuhause, wo ich wohne. Das habe ich mir auch nicht sofort erlaubt – es war halt einfach der Fluchtort. Doch seit ich die Opposition gegen meine Herkunftsregion aufgegeben habe, kann ich ihn auch als Heimat empfinden. Allerdings muss ich mir selbst natürlich auch die Frage gefallen lassen, woher denn dann dieses Fernweh kommt, das mich quasi permanent quält und das ich momentan zwar beiseite schiebe, aber trotzdem unausrottbar scheint. Am Wochenende lese ich einen Artikel, der mir all diese Fragen beantwortet und vieles heilt.

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat ein Buch über Heimat geschrieben, und weil das ein Thema ist, das zieht, darf er in meiner bevorzugten Wochenzeitung den Heimatbegriff ausdifferenzieren. Er spricht von Heimatlosigkeit, wenn etwas nicht mehr so ist, wie es vertraut war. Und das weckt in mir die Erinnerung, dass meine Ablösung wohl damit begonnen hat, als ich zum ersten Mal in meinem Bestreben, zu helfen, missverstanden wurde. Und daraus massive Nachteile lukriert habe. Nicht wenige bekommen dadurch Hautprobleme, weil die äußere Barriere unseres Körpers auf Dissonanzen zwischen Innen und Außen reagiert. Davon bin ich glücklicherweise verschont geblieben, abgesehen von der pubertären Akne, die zwar altersbedingt erklärbar ist, vermutlich aber auch diesen Dissonanzen geschuldet ist.

Für Schmid ist Heimat das Basislager des Lebens und erwähnt in diesem Zusammenhang den Wohnraum für die Seele, in dem Menschen sein können, wie sie wollen. Neulich brachte meine Kusine ihren Freund das erste Mal mit in mein Haus und eine seiner ersten Äußerungen war: „Sehr gemütlich, aber voll.“ Eine Großkusine meinte vor vielen Jahren, dass sie meine Wohnumgebung sehr inspirierend finde, weil man überall etwas sehe, das man anschauen könne. Offensichtlich war das immer schon mein Ding, nämlich aus dem Vollen zu leben. Nein, Scherz. Mir wurde bewusst, dass mein Wohnraum tatsächlich meine Höhle ist, wo es alles gibt, was ich für die Basis meines Dasein brauche. Zugegeben, es könnte etwas weniger sein, und daran arbeite ich ja auch. Doch vieles, was bei mir herumsteht und – hängt, ist für mich von Bedeutung. Nur bedingt gilt das für elektronische Geräte, wobei ich sagen muss: ein Leben ohne Cinchkabel ist für mich kaum vorstellbar. Und verreisen ohne meinen sonnengelben Lautsprecher ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wo wir wieder bei Wilhelm Schmid landen. Er schreibt nämlich, dass Heimat auch im Unterwegssein entsteht. Und wenn ich mein Gefühl erinnere, das mich im Inneren eines Fliegers durchflutet, kann ich das absolut unterschreiben. Das Reisen gibt mir nämlich das Gefühl, nicht nur in einer Region, sondern auf der ganzen Welt zuhause zu sein. Weil ich mich als Teil des Ganzen fühle. Und dazu zählt eben auch, dass ich andere Sprachen höre, mich mit Mentalitäten beschäftigen und lernen darf. Und wenn ich im Flieger sitze, dann bin ich dorthin unterwegs – zum Gefühl, Teil der Welt zu sein. Das ist mir wichtig, und schon alleine deshalb Heimat. Schmid schreibt nämlich, dass Heimat das ist, was eben nicht egal ist. Deshalb plädiert er dafür, das Leben nicht auf eine einzige Haupt- und Herzensheimat zu beschränken, sondern auch in diesem Bereich auf dem Vollen zu schöpfen. Soziale, mentale, räumliche und temporäre Heimaten zu gründen und zu pflegen – das ist es, was ich gefühlt immer schon gemacht habe. Und mich deshalb nicht selten als „komisch“ kategorisiert empfunden habe. Weil man sich eben festzulegen habe. Das genau ist für mich unmöglich, und dank Wilhelm Schmid kann ich diese Baustelle nun auflassen. Und mich dem widmen, was er rät: „Die beste Voraussetzung für eine Heimat in der Beziehung zu anderen ist die Beziehung zu sich selbst, die Heimat sein kann.“

PS: Der Artikel „Heimat ist mehr als ein Ort“ von Wilhelm Schmid ist am 29. April in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen.

FREITAG: Umdenken braucht Zeit

Ich entschuldige mich gleich am Anfang, dass ich meine Schreibpause letzte Woche vergessen hatte, anzukündigen. Dass mein ‚Urlaub‘ dann anders als geplant verlaufen ist, könnte man insofern in die Kategorie ‚Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort‘ schieben.

Anfang des Jahres war ich noch so optimistisch gewesen, dass ich mir die Woche vor meinem Geburtstag in der Sonne am Meer vorgestellt hatte. Doch die alte Art der Visualisierung funktioniert eben nicht mehr – Gedankenfehler! Das Nachjustieren in Sachen Reisen funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Ich mache mich schon kundig, wohin der Flieger von Salzburg abhebt. Und ja, es sind immer nur einzelne Flieger. Aktuell gibt es zwei Destinationen: Düsseldorf und Istanbul. Ich war noch nie in Düsseldorf, habe aber gehört, dass es recht schön sein soll. Allerdings hätte ich dort unter einer Düsselbrücke schlafen müssen, und ich bezweifle, ob die Stadt aus dieser Perspektive immer noch schön ist. Nach Istanbul zu fliegen, ist grundsätzlich immer die bessere Idee. Doch dann telefonierte ich mit einem Freund und der baute ein Hindernis nach dem anderen vor mir auf. Punkt eins: Ich müsste im öffentlichen Raum Maske tragen. Das mache ich nicht einmal hier, aber gut – was nimmt man nicht alles für einen Hauch von Orient auf sich. Punkt zwei: Alle Restaurants sind wegen Ramadan geschlossen. Ich müsste quasi ein All inclusive-Etablissement buchen, damit ich nicht verhungere. Und obwohl ich es gern habe, wenn sich ein Mann um meine Magenfüllung Gedanken macht – nein! Punkt drei: Ich wäre an meinem Geburtstag in Quarantäne gewesen, was den Besuch lieber Menschen unmöglich gemacht hätte – selbst wenn sie geimpft gewesen wären. Sie sehen meine Problem. Das ist Reisen neu, nämlich sich über die ganz alltäglichen Konsequenzen bewusst zu werden.

Und die waren am geringsten beim ‚Urlaub‘ zuhause. Der Wetterbericht war deprimierend, also habe ich mich mit drei Kilogramm neuen Büchern eingedeckt und mich eingekuschelt auf dem Kaminsofa visualisiert. Dann bekam ich plötzlich Kreuzschmerzen – ein Körper meines Alters verträgt es zunehmend schlecht, wenn man das tägliche Yogaprogramm für eine Woche aussetzt. Und insofern hat es mein unterer Rücken schlecht vertragen, sich aufs Kaminsofa zu betten. Bewegung war angesagt. Bei schlechtem Wetter auf und nieder im Haus, bei halbwegs angenehmer Witterung nach draußen und gehen, gehen, gehen. Dann kamen Zahnschmerzen dazu. Man stelle sich mein Zahnfleisch wie einen Airbag vor, der sich plötzlich aufbläst – auch ohne Aufprall. Das Beißen tat auch noch weh. Glücklicherweise bin ich im Besitz einer geheimnisvollen Kräutertinktur, die Wunder wirkt. Allerdings braucht auch dieses Wunder drei Tage. Nach dem ersten Spültag konnte ich wieder kauen, nach dem zweiten war der Zahnairbag nur noch halb gefüllt und am dritten war wieder alles einigermaßen gut. Da war es aber schon Donnerstag. Der Freitag war sonnig und zog mich an ein Seeufer, das mir eher weniger bekannt ist. Und am Samstag schickte der Geburtstag bereits die ersten Boten.

Mein Fazit, wieder einmal: Ich habe kein Talent für ‚Urlaub zuhause‘. Auch das zweite Mal hat sich kaum bewährt. Zumindest was meine bisherigen Erwartungen an das Konzept ‚Urlaub‘ angeht. Meine Lernaufgabe aus all dem kann also nur sein, dieses Konzept zu überdenken. Und nein, auch die Alternative ‚Durcharbeiten‘ hat sich nicht bewährt. Weil ich dann irgendwann einmal wieder auf dem Zahnfleisch daherkomme und eine Großpackung Kräutertinktur brauche – mindestens. Vielleicht sollte ich einfach nur sitzen und in meinen Körper hineinhorchen. Auf ihn hören und demgemäß handeln. Quasi Basisarbeit betreiben, damit ich dann irgendwann einmal wieder die Flügel ausbreiten kann. Und bis dahin an meinen Vorurteilen gewissen Ländern gegenüber arbeiten. Da bin ich ja auch picky oder schnäckig oder pienzig. Das Ziel: egal, wo sich das Meer befindet und welche Sprache ich dort höre – Hauptsache Meer. Kann noch ein bisschen dauern, das Umdenken.

FREITAG: Sessel her oder Schuhe aus

Mit der Macht ist es ja so eine Sache. Irgendwie hat es etwas Unangenehmes an sich, fast Verruchtes. Doch sie hat auch eine konstruktive Seite.

Am Wochenende diskutierte ich mit den Teilnehmenden meines Workshops zum Thema Gruppendynamik über Macht. Und wie schon wiederholt beobachtet: Irgendwie ist das für einige von ihnen unangenehm. Verstehen kann ich das gut, denn mit Macht wollte ich auch lange nichts zu tun haben, geschweige denn, sie auszuüben. Während meines Studiums hatte ich „Masse und Macht“ von Elias Canetti gelesen – diese Seite von Macht dürfte wohl hängen geblieben und deshalb auf die Seite geschoben worden sein. Die Geschichtsbücher und Tageszeitungen sind voll davon, wie Macht missbraucht werden kann, weil sie zum persönlichen Vorteil genutzt wird und dadurch immer manipulativ ist.

Wenn ich meine Gruppe nun dazu aufrufe, Macht auszuüben, kommt das nur beschränkt gut an. Doch durch das Erläutern der konstruktiven Seite kommen wir ins Gespräch, öffnen sich Herzen, weil ja alle gerne lehren und Wissen weitergeben möchten. Und sie sehen, dass „Macht“ etwas mit „machen“ zu tun hat. Mit etwas bewegen wollen zum Wohl derer, die sich einem anvertraut haben. Und das ist ein klarer Auftrag, ins Tun zu kommen. Oft haben Menschen am Beginn dieser Tätigkeit viele Selbstzweifel. „Kann ich das?“ oder „Wen interessiert das schon?“ sind nur einige der Fragen des inneren Zensors, die die Lehrenden in spe davon abhalten, in dieses Tun zu kommen. Und am Ende ist nicht selten eine Abneigung vor der Macht der Grund dafür, eigene Lehrkonzepte zu prokrastinieren.

Nach einer Pause kam die Rede auf „Sofagate“. In meiner Welt wäre das etwas Wildes, das sich auf einer Couch abspielt – die Details überlasse ich Ihrer Phantasie. In der Welt „da draußen“ versteht man darunter, dass die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen während eines Besuchs beim türkischen Präsidenten aus Ermangelung eines dritten Stuhls auf dem Sofa Platz nehmen musste. Der zweite Sessel im Raum war nämlich bereits durch ihren EU-Kollegen buchstäblich besetzt worden. Claude Michel ist der Präsident des Europäischen Rates und ganz nebenbei der Sohn jenes Politikers, der sich während der Sanktionen gegen Österreich um die Jahrtausendwende hierzulande nicht unbedingt Freunde gemacht hatte. Gut, wir heben diese Sippenhaftung auf, doch nichtsdestotrotz lese ich, dass Monsieur Michel seit diesem Besuch nun schlecht schlafe, weil er die Frau Präsidentin gesäßmäßig außen vor gelassen habe. Und fast finde ich es charmant, dass sich heutzutage wieder Männer Gedanken darüber machen, wenn sie Frauen nicht in den Mantel helfen oder ihnen den Sessel zurechtrücken.

Teile meiner Gruppe waren der Meinung, dass diese ganze Aktion eine Provokation des türkischen Präsidenten war, da man ja wisse, wie im Islam mit Frauen umgegangen werde. Ein anderer Teil hätte es als Aufgabe der Männer gesehen, einen Stuhl für von der Leyen aufzutreiben. Aber zack, zack. Und doch waren sich alle relativ einig darüber, dass es ein Protokoll gebe, dem man zu entsprechen habe. Mich erinnerte diese Situation an eine Geschichte, die ich über Angela Merkel und Wladimir Putin gelesen habe. Da Putin ja aus Geheimdienstkreisen kommt, wisse er, dass sich Merkel vor Hunden fürchte. Weshalb er anfangs immer einen Hund bei den gemeinsamen Treffen dabei gehabt habe. Er ist ja ein Mann der starken Symbole. Doch dass daraus ein „Doggate“ entstanden wäre, ist mir nicht bekannt. Nur, dass sie ihm diese Provokation nie verziehen habe und trotzdem gute Miene zum bösen Spiel mache.

Während sich die Gruppe noch über „Sofagate“ austauscht, überlege ich mir, was ich an Präsidentinnenstelle gemacht hätte. Vermutlich wäre meine erste Amtshandlung gewesen, dass ich mir die Schuhe ausziehe und sie mit den Sohlen nach oben auf den Teppich lege. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, was das in diesem Rahmen bedeutet. Dann hätte ich meine Beine hochgelagert, um einen Aschenbecher gebeten und eine Zigarette angezündet. Und mit Amüsement die Testosteronschlacht verfolgt. Gut, diese Art der Herangehensweise hätte mich natürlich nie in dieses Amt gebracht – da muss man die Spielregeln schon kennen. Andererseits: Wer hat denn die Spielregeln gemacht?

Was mich wieder zum Thema zurück bringt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ursula von der Leyen viel bewegen möchte und deshalb ihre Macht sinnvoll nutzen kann. In diesem Fall allerdings hat sie sich aushebeln lassen. Eine Frau wie sie ist nicht darauf angewiesen, dass sich Männer um ihre Belange kümmern – Ausnahme ist sicher die Familie, denn für die sieben Kinder hat  sehr wohl ihr Ehemann gesorgt. Aber beruflich gesehen hätte ich ihr zugetraut, dass sie einfach einen dritten Stuhl verlangt. In Ruhe und der ihr eigenen Bestimmtheit. Und wie ich Männer dieser Provenienz kenne, kommen sie klaren Bitten meistens nach. Wäre das gescheitert, hätte sie ja immer noch die Schuhe ausziehen können.

FREITAG: Die Macht der Dampflok

Dampflok

Wenn ich im vergangenen Jahr etwas gelernt habe, dann das: Man kann allerhand machen, von dem man nie geglaubt hätte, dass es klappt. In eine eigene Macht zu kommen, ist etwas Wunderbares.

Vor einiger Zeit habe ich gehört, dass ich Menschen das Gefühl gebe, sie unter Druck zu setzen. Das war einer dieser Momente, wo Selbstbild auf Fremdbild geclasht ist. In meiner Welt bin ich die toleranteste Person überhaupt, nehme jeden Menschen so, wie er ist oder sein möchte. Und unter Druck setze ich schon deshalb niemanden, weil ich das selbst nicht ausstehen kann. Man frage meine Mutter. Wie schon öfters an dieser Stelle angemerkt: ich bin im Sternzeichen Stier, und das gilt als das am meisten fixierte von allen. Nicht im psychiatrischen Sinne, aber doch in seiner Erdung und – Achtung Euphemismus – Meinungsstabilität.

Diesen ruhenden Pol in mir kann nur eine kleine Nebensächlichkeit in Bewegung bringen: ein direkter oder indirekter Hilferuf. Mit einem „Das kann man doch nicht so lassen“ bin ich aufgewachsen, meine Mutter wittert sogar eine genetische Disposition bei mir. Eine Freundin nennt das „zu gut für diese Welt“, ich nenne es „mir das Paradies verdienen“, was mir von eben jener Freundin immer wieder die Frage einbringt, wie oft ich denn dort hinein wolle. Ich zucke dann meist mit den Schultern, denn schließlich kann ich nicht wissen, wie oft ich noch in die Geschehnisse dieser Welt geworfen werden. Also rein physisch gesehen. Ich baue lieber vor, man weiß ja nie.

Das mit dem Druck ließ mir keine Ruhe, weshalb ich wieder einmal Wurzelarbeit betrieben habe. Und etwas festgestellt habe, was bitter schmeckt. Nämlich, dass ich unbewusst machtbewusst bin. Oder zumindest so rüberkomme. Und das hat mit meiner Lösungsorientierung zu tun, mit dem „Das kann man doch nicht so lassen“. Wenn ich mitbekomme, dass jemand an sich, anderen oder der Welt generell leidet, springt meine Lösungsmaschinerie an. Und weil ich mir selbst schon so viele Lösungen erarbeiten musste, um aus den unterschiedlichen Leiden heraus zu steigen, habe ich ein ziemliches Arsenal angesammelt. Nicht unbedingt für naturwissenschaftliche Probleme, da bin ich ja bekanntlich nackter als nackt. Doch alles, was im sozialen, gesundheitlichen oder sonstigen Zwischenbereichen angesiedelt ist, bringt mich und meinen Werkzeugkoffer, gepaart mit meiner Recherchebegabung auf Hochtouren. Da können Sie sich ruhig eine Dampflok vorstellen, die Fahrt aufnimmt. Und da wird schnell platt gefahren, was man eigentlich befördern möchte.

Das alles hängt weniger damit zusammen, dass ich jemanden manipulieren möchte – so wird Macht ja vielfach gedeutet. Es liegt mir einfach daran, das Leben eines anderen Menschen besser zu machen oder ihn zumindest dabei zu unterstützen. In den seltensten Fällen habe ich persönlich etwas davon – gut, wenn ich meine Eltern jemals dazu bringen sollte, mehrmals am Tag ohne mich zu lachen, würde mein Seelenheil davon profitieren, weil ich sie dann in guter Stimmung wüsste. Doch selbst das ist eine Bewertung meinerseits, die mir im Grunde nicht zusteht.

Ebenso wenig wie die Überfrachtung eines Gegenübers mit Lösungen für dessen Probleme. Und das ist mir ja schon bewusst, eigentlich seit einiges Jahren. Es ist ein ständiger Lernprozess, damit nicht hausieren zu gehen. Manchmal geht es besser, manchmal weniger gut. Doch wer mich schon  lange kennt, weiß natürlich, dass diese Dampflok mit jeder Lebensbarriere, die sich anderen in den Weg stellt, einen Scheit Holz in den Kessel geworfen bekommt. Da kann ich noch so unbeteiligt schauen, maximal nicken und trotzdem schweigen. 

Bitter an dem Ganzen ist für mich, dass ich an einem Verhalten gemessen werde, das ich zu ändern versuche. Weil ich gelernt habe, dass es niemandem schadet, wenn er oder sie um Hilfe bittet. Und tut er oder sie das nicht, wird er oder sie schon alleine damit zurecht kommen. Zuhören kann ich ja trotzdem, was vielfach eh schon hilft. Bitter ist auch, dass meine Lösungsideen als druckvoll empfunden werden, wo sie doch aus dem Geist der Entlastung geboren werden. Andererseits habe ich auch gelernt, dass es sehr erleichternd sein kann, jedes Holzscheit noch einmal in der Hand zu drehen und zu überlegen, ob der Kessel überhaupt dampfen soll. Denn mit einem „Du schaffst das schon, da bin ich ganz sicher“ tut man nämlich eines: man stärkt das Gegenüber, schenkt Vertrauen und Zuversicht. Mit übermäßigem Lösungsbeschuss vermittelt man hingegen das Gefühl, dass es alleine nicht zurecht kommt. Und wirkt entgegen der Intention erst recht kontraproduktiv. Oder eben druckvoll.

Ich habe eine Freundin, die mir mehrmals und ausdrücklich die Erlaubnis gegeben hat, Lösungsmöglichkeiten zu produzieren, weil sie mir genau aus diesem Grund ihre Probleme anvertraut. Das nenne ich einen Auftrag. Ansonsten beschränke ich mein Machtbewusstsein inzwischen auf mein eigenes Leben und kann so viel gestalten, auch weil mein Kopf dafür frei ist. Die Zusammenarbeit mit Menschen meines „Stammes“ hilft dabei, in meiner Lösungskompetenz doch noch etwas Gutes zu sehen. Und mir klar zu machen, dass es nicht an mir liegt – auch andere können fixiert sein. Worauf auch immer.

FREITAG: Auferstehung – eine Vision

Momentan ist das Leben wieder so dicht, dass viele Impressionen eine Geschichte wert wären, und doch fällt die Entscheidung schwer, eine herauszugreifen. Deshalb dieses Mal etwas ganz anderes.

Wenn wir in diesen Tagen von Auferstehung sprechen, fällt es vielen schwer, sich diese vorzustellen. Und auch ich kann kaum abschätzen, wie mein Leben in einem Monat aussehen wird. Und trotzdem nehme ich den Impuls vom Vater meiner Kinder auf, doch darüber zu schreiben, wie ich mir Ostern 2027 vorstelle. Visualisierungen haben ja ihren ganz eigenen Zauber.

Ich decke den Tisch im Wohnzimmer und höre dabei das Rauschen der Wellen vor meiner Terrasse. Meine Füße haben sie schon berührt, und auch die Muscheln für die Ostertisch-Dekoration liegen bereits an Ort und Stelle. Ich war in guter Gesellschaft, denn der Bub meiner Tochter hat mir beim Sammeln geholfen. Das mit dem Tischdecken war ihm zu langweilig, auch weil er doch gerne schon seine Osternesterln suchen wollte. Doch dafür muss die ganze Familie erst wach sein. Damit ist er auch gerade beschäftigt. Ich höre seine Stimme, während ich das Wasser für die Eier auf den Herd stelle und lächle, weil ich genau weiß, wie sich das anfühlt, wenn man schlafen will und dem Charme eines Kindes trotzdem nicht widerstehen kann.

Es ist ein großer Tisch, an dem alle Menschen sitzen, die mir am Herzen liegen. Und auf dem alles liegt, was ich gerne mag. Die Wohnzimmertüren nach draußen sind geöffnet, zwischen das Stimmengewirr schiebt sich Möwengeschrei und eine salzige Brise. Der Älteste sitzt auf der Terrasse und meditiert, der Jüngste steht an der Kaffeemaschine und servisiert die anderen. Ich lehne mich zurück, schaue auf die Dünen und sehe, wie der Wind feine Sandschichten nach Südosten trägt.

Ich empfinde eine warme Ruhe in mir an diesem Ort, der alles hat, was ich brauche. Und selbst wenn alle wieder ihrer Wege gehen nach diesem Auferstehungsfest, weiß ich, dass dieser Ort derjenige ist, den ich mir immer gewünscht habe. Dass ich deshalb Glück habe. Und glücklich bin, weil es das Leben gut mit mir gemeint hat. Auch wenn ich Täler zu durchschreiten hatte, Herausforderungen vor meine Füße geworfen wurden und mir auch Verlust nicht erspart geblieben ist – heute ist alles gut. Weil es immer auch gut ist, wenn es schlecht ist. Und wenn es nur das Bewusstsein ist, dass eine Situation für nichts anderes gut ist, als daraus zu lernen.

Vieles habe ich dem Wind zu verdanken, der mir am Strand das Gehirn frei bläst. Der mir die trüben Gedanken nimmt und mir Lösungen gibt. Überall in den Dünen gibt es einen Pfad, den man nehmen kann, wenn es am Ufer zu rau wird. Die Entscheidung, welcher es denn sein wird, fällt intuitiv, und er führt mich immer zu der Erkenntnis, die ich gerade brauche. Am Abend, wenn die Sonne sich unter den Horizont schiebt, schreibe ich sie auf, in Rot, Blau oder Grün. Denn eines weiß ich auch 2027: Es liegt an mir, dass mein Leben bunt bleibt.

Am Abend treffen wir uns vor dem Kamin wieder, mein Tochter lebendig und kreativ wie eh und je, obwohl der Kleine sie den ganzen Tag durch Garten und Gestade gejagt hat. Sie trotzdem in sich ruhen zu sehen, ist ein Geschenk. Einige versenken ihre Blicke im Feuer, andere bilden Plaudergrüppchen, es wird gelacht und gedacht. Ich schaukle mit dem Geräusch der Brandung, im Innen wie im Außen. Das Pfeifen des Windes im Dachstuhl wird meine Einschlafmusik sein.