FREITAG: Flucht in den Frieden

Jetzt ist er schon wieder weg, der Schnee, der das Weihnachtsfest doch immer wieder mit Sanftheit versehen hat. Zurück bleibt vorerst eine kalte Nässe, die unter die Pullis kriecht und die Sehnsucht nach einem Lagerfeuer ins Kraut schießen lässt. Doch wen wollen wir dort versammeln?

Seit langem habe ich heute wieder einen Tag, an dem ich so gut wie niemanden sehe. Die Katze zählt nicht, doch selbst die hat sich in ihrem Kellerkarton verkrochen und stellt sich tot. Jetzt ist das aktuell für mich keine Option, weil meine Familie einen weiteren Verlust schwer verkraften könnte. Und doch muss ich gestehen: ein Vogel Strauß wäre ich doch ganz gerne, auch wenn mir der Sand, in den ich meinen Kopf stecken möchte, zu ungemütlich wäre.

Fliehen möchte ich vor Entscheidungen. Zum Beispiel würde ich gerne den jährlichen Tannenbaumtanz durch eine Lösung ersetzen, die mich aus dem Karussell der Jagd um einen halbwegs erschwinglichen Christbaum rausnimmt. Ich rede jetzt nicht von einem falschen grünen, sondern einem immergrünen. Einen, den ich jedes Jahr neu schmücken kann, nachdem ich ihn aus Holz zusammengebaut habe. Doch Pippi, die ich bin, dachte ich, dass es ganz leicht wäre, so etwas zu finden. Irrtum! Mein Vater und ich wollen auf gar keinen Fall auf Kerzen verzichten, die bei uns in antiquierten Haltern normalerweise am Zweig befestigt werden. Doch wenn der immergrüne Christbaum keinen Zweig mehr hat, sondern nur mehr eckiges Holz anbietet, fallen die Christbaumkerzen buchstäblich flach. Und auch wenn ich die schicken Alternativen mit Lichterketten und LED-Lämpchen ganz fancy finde: NEIN! Alternativ dachte ich auch noch darüber nach, einen Christbaum aus meinen Büchern zu bauen. Doch hier stellt sich die gleiche Herausforderung: Wohin mit den Kerzen! Also: Entscheidung vertagt.

Fliehen möchte ich vor dem Wetter. Ein Ticket habe ich bereits. Doch wie – ich glaube, es war letztes Jahr – fühle ich mich (bislang) diskriminiert. Ich darf nämlich als österreichische Staatsbürgerin nicht in den Flieger. Flucht per Flug scheint derzeit unmöglich, mein Ältester hat schon einen Zauber ausgesprochen, was aber voraussetzt, dass ich aufhöre, mich an diesem Thema gedanklich abzuarbeiten, damit das Universum ungestört daran arbeiten kann. Und das fällt mir wirklich schwer, weil ich ja fliehen möchte und ganz dringend ein zumindest gedankliches Ziel für meine Vorfreude brauche.

Fliehen möchte ich auch vor den Geistern, die ich rief. In einer Zeit, die gut dafür war, mich dem zu widmen, was Freude schenkte. Doch da hat sich ein ganz eigenartiger Mechanismus breit gemacht: Ich habe mir so viel Arbeit geschaffen, die mir Freude schenkt, dass ich die Freude schon gar nicht mehr spüre. Weil ich gar keine Zeit mehr dafür habe, mich zu freuen. Und das ist natürlich schon bedenklich, denn wofür lohnt es sich denn mehr, Zeit einzuräumen, als für dieses innige Gefühl, dass man in seinem Leben angekommen ist? Wie gesagt, meine eskapistischen Impulse werden immer mehr, je länger dieses Jahr dauert.

Mit dem heutigen Tag sind es 16 Tage, in denen ich einen Weg finden muss und will. In denen ich mich mit mir selbst einigen muss, wie viel Action mein Leben verkraftet. Und vor allem: Wie wichtig nehme ich die Zeit der Regeneration, ohne die es mit voll50 einfach nicht mehr geht? Was ich scheinbar immer noch nicht gelernt habe, ist, NEIN zu sagen im Außen, weil ein JA im Innen dringend nötig ist. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein Weihnachtsfest voller JAs für alles, was Ihnen gut tut, Frieden schenkt und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich melde mich im Januar wieder – frohe Weihnachten!

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FREITAG: Rituale gegen das Kratergefühl

Manchmal kommt es knüppeldick und meist sowieso dann, wenn man es nicht gebrauchen kann. Umgehen muss man damit allemal.

Im Grunde könnte ich es mir in dieser Woche leicht machen und darüber schreiben, wie es sich anfühlt, gleich zwei Familienmitglieder innerhalb weniger Tage zu verlieren. Doch dort, wo ich geboren wurde, heißt es – und ich weiß noch nicht einmal, wie man das richtig schreibt -: „Mir sein’s g’frett’n g’wohnt.“ Heißt soviel wie „Wir sind es gewohnt, dass es schwer geht.“ Hat schon oft geholfen, wenn die Leichtigkeit eine Tonne gewogen hat.

In Momenten des Verlusts sieht man hauptsächlich die Lücken. Das ist vergleichbar mit einem Meteoriteneinschlag, wo man meist auch nur den Krater sieht, also das Loch, das der Himmelkörper in die Erde geschlagen hat. Und wer jemals einen solchen Ort besucht hat, wird vielleicht den Rand entlang gegangen sein, nach unten geblickt haben und den Meteoriten gesucht haben. Doch da können wir Menschen der heutigen Zeit lange schauen, denn über die geballte Ladung Sternenstaub ist buchstäblich Gras gewachsen. Aber auch Bäume wie beispielsweise Eschen und Ulmen in einem estnischen Krater. Oder Eukalyptus und Myrthen in den Spuren eines Meteoriten, der australischen Boden getroffen hat. Es gibt also ein Morgen.

Das Interessante daran ist: Das gibt es immer. Täglich grüßt das Murmeltier – in meinem Fall die Katze – durch die Gartentüre in meinem Schlafzimmer. Täglich gibt es Wetter, wenn auch in unterschiedlicher Ausformung. Täglich braucht unser Körper Energie, damit er trotz allem funktionieren kann. In lückenhaften Zeiten sind Routinen Gold wert. Oder noch besser: Rituale. Und diese Rituale feiern ja gerade Hoch-Zeit. Am ersten Dezember wird das erste Türchen im Adventkalender geöffnet, am vierten Dezember der Barbara-Zweig eingewassert, am sechsten Dezember Nikolaus begangen. In meinem Fall schickt meine Mutter immer ein Packerl mit hoch originellen Nikolaus-Ausformungen. Der Höhepunkt heuer: zwei LED-Teelichter als Nikolaus-Gesichter und ja, die Nasen flackern. Am ersten Adventsonntag wird der Kranz eingeweiht, und man macht sich schon einmal auf die Suche nach einem Christbaum. Die Vorweihnachtszeit ist also gerade prädestiniert für Lücken. Denn hätte man sie nicht, geriete man gefährlich in die Nähe eines Burnouts – und nein, ich spreche nicht von einem Zimmerbrand.

Routinen und Rituale fangen einen auf, wenn das Leben gerade mal wieder bröckelt. Und wenn es außerhalb der Weihnachtszeit ungemütlich wird, gibt es noch andere Gewohnheiten, die einen aufrecht halten. Von Aufräumen bis Zähneputzen reicht der Bogen, auf den man in umstürzlerischen Zeiten vielleicht keine Lust hat, der aber gespannt werden will. Eines will ich damit allerdings nicht sagen: dass wir Trauer verdrängen sollen. Sie braucht Raum, sie braucht Tränen, sie braucht Zeit. Vor einigen Jahren habe ich gelesen, dass trauernden Menschen laut der Amerikanischen psychiatrischen Vereinigung nur mehr 14 Tage zugewiesen werden, bevor sie als gestört gelten. Ein absolutes Unding! Trauer ist etwas Höchstpersönliches, die jeder Mensch in seiner eigenen Geschwindigkeit durchlaufen muss. Und darf. Alles andere ist inhuman. Punkt.

Ich lasse mir auf jeden Fall nicht vorschreiben, wie viele Liter ich weine oder wann ich zuhause bleibe, weil ich traurig bin. Doch dass ich eine Kandidatin für chronische Anpassungsstörungen bin, weiß ich schon länger. Umso wurschter ist es mir, was die amerikanischen Psychiater sagen. Und das sollte auch für alle anderen gelten, die gerade vor einem Krater in ihrem Leben stehen. Bei mir ist schon die zweite Phase der Trauer eingetreten, ich bin schon wieder leicht rabiat. Es besteht also Hoffnung. Wie immer.

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FREITAG: Gewohnheiten – geschenkt!

Unsere Zeit erinnert daran, dass wir Gewohntes auf den Prüfstand stellen müssen, es vielleicht sogar nicht mehr zurück bekommen. Ich sehe das als Chance.

„Sie haben wunderschöne Gefäße“, hörte ich unlängst. Und nein, es hat sich nicht auf meine Vasensammlung oder sonstiges Aufbewahrungsmaterial bezogen, sondern auf das, was das Blut durch meinen Körper transportiert. Vorher hatte ich mir – wie gewohnt – einen Vortrag darüber anzuhören, was Rauchen mit eben jenen Gefäßen macht und dass viele erst aufhören, wenn nichts mehr zu machen sei – mit den Gefäßen. Bei der ersten Untersuchung meiner Arme und Beine hieß es noch: „Sie haben Glück!“, bei jener der Bauchschlagader „Sie haben auch hier Glück!“, und auch die in den Kniekehlen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie relevant wären, hörte ich das gleiche. Die Halsschlagader verhält sich altersgemäß, wieder nicht rauchergemäß, und am Ende der Untersuchung kam dann das Kompliment des Tages. Nichtsdestotrotz: Es braucht mehr als einen fürsorglichen Gefäßchirurgen und seine noch fürsorglicheren Mahnungen, um mich aus dem blauen Dunst herauszuzerren. Doch eine Gewohnheit muss ich trotzdem zurück lassen: die Blutverdünner, die mir seit über 30 Jahren den Weg ins Bett gepflastert haben. Gestern ausprobiert, ging.

Meine Hardware ist also in einem guten Zustand. Das beruhigt mich sehr, zumal Gesundheit in meiner Familie gerade ein Riesenthema ist. Und wenn sie sich ändert, folgen diesem Prozess meist auch neue Gewohnheiten. Da machen Menschen plötzlich im Bett Gymnastikübungen, die vorher von körperlichen Betätigungen dieser Art weniger als nichts gehalten haben. Da müssen lösungsorientierte Menschen gelassener werden, wenn sie begreifen, dass alles Mögliche bereits getan wurde und jetzt nur mehr Gefasstheit hilft. Da schauen Menschen auf einen leeren Platz am Esstisch, der zwar in Zukunft besetzt wird, aber nie mehr ausgefüllt wird. Wenn das Äußere die Grenzen zum Inneren überschreitet, ändert sich vieles. Vor allem in einer Familie.

Ich habe das Gefühl, dass sich auch die Gewohnheit, sich zu verstehen, verabschiedet. Mir wird berichtet, dass auf die Frage nach einer Adresse nur die Straße genannt wird und man die Stadt dazu selber googeln muss. Dass die Frage nach einer Telefonnummer nur mit der Anschlussnummer beantwortet wird und man auch hier recherchieren muss, zu welchem Ort, ja Land sie gehört. Und auch wenn ich meinem Vater erkläre, wie er bei einem Online-Händler etwas bestellt, muss ich zuerst fragen, was er sieht. Da fliegen dann Bildschirmfotos hin und her, und am Ende bestelle ich es für ihn – nach anderthalb Stunden. Manches geht eben nicht mehr. Doch was eben nicht mehr geht, ist eine nahezu tägliche Überraschung und macht Gewohnheiten volatil.

Eine Gewohnheit, die ich über 15 Jahre gepflegt habe, ist ausgesetzt worden. Weil der Raum, in der diese Gewohnheit blühen konnte, weggefallen ist. Und damit meine ich nicht ein Zimmer meines Hauses, sondern jenen Raum zwischen zwei Menschen. Denn vor allem dort ist es sinnvoll, immer wieder zu überprüfen, ob Loyalität wirklich eine Angelegenheit ist, aus der es kein Entkommen gibt. Lange habe ich diese Überlegung in mir unterdrückt, weil ich ganz automatisch loyal war, wenn ich mich mit jemandem verbunden gefühlt habe. Das hat auch funktioniert, wenn ich vom anderen übel behandelt wurde. Doch dann kam dieser eine Tag, diese eine Nachricht, dieses eine Wort, bei dem es „klick“ gemacht hat. Und ich endlich begriffen habe, dass es für mich immer nur schief gehen kann, wenn ich an Menschen festhalte, die los wollen – meist in eine andere Richtung. Die Loyalität vermutlich schreiben, aber keinesfalls mit Leben erfüllen können. Seitdem tue ich mir auch mit der Abschaffung von zwischenmenschlichen Gewohnheiten leichter. Wenn jemand nicht schreibt, schreibe ich auch nicht. Wenn jemand nicht redet, rede ich auch nicht. Wenn jemand sich falsch verhält, ziehe ich die Konsequenzen. Auch wenn liebgewonnene Gewohnheiten dabei auf der Strecke bleiben. Oder zumindest ausgesetzt werden. Denn eine Chance hat noch jede und jeder von mir bekommen – manchmal auch eine dritte. Die Loyalität ist ein Hund, aber keiner, den man nicht zähmen könnte.

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FREITAG: Ein Lockdown-Tag

Ach ja, wieder einmal Lockdown. Ach ja, wieder einmal die Hoffnung, alles aufarbeiten zu können, was liegen geblieben ist. Ach ja, wieder alles anders.

Ich gebe es ehrlich zu: Nach dem Schock des ersten Lockdowns hatte ich mich ganz gut eingerichtet in meiner kleinen Welt, in der ich nur mache, was mir gefällt. Ich hatte meine eigene Geschwindigkeit, Dinge zu tun und zu lassen. Ich war im Rhythmus von Aktion und Relaxion, trotzdem verbunden mit Menschen, die mir am Herzen liegen und insofern ohne jegliches Einsamkeitsgefühl. Ehrlich gesagt, dachte ich mir in den vergangenen Monaten immer wieder: So ein Lockdown wäre jetzt mal wieder schön, um genau in diesen Seinszustand zu kommen.

Bäm, manifestiert! Ja, ich war auch unter jenen, die am Samstag noch auf die Jagd nach Weihnachtsgeschenken gegangen ist – allerdings nicht in einem Einkaufszentrum, sondern in der Stadt, die seit Montag – auch wenn es angesichts der aktuellen Lage pietätslos klingt – ausgestorben war. Hin und wieder huschten Menschen um Ecken, manche schlenderten verloren durch die Gassen, als würden sie etwas suchen, was es noch nie gegeben hat – und sich gleichzeitig fragen, warum sie hier gestrandet sind. Mein Hafen war die Augenärztin, die mir attestierte, dass sich meine Sehkraft in über drei Jahren nicht verändert hat. Ein wahres Geschenk in meinem Alter, auch wenn die Augen häufiger tränen wegen der doch gesteigerten Bildschirmzeit.

Zum Weinen war auch der gestrige Tag. Gleich nach meinem zweistündigen Aufwachritual die Nachricht am Handy, dass wir in der Familie eine C-Scheisserchen-Invasion haben. Ein Familienmitglied im Krankenhaus, das andere unter Betreuung zuhause. Und nein, es hat nicht die jüngeren unserer Mischpoche getroffen. Mein Vater fragte mich heute morgen, ob es Neues aus dem Familienlazarett gäbe – soweit sind wir inzwischen. Zusätzlich musste ich mich von meiner Kusine verabschieden, die wieder über den Atlantik geflogen ist und deren Verabschiedung mich seit Jahren traurig zurücklässt. Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal geweint habe bei ihrem Abschied. Damals dachte ich mir, dass ich alt werde. Nun ja, ich habe mich ans Altwerden inzwischen gewöhnt.

Danach ein Gespräch mit einer Freundin über die erschreckenden Ausmaße, die Pubertät annehmen kann und die man im Grunde nehmen muss, auch wenn man solche Angelegenheiten normalerweise noch nicht einmal mit den Fingerspitzen anfassen möchte. Über Liebe und Gesprächsbereitschaft, die manchmal als Werkzeuge im gelingenden Miteinander versagen. Über Verzweiflung und Hilflosigkeit, denen man sich sich jeden Tag aufs Neue stellen muss, auch wenn man wirklich nicht mehr mag.

Bei einem Online-Vortrag am Abend sprachen Frauen dann über ihre Belastungen während der Pandemie, und nein, auch das war kein Grund zur Freude. Man sprach über strukturelle Ungerechtigkeit, Stutenbissigkeit und die zeitliche Not, sich selbst als Frau auch nur für zehn Minuten am Tag wichtig zu nehmen. Frauen funktionieren, wenn sie es müssen, war der Tenor. Ob sie es wollen oder gar etwas davon haben, steht nicht zur Diskussion. Wenn nicht wir, wer dann? Über die Antwort auf diese Frage könnte ich Stunden schreiben, doch das sprengt den heutigen Rahmen.

Am Abend, als ich auf die blau-weißen, selbstgestrickten Socken meiner Mutter an meinen Füßen starrte, dachte ich darüber nach, wie dieser Tag ohne Lockdown ausgesehen hätte. Vermutlich hätte ich zusätzlich Zeit mit der Parkplatzsuche verbracht, weil der Vortrag in Präsenz geplant war. Vermutlich hätte ich Zeit im italienischen Eiscafé unter einem Heizschwammerl vergeudet, um meinen Postgang mit einem Nikotin-Kaffee zu verbinden. Hätte das irgendetwas verändert? Nein. Im Gegenteil. Der Laptop wäre später abgeschaltet worden, weil sich meine Arbeit nach hinten geschoben hätte. Und die läuft nach wie vor wie geschmiert. Vor Mitternacht ins Bett zu kommen, hat was.

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FREITAG: Das Schwarz-Weiss aufbrechen

Die Tageszeitung, die sechsmal in der Woche meinen Briefkasten füllt, hatte eine gute Idee. Sie sammelt Ideen aus der Bevölkerung, wie man den Riss kitten kann. Die Geschichten sind Schritte in die richtige Richtung.

Seit Tagen überlege ich mir, was ich in dieser Kolumne teilen könnte. Doch jeden Tag greift ein anderer Mensch eine Facette auf, bei der ich während des Lesens „Genau so geht’s“ rufen möchte. Was bedeutet: Es gibt doch Hoffnung, dass Menschen Wege im Kleinen gehen und damit auch einen Einfluss auf das Große nehmen – und wenn es nur durch die Verbreitung in einer Tageszeitung ist. Dass diese dazu aufgerufen hat, finde ich sehr beachtlich.

Das mit dem Riss durch eine Gesellschaft begleitet uns nun schon ziemlich lange. Ich erinnere mich an einen Bundespräsidenten-Wahlkampf, EU-Sanktionen, US-amerikanisches Schwarz-Weiß und jetzt eben das Drama um den Stich. Während des Bundespräsidenten-Wahlkampfs hatte ich noch eine ziemlich eindeutige Meinung, damals war ich 20. Und jeder, der sich an dieses Lebensalter erinnert, weiß: Man ringt um Positionen, die dem Finden des eigenen Selbstbildes dient. Und weil man sich da oft auf shaky ground befindet, kann man sich schon mal in einer Überzeugung festbeißen. Im Jahr 2000, als Österreich aufgrund einer Koalitionsfindung von der EU sanktioniert wurde, hatte ich auch meine Meinung, doch schon etwas differenzierter. Nämlich insofern, dass ich mit 34 Jahren schon besser unterscheiden konnte, was Sache und was Schmäh war in der Berichterstattung. Das US-amerikanische Schwarz-Weiß rund um den rothaarigen Tollenträger und schon vorher rund um die Attentate auf das World Trade Center weckte eindeutige Sympathien in mir, doch wirklich betroffen gemacht hat es mich nicht. Es hätte, wäre mir bewusst gewesen, wie sehr sich diese Denkweise zum Allgemeingut entwickeln würde. Damals dachte ich mir, dass das Verlassen einer Diskussionsgrundlage überhaupt keine Option sei. Weil man immer alles ausreden kann, wenn man will. Und speziell, wenn es Unklarheiten innerhalb der Familie gibt – wie es aus den USA kolportiert wurde -, müsse man erst recht wollen.

Und jetzt also die Stichelei. Ich habe mir ja selbst lange Zeit gelassen dafür, und ich hatte acht Gründe dafür, die mein Jüngster im Sommer ja zum Explodieren gebracht hat. „Na ja, fast“, sagt der letzte Rest meines rebellischen Ichs. Wie auch immer: Schon damals machte ich ab und an die Erfahrung, dass ich als ungeimpfte Person Menschen dazu veranlasste, Abstand von mir zu nehmen. Ich habe das akzeptiert, weil ich um die Angst dieser Menschen wusste. Die ängstlich waren, obwohl sie ihre Injektionen abgeholt hatten. Was sie ja laut offizieller Diktion nicht hätten sein müssen. Was ich allerdings auch erfuhr: Kaum jemand der Geimpften hatte sich dafür interessiert, warum ich noch zögerte. Ich hingegen war stets aufnahmebereit, wenn mir ein Mensch erzählte, warum er sich für die Impfung entschieden hatte.

Wenn wir von einem Riss durch die Gesellschaft sprechen, ist das ein Zeichen dafür, dass wir nicht mehr zuhören, uns nicht mehr für die Beweggründe anderer interessieren wollen. Dass wir unsere Überzeugungen in eine Schublade gelegt und es ihnen dort gemütlich gemacht haben. Aber auch, dass wir zu träge geworden sind, sie wieder einmal herauszuholen und zu überprüfen, ob sie denn noch angebracht sind. Ein Entrümpelungstipp für den Kleiderschrank besagt, dass alles weg kann, was wir ein Jahr lang nicht angezogen haben. Warum machen wir das nicht auch mit unseren Überzeugungen? Warum ist es uns lieber, den vermeintlichen Riss durch die Gesellschaft hinzunehmen als aktiv etwas dazu beizutragen, dass Verbundenheit entstehen kann? Wenn wir alle diesen Transformationsprozess, der in vollem Gange ist, gut überstehen wollen, ist es allein die Verbundenheit, die wir zu schaffen im Stande waren, die uns jeden Tag optimistisch gestalten lässt. Heute wie auch in Zukunft. Und dazu ist es mindestens genauso wichtig, zu überprüfen, was man selbst Rissiges in die Welt setzt. Wo man sich selbst in einem Schwarz-Weiss-Setting, im Modus „Wir gegen die“ befindet. Wo wir selbst nur zu gerne die Eigenverantwortlichkeit abgeben an ein scheinbar größeres Ganzes, das aber im Grunde auch nur aus Menschen wie Du und ich besteht. Wir sind die Kapitäne und Kapitäninnen unserer Schiffe. Wir können jeden Tag aufs Neue darauf schauen, wie wir uns verbinden können. Gelegenheiten dazu gibt es viele – annehmen müssen wir sie halt. Wir schaffen das!

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FREITAG: Faulheit – ertappt!

Wer wie ich meint, wenig bis gar keine Vorurteile zu hegen, kann schneller als gedacht eines Besseren belehrt werden. Autsch.

Ich habe es in den letzten drei Wochen tatsächlich geschafft, öfter angeschrien zu werden als im Rest meines Lebens vorher. Die Wutanfälle meiner Eltern während der Pubertät mal ausgenommen, weil sie bestimmt ihre Gründe hatten, zu mir durchdringen zu wollen. Und zu müssen. Schließlich muss man mit einem Mädchen, das in Strickmuster vertieft ist, schon lauter werden, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Kürzlich an einer roten Ampel. Auf dem Weg dorthin hatte ich mich gestaut und mir die Zeit dabei vertrieben mit allem, was mit Musikhören und Sitztanzen verbunden ist. Und vielleicht habe ich auch gegen das Abfallwirtschaftsgesetz verstoßen. In den Augen eines Mannes in einem schwarzen SUV, der neben mir an der Ampel stand, sogar ganz bestimmt. Denn durch die offenen Fenster beider Autos drangen Worte wie „Trutsch’n“ und „blöde Kuh“, getragen von einer gewaltigen Aggressivität, die sogar durch den Sound meines aktuellen Lieblingsliedes durchdrang. Ich wandte meinen Kopf und war in diesem Moment froh, dass mein roter Lippenstift es leichter machte, zu lächeln und zu schweigen. Und weil ich das tat, durfte ich auch einige Minuten später Zeugin davon sein, wie dieser Autofahrer vom Karmastrudel darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er im übertragenen Sinn doch vom Gas runter gehen und lieber im Augenblick verweilen möge. In diesem Moment fuhr ich mit einem noch breiteren Rote-Lippen-Lächeln an ihm vorbei.

Obwohl ich im Grunde sehr zufrieden war damit, wie das Ganze ausgegangen ist, hat sich irgendwann einmal doch das „Typisch SUV-Fahrer!“ in mein Bewusstsein geschoben. Denn ich arbeite mich schon länger an diesem Thema ab. Warum? Weil es immer wieder SUV-Besitzer sind, die zwei Parkplätze brauchen. Die ihre eigenen Verkehrsregeln machen. Die das Recht des Stärkeren für sich beanspruchen. So habe ich das zumindest beobachtet. Also ist das eine empirische Erkenntnis. Dachte ich zumindest.

Beim Entrümpeln eines Behältnisses voller Philosophiemagazine stoße ich auf einen Artikel zum Thema „Gerechtigkeit für Vorurteile“. Und fühle mich gleich wohler, denn tief in mir drinnen weiß ich natürlich, dass nicht alle SUV-Inhaber gegen den Strich bürsten. Doch es ist mir bewusst, dass auch in meinem Fall ein Vorurteil vor allem eines ist: ein Produkt geistiger Faulheit. Es gibt tatsächlich Momente, wo ich mich NICHT in jemanden hineinversetzen will. Wo ich mir NICHT überlegen mag, was diesen Jemand dazu gebracht haben könnte, schlampig einzuparken. Warum dieser Jemand mir die Vorfahrt nimmt. Und warum er den Mittelstreifen der Autobahn für sich reserviert hat, erst recht nicht. Ja, in diesem Moment bin ich denkfaul, auch weil ich vermutlich Wichtigeres im Sinne habe.

Jetzt spricht der Artikel davon, dass es unmöglich ist, Vorurteile abzuschaffen. Einerseits erleichtert mich das, andererseits will sich mein Selbstoptimierungsgen nur bedingt damit abfinden. Ich lese, dass man die Vorurteile ins Spiel bringen muss, also darüber sprechen muss, damit sie zum einen ins Bewusstsein rücken und zum anderen durch den Diskurs mit anderen zurechtgerückt werden können. Und auch wenn die Zeiten aktuell nicht gerade günstig für einen Diskurs scheinen: Ich habe ein gutes Gespräch stets genossen, aus dem ich klüger hervor gegangen bin. In diesem Sinne hoffe ich auf Ihre zahlreichen Kommentare.

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FREITAG: Grabpflege und das wahre Leben

Meinen Großeltern geht es gut. Davon habe ich mich Anfang der Woche überzeugen können. Und ich weiß auch, dass sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich diesen Ort nur einmal im Jahr besuche.

Gleich vorweg: Ich mag Friedhöfe, und wenn ich auf meinen Reisen einen besonders schönen entdecke, verbringe ich auch einige Zeit darin. Hin und wieder habe ich auch gezielt Friedhöfe besucht, wie beispielsweise in Paris, auf den Azoren oder in meiner Stadt. Die Atmosphäre dort ist friedlich, meist blüht immer irgendwo irgendwas und auch an Kerzen und Lichtern mangelt es meist nicht. Ich studiere die Inschriften auf den Grabsteinen, finde manchmal auch kuriose Namen, die ich in meinen Geschichten verwende. Kurz: Friedhöfe haben für mich etwas Inspirierendes.

Am Anfang der Woche stand ich vor dem Grab meiner Großeltern, wie wahrscheinlich viele von Ihnen. Es regnete und glücklicherweise waren die Temperaturen so angenehm, dass man am Haltegriff des Regenschirms nicht festfror. Rechts neben meinen Eltern und mir stand der Rektor meiner Alma Mater, links herrschte gähnende Leere, die nur die senfgelben Knollen-Chysanthemen ausfüllen konnten, die den Weg auf die Grabplatte gefunden hatten. Ich finde ja, dass diese Blumen zu Unrecht mit Friedhofsaura umgeben sind. Viel zu schön, viel zu saftig, viel zu kompakt, als dass sie ihr Dasein nur auf dem Gottesacker fristen sollten. Ich habe sie in drei verschiedenen Farben für meinen Garten gekauft, und mein kleiner Nachbar hat bestimmt, wo sie stehen sollen – nämlich dort, wo er sie auch sehen kann. Man kann einfach nicht früh genug auf Knollen-Chrysanthemen angefixt werden.

Der Regen erschwerte das Anzünden der obligatorischen Kerzen, vor allem wenn in der einen Hand der Regenschirm balanciert und in der anderen ein Streichholz angezündet werden soll. Und nein, ich habe nicht versucht, mit den Zähnen die Deckel der Grabkerzen zu öffnen, damit das Feuer den Docht erreicht. Ich habe die Dusche unter den Wolken gewählt, damit wir bis zum Weihwasser-Regen des Pfarrers einen kleinen Flammensee zustande bringen. Es gibt ja diese Meditationsübung, bei der man eine bestimmte Zeit in eine Flamme schaut. Sie kann den ruhelosen Geist beruhigen, die Aufmerksamkeit erhöhen und schließlich zu schärfster Konzentration auf einen Punkt führen. Und was normalerweise gut klingt, ist im Kontext einer Andacht mit anschließender Gräbersegnung eher störend. Weil einem die Konzentration auf die Flamme eben umso mehr bewusst macht, was denn während dieser Andacht erzählt wird. Und nein, es genügt nicht, die Kinder und Jugendlichen zu begrüßen, danach aber damit zu beginnen, ob man sich denn schon die Frage nach dem eigenen Tod gestellt habe. Vielleicht liegt es ja an mir, die die Schnauze aktuell gestrichen voll hat von negativen Gedanken, Worten und Impressionen. Es hilft einfach nichts, immer wieder auf das Schlechte hinzuweisen, wahlweise es herbeizureden. Und selbst wenn wir anderthalb Jahre lang gefühlt dauernd mit dem Tod konfrontiert waren, weil wir täglich die entsprechenden Sterbezahlen frei Haus geliefert bekommen haben, bedeutet das in meiner Welt nicht, dass man dort, wo man Ahnen und Ahninnen gedenken soll, erst recht wieder mit dem Sterben konfrontiert wird. Und nein, so wird die Institution Kirche keine Kinder und Jugendlichen willkommen heißen können.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich finde den Tod in vielen Fällen unnötig, entbehrlich und auch zu früh auf dem Zettel. Doch ich wurde bereits Mitte meiner Zwanziger damit konfrontiert und musste mir meinen Reim darauf machen. Einen Reim hineinbringen in die Gedanken, wie ich es denn mit dem Sensenmann halte. Seitdem ist er kein Tabu mehr für mich, sondern Gegenstand von Überlegungen, die ich mindestens einmal die Woche anstelle. Er ist Teil meines Lebens, wie er Teil des Lebens von allen ist. Wenn wir unser Gehirn bereits nach dem Schlüpfen gebrauchen könnten, wüssten wir: Es bleibt uns nicht erspart. Und wir würden uns aufmachen, aus den Jahrzehnten vor uns das Beste zu machen, was möglich ist. Doch durch die Verdrängung ist die Panik, wenn der Sensenmann dann doch irgendwann einmal anklopft, umso größer.

Meine Großeltern, die in einer Einigkeit übereinander liegen, die sie in ihrem Leben selten hatten, gingen ziemlich realistisch mit dem Tod um. Meine Oma hatte über lange Jahre eine unerfüllte Liebesbeziehung zum Sensenmann. Sie hat ihn angefleht und tausendmal gefragt, wann er sie denn endlich holen wird. Und er hat ihr die kalte Schulter gezeigt. Mein Großvater wickelte dieses Kennenlernen recht zügig ab. Bei ihm gab es wie im Leben kein langes Fackeln, keine ungeliebten Diskussionen, kein Hin und Her. Er hatte zwar jahrzehntelang einen ziemlichen Respekt vor dem Übertritt, aber irgendwann einmal hatte er seinen Frieden damit geschlossen. Und sich ganz in sein Schicksal ergeben.

An all das denke ich, während der Pfarrer darüber spricht, wie wichtig die Grabpflege ist, was sie bedeutet und dass man sich darüber Gedanken machen sollte. Nicht einmal, nicht zweimal – dreimal hören wir diesen Sermon, als gäbe es nicht Wichtigeres. Ich bin ja in Sachen Grabpflege Minimalistin, meine Mutter mag das Dekorative. Deshalb ist der irdische Kleingarten meiner Großeltern auch stets tipptopp. Doch ganz ehrlich – ist es nicht viel wichtiger, die Ahnen und Ahninnen im täglichen Leben zu ehren? Sich immer wieder an ihre erfreulichen Seiten zu erinnern, ihre Geschichte zu reflektieren, ihre Lehren aus dem Leben für die heutige Zeit zu übersetzen? Mein Opa schaut mir täglich bei der Arbeit zu, meine Oma lacht von einem Foto, auf dem sie mit mir in einem schauderlichen dottergelben Kostüm schaukelt. Beide haben mich bedingungslos geliebt und mir bedingungslos alles zugetraut. Dafür bin ich ihnen jeden Tag dankbar und nicht nur einmal im Jahr. In diesem Sinne feiere ich jeden Tag eine Gräberandacht, aber eine, die höchst lebendig und auf das Leben hin orientiert ist. Das haben mich meine Großeltern gelehrt; ich ehre sie damit weit über ihren Tod hinaus. So hätten sie es sich gewünscht, da bin ich sicher.

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FREITAG: Einfach drauflos!

Am Wochenende halte ich einen Workshop zum Thema „Kreativitätstechniken“ und darf hier gleich einmal demonstrieren, wie es ist, wenn man nichts schreiben kann.

In einem Vorab-Mail an meine Teilnehmerinnen habe ich darum gebeten, sich darüber Gedanken zu machen, wo ihnen die Kreativität fehlt und für welchen Bereich ihres Lebens sie sich mehr Schöpferkraft wünschen. Und was mir erzählt wurde, deckt sich sehr damit, worunter ich viele Jahre meines Lebens laboriert habe. Nicht zu wissen, ob das, was man schreibt, von irgendwelchem Wert ist. Nicht zu wissen, wie man ins Schreiben rein kommt. Nicht zu wissen, wie man mit Gewohnheiten brechen soll. Gestern habe ich in der Vorbereitung auf diesen Workshop die Online-Klasse einer vietnamesisch-stämmigen Schriftstellerin angeschaut, die erzählte, wie sie sich aufs Schreiben vorbereitet hat, nämlich indem sie zum einen Zusammenfassungen von anderen Büchern geschrieben hat und zum anderen dem Vorsatz, in zwei Wochen 10.000 Wörter zu schreiben, treu geblieben ist.

Es hat lange gedauert, bis ich mir selbst klar gemacht habe, dass es einfach ums Schreiben selbst geht. Zumindest in erster Linie. Den Hintern auf einer möglichst weichen Unterlage zu platzieren, alles wegräumen, was die Umstände beeinflussen könnte und einfach drauflos schreiben. Oder kritzeln, je nachdem, ob man der digitale oder analoge Typ ist. Das Überraschende für mich war irgendwann einmal: Es passiert gar nichts, wenn man das tut. Also im Außen. Es muss niemand wissen, dass man schreibt. Es muss definitiv niemand lesen, was man schreibt. Und es muss aus diesen beiden Gründen niemand seinen Senf dazu abgeben. Gut, in Anbetracht der ökologischen Verwerfungen könnte man sagen, dass man Papier verschwendet hat. Doch bei allem Respekt vor diesem Aspekt unserer aktuellen Problemlage scheint mir das verkraftbar zu sein. Vor allem, weil das Schreiben vielfach Dinge zum Besseren wendet.

Jetzt ist es in meinem Fall am heutigen Tag vermutlich nicht so, dass es niemanden geben wird, der sich meine Gedanken antun. Zumindest hoffe ich das. Und auch die eine oder andere Meinungsbildung wird dadurch passieren. Kleiner Side Step: Ich freue mich immer darüber, wenn Sie mich daran teilhaben lassen. Dadurch kann ich eine Verbindung zu Ihnen herstellen, die für beide Seiten erfreulich sein kann. Im Idealfall.

Von einem schreiberischen Idealfall kann heute für mich keine Rede sein. Klar hätte ich ein paar Themen auf dem Zettel, die mich seit letzter Woche beschäftigt haben. Und die ich auch schon ausreichend behirnt habe, um sie Ihnen aus der inneren Klarheit heraus mitteilen zu können. Fakt ist allerdings auch, dass es in dieser Woche einen Vorfall gegeben hat, der mir genau diese innere Klarheit genommen hat. Und das bringt mich in eine Zwickmühle.

Normalerweise schreibe ich in die Öffentlichkeit nur aus dieser inneren Geklärtheit heraus. Denn – und jetzt wird es eingemacht – alles andere macht mich verletzlicher, als ich es mir leisten will. Auch wenn ich der Meinung bin, dass der Mensch grundsätzlich gut ist, musste ich beobachten, dass es zu viele Social Media-Nutzer gibt, die sich lieber auf die dunkle Seite schlagen, sobald sie sich anonymisiert äußern können. Insofern erscheint mir ein gewissen Selbstschutz angebracht, bei allem Glauben an die Menschheit.

Ich habe auch schon überlegt, meinen Beitrag diese Woche zu pausieren, weil ich mich weder intellektuell noch emotional dazu imstande gesehen habe. Doch andererseits ist es vielleicht auch an der Zeit, wieder ins Gleis zurück zu kommen, sich der liebgewonnenen Verpflichtungen bewusst zu werden und sein Bestes zu geben. Und das Beste, was ich in dieser Woche mit Ihnen teilen kann, ist: Das Leben haut uns immer wieder Brocken vor die Füße, die wir wahrnehmen sollten, bevor wir über sie drüber steigen oder um sie herum gehen. Indem wir die Zusammensetzung des Brockens, seine Farbe und Beschaffenheit wahrnehmen, schüren wir unsere Kreativität. Nämlich insofern, dass wir dadurch auf die beste Möglichkeit kommen, mit dem Hindernis umzugehen. Es zählt in diesem Moment weder das, was war, noch das, was sein wird. Es zählt nur der Augenblick, in dem wir mit einem Ereignis konfrontiert sind. Darauf bewusst zu reagieren, nach bestem Wissen und Gewissen, ist alles, was wir tun können.

Nach besten Wissen und Gewissen habe ich Sie also an meiner aktuellen Befindlichkeit teilhaben lassen, sichergestellt, dass es Stabilität gibt, aber sie inhaltlich durchaus flexibel gestaltet werden kann. Als ich mich vor das leere Bildschirmblatt gesetzt habe, wusste ich noch nicht, was mich erwartet – und Sie. Jetzt wissen wir es beide. Schreiben ist etwas Wunderbares – versuchen Sie es bitte!

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FREITAG: Volle Kraft voraus!

Das Eichhörnchen empfindet Freude, wenn es sich vom Apfelbaum zur Platane zum Nussbaum schwingt und ich lerne: Ich kann das auch. Zumindest intellektuell.

Das Außen wird von einem typischen Herbstwind gewiegt, im Innen – vor allem dem meines Kopfes – tut sich genug. Und das vor allem deshalb, weil ich gerade vieles lerne. Und dabei ganz viele Begleiterinnen habe, von denen wertvolle Tipps kommen. Jetzt gibt es ja einen Unterschied zwischen Wissen und Bildung, der darin liegt, dass man das Wissen auf den Boden bringt und damit nicht nur seine Gehirnganglien verstopft, wahlweise damit als Klugscheißer hausieren geht. Und das hält mich momentan gerade sehr auf Trab.

In den letzte Tagen war da einiges aus dem Lot. Mein Körper hatte ein wenig mit einem Zipperlein hier und einer Verwerfung dort zu kämpfen, und ich gestehe: Das hat mir ein wenig aufs Gemüt geschlagen. Mein Kopf ist 30, mein Körper eben voll50. Kannste machen nix. Doch durch verschiedene Interventionen bin ich seit Samstag wieder austariert, unternehmungslustig und überaus lernwillig. Der Berg an Kreativbüchern, den ich während meines Urlaubs angeschaufelt hatte, wird ein bisschen kleiner, mein Kopf ein bisschen schwerer – wenn ich das Gelesene nicht umsetze. Doch dazu bin ich wild entschlossen.

Das Probeexemplar meines neuen Buches, das eigentlich eines ist, das jede und jeder für sich selbst schreiben kann, ist fertig und soll natürlich unter die Leute. Und das bedarf einiger Maßnahmen, die aber natürlich nicht auf meinem Pippi Langstrumpf-Mist wachsen. Schließlich bin ich kein Digital Native, der schon mit der Mouse in der Hand auf die Welt gekommen ist. Doch ich habe eine ganz tolle Frau gefunden, die mich dabei unterstützt und bei jedem Posting, das wieder einmal dieser Pippi Langstrumpf-Welt entspringt, eine Nachricht schreibt, dass es eben nicht so geht. Sie ist dabei so lieb und konstruktiv, dass sie mir nicht nur hilft, es besser zu machen, sondern auch, lernen zu wollen, wie es besser geht.

Deshalb bin ich aktuell bei einem Online-Kongress eingeschrieben und nehme parallel an einem Sieben-Wochen-Kurs teil, der sich mit meinem Business beschäftigt. Und ich lerne eine Menge. So viel, dass ich mir gestern, als ich kurz bei einem sonnigen Latte Macchiato in meinem bevorzugten Eiscafé gesessen bin, gedacht habe: Ich habe ein neues Hobby. Und dieses Hobby ist, mich um die verschiedenen Facetten meines beruflichen Daseins zu kümmern. Heute hat mich das Mail einer meiner „Voll50“-Frauen erreicht, worin stand: „Du hast einen schönen Beruf!“ Tatsächlich ja. Aber vieles davon ist auch selbst gemacht.

Gemerkt hatte ich das in den Monaten des Lockdowns. Während andere arbeitslos zuhause oder im Homeoffice saßen, eventuell in Kurzarbeit waren, habe ich Ideen gewälzt, Pläne gemacht und an der Umsetzung gearbeitet. Mir war keine Sekunde langweilig, weil ich gemerkt habe: In dieser Zeit ist es ein Segen, seine eigene Herrin zu sein. Weil die Reaktions- und Entscheidungszeiten extrem kurz sind, ebenso wie die Wege, etwas umzusetzen. Diese Selbstwirksamkeit hat mir die Berge gegeben, vor denen ich Zeit meines Lebens geflüchtet bin. Und obwohl es schon wieder Fluchtpläne für das Jahresende gibt, möchte ich aktuell nirgendwo anders sein.

Inmitten meiner Schreibbücher, Manuskripte und Vision Boards fühle ich mich zuhause wie schon lange nicht mehr. Jede Lektion aus Büchern, Interviews und Kursen wird dankbar aufgenommen und daraus etwas lukriert, was ich inspirierend finde. Wenn ich dabei über das Ziel hinausschieße und mir eine geschlagene Stunde einen Namen für meinen Podcast überlege, ruft mich meine fabelhafte Wing Woman auf den Boden zurück und sagt, dass „Podcast“ ausreichend wäre und gerade in diesem Punkt keine Wortverliebtheiten Platz hätten. So mag ich das, so brauche ich das. Und das großartige daran ist: Ich werde dabei nicht auf ein Mindestmaß in den Boden gestampft mit meinen Ideen, sondern auf eine sehr wertschätzende Art und Weise eingefangen. Und meine Kreativität kann weiter fliegen, ohne sich verletzt im Gefieder verstecken zu müssen.

Das Wetter draußen mag grau sein, der Wind hinterhältig unter die Bluse kriechen, die Feuchtigkeit Ränder an den Wildlederschuhen hinterlassen – momentan ist das mein Wetter. Eines, das mich machen lässt, mich nirgendwohin ruft, lockt, verführt. Und mir die Perspektive öffnet, dass Lernen leicht macht wie ein schwungvolles Eichhörnchen. Fast werde ich zum Kind, das am Tag auch unzählige Eindrücke sammelt, um irgendwann einmal die Regeln der Erwachsenenwelt durchschauen zu können. Über diese Schwelle bin ich schon gegangen, und nicht alles hat mir gefallen. Weshalb am Ende des Tages bei allen gewonnenen Erkenntnissen gilt: Pippi Langstrumpf will Spaß. Und dafür habe ich das richtige Betätigungsfeld gefunden.

Die gesprochene Version dieses Textes finden Sie unter

https://www.voll50.com/category/podcast

FREITAG: Vierfaches Vergnügen

Letzte Woche war die soziale Seite meines Daseins tarotmäßig durch die „Vier der Stäbe“ gekennzeichnet. Diese Karte steht für ein freudiges Ereignis, und an einem Tag hat sich das alles gebündelt.

Im Grunde ist es ja durch die C-Zeit so bei mir geworden, dass ich meine sozialen Kontakte sehr selektiv pflege. Nicht nur, weil ich offen und aufmerksam mit den Menschen zusammentreffen möchte, sondern auch, damit ich im Anschluss alles Gehörte zu einem wohlwollenden Abschluss bringen will. Sprich: Entweder aus dem Erlebten eine Lehre ziehe, mich weiter freuen oder es loslassen. In der erwähnten C-Zeit vor einem Jahr ist mir bewusst geworden, dass ich bei mehr Socializing weder mir noch den anderen gerecht werden kann. Weil wenn zu viel, dann am Ende zu wenig: Aufmerksamkeit, Zugewandtheit, Mitgefühl.

Bislang ist mir das ganz gut geglückt, wenn es auch immer wieder einige Ausreißer gab und sich an dem einen oder anderen Tag doch mal zwei Treffen einrichten lassen mussten. Doch letzte Woche habe ich meinem Aufnahmefass eigenhändig den Boden ausgeschlagen. Zwei Termine standen ohnehin schon fest, wobei einer von ihnen relativ flexibel war, der andere von vormittags nach nachmittags und wieder zurück sprang. Und während dieser Kür kam die Anfrage für ein kurzes gemeinsames Frühstück, das eine Rarität darstellte und schon deshalb gewürdigt werden wollte. Als das alles an seinen Platz gefallen war, stellte sich heraus, dass ich im August vergessen hatte, Konzertkarten zu reservieren und die Freundin, mit der ich ins Festspielhaus gehen sollte, sich bereits seit Monaten darauf freut. Ich kümmerte mich und fand nur die Möglichkeit, entweder die Abendkasse anzusteuern oder stattdessen ein Abendessen gemeinsam einzunehmen. Ich gestehe es: Ich habe in dieser Nacht nicht sehr gut geschlafen.

In der Früh bei meinen Morgenseiten habe ich dann aufgegeben, vor allem den Widerstand in mir selbst gegen vier Verabredungen. Zum einen war ich ja selbst schuld, weil ich trotz aller Notwendigkeit noch immer keine Assistenz zur Seite habe, die mich in Termine zwängen könnte. Zum anderen gegen meine Bereitschaft, immer alles willkommen zu heißen, was gerade an meine Lebenstüre klopft. Und dann sprang ich in den Bus und freute mich auf alle Begegnungen. Die erste war frisch wie der Morgen, die zweite überraschend wie meine morgendliche Entscheidung, die dritte warm wie der nachmittägliche Sonnenschein und die vierte aufregend.

Meine Freundin hatte nämlich in ihrer Verzweiflung über meine Vergesslichkeit und die damit drohenden Konsequenzen einen der Musiker auf Facebook ausgemacht und ihm die leidige Geschichte geschrieben. Was wiederum zur Folge hatte, dass der schneidige, italienische Saxophonspieler zwei Freikarten für uns organisiert hat. Und das Sahnehäubchen für meine Freundin: In der Pause konnte sie sich sogar noch mit ihm unterhalten und ich ihm danken, dass er mir aus der Patsche geholfen hatte. Da sage noch einer, Tarotkarten sind Hokuspokus. Obwohl: Magisch war das alles schon ein bisschen.