FREITAG: Die Bitte um einen Test

Wir kommen immer wieder in ähnliche Situationen, bis wir die entsprechenden Lektionen gelernt haben. Dieses Bewusstsein zu erlangen, verspricht Lebensqualität.

Ich kann mich noch an einen Tag erinnern, wo mir plötzlich klar wurde: Ich reagiere immer schneller immer heftiger auf Dinge, die sich falsch anfühlen. Einer meiner Leihsöhne nennt das einen vollen Scheißefilter. Und dieser Filter hat sich ab einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens immer schneller gefüllt. Ich wurde schneller grantig, ich geriet schneller aus der Balance, ich zog mich schneller zurück. Wo ich in früheren Jahren noch um Konsens gerungen hätte, wahlweise mich selbst zurück genommen und einen Kompromiss gesucht hätte, war immer schneller das „Entweder – Oder“. Ein Genuss war dieser Zustand mitnichten, vor allem, weil ich mich selbst zunehmend in Frage stellte. Ob mit mir etwas nicht stimmen könnte, ob ich durch das Ende meiner langjährigen Partnerschaft vielleicht leicht bis mittelschwer beschädigt worden war. Solche Sachen eben, die vor allem Frauen so gerne mit sich selbst bereden.

Doch dann wurde mir klar, dass ich unbewusst diese Situationen selbst herbei geführt hatte. Ich war immer den gleichen Männern in die Arme gelaufen, hatte stets auf die gewohnte Art und Weise auf Menschen reagiert, hatte Loyalität aus einer Prägung heraus praktiziert, obwohl sie ganz und gar unverdient war. Das war der Anfang eines transformativen Prozesses. Klar geworden ist mir dieser Ablauf vor zweieinhalb Jahren. Da hatte ich den damals geheimen Wunsch nieder geschrieben, noch einmal eine romantische Beziehung erleben zu wollen. Und das, nachdem ich sämtliche Männer meines damaligen Lebens in den Atlantik geschickt und gehofft hatte, dass sie nicht schwimmen konnten. Kurz darauf lernte ich einen Mann kennen und dankte dem Universum, dass es so schnell meinem Wunsch entsprochen hatte. Nun, der Mann stellte sich sehr schnell als nicht wunschgemäß heraus, und ich blieb zurück, einmal mehr damit hadernd, dass das Universum einfach nicht meine Sprache verstand. Doch ich begriff, dass ich durch die Begegnung mit diesem Mann meinen Test nicht bestanden hatte. Nämlich jenen, endlich Dinge einmal anders zu gestalten, mich selbst anders zu verhalten, einen anderen Weg zu nehmen.

Die folgenden zwei Jahren beschäftigte ich mich dann damit, genau das zu lernen. Nicht jedes Angebot anzunehmen, das mir auf dem Präsentierteller unter die Nase gehalten wurde. Nicht immer gleich anzuspringen, wenn jemand seine Bedürfnisse äußert. Den ausgelatschten Pfad meiner Beziehungen völlig zu verlassen und meinen eigenen weiblichen Pfad zu trampeln. Und dann sollte ich wieder einen geheimen Wunsch formulieren. Dieses Mal war ich klüger und bat um einen Test. Denn ich wollte tatsächlich herausfinden, ob die Theorie der Praxis standhalten oder gleich wieder beim ersten externen Bedürfnis in sich zusammenfallen würde. Und ich bekam ihn. Dieses Mal hatten wir uns verstanden, das Universum und ich.

Dieser Test tauchte in Form einer Stimme aus der Vergangenheit auf, und ich bin sicher, Sie kennen diesen Spruch: „Wenn die Vergangenheit anruft, heb‘ nicht ab. Sie hat Dir nichts Neues zu sagen.“ Ich habe trotzdem zugehört, anders als früher, nicht unbedingt anders reagierend – allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Da wurde mir glasklar, worauf ich angesprungen war, nämlich einen einzigen, kleinen, normalerweise völlig unwichtigen Nebensatz. Ich atmete durch, schüttelte mich und änderte mein Verhalten um 180 Grad. Und es tat nicht einmal weh, im Gegenteil. Ich spürte, wie sich mein Oberkörper aufrichtete, wie sich meine Augen öffneten, wie ich lächelte. Da wusste ich, dass ich den Test bestanden hatte. Die Zukunft lag weiß und unschuldig vor mir, alles konnte kommen, weil es aus vollem Herzen eingeladen war. Und zwei Tage später war die Zukunft da.

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FREITAG: Anbandeln? Begegnen!

Einer dieser Nachmittage, an dem ein Projekt abgeschlossen ist, durchgeatmet werden kann und die Belohnung für das Tagwerk als Nachricht am Handy aufblinkt.

Ich mag diese Serendipitäten, wenn man erfahren darf, was man nicht zu wünschen gewagt hat. Und das muss jetzt nichts überbordend Existenzielles sein, sondern darf auch in normaler Schönheit des Alltags daher kommen. Zum Beispiel in Form eines gemeinsamen Kaffeetrinkens, just nachdem man die ungeliebte Buchhaltung abgeschlossen hat und Leichtigkeit brauchen kann. So geschehen letzte Woche, und ich bin immer noch dankbar dafür, weil ich es einfach liebe, wenn mein Leben im Fluss ist.

Ich fließe also zuerst in meine Gewänder und dann zum Eissalon, wo ich schon den Latte hingestellt bekomme, nachdem ich mich hingesetzt habe. Ich bin gerne Stammgast, egal wohin mich der Wind trägt. Ich habe nahezu an jedem Ort, an dem ich war, ein Stammlokal. Das ist wohl meine Art und Weise, mit den Einheimischen anzudocken, zu beobachten, zu schreiben. Geschrieben habe ich an diesem späten Nachmittag nicht, dafür begriffen, dass ich über ein bestimmtes Thema schreiben sollte. Nämlich darüber, wie sich Männer Frauen annähern.

Ich höre, dass meine Freundin – obwohl sichtlich im Entspannungsmodus und ausgestattet mit allem, was ein Bad in der Frühlingssonne wunderbar macht – von einem Mann angesprochen wurde. Jetzt gehört sie wie ich in die Kategorie, die neugierig ist, was ein Tag bringen kann. Sprich: Sie ist keinem Gespräch abgeneigt. Man kann ja was lernen, im besten Fall Erfahrungen sammeln. Doch diese Erfahrung in der Frühlingssonne hatte vermutlich mehr mit den Frühlingsgefühlen des Mannes zu tun als mit ihren. Denn sie sprudelten aus ihm heraus, als gäbe es kein Morgen, geschweige denn ein Übermorgen. Und selbst auf die immer undezenteren Hinweise, dass sie ihre Ruhe möchte, folgte ein weiterer verbaler Frühlingssprudel. Bis sie tatsächlich ihre sieben Sachen packte und umzog.

Ich hätte da ja weniger Geduld an den Tag gelegt, obwohl ich als sturer Stier sehr wohl die Disposition habe, mit den Hörnern durch die Wand zu gehen und meine Wiese zu verteidigen. Ich habe allerdings auch gelernt: Wenn es ungemütlich wird, hilft manchmal nur noch die Flucht. Vor allem, wenn das Gegenüber einfach nicht hören will. Und in meiner Welt gehört zu einem fruchtbaren Gespräch immer auch das Zuhören. Doch das scheint bei vielen Männern einfach noch nicht auf dem Anbandelungsprogramm zu stehen. Was schade ist, denn sie können wunderbare Zuhörer und Ratgeber sein, wenn sie erst einmal begriffen haben, dass sie ihre dicke Hose ruhig mal auf Diät setzen können.

Es hat bei mir eine ganze Weile gebraucht, bis ich den Mann gefunden habe, der gar keine dicke Hose braucht. Der aus einer inneren Sicherheit heraus Interesse für mich bekundet hat und damit nicht nur ein Gespräch, sondern viel mehr in Gang gesetzt hat. Weil es einfach unwiderstehlich ist, wenn man offen miteinander umgeht, nichts vom anderen erwartet und dadurch alles möglich wird. Und ich frage mich, warum das einfach nicht zum Allgemeingut wird in der zwischenmenschlichen Begegnung.

Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass wir Frauen oft eine unklare Vorstellung darüber haben, wie wir angesprochen werden wollen. Eher kugeln in unseren Köpfen Varianten herum, wie es gar nicht geht. „Deine Augen sind tief wie ein Bergsee“ zum Beispiel. Doch mit einem Kompliment einzusteigen, das freundlich und wohlwollend klingt, wäre ein Anfang. Das setzt natürlich voraus, dass wir Frau genug sind, um es genauso freundlich und wohlwollend zu akzeptieren. Augenrollen und Sarkasmus helfen da wenig, auch wenn das eine beliebte Reaktion zu sein scheint. Und dem Gegenüber den Drive nimmt, das Kompliment zu begründen oder es vielleicht ein zweites Mal zu versuchen. Das sollten wir mitdenken, wenn uns ein Mann anspricht.

Ich persönlich wurde jetzt nicht so wahnsinnig oft angesprochen, weil ich irgendetwas an mir zu haben scheine, was das Überqueren der Grenzen zwischen Starren und Sprache erschwert. Dabei kann ich den Mut, den es offenbar heutzutage braucht, um eine Frau anzusprechen, absolut honorieren. In unterschiedlichen Abstufen natürlich und in letzter Zeit freundlich, aber keinesfalls mehr interessiert. Nichtsdestotrotz: Mut gehört belohnt, zumindest mit einer angemessenen Reaktion.

Doch ich habe auch beobachtet, dass Männer häufig nicht wissen, wie sie eine Frau ansprechen könnten. Kürzlich im Flieger habe ich einen Film gesehen, wo ein Mann in einer Bar einer Frau auf die Schulter getippt hat: „Ich gehe jetzt nach Hause. Möchtest Du mich noch etwas fragen?“ Ich fand das lustig. Wenn ich allerdings gesagt bekommen würde, dass ich der wahre Grund für die globale Erderwärmung wäre, müsste ich sehr an mich halten. Die freundlichste Reaktion wäre vermutlich ein lautes Lachen. Und dann die bewährte Flucht. Angemessen, aber fokussiert. Zumindest könnte der Mann dann das Gefühl mitnehmen, dass er eine Frau zum Lachen gebracht hat.

Auf einer dieser Top 10-Listen im Internet steht ganz oben, dass Männer das Gefühl haben wollen, sie selbst sein zu dürfen. Und das kann ich absolut nachvollziehen. Wollen wir das nicht alle? Doch wenn zwei Menschen aufeinander treffen, die gar nicht wissen, wie sie selbst sind, wird es schwierig. Schwierig wird es auch, wenn einer von beiden das nicht weiß. Deshalb plädiere ich im Kennenlern-Reigen sehr dafür, zuerst einmal herauszufinden, wer man selbst ist. Und dann mit diesem Selbst Frieden zu schließen. Aus dieser inneren Kraft heraus entsteht viel mehr als nur ein Kennenlernen, vielmehr eine Begegnung. Und auf dieser Basis kann Liebe wachsen – ganz selbstverständlich und natürlich.

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FREITAG: Her mit den Komplimenten!

Über Komplimente lässt sich trefflich streiten. Und eigentlich auch wieder nicht. Denn selbst wenn sie mit einem Hintergedanken ausgesprochen werden, kann man sich trotzdem darüber freuen.

Am Wochenende habe ich in meinem bevorzugten Café beobachtet, wie zwei Frauen sich von Tisch zu Tisch Komplimente zugeworfen haben. Und nein, es machte nicht den Anschein, als würden sie sich kennen. Das ist ja auch nicht notwendig, zumindest nicht in meiner Welt. Denn was mir vordringlich im Verhältnis von Frau zu Frau scheint: Es wird Zeit, dass wir die Stutenbissigkeit hinter uns lassen und endlich freundlich miteinander umgehen.

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich damit angefangen habe, Menschen Komplimente zu machen. Vermutlich eines Tages an der Supermarktkasse, als dort wieder ein griesgrämiger Mensch saß, dessen Laune wohl buchstäblich runtergepiepst worden war. Ich könnte das auch nur schwer aushalten, weshalb ich meinen Teil dazu beitragen wollte, dass er sich zumindest gesehen fühlt. „Random act of kindness“ würde das wohl eine Freundin von mir nennen, die ebenfalls eine Spezialistin darin ist, andere Frauen aufzubauen. Und selbst viele Möglichkeiten anbietet, um sie zu komplimentieren.

Vor Jahren hatte ich eine Diskussion mit meinem Ex, der Komplimente weder machte noch aushielt. Fürs Protokoll: Inzwischen hat sich das ein wenig geändert, zumindest was die Wortspenden angeht. Doch damals konnte ihn niemand davon abbringen, dass ein Kompliment immer auch eine versuchte Manipulation sei. Und vielleicht mag das ja auch ab und an stimmen, vor allem im Geschlechterkontext. Doch wie mir scheint, ist der Grad zwischen Kompliment und Anmache oder gar sexueller Belästigung heutzutage sehr individuell und äußerst fließend, was die Geschlechteranbahnung in unseren Breiten nicht gerade einfacher macht. Doch das ist ein anderes Thema.

Wenn ich recht darüber nachdenke, ist ein Kompliment tatsächlich eine Art versuchter Beeinflussung. Manipulation hingegen nicht – zumindest in meiner Welt. Denn ich persönlich habe gar nichts davon, wenn ich einer anderen Frau etwas Nettes sage. Außer dass sich vielleicht die positive Energie dieses Planeten erhöht, doch wissenschaftlich gemessen werden kann das vermutlich (noch) nicht. Wenn ich Komplimente verteile, dann deshalb, weil ich möchte, dass sich mein Gegenüber ihrer Pracht und ihrer Persönlichkeit bewusst wird. Denn das vergessen wir Frauen nur allzu gerne zwischen Alltagsorganisation, Beziehungsarbeit und Beruf. Was dann stets passiert, ist, dass ein Lächeln auftaucht zwischen den Sorgenfalten, mit denen wir vielfach unter die Leute gehen. Dass ein Glanz unter den Lidern aufblitzt, die zwar oft sorgfältig geschminkt sind, doch viel zu häufig strahlenden Augen den Weg verstellen.

Das Kompliment am Wochenende galt einer Frau, die sich in fortgeschrittenem Alter zu einer sehr außergewöhnlichen Frisur ermutigt hatte. Als „normal“ wird in diesem Alter manchen Frauen nur ein pfiffiger Kurzhaarschnitt zugestanden, im besten Fall in irgendeiner Haarfarbe, die nicht die ihre ist. Diese Frau hatte kurze und lange Haare, trug eine Brille mit roter Fassung und orangefarbene, lange Fingernägel. Als sie das Lokal verließ, entdeckte ich an ihren Füßen High Heels, mit denen ich keinen einzigen Schritt machen könnte. Beeindruckend! Nicht dass ich eine Verfechterin von farbigen Fingerenden oder füßeplagendem Schuhwerk wäre – es ging mir um die Haltung. Und die war eine, aus der Vorbildwirkung strahlt. Nämlich dergestalt, dass man auch in fortgeschrittenem Alter tun und lassen kann, was man will. Weil es den anderen wurscht zu sein hat. Und genau das ist vielfach ein Attitüde, die zu Komplimenten reizt.

Wir alle wollen tun und lassen, was uns in den Sinn kommt. Doch vielen fehlt das Bewusstsein, der Mut und/oder die innere Unabhängigkeit. Und genau das möchte ich mit meinen positiven Aussagen stärken. Und sollte mir jemand vorwerfen, dass ich mich auf Äußerlichkeiten fokussiere: Oft bleibt nicht die Zeit, um einen faszinierenden Menschen kennenzulernen. Sollte mich das abhalten, ihm oder ihr trotzdem ein gutes Gefühl zu schenken? Nein. Wenn wir jemanden in unser Leben lassen, arbeiten wir uns meistens von außen nach innen. Eine meiner Lehrerinnen sagte immer: „Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.“ Und diesen ersten Eindruck möchte ich auf angenehme und freundliche Art spiegeln. Wenn man durch die äußeren Schichten durchgedrungen ist, werden die Komplimente natürlich vielfältiger und damit auch der Strauß an Möglichkeiten, Frauen zu stärken. Denn wenn wir uns ehrlich sind: Frauen schauen zwar nach Männern, aber im Grunde viel mehr nach Frauen. Und dort Wertschätzung zu streuen, ist für mich essenzieller Teil meines Alltags. Versuchen Sie es mal!

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FREITAG: Der rote Faden

Finden Sie auch, dass momentan die Zeit der Entscheidungen ist? Dass sie hinter jeder Ecke, jedem Busch lauern? Kann schwer sein, aber auch sehr befreiend.

Meine Gastherme leckt, schon seit Jahren. Und Winter für Winter versuche ich mich, mit frommen Wünschen ans Universum von der Situation fernzuhalten, eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Im vergangenen Herbst tropfte sie wieder einmal meinen Kellerboden nass und der Servicetechniker macht schriftlich klar: „Das war die letzte Reparatur.“ Den Winter habe ich im Warmen verbracht, doch der nächste kommt bestimmt, und er sollte tunlichst ein kuscheliges Zuhause mit sich bringen. Jetzt ist es aber so, dass die aktuellen Ereignisse um Krim und Co. die halbe Menschheit in die Gänge gebracht hat, was die Abkehr von Öl und Gas angeht. Mein Ex hat mir kürzlich eine Anzeige ins Gesicht gehalten, dass selbst meine Regierung wolle, dass ich mich von der Gastherme verabschiede. Nur leider ist das, was von der Sonne gespeist wird, gerade nicht erhältlich – frühestens im Oktober, haben meine Recherchen ergeben. Da ist mir normalerweise schon einen Monat lang kalt. Was also tun, wenn man etwas ändern sollte, aber gerade die falsche Zeit dafür ist, weil alle meinen, dass jetzt gerade die richtige Zeit ist? Mein innerer roter Faden ist gefragt.

Letzten Sonntag hatte ich endlich wieder einmal einen Selfcaring-Tag für mich alleine. Ich konnte mich schon gar nicht mehr erinnern, wie lange der letzte zurücklag. Und gerade deshalb war mir sehr daran gelegen, daran festzuhalten. Allerdings wusste ich, dass genau an diesem Tag eine wunderbare Gruppe von Frauen eine so genannte Weiberroas zu einem Markt gemacht hat, um sich das Angebot anzuschauen, die Energie aufzusaugen und ein anderes Weib zu besuchen, das dort präsent war. Am Sonntag dachte ich mir noch, dass das Wetter eh viel zu nass für eine Weiberroas und es auf meinem Sofa mit Kuhmusterdecke ohnehin viel gemütlicher wäre. Und dann habe ich die Fotos gesehen, von tanzenden, lachenden Frauen im Sonnenschein, die sich gegenseitig good vibrations verschafft haben und einfach auf einer Welle durch den Tag geschwappt sind. Und da dachte ich: „Diese Gelegenheit lasse ich mir das nächste Mal nicht entgehen, auch wenn es ein Sonntag ist.“ Mein innerer roter Faden, der mich normalerweise zu meinen Entscheidungen führt, hat definitiv einen Knopf bekommen.

Bis vor wenigen Tagen reichte mein terminlicher Horizont bis Oktober, weil ich da wieder in den Flieger gen Süden steigen wollte. Voller Zuversicht schrieb ich meinem Reisebüro-Urgestein und erhielt eine eher ernüchternde Auskunft, nämlich die, dass ich mit einer vierstelligen Summe zu rechnen hätte. Da ich seit Januar diesen Jahres ohnehin auf Sparflamme brenne, um Geld für das Leben einer Fernbeziehung sichern zu können, wäre es sich bestimmt irgendwie ausgegangen. Und trotzdem: ist viel Kohle, keine Frage. Also schickte ich die gewonnenen Erkenntnisse auf die Reise ans Kap. Gute Hoffnung hatte ich dabei keine, außer vielleicht die auf Anteilnahme und Freude, dass ich den Plan zumindest angegangen bin. Was ich bekam, war aber viel besser, nämlich das Angebot, die gemeinsame Zeit in Österreich zu verbringen. Und das nicht erst im Oktober, sondern bereits im August. Und ich durfte wieder einmal mit überbordender Freude feststellen, dass das Universum auch dieses Mal seine wohlmeinenden Hände im Spiel hatte. Der umgekehrte Flug kostet nämlich nur ein Drittel – fragen Sie mich nicht, wie das funktioniert. Und es hat aufgezeigt, dass frau eben auch einmal buchstäblich in eine andere Richtung denken sollte.

Drei unterschiedliche Entscheidungssituationen, drei Herausforderungen. Die Frage ist immer, mit welcher Einstellung man diesen Situationen begegnet. Und das wichtigste Kriterium dabei: Man muss keine Entscheidungen für die Ewigkeit treffen. Ich kann mir jetzt eine neue Gastherme holen und in ein paar Jahren das ganze Haus auf Sonnenenergie umstellen. Ich kann jetzt einen Sonntag auf der Coach liegen und das nächste Mal mit Weibern ums Feuer tanzen. Ich kann meinen Teil zu einer Fernbeziehung beitragen und trotzdem der Entscheidung enthoben werden, alleine Entscheidungen treffen zu müssen. Weil es immer eine Alternative gibt, wenn die Intention dahinter stimmt. Hektik ist keine, Panik auch nicht und äußerer Zwang erst recht nicht. Wenn das alles wegfällt, kommt man in der Ruhe zur Kraft. Und die braucht man für ein „Ja“ oder ein „Nein“, egal wie lange es richtig ist. Hauptsache, der rote Faden verheddert sich nicht.

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FREITAG: Die Drei-Monate-Grenze

Von meiner Freundin, die gerade noch schwanger ist, während ich diese Zeilen schreibe, habe ich gelernt: Manchmal sollte man schweigen. Doch nach einer angemessenen Frist kann man der Freude freien Lauf lassen.

Vor kurzem habe ich einen Artikel von einer jungen Frau gelesen, die sehr darunter gelitten hat, dass sie in den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft nicht darüber sprechen durfte. Na ja, gedurft hätte sie, aber sie ist diesem mehr oder weniger ungeschriebenen Gesetz gefolgt, dass man besser schweigen sollte, wenn man ein Baby erwartet. Weil ja immer noch etwas passieren kann und man dann…ja was eigentlich? Mitgefühl erleben darf? Traurigkeit öffentlich wird? Ein Gefühl des Scheiterns hat? Diese junge Frau hat sich durch diese Schweigeprägung in so viele unangenehme Situationen gebracht, weil sie verschiedene, völlig normale Bedürfnisse einfach verschleiern musste. Und auch wenn ich selbst diese Erfahrung nie gemacht habe, dachte ich mir: Das ist nicht gesund.

Meine Freundin hatte auch diesen Antrieb, doch glücklicherweise konnte sie mir gegenüber diesen Vorsatz nicht umsetzen. Mir wäre auch ohne Hinweis aufgefallen, dass sie mich bei der Begrüßung nicht in die Höhe gehoben oder sich plötzlich ein alkoholfreies Bier gestellt hätte. Das wäre ein absolutes No-Go gewesen, und natürlich wäre mir eine Schwangerschaft als erstes eingefallen. Trotz aller Abneigungen, die im Vorfeld sehr gut argumentiert waren. Wenn man heiratet, gehört das bis zu einem gewissen Alter zum Erwartungsgepäck, zu dem man „Ja“ sagt.

Ich persönlich habe das bislang ja sehr gut vermeiden können, weil ich in der glücklichen Lage war, drei Kinder quasi geschenkt zu bekommen und sie begleiten zu dürfen. Zu ihnen habe ich „Ja“ gesagt, ohne irgendwelche externen Erwartungen erfüllen zu müssen. Etwa dass sie meiner biologischen Ausstattung zu entsprechen oder meine Träume zu erfüllen hätten. Die einzige Erwartung, die ich für mich selbst erfüllen wollte, war, ihnen Lust aufs Leben zu machen, ihre Talente anzuerkennen und die Hoffnung zu nähren, dass immer etwas Aufregendes passieren kann, das man als Geschenk betrachten darf.

Inzwischen sie sind erwachsen und leben ihre eigenen Varianten von Lebenslust, Talentemanagement und Zukunftshoffnung. Darin sind wir nach wie vor verbunden, haben einander viel zu erzählen und zu teilen. Und wie sich herausgestellt hat, gibt es auch jede Menge Menschen in fortgeschrittenem Alter, die genau das hegen und pflegen oder es zumindest wollen. Weil es dafür nämlich nie zu spät ist. Für gar nichts. Man kann jeden Tag durchs Wohnzimmer tanzen, sich in Kalligraphie stürzen und Müll einsammeln, den andere achtlos weggeworfen haben. Und man kann sich verlieben.

Und gerade die Liebe eröffnet im fortgeschrittenem Alter völlig neue Perspektiven. Denn wenn sie auftaucht, wird es zuerst einmal unangenehm. Da gibt es nichts zu beschönigen. Da kommen die alten Dämonen aus den noch älteren Kisten gekrochen und halten uns uralte Bilder vor Augen, auf denen die Beteiligten in einer Art und Weise agierten, wie sie es nicht besser wussten. Und auch wenn unser Gehirn darauf ausgerichtet ist, dass es am Ende doch mehr positive als negative Erfahrungen speichert, interessiert das die Dämonen im Angesicht der Liebe relativ wenig. Da wird herumgestochert in alten Wunden und Prägungen, und es ist meist nicht verwunderlich, dass es manche und mancher dann einfach lieber sein lässt mit der Liebe. Oder sich mit etwas zufrieden gibt, was die Oberfläche bedient, aber nie zu den sensorischen Rezeptoren durchdringt, geschweige denn zu den Blutbahnen, die uns mit Leben versorgen. Das kann funktionieren, wenn man seine Erwartungen limitiert. Doch die Frage ist: Bedeutet das Lebenslust?

Die Lebenslust hat sehr viel mit Liebe zu tun, vor allem mit der Liebe für das Leben und alles, was es mit sich bringen kann. Sie hat auch viel damit zu tun, dass man sich genau diesem Leben öffnet und neugierig auf die Wege ist, die es nehmen kann. Denn neue Wege zu beschreiten, geht nur mit Liebe. Angst ist ein schlechter Begleiter und führt nie weiter als bis zur Kreuzung. Steht dort auch noch eine Bank, auf der man es sich gemütlich machen kann, wird das Leben zäh. Und in meiner Welt ist Leben nie zäh und schon gar nicht die Liebe.

Natürlich muss am Anfang die Liebe zu sich selbst stehen, das, was uns ausmacht und zu dem wir stehen können. Denn nur wenn wir einen soliden Stand haben, trotzen wir auch Stürmen. Und wir lernen dabei den Unterschied zwischen einem warmen und einem kalten Sturm. Wer lange oder immer wieder dem Nordwind ausgesetzt war, lernt einen warmen Wind zu schätzen. Vor allem im fortgeschrittenen Alter. Da weiß man im Idealfall, dass man jahrzehntelang einem falschen Konzept gefolgt ist. Dass man aus Neugierde den falschen Menschen nachgelaufen ist. Sich ihnen vielleicht sogar angepasst und sich selbst dabei ein Stück weit verloren hat.

Und dann begegnet man einem Menschen, bei dem plötzlich wieder alles da ist. Bei dem alles, was man ist, richtig ist, weil er nicht mehr will oder braucht. Weil es wichtiger ist, was und wer man ist als das, was man tut. Weil eben alles schon da ist, was die Liebe braucht. Und die Liebe braucht nicht mehr als sich selbst. Und Lebenslust. Und Hoffnung. Keine Kämpfe, keine Spiele, keine Diskussionen. Ein Blick genügt, um die Welt als einen besseren Ort zu erleben. Doch gerade wenn man älter ist, gibt es immer wieder diese Momente, wo man bezweifelt, dass es so etwas geben kann. Und da braucht es Vertrauen, dass man Liebe immer verdient – ob mit 15, 42 oder 56. Sich drei Monate Zeit zu geben und dieses Vertrauen atmen zu lassen, gerade wenn man von Anfang an wusste, dass man einem atemberaubenden Menschen begegnet ist, habe ich gebraucht. Mich einzufinden in die Tatsache, dass ich etwas geschenkt bekommen habe, was nicht auf meinem Zettel stand. Wofür ich noch nicht einmal einen Zettel hatte. Und das vereint mich mit meiner Freundin. Wir sind beschenkt mit etwas Größerem, als es unsere Phantasie gebären hätte können. Es wird eine wunderbare Reise.

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FREITAG: Abenteuerliche Bedürfnisse

Nächste Woche begebe ich mich auf ein Abenteuer – eines, das ich bislang noch nie erlebt habe. Unglaublich, was mein Kopf in diesem Zusammenhang alles ausspuckt.

Im Grunde sieht es nach Urlaub aus, aber es ist keiner. Zumindest nicht, wie ich ihn bisher kannte. Normalerweise entferne ich mich möglichst weit aus meinem gewohnten Umfeld, um dort dann ein ziemlich einfaches Leben zu führen. Das bedeutet: Grundbedürfnisse erfüllen, also essen, schlafen, bewegen. Und als Draufgabe vielleicht noch etwas Schönes anschauen und schreiben. Mehr brauche ich nicht, vor allem aber das Alleinsein. Das Entziehen von Verpflichtungen, die ich mir selbst auferlegt habe, birgt einen unglaublichen Erholungswert für mich. Im Urlaub darf ich, muss aber nicht. Und sollte ich doch einmal müssen, habe ich zumindest die Freiheit, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann ich muss.

Nächste Woche steht also ein Abenteuer an, wie es meine Tochter bezeichnet. Etwas, was zwar vielleicht nach Urlaub klingt, aber im Grunde etwas völlig anderes ist. Ich werde in den Süden fliegen – das klingt nach Urlaub. Ich werde am Strand spazieren gehen – das klingt auch nach Urlaub. Ich werde essen und schlafen – so weit, so gut. Was allerdings anders sein wird: das Alleinsein.

Und das ist für mich das wahre Abenteuer. Herauszufinden, ob ich auch in Gesellschaft meine Bedürfnisse wahren kann oder mich schlucken lasse, weil es in dem Moment nicht anders geht. Heute morgen wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich meine Spannungskopfschmerzen nicht allein der Tatsache verdanke, dass ich wie immer vor einem Urlaub ein geordnetes Haus – beruflich und privat – hinterlassen möchte. Sondern sie sind auch da, weil ich mir über etwas Gedanken mache, was völlig sinnlos ist. Der amerikanische Philosoph Alan Watts hat einmal gesagt, dass wir die Zukunft mit den Erfahrungen der Vergangenheit betrachten und kontrollieren möchten. Was so ziemlich unmöglich ist – aus zwei Gründen.

Erstens sind wir nicht mehr dieselben Menschen, die wir in der Vergangenheit waren. Glücklicherweise! Das, was uns also in der Vergangenheit passiert ist, wird uns vermutlich bei ausreichender Lernfähigkeit nicht noch einmal zustoßen. Wenn ich beispielsweise eine Reise unternommen und dann herausgefunden habe, dass ich ob der am Ziel vorgefundenen Umstände völlig handlungsunfähig, weil fassungslos war, weiß ich jetzt: Das wird mir nicht mehr passieren. Weil ich im Idealfall bis zur nächsten Gelegenheit, eine ähnliche Aktion zu starten, ausreichend Werkzeuge zur Verfügung habe, die mir beim Drehen einer Situation helfen. Zweitens: Bei aller Liebe zum Kartenlegen und zur Astrologie – wir können einfach nicht in die Zukunft blicken. Und unsere Erfahrungen tragen uns halt maximal bis zur Gegenwart. Was morgen kommt? Vielleicht können wir unseren Teil dazu beitragen, dass es gut wird. Doch den letzten Rest Kontrolle müssen wir offen lassen, weil es immer anders kommen kann, als wir es uns denken. Und das gilt vor allem dann, wenn wir uns das Hirn zermartern wegen irgendwelcher Eventualitäten, die es zu bedenken gibt. Und ob wir eh alles bedacht haben. Die Antwort ist ein klares NEIN. Wir können nicht alle Eventualitäten bedenken, weil wir eben nur aus unserer Erfahrung heraus diese Möglichkeiten einfangen.

Als ich also heute morgen in diesen Erkenntnisraum vorgestoßen bin, ist mir eines klar geworden: ich werde in der kommenden Woche nichts anders machen können als ich es zuhause Tag für Tag tue. Und das ist vor allem, meinen Bedürfnissen zu entsprechen. Vor Entscheidungen in mich hineinzuhören, ob ich sie treffen kann oder noch warten muss. Ein Gespür dafür entwickeln, wann ich mich zurückziehen muss und wann ich offen sein kann. Daily Business eben. Das an einem Ort zu tun, der neu für mich sein wird, ist doch eine Herausforderung, die im besten Fall ein Abenteuer ist. Und weil ich mich diesem Abenteuer voll und ganz widmen will, gibt es den nächsten Blogbeitrag erst am 29. April.

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FREITAG: Wie wäre es mit einem Brief?

Kürzlich habe ich wieder einmal einen Brief geschrieben, also getippt. Und dabei dachte ich mir, dass wir alle das viel zu wenig tun. Dabei ist das eine so angenehme Art der Kommunikation.

Ich war immer schon eine leidenschaftliche Brief- und Kartenschreiberin. Zu meinem 50er hat mir eine Freundin die Post zurück geschenkt, die sie im Laufe der Jahrzehnte von mir bekommen hat. Und auch meine Mutter hat mir kürzlich eine Schatulle mit alten Weihnachtskarten und -briefen überreicht, die meine Oma aufgehoben hatte. Manche sind mit der Hand geschrieben, die meisten aber schon getippt, weil meine Handschrift schon lange nur mehr ausgewählte Personen lesen können. Und um die Freude über Post zu maximieren, bin ich irgendwann einmal davon abgekommen, Handschriftliches zu erstellen. Einmal hatte ich auch schon eine App installiert, wo man die eigenen Fotos als Postkarten verschicken kann, denn stellenweise kann man noch nicht einmal mehr Postkarten kaufen.

Heute morgen habe ich einen Podcast zum Thema Briefeschreiben gehört, und darin war tatsächlich die Rede davon, dass es Überlegungen gab und gibt, die Schreibschrift in den Schulen abzuschaffen. Finnland hat es beispielsweise schon 2016 getan, Großbuchstaben müssen es dort richten. Was bedeutet, dass ich eigentlich nach Finnland auswandern müsste. Ich schreibe nämlich schon seit Jahrzehnten mit Großbuchstaben. Die Erfahrung, dass das leichter lesbar wäre, hat sich nicht eingestellt – eher das Gegenteil. Das mag aber damit zusammenhängen, dass meine Großbuchstaben zusammenhängen und deshalb auch schon einmal die Frage auftauchte, welche Sprache das sei. Ich kann anders, wenn ich muss – von der Fähigkeit mancher Postausträger, meine Zeilen entziffern zu können, bin ich wenig überzeugt. Deshalb ist die Adresse meistens gut leserlich, der Absender wieder wie gehabt. Und wenn ich besonders viel Zeit habe, schreibe ich eine Ansichtskarte in Schulschrift – da komme ich dann schon ins Schwitzen, weil mich das Langsame daran so aufregt.

Handschrift sei Seelenschrift, lese ich im Internet. Deshalb habe ich mich auch immer sehr gesehen gefühlt, wenn jemand meine Hieroglyphen entziffern konnte. Kürzlich wurden sie als kryptisch bezeichnet, und das trifft mich wohl am ehesten. Zumindest was manche Menschen angeht, die mit mir und meiner Lebenseinstellung Schwierigkeiten haben. Nichtsdestotrotz: Ich schreibe gerne Briefe, weil sie eine so angenehme und langsame Art der Auseinandersetzung mit dem Empfänger sind. Am Wochenende habe ich „PS: I love you“ angeschaut und war wieder sehr gerührt, wie der schwerkranke Gerry Briefe für seine künftige Witwe verfasst hat, um sie durch die Trauerzeit hindurch in ein neues Leben zu begleiten.

Ich habe so etwas ähnliches einmal gemacht. Natürlich völlig kopflos verliebt, habe ich einem Mann von einer Reise eine Ansichtskarte geschrieben, in eine eher postalisch unverlässliche Gegend dieser Welt. Und der Absendeort war auch nicht störungssicherer. Zum Zeitpunkt des Schreibens war ich absolut der Meinung, dass diese Liebe (oder was ich damals darunter verstanden habe) mindestens so lange wie der Postweg dauert. Leider habe ich mich geirrt, und mein Liebesgeschwafel hat im Grunde das Zerwürfnis noch beschleunigt. Abgesehen davon wurde diese Ansichtskarte wider Erwarten auch von anderen Menschen entziffert. Unschön, aber glücklicherweise weit weg.

Inzwischen schicke ich kaum mehr Karten und Briefe, wenn ich unterwegs bin. Es gibt schließlich den Whatsapp-Status, wo man die Erlebnisfotos hineinstellen und sie erläutern kann, falls es jemanden interessiert. Die meisten freuen sich über die Bilder, und dabei bleibt es dann auch. Diesen Effekt hatten auch meine Ansichtskarten, weil sie eben nicht leserlich waren. Manches geht tatsächlich mit weniger Aufwand, aber halt auch ohne Sponsoring der örtlichen Postwirtschaft. Und deutlich ohne Hingabe.

Ich finde Briefeschreiben hingebungsvoll. Zum Weihnachtsfest schreibe ich stets welche, und das geht nicht ohne Hingabe. Hingabe an den Menschen, den der Brief erreichen soll. Hingabe an das Gefühl, das ich für diesen Menschen empfinde. Hingabe an die Sprache und den Ausdruck dessen, was ich transportieren möchte. Und was ich verstanden wissen will. Das macht nötig, sich tatsächlich in eine Gesprächssituation zu versetzen, auch wenn das Gegenüber möglicherweise weit, weit weg ist von einem selbst. Und dadurch treten wir auch einen inneren Prozess los. Denn wenn wir beispielsweise keine Idee haben, was wir dem anderen mitteilen wollen, könnte es sein, dass es besser ist, zu schweigen. Ich würde jetzt nicht soweit gehen, dass jeder Nachricht in den sozialen Netzwerken ein Brief vorausgehen sollte, um das zu überprüfen. Doch manchem und mancher möchte man das tatsächlich empfehlen. Ich erwische mich selbst immer noch dabei, dass ich unachtsam eine Nachricht absondere und dann beglückt bin, wenn mein Gegenüber großzügig genug ist, diese Unachtsamkeit zu tolerieren. Doch zufrieden mit mir selbst bin ich in diesen Augenblicken nicht. Was ich daraus lerne? Zwischen einer Nachricht und der Antwort darauf einfach ein bisschen Zeit vergehen zu lassen. Als wäre es ein Brief, der auch seine Zeit braucht, bis er den Empfänger oder die Empfängerin erreicht. Es gibt nichts, was uns drängt – außer wir selbst. Und das können wir glücklicherweise selbst in die Hand nehmen und ändern.

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FREITAG: Illustration eines Sonntags

Manchmal braucht man für Selbstfürsorge eine Anleitung. Manchmal liegt aber auch alles vor der eigenen Nase, was man dafür braucht. Und einen kleinen flauschigen Lotsen.

Vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass ich ein Faible für Illustrationen jeglicher Art habe. Auf Instagram folge ich den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen, sammle ihre Werke auf Stickern und in Schreibbüchern und drucke mir alles aus, was Lebenshilfe UND Illustration verbindet. So letztens auch einige Blätter über Selbstfürsorge im Frühling. Hübsch gezeichnet und überaus sinnvoll, dachte ich mir in den ersten Tagen der anhebenden Jahreszeit, die endlich da ist – Sommerzeit inklusive. Und ich weiß ja nicht, ob es daran lag, aber dieser eine Sonntag, an dem die Uhren vorgedreht wurden, war nicht der meine. Trotz der bunten Illustrationen.

Was mich noch am meisten freute an meinem Claudia-Tag, waren die Morgenseiten über das Chuck Spezzano-Buch. Ich habe keine Ahnung, warum ich daran so viel Spaß habe, denn einige Anregungen sind mir durchaus schon vertraut. Und doch genieße ich diese gelenkte Aufmerksamkeit, speziell an einem so blank vor mir liegenden Tag. Danach kam Sand ins Getriebe. Die Podcasts waren so gestaltet, dass ich innerhalb von zwei Minuten merkte, dass mein Kopf sonst wohin abhaute. Also setzte ich Wasser für mein Wochenend-Frühstücksei auf und backte – wahlweise buk – mir eine Kamutsemmel auf, die ich mir am Samstag auf dem Biobauernmarkt gekauft hatte. Ich fühle mich gerade wie der Prototyp einer Bobo-Frau, fehlt nur noch die Hafermilch im Matcha-Latte. Und vielleicht BIN ich eine Bobo-Frau, doch darüber denke ich ein anderes Mal nach.

Wie auch immer: Ich überkochte das Ei, weil mir irgendwas die Aufmerksamkeit raubte, an das ich mich gerade nicht mehr erinnern kann. Also legte ich ein zweites Ei ins kochende Wasser und stellte den Handy-Wecker, um mein Frühstück sicherzustellen. Alles ging gut, das Frühstück, das Anziehen, der Spaziergang danach im strahlenden Frühlingssonnenschein. Wieder daheim, rastete ich in der Sonne auf der Terrasse und schlief ein. Und dann ging es los. Was im Grunde nicht wirklich neu ist: Nach einem Mittagsschlaf bin ich grundsätzlich müder als vorher, und das ist selbst dann der Fall, wenn ich mich punktgenau an die Richtlinien eines Powernaps halte, nämlich die 20 Minuten nicht überschreite. Ich bin einfach nicht der Tagesschläfer. Den halben Tag verschlafen kann ich theoretisch schon, aber nur, wenn ich im Dunklen ins Bett gegangen bin. Was an diesem Sonntag nicht sein musste, weil ich um halb neun ausgeschlafen war.

In der frühen Nachmittagssonne richtete ich mich also von meinem orangen Handtuch auf und wusste: Mir ist heiß, ich habe Hunger und keine Lust, weder unter die Dusche zu steigen noch den Herd anzuwerfen. Ich versuchte es noch einmal mit dem Buch, bei dem mir tagtäglich die Augen zufallen, doch das erschien mir in diesem Moment sinnlos, weil ich ja eh schon überschlafen war. Auf dem Weg zu einem Glas kühlem Kurkuma-Tee ( damit steht es fest: ich bin eine Bobo-Frau!) fiel mein Blick auf den Ausdruck der frühlingshaften Selbstfürsorge.

Den ersten Punkt mit dem Bauernmarkt hatte ich schon erledigt, für den Campingausflug war nicht mehr genug Zeit übrig. Und abgesehen davon hatte ich das EINE Mal in einem Zelt alles andere als genossen. Kann also weg. Der dritte Punkt lud dazu ein, den Vögeln beim Zwitschern zuzuhören. Eine Türkentaube saß auf meinem Dach und erinnerte mich an eine nicht rückerstattete Flugreise nach Bodrum am Anfang der Pandemiezeit. Hat meine Stimmung nicht gerade gehoben, dieses Gurren im Innen und Außen. „Mach Dinge, die Dich glücklich machen“ lautete der nächste Rat, und ich grummelte vor mich hin, dass ich diese Liste nicht bräuchte, wenn ich wüsste, was mich glücklich macht. In dieselbe Kerbe fiel „Gieße Deine Träume und Ziele.“ Die waren so weit weg, dass kein Wasserstrahl dieser Welt auch nur annähernd den Topf treffen hätte können. Mich auf mein Wachstum zu fokussieren, war ebenfalls ziemlich sinnlos, denn in meiner Welt war ich gerade wieder in die Kindheit zurückgefallen, wo mir vielleicht das eine oder andere überhaupt keinen Spaß gemacht hatte. Für das Sternderlschauen war es noch zu früh, eine nährende Morgenroutine hatte ich bereits und in der frischen Luft hatte ich den Großteil des Tage bereits verbracht. An letzter Stelle fand ich „Beginne mit dem Frühlingsputz!“ Gaaaaaaaaaanz sicher niiiiiiiiiicht.

Zur Sonnenüberhitzung kam noch der innere Unmut über meine Unlust, was mich schlussendlich doch unter die Dusche und in die Küche trieb. Gemessen am Unmut war es sogar sehr gut. Und er war dann nach dem Meeresfrüchte-Gratin (ich bin ganz sicher Bobo!) auch ein bisschen besänftigt. Doch Perfektionistin, die ich bin, hatte ich den Ehrgeiz, noch ein bisschen zu optimieren. Bei indifferenter Stimmungslage kann es gar nicht gut genug werden. Ich hörte die Katze miauen, die im Fernsehzimmer lag und sich langweilte. Und während ich ihr den Winterpelz abkraulte, fiel mein Blick auf eine DVD-Box, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie sang „I‘ll be there for you“, öffnete sich praktisch von alleine und schob sich in Form einer einzelnen DVD mühelos in das Abspielgerät. Und es dauerte keine 20 Minuten, bis sich meine indifferente Stimmungslage entschieden hatte: Dieser Sonntag war doch noch ein guter Tag geworden. Und nach zehn Folgen „Friends“ habe ich mir sogar noch die Sterne angeschaut. Geht doch!

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FREITAG: Das Spiel mit der Glitzerhose

Serendipitäten zu erleben, macht das Leben spannend. Und weil sie ja immer ungebeten erscheinen, liegt es auf der Hand, darin einen Wink des Schicksals zu sehen. Und zu entdecken.

Ich gebe es zu: An manchen Tagen verbringe ich ganz schön viel Zeit an meinem Tablet, um irgendein Arcade-Spiel zu spielen. Und hin und wieder höre ich dann, dass ich meine Zeit doch wirklich sinnvoller verbringen könnte. Das habe ich dann insofern aufgegriffen, indem ich spiele, während ich mir frühmorgens nach dem Aufstehen ausgewählte Podcasts anhöre. Denn allzuviel Hirn brauche ich für das Spielen dann doch nicht, da geht Information tanken auch nebenbei. Ja, ich informiere mich wieder, allerdings versuche ich, mich aus den zwei Themen, die aktuell vorherrschend sind, herauszuhalten. Panikmache kann ich gerade gar nicht gebrauchen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Anmerkung, dass ich manchmal viel Zeit mit dem Spielen verbringe, hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn tatsächlich kann es an einem Claudia-Tag mit schlechtem Wetter schon einmal ausarten. Doch wenn ich mir dann die vorangangene Zeit genauer anschaue, stellt sich meist heraus, dass ich sehr in der Pflicht gestanden bin. Funktioniert habe, beigestanden bin, geliefert habe. Das sind lauter Dinge, die das innere Kind beobachtet, mit dem es allerdings nicht viel anfangen kann. Seine Pflicht ist es, spielen zu dürfen, ohne daran zu denken, welche Auswirkungen das hat. Sein Funktionieren besteht darin, maximal dem nachzukommen, was ihm angeschafft wird. Und beistehen tut ein Kind vielleicht einem Tier, doch mehr nicht. Wir als Erwachsene tun gut daran, dieses innere Kind zu beschäftigen – zumindest hin und wieder. Und das muss jetzt nicht unbedingt ein Computerspiel sein. Wir Frauen können uns da an den Spielzeugen der Männer ein Beispiel nehmen – die machen sich meist keine großen Gedanken, ob sie es sich nun anschaffen oder nicht. Zumindest nicht in einem gewissen Alter. Wenn sie es können, tun sie es einfach. Da geht dann ein Motorrad her, vielleicht auch ein spezielles Fitness-Gerät, manchmal auch ein Pilgergang nach Santiago de Compostela. Sie tun es einfach.

Wir Frauen tun uns erfahrungsgemäß etwas schwerer. Weil wir ja darauf gepolt sind, dass wir zuerst anderen das Spielen ermöglichen möchten. Ihnen alles freiräumen wollen, damit sie den Weg zum Spielplatz möglichst barrierefrei gehen können. Das ist Arbeit, oftmals auch gepaart mit Entbehrungen. Die schauen dann oft so aus, dass wir am Abend zu müde sind, um noch spielen zu wollen. Auf welchem Spielplatz auch immer. Und feststellen, dass andere spielen und uns vielleicht nicht mitspielen lassen, weil sie gar nicht auf die Idee kommen. Frei nach dem Motto: Man lädt ja auch nicht den Architekten ein, mitzuwohnen, wenn man in ein neues Haus zieht. Und das kann schon einmal schmerzen.

Meine Erfahrung dazu: Das Mauerblümchen darf sich entpuppen. Es hat lange zugeschaut, wie andere ihren Spaß haben. Es darf aus seiner Rolle hinausschlüpfen, den Glitzer-Jumpsuit anziehen und seine eigene Party veranstalten. Seine eigene Musik auflegen. Seine eigenen Leute einladen. Und davon gibt es genug, nämlich vor allem jene, die sich selbst das Spielen und Tanzen im Dienste anderer versagt haben. Mit jeder Mauerblümchen-Party kommt die Lust auf die nächste Gelegenheit, seinen eigenen Glitzer zu verstreuen. Und irgendwann wird daraus Glamour. Weil man nämlich begriffen hat, dass man selbst für die Party seines Lebens verantwortlich ist. Und dass es ganz und gar unattraktiv ist, darauf zu warten, bis man eingeladen wird.

Es hat viel damit zu tun, wie interessant man sich selbst findet. Ich behaupte ja jetzt nicht, dass ich mich mit meiner Glitzerhose interessanter finde als ohne. Den Prozess dahinter, der mich zum Kauf und zum Tragen einer Glitzerhose führt, allerdings sehr. Denn dahinter steht eine Attitüde, die man sich erarbeiten kann. Am besten spielerisch. Man fängt klein an und kauft sich funkelnde Socken oder bestreicht seine Nägel mit „to the moon and back“ oder „up to the sky“. Irgendwann funkelt es vielleicht an den Ohren, an den Fingern oder auf einem Oberteil. Und irgendwann einmal hängt da diese Glitzerhose, und man weiß: Jetzt bin ich bereit. Bereit, mit dem Funkeln Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und diese auch zu rechtfertigen. Eine Abkürzung gibt es nicht, da leidet die Authentizität.

Eine Glitzerhose alleine macht noch keine Party. Eine Glitzerhose ist auch noch lange keine Einladung zum Spielen. Doch sie ist immer ein Signal, dass man mutig, entschlossen ist, Lust aufs Leben hat. Sollen die anderen ihre Parties ruhig hinter verschlossenen Türen feiern – Die Glitzerhose feiert das Leben. Und das an jedem Tag, an dem sie aus dem Schrank geholt wird, Luft holen darf und Einladungen ausatmet, gemeinsam mit ihr die Party des Lebens zu feiern. Das ist ansteckend, Sie werden es erleben. Und wenn das Tanzen, Lachen und Verbinden wider Erwarten zu anstrengend werden sollte, bleibt immer noch das Tablet mit der Spiele-App. Zum Durchatmen, Pause machen und neu los starten.

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FREITAG: Von der produktiven Wut

Kennen Sie das Gefühl des wütenden Gärtnerns? Ich kann es nur empfehlen. Da geht echt etwas weiter in einem Garten, der sich endlich dem Frühling entgegen recken möchte.

Normalerweise bin ich ziemlich ausbalanciert, tue ja auch viel dafür, dass sich mein Gefühlshaushalt stabil, mein Körper genährt und mein Geist leicht ist. Und entgegen des ersten Eindrucks ist das manchmal ganz schön viel Arbeit. Denn die Luftigkeit eines Schmetterlings muss man sich erkämpfen. Eine gewisse Naturbegabung kann helfen, doch die letzten Meter kann man eben nicht fliegen. Da muss ein Schritt vor den anderen gesetzt werden, achtsam und seeeeeeeeehr reflektiert.

Achtsamkeit verdient auch der Garten, dazu habe ich ihn ja. Natürlich versuche ich auch, aus den Früchten, die er gebiert, etwas Produktives zu machen. Aber das Wichtigste ist für mich, dass er mich erdet. In diesem Sinne habe ich vermutlich einen therapeutischen Garten für meine Stimmungen und Befindlichkeiten. Die besten Augenblicke sind die, in denen ich für meinen kleinen Nachbarn wieder einmal den Weg durch seinen Wald freischlage, damit die scharfen Kanten des Schilfs seine Hände heil lassen beim Durchwühlen der Büsche. Das war kürzlich wieder der Fall, und neben der Tatsache, dass ich dem Siebenjährigen eine Freude machen konnte, habe ich auch gemerkt, wie wohltuend der Umgang mit einer Schere sein kann.

Schnippschnapp wollte ich auch am liebsten mit meiner Wut machen, die mich ausgerechnet an meinem Selfcaring-Tag befallen hatte. Doch jede Frau, die dieses Gefühl in sich zulässt – kommt ja auch nicht jeden Tag vor – weiß: So leicht geht schnippschnapp eben dann doch nicht. Ich kenne ganz wenige Menschen, die das können, die meisten davon sind Männer. Die können von heute auf morgen zum Rauchen aufhören, ihr Leben ändern oder ein Haus verkaufen, um einer Liebschaft zu entgehen. Schnippschnapp eben. Ich hänge an meiner Wut, wenn ich sie denn einmal zulasse. Das wird meine Therapeutin freuen, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Sie ist nämlich eine große Freundin der weiblichen Wut, und als ich sie noch regelmäßig sah, war sie sehr oft an meiner Stelle wütend, weil ich einfach keinen Zugang zu diesem Gefühl hatte. Inzwischen habe ich ihn.

Am vergangenen Sonntag also hat die ganze intellektuelle Strapaze in puncto Wut nichts geholfen. Da traf es sich gut, dass die Sonne vom frühlingshaft-blassblauen Himmel lachte und mich in den Garten lockte. Die Schere vom Schilfschnitt lag noch bereit und rief „Schnippschnapp“. Dieser Einladung konnte ich nicht widerstehen. Doch da ich auch bei der Gartenarbeit ziemlich systematisch vorgehe, wollte ich zuerst das festgeclusterte Laub von den Beeten räumen. Der entsprechende Besen kratzte allerdings nur an der Oberfläche, was zumindest meine Steinspirale und einen fast vermoderten Wischfetzen zutage förderte, von dem ich mir nicht erklären konnte, wie er zwischen die Blätter von Ahorn und Birke geraten war. Und die Steinspirale hatte ich auch schon fast vergessen ob der Vorkommnisse der vergangenen Monate. Und während ich jeden einzelnen Stein von der modrigen Bedeckung befreite, kam ich wieder mit meiner Wut in Kontakt. Wie hatte ich vergessen wollen, was mir in den vergangenen Jahren so wichtig geworden war? Was konnte denn überhaupt wichtiger sein als das, was uns zu uns selbst führt, was uns mit uns selbst in Kontakt bringt? Dann holte ich den Rechen.

Da ging was weiter in den Beeten, denn er nahm alles mit, was dort nicht hingehörte. Er legte den Hirschzungenfarn frei, das Stück Erde, wo der Phlox im Sommer blüht und die frühen Iris schon ihre Stengel in Richtung Sonne schicken. Das Laub war schwer, weil angesogen und durch die beginnende Verwesung aneinander gekleistert. Und ebenso schwer war dann auch die Gartentonne, die ich hinter mir durch den Garten schleppte. An Widerständen wie diesen lässt sich Wut auch gut einflechten. Dann machte ich auch an anderer Stelle schnippschnapp mit weiteren Schilfausläufern – sie sind ja Wucherer und nehmen Wutschnitte nicht übel. Vertrockneter Farn eignet sich auch gut gegen Wut, denn bringen Sie den einmal aus der Erde, wenn er beschlossen hat, dort noch mehr Wurzeln zu schlagen. Schnippschnapp hörte auch der Efeu, das Immergrün und sonstige Sträucher, die unbändig wuchsen, als gebe es kein Morgen. Für das Ende meiner Runde – und das Beste kommt ja bekanntlich am Schluss – hatte ich mir die Brombeeren aufbewahrt. Denn wenn nichts mehr hilft, dann der Kampf gegen die dornigen Blätter, in die man bestimmt dann richtig reingreift, wenn man besonders aufpasst.

Ich liebe meinen Garten. Er macht sämtliche Stimmungen mit, die ich so ausbrüte. Und er nimmt mir keine davon übel. Was sich wiederum auf meine Stimmungen auswirkt, denn nach einer tour de force wie am vergangenen Sonntag sehe ich, wie produktiv Wut eigentlich sein kann, wenn man sie in die richtigen Bahnen lenkt. Dass sie eine Kraft ist, die auf Veränderung ausgerichtet ist, und Veränderung ist ja stets eine zum Besseren. Egal, aus welcher Befindlichkeit heraus. Es war ein guter Selfcaring-Tag.

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