FREITAG: Anbandeln? Begegnen!

Einer dieser Nachmittage, an dem ein Projekt abgeschlossen ist, durchgeatmet werden kann und die Belohnung für das Tagwerk als Nachricht am Handy aufblinkt.

Ich mag diese Serendipitäten, wenn man erfahren darf, was man nicht zu wünschen gewagt hat. Und das muss jetzt nichts überbordend Existenzielles sein, sondern darf auch in normaler Schönheit des Alltags daher kommen. Zum Beispiel in Form eines gemeinsamen Kaffeetrinkens, just nachdem man die ungeliebte Buchhaltung abgeschlossen hat und Leichtigkeit brauchen kann. So geschehen letzte Woche, und ich bin immer noch dankbar dafür, weil ich es einfach liebe, wenn mein Leben im Fluss ist.

Ich fließe also zuerst in meine Gewänder und dann zum Eissalon, wo ich schon den Latte hingestellt bekomme, nachdem ich mich hingesetzt habe. Ich bin gerne Stammgast, egal wohin mich der Wind trägt. Ich habe nahezu an jedem Ort, an dem ich war, ein Stammlokal. Das ist wohl meine Art und Weise, mit den Einheimischen anzudocken, zu beobachten, zu schreiben. Geschrieben habe ich an diesem späten Nachmittag nicht, dafür begriffen, dass ich über ein bestimmtes Thema schreiben sollte. Nämlich darüber, wie sich Männer Frauen annähern.

Ich höre, dass meine Freundin – obwohl sichtlich im Entspannungsmodus und ausgestattet mit allem, was ein Bad in der Frühlingssonne wunderbar macht – von einem Mann angesprochen wurde. Jetzt gehört sie wie ich in die Kategorie, die neugierig ist, was ein Tag bringen kann. Sprich: Sie ist keinem Gespräch abgeneigt. Man kann ja was lernen, im besten Fall Erfahrungen sammeln. Doch diese Erfahrung in der Frühlingssonne hatte vermutlich mehr mit den Frühlingsgefühlen des Mannes zu tun als mit ihren. Denn sie sprudelten aus ihm heraus, als gäbe es kein Morgen, geschweige denn ein Übermorgen. Und selbst auf die immer undezenteren Hinweise, dass sie ihre Ruhe möchte, folgte ein weiterer verbaler Frühlingssprudel. Bis sie tatsächlich ihre sieben Sachen packte und umzog.

Ich hätte da ja weniger Geduld an den Tag gelegt, obwohl ich als sturer Stier sehr wohl die Disposition habe, mit den Hörnern durch die Wand zu gehen und meine Wiese zu verteidigen. Ich habe allerdings auch gelernt: Wenn es ungemütlich wird, hilft manchmal nur noch die Flucht. Vor allem, wenn das Gegenüber einfach nicht hören will. Und in meiner Welt gehört zu einem fruchtbaren Gespräch immer auch das Zuhören. Doch das scheint bei vielen Männern einfach noch nicht auf dem Anbandelungsprogramm zu stehen. Was schade ist, denn sie können wunderbare Zuhörer und Ratgeber sein, wenn sie erst einmal begriffen haben, dass sie ihre dicke Hose ruhig mal auf Diät setzen können.

Es hat bei mir eine ganze Weile gebraucht, bis ich den Mann gefunden habe, der gar keine dicke Hose braucht. Der aus einer inneren Sicherheit heraus Interesse für mich bekundet hat und damit nicht nur ein Gespräch, sondern viel mehr in Gang gesetzt hat. Weil es einfach unwiderstehlich ist, wenn man offen miteinander umgeht, nichts vom anderen erwartet und dadurch alles möglich wird. Und ich frage mich, warum das einfach nicht zum Allgemeingut wird in der zwischenmenschlichen Begegnung.

Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass wir Frauen oft eine unklare Vorstellung darüber haben, wie wir angesprochen werden wollen. Eher kugeln in unseren Köpfen Varianten herum, wie es gar nicht geht. „Deine Augen sind tief wie ein Bergsee“ zum Beispiel. Doch mit einem Kompliment einzusteigen, das freundlich und wohlwollend klingt, wäre ein Anfang. Das setzt natürlich voraus, dass wir Frau genug sind, um es genauso freundlich und wohlwollend zu akzeptieren. Augenrollen und Sarkasmus helfen da wenig, auch wenn das eine beliebte Reaktion zu sein scheint. Und dem Gegenüber den Drive nimmt, das Kompliment zu begründen oder es vielleicht ein zweites Mal zu versuchen. Das sollten wir mitdenken, wenn uns ein Mann anspricht.

Ich persönlich wurde jetzt nicht so wahnsinnig oft angesprochen, weil ich irgendetwas an mir zu haben scheine, was das Überqueren der Grenzen zwischen Starren und Sprache erschwert. Dabei kann ich den Mut, den es offenbar heutzutage braucht, um eine Frau anzusprechen, absolut honorieren. In unterschiedlichen Abstufen natürlich und in letzter Zeit freundlich, aber keinesfalls mehr interessiert. Nichtsdestotrotz: Mut gehört belohnt, zumindest mit einer angemessenen Reaktion.

Doch ich habe auch beobachtet, dass Männer häufig nicht wissen, wie sie eine Frau ansprechen könnten. Kürzlich im Flieger habe ich einen Film gesehen, wo ein Mann in einer Bar einer Frau auf die Schulter getippt hat: „Ich gehe jetzt nach Hause. Möchtest Du mich noch etwas fragen?“ Ich fand das lustig. Wenn ich allerdings gesagt bekommen würde, dass ich der wahre Grund für die globale Erderwärmung wäre, müsste ich sehr an mich halten. Die freundlichste Reaktion wäre vermutlich ein lautes Lachen. Und dann die bewährte Flucht. Angemessen, aber fokussiert. Zumindest könnte der Mann dann das Gefühl mitnehmen, dass er eine Frau zum Lachen gebracht hat.

Auf einer dieser Top 10-Listen im Internet steht ganz oben, dass Männer das Gefühl haben wollen, sie selbst sein zu dürfen. Und das kann ich absolut nachvollziehen. Wollen wir das nicht alle? Doch wenn zwei Menschen aufeinander treffen, die gar nicht wissen, wie sie selbst sind, wird es schwierig. Schwierig wird es auch, wenn einer von beiden das nicht weiß. Deshalb plädiere ich im Kennenlern-Reigen sehr dafür, zuerst einmal herauszufinden, wer man selbst ist. Und dann mit diesem Selbst Frieden zu schließen. Aus dieser inneren Kraft heraus entsteht viel mehr als nur ein Kennenlernen, vielmehr eine Begegnung. Und auf dieser Basis kann Liebe wachsen – ganz selbstverständlich und natürlich.

Die gesprochene Version dieses Textes finden Sie auf www.voll50.com/category/podcast

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