FREITAG: Blackout der Verbundenheit

Anfang der Woche hat sich wieder einmal gezeigt: Das gute alte SMS ist manchmal doch noch recht nützlich. Glücklicherweise ist mir das erst spät eingefallen.

Dieses Zeichen am Ende einer Nachricht, das besagt, dass dieselbe nicht gesendet werden konnte, hat wohl am Montag Milliarden von Menschen miteinander verbunden. „Die längsten sechs Stunden meines Lebens“ lese ich am nächsten Tag auf Instagram, während der junge Mann im Bett liegt und in sein Smartphone starrt. Ich wünschte, ich könnte das auch einmal von einer meiner sechs Stunden Lebenszeit sagen.

Irgendwie hatte ich es anfangs noch gar nicht gemerkt, dass da etwas verstopft war in unserer weltweiten Rohrpost. Erst als ich eine zweite Nachricht schicken wollte, fiel mir auf, dass die erste immer noch in Warteposition war. Wie es sich gehört, habe ich zuerst meine eigenen Fazilitäten überprüft. Da dort alles in Ordnung war, kam der nächste Check mit anderen Social Media-Kanälen. Auch da Verzögerung. Das Überprüfen des Ist-Zustandes über eine Störungswebsite zeigte: Es handelte sich um ein größeres Problem, das außerhalb meiner Macht stand. Wie groß, weiß ich erst jetzt und es übersteigt meinen Horizont: 25 Milliarden Whatsapp-Nachrichten und 54 Millionen Messenger-Nachrichten wurden nicht gesendet. 3,75 Milliarden Minuten weniger wurde über Whatsapp telefoniert. 125 Millionen Instagram-Stories konnten nicht gepostet werden und 3, 6 Milliarden Minuten wurde dort nicht gescrollt. Das alles hat die Schweizer Nachrichtenplattform Watson gesammelt. Ich kann mich nur wiederholen: Das sprengt meinen Horizont.

Mit Whatsapp-Telefonie wird also innerhalb von sechs Stunden die Zeit von über 7.000 Jahren verbracht. Unvorstellbar! Manchmal wünsche ich mir das zwar auch, doch wenn ich es so vor mir stehen sehe – also in Zahlen -, denke ich mir doch, wie gemütlich unsere 24 Stunden sind. Und vermutlich ist der menschliche Mechanismus auch gar nicht auf mehr Zeit ausgerichtet. Umso erstaunlicher ist es, wie heutzutage Verbundenheit gepflegt wird. Kolportierte drei Milliarden Menschen waren von dem Blackout betroffen, was bedeutet: Sie konnten nicht mit ihren Lieben in Kontakt treten. Sie konnten ihre Communities nicht mit Informationen versorgen. Sie konnten nicht ihre Befindlichkeiten der Welt offenbaren. „Die längsten sechs Stunden meines Lebens“ zeigt, wie wichtig, ja essentiell diese Kommunikation für Unmengen von Menschen inzwischen geworden ist.

Für mich bedeutet das einmal mehr: Ich bin wirklich froh, dass ich nicht mehr ganz jung, nicht so selbstverständlich mit Social Media aufgewachsen bin. Ich kenne eine Zeit ohne all das, wo Briefe und das Telefon die einzigen technischen Hilfsmittel waren, mit denen man Abwesenheiten überbrücken konnte. Das bedeutet andersrum, dass mir Dinge einfallen, die ich jenseits von Wischen, Telefonieren oder Posten tun kann. Meine schottische Freundin auch. Sie hatte die Gesellschaft eines Babies und hat den Blackout gar nicht wirklich bemerkt. Was interessant ist, weil sie einmal eine der am meisten begeisterten Instagrammerinnen war, die ich kenne. Ich hatte Zeit, mich mit dem Zusammenhang zwischen Mondrian und Downshifting zu beschäftigen, also damit, was wir von ihm über die Vereinfachung des Lebens lernen können. Und einfacher war das Leben auf alle Fälle, als es plötzlich still war ohne Vibrieren, Blingen oder sonstige Klingelei.

Es war für mich ein Sprung in die Vergangenheit, in jene Zeit, bevor ich aus gefühlstechnischen Gründen in diesen ganzen Social Media-Wahnsinn eingestiegen bin. Und weil manche ja von der Sieben-Jahres-Regel sprechen, die einen Lebenszyklus markiert, stelle ich fest: Die Gefühlstechnik hat sich verändert. Das Wischverhalten könnte nachziehen. Ich bin bereit dafür.

Die gesprochene Version dieses Textes finden Sie unter https://www.voll50.com/category/audio-beitraege

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