FREITAG: Kein Kreuz mit den Kreuzerln

Gerade bin ich drauf gekommen, dass ich eine Veranstaltung am 1. Oktober versäumt habe, zu der ich unbedingt wollte. Was mich zur Frage bringt: Warum nimmt die Kraft mit nahendem Jahresende ab?

Bereits vor einigen Monaten (können auch Jahre sein) habe ich mit einer Freundin die Frage diskutiert, warum man sich immer müder fühlt, je länger ein Jahr dauert. Und eine schlüssige Antwort konnte ich ihrem Argument nicht entgegen setzen, das da lautete: „Warum sollte denn am 1. Januar plötzlich wieder Kraft verfügbar sein?“ Klingt logisch, ist es vermutlich auch. Und doch mache ich jetzt schon jahrelang die Erfahrung, dass es spätestens im Oktober mit der Müdigkeit bergauf geht.

Mein Vater nennt das die Herbstdepression, was umso erstaunlicher ist, weil er bestimmt der Letzte ist, der mir eine solche unterstellen würde. Und auch sonst fällt mir niemand ein, der mich in die gedrückte Ecke stellen könnte. Vielleicht deshalb, weil ich meine Müdigkeit ganz still und heimlich zuhause pflege. Um mit meiner Mutter zu sprechen: „Geht ja niemanden etwas an.“ Und ich kann mich sogar noch erinnern – es muss September gewesen sein -, dass ich vollster Überzeugung war, dass die Kraft heuer reicht. Dank der C-Zeit. Wo ja alles so gemächlich war, so ruhig, so idyllisch, zumindest im Außen.

Eine Herbst- oder Winterdepression ist eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Krankheit, eine Spielart aus dem Reigen der saisonal-affektiven Störungen. Das erinnert mich an die Therapeutin, die mich vier Jahre lang begleitet hat und mir eine Anpassungsstörung attestiert hätte, wäre die Frage nach einer Diagnose gestellt worden. Jetzt gibt es bestimmt den einen oder die andere, die mich vielleicht tatsächlich als leicht bis mittelschwer gestört empfindet, aber dabei kommt es ja immer irgendwie auf den Referenzrahmen an. Wenn mein Steuerberater mich als besser gelaunt empfindet als 90 Prozent seiner restlichen Klienten, obwohl ich mich selbst als extrem grantig empfinde, unterstreicht das meine These. Wenn ich in Zeiten wie diesen nach Afrika fliege, finden sich bestimmt auch hier Menschen, die das als völlig gestört bezeichnen. Störungen pflastern eh schon immer meinen Weg, seien es passive oder aktive.

Trotzdem lese ich nach. Die Symptome für eine Herbst- oder Winterdepression sind eine geänderte Stimmung, reduziertes Energieniveau, Ängstlichkeit, verlängerte Schlafdauer und Appetit auf Süßigkeiten sowie Gewichtszunahme. Na dann. Externe Reaktionen zeigen mir relativ klar an, dass sich meine Stimmung nur unwesentlich verändert hat. Kommt allerdings auf das Thema an. Meine zuständige Redakteurin fragte nach meinem letzten Blogbeitrag, ob es sein könne, dass mich die C-Situation Nerven koste. Yep – sie ist wirklich ein feinfühliger Mensch. Doch jenseits des viralen Gottseibeiuns‘ bin ich recht aufgeräumt. Kein Kreuzerl bei den Symptomen.

Ein dickes dafür beim Energieniveau, doch das ist der Tatsache geschuldet, dass mein Workload momentan ungewöhnlich hoch ist. Doch das ist irgendwie meiner neu gewonnenen Hartnäckigkeit geschuldet. Wenn ich früher mal eine arbeitstechnische Ebbe erlebt habe, begann ich Projekte, die mir persönlich wichtig waren. Und wurde die bezahlte Arbeit mehr, verschwanden diese Projekte wieder in einer eigens dafür eingerichteten Schütte. Wo sie lagen und lagen und lagen. Manche finde ich heute noch, wenn ich denn mal die Zeit habe, ein wenig aufzuräumen. Doch in diesem Jahr ist das anders. Es verläuft wieder einmal nach dem Prinzip „Wer den ersten Schritt macht, dem kommt der Schöpfer entgegen.“ Und das ist ja auch überaus positiv. Was sich verändert hat, ist die Einstellung zu meinen eigenen Projekten. Denn heuer will ich sie nicht versenken, sondern dran bleiben. Und das mit aller Konsequenz. Dass mein dritter Sammelband „Voll Fünfzig und halb philosophisch“ mit eigenen Inspirationskarten, Webauftritt und Facebook-Seite in die Welt kam, ist Folge dieser Hartnäckigkeit – und es macht soooooo viel Freude! Doch die Pflege und Verbreitung des Themas „Voll Fünfzig“ macht natürlich Arbeit, die zusätzlich zur zunehmenden Schreibtätigkeit Auswirkungen auf mein Zeitbudget hat. Und in weiterer Folge auf mein Energielevel. Wenn ich in Zeiten wie diesen zwischen einem Interview über das Buch oder einem Mittagsschläfchen wählen muss, gewinnt klarerweise das Interview.

Ängstlichkeit zählt jetzt nicht zu meinen hervorstechenden Eigenschaften. Und um sicherzustellen, dass wir von einer Art Ängstlichkeit sprechen: Scheu, Schüchternheit, Bangigkeit, Zaghaftigkeit und Beklommenheit bleiben mir größtenteils erspart. Gut, ein wenig Bangigkeit und Zaghaftigkeit bezüglich meiner Reisepläne habe ich schon, doch das betrifft eher die virale Umgangsweise mit äquatorialen Reisenden. Es reicht bei weitem nicht für ein fettes Kreuzerl. Vielleicht für ein Bleistift-Kreuzerl, aber keines mit einem Textmarker.

Ach, verlängerte Schlafdauer! Eine Freundin berichtete kürzlich, dass sie einen ganzen Tag im Bett verbracht hätte. Das klingt nach Himmel für mich. Ich merke davon wenig, denn mein Körper wacht meist nach sechs bis sieben Stunden auf. Und selbst bei größter Willenskraft, noch eine Runde Schlaf dran zu hängen, wird daraus nicht mehr als ein Hin-und-Her-Wälzen. Manchmal unterbricht auch die Katze diese Bemühungen, selten der Wecker. Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Wecker hasse? Sie reißen einen genau dann aus dem Schlaf, wenn der Körper einfach noch nicht für eine andere Stellung bereit ist. Ein wahrer Segen ist es, wenn Menschen ohne Wecker exakt dann aufwachen, wenn es Zeit zum Aufstehen ist. Gibt es. Ich gehöre nicht dazu. Kein Kreuzerl.

Bleibt noch der gesteigerte Appetit auf Süßigkeiten und die damit zusammenhängende Gewichtszunahme. Seit ich entdeckt habe, dass sich in meiner Nähe eine Outlet-Dependance meines Lieblingschocolatiers befindet, habe ich jede Menge Süßigkeiten zuhause. Zusätzlich zu denen, die ich so zwischendurch kaufe. Was zur Folge hat, dass der entsprechende Lagerungsort einigermaßen vollgerammelt ist. Und immer, wenn ich mal reinschaue, denke ich mir: Ich muss da mal aufräumen. Denn Fakt ist: Mehr als vier Stücke dunkle Schokolade werden es selten, die ich mir gönne. Und wirklich auf das Gewicht wirken sie sich auch nicht aus. Ich stelle mich zwar nie auf die Waage, doch solange mir meine Klamotten noch passen, ist noch alles im grünen Bereich. Und ein leerer Bereich, wo ein Kreuzerl hinkäme.

Ich fasse zusammen: keine Herbst- und Winterdepression. Sorry, Vater. Sieht fast so aus, als würde ich eher mit fortschreitendem Jahr meine Bedürfnisse zunehmend vernachlässigen. Und insofern wäre mir mit einem Powernap ab und an schon geholfen. Mit Spaziergängen in der Herbstsonne. Mit der Aussicht auf eine Reise in die Wärme am Jahresende. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wenn ich hier ein Textmarker-Kreuzerl setze.


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