FREITAG: Tiere und Kinder gehen immer

Nach der kleinen Mückenattacke von letzter Woche kam noch eine größere, die mich tatsächlich davon abgebracht hat, zum See zu fahren. Aber grundsätzlich mag ich Tiere – auch wenn ich das jahrelang nicht wusste.

Als die Kinder klein waren, hörte ich oft die Frage, warum ich keine Tiere möge. Und meine Standardreaktion lautete: „Weil sie nicht antworten.“ Vermutlich hätte ich vor meiner Zeit mit den Kindern die gleiche Antwort gegeben, hätte man mich gefragt, warum ich keine Kinder mochte. Doch das hat sich ja dann geändert, und meine Welt wurde eine ganz andere. Kürzlich hat mich die Freundin meines Jüngsten gefragt, ob ich es sinngemäß bedaure, dieses Leben gewählt zu haben. Es konnte nur ein „Nein“ folgen, denn alles, was ich heute in meinem glücklichen Zustand bin, hat mit dieser Wahl zu tun. Auch dass sich der Kreis der jungen Menschen nach wie vor erweitert, weil die Kinder ihre Liebsten mitbringen und durchwegs eine Wahl getroffen haben, die ich nachvollziehen kann. Dass das wichtig ist, wurde mir vor Jahren durch die älteste Freundin meiner Mutter bewusst, die einmal sagte: „Man mag den Partner der Tochter, wenn er einem selbst gefällt.“ Was natürlich erklärt, warum es immer zu Reibereien zwischen meiner Mutter und mir kam – nur selten hätte sie sich den Mann ausgesucht, den ich zum jeweiligen Zeitpunkt gerade gewählt hatte. Andererseits: Ihre Wahl war nach einzelnen Testversuchen jetzt auch nicht gerade das Gelbe vom Ei – am ehesten noch das Gelbe von Tausendjährigen Eiern. Die sind zwar eine Delikatesse, aber das sind Stierhoden auch. Und ich muss wirklich nicht alles mögen.

Mein Verhältnis zu Tieren war lange ein wirklich schwieriges. Es begann mit einer erfrorenen Schildkröte, zog sich über eine falsch ernährte und deshalb verhungerte Wüstenspringmaus bis hin zu einer erstickten Streunerkatze. Doch irgendwann fiel mir auf, dass Tiere mich suchten – wie Kinder. Und da begann ich zu akzeptieren, dass sie in mir irgendetwas sahen, was ich selbst nicht wahrnehmen konnte. Meine jetzige Katze, die mir ja nicht gehört, aber trotzdem nicht von mir ablassen will, ist jetzt schon fast fünf Jahre in meinem Alltag, und selbst wenn sie eigentlich als Zimmerkatze gepolt war, schlägt sie sich in der freien Wildbahn meines Gartens tapfer. Wenn eine rote Katze unter dem Tor durchschlüpft, wird sie extrem aggressiv, und das ist deshalb putzig, weil es dem Eindringling herzlich wurscht ist, dass die Kleine faucht und grummelt. Was nicht passiert, wenn der Haus-und Hof-Igel durch den Garten kruschelt. Den schaut sie sich in aller Ruhe an und toleriert es sogar, wenn er von ihrem Teller frisst. Nicht, dass der Gute zu wenig Futter finden würde – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Schnecken ich heuer schon von meinen Dahlienschößlingen, Malven und Astern heruntergeklaubt habe! Und offenbar haben sich auch Tigerschnecken angesiedelt, die eine Freundin zwar als positiv bewertet, weil sie die Eier der anderen Nacktschnecken fressen, doch auch vor meinen Pflanzen nicht Halt machen. Ein typisches Beispiel von „Nichts Schlechtes, wo nicht auch etwas Gutes daherkommt“ – trotzdem: bitte nicht in meinem Garten, auch nichts Getigertes. Kleopatras Tiger reichen mir.

Wie schon öfters an dieser Stelle erwähnt, finde ich das Zusammensein mit meiner Katze meistens ziemlich entspannend. Und wenn sie mir während des Meditierens auf dem Bauch liegt und so dreinschaut, als würde sie jede Silbe des Mantras verstehen, gelingt mir das innere Lächeln besonders gut. Diese Woche allerdings war sie unruhig. Und den Grund dafür merkte ich erst dann, als etwas auf meiner Nase kitzelte. Als ich das Etwas verscheuchte, merkte ich, dass die Katze ihren Blick ruckartig nach links warf. Und da war ich dann doch neugierig, was mich irritiert und aus dem Mantra geworfen hatte: eine kleine grüne Heuschrecke. Sie machte ein paar Sprünge und verschwand dann hinter dem Sofa – vermutlich wird sie dort ihr Ende finden, denn selbst der Saugroboter findet dort von alleine nicht mehr heraus. Der Vater meines kleinen Nachbarn würde sagen: „Wieder ein selbstmordwilliges Tier, dass dich gefunden hat.“ Ha, ha.

Ich höre, dass Heuschrecken ein Symbol für eine zerstörerische Kraft sein sollen, die aus dem „Rauch“ oder Einfluss des Schlundes hervorkommt, um die Menschen, die nicht das Siegel Gottes an ihrer Stirn haben, zu stechen und quälen. In diesem Sinne: Gott! Das Ding ist noch nicht einmal so groß wie ein Glied meines kleinen Fingers. Doch da ja alles nur eine Frage der Interpretation, wahlweise des Glaubens ist, finde ich eine andere Symbolik, nämlich bei den Chinesen. Für sie ist die Heuschrecke eine für Glück und Wohlstand, weil man die viermalige Häutung als ein Symbol der Seele ansah. Das klingt doch sehr viel besser und optimistischer, finde ich. Da ich meinen Mückenstich auf der Stirn wahrlich nicht als Siegel Gottes betrachten möchte, gefällt mir die Idee viel besser, dass meine Seele sich häutet. Und gerade in diesem Jahr, in dem so vieles anders ist als früher, ist das wohl auch notwendig und hochwillkommen.

Vielleicht krieche ich doch noch unter das Sofa und versuche, die Heuschrecke zu retten. Wenn die Katze sie nicht schon gefressen hat – Heuschrecken sollen ja auch Delikatessen sein. Nicht nur für Stubentiger. Doch es gibt offenbar ethische Bedenken dagegen bezüglich aufwendiger Zucht und langer Transportwege. Was man alles lernt, wenn einem ein Grashüpfer auf die Nase springt! Ob ich beim Meditieren das nächste Mal den Mund offen lasse, damit einer reinspringen kann, überlege ich mir trotzdem noch.

FREITAG: Das juckt mich gar nicht!

Bei einheimischen Spinnen bin ich relativ angstbefreit, die Urangst vor der Schlange habe ich auch abgelegt, doch wenn ich es surren höre, wird alles zum Drama.

In den vergangenen Jahren habe ich doch einigermaßen fundiert gelernt, wie ich so schnell wie möglich zu meiner Contenance zurück finde. Meditieren hilft, den Ameisen beim Melken der Blattläuse zuzusehen auch. Ein rascher Spaziergang zu rhythmischer Musik tut ebenfalls gut, wie Lachen, Schreiben und Gartenarbeit. Doch gerade letzteres ist momentan etwas mühsam, weil ich hier das Zufriedenheitsparadoxon erlebe. Das bedeutet: positive und negative Gefühle gleichzeitig wahrzunehmen. Das Graben, Umtopfen und Arrangieren der Beete ist etwas Wunderbares; dass mich dabei Stechmücken umschwirren, die gerade aus ihren Eipaketen auf der Oberfläche meines Teichs entkommen sind. Und hurrrrrrraaaaaa – da ist ja auch gleich eine Nährstoff-Lieferantin! Auch am See freuen sie sich schon auf mich, was zur Folge hat, dass ich selten ohne zusätzliche Polka Dots heimfahre. Es gibt ja in meiner Welt kaum ein ähnlich befriedigendes Gefühl als das Kratzen einer juckenden Hautstelle. Doch das ist tricky, weil es zwar kurzfristig Linderung verschafft, danach umso mehr juckt. Also lässt der vernunftsbegabte Mensch tunlichst vom Schaben ab und schmiert eine Salbe drauf. Die man genauso tunlichst immer dabei hat, weil es ja immer zum Jucken anfangen kann.

Und das ist bei mir eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Ärgere ich mich, juckt es mehr. Und juckt es, ärgere ich mich schneller. Da helfen dann weder Ameisen noch Meditationen, das Lachen vergeht und die Spaziergänge fallen aus, weil die Kleidung genau dort kratzt, wo der Stich ist. Meistens dauert es eine Weile, bis mir der Zusammenhang zwischen Ärger und Jucken klar wird. Und deshalb habe ich mich gestern über den Autor eines Zeitungsartikels geärgert, der die persönlichen Befindlichkeiten rund um seinen 50. Geburtstag beschrieben hat. Das Kribbeln hat begonnen, als er feststellte, dass für einen Mann in diesem Lebensabschnitt praktisch kaum mehr etwas passiert, weil alles meistens irgendwie läuft. Aus dem Kribbeln wurde Jucken bei der Textpassage, wo er darüber fabuliert, dass er für die neue Unbeweglichkeit in Geist und Körper dankbar ist. Zu kratzen begonnen habe ich mich, als ich „Das leicht Dödelige, nicht mehr ganz Frische, ein bisschen Langsame kommt gut“ lese. Auch seine These, dass man als Junggebliebener für einen jungen Menschen kein angenehmes und interessantes Gegenüber mehr ist, trägt nicht dazu bei, dass ich von dem Mückenstich ablasse. Von ihm habe ich auch das Wort „Zufriedenheitsparadoxon“ gelernt, das offenbar vor allem Männern um die 50 zugeschrieben wird.

Bevor es in meiner Kniekehle zu bluten begann, fiel mir auf, dass sich die Katze bereits seit geraumer Zeit leckt. Jetzt ist sie eine Schönheit, und da ist ausgiebige Pflege ein Muss. Doch 20 Minuten? Ich schaute um die Ecke meines Tisches und sah irgendwelche Flüssigkeitsspritzer auf dem Boden. Jetzt muss man wissen, dass sie sich vor einigen Tagen ziemlich verletzt hat und seither mit einer dicken Backe herumgelaufen ist. Essen fiel schwer, was zu der Erfahrung führte, dass man auch Trockenfutter pürieren kann, wenn man das Viech am Leben halten will. Irgendwann konnte sie wieder selbständig snacken, doch die Schwellung blieb. Die Neugierde trieb mich dann doch dazu, aufzustehen und diese Tropfen auf dem Parkett zu überprüfen. Und siehe da, die Katze hatte sich die halbe Wange selbst abgerissen, die offensichtlich voller Eiter gewesen war. Noch bevor ich sie loben konnte für ihre Tapferkeit, rannte sie vor mir und ihren Körperflüssigkeiten davon. Und da stellte ich fest: Es juckt nicht mehr.

Ich setzte mich wieder zu meinem Artikel und stellte fest, dass mir dieser Mann im Grunde leid tut. Weil er Sprachenlernen als lächerlich abtut, weil ihm zu Liebe nur „stille Genügsamkeit“ einfällt. Und weil ihm an die hunderte Momente in seinem Leben einfallen, die er lieber nicht erlebt hätte. Während meiner perimenopausalen Phase habe ich ein großartiges Buch gelesen, in dem die Autorin erklärt, dass Frauen dann wieder neu anfangen, wenn Männer langsam mit dem Leben abschließen. Und dass sich daraus die größten Konflikte in Partnerschaften ergeben.

Die finale Gelassenheit erreicht mich an dem Punkt, wo mir klar wird, dass dieser Mann mit meinem Lebens nichts zu tun hat. Und dass ich auch keine Männer wie ihn in meinem Leben habe, wahlweise brauche. Für mich ging es um die 50 erst los mit dem selbstbestimmten Leben, mit der Lust auf die Freiheit, mit der allumfassenden Liebe. Und die ist weder still noch genügsam, sondern offen, neugierig und voller Tatendrang. Deshalb gibt es jetzt auch das dritte „Voll Fünfzig“-Buch mit ausgewählten Beiträgen aus diesem Blog. Und es ist richtig dick, weil ich mit über 50 aus dem Vollen schöpfe. Ich bin dankbar für diesen Reichtum und denke nicht im Traum daran, leicht dödelig zu werden oder dem etwas Positives abzugewinnen. Juckt mich gar nicht.

FREITAG: Sonntagsidylle

Gar nicht so einfach, in die Tasten zu hauen, wenn der Laptop auf den Oberschenkeln wackelt. Entweder bekommt man einen Buckel oder der Bauch klappt nach vorne. Doch im Freien schreiben muss heute einfach sein – ganz besonders an einem Sonntag.

Das Schöne am Sommer ist, dass so vieles unter freiem Himmel stattfindet. Weshalb es mich ja im Winter immer nach Süden zieht, weil ich diesen Frischluftzustand einfach gerne verlängere. Daraus wird heuer vermutlich nichts, es sei denn, es geschieht ein Wunder. Und auch wenn ich in den vergangenen Jahren gelernt habe, in Wundern zu denken und sie daher auch erleben zu dürfen, bin ich doch schwer skeptisch, ob die Umstände so lange stabil bleiben werden, dass ich ohne Test und Quaratäne wie gewohnt von einem Kontinent zum anderen schweben kann. Das bereitet mir und meiner Haltung ziemliche Probleme, aber da ich eh nix ändern kann, lasse ich die Zeit (und die Labore) für mich arbeiten.

Umso mehr fokussiere ich mich auf das Fleckchen rund um mich herum. Bei Temperaturen über 30 Grad ist die Versuchung groß, an einen See zu fahren. Doch heute ist Sonntag, und das wissen auch alle anderen, die schwitzen. Und deshalb widme ich mich heute dem Selfcaring zuhause. Das hatte ich jetzt eine Zeitlang nicht; warum, habe ich vergessen. Und fast habe ich auch vergessen, was für ein Segen es ist, einen ganzen Tag selbst darüber zu entscheiden, was man tun und lassen möchte.

Ich habe heute das Anziehen gelassen. Den Tag im Badeanzug zu verbringen, hat mehrere Vorteile, für die man kein größeres Gewässer braucht. Man schwitzt weniger. Man kann spontaner unter de Gartendusche hüpfen. Man fühlt sich wie im Urlaub. Ich habe heute meine Verköstigung insofern unterlassen, dass ich – abgesehen vom Kochen eines Eis – einfach das gegessen habe, was essfertig zur Verfügung stand. Ab morgen koche ich mich ohnehin um Kopf und Kragen, weil ich mehrmals Gäste haben werden. Insofern genieße ich gerade das eine oder andere zähe Colafläschchen, das mir ein Gefühl von Kindheit schenkt. Alles, was irgendwie gummiartig schmeckt, ruft dieses Gefühl in mir hervor. Und Hallo! Im Radio läuft gerade „The way we were“.

Ich liebe die Serendipitäten meines Lebens. Und nein, ich werde jetzt nicht zum Folgelied „It started with a kiss“ in der Erinnerungskiste kramen.

Obwohl Musik natürlich auch zum Selfcaring gehört. Ich habe einen neuen Soulmusik-Sender entdeckt, der den perfekten Soundtrack für diesen Sonntag liefert. Warum bei mir zuhause immer Musik laufe, wurde ich kürzlich gefragt. Und zugegebenermaßen konnte ich nur sagen, dass ich das gewohnt bin. Aus Colafläschchen-Zeiten. Ohne Musik war irgendwie alles nichts. Selbst heute merke ich, dass ich nur eine begrenzte Zeit ohne Lieder aushalte. Das hat mit Leichtigkeit zu tun, die Musik in mir weckt; viele Erinnerungen sind mit bestimmten Stücken untrennbar verbunden. Früher konnte das eine oder andere einen Melancholieflash auslösen. Inzwischen tanze ich auch zu jenen, die mich früher zu Tränen gerührt haben. Und das meine ich nicht ausnahmslos positiv. Doch wenn es ein Zeichen gibt, dass ich mich entwickelt habe, dann ist es genau das. Sich von unangenehmen Erinnerungen nicht mehr triggern zu lassen, sondern jedes Lied als Bestärkung zu feiern, dass man überlebt hat.

Dass Weisheit nicht automatisch mit dem Alter kommt, habe ich heute gelesen. Auf meiner hölzernen Liege, mit der schlafenden Katze nur einen Armlänge entfernt erfahre ich, dass Weisheit nur jenen zuteil wird, die auch wirklich Jahr um Jahr bereit sind, sich selbst, seine Erfahrungen und Einsichten immer und immer wieder zu hinterfragen, sie neu zu bewerten und daran zu wachsen. Da habe ich ja gar keine so schlechten Karten, eine weise alte Frau zu werden. Doch die Autorinnen des Artikel beruhigen auch jene, die das nicht auf sich nehmen wollen – ihnen helfe der reiche Erfahrungsschatz, der zu hoher sozialer Kompetenz und erfolgreicher Anpassung an soziale Gegebenheiten beiträgt. Das sei genug, um Vorbild zu sein. Ich könnte es mir leichter machen? Vielleicht im nächsten Leben.

Mein abschweifender Blick fällt auf eine ziemlich wilde Rabatte, in der Fetthenne, Essigbaum und Goldruten um Platz rittern. Und weil ich mir heute vorgenommen haben, im Wechsel vertikal und horizontal zu agieren, hole ich Schaufel und Schere. Bald ist ein Haufen beieinander, der in die Biotonne wandert. Der gekaufte Lavendel bekommt einen größeren Topf, die den Weg überwuchernden Bergenien werden geteilt und an anderen Orten des Gartens eingesetzt. Ja, in Momenten wie diesen habe ich das Gefühl, dass ich in meinem eigenen Gartencenter lebe – alles ist schon da. Das ist übrigens eines dieser Wunder, von denen ich vorher gesprochen habe. Lässt man die Natur machen und bringt ausreichend Geduld mit, vermehrt sich vieles von selbst oder siedelt sich freiwillig an. Man braucht offene Augen und ein bisschen Gefühl für das, was man sich unter Ordnung vorstellt. Der Rest ist reiner Genuss, besonders an Tagen wie dem heutigen, an dem ich das endlich mit großer Muse wahrnehmen kann.

Jetzt im Radio „We are family“, und da passt es ja ganz wunderbar, dass ich heute einen Mittagsschlaf in meiner neuen Liegehütte gemacht habe. Ursprünglich als Aufenthaltshütte mit Tisch von den Kindern und ihrem Vater errichtet, hat sie sich in dieser Funktion nie durchgesetzt. Der Tisch war zu niedrig, die Sitzfläche zu hoch. Also beschloss ich, die u-förmige Bank zu schließen und als Liegefläche zu nutzen. Das Dach ist durchsichtig, was mich den nächsten Regenguss herbeisehnen lässt, damit ich ihn in der Hütte erleben und den Tropfen beim Trommeln zuschauen kann.

Wie der Springbrunnen im Teich bin ich heute durch den Tag geplätschert, und diese Entspannung hätte ich als Badesardine am See vermutlich nicht erreichen können. Es wäre vermutlich der Aktivitätenplan für die anstehende Woche entstanden, ein äußerer Kampf mit den Mücken und ein innerer mit den Gesprächsthemen der Menschen um mich herum losgebrochen. Das alles habe ich mir erspart. Indem ich ganz antizyklisch daheim geblieben und dem Herdentrieb widerstanden habe. Ab morgen treibt mich mein Leben eh wieder vor sich her. Ich freue mich darauf.

FREITAG: Sechs Kelche

Normalerweise werde ich leicht unruhig, wenn ich bei einer Kartenlegung eine Karte erwische, die einen Impuls aus der Vergangenheit ankündigt. Doch mit etwas Gelassenheit entsteht daraus etwas sehr Schönes.

Es gibt da diese eine Tarotkarte, die einen Buben und ein Mädchen zeigt, das von ihrem Gegenüber einen Kelch mit einem Stern und Blumen überreicht bekommt. Die „Sechs der Kelche“ steht für Erinnerungen sowie den Traum von Glück und Harmonie. Sie sprang in letzter Zeit beim Mischen ziemlich häufig aus dem Kartendeck, und ich machte mir schon Sorgen. Denn wenn die Gegenwart voll ist – wo soll da noch Platz für die Vergangenheit sein mit allem, was daherkommen kann?

Ich blieb also vorsichtig gelassen und wartete ab. Und lange dauerte es nicht, bis sich Entsprechendes einstellte. Zuerst in Form einer Reisebekanntschaft, die sich aus einem für mich ziemlich unlustigen Aufenthalt in Tansania ergab. Noch heute wundert mich das, denn in dieser Zeit war ich medikamentenbedingt nicht wirklich ich selbst. Doch selbst als ich wieder von den verschiedenen Substanzen befreit war, hielt sich der Kontakt und ging in nahezu jährliche Treffen über. So eben auch jetzt. Natürlich spielten Erinnerungen beziehungsweise deren Auffrischungen auch bei diesem Treffen eine Rolle. Ich hatte aufgrund meiner Bedenken bezüglich dieses Landes wenig Neues anzubieten, mein guter Bekannter schon. Doch abseits von den Erinnerungen und der gemeinsamen Liebe zu Afrika stellte sich einmal mehr heraus: Der Traum von Harmonie hält auch im Wachzustand. Denn ich kenne kaum einen Mann, der derart easy going und leicht in den verschiedensten Facetten des Lebens ist. Zeit mit ihm zu verbringen, ohne auch nur einen Moment gestresst zu sein oder in die Bedürfniserfüllungsschiene zu geraten, war wirklich eine große Freude. Nächstes Jahr bin ich wieder dran mit dem Gegenbesuch, und ich bin zuversichtlich, dass sich an der Entspanntheit der gemeinsamen Zeit wenig geändert hat.

Die zweite Erfüllung der sechs Kelche flatterte in Form einer Einladung ins Haus. Ein Schulkollege hatte beruflich in meiner Stadt zu tun und lud mich zu seiner Pressekonferenz ein. Jetzt ist es ja so, dass vieles, was mit meiner gymnasialen Zeit zu tun hat, eher negativ besetzt ist. Die üblichen Verdächtigen: Lehrer, Lernunlust, Lebenssinn. Die Klassengemeinschaft war in Grüppchen gespalten und in ihren Zirkeln sehr exklusiv. Die „Tribes“ von meinem Schulkollegen und mir waren denkbar unterschiedlich, eine Schnittmenge ergab sich nur, weil wir zur selben Zeit am selben Ort zu sein hatten. Er war das naturwissenschaftliche Genie, das darüber sprach und sich mit Themen beschäftigte, die mich damals nicht einmal peripher interessierten. Weshalb ich damals hauptsächlich mit Abgrenzung beschäftigt war, damit ich in meiner romantischen Träumerlein-Blase bleiben konnte. Auf meine mangelnde Begabung für das, was man heute MINT nennt, möchte ich der Vollständigkeit aber auch noch hinweisen. Dass ich im Chemieunterricht Gedichte geschrieben habe, hat mein Standing bei den MINT-Lehrern kaum gefestigt. Aber hey, ich habe überlebt!

Am Morgen vor der Pressekonferenz schrieb ich mir wie jeden Tag die nächtlichen Flausen aus dem Kopf und überlegte, wie die Begegnung mit meinem Schulkollegen wohl ablaufen würde. Ich bin ja überhaupt keine Freundin von Klassentreffen, was bedeutet: Ich habe ihn seit 35 Jahren nicht mehr gesehen. Zwischen den Jahren hatte ich zwar einmal ein berufliches Telefonat mit ihm geführt, und damals war schon angeklungen, dass aus dem genialen und fokussierten MINTler doch ein gerüttelt Maß an Selbstreflexion sprach. Doch auch das ist inzwischen Jahre her, und man weiß ja, dass sich manche Eigenschaften aus der Jugend mit zunehmendem Alter verfestigen. Insofern: Wen würde ich vorfinden? Und wie kann ich den naturwissenschaftlichen Minderwertigkeitskomplex ausbremsen?

Ich traf eine Entscheidung und beschloss, meinen Mitschüler als vollkommen neuen Menschen zu begreifen. Es heißt ja, dass sich der Körper eines Menschen alle sieben Jahre erneuert. Insofern ist von dem „alten“ Menschen tatsächlich nichts mehr übrig. Von mir übrigens auch nicht. Schließlich hatte ich durch meine Kinder feststellen dürfen, dass gewisse Mathekenntnisse doch geblieben waren und auch mein Denksystem eine gewisse analytische Qualität entwickelt hatte. Insofern fuhr ich zuversichtlich zu dem Termin.

Ihn äußerlich zu erkennen, war dank Dr. Google kein Problem, und ich konnte seine Freude über mein Kommen empfinden. Mir ging es genauso, auch wenn ich das vor 35 Jahren kaum geglaubt hätte. Ich nahm am Ende der Tafel Platz, entspannte mich und ergab mich der Beobachtung. Und siehe da, es gelang. Nämlich jenen Menschen wahrzunehmen, der am Podium seine Anliegen ausführte, mit Engagement und Kompetenz. Und fast alles, was früher mal gewesen oder nicht gewesen war, auszublenden. Das geschah noch nicht mal unter Aufbietung meiner sämtlichen Motivationsmuskeln, sondern ganz einfach. Klar, es gab das Band der gemeinsamen Schulzeit, doch unser beider Entwicklung war zu offensichtlich, als dass sie hätte negiert werden können. Das zu entdecken, schenkte unglaublichen Frieden.

Nach der Veranstaltung standen wir noch kurz beisammen, und ich erzählte ihm von meinem morgendlichen Entschluss, mit offenem Herzen auf die Begegnung zuzugehen. Vor Freude umarmte er mich, und da wusste ich, dass die Entscheidung richtig war. Nämlich die, jedem Menschen Entwicklung zuzugestehen. Ob es die eigenen Eltern, Freunde oder man selbst ist – unser „Work in progress“-Status ist immerwährend. Sich dem Fluss hinzugeben, statt um alteingesessene Pfründe oder Überzeugungen zu kämpfen, macht das Leben, wie es sein sollte: leicht. Heute treffen wir uns noch einmal auf einen privaten Kaffee. Die Schnittmenge hat sich vergrößert.