FREITAG: Gute Nachrichten vor der Pause

Interessanter Morgen, der mir in dieser Woche begegnet ist. Und er hat mir gezeigt, dass sich nicht alles um Dystopien drehen muss, also darum, was man als wenig wünschenswert betrachtet.

Natürlich geht es in der aktuellen Nachrichtenlage nicht nur darum, an den Rosen zu schnuppern. Doch glücklicherweise hat uns die Technologie befähigt, uns genau das auszusuchen, was wir wollen – oder eben nicht wollen. Und mich mit einer wenig wünschenswerten Zukunft zu beschäftigen, gehört da absolut dazu. In Zeiten wie diesen muss ich mich auch ohne Nachrichten-Input daran erinnern, dass wir die Zukunft nur mit dem Wissen aus der Vergangenheit einschätzen können, und da ist automatisch immer ein Unsicherheitsfaktor dabei. Schließlich ist die Zukunft vor allem eines: mitnichten absehbar.

Umso wohltuender empfinde ich es, wenn das Programm in meinem bevorzugten Radiosender das berüchtigte Sommerloch – das ich persönlich nie erlebt habe – mit einer Reportage über einen Friseursalon in Israel füllt. Ich lausche dieser Serie schon seit geraumer Zeit, weil ich selbst mit Spannung immer meinen Haarkünstler besuche und dabei beobachten kann, womit er jenseits von Waschen und Schneiden befasst ist. Nämlich mit den Problemen und Anliegen seiner Kundschaft. Die Kundschaft dieses israelischen Haarsalons hat Läuse. Und ja, offenbar ist das dort durchaus verbreitet. Ich hatte ja das Glück, dieses Problem bisher aus meinem Leben fernhalten zu können, und ich habe auch nie darüber nachgedacht, dass man von Ungeziefer auch als erwachsener Mensch befallen werden kann. Die Betreiberin dieses Salons ist gelernte Graphikdesignerin, die diese Marktlücke entdeckt und für sich genutzt hat.

Jetzt kann ich mir angenehmere Berufszweige vorstellen, für die man sich als Zweit- und Drittkarriere entscheiden könnte. Doch die Hauptsache ist stets, dass man Freude und Erfüllung dabei empfindet, womit man einen Großteil seiner Tage verbringt. Und ich kann mir vorstellen, dass es sehr erfüllend ist, wenn man der Kundschaft irgendwann einmal mit diesem Nissenkamm durch die Haare fährt und verkünden kann, dass der Mikrokosmos rund um das Kronenchakra wieder rein menschlich ist. Ich persönlich gehe ja mit dieser Haltung auch zu Ärzten, speziell zum Zahnarzt. Denn besonders hier hat man immer die Wahl. Entweder fürchtet man sich vor dem Bohren, Schaben, Spritzen oder man konzentriert sich darauf, dass es einem danach idealerweise besser geht. Weil der Zahn nicht mehr schmerzt, weil der Zahnstein weg ist, weil der Eiterherd trockengelegt wurde. Das sind auch gute Nachrichten, und noch dazu vor der eigenen Haustüre.

Um meine eigene Haustüre werde ich mich auch in den kommenden zwei Wochen kümmern. Und das bedeutet, dass ich eine Arbeitspause machen werde. Ob es Urlaub wird, kann ich erst danach sagen. Ich habe natürlich eine Vorstellung von den nächsten 14 Tagen, wie sie sein sollten, aber auch, wie sie sein könnten. Und das allein ist der beste Beweis, dass ich eine Auszeit dringend nötig habe. Denn wenn ich mich selbst nicht mehr davon abhalten kann, Dystopien zu entwickeln, ist es höchste Zeit, abzutauchen. Haben Sie eine gute Zeit, tauchen Sie weiter ein in den Sommer und bleiben Sie im Moment. Ich melde mich, wenn ich den Abstecher in die andere Welt bis zur Neige ausgekostet habe.

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Den nächsten Blogbeitrag gibt es wieder am 25. August 2022.

FREITAG: Die Welt als Inspiration

Ich gebe es zu: Meine Pippi Langstrumpf-Welt ist mir heilig. Doch wenn ich Kontakt zur Außenwelt bekomme, macht mich meine Einstellung nachdenklich.

Dieser Moment, wo eine mittelgroße österreichische Landeshauptstadt zum Kulturnabel der Welt wird, hat etwas Magisches. Und am Anfang der 47 Tage Trubel an der Salzach steht traditionell die Eröffnung der Festspiele mit allem Brimborium, das so ein Festival verdient. Wunderbare Musik, aufgeräumte Gäste, elegante Garderoben – und inspirierende Reden. Ihre Inhalte scheinen sich wie Wind durch die Gassen zu verteilen, denn selten treffen sich an einem Ort begabte Redner und Rednerinnen im Dienst der Kultur. Dass sie eine Stadt mit Magie erfüllen kann, erlebe ich seit Jahrzehnten, auch wenn das dazu führt, dass in diesen Tagen die Kaffeepreise deutlich in die Höhe rutschen.

Doch das mit den steigenden Preisen erleben wir ja schon seit geraumer Zeit. Und selbst wenn wir es nicht merken würden, gäbe es noch die Medien, die von nichts anderem reden – und das nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Einer Umfrage in München entnehme ich, dass die Menschen einerseits um 30 Prozent mehr Bio-Produkte kaufen, sich im Zweifelsfall aber dann doch für die Eigenmarke des jeweiligen Handelskonzerns entscheiden. Es ist von Sparmaßnahmen die Rede, weil mit dem vermutlich knapper werdenden Gas im Herbst auch der Gürtel enger eingelocht werden müsse. Und das alles, weil ein Mann an der Moskwa keinen anderen Kanal für sein Ego finden kann als jenen, Fortschritt rückgängig zu machen. Gut, ich möchte hier nicht politisch werden, die Reden des heutigen Vormittags drehten sich ausreichend um Situationen dieser Art.

Und bei allem richtigen, was über Krieg, zerstörte Umwelt und mangelndes soziales Miteinander in diesen Stunden gesagt wurde, stand auch die Frage im Raum, ob man denn feiern dürfe, während andere um ihr Überleben kämpfen. Diese Frage stellt sich immer wieder in einer Welt zwischen Schwarz und Weiß. Darf man das Werk eines Schriftstellers lesen, obwohl er bei der SS war? Darf man die Musik eines Künstlers gut finden, dem kein besonders gesundes Verhältnis zu Kindern nachgesagt wird? Darf ich mir einen Film anschauen, der von einem Mann produziert wurde, während er auf irgendeinem Sofa eine Frau sexuell genötigt hat? Natürlich ist ein NEIN einfach, weil man danach seine Ruhe hat. Weil man sich mit unangenehmen Themen wie diesen nicht mehr beschäftigten muss. Doch in meinen Augen ist diese Welt vieles, nur nicht einfach. Und das gerade finde ich spannend.

Weil es zum Nachdenken anregt über die wirklich wichtigen Dinge, über die persönliche Ethik, die eigene Haltung zur Welt. Wie man Menschen begegnet, wie man Situationen immer neu einschätzt, wie wir uns in einer sich verändernden Welt zurecht finden. Dazu braucht es Inspirationen wie jene, die ich heute einsaugen durfte. Und natürlich braucht diese Welt die Kultur, ganz einfach, um aus der Distanz zum Alltag durchatmen zu können und eine vielleicht andere Position zu den Dingen zu finden. Mein Ältester hat irgendwo gelesen, dass sich die Vibration der Welt in einen positiven Bereich hebt – langsam, aber stetig. Und ich stimme mit ihm überein, dass jeder und jede von uns dazu beitragen können. Ob es eine direkte Freundlichkeit ist, die leidenden Menschen zugute kommt oder ob es tatsächlich nur der tägliche Vorsatz ist, Freundlichkeit zu leben, sobald man das Haus verlässt – das Mindeste ist, auf das Schöne dieser Welt zu schauen. Denn das gibt es auch. Und dazu gehört Kultur ebenso wie ein Lächeln, eine tanzende Frau oder ein fürsorglicher Mann. Und wenn ich nach soviel Inspiration das Festspielhaus verlasse und pfeifende Demonstrierende vorfinde, wünsche ich mir, dass sie ebenfalls diese Reden gehört hätten. Nicht dass ich etwas gegen Protestaktionen hätte: Manchmal hoffe ich halt, dass Menschen begreifen, dass durch Abschätzigkeit und negative Vibes keine Meter zu machen sind – a la longue. Das allerdings gilt natürlich für alle Seiten. Doch selbst hier gilt: Aug um Aug, Zahn um Zahn sollte gründlich überdacht werden. Die Welt ist bunt, unsere Handlungsoptionen auch. Immer.

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Noch bis 1. August 2022: https://tvthek.orf.at/profile/Festakt-zur-Eroeffnung-der-Salzburger-Festspiele/13887564/Festakt-zur-Eroeffnung-der-Salzburger-Festspiele-2022/14143867

FREITAG: Lass die Leute reden

Offenheit hat immer eine helle und eine dunkle Seite. Meine Erfahrung ist, dass die helle bei weitem überwiegt, weil sie Nähe und dadurch Verbundenheit schafft. Für mich persönlich war das immer ein Selbstläufer, trotz Warnungen.

Schon als Kind habe ich immer wieder gehört: „Erzähl Fremden nicht immer alles über Dich oder unsere Familie.“ Und ich habe das schon damals nicht verstanden, weil ich in meiner Welt ja nicht über meine Verwandtschaft, sondern von mir erzählt habe. Wie ich sie erlebe, welche Gedanken sie in mir auslöst. Doch heute verstehe ich, dass Menschen eben unterschiedlich mit dem umgehen, was ihr Ureigenes ist. Und dass viele von ihnen tatsächlich nicht wirklich darüber reden, was sie tatsächlich umtreibt.

Kürzlich habe ich meine Mutter zu einem Kontrolltermin nach einer Augenoperation begleitet und dabei zufällig eine alte Freundin von ihr getroffen. Sie war sehr aufgeregt darüber, dass sie nicht wusste, dass meine Mutter diese OP gehabt hatte, obwohl sie meiner Mutter jedes kleine Detail ihrer eigenen Krankengeschichte mitteilt. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten und haben mehr oder weniger auch so lange Kontakt. Da wurde mir wieder einmal bewusst: Meine Mutter ist eine sehr diskrete Person, vor allem was ihre eigenen Befindlichkeiten angeht. Was sie davon hält, dass ich diesen Blog schreibe, können Sie sich vorstellen.

Vor einiger Zeit saß ich mit acht wunderbaren Frauen meines Alters zusammen. Die Atmosphäre war sehr vertraut, obwohl sich einzelne Weiber noch gar nicht kannten. In einer ersten Runde wurde die Frage gestellt, welche Themen denn wichtig für sie seien und worüber sie sonst kaum oder gar nicht reden. „Sex“ antworteten viele. Das überraschte mich, denn Sex hat mich immer beschäftigt, seit ich weiß, was das ist. Selbst in den Zeiten, wo ich bewusst darauf verzichtet habe, kam ich dem Thema nicht aus, weil er für mein soziales Umfeld ein Thema war. Ich finde es wichtig in Freundschaften, einen wertschätzenden Raum für alles mögliche zu eröffnen. Und wenn Sex frau eben beschäftigt, soll es so sein. Neun Frauen über Sex reden zu hören, ist übrigens eine großartige Erfahrung.

Ich bin eben immer sehr dafür, dass man sich Dinge von der Seele redet. Und das möglichst direkt. Das musst jetzt nicht heißen, dass man gleich Sexprobleme oder anderes Intimitäten auf den Tisch packt. Das kann auch ein Gedankengang sein, der zum eigentlichen Thema führt. Entwicklungen in Gedanken, Worten und Taten finde ich immer spannend – viel mehr, als zu erfahren, wo jemand wann etwas getan hat. Ganz zu schweigen von „Mein Pferd, mein Haus, mein Segelboot“- Konversationen. Interessiert mich Nüsse, ermüdet mich, weil laaaaaangweilig.

Ich höre viele dieser Entwicklungsgeschichten, was meinen Alltag unglaublich bereichert. Doch ich weiß auch, dass das wesentlich damit zusammenhängt, dass ich ein offener Mensch bin. Dass ich auch meine Themen anspreche, ohne Rücksicht darauf, was jemand von mir denken könnte. Siehe diesen Blog. Schon 2008 sangen „Die Ärzte“ das Lied „Lasse redn“, was vollkommen meiner Erlebenswelt fast von Anbeginn meiner Existenz entsprach. Lange war mein Dasein als Tochter davon bestimmt, mich den Erwartungen anderer anzunähern. Den Sinn konnte ich nur spärlich nachvollziehen,, weil ich schon damals das Gefühl hatte, dass ich damit auf keinen grünen Zweig kommen würde. Heute weiß ich es.

Was mir auch bewusst ist: Nur weil ich mir meine Offenheit nicht nehmen ließ, haben sich andere Menschen mir geöffnet. Und daraus haben sich ganz wunderbare Begegnungen und Freundschaften ergeben, auf die ich keinesfalls verzichten möchte. Selbst wenn es nur einmalige Erlebnisse waren, die nach einer Nacht vorbei gezogen sind, haben sie meiner Welt einen Stupser gegeben und den Drall erhöht – zumindest für eine kurze Zeit. Heute morgen habe ich in „Wenn es verletzt, ist es keine Liebe“ gelesen, dass das Ausmaß von Offenheit darüber bestimmt, wie inspirierend man von seiner Umwelt wahrgenommen wird. Und wenn ich auf mein soziales Umfeld schaue, alle wunderbaren Menschen, die es mit mir gestalten, bin ich glücklich. Glücklich darüber, dass ich mich nicht von den gut gemeinten Warnungen und wenigen schlechten Erfahrungen dahingehend beeinflussen habe lassen, meinen Mund zu halten, wo ich sprechen wollte und musste. Offenheit schafft Verbundenheit, weil sie Nähe herstellt, weil sie ermöglicht, dass wir uns als verletzliche Wesen begegnen und miteinander wachsen können. Und dann die Erfolge feiern können. Auch wenn es momentan zu heiß zum Feiern ist. Doch auch um zwei Uhr nachts kann man noch tanzen. Alleine oder – noch besser – miteinander.

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Musiktipp: www.youtube.com/watch?v=AaQcnnM2a70

FREITAG: Tun, als ob

Ich gebe es zu: Schon allein die Aussicht auf Temperaturen über 40 Grad lähmen mich – körperlich wie gedanklich. Doch glücklicherweise habe ich kleine Helferlein, die mich immer wieder unterstützen.

Um kreativ zu werden, muss man laut Osho allein gehen können. Sich frei machen von allen gesellschaftlichen Konditionierungen. Von alleine kann heute keine Rede sein, was aber vorhersehbar war, da sich heute der Installateurstrupp angesagt hatte. Mein Ex kam zur Unterstützung, denn Männer verstehen sich untereinander eben besser als die kreative Frau und der praktische Installateur. Wenn ich ihm einen Chi-Kaffee anbieten würde, wären mir ein Augenrollen und ein brummendes „Äh“ sicher. Mein Ex würde einfach „Was zu trinken?“ fragen und alle wüssten, was Sache ist. Doch das tatsächlich erleben zu dürfen, ist mir heute nicht vergönnt. Ein Krankheitsfall hält die Truppe fern, mein Ex macht sich trotzdem nützlich, nageln den Boden meiner Terrasse, schneidet die Büsche. Und wieder einmal freue ich mich, dass wir unser „conscious uncoupling“ so gut hinbekommen haben. Bei manchen Ex-Paaren wächst ja nichts mehr, was es zu schneiden gäbe.

Normalerweise würde ich – wie jeden Mittwoch – tatsächlich alleine gehen, nämlich zum Bauchtanzen. Doch auch hier: ein Krankheitsfall. Danach wäre ein Alleingang zu einer Freundin geplant gewesen. Ich hasse es, mich zu wiederholen, aber: Auch sie ist ein Krankheitsfall. Und so werde ich es heute wohl nicht mehr schaffen, meine Kreativität durch Alleinegehen zu nähren. Also bleibt mir nur der andere Weg, nämlich die gesellschaftlichen Konventionen zu sprengen. Osho sagt, dass die Poesie dabei helfen kann. Poesie in dem Sinne, dass mit Sprache Lebens- und Welterfahrung, aber auch Deutung passiert. Deutung passiert in meinem Leben nicht nur dadurch, dass ich Eins und Eins zusammenzähle. Mathematik ist ja nicht gerade meine starke Seite. Vielmehr greife ich in solchen Fällen zu Karten jeglicher Art. Meine „Voll50 und halb philosophisch“-Karten sagen mir heute nur, dass ich meine eigene Geschwindigkeit finden soll. Ehrlich gesagt, kann ich mir das gerade nicht leisten, weil meine Redakteurin auf den Text wartet, der morgen zur Lektorin geht und am Freitag erscheinen soll. Meine Geschwindigkeit ist – wie erwähnt – lähmend, doch das ist heute ein Luxus, der unmöglich ist. Also greife ich zu einem Kartendeck für schöpferische Menschen und bekomme den Hinweis, dass Magisches dann passiert, wenn man es am ehesten erwartet. Nicht am wenigsten. Just saying.

Das bedeutet in meiner Welt nichts anderes, als dass ich das erfahre, was ich manifestiere. Und wenn ich dem Leitsatz „fake it until you make it“ folge, der nichts anderes bedeutet, als dass man so lange tut, als wäre etwas schon eingetreten, bis es eintritt, finde ich es schon sehr magisch, dass ich einfach drauflos schreiben und mich selbst davon überraschen lassen kann, was dabei herauskommt. Praktisch bedeutet das: Ich habe so getan, als würde ich einen Blogbeitrag schreiben. Und das heißt, ich habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt, eine neue Dokumentvorlage geöffnet und einfach einen Dialog mit Ihnen begonnen. Dabei habe ich die gesellschaftlichen Konventionen insofern gesprengt, dass ich Sie unhöflicherweise nicht zuerst gefragt habe, wie es Ihnen geht. Sondern gleich zu reden begonnen und vorausgesetzt, dass es Ihnen gut geht. Ich war sicher, dass ich Ihnen etwas Konstruktives zu sagen habe, wie ich es jeden Freitag tue. Obwohl ich anfangs keine Ahnung hatte, in welche Richtung es gehen könnte. Das ist nicht jede Woche so, seien Sie beruhigt. Viel häufiger verarbeite ich meine Erlebnisse und teile die daraus gewonnenen Erkenntnisse mit Ihnen. Doch heute muss ich gestehen: Ich habe sie auf eine Entdeckungsreise mitgenommen, mit unbekanntem Ausgang.

Jetzt, wo wir am Ende angekommen sind, ist der Ausgang bekannt. Der Satz „fake it until you make it“ konnte bewiesen werden. Sollten Sie also einen Wunsch haben und nicht so genau wissen, wie er sich umsetzen lässt: Tun Sie einfach so, als wäre er bereits umgesetzt. Möchten Sie lieben, beginnen Sie bei sich selbst. Möchten Sie singen können, tun Sie’s einfach, egal ob der Ton richtig oder falsch sitzt. Möchten Sie verreisen, überlegen Sie sich, was Sie in den Koffer packen würden. Das mag vielleicht nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen, die von uns erwarten, dass wir uns erst dann angemessen zu verhalten haben, wenn es die Realität erfordert. Quatsch! Wir schaffen unsere Realität selbst. Also los – lieben, tanzen, singen, verreisen – ich kann es, Sie können es auch!

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FREITAG: Meine Buddha-Praxis

Eigentlich wollte ich ja über das Thema Bewertungen schreiben, doch nun wurde in den Raum gestellt, dass ich eventuell überfordert sein könnte. Was mich im Grunde doch wieder zum Bewerten bringt.

Ich freue mich immer über die Rückmeldungen zu meinen freitäglichen Ergüssen, denn nur ins Schwarze, wahlweise Blaue hinaus zu schreiben, ist nur bedingt zufriedenstellend. Schließlich sind Blogbeiträge Einladungen zum Exkurs, entweder sprachlich oder zumindest gedanklich. Entweder zwischen Leser und Schreiberin oder auch gerne im inneren Monolog. Und irgendwie wusste ich es in den letzten beiden Wochen, dass meine Zeilen auf Resonanz stoßen würden.

Erinnern wir uns an meine sprachlichen Ausschweifungen über das zusammenpassende Unterwäsche-Set. Während mein lokales soziales Umfeld mit viel Humor darauf reagierte, lösten meine Zeilen anderswo Stirnrunzeln und Abschätzung aus. Eine Leserin meinte, ich hätte den Text für eine Frauenzeitschrift verfassen können, aber doch nicht für eine Plattform für buddhistische Perspektiven, auf der seit 2016 der FREITAG original erscheint. Vor Jahren hatte mir einmal jemand angeboten, seine Beziehungen spielen zu lassen, damit ich bei einer der heimischen hochglänzenden Frauenzeitschriften schreiben kann. Damals habe ich das abgelehnt, weil mir eine Jobvermittlung durch die Einnahme von Vitamin B immer schon zuwider war. Wenn ich heute höre, dass ich wie eine der Hochglanz-KollegInnen schreibe, bin ich so gelassen geworden, dass ich das durchaus als Gewinn insofern sehe, dass ich zumindest zielgruppengerecht schreibe. Stichwort Gelassenheit: Für mich ist das eine Eigenschaft, die ich durch die Beschäftigung mit buddhistischen Perspektiven durchaus kultivieren konnte. Insofern bin ich doch nicht so falsch an diesem virtuellen Ort.

Weniger gewinnbringend, dafür umso wertender empfand ich eine Aussage über das unterirdische Niveau meines FREITAGs. Nun muss ich sagen, dass sich gerade halb Österreich über einen Fernsehmoderator echauffiert, dessen Sakko spannend geschnitten war und eben spannte. Ich habe mir die Nachrichtensendung nicht angesehen, doch ich bin sicher, dass es zwischen dem ersten Anblick des gespannten Sakkos und dem Abspann, wo der Moderator ankündigte, ein bisschen weinen zu gehen, doch einiges an Informationen gab, die den einen oder die andere betroffen machen hätte können. Und doch wirbelte das Moderatoren-Sakko unglaublich viel virtuellen Staub auf. Ich könnte in diesem Zusammenhang auch sagen, dass manche Menschen wirklich keine größeren Probleme haben, als ihren Modegeschmack beleidigt zu sehen. Ich könnte den Moderator bewerten, zu dem ich natürlich eine Meinung habe. Ich könnte aber auch den Kopf schütteln und mich den Dingen zuwenden, die ich für wichtig erachte. Und genau das ist der Punkt. Wir Menschen verteilen unsere Wichtigkeiten nach unserem persönlichen Gutdünken. Für die einen bricht einen Welt zusammen, wenn auf einen heißen Tag ein Gewitter folgt. Für die anderen bricht sie zusammen, weil sie statt fünf Sorten Tomaten nur drei in den Supermarkt-Regalen vorfinden. Und die dritten ärgern sich über Flüchtlinge, Amokläufe und die mangelnden Maßnahmen gegen den Klimawandel. Wenn wir uns lieber darauf beschränken, andere und ihr Tun zu bewerten, als eigenes in die Welt zu bringen, wird bald nichts mehr passieren. Oder die Gesellschaft wird in Aktive und Passive gespalten, was dem großen Ganzen mitnichten dient.

Spaltung war in der vergangenen Woche das Thema meiner verschriftlichten Gedanken. Und diese Ausführungen haben offenbar dazu geführt, dass ich überfordert rübergekommen bin. Der erste Gedanke war: „Ich bin nicht überfordert!!!“, doch den ersten Gedanken sollte man in meiner Welt gleich einmal verwerfen. Denn da spricht das Ego, das sich angegriffen fühlt, weil sich jemand ein Urteil erlaubt hat. Und ja, jemanden als überfordert einzuschätzen, hat einen bewertenden Charakter. Doch der zweite Gedanke war einer, der mit den Anregungen konstruktiv umgehen wollte. Der dem Gegenüber sachlich begegnen wollte, weil in dem Kommentar – übrigens dem eines Mannes – sehr viel Freundlichkeit steckte. Ich mag es, wenn Männer eine wöchentliche Kolumne lesen, die sich mit dem Alltag einer 56jährigen Frau beschäftigt. Und ja, diese 56jährige Frau ist tatsächlich manchmal überfordert. Treue Leserinnen und Leser werden das immer wieder zwischen den Zeilen gelesen haben. Denn unsere Welt fordert uns. Sie fordert uns auf, ihr zu begegnen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie in unser Inneres zu implementieren. Nicht alles, aber vieles. Und das ist anstrengend, vor allem, weil es nicht immer gleich flutscht. Eine vierte Impfung ist für mich genauso wenig ein handlungsmäßiger Selbstläufer wie Zeitmanagement oder eine Fernbeziehung. Auch die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine, mangelnde Achtsamkeit oder eine Krankheit von geliebten Menschen schlüpfen nicht einfach in mein System. Da muss ich nachdenken, da muss ich verstoffwechseln, da will ich einen Weg finden. Und das ist fordernd, manchmal auch überfordernd. Weil die Zeit oft nicht reicht, das abzuarbeiten, was vor den eigenen Füßen passiert UND gleichzeitig das große Ganze zu behirnen.

Der einzige Weg aus dieser temporären Überforderung ist, manchmal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Manchmal ein Thema oder eine Aufgabe auf morgen zu verschieben oder eine Herausforderung auszusitzen. Kurz: Gelassenheit zu kultivieren. Denn was frau mit 56 tatsächlich braucht, ist Zeit zum Durchatmen. Und das Atmen ist ja auch aus buddhistischer Sicht ein gutes Werkzeug, um sich zu distanzieren. Von den eigenen Gedanken, aber auch jenen der anderen. Und vor allem, wenn man versucht ist, andere zu bewerten. Schließlich sollte man erst in den Schuhe eines anderen Menschen gehen, um sich eine Meinung erlauben zu können. Und selbst wenn man das getan hat, ist Freundlichkeit immer noch das Gebot der Stunde. Denn in meiner Welt gibt es keine schlechten Menschen, sondern höchstens fragwürdige Verhaltensweisen. Und mit Fragen hat sich schon vieles geklärt. Was mir am Buddhismus immer sehr gut gefallen hat, ist: Es gibt so viele Möglichkeiten, in der Praxis zu üben. Und diese Praxis sieht eben für jeden Menschen anders aus.

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FREITAG: Selbstbestimmung mit Vernunft

Mein Tag hat heute mit einem Podcast über Diversity begonnen. Und da ich ja bekanntermaßen an Serendipität glaube, bin ich dankbar für diese Inspiration. Und schummle mich nicht mehr um ein Thema herum, das mich seit Wochen umtreibt.

Schon seit Wochen trage ich mich mit dem Gedanken, über dieses Thema zu schreiben. Denn nach der Lektüre von Alice Schwarzers Anthologie „Transsexualität“ treibt mich das Thema Geschlechter ziemlich um. Sie fragt in diesem Buch danach, was eine Frau, was ein Mann ist. Und auch nach dem, was sich mit dem Gendersternchen, dem Binnen-I, dem Unterstrich oder dem Doppelpunkt identifiziert. Und wann sie was für angemessen und richtig hält. Im Zuge dieser Lektüre habe ich mir mit einer Freundin auch den Film über sie angesehen und das Dunkel des Kinosaals schwer beeindruckt verlassen. Ich bin ja mit einer Männergeneration aufgewachsen, die in dieser Frau nur eine Belästigung, im besten Fall eine Bedrohung gesehen hat. Manchmal habe ich diese Einschätzung übernommen, doch nur, weil ich einfach andere Prioritäten hatte, als mich mit ihr und ihren Ansichten zu beschäftigen. Heute muss ich sagen: Alice Schwarzer ist nicht nur eine schöne, 80jährige Frau, sondern auch eine sehr vernünftige Frau, wenn es um Gleichberechtigung geht.

In den 1970er Jahren hat sie über 300 Frauen dazu gebracht, sich öffentlich zu einer Abtreibung zu bekennen. Damit hat sie der Frauenbewegung neuen Schwung verliehen. 2022 wird in den USA das Recht auf Abtreibung aufgehoben. Ob manche Menschen das, beispielsweise aus religiösen Gründen, begrüßen, lasse ich einfach stehen. Was mich allerdings umtreibt, ist das zurückgenommene Recht auf Selbstbestimmung. Und das auf dem Umweg der Legislative. Vor einigen Jahren war bei uns im Gespräch, das Rauchen im Auto ganz zu verbieten. Inzwischen wird man „nur“ mit 100 Euro bestraft, chauffiert man ein Kind oder einen Jugendlichen unter 18 Jahren. Als wüsste man als Raucherin nicht selbst, dass man den Nachwuchs tunlichst nicht anqualmen sollte. Und was wir natürlich auch gelernt haben: Wenn wir uns schlecht fühlen, müssen wir uns offiziell registrieren lassen, damit auch alle wissen, dass wir uns schlecht fühlen. Und daheim bleiben. Ein Freund schrieb mir gestern: „Und vor drei Jahren hätte man gesagt, nimm Paracetamol und geh ins Büro. Heute gleich Quarantäne.“ Und wenn man freiwillig eine Maske trägt, wird einem unterstellt, dass man möglicherweise krank, aber „verkehrseingeschränkt“ trotzdem unterwegs ist. Und das alles, weil wir vollkommen verlernt haben, die Zeichen unseres Körpers zu achten und uns angemessen zu verhalten. In meiner Welt ist klar: Wenn ich mich nicht gut fühle, bleibe ich zuhause. Punkt. Da brauche ich keine Verordnungen, maximal einen Arztbesuch. Doch auch hier leckt die Selbstbestimmung. Und ich frage mich, wie es dazu kommen konnte, dass wir dem zugestimmt haben.

Irgendwo habe ich im Zuge des US-amerikanischen Urteils gehört, dass junge Menschen für das Abtreibungsverbot auf die Straße gegangen sind. Gleichzeitig nimmt die Zahl derer zu, die ihren Körper noch vor der Pubertät in einen anderen Geschlechterzustand operieren wollen. Das sind übrigens viermal mehr Mädchen als Burschen. Ist Selbstbestimmung inzwischen Ermessenssache? Hier gut, dort schlecht? 73 Geschlechter soll es inzwischen geben, was eine Freundin zu der Aussage veranlasst: „Ich zweifle an meiner Denkwelt trotz meiner Aufgeschlossenheit.“ Abgesehen von der Tatsache, dass ich der Meinung bin, dass uns 73 Geschlechter nur weiter in die Teilung der Gesellschaft hineintreiben – ich vermisse Gespräche mit meinen Kindern. Genau in solchen Situationen, wo ich mir vieles nicht mehr erklären kann, haben sie mir vielfach die neue Welt erklärt und mir damit ermöglicht, meine Perspektive zu wandeln. Wenn ich die nächsten Generationen derartig auf den Kopf gestellt empfinde, befinde ich mich allerdings genauso in einem Zustand der Trennung wie Menschen mit 73 Geschlechtern. Und das tut weder mir noch den jungen Menschen gut, die für mich immer mehr als alles Hoffnungsträger waren und sind. Doch um dabei ein gutes Gefühl zu haben, brauche ich Brücken. Oder Krücken? Langsam verstehe ich ältere Menschen, die das Empfinden entwickeln, den Anschluss zu verlieren. Doch dabei werde ich es nicht belassen. Habe jetzt in der Whatsapp-Gruppe mit meinen Kids nach einer Orientierung gefragt. Mein Jüngster schreibt, dass Abtreibung die eigene Entscheidung sein und nicht offiziell geregelt sein sollte. Meine Tochter wird deutlicher: „Eine Abtreibung zu verbieten und damit vor allem Vergewaltigungsopfern, Prostituierten oder Drogenabhängigen, aber auch jungen dummen Menschen etwas aufzudrängen, was diese nicht aufziehen können, ist absolute Qual.“ Und selbst wenn die Stellungnahme des Ältesten noch aussteht, bin ich schon beruhigter. Ganz aus der Welt gefallen scheine ich also noch nicht zu sein. Meine Kinder sind großartige Brückenbauer!

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FREITAG: Ein Angebot, das frau nicht ablehnen kann

Wer den Film „Der Pate“ gesehen hat, weiß: Man muss nur das richtige Angebot machen, um zum Ziel zu kommen. Dass dabei Unterwäsche eine Rolle spielt, durfte ich kürzlich lernen.

Vor einigen Tagen wurde ich mit einer Aussage konfrontiert, die mich seitdem ziemlich beschäftigt. Dabei ging es um folgendes: Wenn ein Mann eine Frau mit nach Hause nimmt und dann drauf kommt, dass sie aufeinander abgestimmte Unterwäsche trägt, wurde er von der Frau ausgesucht und nicht umgekehrt. Zuerst wunderte ich mich ein wenig, denn dass sich Männer darüber unterhalten, wer wen aussucht, fand ich überraschend. Ich hatte sie da deutlich eindimensionaler eingeschätzt – ja, Asche auf mein Haupt! Andererseits habe ich in den vergangenen Jahren sehr viel Engagement darauf verwendet, zu lernen, nicht allzu viel in ihre Worte und Taten hineinzuinterpretieren. Aber hey, ich kann auch wieder zurück, wenn sich das Gegenteil herausstellt.

Zurück zur Unterwäsche. Natürlich kann sie ein Signal sein, und wenn ich bei meinen Freundinnen hin und wieder einen Blick in ihr Dekolletee werfe, sehe ich da Farben und Spitzen blitzen. Und freue mich, dass sie es sich wert sind, auch wenn es vielleicht niemand außer ihnen sieht. Manchmal ist es auch nur ein weiteres modisches Accessoire, was das Outfit zusätzlich unterstreicht. Doch ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mir über den unteren Teil der Wäsche nie Gedanken gemacht habe. Ich trage aus Bequemlichkeitsgründen nur schwarz, seit mein Ex vor Jahren mehrmals meine weiße Unterwäsche beim Waschen unachtsamerweise eingefärbt hatte. Und da man Menschen nicht ändern kann, sich selbst aber schon, habe ich meine Konsequenzen gezogen. Insofern muss ich mir über das passende Höschen wirklich keine Gedanken machen.

Männer offensichtlich schon, zumindest wenn es um den Erfahrungsaustausch und die damit zusammenhängende Interpretation geht. Wenn also unter Kaftan und Co. alles passt, muss sich gemäß dieser These der Mann eingestehen, dass er die Beute ist und nicht – wie vielleicht gewünscht – der Jäger. In Zeiten der Gleichberechtigung sollte das kein Riesending sein, möglicherweise sogar ohnehin komfortabler als das Risiko, flirtmäßig immer wieder gegen eine Wand zu rennen. Doch manche ziehen aus dem Jagdinstinkt durchaus Selbstbewusstsein. Ich kannte mal einen Mann, der sich aus Abfuhren überhaupt nichts machte, weil er die Erfahrung gemacht hatte: Wenn er zehn Frauen an einem Abend anbrät, bleibt am Ende meistens eine hängen. Keine schlechte Quote, wie ich finde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Beim abendlichen Tête-à-Tête mit meinem Liebsten brachte ich das Thema auf den Tisch, denn ich habe immer gerne eine zweite Meinung, vor allem wenn es um Männerthemen geht. Auch wenn Facebook nach einem Test die Ansicht vertritt, dass ich ein Mann bin: Nein, bin ich nicht, auch nicht gedanklich. Und Männer werden für mich immer irgendwie ein Rätsel bleiben. Das ist einerseits schön, andererseits für eine leidenschaftliche Rechercheurin wie mich eine stete Herausforderung. Als ich ihm also diese These schilderte, kam eine ziemlich unerwartete Antwort: „Es sind immer die Frauen, die wählen.“ Weil ein Mann sowieso nur ein Angebot machen, sich von seiner besten Seite zeigen könne. Ob das fruchte, läge nicht in seinem Einflussbereich.

Bleibe ich in diesem Kontext, frage ich mich, was viele Männer heute unter diesem „Angebot“ verstehen. Wenn ich in meine Freundinnen-Runde schaue, sehe ich Angebote von Geheimniskrämerei, Unzuverlässigkeit, Angsthasentum. Jetzt kann Geheimniskrämerei damit zusammenhängen, dass eine Information die beste Seite gefährden könnte. Jetzt kann Unzuverlässigkeit bedeuten, dass es eh besser für die Frau ist, dieses Angebot nicht anzunehmen. Und Angsthasentum zeigt vielleicht nur, dass der Mann sich unter den Scheffel der Frau stellt. Nichtsdestotrotz: Ich bekomme den Eindruck, dass die Annäherung von Männern an Frauen völlig außer Acht lässt, dass es tatsächlich um das bestmögliche Angebot geht. Sich auf die Liebe auf den ersten Blick zu verlassen, nur weil man ein Offert austricksen will, scheint mir beziehungsmäßig eine Sackgasse zu sein.

Doch vielleicht ist es heutzutage auch so, dass die Oberfläche als Angebot reicht. Gefällst Du mir, bekommst du mein Interesse. Gefällst Du mir nicht, wirst Du auf die Seite gewischt. Und das gilt natürlich für beide Seiten, die eine Beziehung anstreben. Doch laut aktueller Weltbevölkerungsuhr gibt es mehr Männer als Frauen auf diesem Planeten. Insofern könnte sich die größere Hälfte der Planetenbevölkerung durchaus einmal überlegen, wie ein reizvolles Angebot an die andere Hälfte ausschauen könnte. Ein kleiner Hinweis: Es geht nicht darum, was der Mann als reizvoll erachtet, sondern was der Frau gefallen könnte. Und dazu braucht es vor allem eine Fähigkeit, nämlich der Frau zuzuhören und herauszufinden, wie sie tickt. Und ihr dann ein Angebot zu machen, dass sie nicht ablehnen kann. Und wenn sie dann passende Unterwäsche trägt, wird der Mann vermutlich wissen, dass er Erfolg hatte.

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FREITAG: Ein ernstes Wort mit mir selbst

Sind sie nicht wunderbar, diese frühsommerlichen Nächte, noch dazu, wenn ein Supermond über den Himmel zieht? Ich wünschte, ich hätte mehr von diesen Momenten in Moment.

In meiner Wunschwelt würde ich jetzt irgendwo am Meer sitzen, vor einem Bier und einem Teller Muschelsuppe. Mein Rücken hätte aufgehört zu schmerzen, mein Fuß wäre beweglicher und die Wellen hätten sämtliche Themen mitgenommen, die schon über den Tellerrand meines Gehirns hinaushängen. Ich würde dem Erdbeermond bei seinem Lauf über den Himmel zuschauen und mir überlegen, wovon ich mehr möchte.

Stattdessen sitze ich auf meiner Terrasse und versuche nach 19 Uhr, meine Arbeit weiter zu bringen. Gut, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich im Freien arbeiten darf, beim Heben meines Kopfes die reifenden Kirschen sehe und darauf warte, bis mir die Katze die nächste Maus bringt. Ich werde nämlich in letzter Zeit wieder sehr von ihr verwöhnt, und sie will dafür ausgiebig gelobt werden. In diesen Momenten denke ich mir, dass sie mir geschickt wird, damit ich endlich einmal durchatme, das, was ich gerade tun wollte, fallen lasse und einfach nur mit meinen Fingern über ihr Fell streiche. Doch diese so überaus wohlwollende Tätigkeit für uns beide unterliegt inzwischen auch einem gewissen Zeitdruck. Denn es wartet ein Anruf, eine Mailantwort, eine Whatsapp-Nachricht oder ein anderes Bedürfnis darauf, anerkennt und bearbeitet zu werden.

Ich bin direkt froh, dass dieser Erdbeermond die längsten Tage des Jahres nach sich zieht, denn die brauche ich auch. Ja, ich lamentiere wieder einmal über mein Zeitmanagement, doch ich bin schon einen Schritt weiter gekommen. Und dieser Schritt geht in Richtung Verzicht. In der heutigen Zeit kein besonders beliebtes Thema, weil ja viel zu viele Menschen der Meinung sind, dass sie viel zu lange auf gewisse Dinge verzichten mussten. Heute habe ich mit einem Psychotherapeuten telefoniert, der in einer Beratungsstelle für Studierende arbeitet. Und er sagte, dass die jungen Menschen heutzutage auf gar nichts mehr verzichten wollen und deshalb auch keine Beziehungen mehr eingehen. Auf Tinder gehen, ja. Sex haben, ja. Aber eine Beziehung? Es könnte ja noch etwas Besseres kommen. Damit ist das Ghosting schon wieder erklärt. Wozu Worte machen, wenn es eh zum Allgemeinwissen wird, dass eine unbeantwortete Nachricht bedeutet: Ich habe etwas Besseres gefunden?

Wie auch immer. Das Dating-Thema ist ja bekanntlich keines mehr für mich, der Verzicht definitiv. Mein Alltag ist ja ein breiter Fluss, in dem Arbeits- und Lebenswellen eine Einheit bilden. Im Grunde hat alles Platz, was daher kommt, denn in 17 Stunden sollte doch einiges zu bewältigen sein. Das denke ich mir jeden Tag, wenn ich die Augen aufschlage und mich frage, welche Wellen wohl wieder in meine Stunden rollen werden. Und normalerweise finde ich das immer spannend, denn so wird das Leben zum Abenteuer. Doch aktuell bin ich in der Früh derartig erledigt, dass ich mich lieber unter der Bettdecke vor den Wellen verstecken möchte als mich ihnen in einem schicken Bikini entgegen zu werfen. Vom vielen Sitzen tut mir der Rücken weh, und selbst meine täglichen Yoga-Einheiten helfen nur bedingt. Dass ich nicht zum Spazierengehen komme, hängt mit den Arbeitsanforderungen zusammen, vor allem in einer verkürzten Arbeitswoche mit vorgezogenen Abgabefristen. Noch dazu fällt zum zweiten Mal in Folge mein Selfcaring-Sonntag aus. Und genau hier befinde ich mich am Knackpunkt.

Im April habe ich gesagt, dass im Mai alles leichter werden wird. Im Mai habe ich gesagt, dass der Juni leichter werden wird. Und jetzt verteidige ich gerade meinen Juli, dafür aber mit Nägel und Zähnen. Denn es ist mir bewusst geworden, dass auch ich nicht alles haben kann. Dass ich zu seltenen Chancen, die ich gelernt habe zu nutzen, einfach „NEIN“ sagen muss, um nicht in ein permanentes Hyperventilieren zu kommen. Und ich muss mir eingestehen, was mich vom Neinsagen abgehalten hat. Punkt Eins: Es könnte ja etwas passieren, was eine ganz wichtige Lektion in meiner Persönlichkeitsentwicklung darstellt. Punkt Zwei: Ich freue mich, wenn Menschen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, meine Gesellschaft suchen. Sprich an mich denken, wenn sie in der Nähe sind.

Also muss ich mit mir selbst ein ernstes Wort reden. Zu Punkt Eins: Ich bin jetzt 56 Jahre, habe einen großen Freundeskreis, zugewandte Kinder und Eltern, einen überaus liebevollen Partner, großartige berufliche Kontakte und Möglichkeiten. Brauche ich wirklich jede Gelegenheit, meine Persönlichkeit weiter zu peitschen? Ich glaube, ich kann es auch einmal gut sein lassen. Wenn ich jede zweite Chance ergreife, wird das immer noch hilfreich sein. Punkt Zwei: Das klingt verdammt nach einem People’s Pleaser, einer Person, die es allen recht machen will. Im Grunde könnte ich mir selbst sagen: „Nur weil sie einmal im Jahr an mich denken, bedeutet das nicht, dass ich gleich auf und nieder springen muss.“ Und das werde ich von nun an auch üben. Und ganz penibel an meiner Zeitstruktur festhalten, die da lautet: einen Tag Ruhe, einen Tag Gesellschaft. Anders kann ich weder meinen beruflichen noch energetischen Alltag bewältigen. Hey, ich bin über 50. Über die Straße komme ich noch alleine, doch für den Rest brauche ich Batterien. Die ich aufladen muss, komme was wolle – egal, ob Chancen oder Menschen. Oder beides. Was kommen muss? Mehr Fokus auf den Alltag und wie ich ihn ohne hängende Zunge bewältigen kann. Macht schrecklich unattraktiv, und wer will das schon sein?

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FREITAG: Bitte Lächeln!

Mein Friseur hat ja keine große Freude mit mir, weil ich meine Haarfarbe in diesem Salz-und-Pfeffer-Ton behalten möchte. Doch kürzlich ist mir aufgefallen, dass selbst die bunteste Haarfarbe nicht ausreicht für eine positive Erscheinung.

Hin und wieder sollte frau ja ihre Gewohnheiten ändern und einen ungewohnten Weg nehmen. Nicht immer ins gleiche Kaffeehaus trotten, sondern auch einmal andere Geschmacksrichtungen ausprobieren. Gesagt, getan am letzten Samstag. Die Entscheidung war gut, denn sonst hätte ich nie einen uralten Freund wieder getroffen, den ich über die Jahrzehnte vollkommen aus den Augen verloren hatte. Aber das kam erst danach, als ich mit einem Fuß schon auf dem Heimweg war.

Vorher hatte ich mich gemütlich im Schatten niedergelassen und mir einen bobohaften Matcha Latte bestellt, begleitet von einer Cremeschnitte. Dafür habe ich eine Schwäche, ich gestehe es unumwunden. Vielleicht liegt das daran, dass ich irgendwann einmal lernen möchte, diese Süßigkeit so zu essen, dass der Teller danach nicht wie ein Schweinestall aussieht. Ja, auch ich bin ehrgeizig. Wie auch immer. Ich bearbeitete also diese Cremeschnitte, genoss sie in vollen Zügen und blickte um mich. Beim Essen bin ich eine absolute Feindin von Multitasking, da lese ich nichts, da höre ich nichts, da bin ich voll im Augenblick. Und wie viele Frauen habe ich währenddessen andere Frauen angeschaut.

Vielleicht ist es ja eine Fixierung von mir, dass ich sehr häufig auf die Haarfarbe schaue, vor allem bei sitzenden Frauen. Der Rest wird ja meist erst sichtbar, wenn sie sich erheben. Und ein Kaffeehaus ist nun einmal ein Ort des Sitzens. Was mir grundsätzlich überaus sympathisch ist, denn sitzen und schauen, trinken und rauchen liegt mir einfach. Es gab Frauen mit grauen, kurzen Haaren, Frauen mit halblangen roten Haaren, Frauen mit raufgedruzelten blonden Haaren. In meiner Stadt wird ja gerade der Monat der Vielfalt gefeiert, in diesem Kaffeehaus habe ich sie erlebt – zumindest behaarungstechnisch.

Was allerdings bar jeder Vielfalt war: die Mienen der Frauen. Ihre Gesichter drückten Missmut aus, schlechte Laune, Sorge. Und ich musste an meine beiden Firmtöchter denken, die in ihrer Pubertät vieles ausprobiert hatten, nur nicht das Lächeln. Damals hatte ich gelernt, dass das nichts über ihre Befindlichkeit aussagte, doch ganz geglaubt habe ich ihnen das nie. Denn ich bin da ganz anders geartet. Ich kann unglaublich diplomatisch sein, doch wirklich greifen tut diese Diplomatie nur im Dunkeln. Denn bei Tageslicht erkennt jeder an meinem Gesichtsausdruck, ob die Diplomatie ernst oder aufgesetzt ist. Kurz: Ich habe meine Mimik nur selten unter Kontrolle. Weshalb ich eben nur aus dem Haus gehe, wenn ich einigermaßen sicherstellen kann, dass mein Gesicht die Welt ein wenig freundlicher macht.

Zurück zu den Frauen im Kaffeehaus. Während ich immer noch versuchte, die Cremeschnitte mit Anstand zu essen, überlegte ich mir, welchen Sinn es haben könnte, mit der Haarfarbe Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um dann der Welt zu signalisieren: „Schau her, wie schlecht gelaunt ich bin.“ Vielleicht steht dahinter ja der Wunsch, aufgeheitert zu werden, der ja nur dann in Erfüllung gehen kann, wenn man ihn irgendwie artikuliert. Mit Worten, aber vielleicht auch mit auffälligen Attributen. Kann ja sein. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass ich alleine für meine Stimmungen verantwortlich bin, aber das bin eben ich. Andere Frauen sind möglicherweise anders gestrickt.

Mit dem letzten Bissen der Cremeschnitte beginne ich zu recherchieren und frage die Suchmaschine „Warum lächeln Frauen nicht mehr?“ Und auf die Ergebnisse war ich ganz und gar nicht vorbereitet. Als ich gelesen habe, dass die männliche Aufforderung an eine Frau, doch mal zu lächeln, inzwischen als sexueller Übergriff empfunden wird, habe ich die App geschlossen. Mit solchen Erkenntnissen ist es wirklich schwer für mich, etwas nicht zu bewerten. Und das, obwohl ich mehrmals Zeugin davon wurde, wie eine Frau ständig mit dieser Aufforderung konfrontiert wurde und sich wahnsinnig darüber geärgert hat.

Gelernt hatte ich bei dieser Kurzrecherche auch, dass lächelnde Frauen weniger ernst genommen werden. Und noch heute frage ich mich, wie man einen einfachen Gesichtsausdruck derartig überladen kann. Schon bei Babys ist ein Lächeln das ziemlich entzückendste, was es geben kann. Und das ändert sich auch mit zunehmendem Alter in den wenigsten Fällen. Am besten gefallen mir Bilder von alten Menschen ohne Zähne, die mit einem grandiosen Lächeln die physischen Mängel vergessen machen. Und dass Lächeln gut für die Gesundheit ist, steht auch seit langem fest. Es hält das Immunsystem stabil, senkt das Schmerzempfinden und stärkt die Selbstheilungskräfte. Lächeln macht schlauer, gelassener und ist im Grunde die beste Kosmetik.

Diesen Gesichtsausdruck in einen Genderkontext zu bringen, finde ich ungesund. Denn selbst wenn wir darauf verzichten, weil wir ernst genommen werden möchten, hilft es uns nichts, wenn wir dabei krank werden. Oder uns auf sonstigen Ebenen von unserem inneren Strahlen abschneiden. Wenn ich vor die Türe gehe, lächle ich immer. Und meine Erfahrung ist, dass ich viele Menschen damit anstecke, weil sie gar nicht anders können, als zurück zu lächeln. Und dabei habe ich nie das Gefühl, dass sie mich nicht ernst nehmen. Vielmehr gehe ich meiner Wege mit der Gewissheit, dass ich zumindest ein paar Menschen an diesem Tag mit dem inneren Strahlen anstecken konnte. Und damit vielleicht im Leben dieser Menschen ein Spur hinterlassen habe. Oder auch nur einen Fußabdruck. Und das ist mir persönlich wichtiger als die Überlegung, ob ich damit eine männliche Erwartungshaltung erfülle oder mich selbst im gesellschaftlichen Zusammenhang unterminiere. Wenn mich ein Lächeln disqualifiziert, dann soll es so sein. Shit happens. Shift happens too.

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FREITAG: 20 mit 30 Jahre Erfahrung

Eine Freundin von mir steht an der Schwelle zu ihrem 50er. Und obwohl sie sich in den vergangenen Monaten so gefreut hat, leidet sie nun am 50er-Blues.

In der Numerologie steht die Fünf für große Freiheitsliebe und den Drang nach Unabhängigkeit. Und nicht umsonst habe ich in diesem Alter mein „Voll50“-Projekt gestartet. Bereits mit 48 hatte ich das Gefühl, dass mir vieles zu eng wurde, dass vieles noch vor mir lag, dass vieles erlebt werden wollte. Doch in dieser Situation war ich ganz klar darauf fokussiert, was ich NICHT mehr wollte, ohne wirklich zu wissen, was ich tatsächlich angehen könnte.

So ähnlich geht es auch meiner Freundin. Lange hat sie sich gefreut, weil sie in dem Triumvirat, das wir mit einer weiteren Freundin bilden, die einzige unter 50 war und in den anderen ein gutes Beispiel dafür sah, wie man auch jenseits dieser Altersgrenze das Leben genießen kann. Nun steht die 50er-Party vor der Türe, und sie hat den Blues, weil sich in ihrem Dasein gerade wenig bewegt, was sie gerne bewegen möchte.

Von Beziehung über Beruf bis Befindlichkeit ist alles gerade schwer, und ich erkenne mich darin sehr wieder. Also mein damaliges Ich, nicht mein gegenwärtiges. In ihrem Alter hatte ich nur eine vage Vorstellung, welche Art von Beziehung ich wollte. Vom Gehabten brauchte ich eine Pause, für das für mich Sichere fand sich niemand, und schließlich beschränkte ich mich darauf, mir kurz vor meinem 51. Geburtstag zumindest einmal wieder Sex zu wünschen. Gelang, doch das Gelbe vom Ei hatte ich mir anders vorgestellt. Weshalb es auch bei der Einmaligkeit blieb, und das ist nicht im Sinne eines exklusiven, weil hochwertigen Ereignisses zu interpretieren. Ich erkannte: Sex war nicht die Lösung für meine Beziehungskatharsis.

Beruflich lief eigentlich alles in guten Bahnen, doch auch hier spürte ich, dass ich manches einfach nicht mehr schreiben wollte. Vor allem nicht über Dinge, die in meiner Welt zunehmend an Bedeutung verloren – so sie sie jemals hatten. Mein Berufsverständnis war ja von Anfang an davon geprägt gewesen, dass ich über das schreibe, was Kolleginnen und Kollegen abgelehnt hatten. Das funktioniert auch ziemlich lange, und für die gewonnenen Erkenntnisse bin ich heute noch dankbar. Von alleine hätte ich mich beispielsweise nie in das Thema Logistik eingearbeitet. Nichtdestotrotz: Ich wollte schreiben, was mich aus persönlichen Gründen interessierte. Wollte endlich den Sinn in meinem Tun forcieren. Und so begann ich eine Mindmap über meine Interessen zu erstellen, dampfte das breite Spektrum ein und lokalisierte fünf Themen, denen ich seitdem konsequent folge. Und seitdem bewegt sich auch etwas in meinem beruflichen Umfeld, was eine unendlich schöne Erfahrung ist.

Auch meine Befindlichkeit, vor allem die physische, veränderte sich nach diesem 50er-Tag. Die Trennung nach 18 Jahren hatte mir ziemlich viel Gewicht vom Körper gerissen, was ich anfangs genoss. In eine Jeans in Größe 34 zu passen und sie lässig auf der Hüfte sitzend zu wissen, gab mir Selbstbewusstsein. Doch mit der verändernden Lebenseinstellung, die mit Sanftheit gegenüber mir selbst einher ging, kletterte die Kleidergröße ebenfalls nach oben. Und ich lernte, dass Kleidergrößen wie das Alter nur Zahlen sind. Hauptsache, die Jeans kneift nicht. Denn dafür war ich definitiv zu alt geworden. Ich wollte mich wohlfühlen, mich annehmen, wie ich bin und das auch zelebrieren. Dass ich einen Mann an meiner Seite habe, der meinen kurvigen Körper mit mir feiert, empfinde ich als unerwartetes und doch seligmachendes Glück.

Mein Vater sagt immer: „Wenn Du in diesem Alter in der Früh ohne Wehwehchen aufwachst, bist du tot.“ Und tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass bei mir vor dem Aufstehen das eine oder andere zwickt. Doch ich habe gelernt, hinzufühlen. Und was mit dem Körper funktioniert, tut es auch mit dem Rest meines Lebens. Wenn das Beziehungsgefüge nicht mehr passt, empfehle ich eine Liste mit Eigenschaften, die man am Partner, an der Partnerin in spe erleben möchte. Eine Freundin von mir hat es getan, ich auch – beide haben wir eine geographische Verortung vergessen, weshalb ich dringend dazu rate. Wenn die berufliche Situation spackt, helfen Ruhezeiten, um wieder in die Kraft zu kommen. Und den Körper kann man lieben lernen, wenn man davon Abstand nimmt, wie man glaubt, sein zu müssen. Denn das ist immer nur eine externe Sicht, auf die es nur in den seltensten Fällen ankommt. Wir Frauen über 50 sind höchst individuell, und deshalb ist alles erlaubt, was glücklich macht. Wenn man bereit dafür ist, das Glück zu erleben. Und sich selbst anzufeuern. Ich empfehle dazu Beth Hart und ihren „Bad Woman Blues“, zumindest für den Anfang. Sie erinnert frau daran, dass wir 20 mit mindestens 30 Jahre Erfahrung sind.

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Musiktipp: www.youtube.com/watch?v=qiRiPtg9EFk

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