FREITAG: Eine Handvoll Gesundheit

Jetzt kriecht sie wieder rein, die Schwere. Zumindest für einige Menschen in meinem Umfeld. Dass der Winter vor der Türe steht, macht die Sache nicht leichter.

Meine Kusine in Kanada liest sich um Kopf und Kragen, was die C-Scheisserchen angeht. Meine andere Kusine zerbricht sich den Kopf, wie man einen 16köpfigen Wanderausflug „legal“ anlegen könnte. Meine Tiroler Freundin hängt lethargisch an ihrer Wohnböschung und hofft händeringend auf Rückenwind. Eine andere Freundin liegt wegen Hyperventilierung der Pumpe im Krankenhaus, eine weitere leidet an Schnappatmung, weil sie als eierlegende Wollmilchsau bezahlt wird, dafür aber zu wenig Tagesstunden zur Verfügung hat. Eine Freundin ist als Lehrerin und Mutter eines schulpflichtigen Kindes total überfordert. Und bei einer anderen hat man das Gefühl, dass sie bald jeden anspringt, der Abstand von ihr nimmt und/oder irgendetwas zum Thema Mund-Nasen-Schutz zu ihr sagt, den sie rebellischerweise manchmal einfach „vergisst“.

Ja, die Zeiten sind schwer, vor allem aber ziemlich kompliziert, wie ich finde. Denn für die kleinsten Handgriffe müssen wir aktuell unser Gehirn anwerfen und nach den neuesten Vorschriften schürfen, wenn wir uns im Rahmen der nationalen Gesundwerdungspläne bewegen möchten. „Sollen“ ist vielleicht das bessere Wort, denn „möchten“ ist aktuell nicht gefragt. Was passiert, wenn man sich vom „Möchten“ pushen lässt, sehen wir ja an den Orten, die neumodern als „hotspots“ bezeichnet werden. Noch mehr dort, wo die C-Ampel auf Rot steht, weil quasi jeder jeden angesteckt hat, fast wie bei einem Gesellschaftsspiel.

Der Unterhaltungswert ist allerdings beschränkt. Und doch sollen wir doch bei all dem die Freude nicht zu kurz kommen lassen. Endlich haben es zwei Apotheker und ein Arzt in Oberösterreich laut ausgesprochen: Ja, man kann etwas tun, auch jenseits vom lähmenden Warten auf eine Impfung. Ja, man kann sich mit Vitaminen und Spurenelementen versorgen, etwa mit Selen und Zink, den Vitaminen C und D. Auch mit Meditation, Bewegung und gesunder Ernährung. Stellen Sie sich vor: Eine Studie hat ergeben, dass der durchschnittliche Österreicher und sein weibliches Pendant statt der empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse nur zwei essen – wundert mich da etwas? Nein! Falls jemand die Portion definiert haben möchte: die Hand zur Faust ballen! Das ist die Portion, die jeder Mensch braucht. Keine transportable Waage, kein ständig mitgeführter Messbecher. Simple as that.

Ich war heute im Reformhaus und habe mich mit Zink, Kurkuma und Echinazin eingedeckt. Selen besorge ich mir noch, ebenso wie Colostrum. Noch nie gehört? Studien sagen, dass es die Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen extrem senkt. Dass es zur Darmgesundheit beiträgt und gut für die Collagenproduktion der Haut ist. Auch wenn ich keine leidenschaftliche Tablettenschluckerin bin: Das alles ist mir bei weitem lieber, als jammernd auf eine Impfung zu warten, von der wir schon jetzt wissen, dass unter fünf Jahren keine Langzeitergebnisse zu erwarten sind. Meine kanadische Kusine meinte zwar, dass es fünf Jahre dauern könnte, bis wir alle an den Impfstoff kommen. Doch selbst in diesem Fall haben wir die Verantwortung für uns selbst. Jetzt!

Und dann noch die Freude. Zugegebenermaßen habe ich mich in den letzten Tagen selbst daran abgearbeitet. Weil ich einfach müde bin, und erfahrungsgemäß ist in diesem Zustand alles, aber auch wirklich alles bäh. Doch auch das zeigt die Erfahrung: Irgendwann einmal gehe ich mir damit auf die Nerven. Es hat einfach keinen Sinn, irgendwelche Schlupflöcher zu suchen, weil das erst recht Stress verursacht. Und das ist ganz unintelligent in Zeiten wie diesen. Jetzt kommt erschwerend dazu, dass alle Kinder samt deren Vater in Risikogebieten wohnen, teilweise sogar mit einem Lockdown konfrontiert sind. Umso inniger habe ich beschlossen, den Kopf der gedachten Perlenschnur zu überlassen und sie nicht durchzuschneiden. Das Wetter aktuell unterstützt meinen Auftrieb, auch die Aussicht auf eine Woche Nichtstun. Und wenn ich aus diesem Nichtstun wieder auftauche, das wirklich ein solches werden dürfte, weil alles andere beschwerlich ist, sehe ich hoffentlich auch das Gute im Kalten, das Warme im Regen und das Grazile in der Winterzeit. In diesem Sinne lesen wir uns am 7. November – und immer schön die Fäuste ballen!

FREITAG: Stammgast im (virtuellen) Kopfkino

Die Generation, die nach der Generation Z kommt, wird vielleicht E oder Alpha genannt werden. Wie auch immer: Ihr Alltag wird sich vielfach digital abspielen. Und da braucht es Achtsamkeit, wie ich finde.

Bei Recherchen kommen einem ja viele Themen unter, die mit dem eigentlichen Informationsziel nur am Rande zu tun haben. In diesem Kontext durfte ich also jüngst erfahren, dass das analoge Leben für junge Menschen auf dem Rückzug ist. Schon die jetzige Generation Z, also jene, die frühestens 1995 und spätestens 1999 geboren wurde, erfährt ein eingeschränktes reales Leben. Die nachfolgende, über deren Namen noch diskutiert wird, kriegt ohne WLAN Auszucker, weil sie nichts anderes kennt und gewohnt ist, alles gleich und sofort tun, suchen und organisieren zu können.

Meine erste Reaktion: Gott, wie schrecklich! Meine zweite: Vorsicht! Denk noch einmal nach. Denn zum einen muss man sich als Mensch meines Alters immer auch fragen, was man selbst dazu beigetragen hat. Mein Jüngster gehört der Generation Z an, wie auch seine Freundin. Und wenn ich mir erzählen lasse, was ihren Alltag ausmacht, ist da natürlich viel Virtuelles dabei. Schon alleine deshalb, weil beide noch studieren und das in Zeiten wie diesen eben häufig „auf die Ferne“ passiert. Und natürlich bedienen beide die sozialen Netzwerke und teilen ihr Leben mit anderen. Und da kommen wir zum Punkt: Sie teilen ihr analoges Leben mit anderen. Sie gehen in die frische Luft, treffen sich mit Freunden, belegen hoffentlich bald einen Samba-Tanzkurs  – letzteres liegt allerdings nicht ganz in ihrer Hand. Vermutlich bin ich selbst häufiger auf Instagram und Facebook als die beiden. Insofern haben die vielen Ausflüge, die intensiven Gespräche und das Spielen doch dazu beigetragen, dass die Kids sich noch an den Spaß erinnern können.

Wie ich mich daran, als ich in Urlaubszeiten meine Eltern von einer Telefonzelle über die aktuellen Erlebnisse informiert habe, erinnere. Keine ständige Erreichbarkeit, ein Gefühl von Freisein, das sich heutzutage kaum mehr jemand leisten kann/will. Bei mir ging diese Zeit zu Ende, als ich mein erstes, dickes Motorola-Handy bekam. Meine Handtasche wurde schwerer, damit auch der Rechtfertigungsdruck, warum ich einen Anruf nicht entgegen genommen hatte. Und dann kam dieser eine Moment, wo ich aus emotionalen Gründen damit begann, Apps zu benützen, die Kommunikation mit anderen Teilen der Welt ermöglichte. Das war das wahre Ende meiner analogen Welt.

Denn was damit grundsätzlich passierte, war: Mein Kopf drehte sich verstärkt um „hätte – wäre – könnte“ – Themen. Weil die reale Welt eben nicht stattfand aufgrund von Entfernungen, musste die 3D-Welt in die eindimensionale Welt der Textnachrichten oder Postings gepresst werden. Was jetzt selbst einem physikalischen Nackerbazi wie mir klar ist: Das kann nicht funktionieren. Und dennoch habe ich es jahrelang probiert. Am Ende stand die Erkenntnis, dass das alles nichts mit meiner Realität zu tun hat.

Seitdem fällt mir verstärkt auf, wie viele Menschen Stammgäste in ihrem Kopfkino sind. Kürzlich hörte ich die Aussage: „Die Vergangenheit ist vorbei, die Gegenwart trist, bleibt nur die Zukunft, über die es sich nachzudenken lohnt.“ Das erklärt vieles, wenn nicht alles. Verstehen Sie mich richtig: Ich plane auch gerne – siehe Reisethematik. Siehe Voll50. Siehe meinen Terminkalender. Doch dabei unterscheide ich sehr klar, wofür sich der Energie-Einsatz lohnt und wie weit meine Selbstwirksamkeit geht. Natürlich könnte ich auch einen Engel anrufen, der mir den Weg freischaufelt nach Südafrika und dabei auch gleich das C-Scheisserchen wegfegt. Habe ich getan, Herr Engel war auf diesem Ohr taub. Und genau das ist der Punkt. Wenn etwas nicht klappt, wird einem das ziemlich deutlich vor Augen geführt. Meine Faustregel: Nach dem dritten Versuch lasse ich es einfach. Egal was.

Kopfkino entsteht auch oft aus Angst. Wenn ich nicht um Punkt 12 Uhr mittags ein „Ich liebe Dich“ höre, kann da natürlich die Welt untergegangen sein. Wenn ich ein sehr persönliches Interview gebe, kann das natürlich eine Einladung für einen Stalker sein. Wenn ich eine Zigarette anzünde, kann ich natürlich Krebs bekommen. Doch es KANN auch ganz anders kommen. Man hat eben immer die Wahl, wohin man seine Aufmerksamkeit lenken will. Wenn ich um fünf vor zwölf eine Liebeserklärung bekomme, reicht das doch mindestens für zwei Stunden. Wenn ich ein Interview gebe, kann ich andere bestärken. Wenn ich rauche, kann ich meine Verdauung anregen.

Und auch hier folge ich dreimal dem Impuls, die Sicht auf die Dinge zu ändern, wenn sie an mich herangetragen wird. Gelingt es dann immer noch nicht, lege ich den Schalter um. Und dann befinde ich mich in einem Modus, der zwar den Ausführungen des Gegenübers folgt, doch gleichzeitig auch um spirituelle Unterstützung dafür bittet, dass dem/der Anderen die Angst genommen werden möge. Und der Fokus sich wieder auf das richte, was vor den Füßen passiert. Nämlich auf das 3D-Leben.

Vor meinem Fenster ist gerade die Sonne durch die Wolken gebrochen. Neben mir schnurrt die Katze auf einem weißen Handtuch. Ein blaues liegt um meinen Hals, weil ich vor dem Schreiben dieser Zeilen aus der Dusche gestiegen bin. Und mein Bauch meldet, dass er endlich die Nudeln mit Roten Rüben und Garnelen essen möchte, die von gestern noch übrig geblieben sind. Das ist für mich analoges Leben: zu achten, welches Potenzial ein Tag haben kann, wenn ich ihn mit der richtigen Intention gestalte. Und diese Intention sollte immer eine freudvolle, heitere und aufmerksame sein. Nur so können wir alle durch diese ungewissen Zeiten kommen, ohne schwereren Schaden zu nehmen.

FREITAG: Kein Kreuz mit den Kreuzerln

Gerade bin ich drauf gekommen, dass ich eine Veranstaltung am 1. Oktober versäumt habe, zu der ich unbedingt wollte. Was mich zur Frage bringt: Warum nimmt die Kraft mit nahendem Jahresende ab?

Bereits vor einigen Monaten (können auch Jahre sein) habe ich mit einer Freundin die Frage diskutiert, warum man sich immer müder fühlt, je länger ein Jahr dauert. Und eine schlüssige Antwort konnte ich ihrem Argument nicht entgegen setzen, das da lautete: „Warum sollte denn am 1. Januar plötzlich wieder Kraft verfügbar sein?“ Klingt logisch, ist es vermutlich auch. Und doch mache ich jetzt schon jahrelang die Erfahrung, dass es spätestens im Oktober mit der Müdigkeit bergauf geht.

Mein Vater nennt das die Herbstdepression, was umso erstaunlicher ist, weil er bestimmt der Letzte ist, der mir eine solche unterstellen würde. Und auch sonst fällt mir niemand ein, der mich in die gedrückte Ecke stellen könnte. Vielleicht deshalb, weil ich meine Müdigkeit ganz still und heimlich zuhause pflege. Um mit meiner Mutter zu sprechen: „Geht ja niemanden etwas an.“ Und ich kann mich sogar noch erinnern – es muss September gewesen sein -, dass ich vollster Überzeugung war, dass die Kraft heuer reicht. Dank der C-Zeit. Wo ja alles so gemächlich war, so ruhig, so idyllisch, zumindest im Außen.

Eine Herbst- oder Winterdepression ist eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Krankheit, eine Spielart aus dem Reigen der saisonal-affektiven Störungen. Das erinnert mich an die Therapeutin, die mich vier Jahre lang begleitet hat und mir eine Anpassungsstörung attestiert hätte, wäre die Frage nach einer Diagnose gestellt worden. Jetzt gibt es bestimmt den einen oder die andere, die mich vielleicht tatsächlich als leicht bis mittelschwer gestört empfindet, aber dabei kommt es ja immer irgendwie auf den Referenzrahmen an. Wenn mein Steuerberater mich als besser gelaunt empfindet als 90 Prozent seiner restlichen Klienten, obwohl ich mich selbst als extrem grantig empfinde, unterstreicht das meine These. Wenn ich in Zeiten wie diesen nach Afrika fliege, finden sich bestimmt auch hier Menschen, die das als völlig gestört bezeichnen. Störungen pflastern eh schon immer meinen Weg, seien es passive oder aktive.

Trotzdem lese ich nach. Die Symptome für eine Herbst- oder Winterdepression sind eine geänderte Stimmung, reduziertes Energieniveau, Ängstlichkeit, verlängerte Schlafdauer und Appetit auf Süßigkeiten sowie Gewichtszunahme. Na dann. Externe Reaktionen zeigen mir relativ klar an, dass sich meine Stimmung nur unwesentlich verändert hat. Kommt allerdings auf das Thema an. Meine zuständige Redakteurin fragte nach meinem letzten Blogbeitrag, ob es sein könne, dass mich die C-Situation Nerven koste. Yep – sie ist wirklich ein feinfühliger Mensch. Doch jenseits des viralen Gottseibeiuns‘ bin ich recht aufgeräumt. Kein Kreuzerl bei den Symptomen.

Ein dickes dafür beim Energieniveau, doch das ist der Tatsache geschuldet, dass mein Workload momentan ungewöhnlich hoch ist. Doch das ist irgendwie meiner neu gewonnenen Hartnäckigkeit geschuldet. Wenn ich früher mal eine arbeitstechnische Ebbe erlebt habe, begann ich Projekte, die mir persönlich wichtig waren. Und wurde die bezahlte Arbeit mehr, verschwanden diese Projekte wieder in einer eigens dafür eingerichteten Schütte. Wo sie lagen und lagen und lagen. Manche finde ich heute noch, wenn ich denn mal die Zeit habe, ein wenig aufzuräumen. Doch in diesem Jahr ist das anders. Es verläuft wieder einmal nach dem Prinzip „Wer den ersten Schritt macht, dem kommt der Schöpfer entgegen.“ Und das ist ja auch überaus positiv. Was sich verändert hat, ist die Einstellung zu meinen eigenen Projekten. Denn heuer will ich sie nicht versenken, sondern dran bleiben. Und das mit aller Konsequenz. Dass mein dritter Sammelband „Voll Fünfzig und halb philosophisch“ mit eigenen Inspirationskarten, Webauftritt und Facebook-Seite in die Welt kam, ist Folge dieser Hartnäckigkeit – und es macht soooooo viel Freude! Doch die Pflege und Verbreitung des Themas „Voll Fünfzig“ macht natürlich Arbeit, die zusätzlich zur zunehmenden Schreibtätigkeit Auswirkungen auf mein Zeitbudget hat. Und in weiterer Folge auf mein Energielevel. Wenn ich in Zeiten wie diesen zwischen einem Interview über das Buch oder einem Mittagsschläfchen wählen muss, gewinnt klarerweise das Interview.

Ängstlichkeit zählt jetzt nicht zu meinen hervorstechenden Eigenschaften. Und um sicherzustellen, dass wir von einer Art Ängstlichkeit sprechen: Scheu, Schüchternheit, Bangigkeit, Zaghaftigkeit und Beklommenheit bleiben mir größtenteils erspart. Gut, ein wenig Bangigkeit und Zaghaftigkeit bezüglich meiner Reisepläne habe ich schon, doch das betrifft eher die virale Umgangsweise mit äquatorialen Reisenden. Es reicht bei weitem nicht für ein fettes Kreuzerl. Vielleicht für ein Bleistift-Kreuzerl, aber keines mit einem Textmarker.

Ach, verlängerte Schlafdauer! Eine Freundin berichtete kürzlich, dass sie einen ganzen Tag im Bett verbracht hätte. Das klingt nach Himmel für mich. Ich merke davon wenig, denn mein Körper wacht meist nach sechs bis sieben Stunden auf. Und selbst bei größter Willenskraft, noch eine Runde Schlaf dran zu hängen, wird daraus nicht mehr als ein Hin-und-Her-Wälzen. Manchmal unterbricht auch die Katze diese Bemühungen, selten der Wecker. Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Wecker hasse? Sie reißen einen genau dann aus dem Schlaf, wenn der Körper einfach noch nicht für eine andere Stellung bereit ist. Ein wahrer Segen ist es, wenn Menschen ohne Wecker exakt dann aufwachen, wenn es Zeit zum Aufstehen ist. Gibt es. Ich gehöre nicht dazu. Kein Kreuzerl.

Bleibt noch der gesteigerte Appetit auf Süßigkeiten und die damit zusammenhängende Gewichtszunahme. Seit ich entdeckt habe, dass sich in meiner Nähe eine Outlet-Dependance meines Lieblingschocolatiers befindet, habe ich jede Menge Süßigkeiten zuhause. Zusätzlich zu denen, die ich so zwischendurch kaufe. Was zur Folge hat, dass der entsprechende Lagerungsort einigermaßen vollgerammelt ist. Und immer, wenn ich mal reinschaue, denke ich mir: Ich muss da mal aufräumen. Denn Fakt ist: Mehr als vier Stücke dunkle Schokolade werden es selten, die ich mir gönne. Und wirklich auf das Gewicht wirken sie sich auch nicht aus. Ich stelle mich zwar nie auf die Waage, doch solange mir meine Klamotten noch passen, ist noch alles im grünen Bereich. Und ein leerer Bereich, wo ein Kreuzerl hinkäme.

Ich fasse zusammen: keine Herbst- und Winterdepression. Sorry, Vater. Sieht fast so aus, als würde ich eher mit fortschreitendem Jahr meine Bedürfnisse zunehmend vernachlässigen. Und insofern wäre mir mit einem Powernap ab und an schon geholfen. Mit Spaziergängen in der Herbstsonne. Mit der Aussicht auf eine Reise in die Wärme am Jahresende. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wenn ich hier ein Textmarker-Kreuzerl setze.

FREITAG: Einblick in die mentale Kakophonie

Nach einem langen Tag, an dem ich meinen Entsafter gefüttert habe mit der Ernte des städtischen Weingartens, finde ich mich mit einem vollen Kopf wieder.

Im Tarot gibt es dafür die Karte „Sieben Kelche“. In einem meiner Decks steht ein Mensch vor einer Wolke, auf der sieben Kelche schweben, jeder von ihnen mit einem anderen Inhalt. Passt aktuell wie die Klappe aufs Auge.

Punkt eins: die C-Situation. Merken Sie es auch, dass es wieder losgeht mit der Medienpanik? Dass wir aufgewühlt werden mit Schlagzeilen wie „Schon über 8.000 Infizierte in Österreich“? Wir reden von 0,1 Prozent der Bevölkerung! Und wieder spricht keiner davon, was jede/r von uns selbst machen kann, um sich gesund zu erhalten – abgesehen von den offiziell verordneten Maßnahmen: vernünftig essen, Bewegung in der frischen Luft, Freude, ausreichend schlafen, vielleicht auch meditieren oder sonstwie Ruhe geben, vor allem dem Kopf. Hauptsache, wir fiebern alle auf eine Impfung hin, für die plötzlich alle Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt werden, die uns bislang für neue Medikamente sinnvoll erschienen. Mich einer Situation ausgeliefert zu sehen, die ich zwar für meine kleine Stadtinsel beeinflussen kann, aber deren Wirklichkeit an der Grundstücksgrenze endet, fördert meinen Grundgrant. Und ich bin ungerne grantig.

Punkt zwei: Die damit zusammenhängende Einschränkung meiner Freiheit. Wenn am 1. Oktober die südafrikanischen Grenzen für den Tourismus geöffnet werden, ist das nur Grund für einen freudigen Augenaufschlag. Ein breites Lächeln versage ich mir. Denn alles weitere hängt von Faktoren ab, die eben jene bestimmen, die sich außerhalb meiner Auffassung von Vernunft befinden. Natürlich verstehe ich, dass man lieber einmal zu vorsichtig ist als einmal zu wenig. Lieber vor einer Blindschleiche weglaufen, als sich mit einer Kreuzotter zu verbrüdern. Geschenkt. Gefühlt möchte ich gleich in den Flieger steigen, gedacht schreibe ich in mein Tagebuch, dass ich ja auch wieder zurückkommen muss. Und das ist ein weiterer Faktor, der außerhalb meiner Kontrolle ist.

Punkt Drei: die allgemein herrschende, unterschwellige Angst. Jetzt geht es bei vielen vielleicht gar nicht darum, dass sie sich den Virus einfangen könnten. Wie eine Freundin sagte: „Ein Virus bringt normalerweise seinen Wirt nicht um, weil er  damit seine Lebensgrundlage um die Ecke bringen würde.“ Es geht um die Angst, die entsteht, wenn es an Transparenz fehlt. Wenn für den Einzelnen die Zusammenhänge nicht mehr nachzuvollziehen sind. Die einen fangen in solchen Situationen mit Achtsamkeitsübungen und Meditieren an, die anderen flüchten sich in Verschwörungstheorien. Und gerade sie halten das Hirn am Laufen, ganz einfach, weil es verstehen möchte. Doch kann man die Gegenwart wirklich verstehen? Ich gebe zu: ich scheitere.

Punkt Vier: Kontaktschuld. Auch etwas, woran mein Gehirn scheitert. Nämlich daran, dass man einen Menschen diskreditiert, weil er sich in der falschen Gesellschaft befindet oder befunden hat. Ich weiß schon, dass das mit dem menschlichen Bedürfnis zu tun hat, dass Schubladen den Umgang mit der Umwelt leichter, ja manchmal sogar packbar machen. Und in Zeiten wie diesen schießt dieser Willen wirklich übermäßig ins Kraut. Deshalb: Halloooooooooo! Angenommen, ich verkehre mich Menschen, die Grünzeug nicht nur essen, sondern auch rauchen – macht mich das zu einem Kiffer? Angenommen, ich bin an einem Ort, wo sich Obdachlose treffen – macht mich das zu einem Sandler? Angenommen, ich pflege Beziehungen zu Menschen mit rechter Gesinnung – macht mich das zu einem Nazi? Was da fundamental falsch läuft, ist meiner Meinung nach folgendes: Irgendwie ist es bei vielen Menschen offenbar unter den Tisch gefallen, dass schlechtes Verhalten nicht zwangsläufig gleichzusetzen ist damit, dass dieser Mensch ein verabscheuungswürdiger Mensch ist. Im Bestreben, die Schubladen zu füllen, ist aktuell die Geschwindigkeit atemberaubend. DA reicht es schon, einen Satz zu isolieren und das dann als Diskreditierung heranzuziehen. Am Wochenende lese ich die Bezeichnung dafür: der Wille zum Missverständnis.

Punkt Fünf: Wenn der Mund-Nasen-Schutz äußerer Ausdruck der Distanzierung innerhalb der Gesellschaft ist, frage ich mich, was uns wieder auf ein gesundes Maß zurück bringen könnte. In einen Zustand, der den regen Austausch zwischen Individuen fördert, ohne gleich in einen Shitstorm auszuarten. Auf eine Ebene, wo wir Menschen in ihrer Ganzheit wahrnehmen können und nicht nur die Körner rauspicken, die unser Ego füttert, das sich vor Angst aufplustern muss, um zu überleben.

Punkt Sechs: Ich kämpfe selbst mit diesem Ego, tagtäglich. Und am Wochenende höre ich, dass schon das Erkennen dieses Kampfes reicht, um dem Kobold die Kraft zu nehmen. Vielleicht nicht gleich auf einen Schlag, doch jeden Tag ein wenig mehr. Wenn das Bewusstsein wächst, kommt auch die Klarheit.

FREITAG: Freiheit für die Jugend

Aufruhr auf den Innenstadtstraßen. Die Jungen rebellieren gegen neue C-Regeln. Und schwuppdiwupp, werden sie verschärft. Da sagt noch einer, dass die Politik träge reagiert.

Meine wilde Mutter rüttelt mich aus meiner Morgenmeditation und erzählt mir ihre Erlebnisse aus dem Krankenhaus, das sie wegen einer gebrochenen Schulter frequentieren musste. Nicht nur, dass sie sich in ihrem Mehrbett-Zimmer Geschichten anzuhören hatte, die man manchmal noch nicht einmal lesen mag; sie wurde auch mit der Abneigung älterer Menschen gegenüber der Jugend konfrontiert. Und wenn ich mich an einen kurzen Videobeitrag vom vergangenen Wochenende erinnere, kann ich das sogar nachvollziehen.

Junge Leute hatten gegen die seit Montag geltenden verschärften C-Regeln Rambazamba gemacht, in der Nacht und mitten auf den Innenstadtstraßen. Die Polizei rückte aus, die Journaille natürlich auch und heraus kamen Statements, wo man sich fragte: „Ist Grammatik out oder ganze Sätze zu sprechen, inzwischen unmodern?“ Ein Freund fragte sich, ob man nicht auch solche mit einem höheren Schulabschluss als Hauptschule befragen hätte können. Jetzt gibt es ja hierzulande gar keine Hauptschulen mehr, sondern nur mehr Mittelschulen. Und so oder so: Es ist nicht alles schlecht. Was wirklich ausgedrückt werden wollte, ist allerdings schon, dass man auch junge Menschen vors Mikro bitten hätte können, die einigermaßen reflektiert sind.

Eine Freundin beklagt ja, dass selbst ein Großteil der Erwachsenen das Wort Reflexion vielleicht buchstabieren kann, aber bestimmt nicht im aktiven Wortschatz hat. Wie und wo soll es also der Nachwuchs lernen? Erfahrungs- und Beobachtungslernen ist ein immerwährender Prozess, und wenn mit jungen Menschen nicht gesprochen wird, sie nicht angeleitet werden, auch einmal andere Standpunkte einzunehmen (und sei es auch nur theoretisch) – woher sollen sie Reflexion denn kriegen? Eine andere Freundin erzählt, dass ihr 14jähriger Sohn im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen weder verstockt noch lethargisch vor sich hin existiert. Und auch hier ist festzustellen: Die Eltern bleiben mit ihrem Sohn im Gespräch. Ich freue mich über Beispiele wie diese, denn sie bestätigen das, was ich selbst erfahren, praktiziert und wieder erfahren habe. Mein Vater hat stundenlang meine „Warum“-Fragen beantwortet, was irgendwann einmal zu der kuriosen Einsicht führte, dass ich in diesem Sinne anti-autoritär erzogen wurde. Doch das ist eine andere Geschichte. Was ich davon mitgenommen habe, ist die Gesprächsbereitschaft gegenüber meinen Kindern, die mir nicht nur ein Loch in den Bauch gefragt haben. Und die Diskussionen, die sich oft darauf ergeben haben, erweiterten nicht nur meinen Horizont, sondern zeigten den Kids auch, wie man Gespräche denkt und führt. Söhne wie Tochter sind wunderbar reflektiert, was zu einem erweiterten Verständnis für ihre Umwelt und die Menschen führt, die darin leben.

Natürlich gab es Zeiten, wo kein Satz ohne ein „oida“ oder „Alter“ daher kam. Ihren Vater hat das ziemlich auf die Palme gebracht, weil er es persönlich genommen hat. Erst mehrfache Erklärungen, dass „man“ eben so spricht in diesem Alter, konnten ihn etwas besänftigen. Angefreundet hat er sich nie damit. Und da sind wir genau an dem Punkt, der meiner Meinung nach das Verhältnis zwischen den Generationen nach wie vor schwierig macht. Es fehlt das Verständnis füreinander. Nicht generell, aber doch momentan sehr, wie mir scheint. Und die Zeiten sind ja auch so wirr, dass man zwischen der Selbstfürsorge und dem Allgemeinwohl hin und her gewatscht wird und leicht aus seiner eigenen Mitte gerät. Und das wiederum führe ich darauf zurück, dass wir natürlich alle das Gewohnte zurück haben wollen. Jede Generation.

Auch wenn Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, dreht sich alles doch mehr oder weniger um ein Thema: Freiheit. Die Freiheit zum Konsum. Die Freiheit zum Genuss. Die Freiheit zum Sein. Das alles scheint sich gefühlt momentan kaum umsetzen zu lassen. Ja, immer weniger, wenn man die Verlautbarungen betrachtet. Doch gerade hier ist wieder einmal Achtsamkeit gefordert. Nicht alles nur nehmen, wie es präsentiert wird, sondern auch hinterfragen und selbst recherchieren, was einem unklar ist. Doch das hatten wir ja schon im Frühling.

Vor zwei Jahren war ich auf Robben Island, eine vor Kapstadt liegende Insel, auf der Nelson Mandela fast 20 Jahre seines Lebens im Gefängnis saß. Man spricht auch von der „Mandela University“, weil der spätere südafrikanische Präsident die Zeit nutzte, um sich fortzubilden und auch seine Mithäftlinge dazu zu animieren. Was sonst hätte er tun können auf einem sandigen, heißen Eiland, in einer Mini-Zelle, in der man nicht einmal die einfachste Bauchtanz-Choreographie unterbringen hätte können? Was immer er gelernt hat: Er hat gezeigt, dass Freiheit eine innere Einstellung ist und nicht von äußeren Umständen abhängt. Und genau diese Erkenntnis brauchen wir in Zeiten wie diesen.

Doch was bedeutet das konkret? Nehmen wir die Freiheit zum Konsum. Man könnte beispielsweise – und politisch immer unkorrekter – aus dem Internet konsumieren und sich die Einkäufe virtuell bestellen. Ist heutzutage ein bisschen pfui, weil ökologischer Fußabdruck, weil Schwächung der heimischen Wirtschaft. Stellt sich also die Frage, warum wir die Freiheit haben wollen, Dinge zu verbrauchen. Aufzubrauchen. Verschwinden zu lassen. Und ich spreche jetzt nicht von Hunger – essen müssen wir schließlich alle. Was mich zum nächsten Punkt bringt: die neue C-Gewohnheit, sich Nahrung ins Haus liefern zu lassen. Noch nie zuvor habe ich so viele Zustell-Radler im Stadtbild gesehen wie seit dem Frühling. Gut, was die Schaffung von Arbeitsplätzen angeht. Schlecht, was den Unwillen vieler zeigt, für sich selbst zu sorgen. Nämlich insofern, dass man weiß, was man isst. Aber gut. Lieber Stunden am oder vor dem Bildschirm verbringen und dort etwas zu konsumieren, was einem Entscheidungen abnimmt, wahlweise vernebelt. Entspannen müssen wir ja alle einmal, nicht?

Was mich zur Freiheit zum Genuss bringt. Fragen wir uns heute noch, was Genuss wirklich für uns ist? Oder lassen wir uns einreden, was wir zu genießen haben? Weil es alle tun oder haben? Vor Jahren habe ich ein Interview mit einem Mann geführt, der mir erzählte, sein größter Genuss sei ein Butterbrot mit frischem Schnittlauch. Yesssss. Eine Freundin erzählt mir, dass sie jeden Tag eine Stunde wandert und immer wieder Neues in ihrer Umgebung entdeckt, was ihr in den vergangenen Jahren entgangen ist. Yesssss. Und ich genieße den allerersten Schluck Kaffee in der Früh. Muss Genuss immer groß und teuer sein? Ich glaube nicht. Für manche reicht sitzen.

Freiheit zum Sein. Da wird es für viele schwierig. Denn nur die wenigsten hinterfragen ihr Sein – wozu auch, man „ist“ ja eh immer. Doch schon Erich Fromm unterschied zwischen dem Haben und dem Sein als Zugang zum Leben. Und die Gefahr beim Haben ist halt, dass es einem genommen werden kann. Das Sein hingegen bleibt. Weshalb es mir ziemlich sinnvoll erscheint, sich genau diesem Sein zu widmen. Herauszufinden, was dafür wichtig ist. Was es ausmacht. Wie man es gestalten kann. Auch ohne das Haben, das in unserer Welt so wichtig geworden ist.

FREITAG: Strandphantasien

Ich komme gerade von einem sehr spontanen Frühstück auf einer Dachterrasse – ein wunderbarer Start in den Tag. Und zwischen Leckereien-Etagere und Latte Macchiatto fliegen die Erfahrungen und Träume hin und her.

Auch wenn ich momentan so fokussiert wie selten in meinem Leben bin – für Spontaneität muss Platz und Zeit sein. Speziell wenn ich mich zum wöchentlichen Blogschreiben hinsetzen möchte, ist Inspiration hoch willkommen. Denn auch wenn es mich nach wie vor umtreibt: über das C-Wort und die damit zusammenhängende Reise-Unwilligkeit kann ich ja nicht wöchentlich lamentieren, weil das vermutlich nicht nur Ihnen, sondern auch mir selbst auf die Nerven geht. Und meine Intuition, die langsam und sicher immer nachdrücklicher wird, ließ mich heute morgen Kontakt zu einer Frau aufnehmen, deren Sohn zu „meiner“ erweiterten Kinderschar zählt und die ich immer schon sehr geschätzt habe. Und siehe da – es hat geklappt.

Auf der Dachterrasse fangen wir mit dem Erzählen an, ohne uns auch nur irgendwie warmreden zu müssen. Die Kinder tragen, doch wir wachsen darüber hinaus, teilen Erfahrungen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, drehen und wenden sie. Und dann taucht da ein Traum auf, den wir offensichtlich beide seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten visualisieren: das Haus am Meer. Sie erzählt von Sommertagen in ihrer Kindheit, die sie in einer Hütte am Strand verbracht hat. Meine Phantasie hüpft vor Freude, denn dass sie danach Sehnsucht hat, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Mir fällt ein Aufenthalt auf Formentera ein, als es dort noch die Kioskos gab – kleine Strandbars, in denen man den Sonnenuntergang erleben konnte. Dort fiel mir auch auf, was ich bis zum damaligen Zeitpunkt bei Strandspaziergängen immer vermisst hatte: die Musik. In Filmen, die diese junge Frau gesehen hatte, fanden Meerbummeleien immer vor romantischer Soundkulisse statt. Seitdem finden meine Strandspaziergänge nur mehr mit Ohrstöpseln und zum Soundtrack meines Lebens statt. Wie auch immer: Auf Formentera dachte ich mir, dass es kaum etwas Schöneres geben könnte, als irgendwann einmal so einen Kiosko zu betreiben, den Wind zu spüren, der Sonne beim Untergehen zuzuschauen. Aktuell bin ich davon gaaaaaanz weit entfernt.

Und auch vom „Beach House“, meinem Ersatz-Domizil, bis sich für mich das richtige Angebot auftut. Allerdings sind sich die beiden Frauen auf der Dachterrasse einig: Momentan ist wirklich die falsche Zeit für diesen Traum. Denn wenn man sich Eigentum im Ausland anschafft, möchte man auch hinfahren. Was uns diese Zeit vor Augen führt: Selbstverständlichkeiten können sich ändern. Und andere Dinge werden zur Selbstverständlichkeit, die es nicht werden sollten. Für mich ist das aktuell der Mund-Nasen-Schutz. Kürzlich habe ich gehört, dass diese Entwicklung nur äußerer Ausdruck dessen ist, was in der Gesellschaft schon lange gang und gebe sei: die Distanzierung zwischen den einzelnen Menschen. Was für mich wiederum überhaupt nicht zutrifft. Denn ich brauche wenig, um Verbundenheit zu einem Menschen herzustellen, doch mindestens ein Gesicht. Und dass ich darüber nicht mehr entscheiden kann, wann ich Verbundenheit aufbauen darf und wann nicht, beschäftigt mich schon sehr. Mir war vorher schon viel zu viel reglementiert, doch das macht mich grumpy. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte in keinster Weise eine Gefahr für andere darstellen, weshalb ich ja auch die Maske trage. Doch davon, dass ich sie wie viele als Modeaccessoire akzeptieren würde, bin ich meilenweit entfernt. So meilenweit wie die visualisierten Häuser am Meer. Doch die beiden Frauen sind sicher: Irgendwann sitzen sie in ihren maritimen Domizilen, hören die Wellen auf der Terrasse, erobern sich 24/7 den Strand und sind angekommen. Ja, Erfahrungen, die man in der Phantasie macht, sind viel wert – positiv sollten sie halt sein.

FREITAG: Aufgeladene Atmosphäre

Spüren Sie das auch, dass momentan ganz viel Energie in der Luft liegt? Also aufgeheizte, die ein Ventil sucht. Oder Kühlung. Oder Wandlung.

Ich persönlich hatte ja Anfang des Jahres ein Erlebnis, das so viel Energie und Fokus in mich hinein gepumpt hat, dass ich selbst neun Monate später noch davon zehre. Und auch wenn ich etliche Wochen gebraucht habe, um die Sinnhaftigkeit dieses Erlebnisses zu verstehen, ist die Dankbarkeit dafür umso größer, seit ich den Sinn erfasst habe. Und weil es mir gerade auffällt: Es hat tatsächlich neun Monate gedauert, dass meine Babys als drittes Buch und Inspirationskarten erschienen sind. Das alles erfüllt mich mit großer Freude, und ich genieße den Flow, in den mich der Januar-Energieboost geschossen hat.

Jetzt wundere ich mich ja schon seit geraumer Zeit, dass es anderen nicht so geht. Ist unlogisch, denn es konnte ja nicht jeder Erfahrungen wie ich machen. Und doch möchte ich stets, dass es meinem Umfeld genauso gut geht wie mir. Leider klappt das irgendwie nur suboptimal, gerade was die Energie angeht. Da gibt es Energielosigkeit aufgrund von Überforderung oder Anspannung. Aber auch Aggression aufgrund von Überforderung oder Anspannung. Jetzt bin ich kein besonders aggressiver Mensch, auch wenn ich das Gefühl natürlich kenne, jemandem gerne eine runter zu hauen. Doch erstens ändert es vermutlich nichts an der jeweiligen Situation und zweitens hatte ich in meinem Werkzeugkasten der Reaktion doch noch den einen oder anderen emotionalen Schraubenschlüssel, der mir (und dem Gegenüber) eine Handgreiflichkeit ersparte.

Ich lasse mir erzählen, dass Männer inzwischen weniger handgreiflich werden, weil sie Konsequenzen befürchten und/oder weil es inzwischen common sense ist, die Hand in der Hosentasche zu lassen. Doch ich lasse mir auch erzählen, dass immer mehr Frauen da nicht ganz so beherrscht sind. Die Dunkelziffer solcher Fälle ist hoch, weil kein Mann gerne zugibt, dass es eine gesetzt hat. Frau übrigens auch nicht. Und gerade in der C-Zeit, als wir uns alle mit den gewählten Lebenssituationen konfrontierten mussten, hatte die Polizei einiges zu tun, was häusliche Gewalt anging.

Während ich in der spätnachmittäglichen Sonne diese Zeilen schreibe und der Katze beim Schlabbern des Regenwassers zuschaue, denke ich mir, wie groß die Not sein muss, wenn nur mehr das Hinterlassen von blauen Flecken möglich ist. Ich persönlich werde ja aggressiv, wenn ich mich klebrig schwitze oder hungrig bin. Doch die Sonne zu verklopfen oder mir in die Magengrube zu schlagen, erscheint mir in solchen Situationen wenig zielführend. Es liegt in meiner Verantwortung, einen Schattenplatz zu finden und mich zu nähren. Das kann ich nicht delegieren, selbst wenn ich es wollte. Ich kann mich auch noch an eine Situation erinnern, als ich am Bauch operiert wurde und plötzlich feststellen musste, wie viele Muskeln in diesem Bereich an den kleinsten Bewegungen beteiligt sind. Manchmal wurde ich da auch wütend, weil ich einfach nicht konnte, wie ich wollte. Hätte ich damals gewusst, dass es schon seinen Sinn hat, nach einer Operation ruhig gestellt zu sein, wäre ich nicht auf die schräge Idee gekommen, die Heilung durch möglichst viel Aktion unterstützen zu wollen. An dieser Stelle wäre das Smiley, das auf dem Kopf steht, angebracht. Doch es gibt noch andere Gefühle. Zum Beispiel Furcht oder Frustration.

Ich lese, dass Aggression ihren Ursprung in der Verteidigung und Gewinnung von Ressourcen, aber auch in der Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen liegt.

Wenn es nun zu Handgreiflichkeiten zwischen Mann und Frau kommt, was könnte dann die Verteidigung von Ressourcen sein? Oder die Gewinnung derselben? Das einzige, worauf ich komme, ist das Ego. Und die jeweiligen Ausprägungen von Angst. Und davon gibt es ja im zwischenmenschlichen Bereich einige. Die Angst, nicht wahrgenommen zu werden. Die Angst, nicht anerkannt zu werden. Die Angst, einem Bild nicht zu entsprechen. Oder etwas konkreter: die Angst vor dem Alleinsein, dem Scheitern, dem Gesichtsverlust. Kenne ich alles, habe ich alles durchexerziert. War unschön und schmerzhaft, hat Energie gekostet und mich von mir selbst entfernt.

Und das ist ja das Faszinierende. Man versucht, mit Aggression seine Pfründe zu verteidigen oder welche zu schaffen und hat noch nicht einmal eine Ahnung davon, was die wahren Pfründe sind. In meiner Welt liegen sie dort, wo wir vollumfänglich für uns, unsere Gefühle, unser Dasein Verantwortung übernehmen. Und sie nicht an andere delegieren. Vom Autor und Psychologen Robert Betz lerne ich sinngemäß: „Jeder, der nicht jeden Tag freudig angeht, kann auch anderen keine Freude bringen.“ Und jeder, der mit sich selbst nicht auskommt, kann das auch nicht von dem Menschen erwarten, mit dem man das Leben teilt. Stark. Und für viele superschwer umzusetzen.

Wir alle haben einmal versucht, das Märchen von den zwei halben Kugelmenschen zu erfüllen, die erst wieder ganz werden, wenn sie sich gefunden haben. Und sich dann das geben können, was sie so lange vermisst haben. Doch das funktioniert eben nicht. Sagt auch Robert Betz. Beziehungen aufgrund von Bedürftigkeiten zu beginnen, kann auf Dauer nur schief gehen. Weil wir uns inzwischen so individualisiert haben, dass auch unsere Bedürfnisse hochindividuell geworden sind. Und wir alle wissen, dass es nirgendwo einen Hochleistungszuchtbetrieb für eierlegende Wollmilchsäue gibt. Unter diesem Blickwinkel können wir nur scheitern.

Siegen können wir, wenn wir lernen, es mit uns selbst auszuhalten. Auch ohne Smartphone oder sonstige Bildschirme und Ablenkungen. Wenn wir lernen, uns selbst gern zu haben und zuerst einmal uns das zu geben, was wir brauchen. Ich für meinen Teil gebe mir jetzt ein Abendessen, denn ein bunt dekoriertes Käsebrot als Mittagessen trägt nur bedingt. Und selbst wenn mir der eine oder andere einfallen würde, der gerne für mich kochen würde: Ich bin für mich selbst verantwortlich. Meinen Hunger. Meine Gefühle. Mein Leben. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

FREITAG: Die Transparenz der Tauben

„Du bist eine tolle Taube“, sagte mein Vater kürzlich. Mit einem Wanderfalken hat er mich ja auch schon verglichen. Und das alles, obwohl ich momentan gar nicht fliegen mag.

Ich habe wenig Anknüpfungspunkte mit dem Federvieh. Und abgesehen davon, dass ich den Frühling willkommen heiße, wenn ich zum ersten Mal nach dem Winter am Morgen vom Gezwitscher geweckt werde, achte ich auch kaum darauf. Mein Ex hat es ja sehr mit den Tauben, die ihm vielfach den Weg weisen, weil er ihnen eine positive Bedeutung gibt. Die Katze findet Vögel auch ziemlich attraktiv, und wenn sie mir ihre Jagdbeute vor die Türe legt, muss ich sie immer ausgiebig loben. Ist nicht schön, aber angemessen und nötig für das Katzen-Ich. Als mein Vater das mit der Taube durch die Videokamera schickt, fällt mir ein, dass wir vor fast 20 Jahren in einem Vogelpark in Indien waren – extra wegen ihm. Wir fuhren mit dem Fahrrad durch die riesige Anlage und er hatte seinen Kopf meistens in den Baumkronen, weil sie zwar zu hören, aber nur spärlich zu sehen waren. Ich hatte ja damit zu tun, dem Weg nachzukommen, denn von asphaltierten Straßen ist man in einem indischen Vogelpark meilenweit entfernt. Und die Sinnhaftigkeit eines Fahrrades hatte sich mir schon damals nicht erschlossen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dass ich eine Taube sein soll, erklärt beispielsweise, warum mein Ex mich als seine beste Freundin bezeichnet. Allerdings: Wenn es um den richtigen Weg geht, vertraut er seinen gefiederten Gefährten mehr als mir. Betrachte ich mich selbst in diesem Kontext, bin ich am ehesten eine Brieftaube. Im übertragenen Sinne bringe ich meine Geschichten in die Welt und von dort auch wieder neue in meinen Heimatschlag zurück. Das Ergebnis lesen Sie ja Woche für Woche hier, und auch in meinen Büchern. Apropos: Das dritte ist endlich in meinen Händen und auch schon bei interessierten LeserInnen. Und wie eine richtige Brieftaube lasse ich damit auch meine Geschichten, im weitesten Sinne auch meine Vergangenheit los.

Das trägt bestimmt dazu bei, dass ich Woche für Woche so transparent sein kann. Vor einigen Tagen habe ich das zugetragen bekommen, was mich nachdenklich gemacht hat. Nicht, dass ich transparent bin – niemand, der einen persönlichen Blog schreibt, kann bis zu einem gewissen Grad darauf verzichten. Doch nachgedacht habe ich darüber, dass ich als transparent empfunden werde. Und ob es noch etwas gibt, was nur mir gehört und noch nicht Eingang in den Brief für die Taube gefunden hat. Mit einem Seufzer der Erleichterung stellt ich fest: Ja! Es ist nämlich so: Wie eine Brieftaube habe ich eine gewisse Strecke zu überwinden. Auf diesem Weg trage ich mehr oder weniger schwer an dem, was ich erlebt habe. Doch wenn ich dann am Ziel angekommen bin, habe ich die Geschichte so verstoffwechselt, dass ich sie loslassen und im Idealfall darüber schmunzeln kann. Und dann ist Transparenz eine Selbstverständlichkeit.

Transparenz verleiht Leichtigkeit, weil die Schwere verdampft ist oder sich verpulverisiert hat. Und gibt es etwas Leichteres als Vögel? Außer einem fliegenden Plastiksackerl oder Hautschuppen fällt mir jetzt nichts ein. Und nachdem der Kunststoff bei mir höchstens in den Müll fliegt und das Fallen der Hautschuppen durch exzessiven Gebrauch von Arganöl weitgehend unterbunden wird, habe ich die besten Voraussetzungen zum Fliegen. Und auch wenn ich mich momentan (noch) dagegen sperre, ein Flugzeug zu besteigen, hindert mich abseits davon wenig daran, die Leichtigkeit zu kultivieren. Die Devise: Loslassen, was unmöglich ist und auf das fliegen, was sich anbietet. Simple as that.

FREITAG: Tiere und Kinder gehen immer

Nach der kleinen Mückenattacke von letzter Woche kam noch eine größere, die mich tatsächlich davon abgebracht hat, zum See zu fahren. Aber grundsätzlich mag ich Tiere – auch wenn ich das jahrelang nicht wusste.

Als die Kinder klein waren, hörte ich oft die Frage, warum ich keine Tiere möge. Und meine Standardreaktion lautete: „Weil sie nicht antworten.“ Vermutlich hätte ich vor meiner Zeit mit den Kindern die gleiche Antwort gegeben, hätte man mich gefragt, warum ich keine Kinder mochte. Doch das hat sich ja dann geändert, und meine Welt wurde eine ganz andere. Kürzlich hat mich die Freundin meines Jüngsten gefragt, ob ich es sinngemäß bedaure, dieses Leben gewählt zu haben. Es konnte nur ein „Nein“ folgen, denn alles, was ich heute in meinem glücklichen Zustand bin, hat mit dieser Wahl zu tun. Auch dass sich der Kreis der jungen Menschen nach wie vor erweitert, weil die Kinder ihre Liebsten mitbringen und durchwegs eine Wahl getroffen haben, die ich nachvollziehen kann. Dass das wichtig ist, wurde mir vor Jahren durch die älteste Freundin meiner Mutter bewusst, die einmal sagte: „Man mag den Partner der Tochter, wenn er einem selbst gefällt.“ Was natürlich erklärt, warum es immer zu Reibereien zwischen meiner Mutter und mir kam – nur selten hätte sie sich den Mann ausgesucht, den ich zum jeweiligen Zeitpunkt gerade gewählt hatte. Andererseits: Ihre Wahl war nach einzelnen Testversuchen jetzt auch nicht gerade das Gelbe vom Ei – am ehesten noch das Gelbe von Tausendjährigen Eiern. Die sind zwar eine Delikatesse, aber das sind Stierhoden auch. Und ich muss wirklich nicht alles mögen.

Mein Verhältnis zu Tieren war lange ein wirklich schwieriges. Es begann mit einer erfrorenen Schildkröte, zog sich über eine falsch ernährte und deshalb verhungerte Wüstenspringmaus bis hin zu einer erstickten Streunerkatze. Doch irgendwann fiel mir auf, dass Tiere mich suchten – wie Kinder. Und da begann ich zu akzeptieren, dass sie in mir irgendetwas sahen, was ich selbst nicht wahrnehmen konnte. Meine jetzige Katze, die mir ja nicht gehört, aber trotzdem nicht von mir ablassen will, ist jetzt schon fast fünf Jahre in meinem Alltag, und selbst wenn sie eigentlich als Zimmerkatze gepolt war, schlägt sie sich in der freien Wildbahn meines Gartens tapfer. Wenn eine rote Katze unter dem Tor durchschlüpft, wird sie extrem aggressiv, und das ist deshalb putzig, weil es dem Eindringling herzlich wurscht ist, dass die Kleine faucht und grummelt. Was nicht passiert, wenn der Haus-und Hof-Igel durch den Garten kruschelt. Den schaut sie sich in aller Ruhe an und toleriert es sogar, wenn er von ihrem Teller frisst. Nicht, dass der Gute zu wenig Futter finden würde – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Schnecken ich heuer schon von meinen Dahlienschößlingen, Malven und Astern heruntergeklaubt habe! Und offenbar haben sich auch Tigerschnecken angesiedelt, die eine Freundin zwar als positiv bewertet, weil sie die Eier der anderen Nacktschnecken fressen, doch auch vor meinen Pflanzen nicht Halt machen. Ein typisches Beispiel von „Nichts Schlechtes, wo nicht auch etwas Gutes daherkommt“ – trotzdem: bitte nicht in meinem Garten, auch nichts Getigertes. Kleopatras Tiger reichen mir.

Wie schon öfters an dieser Stelle erwähnt, finde ich das Zusammensein mit meiner Katze meistens ziemlich entspannend. Und wenn sie mir während des Meditierens auf dem Bauch liegt und so dreinschaut, als würde sie jede Silbe des Mantras verstehen, gelingt mir das innere Lächeln besonders gut. Diese Woche allerdings war sie unruhig. Und den Grund dafür merkte ich erst dann, als etwas auf meiner Nase kitzelte. Als ich das Etwas verscheuchte, merkte ich, dass die Katze ihren Blick ruckartig nach links warf. Und da war ich dann doch neugierig, was mich irritiert und aus dem Mantra geworfen hatte: eine kleine grüne Heuschrecke. Sie machte ein paar Sprünge und verschwand dann hinter dem Sofa – vermutlich wird sie dort ihr Ende finden, denn selbst der Saugroboter findet dort von alleine nicht mehr heraus. Der Vater meines kleinen Nachbarn würde sagen: „Wieder ein selbstmordwilliges Tier, dass dich gefunden hat.“ Ha, ha.

Ich höre, dass Heuschrecken ein Symbol für eine zerstörerische Kraft sein sollen, die aus dem „Rauch“ oder Einfluss des Schlundes hervorkommt, um die Menschen, die nicht das Siegel Gottes an ihrer Stirn haben, zu stechen und quälen. In diesem Sinne: Gott! Das Ding ist noch nicht einmal so groß wie ein Glied meines kleinen Fingers. Doch da ja alles nur eine Frage der Interpretation, wahlweise des Glaubens ist, finde ich eine andere Symbolik, nämlich bei den Chinesen. Für sie ist die Heuschrecke eine für Glück und Wohlstand, weil man die viermalige Häutung als ein Symbol der Seele ansah. Das klingt doch sehr viel besser und optimistischer, finde ich. Da ich meinen Mückenstich auf der Stirn wahrlich nicht als Siegel Gottes betrachten möchte, gefällt mir die Idee viel besser, dass meine Seele sich häutet. Und gerade in diesem Jahr, in dem so vieles anders ist als früher, ist das wohl auch notwendig und hochwillkommen.

Vielleicht krieche ich doch noch unter das Sofa und versuche, die Heuschrecke zu retten. Wenn die Katze sie nicht schon gefressen hat – Heuschrecken sollen ja auch Delikatessen sein. Nicht nur für Stubentiger. Doch es gibt offenbar ethische Bedenken dagegen bezüglich aufwendiger Zucht und langer Transportwege. Was man alles lernt, wenn einem ein Grashüpfer auf die Nase springt! Ob ich beim Meditieren das nächste Mal den Mund offen lasse, damit einer reinspringen kann, überlege ich mir trotzdem noch.

FREITAG: Das juckt mich gar nicht!

Bei einheimischen Spinnen bin ich relativ angstbefreit, die Urangst vor der Schlange habe ich auch abgelegt, doch wenn ich es surren höre, wird alles zum Drama.

In den vergangenen Jahren habe ich doch einigermaßen fundiert gelernt, wie ich so schnell wie möglich zu meiner Contenance zurück finde. Meditieren hilft, den Ameisen beim Melken der Blattläuse zuzusehen auch. Ein rascher Spaziergang zu rhythmischer Musik tut ebenfalls gut, wie Lachen, Schreiben und Gartenarbeit. Doch gerade letzteres ist momentan etwas mühsam, weil ich hier das Zufriedenheitsparadoxon erlebe. Das bedeutet: positive und negative Gefühle gleichzeitig wahrzunehmen. Das Graben, Umtopfen und Arrangieren der Beete ist etwas Wunderbares; dass mich dabei Stechmücken umschwirren, die gerade aus ihren Eipaketen auf der Oberfläche meines Teichs entkommen sind. Und hurrrrrrraaaaaa – da ist ja auch gleich eine Nährstoff-Lieferantin! Auch am See freuen sie sich schon auf mich, was zur Folge hat, dass ich selten ohne zusätzliche Polka Dots heimfahre. Es gibt ja in meiner Welt kaum ein ähnlich befriedigendes Gefühl als das Kratzen einer juckenden Hautstelle. Doch das ist tricky, weil es zwar kurzfristig Linderung verschafft, danach umso mehr juckt. Also lässt der vernunftsbegabte Mensch tunlichst vom Schaben ab und schmiert eine Salbe drauf. Die man genauso tunlichst immer dabei hat, weil es ja immer zum Jucken anfangen kann.

Und das ist bei mir eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Ärgere ich mich, juckt es mehr. Und juckt es, ärgere ich mich schneller. Da helfen dann weder Ameisen noch Meditationen, das Lachen vergeht und die Spaziergänge fallen aus, weil die Kleidung genau dort kratzt, wo der Stich ist. Meistens dauert es eine Weile, bis mir der Zusammenhang zwischen Ärger und Jucken klar wird. Und deshalb habe ich mich gestern über den Autor eines Zeitungsartikels geärgert, der die persönlichen Befindlichkeiten rund um seinen 50. Geburtstag beschrieben hat. Das Kribbeln hat begonnen, als er feststellte, dass für einen Mann in diesem Lebensabschnitt praktisch kaum mehr etwas passiert, weil alles meistens irgendwie läuft. Aus dem Kribbeln wurde Jucken bei der Textpassage, wo er darüber fabuliert, dass er für die neue Unbeweglichkeit in Geist und Körper dankbar ist. Zu kratzen begonnen habe ich mich, als ich „Das leicht Dödelige, nicht mehr ganz Frische, ein bisschen Langsame kommt gut“ lese. Auch seine These, dass man als Junggebliebener für einen jungen Menschen kein angenehmes und interessantes Gegenüber mehr ist, trägt nicht dazu bei, dass ich von dem Mückenstich ablasse. Von ihm habe ich auch das Wort „Zufriedenheitsparadoxon“ gelernt, das offenbar vor allem Männern um die 50 zugeschrieben wird.

Bevor es in meiner Kniekehle zu bluten begann, fiel mir auf, dass sich die Katze bereits seit geraumer Zeit leckt. Jetzt ist sie eine Schönheit, und da ist ausgiebige Pflege ein Muss. Doch 20 Minuten? Ich schaute um die Ecke meines Tisches und sah irgendwelche Flüssigkeitsspritzer auf dem Boden. Jetzt muss man wissen, dass sie sich vor einigen Tagen ziemlich verletzt hat und seither mit einer dicken Backe herumgelaufen ist. Essen fiel schwer, was zu der Erfahrung führte, dass man auch Trockenfutter pürieren kann, wenn man das Viech am Leben halten will. Irgendwann konnte sie wieder selbständig snacken, doch die Schwellung blieb. Die Neugierde trieb mich dann doch dazu, aufzustehen und diese Tropfen auf dem Parkett zu überprüfen. Und siehe da, die Katze hatte sich die halbe Wange selbst abgerissen, die offensichtlich voller Eiter gewesen war. Noch bevor ich sie loben konnte für ihre Tapferkeit, rannte sie vor mir und ihren Körperflüssigkeiten davon. Und da stellte ich fest: Es juckt nicht mehr.

Ich setzte mich wieder zu meinem Artikel und stellte fest, dass mir dieser Mann im Grunde leid tut. Weil er Sprachenlernen als lächerlich abtut, weil ihm zu Liebe nur „stille Genügsamkeit“ einfällt. Und weil ihm an die hunderte Momente in seinem Leben einfallen, die er lieber nicht erlebt hätte. Während meiner perimenopausalen Phase habe ich ein großartiges Buch gelesen, in dem die Autorin erklärt, dass Frauen dann wieder neu anfangen, wenn Männer langsam mit dem Leben abschließen. Und dass sich daraus die größten Konflikte in Partnerschaften ergeben.

Die finale Gelassenheit erreicht mich an dem Punkt, wo mir klar wird, dass dieser Mann mit meinem Lebens nichts zu tun hat. Und dass ich auch keine Männer wie ihn in meinem Leben habe, wahlweise brauche. Für mich ging es um die 50 erst los mit dem selbstbestimmten Leben, mit der Lust auf die Freiheit, mit der allumfassenden Liebe. Und die ist weder still noch genügsam, sondern offen, neugierig und voller Tatendrang. Deshalb gibt es jetzt auch das dritte „Voll Fünfzig“-Buch mit ausgewählten Beiträgen aus diesem Blog. Und es ist richtig dick, weil ich mit über 50 aus dem Vollen schöpfe. Ich bin dankbar für diesen Reichtum und denke nicht im Traum daran, leicht dödelig zu werden oder dem etwas Positives abzugewinnen. Juckt mich gar nicht.