FREITAG: Den Sinn im Sinnlosen finden

Die Tatsache, dass ich mich letzte Woche wieder von etwas getrennt habe, versetzt mich jetzt in die Lage, das, was ich behalten habe, umso kritischer zu beäugen.

Vielleicht kennen Sie das Phänomen: Kaum lässt man das eine los, erwischt man sich dabei, an anderer Stelle zu klammern. Ich kann zwar fünf Kilo meiner Lieblingswochenzeitung wegwerfen, dafür aber echt bockig werden, wenn ich einen lieben Freund per Verordnung in der Öffentlichkeit nicht umarmen darf. An dieser Stelle ist „klammern“ wörtlich zu nehmen. Und ob der aktuellen Situation bin ich fast schon chronisch bockig, was mich wundert. Denn wochenlang habe ich meinem Alleinsein gefrönt und alles ganz wunderbar gefunden. Doch langsam wird es widersinnig. Schon alleine die Aussage, dass man Abstand halten solle, aber nur dort, wo es möglich sei. Eine Freundin erzählt mir von ihrer Fahrt in der Wiener U-Bahn, wo sie eigenhändig zwei Streithähne auseinanderdividiert hat, weil die sich ob der Mund-Nasen-Bedeckung fast in die Haare gekriegt hätten, nachdem halbe Myriaden von Menschen sich Haut an Haut durch die Gänge geschoben hatten. Vielleicht sollte ich meine Freund*innen auch nur mehr in der U-Bahn treffen, denn wenn man ohnehin schon gegeneinander schrammt, kommt es auf eine Umarmung mehr oder weniger auch nicht an, oder?

Doch bevor ich mich wieder einmal in Rage rede – einmal am Tag genügt, und dieses eine Mal habe ich heute schon hinter mir -, will ich wieder zu meiner Lieblingswochenzeitung zurückkehren. Stellen Sie sich vor: Ich lese die aktuelle Ausgabe! Und bleibe an einem Artikel hängen, der sich mit einem Vergleich der jetzigen Situation mit einer im 18. Jahrhundert beschäftigt. Damals hatte man das Social Distancing auch schon praktiziert, zwar nicht aufgrund von Epidemien, sondern aufgrund der Erkenntnis, dass sich Krankheiten durchaus von Individuum zu Individuum übertragen lassen. Vor dieser Zeit glaubte man an körperliche Unausgewogenheiten als Ursache, die absolut intrinsisch waren. Aus dieser Zeit stammt übrigens der Gebrauch von Nachtwäsche, Besteck und Taschentuch. In einem ersten Schritt bedeutet das: Die Gesellschaft hat schon einmal einen Individualisierungsschub durchgemacht. Nach Ansicht des Autors brauchen wir uns nicht über die aktuellen Tendenzen aufzuregen, denn sie sind im Prinzip nichts Neues, sondern nur die leicht verschärfte Version dessen, was sich ohnehin bereits angekündigt hat. Und dann kommt ein ganzer Absatz im Nominalstil, der die bis dahin kraftvolle Ausdrucksform des Journalisten in das übernächste Universum beamt. Verödung, Einübung, Zuwachs, Entstehung, Machtzuwachs – das muss doch wirklich nicht sein. Ist es denn so schwer, den Menschen zu erzählen, dass viele Kleinunternehmen schließen werden und jene, die dort arbeiten, kaum mehr genug zum Leben verdienen werden? Nein, da spricht man von Niedergang. Man könnte auch sagen, dass immer mehr Menschen sich auf Beziehungsportalen und erotischen Tauschbörsen kennenlernen werden. Aber nein, der Zuwachs muss herhalten. Wobei sich mir ja die Frage stellt, was man denn im virtuellen Raum so tauscht – aber vielleicht bin ich viel zu materialistisch, um in diesem Kontext auch nur einen Hauch von Fantasie entwickeln zu können. Und wenn das Thema schon angeschnitten ist: Einübung der Umgangsweisen eines kühleren und berührungslosen gesellschaftlichen Verkehrs – wow!

Was sagt es denn über uns aus, dass wir einen kühleren Umgang miteinander üben müssen? Und ich frage das jetzt nicht den Gastronomen meines Vertrauens, der sowieso von jedem seiner Gäste mindestens einmal mehr oder weniger intensiv geküsst wurde. Dass er sich über die neue Coolness freut, kann ich mir lebhaft vorstellen. Machen Sie mal einem Semibetrunkenen klar, dass sein Atmen schlecht und die damit verbundene Körperflüssigkeit auch keinen Deut besser ist! Dass er sich diese Diskussionen damals ersparen wollte und jetzt ersparen kann, ist nachvollziehbar. Doch jemand, der nicht im Mittelpunkt von geistreichen Sympathiekundgebungen steht, sollte doch ohnehin ein Gespür dafür haben, von wem er sich angreifen oder abbusseln lässt. Oder nicht? Wieder einmal ein Pippi-Langstrumpf-Moment? Die Freundin aus der U-Bahn, eine pensionierte Krankenschwester, umarmt auch, sieht aber vom Küssen ab. So geht es doch auch. Interessant wird die Einübung des berührungslosen gesellschaftlichen Verkehrs. Angenommen, ich verliebe mich in einen Mann, während ich doch genau das Gegenteil üben sollte. Ist dann alles, was übrig bleibt, eine spirituelle Partnerschaft, bei der das höchste der Gefühle eine geistige Vereinigung ist? Nicht dass ich das nicht kennen würde und dem etwas abgewinnen könnte – doch wo sollen sich denn dann künftig die Kinder einnisten? Mit Kopfgeburten wird die Menschheit nicht überleben können. Oder kriegen jetzt nur mehr jene Paare Kinder, die vor der Epidemie schon Tisch und Bett geteilt haben? Was für ein Druck! Das ist schon nahe an der Massenproduktion. Oops, in die Nominalstilfalle gegangen.

Sie sehen, meine schäfchenartige Gelassenheit aus dem März 2020 hat Feuer unter dem Allerwertesten bekommen. Und dieses Feuer wird jetzt am Glühen gehalten und darf überall Funken sprühen, wo es einen Lufthauch mehr erhaschen kann. Mehr als „erlaubt“, mehr als „geplant“, mehr als „gesund“. Mein rebellisches Ich ist wieder da, und bei aller Erkenntnis der vergangenen Wochen, die vieles in meinem Leben zum Guten gewendet hat: Wenn man zwanghaft versucht, etwas Sinnlosem Sinn zu geben, wird es deshalb noch lange nicht sinnvoll. Besonders nicht, wenn Angst als Motivator dahintersteckt. Marianne Williamson sagt: „Sinn ist nicht etwas, das eine Situation uns gibt; es ist das, was wir einer Situation geben.“ Und das ist das wirklich Spannende in dieser Zeit, finden Sie nicht auch?

FREITAG: Alle guten Dinge sind drei

Ich finde es ja ganz großartig, auf welche Ideen Menschen kommen, wenn sie versuchen, das Beste aus einer Situation zu machen. Zimmerreisen zum Beispiel.

Mich wundert es nicht, dass es ausgerechnet ein Philosoph ist, der sich dazu entschlossen hat, sein Zuhause zu einem Reiseziel zu machen. Gut, inzwischen ist er wieder einigermaßen in der Nach-C-Realität angekommen, was bedeutet, dass die Reise zu Ende ist. Doch er meinte, dass die Zeit zwar nicht im Fluge vergangen sei, er aber durchaus noch eine Weile durchgehalten hätte. Insofern sollte ich mich vielleicht näher mit seiner Philosophie auseinandersetzen.

Meine Heimreise ist auch zu Ende gegangen. Und der Schlusspunkt war ein Riesending für mich. Denn im Wohnzimmer steht die Stereoanlage auf einem Gestell mit drei Ebenen, die bislang mit Wochenzeitungen voll belegt waren. Da und dort habe ich bereits über meinen absoluten Unwillen gesprochen, die Produkte des guten Journalismus einfach ungelesen in der Altpapiertonne zu versenken. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung: Journalisten wollen aus Prinzip gelesen werden. Dass sie manchmal nicht allzu viel Mühe darauf verwenden, dass das der Leserschaft einigermaßen leichtfällt, steht auf einem anderen Blatt. Berichte werden zu Kommentaren, der Fokus auf das ewig Negative nervt auch furchtbar und dass in China ein Rad umfällt, interessiert mich maximal dann, wenn ein Schmetterling auf meiner Schulter sitzt.

Doch es gibt Ausnahmen von der Regel. Und diese sind es auch wert, gesammelt zu werden. So wie die Reportagen von Egon Erwin Kisch, der zwar als Kommunist verschrien, dafür aber ein umso besserer Journalist war und als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus gilt. Oder eben viele Artikel in meinem Regal. Vermutlich. Denn gelesen habe ich die Elaborate der Kollegenschaft ja noch nicht, doch sammeln tue ich sie seit 2014! Verstehen kann das vermutlich keiner, außer vielleicht eine Freundin von mir, die diese Wochenzeitung ebenfalls abonniert hat und auch ständig am Umschichten der durchwegs als fett zu bezeichnenden Ausgaben ist.

Am Wochenende kam wieder das Gespräch darauf, und da begann etwas in mir zu bröckeln. Ich hatte ja während der C-Zeit im Zuge meiner Entrümpelungsaktivitäten immer wieder einmal an Abschied gedacht, doch wenn ich mir dann in Erinnerung rief, welche Titelgeschichten mich neugierig machten, winkte ich innerlich ein ums andere Mal ab. Doch heute fand ich die Lösung. Es muss ja nicht stets nur eine Alles-oder-Nichts-Mentalität zelebriert werden; dazwischen gibt es doch auch noch etwas. Wäre ich ein Schwarz-Weiß-Typ, läge die Lösung in einer der 256 Graustufen, und dieses Bild würde durchaus schlüssig sein in diesem Kontext.

Wie so oft, wenn ich mich verabschiede, läuft es auf einen Prozess hinaus. Ich bin nicht der Typ des eiskalten Schnitts, weil ich weiß, dass das bei mir nur eine Kotzattacke des Egos wäre. Deshalb rationalisiere ich den Abschied gemäß meinem jeweiligen Entwicklungsstand und gehe einen Schritt nach dem anderen. Was jetzt die Wochenzeitungen angeht, war der Beginn des Weges der Gedanke, dass ich ja gar nicht weiß, was ich versäume. Ist wie mit Bungee-Jumping. Wenn man es nie probiert hat, fehlt es einem auch nicht. Ich glaube, der alte Spruch „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ trifft es auch ganz gut. Der zweite Schritt war die Erkenntnis, dass die Erfahrung seit 2014 gezeigt hat: Mir fehlt die Zeit für die wöchentliche Ausgabe – wo soll ich also die Muse hernehmen, mich sechs Jahre zurückzubeamen, wo ich doch gar nicht sicher bin, ob ich dort unbedingt wieder hin muss? Und die dritte Stufe erklomm ich, als ich mir bewusst machte, dass ich ja nicht gleich alle Exemplare dem Altpapiercontainer zuführen muss. Und obwohl ich den Bestand schon einmal aussortiert hatte, unternahm ich einen weiteren Anlauf und siehe da – ein Fach aus dem Regal ist nun leer. Im Loslassen bin ich von der langsamen Truppe, aber wenn der Wagen rollt, dann gibt es kein Halten mehr. Und nachdem ich mich bis zum Ende des Jahres in keinerlei Fernreisepläne versteige, werde ich wohl auch eine Art Zimmerreise machen und durch die Zeitungssammlung surfen. Auf die Frequenz möchte ich mich nicht festlegen, denn vorgenommen habe ich mir schon viel, wenn es um das Lesen dieser Konvolute geht. Aber wer weiß? Irgendwann sind die sieben Bücher, die ich aktuell parallel lese, zugeklappt und dann, ja dann …

FREITAG: Das große Glück

Das Leben nimmt wieder Fahrt auf. So würden es bestimmt jene ausdrücken, die sich in den vergangenen Wochen extrem ausgebremst gefühlt haben. Bei mir ist es eher so, dass ich schon wieder auf die Bremse steigen möchte.

Den Eltern meinen Lieblingsplatz zu zeigen, sie orientalisch zu bekochen und mich innerlich an ihren gegenseitigen Mechanismen abzuarbeiten – das könnte ich jetzt wieder. Der Muttertag war dafür der perfekte Rahmen, und sogar das Wetter war anständig, wenn auch nicht besonders gut. Wenn man allerdings immer das tut, was das Wetter zulässt, ist man im Flow, auch zu dritt. Meine Eltern mit Mund-Nasen-Bedeckung am Bahnhof abzuholen, war allerdings gewöhnungsbedürftig, und ich kann jetzt gar nicht so genau sagen, warum. Vermutlich, weil ich ihre Freude über unser Wiedersehen erst dann gesehen habe, als ich die Lachfältchen um ihre Augen wahrnehmen konnte. Und ja, eigentlich hatte ich meine Brille vorher geputzt. Doch Brillen, Haare und Ohrgummis lenken schon irgendwie vom Wesentlichen ab.

Seit 1. Mai treffe ich mich ja privat mit den Menschen, die mir am Herzen liegen, und stets warne ich davor, dass ich auch umarmen werde. Es kann ja sein, dass jemand noch nicht so weit ist. Eine Freundin von mir meldete beispielsweise zurück, dass sie noch ein bisschen Zeit brauche. Meine älteren Nachbarn glücklicherweise nicht, und gestern habe ich in einem Anflug von Seligkeit auch meinen vierjährigen Lieblingsmann nach Wochen der durch einen Zaun getrennten Sehnsucht in den Arm nehmen können. Apropos, getrennt: In einem Monat darf ich das auch mit meinen Kindern und deren Vater wieder tun, die in Deutschland wohnen. Eigentlich könnte ich schon jetzt riskieren, über die Grenze zu schleichen, doch das Stichprobenrisiko, von einem ob der Familienverhältnisse komplett verwirrten Beamten wieder nach Hause geschickt zu werden, muss nicht sein. Die sonntäglichen Videokonferenzen helfen allen über die Trennung hinweg.

Zum Lernen fehlt mir aktuell schon wieder die Zeit, weil das Lehren in den Vordergrund gerückt ist. Wenn ich alles zusammenzähle, was sich allein seit gestern aufgetan hat, dann vermelde ich vier Online-Workshops und drei Präsenzseminare von September bis November. Seit Kurzem gibt es auch eine Deadline für das dritte Buch, was bedeutet, dass ich Beiträge aussuchen, die dazu gehörige Website texten und mich um ein kleines, aber wichtiges Extra kümmern muss, das hier noch nicht verraten wird. Hinzu kommt das Schreiben von Artikeln, das auch wieder zunimmt und wirklich Freude macht. Ab Ende Mai wird die Zeit noch knapper, weil ich dann eine neue Ausbildung beginne, auf die ich mich ebenfalls sehr freue, weil sie im März starten hätte sollen, doch durch das C-Wort gefährdet war. Jetzt starten wir einfach später, und das in einem Raum, in dem wir weit genug auseinander sitzen können.

Tja, und dann ist da noch die andere Seite meines Ichs. Die, die die Gartenhütte in eine Liegehütte umbauen will. Die, die das Ergebnis einer Häckselorgie endlich im Hochbeet und sonstigen Kompartimenten unterbringen möchte. Die, die immer noch nicht genug über das Kartenlegen weiß und die auch noch ein soziales Leben hat(te). Der Gastronom meines Vertrauens sperrt sein Lokal auch wieder auf, und ich wünsche ihm wirklich gutes Wetter, damit sich die Tische im Außenbereich füllen können. Sein Lokal ist nämlich superwinzig, und nach der Durststrecke, die hinter ihm liegt, erhoffe ich für ihn Unmengen von Groupies. Und auch ich werde beim nächsten lauen Abend dort sein und ihn umarmen – er ist darauf schon vorbereitet und hat mein Vorhaben abgenickt.

Mein Jüngster hat inzwischen seinen Bachelor in der Tasche, und seit Wochen warten wir darauf, einen Termin für eine entsprechende Feier vereinbaren zu können. Das ist jetzt ebenso möglich wie das Nachfeiern von Ostern und sämtlicher Geburtstage, die heuer in der Sparvariante über die Bühne gegangen sind. Und während ich das alles schreibe, denke ich mir: Woher soll ich die Zeit für all das nehmen? Ich werde sie finden und, nein, ich schreibe nicht schon wieder über Zeitmanagement. Vielmehr über Prioritäten. Und die werden ganz klar andere sein als vor einiger Zeit. Weil ich das Gefühl habe, dass gerade alles zu mir kommt, was zu mir gehört. Weil ich dabei so ein großes Glück empfinde. Weil ich spüre, dass es richtig ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal diese Empfindung hatte. Immer war irgendetwas schwer, zäh oder nur mit Anstrengung zu bewältigen – beruflich wie privat. Jetzt flutscht es. Und auf diese Geschmeidigkeit werde ich mich konzentrieren. Und bei dem kleinen Rausch achtsam bleiben, denn ich kenne mich: Ab einem bestimmten Zeitpunkt werde ich übermütig, weil eh alles so großartig ist. Da kann ich schon mal eine Ausnahme machen von der wunderbaren Reise. Und dann ist auch eine zweite machbar, und schon habe ich mich selbst von der Welle heruntergeholt. Natürlich ist mir klar, dass das Meer eine unruhige Angelegenheit ist und dass es immer anders kommen kann, als man es geplant hat. Doch gerade das ist momentan ja das Schöne: Ich plane gar nicht so viel und werde trotzdem geflutet von so viel Schönem. Vor allem von Dankbarkeit in meinem Inneren. Und das ist Gott sei Dank keine Sache von Ebbe und Flut.

FREITAG: Übergangszeiten und Chancen

Ja, ich gebe es zu – ich wollte auch zum Friseur. Jetzt gibt es sicher wichtigere Dinge als das, doch es zeigt eines: wie wichtig vielen doch ein Stück „alter“ Normalität ist.

Ich vermisse ein Posting auf Facebook: „Habt ihr schon bemerkt, dass die Vögel jetzt wieder leiser zwitschern?“ No, na, der Verkehr hat ja auch wieder zugenommen, und den einen oder anderen Kondensstreifen am Himmel habe ich auch schon wieder gesehen – wo immer dieser Vogel abgehoben sein mag. Gegen die Flugzeuge habe ich normalerweise überhaupt nichts, denn sie erinnern mich meist an eine bevorstehende Reise. Und auch wenn bei mir nur diffus eine im Raum steht, freue ich mich doch für die wenigen, die über den Wolken schweben können.

Seit letztem Samstag rollt er wieder, der Verkehr, und auch ich habe mein Auto seit dem 3. März wieder einmal aufgetankt. Unter einem Euro hat der Liter gekostet, fast ein Schnäppchen und doch irgendwie Luxus, denn wirklich weite Strecken werde ich künftig nicht zu bewältigen haben. Ausnahme vielleicht ein Besuch bei meinen Eltern – da muss ich ja mit der Kirche ums Kreuz, weil die kurze Strecke über fremdem Staatsgebiet verläuft. Aber bis es so weit ist, passiert etwas, was schon lange nicht mehr vorgekommen ist: Meine Mutter feiert den Muttertag mit ihrer Tochter. Sie braucht nämlich dringend einen Tapetenwechsel, was für mich persönlich kein Wunder ist bei all den Bergen rund herum. Die Attraktivität von Alpenglühen als Dauerstandbild ist eben endenwollend. Ich hoffe auf schönes Wetter, damit wir wenigstens an die frische Luft kommen und sie nicht auf die Idee kommt, meine Fenster zu putzen.

Obwohl: Ich habe das ja jetzt endlich geschafft – eine der vielen Errungenschaften der C-Zeit. Mein Garten ist auch tipptopp, viele Räume wurden entrümpelt, und der Herd war im Dauereinsatz. Ich habe viel gelernt, mich ausgiebig bewegt und soziale Kontakte gepflegt. Arbeit war auch da, doch fast ist mir die Zeit mit mir alleine zu kurz gekommen. Als ich heute mit Maske vor meinem vollvisierten Friseur sitze und ihm das erzähle, meinte er nur: „Du wirst jetzt wohl nicht zur Einsiedlerin!“ Ich überlege noch. Und je länger ich überlege, umso mehr gefällt mir dieser Gedanke. Doch irgendwann wird das Lerncafé wieder öffnen und werden die Bauchtanzstunden beginnen. Sind schon zwei Fixpunkte, die mich unter Leute bringen. Und wenn ich meine Eremitage aufrechterhalten will, brauche ich ein ausgeklügeltes Zeitmanagement. Irgendwie ist dieses Thema ein Evergreen in meinem Leben, merke ich gerade.

Doch vielleicht ist es weniger eine Zeitmanagement-Geschichte, sondern eher eine der Willenskraft. Eine, die behalten will, was ihr durch die C-Zeit in den Schoß gefallen ist, auch wenn es dafür vielleicht im Außen keinen Grund mehr gibt. Und vielleicht braucht es auch Mut, genau das durchzusetzen. Doch das bringt mich wieder zum Zeitmanagement, aber von einer anderen Seite. Denn es war ja gerade das mangelnde Zeitmanagement, das ich so genossen habe – weil ich es gar nicht gebraucht habe. Mit der Lockerung der Maßnahmen muss es wohl wieder eingeführt werden, denn gerade bei den oben erwähnten Aktivitäten kommt man mit Spontaneität nicht weiter. Und was mein Freundeskreis dazu sagt, ist auch schwer vorauszusehen. Ob ich es einmal versuchen soll?

Früher dachte ich immer, dass ich die Interaktion mit Menschen brauche, den Austausch oder einfach nur eine Runde Witzeln. Doch die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass das alles auch virtuell gehen kann. Sogar meine Schreibseminare kann ich virtuell abhalten. Und der Rest meiner Arbeit passiert ja auch großteils über das Internet und das Telefon. Dass wir jetzt alle fast schon selbstverständlich via Webcam telefonieren, hat mir heute die Augen geöffnet. Insofern: Jetzt sind wirklich alle darauf vorbereitet, über Bildschirmtelefonie Gespräche zu führen. Und das bedeutet für mich, dass ich tatsächlich von jedem Punkt der Welt aus arbeiten kann. Früher dachte ich mir immer, dass das nicht gut käme, wenn man während eines Interviews in meinem Hintergrund das Meer rauschen hört, doch inzwischen? Alles, was ich tatsächlich für ein Arbeitsleben wie dieses bräuchte, ist eine stabile Internetanbindung und einen Laptop. Leichter kann das Gepäck kaum sein.

Ich erinnere mich an eine Reise nach Indien vor bald zwanzig Jahren. Dort habe ich zum ersten Mal Internetcafés gesehen. Nicht solche, wie wir sie hier kennen, sondern viel simpler. Vier Wände, ein Dach und darunter Computer. Damals dachte ich mir schon, dass das mein Traum wäre: jeden Tag Mangosaft zum Frühstück, zwischen zwei Interviews in die Brandung hüpfen und abends vom Rauschen der Wellen von Geschichte zu Geschichte springen. Jetzt bin ich wohl endlich von dieser laaaaaaangen Leitung heruntergestiegen. Mein Ältester überlegt sich auch, irgendwann einmal von einem Co-Working-Place in Bali seine Arbeit zu verrichten, warum also nicht auch ich?

Was mich tatsächlich hält, sind zwei Gründe: meine Eltern und mein Haus. Beide werden nicht jünger oder pflegeleichter. Auch in der Immobilität ähneln sie sich. Vor allem Erstere kann ich mir jetzt nur unter Einwirkung höherer Gewalt in einem Flieger nach Kapstadt vorstellen. Schon eine Reise nach Salzburg braucht längere logistische Vorbereitungen. Wie es tatsächlich welche benötigte, müsste ich einen ganzen Kontinent überqueren, falls einem der beiden etwas passieren würde. It‘s complicated!

Übergangszeiten sind irgendwie anstrengend, aber auch aufregend. Manches funktioniert nicht mehr, manches noch nicht. Doch das zu finden, was klappt, ist ein großartiges Gefühl. Und es klappt einiges: Verbundenheit, Arbeit, Lernen, Ideen. Als ich Anfang des Jahres in Kapstadt war, wurde mir erzählt, dass in Südafrika vor allem kleine Unternehmer mit kreativen Ideen vom Staat gefördert werden, weil der Arbeitsmarkt am Boden läge. Was ich damals schon erstaunlich fand, ist jetzt für mich genau das: eine funktionierende Nische zu finden zwischen all dem, was nicht klappt. Die einen nennen es Überlebenswille, ich nenne es Lebenskunst. Und die kann man immer und überall üben. Bleiben Sie gesund – die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich nach heutigem Stand mit C anstecken, liegt bei eins zu 600!

FREITAG: Ein „bisschen“ treffen

Im neuen Lebensjahr angekommen, stelle ich fest, dass ich an meinem Geburtstag genauso beschäftigt war wie in „alten“ Zeiten. Und doch bin ich am Abend traurig ins Bett gegangen.

Geneigte LeserInnen meiner freitäglichen Ergüsse werden sich noch erinnern, dass ich für meinen Geburtstag ziemlich genaue Vorstellungen hatte: nämlich ihn ausfallen zu lassen. Doch offenbar gehörte das wieder einmal zu den Ideen, die das Universum abgelehnt hat. Es begann damit, dass mich mein Ältester, der in Bayern wohnt, auf einer Fußgängerbrücke zwischen Österreich und Deutschland treffen wollte. Nachdem das rein vergnügliche Klügeln ja offiziell verboten war, fiel mir auf, dass ich dringend Medikamente aus Deutschland brauche, die ich hierzulande nur mit Rezept bekomme. Er erklärte sich bereit, sie für mich zu besorgen – grenzüberschreitender Warenverkehr samt Versorgung von Bedürftigen war ja erlaubt.

Zudem erreichte mich die Einladung zu einem Social Distancing-Frühstück bei meinen Nachbarn, den Großeltern meines Kleinen, der wirklich ziemlich leidet, dass er immer noch nicht zu mir darf. Und während wir politisch korrekt beim Kaffee in der Sonne saßen, hatte sich eine Freundin auf den Weg gemacht, um mir persönlich zehn rote Rosen zu überreichen. Auch hier wurde der Mindestabstand penibel eingehalten.

Das Treffen mit meinem Ältesten, dem sich seine Freundin und sein Vater anschlossen, stellte sich als Herausforderung dar. Zuerst ließ sich der Kofferraumdeckel nicht mehr schließen, dafür war die Fußgängerbrücke verbarrikadiert. Auch die alternative Übertrittslösung war geschlossen. Und so versuchten wir es auf dem legalsten Weg, den es dafür gibt, frei nach dem Motto „Let’s face the enemy.“ Ich parkte also unmittelbar vor den Zelten der Grenzkontrollen, setzte mein charmantestes Lächeln auf und fragte, ob ich meine Gratulanten auf der anderen Seite der Grenze kurz treffen könnte. Und siehe da: sowohl österreichische als auch deutsche Kontrolleure waren überaus freundlich und ließen mich passieren.

Und dort warteten die drei auf mich mit ihren Geschenken und sogar einem Piccolo-Sekt zum Anstoßen. Wir wahrten natürlich auch hier den Abstand, doch als ich mich wieder auf den Heimweg machte, war mir zum Heulen. Und trotz aller Liebenswürdigkeiten, die in Form von Glückwünschen und persönlich ausgelieferten, über die diversen Eingänge gehängten Geschenken meinen Tag bereichert haben, wurde mir eines klar: Das Social Distancing in der direkten Begegnung ist schlimm für mich.

Ich habe – wie Sie bestimmt mitbekommen haben – überhaupt kein Problem damit, meine Tage alleine zu verbringen. Doch mein Geburtstag hat mir gezeigt, dass die soziale Distanz von Angesicht zu Angesicht in mein Herz sticht. Ich möchte meine Nachbarin umarmen, weil sie es ganz dringend braucht. Ich möchte meine FreundInnen umarmen, weil auch das notwendig ist. Und meine Eltern und meine Kinder sowieso. Das „bisschen“ Treffen tut mir weh. Und deshalb suche ich gerade nach einer Lösung für mich, wie ich künftig mit der Situation umgehen kann. Es ist mir bewusst, dass es nicht zur Allgemeinbildung gehört oder Standard ist, dass man sich über geschriebene oder gesprochene Worte verbinden kann. Ich kann das, auch über Video. Doch in der Öffentlichkeit Abstand halten – nein!

Vielleicht hat sich in den vergangenen Wochen auch einfach nur mein Gehirn verwandelt in einen Zustand, der nicht einmal mehr mit dem Begriff der „neuen Normalität“ etwas anfangen kann. Zumindest wie ihn die Obrigkeit definiert. Neue Normalität wäre für mich ein hohes Maß an Achtsamkeit, wie, wann und mit wem man sich abgibt. Wie man auf die eigenen Befindlichkeiten reagiert und zum Wohl aller seine Gesundheit erhält. Welche Kilometer ich fahre und welches Kleidungsstück ich brauche. Eigenverantwortung eben. Doch das scheint man uns nicht zuzutrauen. Und da stellt sich mir schon die Frage, ob wir uns als Gesellschaft das nicht wirklich selbst zuzuschreiben haben. Gesetze werden ja nicht wegen jener erlassen, die einen halbwegs vernünftigen Zugang zur Wirklichkeit haben, sondern wegen jener, die über die Stränge schlagen. Und ja, das ist ungerecht, denn die Zahl derer, die pfleglich miteinander umgehen, ist ungleich höher. Doch sie sind diejenigen, die unser immer enger werdendes Gesetzeskonstrukt zu verantworten haben. Auch in der jetzigen Situation.

Ach, ich weiß auch nicht, was das Beste für die politische Zielgruppe Österreich ist. Ich weiß nur, dass manche Dinge langsam unplausibel werden. Und je häufiger das vorkommt, umso rebellischer werde ich. Im Innen wie im Außen. Das wiederum erzeugt Stress, der mein Immunsystem schwächt. In meiner heutigen, geleiteten Meditationseinheit habe ich gehört, dass man bei auftauchenden Herausforderungen zuerst still werden und sich dann öffnen soll für die Lösungen, die das Leben einem zuträgt. Das werde ich jetzt auch tun. Ich halte Sie auf dem Laufenden – bleiben Sie bis dahin gesund!

FREITAG: Neue Normalität

Als ich das zum ersten Mal hörte, empfand ich es schon alleine deshalb als Bedrohung, weil es das Ende einer Ära ankündigte. Und der veränderungsunwillige Stier will eben immer alles gleich haben. Doch jetzt sehe ich das anders.

Es werden immer mehr Menschen, die mir berichten, wie wohl sie sich aktuell fühlen. Allen voran meine Kinder, bei denen ich anfangs Sorge hatte, dass ihre Lebendigkeit schlecht mit Grenzen zurecht kommt. Wir als Familie haben eine wöchentliche Videokonferenz installiert, bei der wir uns über den jeweiligen Alltag austauschen und bei aller Distanz daran teilhaben können. Mein Ältester – von seiner Firma ins Home Office expediert – genießt seine täglichen Spaziergänge und will auch nicht ins Unternehmen zurück, wenn es ab Anfang Mai wieder erlaubt ist. Mein Jüngster hat sich während seiner studienmäßigen Auszeit im Garten der Mutter ausgetobt und meine Tochter kocht sich vegan in eine andere, bessere Welt.

Mein Vater hat sich in seinem Dasein zwischen Informationsaufnahme und Inseldasein wohlig eingerichtet, meine Mutter hat neben dem Maskennähen und dem Basteln von nachhaltiger Weihnachtsdeko ein drittes Projekt eröffnet, das mich ganz besonders freut. Weil es mich an ein Land erinnert, dem ich heuer vermutlich fern bleiben muss. In Südafrika werden nämlich Teebeutel, aus denen die Blätter entfernt wurden, in der Sonne getrocknet und zu wunderhübschen Gegenständen verarbeitet. Zu Engeln beispielsweise. Nun ja, meine Mutter ist nun auch in diese Branche eingestiegen, und ich freue mich schon, wenn ich ein Bild von ihrem ersten Kunstwerk bekomme. Falls sie es nicht auch für Weihnachten aufbewahrt – Fische brauchen schließlich immer ein kleines Geheimnis.

Heute habe ich mit meinem Friseur telefoniert, und auf die Frage, wie es ihm und den Seinen gehe, meinte auch er: „Du, wir haben so viel erledigt. Und die ersten zwei Wochen waren reiner Urlaub.“ My Tribe! Natürlich ist er auch froh, dass bald wieder Geld fließen wird, und wenn wir Kunden seinen Salon stürmen werden, finden wir diesen auch verändert vor. Weil auch er Ausdruck der Selbstwirksamkeit während der letzten Wochen ist. Ob wir uns weiterhin so gut unterhalten werden, wenn wir durch Masken hindurch kommunizieren müssen, während die Haarföns zur Geräuschkulisse beitragen? Ich werde es sehen. Meinen Wunschtermin habe ich bekommen, mein Friseur wetzt schon die Schere.

Alles wird wieder leichter, wie es scheint. Und wenn ich sehe, wie mein kleiner Nachbar schon fast über den Zaun klettern kann, stelle ich Fortschritt auch in meiner nächsten Umgebung fest. In der Natur selbstverständlich auch, wo ich mich an den frischen Kastanienblüten erfreue, bei jedem Spaziergang durch den Garten eine Nase voller Lorbeerblütenduft nehme und die Mangoldblättchen durch die Erdoberfläche stoßen sehen. Und ich merke auch, dass diese Leichtigkeit dazu führt, dass immer mehr Menschen „konspirative“ Treffen vorschlagen beziehungsweise andenken. Sogar meine Eltern haben sich schon informiert, ob sie zu meinem bevorstehenden Geburtstag in den Zug steigen dürfen. Und die sind normalerweise diejenigen, die einen Handwerker anrufen, wann die Rechnung kommt, bevor der ihr Grundstück verlassen hat.

Ich wiederhole mich ungern, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund halte ich mich an die Regeln. Gerade jetzt, wo auch eine Lockerung der sozialen Kontakte in Aussicht gestellt wird – auf die paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an. Mein Geburtstag ist nun wirklich kein Grund, Strafen zu riskieren. Nach einem ungewöhnlichen Weihnachtsfest und ausgefallenen Ostern darf ruhig auch die Wiederkehr meiner weltlichen Einkehr verschoben werden. Ich bin eh ein ganzes Jahr ein Jahr älter.

Nicht, dass ich mir das unter „neuer Normalität“ vorstelle – doch ich frage mich schon, was ich selbst von meinem jetzigen Zustand dorthin retten möchte. Und das ist gar nicht so wenig. In dieser Woche habe ich ein Interview mit einem deutschen Politikwissenschaftler gehört, der meinte: „Wir sehen, dass momentan vieles geht, was wir für unmöglich hielten. Und dass es viele Alternativen dazu gibt, was wir als alternativlos gehalten haben.“ Auch wenn ich es noch nicht detailliert formulieren kann: Die Frage, ob ich etwas brauche oder ob ich Lust darauf habe, wird mich künftig wahrscheinlich begleiten. Vermutlich wird das auch mein Zeitmanagement betreffen, mein Shoppingverhalten sowieso und auch meine Ausgehgewohnheiten. Die hatten sich ja schon aufgrund des Rauchverbots in Lokalen verändert, doch wenn ich daran denke, dass der Eintritt in mein Stammlokal nur mit Mundschutz und zahlenmäßig reglementiert vonstatten gehen könnte, lade ich den Wirt meines Vertrauens lieber wieder zum Essen zu mir nach Hause ein.

Mal sehen, wie es weitergeht – mit der Gesellschaft und mit mir. Mit meinem Zeitmanagement und dem Wandel, den ich im vergangenen Jahr gespürt habe und der jetzt in 3D angekommen ist für mich. Ich spüre, dass es keinen Weg zurück gibt für mich, nur einen nach vorne. Und der wird sich mir jeden Tag aufs Neue eröffnen. Ich freue mich darauf. Bleiben Sie gesund und neugierig!

FREITAG: Kreativ dank Corona

Zeit ist das, was man aus ihr macht. Das merke ich gerade deutlich, denn momentan wünsche ich mir wieder ein paar Stunden mehr am Tag. Wie soll das nur werden, wenn der Corona-Urlaub vorbei ist!

Im März hatte ich mich für eine Ausbildung angemeldet, weil ich mit dem Gefühl aus Kapstadt zurück gekommen war, dass es wieder Zeit für Download ist. Doch dann kam das C-Wort dazwischen und meine Ausbildung wurde verschoben. Ob sie nun später oder im Internet stattfinden wird, ist noch unklar. Die für mich wichtige Erkenntnis war allerdings die, dass ich wieder lernen wollte. Und bereit dafür war, weil ich wusste, wohin ich meinen Weg lenken möchte. Begonnen habe ich allerdings mit etwas Unkonventionellem, vielleicht sogar vermeintlich Spiritistischem. Meine Wahl fiel auf etwas, was mir Spass machte, aber trotzdem Subtext lieferte. Ich belegte einen Online-Kurs, der sich mit Kartenlegen als Coaching-Instrument beschäftigte. Noch bin ich nicht ganz durch damit, weil mich neben dem Coaching sehr faszinierte, wie man mit Tarot- und Orakelkarten Geschichten erzählen kann. Mit einem fertigen und drei halben Romanmanuskripten in der Schublade hat das die Autorin in mir sehr gefesselt.

Und weil ich gerade an der Zusammenstellung des dritten „Voll Fünfzig“-Buches mit ausgewählten Beiträgen meiner FREITAG-Kolumnen und an ausgedehnten Zusatzangeboten arbeite, dachte ich mir, dass mein Wissen über Social Media-Marketing durchaus noch ausbaufähig wäre. Also habe ich auch dazu einen Online-Kurs gebucht. Und siehe da, ich habe einen Berg von Arbeit vor mir, auf den ich mich unglaublich freue. Teil dieser Zusatzangebote werden Schreibseminare sein, doch keiner von uns weiß, wie es sich damit künftig verhalten wird. Präsenzworkshops mussten abgesagt werden, und jeder überlegt sich nun, wie er seine Inhalte ins Netz bringen kann, damit ein Miteinander weiterhin möglich ist – neunormal halt. Gesagt. Getan. Wenn ich den aktuellen Kurs zum Online-Lehren abgeschlossen habe, warten schon zwei Aufträge auf mich, die ich ohne das C-Wort bestimmt nicht bekommen hätte. Hurrrrrra!

Doch nicht nur ich lerne. Am positivsten überrascht war ich in den vergangenen Wochen von der Lernbereitschaft und -willigkeit meiner Eltern. Nachdem sie in Tirol beheimatet sind und dort unter Hausarrest gebeten worden waren, hatte ich die Befürchtung, dass ich vor allem meiner superregen Mutter irgendwann einmal mit nassem Taschentuch und gerauften Haaren beim Videochat gegenübersitzen würde. Weil sie vor Langeweile den Lebensmut verloren hat. Doch mitnichten. Sie kanalisierte endlich wieder ihre Kreativität und begann – früh wie selten – mit origineller Weihnachtsdekoration. Und sie stieg ins Maskennäh-Business ein, was für eine gelernte Schneidermeisterin ja ein Klacks ist. Für meinen pragmatismusdurchdrungenen Vater war die Situation ohnehin kein Problem; alles, was er gerne tut, konnte er weiterhin ohne Einschränkungen machen. Reisen ausgenommen. Unsere Schottlandreise im Juni fällt mit großer Wahrscheinlichkeit in den Ärmelkanal. Ach, reden wir nicht davon.

Trotz aller Gelassenheit mit der Tiroler Situation wollte ich meine Eltern zu etwas Neuem inspirieren und habe eine Haiku-Challenge ausgerufen. Zur Erklärung: Ein Haiku ist ein japanisches Kurzgedicht, das aus drei Zeilen besteht. Die erste besteht aus fünf Silben, die zweite aus sieben und die dritte wieder aus fünf Silben. Jeden Tag gibt es ein Thema, demgemäß im Laufe des Tages von uns dreien ein Haiku samt Bild in die Familiengruppe gestellt wird. Sollten Sie nun fragen, was der Sinn hinter dem Ganzen ist, darf ich Ihnen folgendes antworten: Gerade die jetzige Zeit ist wie gemacht dafür, Dinge zu entdecken, die keinem unmittelbaren Nutzen oder Zweck zugeführt werden können. Sondern die einfach nur Freude machen und Verbundenheit schaffen. Das haben meine Eltern verstanden, und ich bin unglaublich stolz auf sie. Abgesehen von einem Tag – O-Ton meines Vaters: „Ich will heute nicht nachdenken.“ – haben wir bislang 48 Gedichte geschrieben. Unser heutiges Thema war beispielsweise „Haustier“. Hier kommen die Ergebnisse:

Mein Lieblingsplatz ist
im Schatten, niemand sieht mich,
ich sehe alles.

Eine Katze als
Haustier kuschelt besonders
auf dem Bauch gerne.

Meine Augen sind
geschlossen, deshalb sehe
ich die Welt auch nicht.

Ich bin überzeugt, Sie können sich die Bilder dazu vorstellen.

Starten Sie doch auch eine kleine Challenge mit Ihren Lieben, fordern Sie sie ruhig ein bisschen! Auch wenn wir jetzt wieder verstärkt shoppen gehen können – ist das wirklich erfüllender als gelebte Kreativität? Bleiben Sie kreativ und gesund!

FREITAG: Freiheit üben

Ich habe einen Freund, der lange Jahre mit den südafrikanischen Buschmännern gelebt hat. Und er ist kein Mann der vielen Worte, auch wenn er über seine Erlebnisse und Erkenntnisse ein Buch geschrieben hat. Er beweist, wie wenige Worte es braucht, um auf den Punkt zu kommen.

„Stay safe, stay free“ hat der Freund geschrieben, und das könnte manch einer in der heutigen Zeit als Provokation empfinden. Zu sehr nagt die von oben verordnete Vereinzelung an vielen Menschen, die schwer einen Sinn in ihrer aktuellen Lebenssituation entdecken können. Und die gerne die Tage zählen würden, gäbe man ihnen etwas zu zählen.

Gut, es ist Licht am Horizont, das unter anderem die Gewerbetreibenden, Gärtner und Friseure freut. Ich bin auch glücklich darüber, wieder die Möglichkeit zu haben – was nicht bedeutet, dass ich sie auch nutzen werden. Der Andrang in den Gartenzentren wird immens sein, auch wenn die Eismänner noch schlafen. Die Geschäfte werden sich füllen, auch wenn man vielleicht in der Zwischenzeit gelernt hat, was man mehr und was weniger braucht. Doch Shoppen ist für so viele Menschen zu einem Hobby geworden, dass viele alleine deshalb die Shops stürmen werden. Für meinen Friseur freue ich mich auch, denn sein kleiner Familienbetrieb kann nun endlich wieder etwas zur Verschönerung unserer Welt beitragen – zu meiner hoffentlich auch, denn acht Monate ohne ihn sind selbst mir zu lange.

Anfang der Woche bin ich erstmals mit einer Maske einkaufen gegangen. Und nein, es war keine angenehme Angelegenheit. Schon alleine deshalb werde ich mir sehr genau überlegen, ob Shopping unbedingt nötig sein wird. Diese Maske ist heiß, man versteht die Menschen schlecht, und Brillenträger wie ich kämpfen mit angelaufenen Gläsern. Wie soll man sich da frei fühlen, wie es mein Freund anregt? Ich verstehe ihn auf der Seelen-Ebene.

Auch wenn ich die geliebte Innenstadt seit Wochen nicht mehr gesehen, meine Freunde nicht umarmt und meine Eltern nur mittels Webcam spreche, ist mir eines klar geworden: Es ist eine Entscheidung, ob man sich auf den Mangel oder die Fülle konzentriert. Überwiegt ersteres, kann der Weg nur in die innere Gefangenheit gehen. Da bleiben Chancen liegen, da greift der Trübsinn um sich und schwächt das Immunsystem. Natürlich kenne ich Phasen wie diese, doch eine Freundin hat mich kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass meine Vorgangsweise in diesen Phasen vielleicht nicht mainstreamig sein könnten. Mir geht mein Aufenthalt im Tal der Tränen nämlich irgendwann einmal auf die Nerven. Und wenn sich von außen keine Lösung anbietet, so gehe ich in mein Inneres und suche dort nach einem Weg. Und den habe ich bislang immer gefunden. Meine Macheten-Sammlung für untröstliche Situationen ist entsprechend groß, und vielleicht verstehe ich diesen Freund eben genau auf dieser Ebene.

Die Freiheit liegt in der Wahl. FÜR und VON etwas. Und genau das kann man momentan sehr gut üben. Wenn man wollte. Weil vieles sonst nicht möglich ist. Vor allem Ablenkung. Wann, wenn nicht jetzt kann man Verhaltensweisen, Bedürfnissen und Abneigungen besser auf den Grund gehen? Ich verstehe, dass das Angst macht, weil man nicht weiß, was man dort entdecken könnte. Doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es wird alles leichter und einfacher.

Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich diese Zeit leicht nehme, mich nicht beklage oder leide. Weil ich die Hintergründe meiner Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Abneigungen sehr genau und schmerzvoll erforscht habe. Und selbst wenn ich mich in diesem Prozess oft gefragt habe, wofür das alles gut sein soll, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es wusste. Nämlich genau jetzt. Ein Beispiel: Vor einem Jahr bin ich aus Kapstadt zurück gekommen und hatte das Gefühl, dass ich zuhause bleiben möchte. Hat zwar praktisch nur mangelhaft funktioniert, aber es geht um die Einstellung. Ich war bereit, das Reisen auszusetzen und es war für mich in Ordnung. Vor vier Jahren hatte ich mich entschlossen, keinen Sex mehr zu haben. Und auch das war in Ordnung für mich, obwohl es anders kam. Was ich sagen möchte: Hat man mit einem Thema seinen Frieden gemacht, stärkt das. Auch wenn es Ausreißer gibt. Jetzt befinde ich mich in der Situation, dass ich absolut nicht weiß, wann ich da nächste Mal einen Flieger besteigen werden. Und hätte ich letztes Jahr nicht diese Erkenntnis gehabt, würde ich jetzt am Rad drehen. Tue ich nicht, weil ich in Frieden bin. Mit dem anderen Thema auch und dem Rest sowieso.

Diesen Frieden wünsche ich auch allen von Herzen, doch manche sind dafür einfach noch nicht bereit. Womit das zusammenhängt, ist individuell verschieden. Und auch wenn ich weiß, dass mein Wünschen gerade gar nicht hilft, bleibt doch die Hoffnung aufrecht, dass es irgendwann einmal Erfolg haben wird. Bleiben Sie gesund – nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch!

FREITAG: Alles eine Frage der Perspektive

Für viele wird die Durststrecke langsam lang. Einsamkeit macht sich breit, Langeweile sowieso und auch Hoffnungslosigkeit. Schreib was Optimistisches, rät mein Vater.

Heute Morgen dachte ich mir zum ersten Mal wieder, dass ich meinen Medienkonsum zurückschrauben sollte. Nicht nur dass mir diese eine Stunde in meinem Alltag fehlt. Es nimmt auch meine Gedankenwelt voll und ganz in Anspruch. Dabei bin ich der Meinung, dass es durchaus anderes gibt, worüber man nachdenken und was man machen kann. Doch das aktuelle Thema hat sich anscheinend wie ein Schleier über die mentalen Mikrokosmen gelegt. Und das dämpft vor allem eines: die Zuversicht.

Meine schottische Freundin ist gerade auf dem 5G-Trip. Dort kursieren Meldungen (die ich übrigens bei uns auch schon mitgekriegt habe), dass diese neue Technologie mitschuldig an unserem aktuellen Zustand sein soll. In ihrer Welt zählt sie eins und eins zusammen: Vor ihrem Haus wird die Straße aufgegraben, obwohl sie vorher absolut intakt war. Die Vögel haben aufgehört zu singen, und auch die Müdigkeit kann unmöglich von mangelndem Schlaf kommen. Alles, was ich ihr antworten konnte, war: Ich weiß nicht, ob 5G damit etwas zu tun hat oder nicht. Und wenn sogar unser Bundeskanzler zugibt, dass er nicht weiß, wie es weitergehen wird, kann man natürlich in kollektive Hilflosigkeit verfallen.

Umso wichtiger scheint es mir, zur Wurzel dieser Hilflosigkeit vorzudringen. Sie entstammt ja dem Gefühl, dass wir nichts machen können, sprich irgendwie die Kontrolle über unser Leben verloren haben. Doch da bin ich absolut anderer Meinung. Klar, wir müssen andere verpflichtend davor schützen, vor dem Gewürzregal des Supermarkts angeniest zu werden. Dass wir dazu verpflichtet werden müssen, spricht meiner Meinung nach schon Bände. Ein Immunologe hat kürzlich gesagt, dass wir vor allem eines in den vergangenen Jahren vollkommen aus den Augen verloren haben, nämlich Hygiene. Aber gut – jetzt werden wir wieder daran erinnert. Ich kann mich nun daran stoßen, dass ich mit angelaufener Brille durch den Supermarkt kurve; ich kann aber auch endlich die Nicki-Tücher meiner Großmutter umbinden und mit der Attitüde eines groovy gangsters meine Gurken einsammeln. So viel Handlungsspielraum haben wir noch.

Ich kann mich natürlich ganz der Nachrichtenlage hingeben, die im Vergleich zur vergangenen Woche endlich auch von Gesundungen spricht, endlich zwischen Kranken und Infizierten unterscheidet. Und doch nur Bilder davon zeigt, wo Menschen überfordert, krank und verzweifelt sind. Das erzeugt Stress durch Hilflosigkeit, den wir in der aktuellen Lage wirklich in keiner Weise gebrauchen können. Und doch können wir etwas tun, egal, ob es von Erfolg gekennzeichnet ist oder nicht. Zum Beispiel den Anordnungen Folge leisten. Und uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir nicht im Gefängnis sitzen. Wir dürfen an die frische Luft, uns dort bewegen, die Sonne auf unserer Haut spüren, uns an den Knospen vielerorts freuen. Wir können uns gesund ernähren, vor allem endlich einmal mit Muse kochen und neue Rezepte ausprobieren. Wir haben ein schier unerschöpfliches Angebot im Internet, das uns anspornt, Neues zu lernen oder einfach nur Spaß zu haben. Oder die Freiheit, einfach nur zu sitzen und an einem virtuellen Meditationskurs teilzunehmen. Wir sind frei, mit wem wir Kontakt halten oder neu aufnehmen. Mit wem man mit, mit wem ohne Kamera telefoniert und mit wem gar nicht. Mit wem man Ängste teilt und mit wem Hoffnung. Wen man inspirieren kann und wer einen inspirieren kann. Das sind alles Entscheidungen, die wir nach wie vor und sehr aktiv treffen können.

Und was 5G angeht: Ich erinnere mich, dass es ganz viele Bürgerinitiativen gegen Handymasten gegeben hat, als die sich im Aufschwung befanden. Die waren einfach Teufelszeug, und doch gibt es inzwischen nur mehr wenige Menschen, die mit einem reinen Tastenhandy zufrieden sind. Verstehen Sie mich richtig: Ich will weder gegen noch für 5G argumentieren, ganz einfach, weil ich es nicht weiß. Was ich allerdings seit Jahren proaktiv mache, ist, mein Handy und den Router über Nacht einfach auszuschalten und das Schlafzimmer frei von irgendwelchen Strahlen zu halten. Und was außerhalb meines Schlafzimmers auf mich einstrahlt, kann ich eh nicht kontrollieren.

Womit ich zum letzten Punkt komme: die weitverbreitete Illusion, alles „im Griff zu haben“. Die jetzige Zeit zeigt uns genau das Gegenteil. Dass wir eben nicht bis zur letzten Konsequenz unser Leben kontrollieren können. Und wir können es uns aktuell noch nicht einmal einreden. Weil es eben eine höhere Instanz gibt, die uns vorschreibt, was wir zu tun oder zu lassen haben. Gehen wir allerdings noch eine Ebene höher, hat es diese höhere Instanz immer schon gegeben – egal, ob wir sie nun Schöpfer, Allah oder Universum nennen. Von dort kamen schon immer andere Impulse, als wir sie uns vorgestellt, erhofft oder gewünscht hatten. Nur nannten wir es dann eben Zufall oder Schicksal. Doch in jedem einzelnen dieser Fälle hätten wir merken können, dass die hundertprozentige Kontrolle eben eine Illusion ist. Das unter „normalen“ Umständen ins Dasein zu implementieren, wäre einfacher gewesen als jetzt, weil wir ja „nicht anders können“, wahlweise „dazu verdammt sind“. Doch es ist nicht zu spät, der Situation diesbezüglich etwas Positives abzugewinnen. Denn die höhere Instanz hat unendlich viel Geduld mit uns und unserem Lernprozess. Und wenn wir diesen proaktiv und optimistisch gestalten, profitieren wir auch nach dem Ende des Istzustands von dieser Erfahrung. Darin liegt für mich eine ganz große Hoffnung. Bleiben Sie gesund!

 

 

FREITAG: Dem Sturm trotzen

Während ich mich beim Spaziergang gegen den eisigen Wind stemme, fällt mir der Roman „Gut gegen Nordwind“ ein, der für einen Kollegen vor Jahren ein ziemlicher Erfolg war. Und durchaus im Trend liegt, sieht man sich die Kommunikation in Social Distancing-Zeiten an.

Waren es in dem Buch „nur“ Mails, die es möglich machten, dass Menschen miteinander in Kontakt treten konnten, haben wir heute doch schon deutlich mehr Möglichkeiten. Ich profitiere ja schon länger davon, da ich ja gerne auf Reisen und bei sonstigen Gelegenheiten Leute in mein Leben hole, mit denen ich ohne die sozialen Netzwerke keinen Kontakt pflegen könnte. Begonnen hat das bei mir vor sechs Jahren; das Leben vorher war ein beschauliches, vergleiche ich es mit dem, was heute läuft.

Seitdem Social Media ein Teil meines täglichen Lebens ist, habe ich mich immer wieder gefragt, ob wirklich alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Denn bei aller Verbundenheit: Ghosting gäbe es ohne Social Media auch nicht. Kürzt man es ab, sind Zufälligkeiten unübersehbar. Doch in Zeiten wie diesen habe ich beschlossen, mich auf die positiven Seiten zu konzentrieren. Darauf zum Beispiel, dass ich mit meinen Eltern eine Konferenzschaltung über Whatsapp machen kann, wenn meine Mutter am Laptop sitzt und mein Vater vor dem Fernseher chillt. Dass ich mit Menschen skype, von denen ich lange nichts gehört habe. Dass ich an Challenges im Internet mitmachen und damit Verbundenheit demonstrieren kann, von denen ich ohne SM nie erfahren hätte. Und dass ich über Online-Klassen vieles lernen kann, wofür ich mir sonst nie die Zeit genommen hätte.

Doch ich gönne mir auch immer wieder Offline-Zeiten. Wenn meine Augen anzuschwellen beginnen, weil ich dauernd auf irgendein Viereck starre, wird es Zeit, den Blick zu weiten. Und die Flügel zu spannen, leider in den aktuell scharfen Nordwind, der einem bis ins Mark bläst. Eigentlich habe ich ja schon die Halbschuhsaison ausgerufen, doch barfuß geht momentan gar nicht. Schließlich will ich nicht wegen so einer Sturheit krank werden. Auf die andere Sache zu achten, reicht mir schon. Und es reicht mir langsam auch schon wieder mit meinem Medienkonsum, den ich – zwecks Regelung des täglichen Lebens – vorerst noch aufrecht erhalte. Vielleicht ist es ja eine Berufskrankheit, aber jedes Mal, wenn ich die Nachrichten gehört habe, bleiben Fragen unbeantwortet. Und weil ich das ganz schlecht aushalte, recherchiere ich auf eigene Faust, was im Endeffekt noch mehr Bildschirmzeit bedeutet.

Zum Beispiel, warum kaum jemand über die Lage in Südamerika und meinem geliebten Afrika berichtet. Warum niemand erklärt, dass es einen Unterschied zwischen Infektion und Erkrankung gibt. Warum so ein Test in der Anschaffung durchaus zu einem Wirtschaftsfaktor wird, den sich nicht jedes Land leisten kann. Und warum unsere medizinischen Fachkräfte an ihre Grenzen stoßen, wenn es am Dienstag auf der Seite des Gesundheitsministeriums hieß, dass 250 Menschen wegen des C-Wortes stationär behandelt werden. Und warum will unsere Regierung so viele Testungen wie möglich, obwohl es vonseiten der Krankenhäuser heißt, dass sich bitteschön nur die testen lassen sollen, die Symptome haben und alle anderen daheim bleiben sollen. So was alles. Ich bin keine Anhängerin von Verschwörungstheorien, verstehen Sie mich richtig. Aber ich fühle mich in wichtigen Punkten öffentlich uninformiert. Eine Freundin von mir sagt, dass sie es sich nicht erklären kann, warum Produktionsbetriebe weiter arbeiten, wo wir doch Abstand zueinander halten sollten. Und warum ausgerechnet jetzt die Salzach umgebuddelt werden muss, weil die Bauarbeiter da ja auch nicht gerade Distanz halten.

Ich halte mich an die Beschränkungen, auch weil ich mich – wie mir jetzt erst klar wird – von langer Hand auf diese Situation vorbereitet habe. Und weil mein rebellisches Ich scheinbar im Winterschlaf ist. Ich stelle das nicht in Frage, sondern nehme alles mit Gelassenheit, aber auch Achtsamkeit wahr. Die blinden Flecken in der Information ebenso wie die sprießenden Blätter, die Veilchen und die Meisen auf meinen Spaziergängen. Und den Nordwind, der uns ja theoretisch nach Süden treibt. Aus bekannten Gründen ist das aktuell keine besonders gute Idee, aber Süden bedeutet immer auch Wärme. Und wenn er uns in die Wärme treibt, dann auch in warme Gedanken, Gefühle und Worte. Sorgen Sie also für ausreichend Wärme in Ihrem Leben und bleiben Sie gesund!