FREITAG: Nix is fix zwischen Venus und Mars

So angenehm die virtuellen Möglichkeiten durch so genannte Messaging-Dienste sind, eröffnet sich doch immer wieder der Spielraum der Spekulation. Und das betrifft sehr oft die Kommunikation zwischen Frau und Mann.

„Ich möchte erobert werden.“ „Ich melde mich, hab‘ Dich ganz ganz lieb.“ Was so nett als Antwort daher kommt, löst doch eine überwältigende Menge an Interpretationen aus. Und offensichtlich auch auf der Seite, die erobern sollte. Durch meine eigene Position, die aktuell glücklicherweise frei von solchen Unterhaltungen ist, fallen mir die Mechanismen dahinter umso stärker auf. Und ich habe eine These entwickelt, die ich mit ihnen teilen möchte. Vorweg: Mein Vater hält sie für durchaus möglich, und das bedeutet schon einiges.
Ungern weide ich das Bild des Mannes vom Mars und das der Frau von der Venus aus. Und doch stimmt da einiges daran. Zum Beispiel, dass beide unterschiedlich ticken. Vor einigen Wochen habe ich dazu eine durchaus erhellende Unterweisung bekommen, die besagte, dass Frauen auf Einheit und Männer auf Trennung ausgerichtet seien. Das führe dazu, dass Frauen dadurch schlechter in die Gänge kommen (beispielsweise mit ihrer Karriere), weil sie das große Ganze im Auge behielten und das irgendwie träge mache, wenn das große Ganze auch nur den kleinsten Mangel aufweise. Männer tun sich dabei leichter, weil sie entscheiden, welchen Weg sie gehen, ohne auf das große Ganze zu achten. Weil es ihnen wichtig ist, dass sie sich überhaupt bewegen. Deshalb gäbe es auch hauptsächlich spirituelle Lehrer und so wenige Lehrerinnen.
Umgelegt auf das Kommunikationsverhalten bedeutet das für mich, dass Frauen oft viel zu sehr darauf bedacht sind, mit ihren Worten niemandem auf die Füße zu treten. Und dass Männer oft nicht verstehen, wenn Frauen ihre Aussagen interpretieren, die doch ziemlich klar sind. Mein Jüngster, den ich für einen ziemlich hellen Kopf halte, hat mir im Sommer erklärt, dass Männer simpel sind. Das war der Anfang meiner Beobachtungen, wenn auch ein überraschender.
„Ich möchte erobert werden“ ist in diesem Sinne für eine Frau durchaus verständlich. Und dabei meine ich nicht, dass das weibliche Geschlecht gerne erobert werden möchte (geschenkt!), sondern dass es versteht, was damit gemeint ist. Und das kann vieles umfassen, je nachdem, wie frau gestrickt ist. Die eine mag mit Geschenken überschüttet werden, die andere mit Körperwärme und eine dritte mit langen Textnachrichten. Und eine vierte vielleicht mit allem. Und wenn das Wort „Eroberung“ fällt, denkt natürlich jede in ihrem Referenzrahmen. Der für jede individuell ist, was aber in einer Frauenrunde egal ist – da reicht eben schon „Ich möchte erobert werden.“ Doch für den Mann eröffnet sich dadurch eine Riesenraum der Spekulation. Er könnte jetzt nach dem Prinzip „Trial & Error“ vorgehen, er könnte aber auch fragen. Diese beiden Varianten würde ein Großteil der zur Eroberung bereitstehenden Weiblichkeit durchaus als Versuch gelten lassen. Was allerdings Verwirrung stiftet, ist: die männliche Auffassung von Eroberung. Denn hier wie dort gilt: Das ist für jeden Mann individuell. Und sind die individuellen Auffassungen eben inkompatibel, enden wir Frauen in stundenlangen Gesprächen darüber, was „ Ich melde mich, hab‘ Dich ganz ganz lieb“ denn zu bedeuten habe als Antwort.
Es könnte heißen, dass Mann keine Zeit hat, darauf detailliert einzugehen, aber die emotionale Ebene aufrecht erhalten möchte. Es könnte heißen, dass er die Frau abkühlen lassen will, um dann auf vernünftiger Ebene weiter mit ihr kommunizieren zu können. Es könnte heißen, dass er sich mit dieser Aussage nicht auseinandersetzen möchte, weil er in seiner Welt eh alles dazu getan hat, dass die Frau sich geliebt fühlt. Es könnte aber auch bedeuten, dass er einfach kein Interesse hat, sich damit auseinander zu setzen und eigentlich eh schon auf einer anderen Hochzeit tanzt. Doch woher soll Frau in ihrer Orientierung nach Einheit Gewissheit nehmen, was Worte aus einem Trennungsverständnis heraus zu bedeuten haben? Eben. Der kleine, aber zeitfeine Unterschied: Die ganzheitlich orientierte Frau denkt sich stunden- und tagelang um Kopf um Kragen, um Worte wie diese zu verstehen. Der Mann versteht etwas nicht, fragt selten nach und macht einfach sein Ding weiter, das er vor der Nachricht begonnen hat. Weil: Der Weg ist das Ziel.
Ich finde ja, dass beide Blickwinkel ihre Berechtigung haben. Und die Bilanz der Unterweisung ist jene, dass sich beide Geschlechter nur im Augenblick treffen können. Die Frau tritt einen Schritt aus ihrem Einheitsdenken heraus, und der Mann hält auf seinem Weg inne, um die Frau zu treffen. Im Jetzt. Doch das braucht Bewusstsein und konkret Kommunikation. Wenn die Frau etwas möchte, sollte sie das klar kommunizieren. Statt „Ich möchte erobert werden“ könnte sie sagen „Wenn ich nur einmal am Tag eine Nachricht von Dir bekomme, bedeutet das für mich Desinteresse.“ Der Mann könnte nach einem „Ich melde mich“ einen konkreten Zeitpunkt angeben, wann das vonstatten geht. Und sich daran halten.
Falls uns jemals jemand gesagt hat, dass die Sache zwischen Mann und Frau einfach sei, wenn es nur genügend Zuneigung gebe, war das eine Riesenschwindelei. Einfach ist gar nichts zwischen Mars und Venus. Doch gerade das macht die Sache spannend. Nämlich dann, wenn man jemanden trifft, mit dem alles scheinbar flutscht und man sich im siebten Himmel wähnt. Meist passen da nur zwei Illusionen perfekt zueinander. Doch früher oder später hat sich noch jede Illusion aufgelöst und dann? Stimmt die Gefühlsebene, beginnt das wahre Aufeinanderzugehen. Stimmt sie nicht, setzt man einen Schlusspunkt. Doch auch hier gehen die Auffassungen von Frau und Mann auseinander, wie das zu gestalten ist. Ach, diese Geschichte ist eine unendliche, doch sie ist es wert, gelebt zu werden.

FREITAG: Die Geduld

Mir als im Sternzeichen des Stier Geborene wird ja nach gesagt, dass ich über eine gehörige Portion Geduld verfüge. Manchmal sogar zu viel Geduld, so im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt. Und auch heute übe ich mich darin: Ich warte auf einen Anruf.

Draußen scheint seit langem wieder die Sonne, und meine Füße treten unter dem Schreibtisch vor sich hin, wenn sie schon nicht ins Freie kommen. Ich warte nämlich auf einen Anruf, weil dieser Anruf einer Freundin von mir zu ziemlich viel Geld verhelfen könnte. Leider bin ich vertraglich dahin gehend gebunden, dass ich mich nicht breiter darüber auslassen darf, aber vielleicht können Sie es sich ja denken. Schließlich braucht jeder von uns einmal eine Glücksfee.
Und während ich darauf achte, dass meine Akkus meines Telefons aufgeladen ist und mich still beschäftige, wünsche ich meiner Freundin bei ihrem Reichtumsplan alles Glück dieser Welt. Und mir, dass sie mich dabei nicht braucht. Denn ehrlicherweise weiß ich nämlich so gut wie jeder reflektierte Mensch: Man kann heutzutage einfach nicht alle Informationen speichern, sondern nur hoffen, dass das Richtige im richtigen Moment hängen geblieben ist. Mein Vater ist aus diesem Grund sogar in Pension gegangen, weil er sich bewusst wurde, dass sich die Medizin so rasant entwickelt, dass man gar nicht mehr Schritt halten kann. Und gerade in einer Domäne, wo es um Leben oder Tod gehen kann, ist der Entschluss, aus diesem Rennen auszusteigen, ein kluger. Jetzt geht es bei meiner Freundin glücklicherweise nicht um „Dead or alive“, sondern um ein besseres Leben mit mehr Möglichkeiten. Nicht primär für sie allein, sondern für das große Ganze, das ihr Dasein ausmacht.
Sie wartet auch schon lange, und bei ihr steht die Geduld nicht wirklich in den Sternen. Das Streben, ihr Leben so zu führen, wie sie es sich vorstellt schon, und das ist ja für jeden nachvollziehbar. Wie das gelingen könnte – darin ist sie ziemlich einfallsreich, weshalb sie jetzt eben auf etwas unkonventionelle Art und Weise ihr Glück versucht. Toi, toi, toi! Meine Aktivität findet auf einer anderen Ebene statt. Nicht, dass ich nicht auch meine Pläne hätte! Die Liste, die ich aus Kapstadt mitgebracht habe, umfasst 20 private und berufliche Punkte, die der Umsetzung harren. Und schon allein durch die Anzahl der Vorhaben muss ich auch hier wieder warten, denn nur weil ich jetzt will, bedeutet das nicht, dass die anderen auch wollen. Geschenkt! Deshalb versuche ich nun, die To-Do-Liste intuitiv abzuarbeiten. Das bedeutet, dass ich meine Achtsamkeit schärfe und darauf achte, welche passenden Verbindungsknoten sich vor meinen Augen lösen. Das funktioniert nach dem Motto „Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.“ Ein kleines Beispiel: Auf meiner Liste steht zum Beispiel, dass ich meine Fotos gerne anders streuen möchte als auf Instagram. Und so finde ich mich kürzlich in einem Gespräch mit einem Mann wieder, der Kalender und Postkarten verlegt. Ich würde auch gerne wieder mehr Schreibseminare halten, und während ich einen Freund treffe und mich mit ihm über Gott und die Welt unterhalte, erzählt er mir von einem Netzwerk, in das ich damit gut passen würde. Voilá!
Diese Herangehensweise macht mein Leben gerade sehr spannend, weil ich jeden Morgen diese Liste durchlese und mich auf die überraschenden Entdeckungen des Tages freue. Die schönste heute wäre, wenn es meine Freundin ohne mich zum Reichtum bringen würde; die zweitschönste, wenn ich diesen Anruf bekomme und genau die gewünschte Information parat hätte. Wir werden sehen!

 

FREITAG: Alter, das Meer!

Ich bin reif für die Seniorenresidenz, habe ich festgestellt. Aber nicht, weil ich vielleicht schon in einem entsprechenden Alter wäre, sondern weil ich angeregt wurde, über das Wohnen im Alter nachzudenken.

Was an jenen Tagen passiert ist, als ich das erste Mal das Meer gesehen habe, liegt jenseits meiner Erinnerung. Die früheste setzt ein, wenn ich an meine erste Pasta mit Muscheln denke, die ich an der Adria gegessen habe. Und seitdem immer wieder: das Meer. Meine Eltern haben mir einmal ein klingendes Geburtstagsalbum geschenkt, in dem sie zu den Bildern ihre Erinnerungen erzählt haben. Ein Satz darin: „Und immer wieder das Meer.“ Das war wohl der Moment, in dem ich mir dieser permanenten Sehnsucht so richtig bewusst geworden bin. Ja, es muss immer wieder das Meer sein, und ein Urlaub ohne Gischt ist kaum vorstellbar. Selbstverständlich ist mir klar, dass ich mich dadurch von sehr vielen wunderschönen Destinationen dieser Welt freiwillig abschneide, aber hey, man kann nicht alles haben. Letztes Jahr habe ich es einmal ohne Meer versucht, mir ein Domizil über den Wolken gesucht. Das ging irgendwie, doch das Rauschen hat mir ziemlich gefehlt, auch wenn die Vögel sich um Kopf und Kragen gesungen haben, um das auszugleichen.
Als ich vor Jahren ein Coaching gemacht habe, sollte ich mir meinen Sehnsuchtsort vorstellen, an dem ich schreiben könnte. Noch heute weiß ich jedes Detail der Einrichtung, die Farben und selbstverständlich den Ausblick. Raten Sie mal! Aufs Meer natürlich. Daran musste ich denken, als ich eine Buchpräsentation besuchte, deren Thema „Jetzt das Wohnen für später planen“ war. Die sehr kluge Herangehensweise der Autorinnen: Wenn die Wohnung oder das Haus mehr Energie kostet als sie oder es bringt, ist es Zeit, über das Leben im Alter nachzudenken. Das machte mich nachdenklich, ja fast schon sehnsüchtig nach diesem Meeresblick, den kein Strauchschnitt, kein stundenlanges Staubsaugen, kein vollgestopfter Hauswirtschaftsraum trübte. Dort „war“ ich einfach nur, habe das getan, wonach mir war (und selbst ohne Arbeit ist mir immer nach sehr viel) und musste mich um nichts kümmern. Das ist es nämlich, was mich oft sehr viel Energie kostet. Was für andere ein Klacks ist, kann ich tagelang prokrastinieren. Den aktuellen Scheiterhaufen in meinem Garten beispielsweise. Nachdem ich momentan niemanden habe, den ich dort gedanklich verbrennen sollte, könnte er eigentlich weg. Doch dieser Anruf beim Wertstoffhof! Ich weiß nämlich schon, was mich erwartet: ein ziemlich ungenauer Abholtermin, den ich so nicht akzeptieren kann, weil ich zum Entfernen des Haufens aus meinem Garten hinaus auf die Straße Hilfe brauche, die nicht jederzeit verfügbar ist. Der Greifarm kann nicht übers Tor fahren, weil Bäume diesen Weg behindern. Und würde ich den Scheiterhaufen dorthin schieben, wo er erreichbar wäre, kann ich mit dem Auto nicht mehr aus der Garage. Das alles erkläre ich dem Mann am anderen Ende der Leitung jedes Jahr zweimal, und jedes Mal ist es ein Wahnsinnsakt, ihn dazu zu bringen, mir einen genauen Tag zu nennen. Habe ich erwähnt, dass es mich unendlich ermüdet, die immer gleichen Gespräche führen zu müssen, selbst wenn sie nur zweimal im Jahr stattfinden?
Wäre ich in einer Seniorenresidenz (idealerweise in Strandlage), würde jemand anderer diese Unterhaltungen führen. Denn ich verbrächte meine Zeit damit, in Palmenwipfel zu kontemplieren, statt mir darüber Gedanken zu machen, wie und vor allem wann ich die Wipfel meiner Trauerweide aus meinem Garten entfernen lasse. Natürlich hätte ich in dieser Residenz auch einen Balkon oder eine Terrasse, auf der ich dann Strauchtomaten und Miniäpfel ziehe, Blumen sind obligatorisch. Doch, halt! Wie bringe ich die Erde auf meinen Balkon? Und die Töpfe, die in ihrer Sturmresistenz natürlich auch ein gewisses Gewicht haben müssen? Und angesichts der äußerst windigen Endtage in Kapstadt muss ich mich auch fragen, ob ich das permanent brauche, dieses Blasen aus allen Richtungen, selbst wenn sich mein Kopf immer freut, wenn er gewisse Gedanken dem Wind übergeben kann. Doch irgendwann wird selbst mein Kopf leer sein, und was verbläst der Sturm dann? Mich und meine Ruhe.
Als ich einer Freundin meine Sehnsucht nach der Seniorenresidenz erzählte, sagte sie, dass ich ohne meinen Garten nicht sein könnte. Und vermutlich hat sie recht, auch wenn er mir manchmal buchstäblich über den Kopf wächst. Da hilft es ungemein, Menschen um sich zu haben, die helfen – und das gerne. Weil sie den Wert eines Gartens zu schätzen wissen. Wie ich ja auch. Ich denke deshalb, dass ich noch einige Jahre die Energiebalance halten kann, doch irgendwann einmal werde ich es versuchen. Mit dem Meer.

FREITAG: Karmisches Kapstadt

Der Winter hat mich wieder, und damit meine ich nicht den Schnee, der für meine Verhältnisse zu dieser Jahreszeit gehört. Der lässt ja irgendwie auf sich warten, wie vieles andere auch.

Ach, wo soll ich anfangen mit meinen Berichten über die hinter mir liegende Auszeit? Die Urlaubssymphonie klingt immer noch nach, und wie das mit derart komplexen Musikstücken ist, kann man die Melodieführung der einzelnen Instrumente aufs erste Hinhören nur schwer erkennen. Die erste Woche auf europäischem Boden jedenfalls war nicht dazu da, mir vollumfänglich die gewonnenen Erkenntnisse bewusst zu machen. Geschweige denn irgendetwas davon auf den Boden zu bringen.
Nach einem völlig problemlosen Heimflug und einem warmen Empfang musste ich mir eingestehen, dass es doch einiges gibt, was mir auf den Magen geschlagen ist. Denn am Tag nach meiner Rückkehr fand ich mich mit einer Kolik auf dem Sofa wieder, das meine Teilnahme an einer Geburtstagsfeier und das Halten eines Workshops mit Vehemenz verhindert hat. Und während ich die Atemzüge zählte, um zumindest ein wenig auf den nächsten Krampf vorbereitet zu sein, hatte ich ausreichend Ruhe, mir das alles von innen anzuschauen.
Natürlich ist da die Kälte. Wenn man aus einem Land kommt, an dem es selten unter dreißig Grad warm war und der Wind trotzdem einen angenehmen Aufenthalt im Freien ermöglicht hat, sind Minusgrade ein veritabler Grund, einen Krampf zu kriegen. Oder zumindest den Buckel aufzustellen und nach dem nächsten Heizpilz Ausschau zu halten. Hätte ich da schon mit meinem Ältesten telefoniert gehabt, der mir erklärte, dass Kälte ohne Bewertung einfach nur hingenommen werden könne, hätte ich die Klimaveränderung vielleicht bewusster wahrgenommen. Leider fand das Gespräch erst statt, als meine Leibesmitte schon wieder einigermaßen entspannt war.
Was mir vermutlich auch auf den Magen geschlagen ist: die langen Gesichter, die ich bereits in der Abflughalle wahrgenommen hatte und die in krassem Widerspruch zu den entspannten Gesichtern standen, die ich siebzehn Tage lang um mich hatte. Und das, obwohl mir im Vorfeld der Reise mehr Menschen als gewöhnlich versicherten, dass ich mich in eine der gefährlichsten Städte der Welt begebe. Offenbar hat sich da über Kapstadt etwas rumgesprochen, was in keiner Weise meiner Wahrnehmung entsprach und auch jetzt nicht entspricht. Ich schreibe das meinem Alleinreisen zu. Denn wenn man nur auf sich gestellt ist, hat man eine ganz andere Wahrnehmung seiner Umgebung, kann sich viel mehr auf seine Intuition verlassen. Zu zweit zu reisen bedeutet nicht nur, auf zwei unterschiedliche Interessenlagen Rücksicht zu nehmen, sondern auch zwei Intuitionen zu respektieren. Und dann kann es passieren, dass man sich gerade unterhält und dadurch die Aufmerksamkeit von etwas abgelenkt wird, was in weiterer Folge ins Auge oder tiefer gehen kann. Wie auch immer: Dort, wo mich meine Intuition hinschauen ließ, habe ich nahezu ausschließlich Sympathie, Freude und Gelassenheit erlebt. Dass ich davon ausgegangen bin, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen in der Abflughalle zu treffen, dürfte eine verkehrte Erwartungshaltung gewesen sein.
Andererseits: Ich kann es verstehen, dass man von der Tatsache, Kapstadt verlassen zu müssen, richtig angefressen ist. Vielleicht habe ich die Gesichter einfach falsch interpretiert. Denn auch ich war dieses Mal wirklich tief betrübt, in den Norden zurückkehren zu müssen. Stimmen aus meinem Umfeld sagten mir zwar liebevoll, dass doch jeder Urlaub einmal zu Ende ginge, und ja, soweit hat die afrikanische Sonne meine Gehirnzellen noch verschont, dass mir das klar war. Trotzdem: Ich versuche stets, mir etwas von diesem Gefühl zu erhalten, auch in den Alltag zu transferieren und damit zu institutionalisieren. Was ich dieses Mal erfahren durfte, geht allerdings weit über meinen persönlichen Einflussbereich hinaus. Denn magischerweise habe ich fast ausschließlich an Gesprächen teilnehmen oder ihnen gezwungenermaßen zuhören dürfen, die sich ums Karma drehten. Nein, ich habe mich nicht in einschlägigen Lokalitäten, Chantzentren oder Strandyoga-Umgebungen aufgehalten, bei denen dieses Thema zum Standardgesprächsthema gehört. Das passierte in meinen Unterkünften, in Straßencafés, Restaurants. Und würde ich mich damit nicht selbst schon Jahre beschäftigen, hätte ich mich verfolgt fühlen können. Nicht von Kriminellen, sondern von Karmajüngern.
Ich frage Sie: Wann haben Sie das letzte Mal ein Gespräch über Karma geführt oder gar einem gelauscht? Versuchsweise war ich vor einigen Tagen in meinem Lieblingseiscafé und habe dort zugehört, worüber sich die Menschen unterhalten. Weg war die Magie des Karmas. Da ging es um Geld, Probleme, Zwistigkeiten. Unnütz zu sagen, dass auch dabei die Gesichter in Falten gelegt waren, die alles andere als Lebensfreude ausdrückten. Doch bei all dem Gerede übers Karma schien etwas anderes durch: eine tiefe Bereitschaft, das Leben und seine Zusammenhänge anders zu sehen. Mein Freund Paul, mit dem ich mich in Kapstadt viel zu wenig unterhalten konnte, meinte, dass die kreative Energie inzwischen südlich des Äquators anzutreffen sei und der Norden feststecke. Ich habe ihn nicht gefragt, wie er zu dieser Meinung kommt, denn er hat mein diesbezügliches Gefühl mit einem Satz ausgedrückt. Und als ich in die Eisdielengesichter schaute, dachte ich mir, dass auch sie feststecken. In Verhaltens- und Denkweisen, die sie oder unsere gesamte Gesellschaft in diese aktuelle Lage gebracht haben. Dass sich weniger bewegt, als sich bewegen könnte. Und dass sich viele Menschen bewegen möchten, aber nicht genau wissen, wie sie es anstellen könnten oder sollten.
Ich habe kein Patentrezept aus Kapstadt mitgebracht, das für jeden anderen Menschen Heilung verspricht. Oder Bewegung. Doch ich habe erfahren, dass es ganz einfache Dinge sind, die Raum schaffen für Bewegung. Denn den brauchen wir. Insofern entferne ich seit meiner Rückkehr aus jedem Raum meines Hauses eine Sache, die ihre Bedeutung verloren hat. Ich habe alle Magazine abbestellt, die ich seit Jahren horte, ohne wirklich die Zeit zu haben, sie zu lesen. Ich schalte das Radio nur mehr dann ein, wenn mein Kopf leer genug ist, um neue Informationen aufnehmen zu können – oder ein bisschen musikalische Leichtigkeit braucht. Ich nehme mir den Raum in der Natur wieder für meine Powerwalks, die meine Gedanken ebenfalls in Bewegung setzen. Und nachdem Karma nur ein anderer Name für das Gesetz von Ursache und Wirkung ist, bin ich überzeugt, dass sich die Kapstadt-Kreativität in den neu geschaffenen Räumen sehr wohlfühlen wird.

FREITAG: Weihnachtliche To-Do-Liste

Es kommt ja doch immer anders als man denkt. Und vorbereiten kann man sich erst recht nicht darauf. Also bleibt nur die Gelassenheit. Nichts Neues, aber immer wieder neu ins Bewusstsein zu rufen.

Die Faktenlage ist eindeutig. In wenigen Tagen ist Weihnachten. Mein Vater muss sich vorher noch einer Operation unterziehen. Die Arbeit stapelt sich ob meiner künftigen Urlaubsabwesenheit auf dem Schreibtisch und will zumindest vorbereitet werden, damit ich ab Mitte Januar gleich loslegen kann. Geschenke und Karten sind weder eingepackt noch geschrieben. Und auch von anderswo werden Hindernisse und Erschwernisse an mich herangetragen. Draußen tobt der Frühling und bringt meinen Biorhythmus derart durcheinander, dass ich aus dem Schwitzen gar nicht mehr herauskomme. Mein Reisekoffer ist gähnend leer. Und der Terminkalender ist voll.
In Zeiten wie diesen bin ich grundsätzlich einmal dankbar dafür, dass für Fahrt aufnehmende Gedankenspiralen keine einzige Sekunde bleibt. Eine Freundin von mir sagt mir jeden Tag, wie wichtig es ist, volle Tage zu haben, um gar nicht erst auf die Idee zu kommen, nachzudenken. Mission accomplished! Und so kann sich mein Kopf auf das konzentrieren, was vor meinen Füßen passiert. Kürzlich las ich sogar ein diesbezügliches Mantra, das da lautete: „Wisse, wo Deine Füße sind.“ Bringt einen ins Jetzt, schneller als man blinzeln kann.
Doch während ich auf meine Füße starre, stapeln sich in meinem Kopf all jene Dinge, die es noch zu organisieren und zu verstoffwechseln gilt. Also erinnere ich mich an eine andere Freundin, mit der ich immer wieder das Pro und Contra von Listen diskutiere. Greife zum Stift, ziehe unter einem Stapel ungelesener Zeitungen einen Zettel heraus und beginne mit dem Löschen meiner Gedächtnispunkte. „Mein Kopf ist kein Speichergerät, sondern eine Denkfabrik“, kommt mir in den Sinne. Diesen Spruch habe ich in meinem Dankbarkeitstagebuch gelesen und gleich an meinen Vater weiter geleitet, der immer wieder über seine Vergesslichkeit klagt. Damit ich nicht ins Klagen komme, vor allem nicht im Süden Afrikas, muss die Liste her. Und siehe da: Nachdem alles aus dem Kopf draußen und sortiert ist, geht es besser. Ist ja alles nicht ganz so schlimm, wie es sich angefühlt hat.
Diese Art von Gelassenheit versuche ich auch, wenn ich an meinen klinisch verstauten Vater denke. Eine OP vor Weihnachten könnte man jetzt vor Weihnachten terminlich eher als suboptimal bezeichnen, angesichts meiner Abreise ganz besonders. Ich könnte mir Gedanken über eine Reiseabbruchsversicherung machen, meinen Lebensmittelpunkt in seine Nähe verlegen, ihn mit von Besorgnis verzerrtem Gesicht anschauen. Würde ihm das helfen an einem Ort, an dem alles Erdenkliche für ihn und seine Gesundheit getan wird? Eher nicht. Im Gegenteil, mein griesgrämiges Gesicht würde vermutlich eine Krankenhausdepression hervorrufen, die für seinen Heilungsverlauf wenig hilfreich wäre. Auch wenn ich mich an seinem Pragmatismus manchmal ziemlich abarbeite, bin ich doch froh, dass er mir ein bisschen davon vererbt hat. Deshalb denke ich mir: „Wenn es ihm nichts ausmacht, stellt es auch für mich kein Problem dar.“ Und Mediziner unter sich sind ja sowieso eine Skurrilität. Also ist er quasi unter Freunden, und das ist gut so.
Wenn alles wie geplant läuft und die medizinischen Installateure ihre Gefäßbürsten erfolgreich wieder einpacken, werden wir Weihnachten wie gewohnt feiern. Er vielleicht eher auf der Couch, mit meiner Katze auf dem Bauch (falls sie ihre Funktion als Heilerin einsieht), der Rest der Familie ihn bespaßend oder betütelnd. Und die Prioritäten werden glasklar sein: wir sind zusammen. Nichts anderes zählt in diesem Moment.
Mögen Sie jede Menge solcher Momente zum Weihnachtsfest genießen können – sie nähren unsere Zukunft. Apropos: Den nächsten Blogbeitrag gibt es wieder am 24. Januar. Landen Sie sanft im neuen Jahrzehnt!

FREITAG: Die Tücke mit der Lücke

Gerade in der Weihnachtszeit poppt für viele das Thema Zweisamkeit auf – in den unterschiedlichsten Facetten. Nicht alle sind erfreulich und doch sehr lehrreich.

Die Tochter einer alten Freundin hat mich kürzlich angerufen, um ihr Herz zu erleichtern. Auch wenn sie inzwischen Hunderte von Kilometern zwischen sich und ihre Ahnfrau geschaufelt hat: die Prägungen haben sie begleitet. Und siehe da, Distanz kann sie mildern, aber mit jedem Telefonat tauchen sie scheinbar unerwartet wieder auf. Beispielsweise die, dass man nur dann wirklich betrübt sein kann, wenn der Partner nicht da ist. Die junge Frau und ihr Freund führen nämlich eine Fernbeziehung. Ich sehe sie, wie sie in ihrem kuscheligen, englischen Zuhause im Kreis geht, weil sie sich über diese Äußerung der Mutter fürchterlich aufregt. „Bin ich denn nur vollständig, wenn ich einen Mann habe?“ fragt sie mich. Raten Sie mal, was ich gesagt habe!
Und wie es so ist, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, fallen einem nahezu tagtäglich Begebenheit dazu auf. Das ist beim Schwangerwerden/sein so, auch wenn man unglücklich verliebt ist und ständig ineinander verknotete Pärchen sieht. Es kommt mir ein Text unter, in dem eine Frau darüber schreibt, dass sie Single ist und nicht verfügbar. Sie legt dar, dass es in unseren Breiten offenbar immer noch unreflektiert weitergegeben wird, dass wir Frauen nur MIT Mann vollständig sind, unser Leben bewältigen können und überhaupt ausschließlich mit ihm das Leben genießen sollten. Die Autorin schreibt: „Bitte versichern Sie mir nicht, dass ich den Einen finden werden. Ich BIN die Eine.“
Auch im Freundinnenkreis taucht diese Frage immer wieder auf, wenn es darum geht, über die Zukunft nachzudenken. Da kann frau noch so willig sein, einen Partner ins Leben zu lassen – sehr selten hat sie selbst bei der Suche das Gefühl, als Ganzheit wahrgenommen zu werden. Da in meiner Welt (und wahrscheinlich auch darüber hinaus) viele Männer sich als lösungsorientierte Wesen sehen, halte ich es für möglich, dass sie auch bei uns Frauen froh sind, wenn es etwas zu richten gibt. Das mit den Finanzen hat sich in den postemanzipatorischen Zeiten ja vielfach erledigt, weil die meisten von uns ihr Konto durchaus selbst füllen können. Was bleibt also? Das Handwerkliche und das Sexuelle. Und sollten Sie mir nun vorhalten, dass ich Männer darauf reduzieren: Ich bin mir durchaus bewusst, dass sie denkende Wesen sind. Und ich führe auch gute Gespräche mit Männern, die über den Tellerrand hinausdenken (wollen), offen sind für ihre eigene Entwicklung und ihrem Leben einen tieferen Sinn geben möchten. Ich mag diese Gespräche, weil sie mich yin-yang-mäßig in die Balance bringen und inspirieren. Doch sobald es zu Partnerschaftsgedanken kommt, läuft vielfach ein Programm ab. Man überlegt sich, was und ob man vom anderen etwas braucht. Und wie man es bekommen kann. Natürlich: Wir alle wollen uns gebraucht fühlen – geschenkt! Die Frage ist halt immer, welcher Preis dafür zu bezahlen ist. Und ob unsere Haushaltskasse dafür entsprechend voll ist.
Ich werde nicht müde, zu betonen, dass wir nur dann wirklich schenken können, wenn wir selbst genug haben – vor allem Selbstliebe. Sie durch andere immer wieder bestätigen zu lassen, macht abhängig, und das ist definitiv not my cup of tea. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wurde nicht mit dieser Einstellung geboren. Auch ich habe im Außen gesucht, was mein Innen gebraucht hat. Und unnütz zu sagen, aber der Deutlichkeit halber doch: Dieses Modell hat mich in tiefe Verzweiflung geführt. Bis ich eines Tages drauf gekommen bin, dass es nur mit Selbstliebe geht, die man sich selber schenkt. Das Wort impliziert es ja schon. Ich bin überzeugt, dass wir Frauen (und möglichweise auch Männer) zuerst die Zweisamkeit mit uns selbst lernen und pflegen müssen, bevor wir ins Außen gehen. Kein Mensch hat es verdient, jene Lücken zu füllen, die wir nicht in Eigenregie managen können. Denn damit kommen wir alle auf eine Schiene, die sich im Kosten-Nutzen-Bereich abspielt. Und schimpfen Sie mich naiv: Ich bin zu romantisch, als dass ich eine gefühlsmäßige Verbundenheit auf wirtschaftsliche Beine stellen könnte. Für mich entsteht Liebe völlig unabhängig davon, was ein anderer Mensch für mich tun kann. Er kann auf und ab springen, mir jeden Tag Blumen schicken oder mich zum Frühstück nach Venedig einladen: Wenn ich die Ganzheit im anderen empfinden kann, tut sich da nix in Sachen Resonanz.
Wenn eine mir sehr nahe stehende Person also sagt, dass ich mich von Menschen in meinem Leben verabschieden solle, weil ich sonst keinen Mann finden würde, muss ich sagen: Natürlich können Lücken Lückenfüller anlocken. Doch diese Funktion möchte ich wirklich niemandem zumuten. Auch nicht mir selbst.

FREITAG: Entspannung als Win-win-Situation

In dieser Woche kann ich mich über mangelnden Input nicht beklagen. Und auch wenn ich mich anfangs wirklich nahe an der Schädeldeckensprengung befand, ergab am Ende doch alles einen Sinn.

„We should all be feminists“ – damit begann meine Woche, und meine Arbeitsumstände erlauben es, dass ich mir ein Theaterstück auch am Vormittag anschauen kann, wenn ich für das Abendticket zu spät dran bin. Das Positive: Ich befinde mich inmitten von jugendlichen Schulklassen, die sich mehr oder weniger freiwillig mit diesem Thema zu beschäftigen haben. Vier junge Schauspieler beiderlei Geschlechts zeigten dabei die verschiedenen Klischees auf, machten deutlich, wie weit und wie unbedacht wir alle dieselben mit uns herumtragen. Und sie eben erst dann auflösen, wenn wir mit der Nase darauf gestoßen werden. Das betrifft jetzt nicht nur das Miteinander der verschiedenen Geschlechter, sondern auch den Umgang innerhalb einer Spezies. Während Männer sich hauptsächlich dann untereinander gut zu verstehen scheinen, wenn sie erfolgreich sind, und sich abwenden, falls einer mal schwächelt, gibt es unter Frauen beispielsweise die allseits bekannte Stutenbissigkeit. Die Autorin, die dieses Theaterstück inspiriert, meinte einmal, dass diese Welt voll von Männern UND Frauen sei, die keine mächtigen Frauen mögen. Dabei muss Macht ja nichts Negatives sein, sondern kann durchaus und idealerweise dazu genutzt werden, etwas Positives in diese Welt zu bringen. Aber das ist wohl wieder ein anderes Thema.
Etwas Positives in die Welt bringen? Ein Ende des Misstrauens etwa. Darum ging es bei einer Buchpräsentation am nächsten Tag. Ein christlicher Mönch hatte sich die islamischen 99 Namen Gottes vorgenommen, weil er das Gefühl hatte, dass er sich in Zeiten wie diesen mehr mit dieser Religion auseinandersetzen wollte. Er regte an, dass man mehr aufeinander zugehen sollte, in ganz kleinen alltäglichen Situationen wie den jeweiligen Feiertagen. Und er erinnerte daran, dass wir alle – egal, ob und welcher Religion wir anhängen – spirituelle Wesen sind, die ihre Kraft aus derselben Quelle schöpfen. Er verglich Religionsstifter wie Buddha, Jesus oder Mohammed mit Brunnenbauern, die alle diese Quelle angebohrt hätten. Auch wenn das zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Kontexten passiert sei – im Grunde fördern alle das Gottvertrauen oder, wie es der Mönch ausdrückt, das Lebensvertrauen.
Alles, was uns täglich passiert, können wir unter dem Blickwinkel betrachten, dass es für uns eine Anregung beinhaltet. Und ja, es kam auch die Frage, warum Gott Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit zulassen könne. Mit der Weisheit eines 94-Jährigen antwortete der Mönch: „Gott ist kein Marionettenspieler.“ Das gefiel mir sehr. Denn warum sonst wären wir mit einem freien Willen ausgestattet worden? Was mich zum dritten Input bringt, der sich damit beschäftigte, wie man verhindern kann, sich zu ärgern. Hier hörte ich, dass es eine Entscheidung ist, sich zu ärgern. Weil der Mechanismus nämlich so läuft, dass wir auf die Schwingungen der Ärgerursache aufspringen, wenn wir impulsiv handeln. Wenn wir uns allerdings der Tatsache bewusst sind, dass unser Gegenüber selbst eine Entscheidung für seine Reaktion trifft, ganz einfach, weil es in seiner oder ihrer Eigenverantwortung steht, dann können wir alles dort lassen. Wir müssen uns nicht ärgern, wenn wir nicht wollen. Das empfand ich als ziemlich hilfreich.
Und es schließt den Kreis meiner gewonnenen Erkenntnisse. Unterminiert ein Gegenüber meine Weiblichkeit oder mein Menschsein als Gesamtheit, kann ich aus meiner Mitte heraus ruhig darauf reagieren, maximal Bedauern empfinden, aber auch weggehen. Hadere ich mit etwas, das mir zugestoßen ist, kann ich durchatmen und darauf vertrauen, dass es dafür einen Sinn geben wird.
Gestern hatte ich es eilig, mit dem Auto von A nach B zu kommen. Und wie es halt so ist zwischen 17 und 18 Uhr – alle wollen das. Zugegeben: Ich war verspätet aufgebrochen, und trotzdem saß ich am Steuer und klopfte mit meinen Fingern aufs Lenkrad, als der Autofahrer vor mir sich streberhaft an die 30-km/h-Beschränkung hielt. Abgesehen von der Tatsache, dass ich an der Situation durch mein mangelndes Zeitmanagement eine gewisse Teilschuld trug: Ich hätte mich unglaublich leicht für Ärger entscheiden können, für Hupen und Toben. Doch dann entschied ich mich dafür, dass mich dieser Autostreber von etwas Negativem abhielt, das ich dank seiner Fahrweise nie erfahren würde müssen . Ich kündigte meine Verspätung an und lehnte mich zurück. Das hatte zwei Vorteile: Ich kam nicht hippelig bei meiner Freundin an, und meine Freundin musste sich nicht mit meinen negativen Energien beschäftigen. Das ist es wohl, was man unter einer Win-win-Situation versteht. Versuchen Sie es doch auch einmal!

FREITAG: In die Weiblichkeit springen

Für mich sind Märkte ja nicht zwingend Konsumeinladungen, sondern vor allem Inspiration. Zum Schauen. Zum Freuen. Zum Nachdenken.

Bei mir ums Eck findet alle heiligen drei Zeiten ein Designermarkt in einer ebenso stylishen Umgebung statt. Und weil in meiner Gegend wenig Innovatives passiert, gehöre ich zu den Stammbesuchern dieser Veranstaltung. Dort finde ich dann Ohrringe aus brasilianischem Gras, türkische Hamam-Mäntel und Schneidbretter aus recycleten Surfboards. Was mir nicht nur gefällt, sondern auch insofern Freude bereitet, weil ich die Kreativität der jungen Menschen spüre, die sich das alles einfallen haben lassen.
Die Hallen sind immer prall gefüllt, was mir irgendwann einmal bei aller Einfallsexplosion zu viel wird und ich mich – ganz Bobo – mit einem Matcha Latte in eine Nische im Freien zurück ziehe. Dort ziehe ich dann Bilanz ob des Gesehenen und überlege mir wie jüngst, wem ichwomit zu Weihnachten beglücken könnte. Ich muss dort nämlich wirklich auf mein Budget achten, denn meine Begeisterung würde sich direkt auf mein Geldbörsl auswirken. So schnell könnte ich gar nicht denken, wäre es nämlich leer. Die Schlangen vor dem mobilen Bankomaten sind traditionell lange, was ich mir ersparen will. Deshalb ein kurzer Rückzug und Listenschreiben.
Und schauen, wer sonst noch da ist oder kommt. Mir fällt eine junge Frau ins Auge, die in einem knatschgelben Samtblazer kreischend auf eine Freundin zustürmt, die auf dem Kopf einen weinroten Schlapphut und am Körper ein blauweiß getupftes Kleid trägt. Und aus dem Nirgendwo schießt mir ein „Es geht doch!“ in den Kopf, dem ich nachspüre. Denn wie geneigte Leser meines Blogs vielleicht schon bemerkt haben, sind mir jungen Menschen sehr nahe. Mir fällt ein Artikel einer jungen Journalistin ein, den ich vor einigen Monaten gelesen habe und der sich mit altersloser Mode beschäftigte. Und sich darüber ausließ, dass sich die Jugend heutzutage gar nicht mehr für ihre Jugend interessiere. Und sich deshalb kleide wie Frauen, die im Reformhaus einkaufen und in den Töpferkurs gehen. Ja, das ist ein Klischee, aber keines von mir.
Das finde ich auch an diesem Markttag. Wadenlange Röcke in Grau und Schwarz, knittrige Hemden in Erdtönen, flache Gesundheitsschuhe. Die Autorin schrieb, dass diese Kleidung eine Gelassenheit ausstrahle, die jugendlicher Kleidung fehle. Ich finde allerdings auch noch etwas anderes, nämlich viel Farbe an älteren Frauen, geschätzt ab 50. Sei es auf den Lippen, im Haar oder eben am Körper. Sie strahlen damit genauso Gelassenheit aus. Was mich zu einem anderen Artikel, vielmehr einem Interview mit einer Modeschöpferin führt, die etwas sehr Wahres sagt: „Frauen sind dann am schönsten, wenn sie die Kraft haben, ihre Weiblichkeit zu zeigen.“ Man werde nicht stärker, wenn man sich in eine Uniform hineinreduziere. Grossartig, denke ich mir, aber auch, dass es bei mir selbst Jahrzehnte gedauert hat, bis ich das begriffen hatte.
Wie immer versuche ich der Situation etwas Positives abzugewinnen. Punkt 1: Mir sind junge Frauen, die Gelassenheit ausstrahlen wollen, lieber als jene, die ihre Körper in viel zu kleine Größen hineinpressen. Punkt 2: Wenn die Geschäfte für junge Mode inzwischen auf diesen Zug aufspringen, kann ich auch dorthin gehen und darf die ältere mit der jüngeren Claudia in Kontakt bringen. Punkt 3: Von einer eher unscheinbaren Modebasis aus seine Weiblichkeit zu suchen, erinnert mich an ein Spruch von Ilse Aichinger: „Um zu lieben, ist es nötig, nicht zuerst einen großen Schritt vor, sondern einen kleinen zurück zu tun, weil es dann leichter ist, zu springen.“ Und das gilt natürlich und zuallererst für die Selbstliebe.

FREITAG: Das Prosecco-Prinzip

Kürzlich habe ich gelesen, dass Gender Marketing dazu beiträgt, bestehende Geschlechter-Missstände noch weiter zu vertiefen. Und auch wenn ich aufgrund meines mangelnden Medienkonsums da vielleicht nicht mitreden kann: Ein Glas Prosecco kann ich darauf allemal trinken.

Kürzlich bei der Präsentation eines Veranstaltungskonzeptes, das sich mit Nachtspaziergängen für Frauen durch den Wald beschäftigte. Ich kenne Leute, die halten heimische Landeshauptstädte schon für Klein-Kairo, was kann einem da erst im Wald passieren? Ich empfehle einen Naturerlebnispädagogik-Tag in demselben, da lernt man Hören und Sehen auf ganz wunderbare Art und Weise. Wie auch immer: Die Vortragende hatte sich für ihre nächtlichen Spaziergänge von einem Folder über eine Ladies‘ Night inspirieren lassen. Grundsätzlich keine schlechte Idee, denn manchmal braucht man das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Doch als sie das Ausgangspapier durch die Runde gehen ließ, fiel mir eines auf.
Der Prosecco. Und heute beim Durchblättern eines Magazins das gleiche, gepaart mit dem Wellness-Angebot einer Therme. „Bei einem Glas Prosecco…“ kann frau einfach viel besser ihr Dasein genießen oder so ähnlich. Wann hat das begonnen, dass wir Frauen ganz unzweifelhaft mit bestimmten Getränken und Speisen assoziiert werden? Mir passiert das laufend. Letzte Woche war ich mit einem Mann essen, er wählte als Vorspeise einen Salat, ich eine Suppe. Als der Kellner kam, schaute er mich mit zielsicherem Blick an und reichte das Saure in meine Richtung. Mein Fingerzeig belehrte ihn eines Besseren. Und als ich mit einem anderen Mann etwas trinken war und er sich einen Spritzer bestellte, war sich die Servierperson ziemlich sicher, dass das Bier zu meinem alten Freund gehörte.
Hat der Film „Frauen, die Prosecco trinken“ etwas mit dieser Schubladisierung zu tun? Oder steht da ganz große Lobbyarbeit entsprechender Kellereien dahinter? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir es hier mit so etwas wie Gender Marketing zu tun haben, das offenbar gerade ziemlich boomt. Die Frage ist nur, ob wir dadurch nicht erst recht in Kategorien geschaufelt werden, die uns wenig entsprechen. Besonders schön in diesem Zusammenhang fand ich eine Studie aus dem Frühjahr des ablaufenden Jahres. Sie besagte, dass Frauen, die Alkohol trinken, als sexuell verfügbar wahrgenommen werden, Männer hingegen nicht. Geht’s noch?
Ich bin keine Feminismus-Amazone (mein Vater würde mir an dieser Stelle vermutlich widersprechen) und verstehe auch, dass der Mensch gewissen Kategorien braucht, um sich in dieser Welt einigermaßen orientieren zu können. Geschenkt. Doch wenn einen die Kategorisierung davon abhält, Menschen wahrzunehmen, dann hört es sich für mich auf. Natürlich ist es ein Aufwand, jeden Tag als einen neuen Tag zu betrachten, jeden Menschen in seiner Tagesverfassung zu beobachten. Doch anders kann es in meiner Welt nicht gehen, wenn wir das Gefühl füreinander behalten möchten. Wo kommen wir denn hin, wenn wir jeden Menschen einfach ablegen und ihm damit jede Chance verwehren, sich zu entwickeln? Wir kommen in einen Zustand, der uns zunehmend versteinert. Weil ja alles bleibt, wie es immer war. Ein Mensch war immer schon erzkatholisch – warum sollte er Buddhist werden? Ein Mensch hat immer schon vegetarisch gegessen – warum sollte er plötzlich Fleisch essen? Ein Mensch zählte sich immer schon zur Rolling Stones-Fraktion – warum sollte er auf einmal Beatles hören? Ganz einfach: weil das Leben ein Fluss ist. Und das normal ist, wie etwas in meiner Welt nur normal sein kann.
Unsere Zeit führt uns nur zu deutlich vor Augen, dass vieles transformiert werden muss, was lange eben in Stein gemeiselt war. Dagegen kann man sich mit viel Kraft stemmen, klar. Doch das KOSTET auch Kraft – und Lebensfreude. Denn einen Zustand zu beklagen, den es nicht mehr gibt, macht trübsinnig. Viel empfehlenswerter wäre es, das Neues willkommen zu heißen und es zu feiern – von mir aus auch mit einem Glas Prosecco. Solange ich ein Bier trinken darf…

FREITAG: Wo ist die Wärmeglocke?

Jetzt ist er also da, der Winter. Und auch wenn ich bei der ersten Schneeflocke nicht so hyperventiliere wie meine Mutter – zu früh kommt er irgendwie immer.

Als ich gestern nach einem netten Abendessen mit Freunden auf die Straße getreten bin, ärgerte ich mich über den heftigen Regen. Und beim Einsteigen ins Auto war es selbst mir klar geworden: Der heftige Regen war Schnee. Und nein, ich hatte nur alkoholfreies Bier getrunken. Doch trotz der Tatsache, dass wir mitten im November stecken und die Temperaturen alles andere als kuschelig sind, bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es der Schnee bis zu mir schaffen könnte. Von meinen Eltern haben mich Bilder einer zehn Zentimeter dicken Schicht schon erreicht, aber mein Gott – die wohnen ja auch in den Bergen, und da gehört der Schnee ja auch hin. Der große Koloss, den ich von meinem Arbeitszimmer aus sehe, hat schon länger eine eisige Zuckerhaube, aber hier in meinem Garten? Irgendwie dachte ich wohl, dass über meinem Haus eine Art Wärmeglocke hängt, die alles zum Schmelzen bringt, was sich auf zehn Meter nähert.
Heute morgen beim Aufwachen hörte ich dann – nichts. Das ist insofern ungewöhnlich, weil durch meine Gegend rund 30.000 Autos am Tag gondeln, meist auf dem Weg zum nahe gelegenen Einkaufszentrum. Das man eigentlich auch bequem mit dem Bus oder der S-Bahn erreichen könnte, aber wer im frühen Vorweihnachtseinkauf steckt, will sich auch nicht zu Tode schleppen, ne? Wie auch immer: Ich hörte kein Motorengeräusch, keine Beatmusik aus den Autos, noch nicht einmal das Klicken der Busoberleitungen. Und das hieß für mich selbst im Stadium des Aufwachens, in dem ich normalerweise noch nicht einmal meinen Namen weiß: Es liegt Schnee.
Die weiße Sonne an der Garagenwand spiegelte den Matsch auf meiner lavendelblauen Tischdecke mit den Sonnenblumen. Die Äste des Thuje hingen nach unten, und auch die letzten Zinnien, die ich den ganzen Sommer vor lauernden Schnecken beschützt hatte, trugen ein weißes Hütchen. Auf dem Steg beim Teich sah ich Katzenpfötchen und im Geist die Anmut, wenn ein Stubentiger vorsichtig Schritt für Schritt den unsicheren und kalten Untergrund abtastet. Und so saß meine Katze auch schon auf der Fensterbank, als ich die Rollläden raufdrehte und maunzte mich an, als hätte ich persönlich den Schneehahn aufgedreht.
Früher war Schnee super für mich, als ich noch zum Schifahren ging. Das habe ich inzwischen aufgegeben, weil ich nicht einsehe, dass ich für ein 500 Kilometer großes Schigebiet, das ich in keinsterweise innerhalb eines Tages bekurven kann, 3.000 Euro zahlen soll. Wirtschaftlich gesehen leuchtet mir das ein. Haushaltsbudgetmäßig nicht. Wenn ich mich irgendwann mit dem Schnee abgefunden habe, gehe ich ganz gerne mit richtigem Schuhwerk spazieren und kann auch dem Knirschen unter meinen Füßen durchaus etwas abgewinnen. Wenn nicht die Kälte wäre!
Klar, man kann sich anziehen. Und anziehen. Und anziehen. Mit entsprechend vielen Schichten übersteht man jeden Winter. Oder der passenden Funktionskleidung, die ich allerdings nicht besitze, weil ich von der Gleichmacherei wenig halte. Doch ich sehe natürlich deren Vorteile, insofern alles gut. Das winterliche Zwiebelgetue geht mir trotzdem auf die Nerven. Eine Freundin meinte kürzlich, dass ihre Müdigkeit daher kommen könnte, weil sie beim Anziehen soviel Energie aufwenden müsse. My Tribe! Ich kriege ja schon Hitzewallungen, wenn ich in eine Strumpfhose schlüpfen muss. Das Maximum sind Netzstrümpfe, und ja, es ist mir bewusst, dass nichts weiter von winterlicher Funktionskleidung entfernt ist. Sie merken schon: Winter ist nicht meine Jahreszeit.
Und doch kann ich diesen einen Moment genießen. Den nämlich, wenn es draußen dämmert, ganz dicke Flocken fallen und ich auf meiner Kamincouch im Warmen sitzen und der Gemächlichkeit zusehen darf. Es gibt kaum etwas Entspannenderes als das. Das zeigt mir, dass alles seine Zeit braucht, auch so eine Schneeflocke. Sie kann nur in der für sie möglichen Geschwindigkeit schweben, es geht eben nicht schneller. Man kann sie nicht antreiben, ihr etwas dafür versprechen oder sie sogar dafür belohnen. Nichts da – it takes time! Insofern ist der Winter ein guter Lehrmeister für mich, geduldig zu sein.
Allerdings reicht die Geduld dann doch nicht so weit, das Jahresende und die damit zusammenhängenden Aktivitäten auf mich zukommen zu lassen. Deshalb habe ich einen Flug gen Süden gebucht und freue mich unbändig darauf. Keine Funktionskleidung, keine Strümpfe, keine Schneekristalle auf dem Tisch vor meinem Fenster. Sondern nur Sonne, mein Journal und eine Tasse Kaffee. Die Kälte bekommt mich früh genug zurück.