FREITAG: Freiheit für die Jugend

Aufruhr auf den Innenstadtstraßen. Die Jungen rebellieren gegen neue C-Regeln. Und schwuppdiwupp, werden sie verschärft. Da sagt noch einer, dass die Politik träge reagiert.

Meine wilde Mutter rüttelt mich aus meiner Morgenmeditation und erzählt mir ihre Erlebnisse aus dem Krankenhaus, das sie wegen einer gebrochenen Schulter frequentieren musste. Nicht nur, dass sie sich in ihrem Mehrbett-Zimmer Geschichten anzuhören hatte, die man manchmal noch nicht einmal lesen mag; sie wurde auch mit der Abneigung älterer Menschen gegenüber der Jugend konfrontiert. Und wenn ich mich an einen kurzen Videobeitrag vom vergangenen Wochenende erinnere, kann ich das sogar nachvollziehen.

Junge Leute hatten gegen die seit Montag geltenden verschärften C-Regeln Rambazamba gemacht, in der Nacht und mitten auf den Innenstadtstraßen. Die Polizei rückte aus, die Journaille natürlich auch und heraus kamen Statements, wo man sich fragte: „Ist Grammatik out oder ganze Sätze zu sprechen, inzwischen unmodern?“ Ein Freund fragte sich, ob man nicht auch solche mit einem höheren Schulabschluss als Hauptschule befragen hätte können. Jetzt gibt es ja hierzulande gar keine Hauptschulen mehr, sondern nur mehr Mittelschulen. Und so oder so: Es ist nicht alles schlecht. Was wirklich ausgedrückt werden wollte, ist allerdings schon, dass man auch junge Menschen vors Mikro bitten hätte können, die einigermaßen reflektiert sind.

Eine Freundin beklagt ja, dass selbst ein Großteil der Erwachsenen das Wort Reflexion vielleicht buchstabieren kann, aber bestimmt nicht im aktiven Wortschatz hat. Wie und wo soll es also der Nachwuchs lernen? Erfahrungs- und Beobachtungslernen ist ein immerwährender Prozess, und wenn mit jungen Menschen nicht gesprochen wird, sie nicht angeleitet werden, auch einmal andere Standpunkte einzunehmen (und sei es auch nur theoretisch) – woher sollen sie Reflexion denn kriegen? Eine andere Freundin erzählt, dass ihr 14jähriger Sohn im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen weder verstockt noch lethargisch vor sich hin existiert. Und auch hier ist festzustellen: Die Eltern bleiben mit ihrem Sohn im Gespräch. Ich freue mich über Beispiele wie diese, denn sie bestätigen das, was ich selbst erfahren, praktiziert und wieder erfahren habe. Mein Vater hat stundenlang meine „Warum“-Fragen beantwortet, was irgendwann einmal zu der kuriosen Einsicht führte, dass ich in diesem Sinne anti-autoritär erzogen wurde. Doch das ist eine andere Geschichte. Was ich davon mitgenommen habe, ist die Gesprächsbereitschaft gegenüber meinen Kindern, die mir nicht nur ein Loch in den Bauch gefragt haben. Und die Diskussionen, die sich oft darauf ergeben haben, erweiterten nicht nur meinen Horizont, sondern zeigten den Kids auch, wie man Gespräche denkt und führt. Söhne wie Tochter sind wunderbar reflektiert, was zu einem erweiterten Verständnis für ihre Umwelt und die Menschen führt, die darin leben.

Natürlich gab es Zeiten, wo kein Satz ohne ein „oida“ oder „Alter“ daher kam. Ihren Vater hat das ziemlich auf die Palme gebracht, weil er es persönlich genommen hat. Erst mehrfache Erklärungen, dass „man“ eben so spricht in diesem Alter, konnten ihn etwas besänftigen. Angefreundet hat er sich nie damit. Und da sind wir genau an dem Punkt, der meiner Meinung nach das Verhältnis zwischen den Generationen nach wie vor schwierig macht. Es fehlt das Verständnis füreinander. Nicht generell, aber doch momentan sehr, wie mir scheint. Und die Zeiten sind ja auch so wirr, dass man zwischen der Selbstfürsorge und dem Allgemeinwohl hin und her gewatscht wird und leicht aus seiner eigenen Mitte gerät. Und das wiederum führe ich darauf zurück, dass wir natürlich alle das Gewohnte zurück haben wollen. Jede Generation.

Auch wenn Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, dreht sich alles doch mehr oder weniger um ein Thema: Freiheit. Die Freiheit zum Konsum. Die Freiheit zum Genuss. Die Freiheit zum Sein. Das alles scheint sich gefühlt momentan kaum umsetzen zu lassen. Ja, immer weniger, wenn man die Verlautbarungen betrachtet. Doch gerade hier ist wieder einmal Achtsamkeit gefordert. Nicht alles nur nehmen, wie es präsentiert wird, sondern auch hinterfragen und selbst recherchieren, was einem unklar ist. Doch das hatten wir ja schon im Frühling.

Vor zwei Jahren war ich auf Robben Island, eine vor Kapstadt liegende Insel, auf der Nelson Mandela fast 20 Jahre seines Lebens im Gefängnis saß. Man spricht auch von der „Mandela University“, weil der spätere südafrikanische Präsident die Zeit nutzte, um sich fortzubilden und auch seine Mithäftlinge dazu zu animieren. Was sonst hätte er tun können auf einem sandigen, heißen Eiland, in einer Mini-Zelle, in der man nicht einmal die einfachste Bauchtanz-Choreographie unterbringen hätte können? Was immer er gelernt hat: Er hat gezeigt, dass Freiheit eine innere Einstellung ist und nicht von äußeren Umständen abhängt. Und genau diese Erkenntnis brauchen wir in Zeiten wie diesen.

Doch was bedeutet das konkret? Nehmen wir die Freiheit zum Konsum. Man könnte beispielsweise – und politisch immer unkorrekter – aus dem Internet konsumieren und sich die Einkäufe virtuell bestellen. Ist heutzutage ein bisschen pfui, weil ökologischer Fußabdruck, weil Schwächung der heimischen Wirtschaft. Stellt sich also die Frage, warum wir die Freiheit haben wollen, Dinge zu verbrauchen. Aufzubrauchen. Verschwinden zu lassen. Und ich spreche jetzt nicht von Hunger – essen müssen wir schließlich alle. Was mich zum nächsten Punkt bringt: die neue C-Gewohnheit, sich Nahrung ins Haus liefern zu lassen. Noch nie zuvor habe ich so viele Zustell-Radler im Stadtbild gesehen wie seit dem Frühling. Gut, was die Schaffung von Arbeitsplätzen angeht. Schlecht, was den Unwillen vieler zeigt, für sich selbst zu sorgen. Nämlich insofern, dass man weiß, was man isst. Aber gut. Lieber Stunden am oder vor dem Bildschirm verbringen und dort etwas zu konsumieren, was einem Entscheidungen abnimmt, wahlweise vernebelt. Entspannen müssen wir ja alle einmal, nicht?

Was mich zur Freiheit zum Genuss bringt. Fragen wir uns heute noch, was Genuss wirklich für uns ist? Oder lassen wir uns einreden, was wir zu genießen haben? Weil es alle tun oder haben? Vor Jahren habe ich ein Interview mit einem Mann geführt, der mir erzählte, sein größter Genuss sei ein Butterbrot mit frischem Schnittlauch. Yesssss. Eine Freundin erzählt mir, dass sie jeden Tag eine Stunde wandert und immer wieder Neues in ihrer Umgebung entdeckt, was ihr in den vergangenen Jahren entgangen ist. Yesssss. Und ich genieße den allerersten Schluck Kaffee in der Früh. Muss Genuss immer groß und teuer sein? Ich glaube nicht. Für manche reicht sitzen.

Freiheit zum Sein. Da wird es für viele schwierig. Denn nur die wenigsten hinterfragen ihr Sein – wozu auch, man „ist“ ja eh immer. Doch schon Erich Fromm unterschied zwischen dem Haben und dem Sein als Zugang zum Leben. Und die Gefahr beim Haben ist halt, dass es einem genommen werden kann. Das Sein hingegen bleibt. Weshalb es mir ziemlich sinnvoll erscheint, sich genau diesem Sein zu widmen. Herauszufinden, was dafür wichtig ist. Was es ausmacht. Wie man es gestalten kann. Auch ohne das Haben, das in unserer Welt so wichtig geworden ist.

FREITAG: Strandphantasien

Ich komme gerade von einem sehr spontanen Frühstück auf einer Dachterrasse – ein wunderbarer Start in den Tag. Und zwischen Leckereien-Etagere und Latte Macchiatto fliegen die Erfahrungen und Träume hin und her.

Auch wenn ich momentan so fokussiert wie selten in meinem Leben bin – für Spontaneität muss Platz und Zeit sein. Speziell wenn ich mich zum wöchentlichen Blogschreiben hinsetzen möchte, ist Inspiration hoch willkommen. Denn auch wenn es mich nach wie vor umtreibt: über das C-Wort und die damit zusammenhängende Reise-Unwilligkeit kann ich ja nicht wöchentlich lamentieren, weil das vermutlich nicht nur Ihnen, sondern auch mir selbst auf die Nerven geht. Und meine Intuition, die langsam und sicher immer nachdrücklicher wird, ließ mich heute morgen Kontakt zu einer Frau aufnehmen, deren Sohn zu „meiner“ erweiterten Kinderschar zählt und die ich immer schon sehr geschätzt habe. Und siehe da – es hat geklappt.

Auf der Dachterrasse fangen wir mit dem Erzählen an, ohne uns auch nur irgendwie warmreden zu müssen. Die Kinder tragen, doch wir wachsen darüber hinaus, teilen Erfahrungen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, drehen und wenden sie. Und dann taucht da ein Traum auf, den wir offensichtlich beide seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten visualisieren: das Haus am Meer. Sie erzählt von Sommertagen in ihrer Kindheit, die sie in einer Hütte am Strand verbracht hat. Meine Phantasie hüpft vor Freude, denn dass sie danach Sehnsucht hat, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Mir fällt ein Aufenthalt auf Formentera ein, als es dort noch die Kioskos gab – kleine Strandbars, in denen man den Sonnenuntergang erleben konnte. Dort fiel mir auch auf, was ich bis zum damaligen Zeitpunkt bei Strandspaziergängen immer vermisst hatte: die Musik. In Filmen, die diese junge Frau gesehen hatte, fanden Meerbummeleien immer vor romantischer Soundkulisse statt. Seitdem finden meine Strandspaziergänge nur mehr mit Ohrstöpseln und zum Soundtrack meines Lebens statt. Wie auch immer: Auf Formentera dachte ich mir, dass es kaum etwas Schöneres geben könnte, als irgendwann einmal so einen Kiosko zu betreiben, den Wind zu spüren, der Sonne beim Untergehen zuzuschauen. Aktuell bin ich davon gaaaaaanz weit entfernt.

Und auch vom „Beach House“, meinem Ersatz-Domizil, bis sich für mich das richtige Angebot auftut. Allerdings sind sich die beiden Frauen auf der Dachterrasse einig: Momentan ist wirklich die falsche Zeit für diesen Traum. Denn wenn man sich Eigentum im Ausland anschafft, möchte man auch hinfahren. Was uns diese Zeit vor Augen führt: Selbstverständlichkeiten können sich ändern. Und andere Dinge werden zur Selbstverständlichkeit, die es nicht werden sollten. Für mich ist das aktuell der Mund-Nasen-Schutz. Kürzlich habe ich gehört, dass diese Entwicklung nur äußerer Ausdruck dessen ist, was in der Gesellschaft schon lange gang und gebe sei: die Distanzierung zwischen den einzelnen Menschen. Was für mich wiederum überhaupt nicht zutrifft. Denn ich brauche wenig, um Verbundenheit zu einem Menschen herzustellen, doch mindestens ein Gesicht. Und dass ich darüber nicht mehr entscheiden kann, wann ich Verbundenheit aufbauen darf und wann nicht, beschäftigt mich schon sehr. Mir war vorher schon viel zu viel reglementiert, doch das macht mich grumpy. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte in keinster Weise eine Gefahr für andere darstellen, weshalb ich ja auch die Maske trage. Doch davon, dass ich sie wie viele als Modeaccessoire akzeptieren würde, bin ich meilenweit entfernt. So meilenweit wie die visualisierten Häuser am Meer. Doch die beiden Frauen sind sicher: Irgendwann sitzen sie in ihren maritimen Domizilen, hören die Wellen auf der Terrasse, erobern sich 24/7 den Strand und sind angekommen. Ja, Erfahrungen, die man in der Phantasie macht, sind viel wert – positiv sollten sie halt sein.

FREITAG: Aufgeladene Atmosphäre

Spüren Sie das auch, dass momentan ganz viel Energie in der Luft liegt? Also aufgeheizte, die ein Ventil sucht. Oder Kühlung. Oder Wandlung.

Ich persönlich hatte ja Anfang des Jahres ein Erlebnis, das so viel Energie und Fokus in mich hinein gepumpt hat, dass ich selbst neun Monate später noch davon zehre. Und auch wenn ich etliche Wochen gebraucht habe, um die Sinnhaftigkeit dieses Erlebnisses zu verstehen, ist die Dankbarkeit dafür umso größer, seit ich den Sinn erfasst habe. Und weil es mir gerade auffällt: Es hat tatsächlich neun Monate gedauert, dass meine Babys als drittes Buch und Inspirationskarten erschienen sind. Das alles erfüllt mich mit großer Freude, und ich genieße den Flow, in den mich der Januar-Energieboost geschossen hat.

Jetzt wundere ich mich ja schon seit geraumer Zeit, dass es anderen nicht so geht. Ist unlogisch, denn es konnte ja nicht jeder Erfahrungen wie ich machen. Und doch möchte ich stets, dass es meinem Umfeld genauso gut geht wie mir. Leider klappt das irgendwie nur suboptimal, gerade was die Energie angeht. Da gibt es Energielosigkeit aufgrund von Überforderung oder Anspannung. Aber auch Aggression aufgrund von Überforderung oder Anspannung. Jetzt bin ich kein besonders aggressiver Mensch, auch wenn ich das Gefühl natürlich kenne, jemandem gerne eine runter zu hauen. Doch erstens ändert es vermutlich nichts an der jeweiligen Situation und zweitens hatte ich in meinem Werkzeugkasten der Reaktion doch noch den einen oder anderen emotionalen Schraubenschlüssel, der mir (und dem Gegenüber) eine Handgreiflichkeit ersparte.

Ich lasse mir erzählen, dass Männer inzwischen weniger handgreiflich werden, weil sie Konsequenzen befürchten und/oder weil es inzwischen common sense ist, die Hand in der Hosentasche zu lassen. Doch ich lasse mir auch erzählen, dass immer mehr Frauen da nicht ganz so beherrscht sind. Die Dunkelziffer solcher Fälle ist hoch, weil kein Mann gerne zugibt, dass es eine gesetzt hat. Frau übrigens auch nicht. Und gerade in der C-Zeit, als wir uns alle mit den gewählten Lebenssituationen konfrontierten mussten, hatte die Polizei einiges zu tun, was häusliche Gewalt anging.

Während ich in der spätnachmittäglichen Sonne diese Zeilen schreibe und der Katze beim Schlabbern des Regenwassers zuschaue, denke ich mir, wie groß die Not sein muss, wenn nur mehr das Hinterlassen von blauen Flecken möglich ist. Ich persönlich werde ja aggressiv, wenn ich mich klebrig schwitze oder hungrig bin. Doch die Sonne zu verklopfen oder mir in die Magengrube zu schlagen, erscheint mir in solchen Situationen wenig zielführend. Es liegt in meiner Verantwortung, einen Schattenplatz zu finden und mich zu nähren. Das kann ich nicht delegieren, selbst wenn ich es wollte. Ich kann mich auch noch an eine Situation erinnern, als ich am Bauch operiert wurde und plötzlich feststellen musste, wie viele Muskeln in diesem Bereich an den kleinsten Bewegungen beteiligt sind. Manchmal wurde ich da auch wütend, weil ich einfach nicht konnte, wie ich wollte. Hätte ich damals gewusst, dass es schon seinen Sinn hat, nach einer Operation ruhig gestellt zu sein, wäre ich nicht auf die schräge Idee gekommen, die Heilung durch möglichst viel Aktion unterstützen zu wollen. An dieser Stelle wäre das Smiley, das auf dem Kopf steht, angebracht. Doch es gibt noch andere Gefühle. Zum Beispiel Furcht oder Frustration.

Ich lese, dass Aggression ihren Ursprung in der Verteidigung und Gewinnung von Ressourcen, aber auch in der Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen liegt.

Wenn es nun zu Handgreiflichkeiten zwischen Mann und Frau kommt, was könnte dann die Verteidigung von Ressourcen sein? Oder die Gewinnung derselben? Das einzige, worauf ich komme, ist das Ego. Und die jeweiligen Ausprägungen von Angst. Und davon gibt es ja im zwischenmenschlichen Bereich einige. Die Angst, nicht wahrgenommen zu werden. Die Angst, nicht anerkannt zu werden. Die Angst, einem Bild nicht zu entsprechen. Oder etwas konkreter: die Angst vor dem Alleinsein, dem Scheitern, dem Gesichtsverlust. Kenne ich alles, habe ich alles durchexerziert. War unschön und schmerzhaft, hat Energie gekostet und mich von mir selbst entfernt.

Und das ist ja das Faszinierende. Man versucht, mit Aggression seine Pfründe zu verteidigen oder welche zu schaffen und hat noch nicht einmal eine Ahnung davon, was die wahren Pfründe sind. In meiner Welt liegen sie dort, wo wir vollumfänglich für uns, unsere Gefühle, unser Dasein Verantwortung übernehmen. Und sie nicht an andere delegieren. Vom Autor und Psychologen Robert Betz lerne ich sinngemäß: „Jeder, der nicht jeden Tag freudig angeht, kann auch anderen keine Freude bringen.“ Und jeder, der mit sich selbst nicht auskommt, kann das auch nicht von dem Menschen erwarten, mit dem man das Leben teilt. Stark. Und für viele superschwer umzusetzen.

Wir alle haben einmal versucht, das Märchen von den zwei halben Kugelmenschen zu erfüllen, die erst wieder ganz werden, wenn sie sich gefunden haben. Und sich dann das geben können, was sie so lange vermisst haben. Doch das funktioniert eben nicht. Sagt auch Robert Betz. Beziehungen aufgrund von Bedürftigkeiten zu beginnen, kann auf Dauer nur schief gehen. Weil wir uns inzwischen so individualisiert haben, dass auch unsere Bedürfnisse hochindividuell geworden sind. Und wir alle wissen, dass es nirgendwo einen Hochleistungszuchtbetrieb für eierlegende Wollmilchsäue gibt. Unter diesem Blickwinkel können wir nur scheitern.

Siegen können wir, wenn wir lernen, es mit uns selbst auszuhalten. Auch ohne Smartphone oder sonstige Bildschirme und Ablenkungen. Wenn wir lernen, uns selbst gern zu haben und zuerst einmal uns das zu geben, was wir brauchen. Ich für meinen Teil gebe mir jetzt ein Abendessen, denn ein bunt dekoriertes Käsebrot als Mittagessen trägt nur bedingt. Und selbst wenn mir der eine oder andere einfallen würde, der gerne für mich kochen würde: Ich bin für mich selbst verantwortlich. Meinen Hunger. Meine Gefühle. Mein Leben. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

FREITAG: Die Transparenz der Tauben

„Du bist eine tolle Taube“, sagte mein Vater kürzlich. Mit einem Wanderfalken hat er mich ja auch schon verglichen. Und das alles, obwohl ich momentan gar nicht fliegen mag.

Ich habe wenig Anknüpfungspunkte mit dem Federvieh. Und abgesehen davon, dass ich den Frühling willkommen heiße, wenn ich zum ersten Mal nach dem Winter am Morgen vom Gezwitscher geweckt werde, achte ich auch kaum darauf. Mein Ex hat es ja sehr mit den Tauben, die ihm vielfach den Weg weisen, weil er ihnen eine positive Bedeutung gibt. Die Katze findet Vögel auch ziemlich attraktiv, und wenn sie mir ihre Jagdbeute vor die Türe legt, muss ich sie immer ausgiebig loben. Ist nicht schön, aber angemessen und nötig für das Katzen-Ich. Als mein Vater das mit der Taube durch die Videokamera schickt, fällt mir ein, dass wir vor fast 20 Jahren in einem Vogelpark in Indien waren – extra wegen ihm. Wir fuhren mit dem Fahrrad durch die riesige Anlage und er hatte seinen Kopf meistens in den Baumkronen, weil sie zwar zu hören, aber nur spärlich zu sehen waren. Ich hatte ja damit zu tun, dem Weg nachzukommen, denn von asphaltierten Straßen ist man in einem indischen Vogelpark meilenweit entfernt. Und die Sinnhaftigkeit eines Fahrrades hatte sich mir schon damals nicht erschlossen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dass ich eine Taube sein soll, erklärt beispielsweise, warum mein Ex mich als seine beste Freundin bezeichnet. Allerdings: Wenn es um den richtigen Weg geht, vertraut er seinen gefiederten Gefährten mehr als mir. Betrachte ich mich selbst in diesem Kontext, bin ich am ehesten eine Brieftaube. Im übertragenen Sinne bringe ich meine Geschichten in die Welt und von dort auch wieder neue in meinen Heimatschlag zurück. Das Ergebnis lesen Sie ja Woche für Woche hier, und auch in meinen Büchern. Apropos: Das dritte ist endlich in meinen Händen und auch schon bei interessierten LeserInnen. Und wie eine richtige Brieftaube lasse ich damit auch meine Geschichten, im weitesten Sinne auch meine Vergangenheit los.

Das trägt bestimmt dazu bei, dass ich Woche für Woche so transparent sein kann. Vor einigen Tagen habe ich das zugetragen bekommen, was mich nachdenklich gemacht hat. Nicht, dass ich transparent bin – niemand, der einen persönlichen Blog schreibt, kann bis zu einem gewissen Grad darauf verzichten. Doch nachgedacht habe ich darüber, dass ich als transparent empfunden werde. Und ob es noch etwas gibt, was nur mir gehört und noch nicht Eingang in den Brief für die Taube gefunden hat. Mit einem Seufzer der Erleichterung stellt ich fest: Ja! Es ist nämlich so: Wie eine Brieftaube habe ich eine gewisse Strecke zu überwinden. Auf diesem Weg trage ich mehr oder weniger schwer an dem, was ich erlebt habe. Doch wenn ich dann am Ziel angekommen bin, habe ich die Geschichte so verstoffwechselt, dass ich sie loslassen und im Idealfall darüber schmunzeln kann. Und dann ist Transparenz eine Selbstverständlichkeit.

Transparenz verleiht Leichtigkeit, weil die Schwere verdampft ist oder sich verpulverisiert hat. Und gibt es etwas Leichteres als Vögel? Außer einem fliegenden Plastiksackerl oder Hautschuppen fällt mir jetzt nichts ein. Und nachdem der Kunststoff bei mir höchstens in den Müll fliegt und das Fallen der Hautschuppen durch exzessiven Gebrauch von Arganöl weitgehend unterbunden wird, habe ich die besten Voraussetzungen zum Fliegen. Und auch wenn ich mich momentan (noch) dagegen sperre, ein Flugzeug zu besteigen, hindert mich abseits davon wenig daran, die Leichtigkeit zu kultivieren. Die Devise: Loslassen, was unmöglich ist und auf das fliegen, was sich anbietet. Simple as that.

FREITAG: Tiere und Kinder gehen immer

Nach der kleinen Mückenattacke von letzter Woche kam noch eine größere, die mich tatsächlich davon abgebracht hat, zum See zu fahren. Aber grundsätzlich mag ich Tiere – auch wenn ich das jahrelang nicht wusste.

Als die Kinder klein waren, hörte ich oft die Frage, warum ich keine Tiere möge. Und meine Standardreaktion lautete: „Weil sie nicht antworten.“ Vermutlich hätte ich vor meiner Zeit mit den Kindern die gleiche Antwort gegeben, hätte man mich gefragt, warum ich keine Kinder mochte. Doch das hat sich ja dann geändert, und meine Welt wurde eine ganz andere. Kürzlich hat mich die Freundin meines Jüngsten gefragt, ob ich es sinngemäß bedaure, dieses Leben gewählt zu haben. Es konnte nur ein „Nein“ folgen, denn alles, was ich heute in meinem glücklichen Zustand bin, hat mit dieser Wahl zu tun. Auch dass sich der Kreis der jungen Menschen nach wie vor erweitert, weil die Kinder ihre Liebsten mitbringen und durchwegs eine Wahl getroffen haben, die ich nachvollziehen kann. Dass das wichtig ist, wurde mir vor Jahren durch die älteste Freundin meiner Mutter bewusst, die einmal sagte: „Man mag den Partner der Tochter, wenn er einem selbst gefällt.“ Was natürlich erklärt, warum es immer zu Reibereien zwischen meiner Mutter und mir kam – nur selten hätte sie sich den Mann ausgesucht, den ich zum jeweiligen Zeitpunkt gerade gewählt hatte. Andererseits: Ihre Wahl war nach einzelnen Testversuchen jetzt auch nicht gerade das Gelbe vom Ei – am ehesten noch das Gelbe von Tausendjährigen Eiern. Die sind zwar eine Delikatesse, aber das sind Stierhoden auch. Und ich muss wirklich nicht alles mögen.

Mein Verhältnis zu Tieren war lange ein wirklich schwieriges. Es begann mit einer erfrorenen Schildkröte, zog sich über eine falsch ernährte und deshalb verhungerte Wüstenspringmaus bis hin zu einer erstickten Streunerkatze. Doch irgendwann fiel mir auf, dass Tiere mich suchten – wie Kinder. Und da begann ich zu akzeptieren, dass sie in mir irgendetwas sahen, was ich selbst nicht wahrnehmen konnte. Meine jetzige Katze, die mir ja nicht gehört, aber trotzdem nicht von mir ablassen will, ist jetzt schon fast fünf Jahre in meinem Alltag, und selbst wenn sie eigentlich als Zimmerkatze gepolt war, schlägt sie sich in der freien Wildbahn meines Gartens tapfer. Wenn eine rote Katze unter dem Tor durchschlüpft, wird sie extrem aggressiv, und das ist deshalb putzig, weil es dem Eindringling herzlich wurscht ist, dass die Kleine faucht und grummelt. Was nicht passiert, wenn der Haus-und Hof-Igel durch den Garten kruschelt. Den schaut sie sich in aller Ruhe an und toleriert es sogar, wenn er von ihrem Teller frisst. Nicht, dass der Gute zu wenig Futter finden würde – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Schnecken ich heuer schon von meinen Dahlienschößlingen, Malven und Astern heruntergeklaubt habe! Und offenbar haben sich auch Tigerschnecken angesiedelt, die eine Freundin zwar als positiv bewertet, weil sie die Eier der anderen Nacktschnecken fressen, doch auch vor meinen Pflanzen nicht Halt machen. Ein typisches Beispiel von „Nichts Schlechtes, wo nicht auch etwas Gutes daherkommt“ – trotzdem: bitte nicht in meinem Garten, auch nichts Getigertes. Kleopatras Tiger reichen mir.

Wie schon öfters an dieser Stelle erwähnt, finde ich das Zusammensein mit meiner Katze meistens ziemlich entspannend. Und wenn sie mir während des Meditierens auf dem Bauch liegt und so dreinschaut, als würde sie jede Silbe des Mantras verstehen, gelingt mir das innere Lächeln besonders gut. Diese Woche allerdings war sie unruhig. Und den Grund dafür merkte ich erst dann, als etwas auf meiner Nase kitzelte. Als ich das Etwas verscheuchte, merkte ich, dass die Katze ihren Blick ruckartig nach links warf. Und da war ich dann doch neugierig, was mich irritiert und aus dem Mantra geworfen hatte: eine kleine grüne Heuschrecke. Sie machte ein paar Sprünge und verschwand dann hinter dem Sofa – vermutlich wird sie dort ihr Ende finden, denn selbst der Saugroboter findet dort von alleine nicht mehr heraus. Der Vater meines kleinen Nachbarn würde sagen: „Wieder ein selbstmordwilliges Tier, dass dich gefunden hat.“ Ha, ha.

Ich höre, dass Heuschrecken ein Symbol für eine zerstörerische Kraft sein sollen, die aus dem „Rauch“ oder Einfluss des Schlundes hervorkommt, um die Menschen, die nicht das Siegel Gottes an ihrer Stirn haben, zu stechen und quälen. In diesem Sinne: Gott! Das Ding ist noch nicht einmal so groß wie ein Glied meines kleinen Fingers. Doch da ja alles nur eine Frage der Interpretation, wahlweise des Glaubens ist, finde ich eine andere Symbolik, nämlich bei den Chinesen. Für sie ist die Heuschrecke eine für Glück und Wohlstand, weil man die viermalige Häutung als ein Symbol der Seele ansah. Das klingt doch sehr viel besser und optimistischer, finde ich. Da ich meinen Mückenstich auf der Stirn wahrlich nicht als Siegel Gottes betrachten möchte, gefällt mir die Idee viel besser, dass meine Seele sich häutet. Und gerade in diesem Jahr, in dem so vieles anders ist als früher, ist das wohl auch notwendig und hochwillkommen.

Vielleicht krieche ich doch noch unter das Sofa und versuche, die Heuschrecke zu retten. Wenn die Katze sie nicht schon gefressen hat – Heuschrecken sollen ja auch Delikatessen sein. Nicht nur für Stubentiger. Doch es gibt offenbar ethische Bedenken dagegen bezüglich aufwendiger Zucht und langer Transportwege. Was man alles lernt, wenn einem ein Grashüpfer auf die Nase springt! Ob ich beim Meditieren das nächste Mal den Mund offen lasse, damit einer reinspringen kann, überlege ich mir trotzdem noch.

FREITAG: Das juckt mich gar nicht!

Bei einheimischen Spinnen bin ich relativ angstbefreit, die Urangst vor der Schlange habe ich auch abgelegt, doch wenn ich es surren höre, wird alles zum Drama.

In den vergangenen Jahren habe ich doch einigermaßen fundiert gelernt, wie ich so schnell wie möglich zu meiner Contenance zurück finde. Meditieren hilft, den Ameisen beim Melken der Blattläuse zuzusehen auch. Ein rascher Spaziergang zu rhythmischer Musik tut ebenfalls gut, wie Lachen, Schreiben und Gartenarbeit. Doch gerade letzteres ist momentan etwas mühsam, weil ich hier das Zufriedenheitsparadoxon erlebe. Das bedeutet: positive und negative Gefühle gleichzeitig wahrzunehmen. Das Graben, Umtopfen und Arrangieren der Beete ist etwas Wunderbares; dass mich dabei Stechmücken umschwirren, die gerade aus ihren Eipaketen auf der Oberfläche meines Teichs entkommen sind. Und hurrrrrrraaaaaa – da ist ja auch gleich eine Nährstoff-Lieferantin! Auch am See freuen sie sich schon auf mich, was zur Folge hat, dass ich selten ohne zusätzliche Polka Dots heimfahre. Es gibt ja in meiner Welt kaum ein ähnlich befriedigendes Gefühl als das Kratzen einer juckenden Hautstelle. Doch das ist tricky, weil es zwar kurzfristig Linderung verschafft, danach umso mehr juckt. Also lässt der vernunftsbegabte Mensch tunlichst vom Schaben ab und schmiert eine Salbe drauf. Die man genauso tunlichst immer dabei hat, weil es ja immer zum Jucken anfangen kann.

Und das ist bei mir eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Ärgere ich mich, juckt es mehr. Und juckt es, ärgere ich mich schneller. Da helfen dann weder Ameisen noch Meditationen, das Lachen vergeht und die Spaziergänge fallen aus, weil die Kleidung genau dort kratzt, wo der Stich ist. Meistens dauert es eine Weile, bis mir der Zusammenhang zwischen Ärger und Jucken klar wird. Und deshalb habe ich mich gestern über den Autor eines Zeitungsartikels geärgert, der die persönlichen Befindlichkeiten rund um seinen 50. Geburtstag beschrieben hat. Das Kribbeln hat begonnen, als er feststellte, dass für einen Mann in diesem Lebensabschnitt praktisch kaum mehr etwas passiert, weil alles meistens irgendwie läuft. Aus dem Kribbeln wurde Jucken bei der Textpassage, wo er darüber fabuliert, dass er für die neue Unbeweglichkeit in Geist und Körper dankbar ist. Zu kratzen begonnen habe ich mich, als ich „Das leicht Dödelige, nicht mehr ganz Frische, ein bisschen Langsame kommt gut“ lese. Auch seine These, dass man als Junggebliebener für einen jungen Menschen kein angenehmes und interessantes Gegenüber mehr ist, trägt nicht dazu bei, dass ich von dem Mückenstich ablasse. Von ihm habe ich auch das Wort „Zufriedenheitsparadoxon“ gelernt, das offenbar vor allem Männern um die 50 zugeschrieben wird.

Bevor es in meiner Kniekehle zu bluten begann, fiel mir auf, dass sich die Katze bereits seit geraumer Zeit leckt. Jetzt ist sie eine Schönheit, und da ist ausgiebige Pflege ein Muss. Doch 20 Minuten? Ich schaute um die Ecke meines Tisches und sah irgendwelche Flüssigkeitsspritzer auf dem Boden. Jetzt muss man wissen, dass sie sich vor einigen Tagen ziemlich verletzt hat und seither mit einer dicken Backe herumgelaufen ist. Essen fiel schwer, was zu der Erfahrung führte, dass man auch Trockenfutter pürieren kann, wenn man das Viech am Leben halten will. Irgendwann konnte sie wieder selbständig snacken, doch die Schwellung blieb. Die Neugierde trieb mich dann doch dazu, aufzustehen und diese Tropfen auf dem Parkett zu überprüfen. Und siehe da, die Katze hatte sich die halbe Wange selbst abgerissen, die offensichtlich voller Eiter gewesen war. Noch bevor ich sie loben konnte für ihre Tapferkeit, rannte sie vor mir und ihren Körperflüssigkeiten davon. Und da stellte ich fest: Es juckt nicht mehr.

Ich setzte mich wieder zu meinem Artikel und stellte fest, dass mir dieser Mann im Grunde leid tut. Weil er Sprachenlernen als lächerlich abtut, weil ihm zu Liebe nur „stille Genügsamkeit“ einfällt. Und weil ihm an die hunderte Momente in seinem Leben einfallen, die er lieber nicht erlebt hätte. Während meiner perimenopausalen Phase habe ich ein großartiges Buch gelesen, in dem die Autorin erklärt, dass Frauen dann wieder neu anfangen, wenn Männer langsam mit dem Leben abschließen. Und dass sich daraus die größten Konflikte in Partnerschaften ergeben.

Die finale Gelassenheit erreicht mich an dem Punkt, wo mir klar wird, dass dieser Mann mit meinem Lebens nichts zu tun hat. Und dass ich auch keine Männer wie ihn in meinem Leben habe, wahlweise brauche. Für mich ging es um die 50 erst los mit dem selbstbestimmten Leben, mit der Lust auf die Freiheit, mit der allumfassenden Liebe. Und die ist weder still noch genügsam, sondern offen, neugierig und voller Tatendrang. Deshalb gibt es jetzt auch das dritte „Voll Fünfzig“-Buch mit ausgewählten Beiträgen aus diesem Blog. Und es ist richtig dick, weil ich mit über 50 aus dem Vollen schöpfe. Ich bin dankbar für diesen Reichtum und denke nicht im Traum daran, leicht dödelig zu werden oder dem etwas Positives abzugewinnen. Juckt mich gar nicht.

FREITAG: Sonntagsidylle

Gar nicht so einfach, in die Tasten zu hauen, wenn der Laptop auf den Oberschenkeln wackelt. Entweder bekommt man einen Buckel oder der Bauch klappt nach vorne. Doch im Freien schreiben muss heute einfach sein – ganz besonders an einem Sonntag.

Das Schöne am Sommer ist, dass so vieles unter freiem Himmel stattfindet. Weshalb es mich ja im Winter immer nach Süden zieht, weil ich diesen Frischluftzustand einfach gerne verlängere. Daraus wird heuer vermutlich nichts, es sei denn, es geschieht ein Wunder. Und auch wenn ich in den vergangenen Jahren gelernt habe, in Wundern zu denken und sie daher auch erleben zu dürfen, bin ich doch schwer skeptisch, ob die Umstände so lange stabil bleiben werden, dass ich ohne Test und Quaratäne wie gewohnt von einem Kontinent zum anderen schweben kann. Das bereitet mir und meiner Haltung ziemliche Probleme, aber da ich eh nix ändern kann, lasse ich die Zeit (und die Labore) für mich arbeiten.

Umso mehr fokussiere ich mich auf das Fleckchen rund um mich herum. Bei Temperaturen über 30 Grad ist die Versuchung groß, an einen See zu fahren. Doch heute ist Sonntag, und das wissen auch alle anderen, die schwitzen. Und deshalb widme ich mich heute dem Selfcaring zuhause. Das hatte ich jetzt eine Zeitlang nicht; warum, habe ich vergessen. Und fast habe ich auch vergessen, was für ein Segen es ist, einen ganzen Tag selbst darüber zu entscheiden, was man tun und lassen möchte.

Ich habe heute das Anziehen gelassen. Den Tag im Badeanzug zu verbringen, hat mehrere Vorteile, für die man kein größeres Gewässer braucht. Man schwitzt weniger. Man kann spontaner unter de Gartendusche hüpfen. Man fühlt sich wie im Urlaub. Ich habe heute meine Verköstigung insofern unterlassen, dass ich – abgesehen vom Kochen eines Eis – einfach das gegessen habe, was essfertig zur Verfügung stand. Ab morgen koche ich mich ohnehin um Kopf und Kragen, weil ich mehrmals Gäste haben werden. Insofern genieße ich gerade das eine oder andere zähe Colafläschchen, das mir ein Gefühl von Kindheit schenkt. Alles, was irgendwie gummiartig schmeckt, ruft dieses Gefühl in mir hervor. Und Hallo! Im Radio läuft gerade „The way we were“.

Ich liebe die Serendipitäten meines Lebens. Und nein, ich werde jetzt nicht zum Folgelied „It started with a kiss“ in der Erinnerungskiste kramen.

Obwohl Musik natürlich auch zum Selfcaring gehört. Ich habe einen neuen Soulmusik-Sender entdeckt, der den perfekten Soundtrack für diesen Sonntag liefert. Warum bei mir zuhause immer Musik laufe, wurde ich kürzlich gefragt. Und zugegebenermaßen konnte ich nur sagen, dass ich das gewohnt bin. Aus Colafläschchen-Zeiten. Ohne Musik war irgendwie alles nichts. Selbst heute merke ich, dass ich nur eine begrenzte Zeit ohne Lieder aushalte. Das hat mit Leichtigkeit zu tun, die Musik in mir weckt; viele Erinnerungen sind mit bestimmten Stücken untrennbar verbunden. Früher konnte das eine oder andere einen Melancholieflash auslösen. Inzwischen tanze ich auch zu jenen, die mich früher zu Tränen gerührt haben. Und das meine ich nicht ausnahmslos positiv. Doch wenn es ein Zeichen gibt, dass ich mich entwickelt habe, dann ist es genau das. Sich von unangenehmen Erinnerungen nicht mehr triggern zu lassen, sondern jedes Lied als Bestärkung zu feiern, dass man überlebt hat.

Dass Weisheit nicht automatisch mit dem Alter kommt, habe ich heute gelesen. Auf meiner hölzernen Liege, mit der schlafenden Katze nur einen Armlänge entfernt erfahre ich, dass Weisheit nur jenen zuteil wird, die auch wirklich Jahr um Jahr bereit sind, sich selbst, seine Erfahrungen und Einsichten immer und immer wieder zu hinterfragen, sie neu zu bewerten und daran zu wachsen. Da habe ich ja gar keine so schlechten Karten, eine weise alte Frau zu werden. Doch die Autorinnen des Artikel beruhigen auch jene, die das nicht auf sich nehmen wollen – ihnen helfe der reiche Erfahrungsschatz, der zu hoher sozialer Kompetenz und erfolgreicher Anpassung an soziale Gegebenheiten beiträgt. Das sei genug, um Vorbild zu sein. Ich könnte es mir leichter machen? Vielleicht im nächsten Leben.

Mein abschweifender Blick fällt auf eine ziemlich wilde Rabatte, in der Fetthenne, Essigbaum und Goldruten um Platz rittern. Und weil ich mir heute vorgenommen haben, im Wechsel vertikal und horizontal zu agieren, hole ich Schaufel und Schere. Bald ist ein Haufen beieinander, der in die Biotonne wandert. Der gekaufte Lavendel bekommt einen größeren Topf, die den Weg überwuchernden Bergenien werden geteilt und an anderen Orten des Gartens eingesetzt. Ja, in Momenten wie diesen habe ich das Gefühl, dass ich in meinem eigenen Gartencenter lebe – alles ist schon da. Das ist übrigens eines dieser Wunder, von denen ich vorher gesprochen habe. Lässt man die Natur machen und bringt ausreichend Geduld mit, vermehrt sich vieles von selbst oder siedelt sich freiwillig an. Man braucht offene Augen und ein bisschen Gefühl für das, was man sich unter Ordnung vorstellt. Der Rest ist reiner Genuss, besonders an Tagen wie dem heutigen, an dem ich das endlich mit großer Muse wahrnehmen kann.

Jetzt im Radio „We are family“, und da passt es ja ganz wunderbar, dass ich heute einen Mittagsschlaf in meiner neuen Liegehütte gemacht habe. Ursprünglich als Aufenthaltshütte mit Tisch von den Kindern und ihrem Vater errichtet, hat sie sich in dieser Funktion nie durchgesetzt. Der Tisch war zu niedrig, die Sitzfläche zu hoch. Also beschloss ich, die u-förmige Bank zu schließen und als Liegefläche zu nutzen. Das Dach ist durchsichtig, was mich den nächsten Regenguss herbeisehnen lässt, damit ich ihn in der Hütte erleben und den Tropfen beim Trommeln zuschauen kann.

Wie der Springbrunnen im Teich bin ich heute durch den Tag geplätschert, und diese Entspannung hätte ich als Badesardine am See vermutlich nicht erreichen können. Es wäre vermutlich der Aktivitätenplan für die anstehende Woche entstanden, ein äußerer Kampf mit den Mücken und ein innerer mit den Gesprächsthemen der Menschen um mich herum losgebrochen. Das alles habe ich mir erspart. Indem ich ganz antizyklisch daheim geblieben und dem Herdentrieb widerstanden habe. Ab morgen treibt mich mein Leben eh wieder vor sich her. Ich freue mich darauf.

FREITAG: Sechs Kelche

Normalerweise werde ich leicht unruhig, wenn ich bei einer Kartenlegung eine Karte erwische, die einen Impuls aus der Vergangenheit ankündigt. Doch mit etwas Gelassenheit entsteht daraus etwas sehr Schönes.

Es gibt da diese eine Tarotkarte, die einen Buben und ein Mädchen zeigt, das von ihrem Gegenüber einen Kelch mit einem Stern und Blumen überreicht bekommt. Die „Sechs der Kelche“ steht für Erinnerungen sowie den Traum von Glück und Harmonie. Sie sprang in letzter Zeit beim Mischen ziemlich häufig aus dem Kartendeck, und ich machte mir schon Sorgen. Denn wenn die Gegenwart voll ist – wo soll da noch Platz für die Vergangenheit sein mit allem, was daherkommen kann?

Ich blieb also vorsichtig gelassen und wartete ab. Und lange dauerte es nicht, bis sich Entsprechendes einstellte. Zuerst in Form einer Reisebekanntschaft, die sich aus einem für mich ziemlich unlustigen Aufenthalt in Tansania ergab. Noch heute wundert mich das, denn in dieser Zeit war ich medikamentenbedingt nicht wirklich ich selbst. Doch selbst als ich wieder von den verschiedenen Substanzen befreit war, hielt sich der Kontakt und ging in nahezu jährliche Treffen über. So eben auch jetzt. Natürlich spielten Erinnerungen beziehungsweise deren Auffrischungen auch bei diesem Treffen eine Rolle. Ich hatte aufgrund meiner Bedenken bezüglich dieses Landes wenig Neues anzubieten, mein guter Bekannter schon. Doch abseits von den Erinnerungen und der gemeinsamen Liebe zu Afrika stellte sich einmal mehr heraus: Der Traum von Harmonie hält auch im Wachzustand. Denn ich kenne kaum einen Mann, der derart easy going und leicht in den verschiedensten Facetten des Lebens ist. Zeit mit ihm zu verbringen, ohne auch nur einen Moment gestresst zu sein oder in die Bedürfniserfüllungsschiene zu geraten, war wirklich eine große Freude. Nächstes Jahr bin ich wieder dran mit dem Gegenbesuch, und ich bin zuversichtlich, dass sich an der Entspanntheit der gemeinsamen Zeit wenig geändert hat.

Die zweite Erfüllung der sechs Kelche flatterte in Form einer Einladung ins Haus. Ein Schulkollege hatte beruflich in meiner Stadt zu tun und lud mich zu seiner Pressekonferenz ein. Jetzt ist es ja so, dass vieles, was mit meiner gymnasialen Zeit zu tun hat, eher negativ besetzt ist. Die üblichen Verdächtigen: Lehrer, Lernunlust, Lebenssinn. Die Klassengemeinschaft war in Grüppchen gespalten und in ihren Zirkeln sehr exklusiv. Die „Tribes“ von meinem Schulkollegen und mir waren denkbar unterschiedlich, eine Schnittmenge ergab sich nur, weil wir zur selben Zeit am selben Ort zu sein hatten. Er war das naturwissenschaftliche Genie, das darüber sprach und sich mit Themen beschäftigte, die mich damals nicht einmal peripher interessierten. Weshalb ich damals hauptsächlich mit Abgrenzung beschäftigt war, damit ich in meiner romantischen Träumerlein-Blase bleiben konnte. Auf meine mangelnde Begabung für das, was man heute MINT nennt, möchte ich der Vollständigkeit aber auch noch hinweisen. Dass ich im Chemieunterricht Gedichte geschrieben habe, hat mein Standing bei den MINT-Lehrern kaum gefestigt. Aber hey, ich habe überlebt!

Am Morgen vor der Pressekonferenz schrieb ich mir wie jeden Tag die nächtlichen Flausen aus dem Kopf und überlegte, wie die Begegnung mit meinem Schulkollegen wohl ablaufen würde. Ich bin ja überhaupt keine Freundin von Klassentreffen, was bedeutet: Ich habe ihn seit 35 Jahren nicht mehr gesehen. Zwischen den Jahren hatte ich zwar einmal ein berufliches Telefonat mit ihm geführt, und damals war schon angeklungen, dass aus dem genialen und fokussierten MINTler doch ein gerüttelt Maß an Selbstreflexion sprach. Doch auch das ist inzwischen Jahre her, und man weiß ja, dass sich manche Eigenschaften aus der Jugend mit zunehmendem Alter verfestigen. Insofern: Wen würde ich vorfinden? Und wie kann ich den naturwissenschaftlichen Minderwertigkeitskomplex ausbremsen?

Ich traf eine Entscheidung und beschloss, meinen Mitschüler als vollkommen neuen Menschen zu begreifen. Es heißt ja, dass sich der Körper eines Menschen alle sieben Jahre erneuert. Insofern ist von dem „alten“ Menschen tatsächlich nichts mehr übrig. Von mir übrigens auch nicht. Schließlich hatte ich durch meine Kinder feststellen dürfen, dass gewisse Mathekenntnisse doch geblieben waren und auch mein Denksystem eine gewisse analytische Qualität entwickelt hatte. Insofern fuhr ich zuversichtlich zu dem Termin.

Ihn äußerlich zu erkennen, war dank Dr. Google kein Problem, und ich konnte seine Freude über mein Kommen empfinden. Mir ging es genauso, auch wenn ich das vor 35 Jahren kaum geglaubt hätte. Ich nahm am Ende der Tafel Platz, entspannte mich und ergab mich der Beobachtung. Und siehe da, es gelang. Nämlich jenen Menschen wahrzunehmen, der am Podium seine Anliegen ausführte, mit Engagement und Kompetenz. Und fast alles, was früher mal gewesen oder nicht gewesen war, auszublenden. Das geschah noch nicht mal unter Aufbietung meiner sämtlichen Motivationsmuskeln, sondern ganz einfach. Klar, es gab das Band der gemeinsamen Schulzeit, doch unser beider Entwicklung war zu offensichtlich, als dass sie hätte negiert werden können. Das zu entdecken, schenkte unglaublichen Frieden.

Nach der Veranstaltung standen wir noch kurz beisammen, und ich erzählte ihm von meinem morgendlichen Entschluss, mit offenem Herzen auf die Begegnung zuzugehen. Vor Freude umarmte er mich, und da wusste ich, dass die Entscheidung richtig war. Nämlich die, jedem Menschen Entwicklung zuzugestehen. Ob es die eigenen Eltern, Freunde oder man selbst ist – unser „Work in progress“-Status ist immerwährend. Sich dem Fluss hinzugeben, statt um alteingesessene Pfründe oder Überzeugungen zu kämpfen, macht das Leben, wie es sein sollte: leicht. Heute treffen wir uns noch einmal auf einen privaten Kaffee. Die Schnittmenge hat sich vergrößert.

FREITAG: Heiratsantrag für zwischendurch

Manchmal zweifle ich an meiner Außenwirkung, vor allem, wenn ich andere Reaktionen bekomme, als aus meiner Sicht angemessen wären. Einen Heiratsantrag beispielsweise.

Seit einem Monat weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Zeit ist proppenvoll, die Klage über kein Mehr an Tagesstunden schreit zum Himmel und trotzdem finde ich alles ganz wunderbar. Der Flow des Stresses hat mich fest im Griff, und nein, das ist kein Widerspruch, denn es gibt ja guten und bösen Stress. Meiner ist gut, weil interessant, horizonterweiternd, vielfältig – Eustress im besten Sinne also.

Und weil ich so wohlig auf dieser Welle schwimme, fehlt mir – außer besagter Zeit – eben gerade gar nichts. Sogar der Anruf, auf den ich letzte Woche gewartet habe, ist inzwischen gekommen, Abtransport der Nussbaumzweige inklusive. Mein Leben ist schön. Und durchgetaktet. Da hat eben wenig Zusätzliches Platz. Und schon gar kein Heiratsantrag. Die Frage nach einem Zusammenleben hatte ich ja im letzten Jahr schon einmal, jetzt hat dieser Mann noch eins draufgelegt. Und ich fragte mich zum wiederholten Mal, welchen Teil von „NEIN 2019“ er missverstanden haben könnte.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass es doch ein Quäntchen Mut erfordert, diese Frage zu stellen. Und deshalb wollte ich ihre Beantwortung ernsthaft erwägen. Trotz meines ersten Bauchimpulses habe ich dann eine meiner ältesten Freundinnen konsultiert – wenn man sich fast 40 Jahre kennt, hat man doch einige Unwägbarkeiten miteinander abgewogen. Was mich nach dem Begrüßungsbussi (ja, wir sind Rebellen!) unendlich gefreut hat: Der Name des Mannes hat sie vorerst überhaupt nicht interessiert. Das nenne ich Zugewandtheit im besten Sinne. Allerdings hatte ich sie gebeten, mich in genau einer Frage zu beraten. Die war: Habe ich die Hosen voll und lehne deshalb diese Heiratsidee ab oder ist das alles tatsächlich nichts für mich?

Meine Freundin hat ganze Arbeit geleistet. Sie hat mir verdeutlicht, dass ich keinen Mann brauche, der mir ausländischen Immobilienbesitz anbietet. Dass ich meine Energie den Bedürfnissen des Mannes schenken würde, ohne selbst einschlägige Bedürfnisse zu haben/zu entwickeln/zu fordern. Und vor allem: Sie hat mich daran erinnert, dass ich zu keiner Zeit meines Lebens eine symbiotische Beziehung zu einem Mann gepflegt habe. Was sich im aktuellen Fall schwer vermeiden ließe, weil erwartet.

Salopp gesagt: Schiss habe ich also nicht, was eine große Erleichterung darstellt. Wenn das Leben ein einziger Regenbogen ist, fällt es eben manchmal schwer, sich auch nur kurzfristig für eine Farbe zu entscheiden. Und einen entsprechend klaren Gedanken oder ein eindeutiges Gefühl zu entwickeln. Da helfen Freundinnen. Apropos: Eine andere hatte einen Lachflash, nachdem ich ihr die minderfrohe Botschaft überbracht. Und die dritte rief entrüstet: „Wer glaubt, Deiner würdig zu sein?“

Wenn ich eingangs meine Kommunikationsfähigkeit in Frage gestellt habe, dann deshalb, weil ich durchaus meine tiefe Zufriedenheit mit dem aktuellen Dasein ausstrahle. Und inzwischen auch gelernt habe, deutlich meine Bedürfnisse zu kommunizieren. Doch für manche Menschen ist eben selbst ein „NEIN“ noch zu wenig eindeutig. Falls Sie Tipps für mich haben – nur her damit! Ich bin für alles offen, nur nicht fürs Heiraten.

FREITAG: Einschnitt fürs Ego

Der Sommer nimmt Fahrt auf, zumindest wettermäßig. Und das sind grundsätzlich gute Nachrichten. Wenn es dabei nicht meinem Nussbaum an den Kragen ginge…

Als ich heute Morgen die Rollläden hinaufkurbelte, fiel mir ein Mann auf, der jenseits meiner Grundstücksmauern meinen Nussbaum zurechtstutzte. Ohne mein Wissen und damit natürlich ohne meine Erlaubnis. Nein, ich kannte den Mann nicht – insofern ist auch ein Racheakt oder eine passiv-aggressive Handlung auszuschließen. Da er sich auf einer Hebebühne befand, nahm ich an, dass er wohl von offizieller Seite kommen musste. Ich setzte meine Nerdbrille auf (irgendwie musste ich ja mein mangelhaft repräsentatives Morgenmantel-Outfit wettmachen!) und stapfte in den Garten. Jetzt muss man vielleicht wissen, dass ich an einem ganz normalen Morgen erst zwei Stunden nach dem Aufstehen wirklich Kontakt zur Außenwelt aufnehme, weil ich mich zuerst um mich selbst kümmern und meinen Aufstehgrant eigenverantwortlich in den Griff bekommen möchte. Heute musste ich einige Stufen überspringen. Unter größtmöglicher Grant-Zurückhaltung sprach ich den Baumkastrierer an, der mich informierte, dass mein Nussbaum das öffentliche Busnetz zu behindern droht und er ihn deshalb kappen müsse.

Bei aller Fürsorge: Ich wäre gerne informiert gewesen. Schließlich handelt es sich um den Baum, dessentwegen ich an diesem Ort lebe. Meine Großmutter hatte seinerzeit bestimmt, dass dieses Grundstück schon allein deshalb erstanden werden müsse, weil dieser Baum eben hier steht. Kriegsgeneration eben, die am Ende doch immer wieder aufs Hamstern aus war. Im Zuge des Hausbaus erfuhr ich dann, dass dieser Baum stadtteilbildend ist und nur in Ansätzen getrimmt werden darf – das Umschlagen war also keine Option. Und jetzt kommt der Busbetreiber und haut mir da einfach so ein Loch hinein. Bei der Service-Hotline bekomme ich nur die Auskunft, dass ich einen Rückruf erhalten werden. „Klar, gaaaaaaaaanz bestimmt“, denke ich mir augenrollend.

Was ich daraus lerne: Das Ego ist früher wach als der Rest von mir. Und unter diesen Umständen auch hartnäckiger als sonst. Rausschreiben hilft wenig, im Gegenteil. Da brezelt sich das Ego erst recht auf. Meditieren hilft da schon eher. Weil man dadurch eher lernt, Dinge so zu nehmen, wie sie in dem Moment einfach sind. Und am Ende einer solchen Meditation komme ich nicht selten darauf, dass alles auch eine gute Seite hat. Denn der Busbetreiber hätte genauso gut sagen können, dass ich mich selbst darum zu kümmern habe, dass die Botanik nicht mit dem Bus kollidiert. Und das wiederum hätte für mich Organisation bedeutet, auch Geldeinsatz. Insofern alles zu meinen Gunsten abgelaufen. „Gefragt werden möchte ich aber trotzdem“, rülpst mein Ego, bevor es sich niederlegt und auf den Anruf wartet.