FREITAG: Entspannung als Win-win-Situation

In dieser Woche kann ich mich über mangelnden Input nicht beklagen. Und auch wenn ich mich anfangs wirklich nahe an der Schädeldeckensprengung befand, ergab am Ende doch alles einen Sinn.

„We should all be feminists“ – damit begann meine Woche, und meine Arbeitsumstände erlauben es, dass ich mir ein Theaterstück auch am Vormittag anschauen kann, wenn ich für das Abendticket zu spät dran bin. Das Positive: Ich befinde mich inmitten von jugendlichen Schulklassen, die sich mehr oder weniger freiwillig mit diesem Thema zu beschäftigen haben. Vier junge Schauspieler beiderlei Geschlechts zeigten dabei die verschiedenen Klischees auf, machten deutlich, wie weit und wie unbedacht wir alle dieselben mit uns herumtragen. Und sie eben erst dann auflösen, wenn wir mit der Nase darauf gestoßen werden. Das betrifft jetzt nicht nur das Miteinander der verschiedenen Geschlechter, sondern auch den Umgang innerhalb einer Spezies. Während Männer sich hauptsächlich dann untereinander gut zu verstehen scheinen, wenn sie erfolgreich sind, und sich abwenden, falls einer mal schwächelt, gibt es unter Frauen beispielsweise die allseits bekannte Stutenbissigkeit. Die Autorin, die dieses Theaterstück inspiriert, meinte einmal, dass diese Welt voll von Männern UND Frauen sei, die keine mächtigen Frauen mögen. Dabei muss Macht ja nichts Negatives sein, sondern kann durchaus und idealerweise dazu genutzt werden, etwas Positives in diese Welt zu bringen. Aber das ist wohl wieder ein anderes Thema.
Etwas Positives in die Welt bringen? Ein Ende des Misstrauens etwa. Darum ging es bei einer Buchpräsentation am nächsten Tag. Ein christlicher Mönch hatte sich die islamischen 99 Namen Gottes vorgenommen, weil er das Gefühl hatte, dass er sich in Zeiten wie diesen mehr mit dieser Religion auseinandersetzen wollte. Er regte an, dass man mehr aufeinander zugehen sollte, in ganz kleinen alltäglichen Situationen wie den jeweiligen Feiertagen. Und er erinnerte daran, dass wir alle – egal, ob und welcher Religion wir anhängen – spirituelle Wesen sind, die ihre Kraft aus derselben Quelle schöpfen. Er verglich Religionsstifter wie Buddha, Jesus oder Mohammed mit Brunnenbauern, die alle diese Quelle angebohrt hätten. Auch wenn das zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Kontexten passiert sei – im Grunde fördern alle das Gottvertrauen oder, wie es der Mönch ausdrückt, das Lebensvertrauen.
Alles, was uns täglich passiert, können wir unter dem Blickwinkel betrachten, dass es für uns eine Anregung beinhaltet. Und ja, es kam auch die Frage, warum Gott Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit zulassen könne. Mit der Weisheit eines 94-Jährigen antwortete der Mönch: „Gott ist kein Marionettenspieler.“ Das gefiel mir sehr. Denn warum sonst wären wir mit einem freien Willen ausgestattet worden? Was mich zum dritten Input bringt, der sich damit beschäftigte, wie man verhindern kann, sich zu ärgern. Hier hörte ich, dass es eine Entscheidung ist, sich zu ärgern. Weil der Mechanismus nämlich so läuft, dass wir auf die Schwingungen der Ärgerursache aufspringen, wenn wir impulsiv handeln. Wenn wir uns allerdings der Tatsache bewusst sind, dass unser Gegenüber selbst eine Entscheidung für seine Reaktion trifft, ganz einfach, weil es in seiner oder ihrer Eigenverantwortung steht, dann können wir alles dort lassen. Wir müssen uns nicht ärgern, wenn wir nicht wollen. Das empfand ich als ziemlich hilfreich.
Und es schließt den Kreis meiner gewonnenen Erkenntnisse. Unterminiert ein Gegenüber meine Weiblichkeit oder mein Menschsein als Gesamtheit, kann ich aus meiner Mitte heraus ruhig darauf reagieren, maximal Bedauern empfinden, aber auch weggehen. Hadere ich mit etwas, das mir zugestoßen ist, kann ich durchatmen und darauf vertrauen, dass es dafür einen Sinn geben wird.
Gestern hatte ich es eilig, mit dem Auto von A nach B zu kommen. Und wie es halt so ist zwischen 17 und 18 Uhr – alle wollen das. Zugegeben: Ich war verspätet aufgebrochen, und trotzdem saß ich am Steuer und klopfte mit meinen Fingern aufs Lenkrad, als der Autofahrer vor mir sich streberhaft an die 30-km/h-Beschränkung hielt. Abgesehen von der Tatsache, dass ich an der Situation durch mein mangelndes Zeitmanagement eine gewisse Teilschuld trug: Ich hätte mich unglaublich leicht für Ärger entscheiden können, für Hupen und Toben. Doch dann entschied ich mich dafür, dass mich dieser Autostreber von etwas Negativem abhielt, das ich dank seiner Fahrweise nie erfahren würde müssen . Ich kündigte meine Verspätung an und lehnte mich zurück. Das hatte zwei Vorteile: Ich kam nicht hippelig bei meiner Freundin an, und meine Freundin musste sich nicht mit meinen negativen Energien beschäftigen. Das ist es wohl, was man unter einer Win-win-Situation versteht. Versuchen Sie es doch auch einmal!

FREITAG: In die Weiblichkeit springen

Für mich sind Märkte ja nicht zwingend Konsumeinladungen, sondern vor allem Inspiration. Zum Schauen. Zum Freuen. Zum Nachdenken.

Bei mir ums Eck findet alle heiligen drei Zeiten ein Designermarkt in einer ebenso stylishen Umgebung statt. Und weil in meiner Gegend wenig Innovatives passiert, gehöre ich zu den Stammbesuchern dieser Veranstaltung. Dort finde ich dann Ohrringe aus brasilianischem Gras, türkische Hamam-Mäntel und Schneidbretter aus recycleten Surfboards. Was mir nicht nur gefällt, sondern auch insofern Freude bereitet, weil ich die Kreativität der jungen Menschen spüre, die sich das alles einfallen haben lassen.
Die Hallen sind immer prall gefüllt, was mir irgendwann einmal bei aller Einfallsexplosion zu viel wird und ich mich – ganz Bobo – mit einem Matcha Latte in eine Nische im Freien zurück ziehe. Dort ziehe ich dann Bilanz ob des Gesehenen und überlege mir wie jüngst, wem ichwomit zu Weihnachten beglücken könnte. Ich muss dort nämlich wirklich auf mein Budget achten, denn meine Begeisterung würde sich direkt auf mein Geldbörsl auswirken. So schnell könnte ich gar nicht denken, wäre es nämlich leer. Die Schlangen vor dem mobilen Bankomaten sind traditionell lange, was ich mir ersparen will. Deshalb ein kurzer Rückzug und Listenschreiben.
Und schauen, wer sonst noch da ist oder kommt. Mir fällt eine junge Frau ins Auge, die in einem knatschgelben Samtblazer kreischend auf eine Freundin zustürmt, die auf dem Kopf einen weinroten Schlapphut und am Körper ein blauweiß getupftes Kleid trägt. Und aus dem Nirgendwo schießt mir ein „Es geht doch!“ in den Kopf, dem ich nachspüre. Denn wie geneigte Leser meines Blogs vielleicht schon bemerkt haben, sind mir jungen Menschen sehr nahe. Mir fällt ein Artikel einer jungen Journalistin ein, den ich vor einigen Monaten gelesen habe und der sich mit altersloser Mode beschäftigte. Und sich darüber ausließ, dass sich die Jugend heutzutage gar nicht mehr für ihre Jugend interessiere. Und sich deshalb kleide wie Frauen, die im Reformhaus einkaufen und in den Töpferkurs gehen. Ja, das ist ein Klischee, aber keines von mir.
Das finde ich auch an diesem Markttag. Wadenlange Röcke in Grau und Schwarz, knittrige Hemden in Erdtönen, flache Gesundheitsschuhe. Die Autorin schrieb, dass diese Kleidung eine Gelassenheit ausstrahle, die jugendlicher Kleidung fehle. Ich finde allerdings auch noch etwas anderes, nämlich viel Farbe an älteren Frauen, geschätzt ab 50. Sei es auf den Lippen, im Haar oder eben am Körper. Sie strahlen damit genauso Gelassenheit aus. Was mich zu einem anderen Artikel, vielmehr einem Interview mit einer Modeschöpferin führt, die etwas sehr Wahres sagt: „Frauen sind dann am schönsten, wenn sie die Kraft haben, ihre Weiblichkeit zu zeigen.“ Man werde nicht stärker, wenn man sich in eine Uniform hineinreduziere. Grossartig, denke ich mir, aber auch, dass es bei mir selbst Jahrzehnte gedauert hat, bis ich das begriffen hatte.
Wie immer versuche ich der Situation etwas Positives abzugewinnen. Punkt 1: Mir sind junge Frauen, die Gelassenheit ausstrahlen wollen, lieber als jene, die ihre Körper in viel zu kleine Größen hineinpressen. Punkt 2: Wenn die Geschäfte für junge Mode inzwischen auf diesen Zug aufspringen, kann ich auch dorthin gehen und darf die ältere mit der jüngeren Claudia in Kontakt bringen. Punkt 3: Von einer eher unscheinbaren Modebasis aus seine Weiblichkeit zu suchen, erinnert mich an ein Spruch von Ilse Aichinger: „Um zu lieben, ist es nötig, nicht zuerst einen großen Schritt vor, sondern einen kleinen zurück zu tun, weil es dann leichter ist, zu springen.“ Und das gilt natürlich und zuallererst für die Selbstliebe.

FREITAG: Das Prosecco-Prinzip

Kürzlich habe ich gelesen, dass Gender Marketing dazu beiträgt, bestehende Geschlechter-Missstände noch weiter zu vertiefen. Und auch wenn ich aufgrund meines mangelnden Medienkonsums da vielleicht nicht mitreden kann: Ein Glas Prosecco kann ich darauf allemal trinken.

Kürzlich bei der Präsentation eines Veranstaltungskonzeptes, das sich mit Nachtspaziergängen für Frauen durch den Wald beschäftigte. Ich kenne Leute, die halten heimische Landeshauptstädte schon für Klein-Kairo, was kann einem da erst im Wald passieren? Ich empfehle einen Naturerlebnispädagogik-Tag in demselben, da lernt man Hören und Sehen auf ganz wunderbare Art und Weise. Wie auch immer: Die Vortragende hatte sich für ihre nächtlichen Spaziergänge von einem Folder über eine Ladies‘ Night inspirieren lassen. Grundsätzlich keine schlechte Idee, denn manchmal braucht man das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Doch als sie das Ausgangspapier durch die Runde gehen ließ, fiel mir eines auf.
Der Prosecco. Und heute beim Durchblättern eines Magazins das gleiche, gepaart mit dem Wellness-Angebot einer Therme. „Bei einem Glas Prosecco…“ kann frau einfach viel besser ihr Dasein genießen oder so ähnlich. Wann hat das begonnen, dass wir Frauen ganz unzweifelhaft mit bestimmten Getränken und Speisen assoziiert werden? Mir passiert das laufend. Letzte Woche war ich mit einem Mann essen, er wählte als Vorspeise einen Salat, ich eine Suppe. Als der Kellner kam, schaute er mich mit zielsicherem Blick an und reichte das Saure in meine Richtung. Mein Fingerzeig belehrte ihn eines Besseren. Und als ich mit einem anderen Mann etwas trinken war und er sich einen Spritzer bestellte, war sich die Servierperson ziemlich sicher, dass das Bier zu meinem alten Freund gehörte.
Hat der Film „Frauen, die Prosecco trinken“ etwas mit dieser Schubladisierung zu tun? Oder steht da ganz große Lobbyarbeit entsprechender Kellereien dahinter? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir es hier mit so etwas wie Gender Marketing zu tun haben, das offenbar gerade ziemlich boomt. Die Frage ist nur, ob wir dadurch nicht erst recht in Kategorien geschaufelt werden, die uns wenig entsprechen. Besonders schön in diesem Zusammenhang fand ich eine Studie aus dem Frühjahr des ablaufenden Jahres. Sie besagte, dass Frauen, die Alkohol trinken, als sexuell verfügbar wahrgenommen werden, Männer hingegen nicht. Geht’s noch?
Ich bin keine Feminismus-Amazone (mein Vater würde mir an dieser Stelle vermutlich widersprechen) und verstehe auch, dass der Mensch gewissen Kategorien braucht, um sich in dieser Welt einigermaßen orientieren zu können. Geschenkt. Doch wenn einen die Kategorisierung davon abhält, Menschen wahrzunehmen, dann hört es sich für mich auf. Natürlich ist es ein Aufwand, jeden Tag als einen neuen Tag zu betrachten, jeden Menschen in seiner Tagesverfassung zu beobachten. Doch anders kann es in meiner Welt nicht gehen, wenn wir das Gefühl füreinander behalten möchten. Wo kommen wir denn hin, wenn wir jeden Menschen einfach ablegen und ihm damit jede Chance verwehren, sich zu entwickeln? Wir kommen in einen Zustand, der uns zunehmend versteinert. Weil ja alles bleibt, wie es immer war. Ein Mensch war immer schon erzkatholisch – warum sollte er Buddhist werden? Ein Mensch hat immer schon vegetarisch gegessen – warum sollte er plötzlich Fleisch essen? Ein Mensch zählte sich immer schon zur Rolling Stones-Fraktion – warum sollte er auf einmal Beatles hören? Ganz einfach: weil das Leben ein Fluss ist. Und das normal ist, wie etwas in meiner Welt nur normal sein kann.
Unsere Zeit führt uns nur zu deutlich vor Augen, dass vieles transformiert werden muss, was lange eben in Stein gemeiselt war. Dagegen kann man sich mit viel Kraft stemmen, klar. Doch das KOSTET auch Kraft – und Lebensfreude. Denn einen Zustand zu beklagen, den es nicht mehr gibt, macht trübsinnig. Viel empfehlenswerter wäre es, das Neues willkommen zu heißen und es zu feiern – von mir aus auch mit einem Glas Prosecco. Solange ich ein Bier trinken darf…

FREITAG: Wo ist die Wärmeglocke?

Jetzt ist er also da, der Winter. Und auch wenn ich bei der ersten Schneeflocke nicht so hyperventiliere wie meine Mutter – zu früh kommt er irgendwie immer.

Als ich gestern nach einem netten Abendessen mit Freunden auf die Straße getreten bin, ärgerte ich mich über den heftigen Regen. Und beim Einsteigen ins Auto war es selbst mir klar geworden: Der heftige Regen war Schnee. Und nein, ich hatte nur alkoholfreies Bier getrunken. Doch trotz der Tatsache, dass wir mitten im November stecken und die Temperaturen alles andere als kuschelig sind, bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es der Schnee bis zu mir schaffen könnte. Von meinen Eltern haben mich Bilder einer zehn Zentimeter dicken Schicht schon erreicht, aber mein Gott – die wohnen ja auch in den Bergen, und da gehört der Schnee ja auch hin. Der große Koloss, den ich von meinem Arbeitszimmer aus sehe, hat schon länger eine eisige Zuckerhaube, aber hier in meinem Garten? Irgendwie dachte ich wohl, dass über meinem Haus eine Art Wärmeglocke hängt, die alles zum Schmelzen bringt, was sich auf zehn Meter nähert.
Heute morgen beim Aufwachen hörte ich dann – nichts. Das ist insofern ungewöhnlich, weil durch meine Gegend rund 30.000 Autos am Tag gondeln, meist auf dem Weg zum nahe gelegenen Einkaufszentrum. Das man eigentlich auch bequem mit dem Bus oder der S-Bahn erreichen könnte, aber wer im frühen Vorweihnachtseinkauf steckt, will sich auch nicht zu Tode schleppen, ne? Wie auch immer: Ich hörte kein Motorengeräusch, keine Beatmusik aus den Autos, noch nicht einmal das Klicken der Busoberleitungen. Und das hieß für mich selbst im Stadium des Aufwachens, in dem ich normalerweise noch nicht einmal meinen Namen weiß: Es liegt Schnee.
Die weiße Sonne an der Garagenwand spiegelte den Matsch auf meiner lavendelblauen Tischdecke mit den Sonnenblumen. Die Äste des Thuje hingen nach unten, und auch die letzten Zinnien, die ich den ganzen Sommer vor lauernden Schnecken beschützt hatte, trugen ein weißes Hütchen. Auf dem Steg beim Teich sah ich Katzenpfötchen und im Geist die Anmut, wenn ein Stubentiger vorsichtig Schritt für Schritt den unsicheren und kalten Untergrund abtastet. Und so saß meine Katze auch schon auf der Fensterbank, als ich die Rollläden raufdrehte und maunzte mich an, als hätte ich persönlich den Schneehahn aufgedreht.
Früher war Schnee super für mich, als ich noch zum Schifahren ging. Das habe ich inzwischen aufgegeben, weil ich nicht einsehe, dass ich für ein 500 Kilometer großes Schigebiet, das ich in keinsterweise innerhalb eines Tages bekurven kann, 3.000 Euro zahlen soll. Wirtschaftlich gesehen leuchtet mir das ein. Haushaltsbudgetmäßig nicht. Wenn ich mich irgendwann mit dem Schnee abgefunden habe, gehe ich ganz gerne mit richtigem Schuhwerk spazieren und kann auch dem Knirschen unter meinen Füßen durchaus etwas abgewinnen. Wenn nicht die Kälte wäre!
Klar, man kann sich anziehen. Und anziehen. Und anziehen. Mit entsprechend vielen Schichten übersteht man jeden Winter. Oder der passenden Funktionskleidung, die ich allerdings nicht besitze, weil ich von der Gleichmacherei wenig halte. Doch ich sehe natürlich deren Vorteile, insofern alles gut. Das winterliche Zwiebelgetue geht mir trotzdem auf die Nerven. Eine Freundin meinte kürzlich, dass ihre Müdigkeit daher kommen könnte, weil sie beim Anziehen soviel Energie aufwenden müsse. My Tribe! Ich kriege ja schon Hitzewallungen, wenn ich in eine Strumpfhose schlüpfen muss. Das Maximum sind Netzstrümpfe, und ja, es ist mir bewusst, dass nichts weiter von winterlicher Funktionskleidung entfernt ist. Sie merken schon: Winter ist nicht meine Jahreszeit.
Und doch kann ich diesen einen Moment genießen. Den nämlich, wenn es draußen dämmert, ganz dicke Flocken fallen und ich auf meiner Kamincouch im Warmen sitzen und der Gemächlichkeit zusehen darf. Es gibt kaum etwas Entspannenderes als das. Das zeigt mir, dass alles seine Zeit braucht, auch so eine Schneeflocke. Sie kann nur in der für sie möglichen Geschwindigkeit schweben, es geht eben nicht schneller. Man kann sie nicht antreiben, ihr etwas dafür versprechen oder sie sogar dafür belohnen. Nichts da – it takes time! Insofern ist der Winter ein guter Lehrmeister für mich, geduldig zu sein.
Allerdings reicht die Geduld dann doch nicht so weit, das Jahresende und die damit zusammenhängenden Aktivitäten auf mich zukommen zu lassen. Deshalb habe ich einen Flug gen Süden gebucht und freue mich unbändig darauf. Keine Funktionskleidung, keine Strümpfe, keine Schneekristalle auf dem Tisch vor meinem Fenster. Sondern nur Sonne, mein Journal und eine Tasse Kaffee. Die Kälte bekommt mich früh genug zurück.

FREITAG: Genießen, was ist

Ziemlich entspannt vom Bosporus zurückgekehrt, geht mir doch einiges durch den Kopf – vielleicht weil ich keine Zeile geschrieben habe? Offenbar verstopft mein Gehirn, wenn es kein Ventil hat.

Zeit mit meinem Vater zu verbringen, der gemeinsam mit mir den Orient lieben gelernt hat, war eine sehr wertvolle Erfahrung. Seine Perspektiven haben sich seit unserer letzten Reise verschoben, seine Kräfte sind etwas geschwunden, doch die Neugierde und die Genussfähigkeit für Neues geblieben. Vieles wird nicht mehr kommuniziert, sondern gleich internalisiert, denn der Bilderspeicher muss wieder für eine Zeit lang, zumindest bis zur nächsten Reise aufgefüllt werden.
Für mich war es auch (wieder) eine neue Erfahrung, mit einem Menschen gemeinsam zu reisen. Sie wissen ja, dass ich normalerweise am liebsten allein durch die Welt streune, in meiner Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit, die manchmal vielleicht etwas ziellos erscheint – der Eindruck täuscht allerdings, denn mein Ziel ist es ebenso wie bei meinem Vater, unvergessliche Erinnerungen zu sammeln. Und die können in der Blauen Moschee ebenso lauern wie in einem Schalgeschäft des Großen Bazars.
Eine neue Erfahrung war es auf jeden Fall, dass ich definitiv nicht dafür gemacht bin, vor 22 Uhr ins Bett zu gehen. Das musste ich in den letzten Tagen schon wegen der Zeitverschiebung, dem nicht vorhandenen Balkon und Terminen, die früh gelegt wurden, feststellen. Das hatte zur Folge, dass ich mich hin und her gewälzt habe und das Gefühl hatte, kein magisches Auge zugemacht zu haben. Am ersten Abend hatte ich noch optimistisch drei Gläser Tee getrunken – die sind vor dem zweiten Schlafengehen zwei Bieren gewichen. Hat aber auch nix geholfen.
Irgendwann kam ich dann auf den Trichter, dass mir mein abendliches Schreibritual fehlte, speziell auf Reisen. Da halte ich normalerweise fest, was mir tagsüber durch den Kopf gegangen ist. Doch dafür war keine Zeit, und ich wollte mir auch nur wirklich notwendige Zeit vom Zusammensein mit meinem Vater abzwicken lassen. Und irgendwann im Flieger dann platzte mir fast der Schädel, weil ich wohl zu viel in denselben hineingesteckt hatte, ohne für einen Abfluss zu sorgen.
Dass meine schottische Freundin ein ähnliches Gefühl hatte und ihr Ventil öffnete, bevor ich meinen Hahn fand, hat das Gefühl der Völle vermutlich unterstützt. Und so saß ich auf meinem Sandwich-Sitz im Flieger und versuchte, in meinen Blackberry hineinzuschreiben, was hinauswollte. Und es war nichts Freundliches, sondern Gedanken darüber, warum ich schwer meinen Ärger artikulieren kann. Diesem Thema waren nämlich die letzten Worte meiner Freundin gewidmet gewesen, bevor mein Flieger abhob. Unser Automatismus ist immer der gleiche. Wir ärgern uns ganz fürchterlich über etwas, und dann überlegen wir so lange, wie wir das diplomatisch ausdrücken können, dass wir darüber nicht nur unendlich viel Energie verlieren, sondern unsere Botschaften derart glatt geschliffen sind, dass das Gegenüber nur mehr wenig bis gar nichts vom Ärger mitbekommt. Und wir wundern uns dann, dass die Reaktionen scheinbar ungenügend sind.
Die Krux daran ist, dass wir nicht noch mehr Ärger in diese Welt bringen, dass wir auf Unfreundlichkeiten oder Unachtsamkeiten nicht auf dem gleichen Level reagieren und Bewusstsein dafür wecken wollen, dass es jeder Mensch in der Hand hat, die beste Version seiner selbst zu werden. Wir sind vor unterschiedlichen religiösen Hintergründen sozialisiert worden, und trotzdem halten wir gar nichts von der Aug-um-Aug-Philosophie. Das Zauberwort ist Impulskontrolle. Doch während wir versuchen, den Ärger zu transformieren, verpufft schon vieles davon. Dann wird rationalisiert, das Ergebnis durch die Weltverbesserungsmaschine gedreht und heraus kommt im allerbesten Fall etwas Sarkastisches. Und wir wissen ja, dass Sarkasmus eine Gabe ist, die nicht jeder schätzt. Wenn dann ein Okay zurückkommt, schauen wir ungläubig auf unsere Displays und denken an die berühmten Perlen, die sich offenbar nicht jedermann anstecken möchte. Und weil wir zu diesem Zeitpunkt schon total erschöpft von der intellektuellen Leistung des Ärgerwandels sind, bringt uns dann dieses Okay endgültig aus der Fassung.
Während ich also im Flieger saß und wahrscheinlich irgendwo über Sofia an der Artikulation meines Ärgers bastelte, stellte ich plötzlich fest, dass ich keine Lust mehr hatte. Keine Lust mehr auf Ärger, auf Diplomatie, en général auf Menschen, die solche Gefühle oder Bestrebungen in mir auslösen. Mögen sie auf ihrer Entwicklungsstufe bleiben, solange sie es dort kuschelig finden. Mögen sie andere Lehrmeister finden, die ihnen einen Spiegel vorhalten. Mögen sie in ihrer eigenen Geschwindigkeit zu ihrem besten Selbst gelangen. Und als ich meinen Blackberry wieder in meinem Rucksack unter dem Sitz verstaute, sah ich, wie mein Vater mit einem Becher Rotwein in den Sonnenuntergang lächelte. Genau darum geht es: das zu sehen und zu genießen, was ist. Er war immer schon ein großartiger Lehrmeister.

FREITAG: Die Werte meiner Großeltern

Am heutigen Tag stehen wahrscheinlich einige von uns an den Gräbern, die unsere Vorfahren aufbewahren. Für mich ist das immer eine willkommene Gelegenheit, meine Großeltern zu besuchen.

Meiner Oma, die ich an der einen oder anderen Stelle dieses Blog immer wieder erwähnt habe, fiel es immer schwer, nach dem Tod ihres Mannes dessen Grabstätte zu besuchen. Und bis heute wissen wir nicht mit absoluter Sicherheit, warum sie die Allerheiligentradition abgelehnt hat. Gut, sie hatte es nicht so mit der Kirche, schimpfte auf die Pfarrer und trotzdem: die Goldene und Diamantene Hochzeit musste noch einmal mit einem solchen begangen werden. Über diese Ambivalenz hat sie nie gesprochen, und während ich darüber schreibe, bedaure ich es, sie nicht danach gefragt zu haben. Mein Opa hat damals mitgezogen – ob er eine Wahl hatte bei so einer Frau, die am Ende immer durchsetzen konnte, was sie sich vorgenommen hatte? Wahrscheinlich nicht.
Wenn ich also heute auf die steinerne Tafel mit den Namen meiner Großeltern mütterlicherseits schaue, meiner an diesem Tag immer ein bisschen weinerlichen Mutter die Hand drücke und ihre floralen Bemühungen ob der Gestaltung der Grabstätte wertschätze, gehen meine Gedanken zurück zu diesen beiden Menschen, die mein Leben so wesentlich beeinflusst haben. Und natürlich hatte ich auch väterlicherseits die gleiche Besetzung, doch da lagen die Verhältnisse etwas anders. Ich sah sie nur einmal im Jahr, war mehr damit beschäftigt, sie zu beobachten als mit ihnen zu interagieren oder zu sprechen. Und wenn ich meinen Vater nach seinen Eltern frage, bleiben meine „Warums“ meist unbeantwortet – danach fragte man eben in dieser Generation selten. Und ich war zu ihren Lebzeiten noch zu wenig rabiat, als dass ich deren Lebensweise auf den Prüfstand gestellt hätte.
Opa und Oma hingegen sah ich mindestens einmal in der Woche, sie sahen mich wachsen und rebellieren. Und sie haben das ausgehalten, was mir gut tat. Heute sehe ich das so, dass sie sich heimlich die Hände gerieben haben, weil sie die Revolution aus relativ sicherer Entfernung erleben konnten, ohne direkte Hiebe abzukriegen. Naja, meine Oma vielleicht schon, denn an ihr habe ich mich wirklich abgekämpft. Doch heute weiß ich, dass das ein Stellvertreterkrieg war, sie nur ein Avatar für alles, was ich falsch fand und ablehnte. Und genausogut weiß ich heute, dass sie ein Vorbild an Hartnäckigkeit, bedingungsloser Liebe und Stärke war.
An meinen Opa muss ich jeden Tag denken, wenn die Katze lächelnd neben mit auf dem völlig verhaarten Sesselkissen liegt. Denn genauso schaute er drein, wenn er wirklich zufrieden war – im Kreise seiner sozialen Kontakte, beim Kreuzworträtseln, Radiohören und Rauchen. Er roch immer gut, weil er darauf Wert legte und er war selten ungehalten. Aus der Balance geriert er nur, wenn seine Frau ihm durch Anweisungen beim Autofahren auf die Nerven ging. Und selbst da war er über die Maßen geduldig. Seine Vorbildwirkung bestand darin, mit Kleinigkeiten zufrieden zu sein und stets darauf hinzuweisen, dass wir es doch im Grunde schön haben in unserem Leben. Und er hat zwei innerfamiliäre Weisheiten geprägt, die nach wie vor zum Einsatz kommen. Wenn wir etwas nicht mehr finden, heißt es: „Es geht nichts verloren im Weltenall.“ Und wenn sich zwei Menschen zusammenfinden, die man jetzt ursächlich nicht gemeinsam in eine Box gesteckt hätte, sagte er immer: „Er/Sie wird schon auch seine/ihre Qualitäten haben.“ Beide Weisheiten drücken aus, wie tolerant und gelassen er auf dem Grunde seines Herzen war. Auch mir gegenüber, um die er sich nie sorgte – und damit hat er mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben.
Manchmal überlege ich mir, ob sie mein Leben, wie ich es jetzt führe, mögen oder in der heutigen Zeit zurecht kommen würden. Und vielleicht bekomme ich ja von den beiden eine Antwort auf die erste Frage. Wäre die Welt 2019 ein Ort für sie? Bestimmt, denn sie hatten etwas, was vielen Menschen heute fehlt: einen inneren roten Faden. Der hat sie durch stürmische Situationen geleitet und auf das ausgerichtet hat, was sie für wichtig hielten. Und selbst wenn einige ihrer Prinzipien vielleicht heute tatsächlich nicht mehr umsetzbar sind: Werte zu entwickeln, ist heute aktueller denn je.

FREITAG: Der Wandel wird handgreiflich

Ob es mit dem Herbst zu tun hat, an dem man erntet, oder einfach am Lauf der Dinge – ich weiß nicht, warum sich gerade jetzt der Wandel zu manifestieren beginnt.

Geneigte Leser und Leserinnen meines Blogs werden bestimmt schon gemerkt haben, dass ich eine leidenschaftliche Raucherin bin. Ich weiß, das ist inzwischen weit weg von dem ursprünglichen Hauch des Bohemians, und gerade das hat meine Bockigkeit in den letzten Jahren zusätzlich zur Leidenschaft befeuert. Jetzt brenne ich gerade sehr, denn am 1. November wird sich grundlegend etwas an meinem Leben ändern. Weil man mich endgültig auf die Straße schickt, wenn ich eine Fluppe rauchen will – diese Bezeichnung von einer Freundin finde ich wirklich eleganter als das hierzulande gebräuchliche „Tschick“.
Ich will mich jetzt gar nicht über Sinn und Unsinn des neuen Gesetzes auslassen – Sie können sich ohnehin denken, wie ich dazu stehe. Doch was mich wirklich umtreibt, ist, dass ich nicht mehr vollumfänglich meine Zeit in einer Umgebung verbringen kann, die mich vollumfänglich so nimmt, wie ich bin. Als Raucherin. Der Gastronom meines Vertrauens ist auch schon etwas unrund, weil seine Klientel zu einem Großteil aus Rauchern besteht und er nicht weiß, ob er künftig auf der Straße bedienen muss oder eben dieser Großteil ganz wegbleibt. Wie auch immer: Ich fühle mich in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt, und Freiheit ist ein Riesenthema für mich. Am Wochenende habe ich in Frankfurt erlebt, wie man es auch machen kann. Nämlich an die Tür ein Schild pappen, das 18-Jährigen den Eintritt versperrt. Weil: Wer volljährig ist, kann selbst über sein Leben entscheiden. Denk‘ ich mir halt so in meiner Pippi-Langstrumpf-Welt.
Eine Freundin meinte, man werde sich daran gewöhnen. Bestimmt. Und falls nicht, bleibe ich eben zu Hause. Jetzt könnte ich das Positive daran sehen und jubeln, weil mir das tatsächlich die freien Abende beschert, die ich immer wieder bemängle. Doch manchmal brauche eben auch ich den sozialen Austausch, und zwar den unbeabsichtigten, der sich ergibt, weil man auf engem Raum nebeneinander steht und irgendwie ins Gespräch kommt. Werde ich die Geschichten vermissen, die sich um Selbstmorde, Liebeskummer, Energieraub, Gedichte und sonstige Begehrlichkeiten drehen? Ja! Ich könnte Romane lesen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, doch mit Stimme, Augen und Mimik sind diese Geschichten dann doch intensiver.
Zwangsläufig muss ich mich also dem Wandel hingeben. Vor einigen Jahren, als dieses Gesetz schon im Raum stand, habe ich laut von mir gegeben, dass ich bis dahin einen Ort gefunden haben werde, an den ich auswandern kann. Doch trotz intensiver Suche habe ich diesen bislang nicht gefunden. Was einer Schicksalsgläubigen wie mir nur eines zeigen kann: Du bleibst zu Hause und adaptierst dein Leben. In welche Richtung, weiß ich noch nicht. Aber ein erzwungener Wandel ergibt keinen Spaß.
Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich in meinem Leben selbstbestimmt etwas ändert, ist der Entschluss, KEINEN Roman zu schreiben. Also abgesehen von dem einen, der seit Monaten in der Rohfassung auf meinen Laptop schlummert. Ich habe eingesehen, dass meine Motivation, das zu tun, die falsche ist. Auf den Trichter gebracht hat mich Eckhart Tolle, der in einem seiner Vorträge zu bedenken gab, dass wir eine Sache nicht durchziehen können, solange das Ego beteiligt ist. Und ich gestehe: Beim Verfassen der Rohfassung war mein Ego ganz massiv involviert. Insofern musste ich mir eingestehen, dass ich aus den falschen Gründen viel Zeit investiert habe, in denen ich vielleicht schlafen, spazieren gehen oder lesen hätte können. Eine andere Freundin meinte, dass sich durch diese Entscheidung eine Lücke auftun würde in meinem Leben. Ja, endlich!
Und nein, ich werde sie nicht gleich wieder stopfen lassen. Das zählt auch zu den Entschlüssen, die ich in der Frankfurter Raucherkneipe getroffen habe. Ich bin die Königin meiner Zeit. Und selbst wenn Begehrlichkeiten von außen auftreten, muss ich ihnen nicht nachgeben – bei aller Liebe zum Socializing. Ich kann gut alleine sein, konnte es immer, weil ich Langeweile einfach nicht kenne. Es gibt immer etwas zu tun, zu denken, zu erledigen. Und ich bekomme mehr und mehr Lust darauf, mich um mein nächstes Umfeld zu kümmern. Spinnweben entfernen, Badezimmerboden wischen, Laub eintüten – solche Sachen. Werde ich dadurch spießig? Vielleicht, aber who cares?
Meinungsstabilität finde ich inzwischen auch überbewertet. Hatte ich im Frühsommer noch beschlossen, den Jahreswechsel dieses Mal in der Heimat zu verbringen, bin ich jetzt schon wieder fleißig auf Reiseplattformen unterwegs, um einen sandigen Platz für meine Füße zu finden. Vielleicht hängt es mit den sinkenden Temperaturen zusammen, vielleicht mit der aufkeimenden Sehnsucht, einfach beim Blick auf ein Meer das Jahr zu bilanzieren. Und mich darauf zu freuen, welche Manifestationen des Wandels 2020 auf mich zukommen werden. Es flutscht noch nicht wunschgemäß, was mich misstrauisch macht. Doch ich bleibe optimistisch, dass im richtigen Moment das richtige Angebot reinflattern wird. Ich bleibe neugierig, bleiben Sie es auch!

FREITAG: Die Ineffizienz von Interpretationen

Manche Dinge ändern sich einfach nicht, auch nicht mit zunehmendem Alter, und schon gar nicht bei Frauen. Denn irgendwo haben wir das Interpretationsgen versteckt, das sich weder abschalten noch zertrümmern lässt.

Kürzlich bei einem Mädelsabend ganz großes Kopfkino: Die eine fliegt mehrere Monate auf einen anderen Kontinent, um dort zu arbeiten, und denkt schon jetzt darüber nach, wie sie die eine Woche zwischen Weihnachten und Neujahr allein überbrücken könnte. Nicht, dass es allein eine reine Planungssache wäre – Sehenswürdigkeiten gibt es genügend. Doch: Wie werde ich mich fühlen? Werde ich mich langweilen, einsam sein, mich an irgendjemanden klammern, um das zu verhindern? Angst macht sich breit angesichts der Freiheit, mit der frau (noch) wenig bis nichts anfangen kann. Und selbst meine Beteuerungen, dass es eine ganz großartige Sache ist, selbst über seine Zeit bestimmen zu können, drehen das Kopfkino nicht ab.
Die andere erzählt von beruflichen Problemen, davon, dass sie es mit Menschen zu tun hat, die sich als weniger cool entpuppen, als sie es ursprünglich gedacht hatte. Und dass sie sich mit Problemen befassen muss, in die sie noch nicht einmal involviert ist. Als sie die Augen rollt, weil sie das alles so nervt, gehe ich erst einmal eine Zigarette rauchen und denke darüber nach, wie sehr wir Frauen doch „Hier!“ schreien, wenn es um Befürchtungen und Ängste geht. Vielleicht ist das eine evolutionäre Geschichte, weil wir seit Urzeiten auf Beschützen und Kümmern gepolt sind. Und wenn da irgendetwas dazwischenkommt, wird geschuftet und getan und gegrübelt, bis das System eine Lösung ausspuckt. Was da an Zeit vergeht!
Nach der Raucherpause bin ich mit der Berichterstattung dran und erzähle von meinen Begegnungen seit dem letzten Treffen. Bei einer Geschichte geht dann die Post ab. Ich erzähle von einem Gespräch und werde mit der vollen Ladung an Interpretationen konfrontiert. Dass das, was mir erzählt wurde, eh nur einem Klischee entspräche. Wie ich so blöd sein könne, das zu glauben oder gar darauf hereinzufallen. Dass man nicht wisse, wie oft manche Menschen die gleichen Worte für verschiedene Ansprechpartner absetzen würden. Und während ich mir all das anhöre, denke ich mir, dass ich diese Interpretationen wirklich satthabe, weil ich dafür auch gar keine Zeit mehr aufwenden möchte, denn gesichertes Wissen kommt dabei ohnehin nicht heraus.
Ich kümmere mich lieber darum, was Worte oder Situationen mit mir machen und wie ich damit umgehe. Ich mache mir auch gar keinen Kopf mehr darüber, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt. Was an mich herangetragen wird, gilt. Ob ich es glaube, mich damit beschäftigen möchte oder einfach weiterziehe, ist meine Angelegenheit. Und da knüpfe ich dann an. Wenn mir jemand etwas erzählt, das mich aufwühlt, überlege ich nicht, wie dieser Mensch das gemeint haben könnte. Ich überlege mir, warum mich das aufwühlt, was die Aussage in mir lostritt und welche Schlüsse ich daraus ziehen könnte. Nur so kann ich wachsen – interpretieren wirft mich zurück.
Leicht ist es nicht, zugegeben. Doch schon allein die Bemühung, achtsam zu sein und voreilige Schlüsse zu verhindern, zeigt mir, wie häufig Frauen (und auch Männer, wie mir bestätigt wurde) interpretieren. Doch bringt uns das wirklich weiter? Nicht in meiner Welt. Wir verschwenden Zeit und Energie und machen dabei noch nicht einmal etwas besser – im Gegenteil. Voreilige Schlüsse können Beziehungen auf die Dauer zerstören, weil sie nämlich nur eines bewirken: dem anderen zu zeigen, dass man nur daran interessiert ist, ihn in eine Schublade zu packen, bevor man ihm Interesse zeigt. Insofern gibt es für mich vorrangig zwei Vorgehensweisen: das Gesagte zu nehmen, wie es kommt, oder so lange zu fragen, bis ich mein Gegenüber verstanden habe. Und glauben Sie mir: Selbst das Fragen dauert nicht so lange, wie die unendliche Phalanx an Interpretationen zu durchdenken, zu der die menschliche Fantasie fähig ist.

FREITAG: Die Lücke im Wandel der Zeit

Unter einigen meiner Freundinnen gibt es eine Redewendung, wenn es um mich und meine Verlässlichkeit geht: „Sie kommt, ausgenommen Tod oder Meteoriteneinschlag.“ Ich fand und finde es eben wichtig, dass es Menschen gibt, auf die man zählen kann. So jemand wollte ich immer sein – gibt eh zu wenig Stabilität in dieser Welt. Und auch wenn ich wiederholt die Erfahrung gemacht habe, dass Veränderung stets eine zum Besseren ist, bin ich selbst in diesem Punkt für Entschleunigung – muss sich ja nicht alles gleichzeitig ändern, oder?
Doch meistens wird in Phasen wie diesen darauf wenig Rücksicht genommen. Schon seit Monaten denke und spreche ich über den Wandel, konnte ihn nie greifen und war gespannt, wann er sich denn offenbaren würde. Und vor allem wie, damit ich ihn auch tatsächlich erkenne. Sollten Sie ähnliche Gedanken haben – glauben Sie mir, Sie werden ihn erkennen, denn er legt sich lang und breit auf Ihren Fußabstreifer, an dem Sie einfach nicht vorbeikommen.
Wie so häufig spricht derzeit mein Körper ein ernstes Wort mit mir. Und während ich versuche, eine Salzlösung zwischen meinen Nasenlöchern hin und her zu schicken, mein Halschakra mit 741 Hertz-Musik beschalle und mir eine verkühlungsvertreibende Diät verordnet habe, kommen unweigerlich Gedanken darüber zutage, was denn jetzt wieder falsch gelaufen sein könnte. Ich war doch so zufrieden, ja fast glücklich. Wobei mir Zufriedenheit inzwischen lieber ist, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich habe meinen Terminkalender so blockiert, dass ich an drei Abenden in der Woche zu Hause bin. Darauf war ich ziemlich stolz, denn für jemanden, der glaubt, dass alles in sein Leben gehört, was das Leben schickt, ist das ein Riesending. Allerdings hat das dazu geführt, dass ich die Abendtermine jetzt untertags unterbringen möchte, soweit das möglich ist. Denn vollumfänglich „NEIN“ zu sagen, ist angesichts meiner wunderbaren Freundesschar unendlich schwer. Doch wozu führt das? Dass zwar meine Abende ruhiger werden, dafür die Tage aus allen Nähten platzen. Und wenn da jetzt ein, zwei neue Menschen dazukommen, die auch Zeit beanspruchen, dann wird es wirklich eng. Jetzt könnten Sie zu Recht sagen: „Dann lass die halt erst gar nicht rein.“ Stimmt. Und glauben Sie mir, ich habe mir das alles wahrlich nicht ausgesucht. Wie gesagt: Ich hatte das Gefühl, vollkommen in meiner Mitte zu sein.
Jetzt stehe ich vor der Frage, was mir lieb und teuer ist. Aktuell selbstverständlich das Bestreben nach einer freien Nase und einem schmerzlosen Hals. Und dass die Katze nicht jedes Mal zusammenzuckt, wenn ich huste. Dazu brauche ich Zeit für mich selbst, was mir zugegebenermaßen schwerfällt, weil ich darin keine Vorbilder habe. Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist meine Großmutter, die sich jeden Tag nach dem Frühstück ihre Füße mit einer Creme eingerieben hat. Das wars in Sachen Selfcaring-Vorbild. Gesundheitliche Malaisen wurden mit schulmedizinischen Mitteln niedergeprügelt, damit man schnell wieder funktionieren konnte. Und das mag in vielen Fällen durchaus seine Richtigkeit gehabt haben. Doch jetzt denke ich mir: Es muss doch etwas dahinterstecken. Mir fällt eine Freundin ein, die einmal sagte: „Ich habe genug von der Selbsterforschung.“ Ja, man kann es übertreiben und in die Egozentrik rutschen – geschenkt. Doch in Zeiten des Wandels will ich trotzdem für mich den richtigen Weg finden.
Lieb und teuer ist mir allerdings auch meine Verlässlichkeit – mir selbst und anderen gegenüber. Ich suche seit Monaten nach einer Routine für meinen Alltag, die ich selbst immer wieder sabotiere. Dass ich jetzt krank bin, werte ich als Resultat daraus. Warum ich das sabotiere? Gute Frage. Wahrscheinlich deshalb, weil ich der Meinung bin, dass man dem Leben nicht mehr Tage hinzufügen sollte, sondern den Tagen mehr Leben. Und meißelt man diese Tage in Stein, hat das Leben eben wenig Platz. Die Kunst bestünde nun darin, Lücken zum Durchatmen zu lassen. Eine andere Freundin von mir fürchtet sich gerade ein bisschen vor den künftigen Lücken, die eine zu Ende gehende Beziehung hinterlässt. Als ich ihr sagte, dass sie gar nicht so schnell schauen könnte, wie die sich füllen würden, bedankte sie sich. Das gab ihr Hoffnung. Mich erinnerte es daran, dass mir genau nach dieser Erfahrung die eine oder andere Lücke guttäte. Doch nach diesem Gesetz würde sich die Katze in den Schwanz beißen: Lücke → Lücke geschlossen, Lücke neu eröffnet → Lücke geschlossen! Das kann also nicht die Wahrheit sein, geschweige denn ein Instrument für meinen Umgang mit dem Wandel.
Ich stelle fest, dass ich (noch) zu wenige Instrumente für diese Veränderungen habe, dass ich mich schwer tue, von bekannten Verhaltensweisen abzurücken, Glaubenssätze loszulassen. Dass ich es aber andererseits auch nicht schaffen werde, neue Gegebenheiten mit den rostigen Werkzeugen der Vergangenheit zu meistern. Also werde ich wohl noch ein bisschen Zeit mit mir selbst verbringen müssen, um die Dinge um mich herum sortieren zu können. Um herauszufinden, wie ich mit den Themen umgehe, die von außen an mich herangetragen werden und die in meinem Inneren aufploppen. Klarheit zwischen Nasendusche, feuchten Taschentüchern und verschwollenen Augen zu finden, ist eine Herausforderung. Aber keine unannehmbare. Drücken Sie mir die Daumen und bleiben Sie dem Wandel gewogen.

FREITAG: Die Tapetentüre

Es gäbe diese Woche ja einiges, worüber ich berichten könnte. Allerdings versuche ich ja immer, hinter allem, was mir passiert, den tieferen Sinn herauszubuddeln. Es gibt ihn nicht bei allem, aber vielem.

Vor einiger Zeit habe ich aufgehört, gleich nach dem Aufstehen drei Seiten zu schreiben. Ich habe das gefühlt 100 Jahre lang immer wieder gemacht, vor allem zu einer Zeit, die für mich schwierig war und wo ich händeringend nach einer Lösung gesucht habe. Dabei hat mir das morgendliche Schreiben geholfen, weshalb ich immer dann, wenn ich vor einer innerlichen Wand stehe, schnell zu Stift und Schreibheft greife, um sie niederzureißen. Doch kürzlich ist mir aufgefallen, dass mich das morgendliche Schreiben nicht nur von Problemen befreien kann, sondern mir auch eines macht: nämlich jenes, mich an diese schwierige Zeit zu erinnern. Weshalb ich es gelassen habe und nur mehr wirklich punktuell einsetze, wenn sich besagte Wand vor mir aufbaut.
Und siehe da, kleine Wände kann ich schon ohne Schreiben bewältigen. Beispielsweise jene, die sich in Form von fast 20 Litern Traubensaft vor mir aufbaute, für den mir die Behältnisse und Gefriertüten ausgingen. Es ist jedes Jahr das gleiche: Ich freue mich ob der Riesenernte, doch die Verarbeitung stresst mich. Das Abperlen der einzelnen Beeren, das Waschen, das Entsaften. Heuer ging es etwas leichter, weil ich mir einen Tag dafür frei genommen und es als meditative Tätigkeit eingestuft hatte. Doch nach vier Stunden Abperl-Meditation tat mir das Genick weh, was in meiner Vorstellung von Meditation eigentlich nicht passieren sollte – eher das Gegenteil. Und es saß mir auch die Sorge im Genick, was ich denn mit dem vielen Saft machen sollte. Da schrieb mir eine Freundin und fragte, ob ich Zeit für eine Tasse Kaffee hätte. Auf die Information, dass ich mitten in der Traubenernte stecke und leider keine Zeit habe, meinte sie, ob ich Flaschen gebrauchen könnte, die sie ohnehin entsorgen wollte. Halleluja!
Eine weitere Wand errichtete sich, weil ich zwei Karten für eine Veranstaltung hatte, die ich mit einer anderen Freundin besuchen wollte. Leider musste die relativ kurzfristig beruflich verreisen, und ich versuchte, die eine Karte an eine passende und interessierte Person zu bringen. Anfangs war ich zuversichtlich, doch dieses Gefühl schwand schnell, weil genau an diesem Tag offenbar überall der Bär tanzte. Ich stellte das Angebot in eine Facebook-Gruppe, die normalerweise für alles und jeden eine Lösung hat – nichts. Und als mein Ex mir auch noch fünf Alternativen vorschlug, sprudelte es aus mir heraus: „Ich übergebe das jetzt dem Schöpfer, der soll sich darum kümmern.“ Ich hatte alles getan und kam nicht weiter. Und selbst das Schreiben hätte mir nichts geholfen. Also beschloss ich, zur Veranstaltung zu marschieren und zu versuchen, die eine Karte an eine Frau oder einen Mann zu bringen. Wer neben mir lacht, war mir sekundär. Die Schlange vor der Kasse war lang, als ich der Kartenverkäuferin signalisierte, dass es noch ein verfügbares Ticket gäbe, falls sie in ihrem Computer keines mehr finden würde. Dann stellte ich mich an die Seite und beobachtete die Menschenschlange. Aus einem plötzlichen Impuls heraus und weil mich die Frau so freundlich angelächelt hat, fragte ich sie und ihre Begleitung, ob sie zwei Karten brauchen könnten. Denn irgendwie war mir ohnehin nach einem heimeligen Abend. Und tatsächlich: Nach einigen Minuten Nachdenkzeit fanden meine Tickets neue Besitzer, und ich marschierte durch den Regen, dafür mit einem zufriedenen Lächeln nach Hause.
Einmal im Jahr versuche ich, mich mit einer lieben Bekannten zu treffen, für die ich arbeite. Die letzten Male hat es nicht geklappt, weil ihr Termine oder Vergesslichkeit dazwischen gekommen sind. Und doch probiere ich es immer wieder, weil ich sie einfach mag. So auch diese Woche mit ganz viel Hoffnung, dass wir es schaffen würden. Als ich sie erinnerte, kam zurück: „Wir haben etwas ausgemacht??????“ Ich musste lächeln, denn irgendwie hatte ich es schon gespürt. Und schrieb einem uralten Freund, mit dem ich ebenfalls seit langem versuche, einen Termin zu finden. Wir haben seit 25 Jahren nicht mehr geplaudert, und das wollten wir beide ändern. Doch unsere Kalender waren einfach nicht kompatibel. Ich schrieb ihn also an und fragte, ob er Zeit hätte. Und er hatte!
Es gibt dieses wunderbare Lied von Lee Ann Womack: „I hope you dance“. Eine Zeile daraus lautet: „Whenever one door closes I hope one more opens“ – genau diese Erfahrung durfte ich in dieser Woche machen. Ich habe selbst danach gesucht, und genau in diesen Momenten, wo ich die Wand abtastete, hörte ich das Klicken der Tapetentüre. Dass Dankbarkeit zu Glück führt, kann ich nur einmal mehr unterstreichen.