FREITAG: Eingrooven auf die Eremitage

Jetzt ist es offiziell ein Jahr her, dass ich das Meer gesehen habe. Und viel mehr ist in den vergangenen Monaten wirklich nicht dazu gekommen. Eine Herausforderung.

Ja, ich bin zuhause geblieben, weil einen Augenblick vor dem Buchen meiner Reise dieser zweite C-Strang aufgetaucht ist und innerhalb kürzester Zeit viele Flughäfen für Reisende aus dem Regenbogen-Land dicht gemacht haben. Zumindest hierzulande. Und auch wenn ich nichts gegen einen längeren Aufenthalt im Süden hätte – die Rückkehr würde ich doch gerne weitestgehend als gesichert annehmen wollen.

Ob das in Zukunft noch möglich ist? Also Sicherheit? Vermutlich nicht in der Form, wie wir sie bislang kennen. Zumindest sind die äußeren Umstände so volatil, dass viele gerne zuhause bleiben, weil das ja noch einigermaßen stabil ist. Da hat man, was man braucht und will. Es freute mich wirklich, als ich kürzlich hörte, dass die häusliche Gewalt entgegen aller Unkenrufe vor einem Jahr doch nicht gestiegen ist. Offenbar haben viele nicht gegeneinander gekämpft, sondern sich zusammen gerauft. Und diese Resilienz brauchen wir nach wie vor.

Mir ist meine Auszeit zur Jahreswende auch überraschend leicht gefallen. Der Winter war gefühlt nicht so kalt wie befürchtet, die Entspannung passierte auf dem Sofa irgendwie nebenbei. Zu Weihnachten habe ich eine CD mit Meeresrauschen bekommen, dazu einen Raumduft namens „Sea Breeze“, falls ich in ein Sehnsuchtsloch fallen sollte. Ein Afrikaans-Sprachkurs sollte meinem Fernweh ebenso abhelfen wie zwei entsprechende Kochbücher und ein Solarglas, das ich mit Souvenirs füttern kann. Mein Umfeld war also gleichermaßen einfalls- und hilfreich vorbereitet auf mein Daheimbleiben. Und schon alleine das hat mir das Feststecken erleichtert.

Ja, ich empfinde es immer noch so, bei aller Vernunft. Und es ist vor allem angesichts einer gewollten Jahresplanung keine gute Ausgangsposition. In Freiheit zu kalkulieren ist keine Kunst, zeigt die nach wie vor aktuelle Situation. Vor allem, wenn äußere Umstände eine wichtige Rolle spielen. Was bleibt also? Das zu organisieren, was unabhängig davon ist. Die Neugestaltung eines Zimmers, eine Ernährungsumstellung oder Schneeschaufeln vielleicht. Aber natürlich auch die eigene Entwicklung. Auch wenn Martin Buber sagte, dass wir am Du erst zum Ich werden, gibt es doch Bereiche, an denen wir alleine arbeiten können. An unserer Selbstwirksamkeit. An unserer Gelassenheit. An unserer Achtsamkeit. Mir hatte ja die Zeit im Frühling 2020 gezeigt, dass ich mich darin so geübt hatte, dass mir die Lockerung der Ausgangsbeschränkungen nahezu einen Overkill an Eindrücken beschert hatte, den ich schwer verarbeiten konnte. Und so wird es vermutlich im heurigen Frühjahr wieder werden.  Daraus kann ich lernen, nämlich indem ich mich langsam, aber sicher doch damit abfinde, dass in mir einen Eremitin schlummert. Im Tarot gibt es dafür eine eigenen Karte. Sie bedeutet, dass man das Glück und die Kraft in sich selbst suchen soll. Dass man sich von der Intuition leiten lassen soll. Und dass man seine Gedanken ruhig halten soll. Ist jetzt für jemanden wie mich eine ziemliche Herausforderung, obwohl ich meine Interessensgebiete eh schon eingedampft habe.

Vom Zubereiten eines orientalischen Tomatenkompotts habe ich gelernt, dass aus Eindampfen etwas sehr Schmackhaftes entstehen kann. Weil es ja immer auch Konzentration bedeutet. Normalerweise entsteht in der südlichen Wärme ein Plan für die Zukunft, heuer bin ich davon weit entfernt. Letztes Jahr war bestimmt von „Voll fünfzig und halb philosophisch“, heuer habe ich begriffen, dass nur hilft, im Moment zu sein und von dieser Position aus spontan Chancen zu ergreifen. Welche das sein werden, kann vermutlich nur im Augenblick erkannt werden. Mich gegen das Außen zu stemmen, wird mich mehr Kraft kosten, als ich habe. Und normalerweise habe ich Kraft für zwei.

FREITAG: Das ging jetzt aber schnell

Ich sehe mich noch mit wehenden Haaren und aufkeimendem Sonnenbrand am Kap der Guten Hoffnung, wo ich meine Hoffnungen und Wünsche für 2020 ins Meer geworfen habe. Gekommen ist es irgendwie anders.

Es waren hauptsächlich private Wünsche gewesen, die ich in den Wind am Kap geschossen habe. Und anfangs schien es so, als hätte sie dieser Wind so weit getragen, dass ihre Bedeutung verloren gegangen ist. Irgendwo im Spalt zwischen Indischem und Atlantischem Ozean verschluckt. Doch im Laufe der kommenden Monate wurde mir klar, dass ich nicht einfach die Augen verschließen und warten konnte, bis irgendwer meine Wünsche umsetzt. Ich selbst war gefragt, für sie einzustehen und sie auch umzusetzen.

Ja, ich war gefragt in diesem Jahr. Nicht in dem Sinne, dass andere meine Gefühle, Gedanken oder Anwesenheit nachgefragt hätten – meine eigenen Werte, Überzeugungen und Herangehensweisen waren gefragt, um mit etwas umzugehen, was einigermaßen unerwartet um die Ecke kam. Mein Abschied von Kapstadt war schon höchst melancholisch, nicht nur weil ich meine Reiseweste dort verloren hatte und ein Paar meiner Lieblingsschuhe einfach davon geweht worden waren – auch hatte ich das Gefühl, dass ich meine Freunde vielleicht so schnell nicht mehr wiedersehen würde. Dieses Gefühl war übrigens beidseitig, es flossen Tränen, ohne dass wir dafür konkrete Argumente gehabt hätten. Und dann war sehr schnell klar, was wir energetisch aufgeschnappt hatten und was weitere Begegnungen erschweren würde.

Es ist komplizierter geworden. Das habe ich gemerkt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben vor lauter Ärger nicht schlafen konnte. Weil es mich einfach – verzeihen Sie meine Sprache – ankotzte, woran man alles denken musste, wenn man einfach nur seiner Wege gehen möchte. Und auch, dass mir und uns allen so viel Tapferkeit abverlangt wurde in diesem Jahr. Dieses Wort kommt ja im öffentlichen Diskurs kaum mehr vor, weil da ja vor allem Solidarität gefragt ist. Und daran ist nichts falsch. Doch man sollte auch einmal anmerken, wie sehr unsere Leidensfähigkeit strapaziert wurde in diesem Jahr. Auf allen Ebenen. Wirklich allen. Und dabei hilft es wirklich nichts, uns immer wieder zu versichern, dass das alles notwendig und wichtig ist. Es tut nun einmal weh. Punkt.

Mich persönlich schmerzt am meisten, dass die Leichtigkeit zur Schwere wurde. Dass der Wille fast vollkommen verschwunden ist, Möglichkeiten zu erarbeiten. Weil wir uns offenbar daran gewöhnt haben, uns an die gesteckten Grenzen zu halten. Kaum entwickelt sich ein Hauch von Humor, kommt die nächste Verordnung, und er verschwindet hinter der Maske. Und kaum haben wir uns wieder aufgerappelt und neu sortiert, ist wieder alles anders. Gut, im Sommer war sogar ein bisschen Sommer. Im Herzen. Doch sooooooo besonders lang war der heurige Sommer auch wieder nicht. Und doch müssen wir davon zehren. Auch vom wunderbaren Frühling, der damals vieles einfacher gemacht hat. Da keimte Hoffnung im Glashaus des Lebens, dass alles wieder so würde wie sonst.

Und weil uns das jeder gesagt hat, haben wir es geglaubt. Meiner Meinung nach steckt genau darin der Fehler, der uns allen so zu schaffen macht. Ich bin überzeugt, dass nichts mehr so wird wie früher, weil wir nämlich lernen müssen, damit zu leben. Mit Viren, mit Umwälzungen, mit dem Wandel. Und nein, begeistert bin ich nicht davon, weil ich mein bisheriges Leben geliebt habe. Es ermüdet mich, ständig neue Verordnungen durchackern zu müssen. Es zieht mir den letzten Nerv, mich von meinen Mitmenschen distanzieren zu müssen und ständig das Gefühl zu haben, dass ich für sie und sie für mich gefährlich sind. Es drückt mir aufs Gemüt, Rücksicht auf Menschen nehmen zu müssen, die auf sich selbst keine Rücksicht nehmen. Doch es ist, wie es ist.

Ich habe in diesem Jahr bei Gott nach Wegen gesucht, mit dieser Situation konstruktiv umzugehen, die Vorteile herauszustreichen, das Gute im Schlechten zu finden. Doch nach 48 Arbeitswochen muss ich neue Zugänge finden und Ilse Aichinger folgen: „Um zu lieben, ist es nötig, nicht zuerst einen großen Schritt vor, sondern einen kleinen zurück zu tun, weil man dann leichter springen kann.“ Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung in diesem Jahr, das Mitlesen und Ihr Interesse. Wie Sie sich vorstellen können, will ich im neuen Jahr springen, weshalb der kleine Schritt zurück jetzt notwendig ist. Wir treffen uns im Januar wieder. Passen Sie auf sich auf und folgen Sie Ihrem Herzen.

FREITAG: Sonnenstürme im Gehirn

Meine Chakren füllen sich langsam wieder, und das brauche ich auch. Denn der Drehwurm im Hirn verbrennt ziemlich viel Energie.

Meine Sonntage gehören ja bekanntlich mir, meinen während der Woche vernachlässigten Agenden und einer Vielzahl von Gedanken. Letztes Wochenende hatte ich eine ziemlich lange Liste, über deren Inhalt ich nachdenken wollte – passiert ist davon wenig bis gar nichts. Warum? Es kam – wie so häufig – etwas dazwischen in diesen Tagen. Zugegebenermaßen war ich nicht ganz unschuldig daran, und auch der Zeitpunkt hätte vielleicht ein anderer sein können. Andererseits: „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Gilt offenbar auch fürs Denken.

Der Plan wäre gewesen, innere Klarheit über die Gestaltungen meines persönlichen Jahresabschlusses zu erringen. Und ja, es ist in Zeiten wie diesen ein Kampf, vor allem einer mit ständig wechselnden Bestimmungen. Und würde das nicht reichen, gibt es in meinem Leben ja bilaterale Verordnungen zu koordinieren. Das ist schlimm, wäre aber nicht so schlimm, wenn in dieser Woche nicht zwei Geburtstage und in weiterer Folge Weihnachten unter einem Hut zu vereinen wären. Einen Dreispitz trägt man ja in allen Regionen, aus denen die Beteiligten kommen, und es sind tatsächlich auch drei Regionen, die es zu versammeln gilt. Vor allem zu Weihnachten. Doch da ist noch ein wenig Luft.

Für die Geburtstage wird’s eng, denn der Präsi des Landes, in dem meine Kinder und deren Vater wohnen, hat just für diese Woche einen C-Rülpser getan, der einiges an Plänen wieder einmal auf den Prüfstand stellt. Sie sehen mich mit den Augen rollen, ne? Und diesen Rülpser, vermutlich nach einem Schweinsbraten mit einem extragroßen Knödel, hat dieser Mann ausgerechnet am Sonntag entlassen. An MEINEM Sonntag. Ich saß also vor meinem Tablet und starrte ihn an, während er seine Pläne ausrollte. Gleichzeitig lief mein Gehirn langsam höher, während mein Stift über das Papier flog, um ja alles, was relevant für die familiären Feierlichkeiten ist, zu notieren – vor allem für den Vater meiner Kinder. Er hält sich ja Großteils von Medien fern und kriegt deshalb nur einen Bruchteil des aktuellen Geschehens mit. Auch keine schlechte Strategie, allerdings nicht vor Weihnachten. Aber wurscht.

Während ich noch hörte, kamen schon die Nachrichten der Kinder rein, teils unflätig in Wort und Schrift und empört. Ich stimmte natürlich zu, doch das brachte uns auch nicht weiter. Meine Lösungskompetenz wurde zwar im Laufe der vergangenen Monate auf ein Normalmaß eingedampft, doch in diesem Fall stand und steht sie wie ein Einser. Also drehte sich der Wurm in meine Gehirnganglien und suchte nach Wegen und Möglichkeiten, doch alles so hinzukriegen, wie es zumindest die C-adaptierten Pläne vorsahen. Drei Stunden hat es mich gekostet, um klar zu sehen: mehr als abwarten und betrinken (in Zeiten wie diesen eher Tee als Alkohol, weil sonst gar nix mehr geht im Oberstübchen) ist nicht drin.

Nach dieser Feststellung ärgerte ich mich kurz über mich selbst, dass ich mich wieder in diesen Medientumult hineinziehen und mir Lebenszeit stehlen hatte lassen. Dann hörte ich etwas anderes: Meditationen, Musik, Radiobeiträge. Ich weiß, das war die pure Ablenkung, aber manchmal geht es einfach nicht anders. Insofern weiß ich jetzt, was Pickup-Artists und Maskulinisten sind, wie die Plattenfirma Motown gegründet wurde, dass Kinder heutzutage kaum mehr wissen, wie Nahrungsmittel im Rohzustand schmecken und wer der „Erfinder“ der Gruppendynamik war. Wer Smalltalk ablehnt, muss seinen Wissensstand eben immer updaten. Und ja, einen Spaziergang habe ich auch noch gemacht, doch das war alles vor der Pressekonferenz und wie es sich später herausstellte, eine richtig gute Entscheidung.

Zum eigentlichen Denkziel dieses Sonntags hat mich das alles nicht gebracht. Die inneren Nebel lüften sich zwar ein wenig, doch – was soll ich sagen – die Bestimmungen! Sie sind nach wie vor wenig ideal, aber die Pro-Argumente neigen sich langsam gen Süden. Am Ende dieses Prozesses werde ich vor allem eines brauchen: Mut. Und als hätte ich es gewusst, leuchtet vor allem das dafür zuständige Nabelchakra im ziemlich grünen Bereich, an dem ich monatelang gearbeitet hatte. Seine eigentliche Farbe ist ja sonnengelb – genau dort will ich hin, vor allem als Daseinszustand. Am nächsten Sonntag weiß ich mehr.

FREITAG: Chakrenarbeit gegen schlechte Laune

Ich war in den vergangenen Woche ziemlich schlecht gelaunt – das Wetter, die aktuellen Beschränkungen, die Fragilität des Daseins. Inzwischen habe ich den Grund für diese Laune identifiziert.

Seit Monaten höre ich Eckhart Tolles „Neue Erde“. Warum sich das über Monate zieht? Weil seine Stimme so beruhigend ist, dass ich nach nur wenigen Kapiteln einfach einschlafe. Und deshalb immer wieder zurück hören muss, weil ich mich ja nicht mehr daran erinnere, was vor dem Wegknacken passiert ist. Passiert mir übrigens auch bei meiner Bettlektüre, doch da bin ich relativ schnell wieder drinnen – auch weil ich mir beim Zähneputzen schon überlege, woran ich mich denn noch erinnere. Kleines Alzheimer-Training, man kann damit ja nie früh genug beginnen.

Eckhart Tolle also. Die Kapitel des Hörbuchs sind kurz und sehr tiefgründig. Im Grunde sollte man nach jedem Satz eine Pause machen, um über das Gehörte nachzudenken. Dabei kommen seine Worte ganz einfach daher, ohne dass der Hörer oder die Hörerin durch einen intellektuellen Fachjargon verärgert wird. Und genau diese Einfachheit war es auch, die mir am vergangenen Wochenende die Erklärung für meine schlechte Laune der vergangenen Wochen geliefert hat. Tolle sagte nämlich: „Das Ego kann einrasten.“ Das entsprach genau dem Gefühl, das mich einfach nicht losgelassen hat. Ich wusste, dass manches eben gerade unveränderlich ist, dass ich meine Individualität nicht zur Gänze ausschöpfen kann, dass gewisse Einschränkungen nun eben Allgemeingut sind. Und doch habe ich mich Tag für Tag für Tag daran abgearbeitet, weil ich unbedingt etwas wollte. Wie ein stampfendes Kind, wahlweise wie eines, das sich an der Supermarktkasse auf den Boden wirft und sich in den Resten von Cola Light wälzt. Mimimimimi halt.

Ich habe mir selbst dabei zugesehen, wie ich dieses Ego emsig bedient habe und konnte trotzdem nicht von der Schiene runter. Da half nicht einmal ein anderer Tolle-Satz, der sinngemäß besagt: „Wenn du das Ego identifiziert hast, bist du schon dabei, dich davon zu lösen.“ Keine Chance, das Ego war eben eingerastet. Mein Aha-Erlebnis war vermutlich von einem Online-Workshop getragen, den ich am Tag vorher gehalten hatte. Und was viele Menschen dabei überhaupt nicht mögen – der direkte Kontakt fehlt, man sieht keine Körpersprache, Technik kann Berührung nicht ersetzen -, macht mir Freude. Aus irgendeinem Grund kann ich Beziehung auch über die Webcam herstellen, meine Mimik hat immer schon Bände gesprochen (eine Befindlichkeitsbeschreibung aus meiner Kindheit lautete Murfel, und ich bin sicher, Sie können sich das Gesicht dazu vorstellen) und wenn es die Situation erlaubt, kann ich auch vor einer Webcam verrückte Dinge machen oder sagen.

Dieser Online-Workshop hat mir die Schiene gelegt, einmal Pause von meiner schlechten Laune zu machen. Und siehe da, es hat sich danach einiges bewegt. Vor allem dahingehend, dass ich doch einige Werkzeuge an der Hand habe, um mich wieder in die Balance zu bringen – egal, was die Obrigkeit von mir fordert. Ich habe die Energie-Levels meiner Chakren überprüft und musste feststellen, dass es nur eines gibt, das voll geladen ist. Eine etwas schockierende Erkenntnis, aber immerhin ein Anfang. Und weil mein kluges Buch auch Tipps gibt, wie man in die restlichen Chakren Leben pumpt, füllte ich meinen Sonntagabend mit einem Plan dafür. Ohne Sie jetzt mit Details langweilen zu wollen: Es gibt seit Montag drei Yoga-Einheiten, Bewegung in der frischen Luft, stimulierende Musik von unterschiedlichen Instrumenten und ausgewählte Düfte.

Ungeachtet dessen, ob das nun eine Vorgangsweise ist, die jedem hilft: Mir schenkt der Plan Energie. Ich lasse mich in den Tag trommeln, koche zu Oud-Klängen (was passt, weil ich eh ein Fable für orientalische Gerichte habe) und lasse mich von Holzbläsern in die Müdigkeit tragen. Doch das ist nur eine Facette meines Retreats. Und sie hilft. Eine andere Aufgabe ist, viel Sonne zu tanken. Und weil sie jetzt gerade bei meinem Fenster herein lacht, werde ich ihrer Verlockung nachgeben. Mein Nabelchakra wird sich freuen.

FREITAG: A wollen und B müssen

Manchmal wünscht man sich eine Münze, die nicht nur „ja“ oder „nein“ signalisiert, sondern gleich ein ganzes Lösungsbündel liefert. Bis es so etwas am Markt gibt, muss ich auf das warten, was mein Gehirn an Möglichkeiten ausspuckt.

In Deutschland gibt es sieben Milliarden Kleidungsstücke, hierzulande immerhin knapp 550 Millionen allein in der Altersgruppe zwischen 14 und 69 Jahren. Durchschnittlich besitzt jede und jeder 85 Kleidungsstücke, Slips und Socken nicht mitgerechnet. Das will erst einmal organisiert sein. Ich habe ja noch nie verstanden, warum Frauen so viel Zeit vor ihrem Kleiderschrank verbringen. Denn vor vielen Jahren habe ich bei mir ein System eingeführt, das mir die Auswahl binnen weniger Minuten erlaubt. Voraussetzung war allerdings, dass sich in meinem Schrank nur Klamotten befinden, die mir passen und gefallen. Alles, was diese Kriterien nicht erfüllt, wurde aussortiert – tat in Teilen weh, die Wunde ist allerdings schnell verheilt.

Mein Kasten besteht aus Liegeflächen und Hängeraum. Liegend gelagert werden Pullis, Shirts, Strickwesten und Jeans. Aufgehängt sind Blusen, Röcke und Kleider sowie Hosen und Jacken aus Stoff. Immer, wenn ich etwas Neues kaufe, wird es entweder ganz unten im Stapel deponiert oder an die letzte Stelle der Stange gehängt. Und angezogen wird nur, was ganz oben liegt oder ganz vorne hängt. Das hat den Vorteil, dass es immer wieder neue Kombinationen gibt, wetterunabhängig gehandhabt werden kann und Garderobenleichen gar nicht erst entstehen. Und wenn ich mir etwas Neues kaufe, muss etwas anderes weg.

So einfach wünschte ich mir alle Entscheidungen. Und manchmal sind sie es ja auch, nämlich dann, wenn die Alternative ganz und gar undenkbar ist und der Bauch fröhlich vor sich hin brummt bei der Vorstellung, wie sich die richtige Entscheidung anfühlt. Das sind Glücksmomente, die viel zu selten wertgeschätzt werden. Denn es gibt Menschen, für die sind schon die kleinsten Anlässe Grund für eine erschwerte Entscheidungsfindung. Kann man mit dem Auto fahren, wenn drei Schneeflocken auf der Fahrbahn liegen? Esse ich ein Schnitzel oder panierte Champignons? Oder in Zeiten wie diesen: Umarme ich eine Freundin oder nicht?

Heute wurde ich gerügt, weil ich eine Freundin von mir umarmt habe. Nein, nicht im öffentlichen Raum, sondern innerhalb von Büroräumlichkeiten. Dass sie und ich den Großteil unserer Zeit mit Arbeit in einer nahezu menschenleeren Umgebung verbringen und anschließend völlig erschöpft in die Kissen sinken, dürfte die Gefahr, uns mit den C-Scheisserchen anzustecken, gegen Null driften lassen. Doch Hauptsache, gerügt. Egal.

Letzte Woche schien für mich die Situation noch relativ klar zu sein. Ich vertraue meinen wichtigen Bezugspersonen, dass sie auf sich achten und gesund bleiben. Und heute hat mich der Hochmut angesichts der mit Hoffnung aufgeladenen allerletzten Wochen des Jahres doch noch in die Knie gezwungen. Denn für morgen habe ich eine Freundin zum Mittagessen eingeladen. Blöderweise ist sie mit einer später positiv Getesteten spazieren gegangen. Vermutlich nicht in einem Abstand von zwei Metern. Und weil ich zugeben muss, dass ich über die Übertragungswege nicht vollumfassend im Bilde bin, stecke ich jetzt in der Zwickmühle.

Stünden nicht zwei wichtige Ereignisse an, die ich ermöglichen möchte, würde ich mich voller Vertrauen treffen. Doch diese Ereignisse bringen mich selbst in einen größeren Zusammenhang, selbst wenn ich für mich selbst oft das Gefühl habe, auf einer Insel zu leben. Sie bringen mich in die Situation, für andere mitdenken zu müssen, für ihr Wohl eine Entscheidung zu treffen. Doch kann ich überhaupt ihr Wohl beeinflussen? Aktuell bezweifle ich, ob ich das meine zur Gänze unter Kontrolle habe. Nein, ich bin nicht krank, alles gut. Doch kann ich wirklich 100prozentig sicher sein, dass „es“ mich nicht irgendwie anfliegt? Weil „es“ sich ja bei diesen Temperaturen selbst in der frischen Luft treiben lässt. Und sich dann vielleicht auf meiner Wuscheljacke, Glitzertasche oder Sonnenbrille niederlässt.

Das alles macht mich total kirre. Deshalb muss ich eine generelle Entscheidung treffen. Die Frage, ob man sich für oder gegen etwas entscheidet, stellt sich hier nicht, denn das „für“ hat das „gegen“ zur Konsequenz. Ist leider so. Bei aller Liebe zur Wortklauberei. Was allerdings schon hilft, ist ein positiver Grund, warum man sich gegen etwas entscheidet. Und wenn ich mir meine Gedanken von letzter Woche in Erinnerung rufe, kann das nur einer sein, der meine Selbstwirksamkeit festigt. Läuft also so: Ich möchte etwas tun, wahlweise erleben. Um das möglich zu machen, muss ich Vorkehrungen treffen. Wenn ich beispielsweise eine Reise antrete, muss ich vorher die Gültigkeit meines Reisepasses überprüfen. So in der Art.

Meine Aufgabe ist es also für die kommenden Wochen, gesund zu bleiben. Und das nicht unvernünftiger Weise aufs Spiel zu setzen. Deshalb werde ich jetzt wohl das Treffen mit meiner Freundin auf einen Tag verschieben, der außerhalb der Inkubationszeit liegt und dann die Situation neu beurteilen. Auch wenn ich nicht will. Doch wenn ich etwas will, muss ich auch das andere wollen. Das dürfte wohl die moderne Variante von „Wer A sagt, muss auch B sagen“ sein oder werden. Selbstwirksamkeit erfordert offenbar Opfer. Und Prioritätensetzung. Lustig geht anders.

FREITAG: Die Luft nach oben atmen

Wissen Sie, was mir in der öffentlichen Wahrnehmung fehlt? Dass Dinge möglich sein können. Momentan wird uns ja dauernd gesagt, was unmöglich ist. Keine gute Strategie, wenn man Menschen gesund machen oder erhalten will.

Ich dachte ja im Sommer noch, dass wir als Gesellschaft etwas aus dem Frühling gelernt hatten. Dass wir uns mehr bewegen. Dass wir uns gesund ernähren. Dass wir uns überlegen, was notwendig und was dringend ist. Und dass auch von offizieller Seite Transparenz und Objektivität Einzug halten würde. Doch am vergangenen Samstag bin ich wieder vor dem Bildschirm gesessen und musste mich gegen emotionale Grenzziehungen wehren.

Natürlich sind die Zahlen steigend. Natürlich wollen wir keinen einzigen Menschen verlieren, dessen Zeit normalerweise vielleicht noch nicht abgelaufen wäre. Natürlich muss eine Regierung darauf schauen, dass die Bevölkerung gesund wird. Und der Donald ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wenn es einem Staatsoberhaupt eher egal ist, wenn Kurven Hochkonjunktur haben, die nichts mit weiblichen Rundungen zu tun haben. Seine Stunden sind gezählt, egal ob er sich jetzt der Amtsübergabe verweigert oder nicht. Sein Karma wird durch die Realitätsverneinung nur schlechter, vor allem wenn es um die vier Millionen Infizierten und die knapp 250.000 Toten geht. Ob Jomala das Ruder herumreißen können, bleibt zu hoffen, ist aber noch nicht klar. Doch zurück zu unserer eigenen Haustüre.

Die Wochenend-Verlautbarer erzählen mir also wieder, dass ich zuhause bleiben soll und nennen vier Ausnahmen. Auch alte Bekannte. Was in mir als lernendem Wesen den Impuls auslöst, etwas anders zu machen als im Frühling. Nämlich nicht blind und obrigkeitshörig darauf zu vertrauen, was mir gesagt wird, sondern selbst zu recherchieren. Als Journalistin lernt man ja, dass man zur Quelle gehen soll, wahlweise zur Wurzel. Und dort finde ich die Verordnung, die wieder einmal anders lautet als das, was über den Rundfunk transportiert wird. Ich verschicke sie vereinzelt an Interessierte und höre doch, dass man das glaube, was im Radio und Fernsehen gesagt wird. Da waren wir doch schon einmal, und nein, sich veräppelt zu fühlen, ist kein gutes Gefühl.

Die Situation ist ja diese: Wir bekommen gesagt, was wir nicht mehr dürfen, doch die Selbstwirksamkeit leidet derartig darunter, dass wir uns noch nicht einmal auf die Suche danach machen, was wir sehr wohl dürfen. Die Angstmache von oben funktioniert also immer noch blendend. Und da werde ich grundsätzlich rabiat, auch wenn ich normalerweise gerne in Ruhe und Frieden auf meiner Weide grase. Was mich an der Situation wirklich stört, ist, dass sich der Mensch heutzutage anstrengen muss, wenn er sich Freiheit verschaffen möchte. Wie gesagt, im Rahmen der Möglichkeiten. Das hier soll kein Aufruf zur Straffälligkeit sein.

Wir alle sind freie Menschen. Und natürlich kann man jetzt sagen, dass man sich die Freiheit nimmt, den Verordnungen so zu folgen, wie man sie eben vorgesetzt bekommt. Geschenkt. Im Frühling habe ich das ja auch so lange getan, bis mir klar wurde, dass da noch ein bisschen Luft nach oben gewesen wäre. Und die will ich im aktuellen Zustand auf jeden Fall nützen. Wer sich lustvoll mit Räucherstäbchen einnebelt, freut sich andererseits immer über ein Mehr an Frischluft.

Die ist zwar momentan nicht so temperiert, wie sich das mein sehnsuchtsvolles Ich wünscht, und doch gedenke ich auch hier, an die eigenverantwortlichen Grenzen zu gehen.

Mein Leben hat sich ja in den vergangenen Monaten ziemlich verändert. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich mich daran abgearbeitet, dass ich mir in meinen Lieblingsbars keine Zigarette mehr anzünden durfte. Das war der Abschied vom lebendigen Gedränge in diesen Etablissements, vom Tanzen mit einem Tschick in der Hand, von Gesprächen, die zwar größtenteils nutzlos, aber doch sehr unterhaltsam waren. Und so wurde aus meinem kuscheligen, sozialen Leben ein stark vereinzeltes soziales Leben. Man traf sich nicht mehr zufällig, sondern ganz gezielt. Und insofern stelle ich fest, dass ich dafür jetzt sogar eine gesetzliche Grundlage geschaffen bekommen habe. Denn die Menschen, mit denen ich mich zusammen getan haben, waren ohnehin wichtige Bezugspersonen. Insofern ändert sich für mich im Grunde gar nichts. Sozial gesehen. Dass ich Weihnachtsgeschenke vermutlich mit Logistikdienstleistern anliefern lasse, ist verkraftbar. Das Gewusel in den Einkaufszentren und Geschäften war mir in den vergangenen Jahren eh zunehmend lästig.

Was allerdings für mich schon dazu kommt, ist die Frage des Vertrauens. Denn wenn ich Weihnachten mit meinen Eltern (um die 80) feiern und anschließend nach Südafrika fliegen möchte (was aktuell ginge), muss ich gesund bleiben. Nein, ich will gesund bleiben. Und das setzt voraus, dass ich meinen wichtigen Bezugspersonen vertraue. Insofern, dass sie auf sich selbst achten, sich keinen rudeltechnischen Risiken aussetzen und sich auch sonst in keinster Weise schwächen. Ein Freund von mir hat sogar mit der Einladung zum Abendessen ein negatives Testergebnis geschickt. Entzückend! Diesen Service erwarte ich natürlich nicht von jedem, und doch wird es vermutlich in absehbarer Zeit viele von uns geben, die sich die Testergebnisse zeigen werden. Soweit sind wir also gekommen: Früher zeigten wir uns im Freundinnenkreis unfreiwillig empfangene Penisfotos, jetzt dann vermutlich die Testauswertungen. Prioritäten können sich also tatsächlich verschieben, nicht nur beim Einzelnen, sondern der ganzen Gesellschaft. Die Frage ist halt nur, welche Intention dahinter steckt. Angst scheint mir verkehrt, die Lust auf das Leben schon eher hilfreich. Musik kann helfen, ich empfehle Jill Scotts „Golden“.

FREITAG: Spielen gegen das Dialogdiktat

Die aktuellen Zeiten bieten ein unglaubliches Potenzial für die persönliche Entwicklung. Doch wie vermutlich immer schon hängt der Mensch sein Herz an die „gute alte Zeit“.

Wenn Frauen miteinander reden, dann läuft das oft nach einem Muster ab. Man erkundigt sich, was die andere so macht, was sie umtreibt und zwischendrin darf immer mal wieder gejammert, vielleicht sogar geweint werden. Und natürlich auch gelacht, wenn es das Leben hergibt. Aktuell ist es sehr verführerisch, sich dorthin zu neigen, wo das Lamentieren zuhause ist. Und kaum ein Gespräch darüber, wie „das alles“ auf die Stimmung schlägt.

Gespräch eins. Wir sitzen auf einem gemütlichen Sofa und hängen jener Zeit hinterher, als wir uns noch vor lauter Lachen die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt haben. Das hätten wir gerne wieder, doch andererseits – worüber haben wir denn gegackert? Über die unendlich schrägen Geschichten, die wir vorrangig mit Männern erlebt hatten. Und das bedeutet jetzt nicht zwangsläufig, dass die Männer schräg waren; unsere Verhaltensweisen waren es auch. Weil wir noch voller Hoffnung, tolerant und neugierig waren. Das mit der Hoffnung und der Neugierde hält an, die Toleranzgrenze gegenüber Schrägheit ist spürbar gesunken, stellen wir fest. „Vielleicht liegt es an uns?“ fragt meine Freundin. Und ich nicke bestimmt. Natürlich liegt es an uns, an den gewonnenen Erfahrungen und den daraus resultierenden Erkenntnissen. Ich für meinen Teil kann momentan sagen: Mir ist Seelenruhe inzwischen wichtiger als eine Story, die zwar zum Lachen einlädt, aber sich schlussendlich in Tränen auflöst.

Gespräch zwei. Ein langes Telefonat mit einer alten Freundin. Kürzlich hat sie mich gefragt, ob wir spazieren gehen wollen, was mich zur Frage gebracht hat, ob sie beschlossen habe, meine Räucherhöhle zu meiden. Irgendwie hatte sie das, aber nicht, weil sie die Nase voll von Sandelholz, Jasmin und Amber hat, sondern weil sie keine Garantie mehr für ihre Stimmung übernehmen kann und will. Zu viel im Kopf, zu wenig Sicherheit im Außen und dazwischen jede Menge Alltagschaos. Und dann kommt noch hinzu, dass sich in den vergangenen Wochen ein gesundheitliches Problem eingestellt hat, was sie davon abhält, sich die Zeit mit Alkohol zu vertreiben. Denn so lange das Problem keinen Namen hat, will sie „zur Sicherheit“ weitgehend auf sich schauen. Ich hatte ja den Frühling nahezu vollständig ohne Hochprozentiges überstanden, meinen Nachbarn konnte ich dann anlässlich meines Geburtstags ein Glas Sekt nicht abschlagen. Hat reingehaut damals. Wäre aber absolut nicht notwendig gewesen. How ever. Erschwerend kommt für die Stimmung meiner Freundin dazu, dass sie im Homeschooling feststeckt und insofern auch gefangen ist von den volatilen Mechanismen der lehrenden Gemeinde. Normalerweise ist meine Freundin hoch flexibel, doch die aktuelle Situation ist selbst ihr zu viel. Und auch das Gerede über alles, was mit den C-Scheisserchen zu tun hat. Gibt es denn kein anderes Thema?

Je mehr Menschen persönlich davon betroffen sind, je weniger ist es aus den Alltagsgesprächen fernzuhalten. Eine andere Freundin von mir hat sich schon vor Wochen über das Dialogdiktat beschwert. Und natürlich hat sie recht. Es muss doch noch etwas anderes geben, das eine gepflegte Unterhaltung auslösen könnte. Auf der Website des heimischen Revolverblattes erfahre ich, dass Männer anders abspecken als Frauen. Das deutsche Pendant spekuliert über die mögliche Scheidung von Melania und Donald. Ich versuche eine etwas hochkarätigere Recherche im deutschen Medienkosmos. Dort erfahre ich, welche DAX-Konzerne viel für Homosexuelle tun und dass japanische Bahnunternehmen mit verlorenen Kopfhörern kämpfen. Die Qualitätsmedien hierzulande berichten, dass Rom den Bischöfe-Rapport beim Papst verschoben hat und Millionen lebensfreundlicher Exoplaneten in unserer Galaxie gibt.

Die Suche nach positiven, c-Scheisserchen-freien Nachrichten, über die man reden könnte, hat mich 30 Minuten gekostet. Und vielleicht kann sich daraus ja ein neues Gesellschaftsspiel entwickeln, jetzt, wo Brettspiele so unglaublich beliebt geworden sind. Das könnte so ablaufen: die Gesprächspartner suchen sich ihre Lieblingsthemen aus dem aktuellen Medienangebot und darüber wird dann gesprochen. Einzige Bedingung: kein C-Konnex. Und selbst, wenn ich persönlich jetzt wenig zu den lebensfreundlichen Exoplaneten sagen könnte – schon allein, weil ich dieses Wort noch nie gehört habe -, besteht doch die Möglichkeit, über ein Leben auf Kepler-1649c zu phantasieren. Oder darüber zu diskutieren, wie wichtig es ist, schwulenfreundliche Unternehmen mit entsprechenden Einkäufen zu unterstützen. Oder ganz einfach nur über Dolania zu lästern, wahlweise ihren Modestil unter die Lupe zu nehmen. Seine Friseur ist gesprächstechnisch schon ausgelutscht, finde ich. Es ginge schon, wenn wir es wirklich, wirklich wollen. Nämlich das Vergessen der aktuellen Situation, zumindest für die Dauer einer Unterhaltung.

FREITAG: Sodala – wieder da!

Nicht nur ich, sondern auch das eingeschränkte gesellschaftliche Leben sind zurück. Beinahe scheint sich die Welt zu überschlagen, doch nicht aus Freude.

Eines weiß ich nach dieser Woche mit Gewissheit: Urlaub zuhause ist meinem sonstigen Empfinden von Auszeit nahezu diametral entgegen gesetzt. Die heimischen Seen – so beschaulich sie auch sein mögen – haben der Urgewalt des Meeres wenig entgegen zu setzen. Die hiesigen Temperaturen waren zwar angenehm, aber auch nicht immer. Was in mir den Entschluss reifen hat lassen, mich in den kommenden Wochen, ja möglicherweise sogar Monaten unter die Fittiche eines Sonnenengels zu begeben. Ja, so etwas gibt es, und ja, mit der Bewusstheit wächst auch die Lösungsorientierung. Das heißt: falls der Sonnenengel Audienz halten darf.

Aber eben nicht nur ich bin wieder da, sondern auch die C-Scheisserchen samt Einschränkungen. Meine Kusine wird das freuen, denn sie geht ohnehin immer um 20 Uhr ins Bett. Da versäumt sie jetzt gar nichts mehr. Der Lieferservice darf sich ja weiterhin abstrampeln. Und ich schaffe es vielleicht auch, vor Mitternacht ins Bett zu kommen. Denn wenn im Außen kaum Eindrücke gesammelt werden können, müssen sie im Innen ja auch nicht stundenlang verstoffwechselt werden. Mit meinen Freundinnen treffe ich mich jetzt eben untertags, ich schreibe abends ohnehin besser.

Aus dem heutigen Blickwinkel ist aber auch der ganz alltägliche Wahnsinn wieder da, stärker denn je. Eigentlich sollte dieser Beitrag ja davon handeln, dass ich während der Auszeit-Tage drauf gekommen bin, dass ich in den mir wichtigen Situationen des Lebens Stabilität brauche. Und ich wette, nach den vergangenen Tagen bin ich nicht die Einzige, die sich das wünscht. Ich frage mich langsam wirklich, was uns die Ereignisse dieser Tage sagen wollen. Was das C-Scheisserchen meiner Meinung nach bedeutet, habe ich ja immer wieder vermerkt. Leider scheine ich eine der wenigen zu sein, die daraus Obsorge für das körperliche Wohl, Achtsamkeit und Innenschau ableitet. Sonst würde ich ja nicht nach einem Mund-Nasen-Schutz suchen (müssen), der durchsichtig ist, sondern könnte mir das sparen.

Doch die Anschläge der vergangenen Tage in Europa sind ein ganz anderes Thema. Was unsere Welt in meinen Augen braucht, ist Einigkeit: für die Natur, für die Kooperation, für die Nachhaltigkeit allgemein. Doch was passiert? Trennung auf allen Ebenen. Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft fühlen sich zunehmend separiert. Voneinander, von der Umwelt, von Chancen. Daraus entsteht Mangel, den es vielfach gibt, aber der bei weitem nicht so häufig anzutreffen ist, wie uns manch einer glauben machen möchte. Uns hier in der westlichen Welt der nördlichen Hemisphäre geht es immer noch besser als weiten Teilen des Rests. Warum fällt uns Teilen dann so schwer, vor allem mit jenen, die aus eben diesem Rest kommen? Warum müssen wir erst angegriffen werden, damit wir zu ahnen beginnen, dass wir schon viel früher die Gegenwart dieser Menschen als Angriff empfunden haben?

Angriff ist vielfach die dunkle Seite von Neugierde. Wenn wir aufhören, uns für Neues, Anderes zu interessieren, führt der Weg über die Gleichgültigkeit sehr schnell in die Defensive. Nennen Sie mich naiv, doch ich glaube, dass alles Negative in dieser Welt aus einem Gefühl des Mangels heraus entsteht. Und der muss noch nicht einmal selbst empfunden sein, sondern kann auch von außen kommen. Womit ich wieder beim Medienkonsum lande. Egal ob es die Pandemie, die Anschläge oder die US-Wahl ist – wir werden überschwemmt mit zweifellos wichtigen Themen, jedoch ohne Achtsamkeit auf unser aller Psyche. Nicht dass die Medien hierzu einen expliziten Auftrag hätten; Bewusstsein dafür, was sie mit ihrer Berichterstattung anrichten (können), erwarte ich mir schon. Studien gibt es inzwischen genug dazu, wie sich negative Schlagzeilen auswirken können – warum nicht einmal gute produzieren? Meine Kollegen könnten nun einwerfen, dass ich ja wissen müsste, dass sich nur Schlechtes gut verkauft. Natürlich, doch das stimmt mich noch nachdenklicher. Sind wir Menschen tatsächlich schon so konditioniert, dass wir unseren ständigen FFF-Impuls bedienen wollen? Fight, Flight oder Freeze ist doch nur eine Reaktion für den absoluten Notfall! Und seien wir ehrlich: Wie oft befinden wir uns in einem absoluten, persönlichen Notfall? Nur selten. Zum Beispiel dann, wenn man zur falschen Zeit am Wiener Schwedenplatz, in Minneapolis oder der Basilika Notre-Dame-de-l’Assomption in Nizza ist. Doch sonst?

Natürlich ist es leichter, die Intention eines Gegenübers am Gesichtsausdruck abzulesen – doch wie viele Menschen haben sich auch ohne MNS eine Maske zugelegt, die sie zu Markte tragen? Wir müssen eben auch die Körpersprache lesen lernen. Grund für FFF ist das nicht. Natürlich ist es leichter, Verbundenheit mit anderen Menschen zu spüren, wenn man sie bei einem Glas Bier oder einem Spritzer trifft. Doch geht es einem tatsächlich um die Verbundenheit, wird man kreative Wege finden, sie trotzdem herzustellen. Und natürlich ist es leichter, den Mangel zu artikulieren als sich auf das Gute zu besinnen, das man in seinem Leben hat. Oder es zumindest zu entdecken. Anlass für FFF ist unsere gegenwärtige Situation mitnichten. Vielmehr ein Aufruf, unsere besten Kräfte zu mobilisieren, um Einigkeit herzustellen, die getragen ist von Toleranz, Mitgefühl und Intelligenz.

 

 

FREITAG: Eine Handvoll Gesundheit

Jetzt kriecht sie wieder rein, die Schwere. Zumindest für einige Menschen in meinem Umfeld. Dass der Winter vor der Türe steht, macht die Sache nicht leichter.

Meine Kusine in Kanada liest sich um Kopf und Kragen, was die C-Scheisserchen angeht. Meine andere Kusine zerbricht sich den Kopf, wie man einen 16köpfigen Wanderausflug „legal“ anlegen könnte. Meine Tiroler Freundin hängt lethargisch an ihrer Wohnböschung und hofft händeringend auf Rückenwind. Eine andere Freundin liegt wegen Hyperventilierung der Pumpe im Krankenhaus, eine weitere leidet an Schnappatmung, weil sie als eierlegende Wollmilchsau bezahlt wird, dafür aber zu wenig Tagesstunden zur Verfügung hat. Eine Freundin ist als Lehrerin und Mutter eines schulpflichtigen Kindes total überfordert. Und bei einer anderen hat man das Gefühl, dass sie bald jeden anspringt, der Abstand von ihr nimmt und/oder irgendetwas zum Thema Mund-Nasen-Schutz zu ihr sagt, den sie rebellischerweise manchmal einfach „vergisst“.

Ja, die Zeiten sind schwer, vor allem aber ziemlich kompliziert, wie ich finde. Denn für die kleinsten Handgriffe müssen wir aktuell unser Gehirn anwerfen und nach den neuesten Vorschriften schürfen, wenn wir uns im Rahmen der nationalen Gesundwerdungspläne bewegen möchten. „Sollen“ ist vielleicht das bessere Wort, denn „möchten“ ist aktuell nicht gefragt. Was passiert, wenn man sich vom „Möchten“ pushen lässt, sehen wir ja an den Orten, die neumodern als „hotspots“ bezeichnet werden. Noch mehr dort, wo die C-Ampel auf Rot steht, weil quasi jeder jeden angesteckt hat, fast wie bei einem Gesellschaftsspiel.

Der Unterhaltungswert ist allerdings beschränkt. Und doch sollen wir doch bei all dem die Freude nicht zu kurz kommen lassen. Endlich haben es zwei Apotheker und ein Arzt in Oberösterreich laut ausgesprochen: Ja, man kann etwas tun, auch jenseits vom lähmenden Warten auf eine Impfung. Ja, man kann sich mit Vitaminen und Spurenelementen versorgen, etwa mit Selen und Zink, den Vitaminen C und D. Auch mit Meditation, Bewegung und gesunder Ernährung. Stellen Sie sich vor: Eine Studie hat ergeben, dass der durchschnittliche Österreicher und sein weibliches Pendant statt der empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse nur zwei essen – wundert mich da etwas? Nein! Falls jemand die Portion definiert haben möchte: die Hand zur Faust ballen! Das ist die Portion, die jeder Mensch braucht. Keine transportable Waage, kein ständig mitgeführter Messbecher. Simple as that.

Ich war heute im Reformhaus und habe mich mit Zink, Kurkuma und Echinazin eingedeckt. Selen besorge ich mir noch, ebenso wie Colostrum. Noch nie gehört? Studien sagen, dass es die Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen extrem senkt. Dass es zur Darmgesundheit beiträgt und gut für die Collagenproduktion der Haut ist. Auch wenn ich keine leidenschaftliche Tablettenschluckerin bin: Das alles ist mir bei weitem lieber, als jammernd auf eine Impfung zu warten, von der wir schon jetzt wissen, dass unter fünf Jahren keine Langzeitergebnisse zu erwarten sind. Meine kanadische Kusine meinte zwar, dass es fünf Jahre dauern könnte, bis wir alle an den Impfstoff kommen. Doch selbst in diesem Fall haben wir die Verantwortung für uns selbst. Jetzt!

Und dann noch die Freude. Zugegebenermaßen habe ich mich in den letzten Tagen selbst daran abgearbeitet. Weil ich einfach müde bin, und erfahrungsgemäß ist in diesem Zustand alles, aber auch wirklich alles bäh. Doch auch das zeigt die Erfahrung: Irgendwann einmal gehe ich mir damit auf die Nerven. Es hat einfach keinen Sinn, irgendwelche Schlupflöcher zu suchen, weil das erst recht Stress verursacht. Und das ist ganz unintelligent in Zeiten wie diesen. Jetzt kommt erschwerend dazu, dass alle Kinder samt deren Vater in Risikogebieten wohnen, teilweise sogar mit einem Lockdown konfrontiert sind. Umso inniger habe ich beschlossen, den Kopf der gedachten Perlenschnur zu überlassen und sie nicht durchzuschneiden. Das Wetter aktuell unterstützt meinen Auftrieb, auch die Aussicht auf eine Woche Nichtstun. Und wenn ich aus diesem Nichtstun wieder auftauche, das wirklich ein solches werden dürfte, weil alles andere beschwerlich ist, sehe ich hoffentlich auch das Gute im Kalten, das Warme im Regen und das Grazile in der Winterzeit. In diesem Sinne lesen wir uns am 7. November – und immer schön die Fäuste ballen!

FREITAG: Stammgast im (virtuellen) Kopfkino

Die Generation, die nach der Generation Z kommt, wird vielleicht E oder Alpha genannt werden. Wie auch immer: Ihr Alltag wird sich vielfach digital abspielen. Und da braucht es Achtsamkeit, wie ich finde.

Bei Recherchen kommen einem ja viele Themen unter, die mit dem eigentlichen Informationsziel nur am Rande zu tun haben. In diesem Kontext durfte ich also jüngst erfahren, dass das analoge Leben für junge Menschen auf dem Rückzug ist. Schon die jetzige Generation Z, also jene, die frühestens 1995 und spätestens 1999 geboren wurde, erfährt ein eingeschränktes reales Leben. Die nachfolgende, über deren Namen noch diskutiert wird, kriegt ohne WLAN Auszucker, weil sie nichts anderes kennt und gewohnt ist, alles gleich und sofort tun, suchen und organisieren zu können.

Meine erste Reaktion: Gott, wie schrecklich! Meine zweite: Vorsicht! Denk noch einmal nach. Denn zum einen muss man sich als Mensch meines Alters immer auch fragen, was man selbst dazu beigetragen hat. Mein Jüngster gehört der Generation Z an, wie auch seine Freundin. Und wenn ich mir erzählen lasse, was ihren Alltag ausmacht, ist da natürlich viel Virtuelles dabei. Schon alleine deshalb, weil beide noch studieren und das in Zeiten wie diesen eben häufig „auf die Ferne“ passiert. Und natürlich bedienen beide die sozialen Netzwerke und teilen ihr Leben mit anderen. Und da kommen wir zum Punkt: Sie teilen ihr analoges Leben mit anderen. Sie gehen in die frische Luft, treffen sich mit Freunden, belegen hoffentlich bald einen Samba-Tanzkurs  – letzteres liegt allerdings nicht ganz in ihrer Hand. Vermutlich bin ich selbst häufiger auf Instagram und Facebook als die beiden. Insofern haben die vielen Ausflüge, die intensiven Gespräche und das Spielen doch dazu beigetragen, dass die Kids sich noch an den Spaß erinnern können.

Wie ich mich daran, als ich in Urlaubszeiten meine Eltern von einer Telefonzelle über die aktuellen Erlebnisse informiert habe, erinnere. Keine ständige Erreichbarkeit, ein Gefühl von Freisein, das sich heutzutage kaum mehr jemand leisten kann/will. Bei mir ging diese Zeit zu Ende, als ich mein erstes, dickes Motorola-Handy bekam. Meine Handtasche wurde schwerer, damit auch der Rechtfertigungsdruck, warum ich einen Anruf nicht entgegen genommen hatte. Und dann kam dieser eine Moment, wo ich aus emotionalen Gründen damit begann, Apps zu benützen, die Kommunikation mit anderen Teilen der Welt ermöglichte. Das war das wahre Ende meiner analogen Welt.

Denn was damit grundsätzlich passierte, war: Mein Kopf drehte sich verstärkt um „hätte – wäre – könnte“ – Themen. Weil die reale Welt eben nicht stattfand aufgrund von Entfernungen, musste die 3D-Welt in die eindimensionale Welt der Textnachrichten oder Postings gepresst werden. Was jetzt selbst einem physikalischen Nackerbazi wie mir klar ist: Das kann nicht funktionieren. Und dennoch habe ich es jahrelang probiert. Am Ende stand die Erkenntnis, dass das alles nichts mit meiner Realität zu tun hat.

Seitdem fällt mir verstärkt auf, wie viele Menschen Stammgäste in ihrem Kopfkino sind. Kürzlich hörte ich die Aussage: „Die Vergangenheit ist vorbei, die Gegenwart trist, bleibt nur die Zukunft, über die es sich nachzudenken lohnt.“ Das erklärt vieles, wenn nicht alles. Verstehen Sie mich richtig: Ich plane auch gerne – siehe Reisethematik. Siehe Voll50. Siehe meinen Terminkalender. Doch dabei unterscheide ich sehr klar, wofür sich der Energie-Einsatz lohnt und wie weit meine Selbstwirksamkeit geht. Natürlich könnte ich auch einen Engel anrufen, der mir den Weg freischaufelt nach Südafrika und dabei auch gleich das C-Scheisserchen wegfegt. Habe ich getan, Herr Engel war auf diesem Ohr taub. Und genau das ist der Punkt. Wenn etwas nicht klappt, wird einem das ziemlich deutlich vor Augen geführt. Meine Faustregel: Nach dem dritten Versuch lasse ich es einfach. Egal was.

Kopfkino entsteht auch oft aus Angst. Wenn ich nicht um Punkt 12 Uhr mittags ein „Ich liebe Dich“ höre, kann da natürlich die Welt untergegangen sein. Wenn ich ein sehr persönliches Interview gebe, kann das natürlich eine Einladung für einen Stalker sein. Wenn ich eine Zigarette anzünde, kann ich natürlich Krebs bekommen. Doch es KANN auch ganz anders kommen. Man hat eben immer die Wahl, wohin man seine Aufmerksamkeit lenken will. Wenn ich um fünf vor zwölf eine Liebeserklärung bekomme, reicht das doch mindestens für zwei Stunden. Wenn ich ein Interview gebe, kann ich andere bestärken. Wenn ich rauche, kann ich meine Verdauung anregen.

Und auch hier folge ich dreimal dem Impuls, die Sicht auf die Dinge zu ändern, wenn sie an mich herangetragen wird. Gelingt es dann immer noch nicht, lege ich den Schalter um. Und dann befinde ich mich in einem Modus, der zwar den Ausführungen des Gegenübers folgt, doch gleichzeitig auch um spirituelle Unterstützung dafür bittet, dass dem/der Anderen die Angst genommen werden möge. Und der Fokus sich wieder auf das richte, was vor den Füßen passiert. Nämlich auf das 3D-Leben.

Vor meinem Fenster ist gerade die Sonne durch die Wolken gebrochen. Neben mir schnurrt die Katze auf einem weißen Handtuch. Ein blaues liegt um meinen Hals, weil ich vor dem Schreiben dieser Zeilen aus der Dusche gestiegen bin. Und mein Bauch meldet, dass er endlich die Nudeln mit Roten Rüben und Garnelen essen möchte, die von gestern noch übrig geblieben sind. Das ist für mich analoges Leben: zu achten, welches Potenzial ein Tag haben kann, wenn ich ihn mit der richtigen Intention gestalte. Und diese Intention sollte immer eine freudvolle, heitere und aufmerksame sein. Nur so können wir alle durch diese ungewissen Zeiten kommen, ohne schwereren Schaden zu nehmen.