Fünf Jahre FREITAG

Kaum zu glauben, dass ich bereits seit fünf Jahren hier auf Ursache\Wirkung meine Gedanken zum Dasein mit voll50 verschriftlichen darf. Ein Abgleich.

Vor einem halben Jahrzehnt habe ich über den Besuch eines Flüchtlingsfestes berichtet. Und dieses Thema – also ohne Fest – ist gerade wieder sehr aktuell. Ich darf gar nicht über das Thema Integration nachdenken, denn sonst kommt es wieder zu einer Gehirnverstopfung wie letzte Woche. Die übrigens besser geworden ist dank der Musikdiät. Vor fünf Jahren ging es auf dem Fest natürlich nicht ohne Musik, nicht ohne Tanzen und nicht ohne männliche Energie. Und logischerweise muss ich an dieser Stelle Bob Dylan zitieren: „The times they are a-changin’“.

Ein Jahr später ging es auch um männliche Energie, aber mehr um die gezielte Abwesenheit davon. Es ging darum, dass frau irgendwann an den Punkt kommt, sich um sich selbst kümmern zu wollen, weil alles andere scheinbar in die Irre, wahlweise in den Wahnsinn führt. Dass man auch ohne Männer feiern kann, vor allem seine Freiheit. Dass das interessanterweise die Attraktivität vergrößert, muss man sich erst auf der Zunge zergehen lassen wie Gurkeneis mit Holunder.

Im darauf folgenden Jahr wieder die männliche Energie, dieses Mal die virtuelle. In einer globalisierten Welt kann man sich an attraktive Menschen per Wisch drannapfen, je nach Lust, Libido und Launenhaftigkeit. Das ist seitdem gestiegen, vor allem auch durch die Virus-Zeit, wo ja quasi nichts anderes blieb als der Online-Flirt. Eine Freundin hat mir aus dieser Zeit erzählt, dass selbst ein distanziertes Treffen auf zwei Meter Entfernung nicht möglich war – tja, die Angst hält uns in Atem bei gleichzeitigem Jammer darüber, dass man sich nicht mehr umarmen kann. Doch von den C-Scheisserchen war hierzulande 2018 noch keine Rede. In Not war man(n) aber damals schon.

2019 dann die Wende. Offenbar hatte ich begonnen, die Lektion zu lernen. Nämlich jene, mich zuerst um mich selbst zu kümmern, bevor ich mich der Nöte anderer annehmen kann. Ist irgendwie logisch, doch bis die Leitung vom Hirn in den Rest des Körpers freigelegt ist, braucht es Zeit. Der operative Eingriff kann nur insofern erfolgen, dass ein Gerüttelmaß an Wunden sorgsam geflickt wird und wir jeden Tag beim Blick in den Spiegel daran erinnert werden, woher das Souvenir stammt und dass es reicht, eines davon zu besitzen.

2020 wurde ich wieder rückfällig, allerdings ging es da um einen sehr kleinen Mann. Nicht im Sinne von Danny DeVito, sondern um einen bald Sechsjährigen, mit dem ich mich in einem Gespräch über das Wünschen wiederfand. Bald ist es wieder soweit und er darf erwartungsvoll seinem Geburtstag entgegenfiebern. Ich fiebere meinen Wünschen nicht mehr entgegen, weil ich kaum mehr welche habe. Manchmal, wenn ich müde oder hungrig bin, kommt das eine oder andere, völlig irrwitzige Verlangen durch, doch mein innerer Kompass schaltet inzwischen sehr rasch in den Sinnhaftigkeitsmodus. Denn soweit schafft es mein Hirn selbst ohne Essen und Schlaf noch, dass es das einschätzen kann. Ob mir eine Sache kurzfristig oder langfristig gut tut. Ob jemand, nach dem ich mich sehne, denn wirklich diese Sehnsucht rechtfertigt oder rechtfertigen kann. Ob hinter diesem Wunsch nicht einfach ein anderes Bedürfnis steckt. Da bin ich schon ziemlich gut darin, wenn es auch mein Ziel ist, mir nur mehr zu wünschen, was langfristig eine Perspektive hat. Privat wie beruflich. Und unter Perspektive ist jetzt nicht etwa der Ring am Finger oder die Anstellung auf Lebenszeit gemeint. Sondern eher etwas, was Freude und Frieden, Erfüllung und Energie schenkt. Werden diese vier zum Leitstern, wird man mit dem Wünschen sehr achtsam. Und das ist auch gut so, denn viel zu oft habe ich mir etwas gewünscht, was dann scheinbar daher gekommen ist und letztendlich augenscheinlich schief gegangen ist. Es ist wie mit dem Essen: Man kann für den Gaumen essen oder für den Rest des Körpers. Ich habe mich für letzteres entschieden und übe das jeden Tag.

Aktuell bin ich so damit beschäftigt, das alles in mein Leben zu integrieren, dass ich – siehe oben – für die externe Integration kaum Kapazitäten frei habe. Doch was beide verbindet, ist der Willen, andere Wege zu suchen und sie konsequent gehen zu wollen. In der Numerologie steht die Zahl Fünf für Veränderung. Insofern ist es nur logisch, dass sich dieser Wandel auch in meinen Beiträgen widerspiegelt. Außerdem befinden wir uns in einem Fünfer-Jahr (2+0+2+1 = 5), ich bin heuer 55 geworden. Sie können sich vorstellen, dass in meinem Leben und in meinem Bewusstsein heuer die Bärin tanzt. Jeden Tag. Auch ohne Fest. In diesem Sinne tanze ich mit der Bärin nächste Woche durch meinen Urlaub und berichte in der letzten Juliwoche davon. Bleiben Sie mir gewogen und nicht vergessen: tanzen!

FREITAG: Ennios Rat gegen die Brainophilie

Kennen Sie dieses Emoji, bei dem die Schädeldecke gesprengt wird? Das bin ich aktuell. Schade, dass es das nicht in meiner Haarfarbe gibt.

Heute ist einer dieser Tage, an dem mein Hirn gerade wieder einmal nicht weiß, worauf es sich festlegen soll. Einerseits ist das positiv, weil mir die Situation zeigt, dass es nichts gibt, worüber ich länger nachdenken muss. Doch – und das ist symptomatisch – gleichzeitig erscheinen mir bestimmte Themen sehr wohl den einen oder anderen zusätzlichen Gedanken wert zu sein. Allerdings komme ich da nicht wirklich weiter, was das Schwungrad in Gang setzt und mich – weil ich ja feststecke – zum nächsten Thema wirft. Glücklicherweise gibt es derzeit die schönste Nebensache der Welt, die mich aus dem Denken herausbringt. Das hilft allerdings auch nur maximal 20 Minuten. Früher konnte ich neben einem Wettbewerbsmatch meiner Lieblingsmannschaft vielleicht gerade noch sprechen, je nach Fehlpass oder verschossenem Elfmeter. Heute werde ich nach 20 Minuten hippelig, weil ich das Gefühl habe, meine Zeit zu verschwenden.

Und womit kämpft man dagegen an? Mit interessanten Informationen. Was mich dann wieder dorthin bringt, dass ich über Gelesenes oder Gehörtes nachdenke, aber auch das nur bis zu einem gewissen Punkt. Fast scheint mir, als hätte ich eine Gehirnverstopfung, die eine Verstoffwechselung der Information nicht zulässt. Heute morgen habe ich einen Podcast über Ennio Morricone gehört, der vor einem Jahr gestorben ist. Und er soll gesagt haben, dass heutzutage Musik konsumiert wird. Ich dachte natürlich zuerst an die Beschallung in Einkaufszentren oder im Lift. Doch dann musste ich einsehen, dass auch ich meine geliebte Musik viel zu oft konsumiere. Es fällt mir vor allem dann auf, wenn mein Ex aus seiner Stille heraus zu Besuch kommt und immer wieder auf meinem Handy herumdrückt, um den Tagessoundtrack abzuschalten. Oder eben wenn ich mit der Nase darauf gestoßen werde wie heute morgen. Und feststellen muss: Es ist einfach zu viel. Zuviel „Smile“, zuviel „The Wave“, zuviel „Sunshine Radio“. Seit ich entdeckt habe, dass ich Radiosender aus aller Welt in meine Welt holen kann, bin ich echt maßlos geworden. Und bislang war mir das gar nicht bewusst, weil ich so begeistert davon war, neue Musik kennenzulernen und sie auf meinen Spazierblackberry zu laden. Doch Ennio hat das heute geändert.

Seit zehn Stunden höre ich nun schon keine Musik, sondern das Klicken des Gehstock meiner Nachbarin auf ihren Gartenplatten, das Krakeelen der Elstern in der Trauerweide, das Miauen der Katze, wenn sie unter dem Einfahrtstor durchschlüpft. Vor dem Supermarkt gegenüber unterhalten sich zwei Männer, vermutlich leicht angetrunken, und der Verkehr nimmt in Richtung Einkaufszentrum ab. Der Wind fährt durch die Birke und die Windspiele im Garten. Ein Handy bimmelt, irgendwo. Meine Ohren sind also hinlänglich ausgelastet, auch ohne internationalen Soundteppich.

Vor vielen Jahren habe ich Julia Camerons „Der Weg des Künstlers“ durchgeackert, und eine der schlimmsten Aufgaben war, eine Woche nichts zu lesen. Das Internet war bei weitem noch nicht so „ausgebaut“ wie heute, doch kein Buch, keine Zeitung, kein Magazin mehr aufsaugen zu dürfen, hat mich damals schwer getroffen. Doch ich habe es gemacht und es überlebt. Gerade derzeit habe ich den Eindruck, dass mir das wieder einmal gut täte. Weil mich vieles, was mich interessiert, eh nur noch mehr verwirrt. Und ich mich dann frage, warum mich das dann interessiert. Doch bevor ich zu einer finalen Antwort komme, schwebt eine andere Information an mir vorbei, ich strecke meine Hand aus und schwuppdiwupp, ist sie hängen geblieben und reiht sich auf dem Stab der bereits früher an mir vorbeigeflogenen und geretteten Informationen ein. Vielleicht bin ich ja nicht nur bibliophil, sondern auch brainophil? Vielleicht liebe ich es, Gedanken zu sammeln, ohne sie auch nur ansatzweise zu Ende denken zu wollen?

So geht das nicht weiter. Schließlich habe ich wichtige Entscheidungen zu treffen, die keine Ablenkungen gebrauchen können. Insofern ist es gut, dass die Fußball-EM in die finale Woche geht. Insofern ist es gut, dass ich eine relativ ruhige Woche mit wenig Input von außen erlebe – zumindest bis zum Wochenende. Insofern ist es gut, dass sich das Bewusstsein für Umgebungsgedudel heute morgen Bahn gebrochen hat. Wenn zu viel in meinem Leben ist – und das war in den vergangenen zwei Wochen definitiv der Fall -, verliere ich leicht meinen Fokus, also den Fokus auf meine Belange. Da geht es um andere, ihr Wohlbefinden und Wohlergehen, um das Dazwischen-Hineinflicken des gewohnten Alltags, aber auch nicht mehr. Jetzt könnte die aufkeimende Normalität helfen, wieder in die Spur zu kommen. Die mit den fünf Interessensgebieten, die mit der Kongruenz zwischen Haltung und Aktion, die mit MBSR und Meditation. Und nach diesem Reset bin ich dann wieder offen für Unvorhergesehenes, Spontanes. Das ist eben meine Version von „Back to the Roots“: verankern und auf das nächste Gewitter warten. Es kommt bestimmt. Und ich liebe Gewitter!

FREITAG: Wandel in der Wildnis

Vor zwei Jahren bin ich an einer Schwelle gestanden, an der ich überlegt habe, ob ich meine wöchentlichen Ergüsse einstellen soll. Ich spürte, dass sich etwas in mir und meinem Leben änderte, ohne festmachen zu können, in welche Richtung es gehen könnte. In dieser Woche wurde ich mit den ersten Auswirkungen konfrontiert.

Es sei schwierig, mit mir Kontakt aufzunehmen. Angesichts der Tatsache, dass eine liebe Freundin von mir kürzlich noch nicht einmal meine Klingel gefunden hat, weil der wilde Wein kreuz und quer über die Mauer wuchert, wundert mich das grundsätzlich nicht. Und auch innerhalb dieser Mauer wächst vieles ungebremst vor sich hin. Ich habe meinen Rasen zur Wiese erklärt, die Farne sind so hoch wie mein kleiner, fast sechsjähriger Nachbar groß ist, Kiwi, Wein und Wisteria umschlingen sich wie Liebende. Die Goldfische im Teich sind groß und stark geworden, weil sie ganz viel schwimmen müssen, um zwischen den Wasserlinsen und Gräsern eine freie Stelle zum Luft schnappen zu finden. Sie sehen, ich lasse mich tatsächlich zuwachsen.

Das bedeutet aber nicht, dass ich schlecht ansprechbar bin. Denn die Wildnis hat es noch nicht geschafft, die Telekommunikation zu erwürgen. Zugegebenermaßen muss ich aber sagen, dass ich mit Texten in mündlicher und schriftlicher Form schon sehr selektiv geworden bin. Und das hat weniger mit den Menschen zu tun, die sich mit mir unterhalten wollen, sondern vielmehr mit meiner Reaktionswilligkeit. Auf zu viele Dramen bin ich in der Vergangenheit aufgesprungen, die sich im Nachhinein noch nicht einmal einen Sturm im Wasserglas verdient hätten. Ich habe meine Gehirnkapazitäten zu häufig in den Dringlichkeitsdienst von anderen gestellt und dann kaum mehr welche für mich und meine Belange übrig gehabt. Von der zur Verfügung stehenden Energie will ich gar nicht sprechen. Im Laufe der letzten zwei Jahre habe ich umgesetzt, was ich schon hundertmal gelesen hatte: Ich kann nur geben, wenn ich selbst ausreichend zur Verfügung habe – Zeit, Energie, Fokus. Doch auch hier gilt: Wenn ich die Not eines Menschen spüre, mache ich Ausnahmen. Doch spüren muss ich sie.

Zweiter Vorwurf: Ich hätte auf etwas Wichtiges nicht reagiert. Online. Obwohl ich selbst etwas gepostet hätte. Also online war. Ja, ich verstehe, dass man sich dadurch ignoriert fühlen kann. Und ja, es hat Zeiten gegeben, in denen ich noch während des Zähneputzens ein „Like“, Herz oder sonstiges Emoji abgesondert hätte. Doch die bittere Wahrheit aus diesen Zeiten war und ist: Mein Leben lebt sich nicht von alleine, während ich Gott und der Welt helfe, dieselbe wieder aufzubauen. Dass ich dafür mitunter grob behandelt wurde, hat mich die Sinnhaftigkeit doppelt in Frage stellen lassen. Jetzt muss man natürlich sagen, dass es unfair ist, Fehler eines Menschen einem anderen zuzuschreiben. Doch der Mensch agiert zu 95 Prozent im Automodus und nur zu fünf Prozent bewusst. Wenn das Leben voll ist, greift er schon einmal auf ungerechte Automatismen zurück, weil ihm die Zeit fehlt, eine Reaktion zu reflektieren. Ich gestehe: Da ist noch Luft nach oben, ich bin eben auch ein „work in progress“.

Es ist nicht so, dass ich bewusst Wichtiges im Leben von Menschen, die mir am Herzen liege, ignoriere. Ich habe nur in den vergangenen Jahren gelernt, mich auf wenige Dinge zu fokussieren. Und wenn ich merke, dass mein Kopf voll ist, versage ich mir auch ganz bewusst die eine oder andere Information. Ein Podcast kann noch so interessant sein – wenn ich spüre, dass ich schon zum dritten Mal „zurückspule“, schalte ich ihn ab. Wenn ich mich dabei erwische, in einem Artikel mehrmals zurückzulesen, kommt er auf den Haufen für später. Und da ich weiß, wie sehr ich in Instagram versinken kann, poste ich eine für mich erfreuliche Ansicht und bin schon wieder weg. Anders geht es nicht mehr mit meinem 55jährigen Hirn, das aufgrund der C-Zeit gemerkt hat, wie viel Ruhe es im Grunde braucht.

In meinem Beitrag vor zwei Jahren habe ich von der „Leere“-Karte geschrieben, die ich damals häufig aus meinem Tarotkarten-Stapel gezogen hatte. In Zeiten wie diesen ist es die „Ruhe“-Karte. Immer und immer wieder. Und ich weiß auch, warum ich sie immer wieder bekomme. Weil ich nämlich keine Ruhe geben möchte. Weil ich vieles möchte, vieles behirne, manches zu entscheiden habe. Und dann kommt wieder der Mensch, der auf dem Bett liegt. Ich kann mich jetzt dagegen wehren und gegen das Bedürfnis arbeiten, das ich sehr wohl spüre. Oder ich kann mich hingeben. Die Hängematte ausrollen, die Decke für die Katze über meinen Bauch legen und mich von ihrem Schnurren beruhigen lassen. Klingt wenig spektakulär, doch irgendwie ist es für mich spektakulär. Weil es mich in Staunen darüber versetzt, wie wenig ich eigentlich brauche, um zufrieden zu sein. Liebe Menschen auch, selbstverständlich. Doch Zeit zum Streicheln eben genauso. Momentan kann ich nur so funktionieren.

FREITAG: Alles nur Zufall?

In einem Video habe ich Anfang des Monats gehört, dass sich die Serendipitäten häufen könnten. Daumen hoch!

Heute morgen habe ich darüber nachgedacht, wie häufig diese Serendipitäten in den letzten Wochen waren. Und weil es so viele waren, teile ich hier übersichtliche drei Stück mit Ihnen. Kurz noch zur Begriffsklärung: Unter Serendipität versteht man die zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. Wobei ich an Zufälle ja nicht glaube, aber das wissen Sie als regelmäßige/r Leserin oder Leser bestimmt schon.

In einer schriftlichen Unterhaltung mit einer Freundin habe ich ihr an einem Tag viel Klarheit gewünscht. Es kam zurück: „Habe gerade eine Nachricht an einen Kunden geschickt, in der ich um mehr Klarheit gebeten habe.“ Und weil an diesem Tag das Hörstück meines Blogbeitrags veröffentlicht wurde, kam noch das Foto eines Kommentars, den sie gerade gelesen hatte: „Jugend schlecht drauf“ war auch das Thema für mich in der vergangenen Woche.

Mein Onkel ist gerade auf Österreich-Rundfahrt, weil meine Kusine aus Kanada auf Familienbesuch ist und alle sehen möchte. Auf der Tour durch die Bundesländer konnten wir Zeit mit tiefgehenden Inhalten füllen und auch die eine oder andere Erinnerung auffrischen. Zum Beispiel jene, als wir vor fast 20 Jahren in jenem Hotel in Udaipur genächtigt haben, das in einem See schwimmt. Es gibt ein legendäres Foto von meinem Vater mit Turban, das ich Ihnen hier aber ersparen möchte. Die Farbe war einfach nicht seine, das Lächeln passte aber sehr gut zum Outfit. Als Onkel und Kusine einen Besuch machten, setzte ich mich in meinen Ohrensessel und schaute mir eine Doku über Heiraten in Indien an. Und wo war sie angesiedelt? In Udaipur.

Gestern war am späteren Nachmittag ein Online-Workshop angesetzt, dessen Thema mich sehr interessiert und auf den ich mich schon seit Tagen, ja Wochen freue. Nachdem mein Onkel samt Kusine ins nächste Bundesland aufgebrochen waren, setzte ich mich an den Computer und freute mich über den Flow bei der Arbeit. Aktuell tue ich das auf der Terrasse, und da kann mich nur die Katze rausholen. Was sie auch tat, indem sie mich auf die Hängematte im Garten lockte, weil das Streicheln beim Schaukeln einfach großartiger ist als auf festen Grund. Und während ich ihr Fell nach Zecken absuchte und sie damit beschäftigt war, sich auf ihrer Decke einzurichten, fiel mir der Workshop ein. Katze aus der Hängematte gehoben, rauf ins Büro gelaufen und festgestellt, dass ich eine halbe Stunde verspätet war. Ich mag ja keine Verspätungen, weder bei Filmen noch bei Workshops, doch in diesem Fall dachte ich mir: „Besser eine halbe Stunde zu spät als alles versäumt.“ Also versuchte ich, mittels Link dazuzustoßen. Was leider nicht gelang – eine Viertelstunde lang nicht. Ich schrieb der Workshop-Leiterin eine Nachricht, die unbeantwortet blieb. Sie ist normalerweise sehr fokussiert, wenn sie lehrt. Also dachte ich mir: „Ich schreibe eine SMS, vielleicht kriegt sie das eher.“ Dazu muss man wissen, dass ich zuhause mein Handy stets im Flugmodus habe, weil ich immer noch Festnetztelefonie bezahle und zwar zwei Ohren besitze, aber nur auf einem telefonieren kann. Deshalb blinkte nach dem Einschalten der Mobilfunk-Verbindung eine Nachricht auf. „Der Netzbetreiber hat die Leitung gekappt und erneuert. Mein Modem ist bislang nicht kompatibel, wir müssen den Workshop verschieben.“ Trara!

Es kommt immer alles, wie es kommen soll – das ist die Erkenntnis der vergangenen Wochen. Und ich bin gespannt, welche Überraschungen es im Juli geben wird. Von einer kann ich bereits berichten: Ich werde wegfahren und herauszufinden versuchen, ob meine These richtig ist. Sie lautet: „Warum verreisen, wenn eh alle überall Angst vor dem Virus haben?“ Und die Gegenthese will ich jetzt erleben, nämlich „Warum nicht verreisen, wenn man sich auch am Meer mit den C-Scheisserchen konfrontieren kann?“ Ich werde berichten, wenn es soweit ist.

FREITAG: Arzt ade, Ärztin aloha!

Es wird langsam, auch weil mir ein Teil der Schnupfenlast weggenommen wurde – leider! Bei manchen Menschen geht es eben nicht ohne Rudelkuscheln.

Auch wenn ich vorsichtig war: Sie sind dann doch übergesprungen, diese Schnupfenschlümpfe. Und deshalb ist das Paket mit all den Hilfsmitteln, die ich letzte Woche an dieser Stelle ausgebreitet habe, schon halb gepackt. Nein, nicht mit meiner gebrauchten Nasendusche – das schlechte Gewissen hat mich eine neue kaufen lassen. Außerdem benötige ich meine ja noch, denn die 14 Tage sind ja noch nicht vorüber. Allerdings kann ich wieder gut schlafen, ich jage weniger Meersalzlösung über meine Schleimhäute und der herabschauende Hund geht auch schon wieder, ohne dass sich währenddessen die Nase in Blitzgeschwindigkeit verschließt. Also alles gut!

Und im Grund sogar supergut, denn ich war seit sieben Jahren wieder beim Blutabnehmen. Nicht dass ich so besonders neugierig darauf gewesen wäre, aber mein Hausarzt verabschiedet sich in die Pension und ich wollte ihn vorher noch einmal sehen. Zumindest zur Hälfte, denn mein Angebot, uns frisch getestet ohne Mundschutz zu begegnen, hat er abgelehnt. Verständlich, denn wer möchte denn den Ruhestand mit einem Virenkrönchen beginnen? Er bestimmt nicht. Wie ich überhaupt im Grunde immer schon das Gefühl hatte, dass er ganz gut auf sich achten sprich sich ganz gut von den Irrungen und Wirrungen der (medizinischen) Welt, wahlweise seiner Patienten distanzieren kann. Und ich mochte auch die heitere Gelassenheit, mit der er mir stets begegnet ist. Ich habe ja durchaus kreative Erklärungen für manchen Krankheiten, mit denen ich auch nicht hinter dem Berg gehalten habe, wenn er vor mir gesessen ist. Nachdem mein Vater als gesundheitstechnologischer Sparring-Partner irgendwann einmal ausgefallen war, musste mein Hausarzt herhalten. Und irgendwie hatte ich oft das Gefühl, dass ihn meine Theorien auch amüsiert haben – als Ausgleich zu den sonstigen Menschen, die er tagtäglich gesehen hat. Wusste er, dass ich bestimmt wieder mit einer Abstrusität daher kommen würde, war mir klar, dass er jedes Zipperlein mit dem Rauchen argumentieren würde. Vergessen werde ich ihm nie, dass er mir eine schulmedizinische Erklärung für den Leberhusten geliefert hat. Leider habe ich sie schon wieder vergessen, aber ich weiß jetzt, dass es eine gibt. Hilft auch schon.

Wir gehen auseinander mit – abgesehen von schnupfenbedingt erhöhten Leukozyten – dem besten Blutbefund seit Jahrzehnten. Und jetzt geht für mich die Suche nach einer medizinischen Fachkraft wieder los, die mit mir kompatibel ist. Mein Hausarzt meinte zwar, dass das überbewertet werde, aber er hat ja auch leicht reden – wir haben uns wirklich von Anfang an gut verstanden. Für mich ist das wichtig, weil ich einerseits wenig zum Reichtum eines Arztes oder einer Ärztin beitrage – da will ich wenigstens ein Lichtblick sein können. Andererseits kann ich als Patientin eine Plage sein, weil ich nur schwer etwas Schulmedizinisches widerspruchslos akzeptiere. Ich erinnere mich an den Besuch bei einem Orthopäden, der irgendwann einmal sagte: „Ich glaube, Sie nehmen mich nicht ernst.“ Eine medizinische Fachkraft zu finden, die so in sich ruht, dass sie alternative Sichtweisen akzeptiert, wird wohl eine Herausforderung werden.

Mein Hausarzt hat mir die Tochter eines Kollegen empfohlen, die die Praxis übernommen hat. Und vielleicht ist die Zeit jetzt wirklich reif dafür, meine Gesundheit in die Hände einer Frau zu legen. Einfach nur, um zu schauen, ob sie durch ihr Alter eine andere Herangehensweise an das Thema Gesundheitserhaltung hat. Oder von ihrem Vater und den medizinischen Prägungen die Krankheitssicht auf den Menschen übernommen hat. Ob sie auf das Gesamtsystem schaut oder eher an Reparaturarbeiten interessiert ist. Ich traue jungen Menschen gerne viel zu, und sie haben mich selten bis nie enttäuscht. Dass die vermutlich neue Hausärztin ein Diplom in psychosomatischer Medizin hat, klingt schon einmal gut.

FREITAG: Naseweise Tage

Ich könnte aktuell über Tausend Sachen schreiben, was leider zur Folge hat, dass ich mich für eine davon entscheiden muss. Mit einer vollen Nase fehlt der Riecher für das richtige Thema, weshalb ich schon jetzt für thematische Verfehlungen auf ihre Großzügigkeit hoffe.

Diese Woche bei einem Vortrag über Daoismus. Es war mühsam, zugegebenermaßen, und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass meine Konzentrationsfähigkeit abgenommen hatte oder dass ich auf etwas gewartet habe, was nicht kam. Irgendwann einmal habe ich begonnen, meine Unterarme und -beine einzucremen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich meine Zeit verschwende. Und weil mich Tätigkeiten dieser Art aus dem Kopf bringen, der nach fast anderthalb Stunden ohne Punkt und Ziel immer schwerer wurde. Da wundert es, dass ich mir tatsächlich einen Satz von Laotse gemerkt habe: „Tue nichts und alles ist getan.“

So kommt mir mein Leben gerade vor. Eigentlich tue ich nichts, doch rund herum tut sich alles. Besuche, Reinigungsarbeiten, Arbeitsaufträge – kurz: Die Tage füllen sich ohne mein bewusstes Zutun. Und bis zu einem gewissen Punkt finde ich das ganz wunderbar, doch irgendwann kommt dieser eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In meinem Fall ist das meine Nase und die darin verborgenen Schleimhäute.

Ich weiß, dass ich auch hier nichts tun kann, weil ein Schnupfen eben mit oder ohne Medikation 14 Tage dauert. Und jetzt könnte ich mich ja auf Laotse verlassen und verinnerlichen, dass kein Handlungsbedarf besteht. Das könnte ich vermutlich auch ganz gut, wenn nicht zwei Besucherschichten, Arbeit und sonstige Aufträge anstünden. Da will ich fit sein, da will ich stehen wie ein Einser, da will ich funktionieren.

Also krame ich in meiner Hausapotheke und der ayurvedischen Literatur, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der es mir ermöglicht, die Froschaugen zu minimieren und die Schleimhäute zu schmälern. Auch die damit zusammenhängende Flüssigkeitsproduktion sollte tunlichst eingeschränkt werden, weil mir das Geschleime auch ohne Schnupfen ein Gräuel ist. Ich finde eine Nasendusche, China- und Nasenöl sowie mehrere Meersalzsprays. Und das alles in der richtigen Reihenfolge zu konsumieren, bringt mich in die Aktion. Aktueller Anlass: ein Corona-Test. Bekanntlich muss man da ja zumindest ein Nasenloch frei haben, weil sonst kein Ergebnis zu erwarten ist.

Normalerweise funktioniert die Nasendusche sehr schnell – vorausgesetzt, ich erwische einen Zeitpunkt, an dem beide Löcher frei sind. Übersehe ich diesen, muss ich wieder warten – zwei bis drei Stunden laut Nasenzyklus. Dieser besagt, dass die Luft eben nicht immer durch beide Löcher gleichzeitig eingesogen und ausgeatmet wird, sondern wechselseitig. Und die kleinen Zeitspanne zu erwischen, wo sich dieser Wechsel vollzieht, ist einen Challenge. Etwas schneller funktioniert die Behandlung mit Chinaöl, das einem sehr schnell den Kanal bis ins Hirn durchputzt. Und einem auch die Möglichkeit bietet, die Nasendusche gleich nachzuschieben. Widerspricht allerdings dem natürlichen Rhythmus, doch da muss man Prioritäten setzen.

Das Nasenöl ist weniger hilfreich, schmiert allerdings jene Stelle unter der dem Nasensteg, der durch das viele Schnäuzen arg in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich empfehle dieses Öl allerdings nur zuhause, denn wenn es in Gesellschaft fettig aus der Nase rinnt, schaut man vermutlich in angewiderte Gesichter. Wenn es welche gibt, die sich mit einem treffen wollen, der schnupfig ist. Heutzutage weiß man ja nie, ob sich dahinter nicht doch Corona verbirgt.

In meinem Fall nicht, was mich beruhigt, vor allem auch angesichts der angekündigten Besuche. Das Rudelkuscheln wird vermutlich auf ein Minimum eingeschränkt, ich möchte schließlich niemanden verschnupft abfahren sehen. Und wer weiß? Vielleicht nimmt der Schnupfen wundersamer Weise gegen Ende der Woche ab, weil die Anforderungen eben dieser Woche auch alle abgehakt sind. Da ich ja meistens der Meinung bin, dass meine gesundheitlichen Verwerfungen psychosomatischer Natur sind, halte ich das für möglich.

Das Tanzen habe ich deshalb heute abgesagt. So gerne ich meine Hüften schwinge – ich habe das Gefühl, dass mir das Schwingen auf der Hollywood-Schaukel besser tut. Weil ich dort tatsächlich nichts tue, außer vielleicht die Katze zu streicheln. Und wenn ich diese Zeilen vollendet habe, gibt es auch abgesehen von der Stimmaufnahme dieses Beitrags nichts mehr, was es zu tun gibt. Und dann schaue ich mal, was sich von selbst erledigt. Auf die Reaktionen zu meinen stimmlichen Kapazitäten freue ich mich schon jetzt.

FREITAG: „S’is like this“

Vor einiger Zeit habe ich eine neue Funktion übernommen, die sich viel mit Gruppendynamik und interpersoneller Kommunikation beschäftigt. Dabei die Position der Frau im Mond einzunehmen, hilft ungemein.

Wogen glätten, Räume für Harmonie öffnen, Synergien zeigen – so würde ich diese neue Aufgabe konkreter beschreiben. Und als wir kürzlich zusammenkamen und ich erstmals im größeren Rahmen meine Funktion beschrieben habe, wurde mir klar: es geht mehr oder weniger um interpersonelle Kommunikation. Ich bot mich also an, zu vermitteln, sollten Menschen innerhalb unserer Institution Probleme miteinander bekommen. Eine Kollegin fragte mich: „Und was ist, wenn jemand von uns Probleme mit Dir hat?“

Ich erinnerte mich an einen Sonntagsspaziergang mit meinen Kindern, als mich der Älteste fragte, wie ich mit Menschen umginge, die mich nicht mochten. Und schon damals fiel es mir schwer, eine Antwort zu finden, da ich keine Zeit hatte, mich darauf zu fokussieren, wer etwas gegen mich haben könnte. Also sagte ich ihm, dass ich niemanden kennen würde, der etwas gegen mich hätte. Das mag ein zutiefst subjektiver Eindruck gewesen sein und fällt vielleicht in die Schublade einer Freundin, die kürzlich zu mir sagte: „Man kann sich alles schön reden.“ Meine Antwort: „Man sollte sich tunlichst alles schön reden.“ Schließlich richten wir uns am Schönen auf, jeden Tag aufs Neue.

Jetzt hätte ich die Frage meiner Kollegin als Provokation empfinden können, und weil ich sie kenne, möchte ich auch gar nicht ausschließen, dass sie die eine oder andere Ameise in den Allerwertesten gekniffen hat. Und doch kam etwas aus meinem Mund, das ohne großes Nachdenken sprudelte und mich im Nachhinein sehr glücklich gemacht hat. Ich antwortete: „Bitte sagt es mir direkt, denn ich tendiere inzwischen dazu, gar nichts mehr persönlich zu nehmen.“ Und das war die Wahrheit. Eine schöne Wahrheit für jemanden, der Jahrzehnte damit verbracht hat, zwischen den Zeilen zu raten. Zu interpretieren, was das Zeug hält. Etwas oder jemanden schön zu reden, obwohl die Lotusblüte noch meterweit von der Wasseroberfläche entfernt war und noch gar nicht feststand, ob sie diese jemals erreichen würde.

Kürzlich habe ich mit einem guten Bekannten in Tunesien telefoniert, dem ich die fundamentale Lebensweisheit „s’is like this“ verdanke. Schon alleine deshalb hebe ich ab, wenn er sich meldet. Denn „S’is like this“ ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Die Katze, die mich als Gastgeberin auserkoren hat, war auch eine gute Lehrmeisterin in „S’is like this“. Wenn ihr etwas wehtut, tut es weh. Aber sie katastrophisiert den Schmerz nicht. Sie schläft weiter, frisst weiter, lässt sich weiterhin streicheln und jagt Mäusen, Vögeln, Fischen nach. Bewertung ist ihr vollkommen fremd, während ich zumindest noch zum Schönreden neige. Ob ich mir das je abgewöhnen werde? Ich bezweifle das.

Gerade hat sich ein passendes Beispiel dafür ergeben. Während ich auf der Terrasse im Sonnenschein diese Zeilen schreibe, umkreist mich ein Rosenkäfer. Früher habe ich die Dinger gehasst, weil sie ihre glitschigen Riesenlarven immer in der Erde des Glashauses abgelagert hatten und ich mich mit Ekel um die Entsorgung kümmern musste. Jetzt bewerte ich die Larven nicht mehr, habe aber auch schon lange keine mehr gefunden. Wie auch immer. Dieser Rosenkäfer hat sich gerade in meinem Haarnest verfangen und bedurfte einer Hilfestellung, um dem Wirrwarr zu entkommen. Früher hätte ich einen Hysterieanfall bekommen, weil pfui. Heute denke ich, dass mich der Käfer mit einer Rose verwechselt hat, die er anfliegen wollte. Merken Sie etwas? Alles eine Frage der Perspektive.

Wenn ich nichts persönlich nehme – außer ich werde eben direkt adressiert -, werden auch die Bewertungen weniger. Wenn man Lust darauf hat, kann man Situationen auch schönredend erleben – der Euphemismus ist ja durchaus allgegenwärtig in unserer Zeit. So kann ich im Augenblick sein, wahlweise in meinem Kopf eine Geschichte stricken, die mir Freude macht. Und in Daseinszuständen wie diesen kommt man gar nicht mehr auf die Idee, sich angegriffen zu fühlen. Daraus resultiert wiederum: Wenn ich mich nicht angegriffen fühle, muss ich mich nicht verteidigen. Und stoppe damit das Rad der Impulsivität, das in der Kommunikation sehr leicht angetaucht werden kann.

Der Rosenkäfer ist gerade wieder über meinen Kopf hinweg gebrummt. Ein Schmetterling gondelt in Wellen um mich herum, und die Katze balanciert ihren eleganten Körper auf dem Geländer entlang. Das wahrzunehmen, ist ein viel größeres Geschenk als mir zu überlegen, wer mich gerade nicht ausstehen kann. Andererseits: ich würde nicht einmal das persönlich nehmen, sondern lediglich bedauern, dass diese Mensch seine Zeit mit grummeligen Gedanken verbringt. Ihn anlächeln und mich auf etwas Positives konzentrieren. Pippi Langstrumpf hat viele Facetten, „S’is like this“ ist eine davon.

FREITAG: Zurück zur neuen Normalität

Wir wurden ja dahingehend eingegroovt, dass wir uns in einer neuen Normalität wiederfinden würden. Doch die ist vermutlich für jeden anders, egal, wie sehr er sich bemüht, Vor-Coronazustände herzustellen.

Der Gastronom meines Vertrauens kann es langsam angehen lassen mit dem Öffnen, denn bei Schlechtwetter ein Bier im Freien zu trinken, ist kein Regenspaziergang. Also sperrt er später auf und pünktlich zu. So gewöhnt er sich gemütlich ans Arbeiten. Mein Kreuz wird sich wieder ans Bauchtanzen gewöhnen dürfen und das Ischialgische dürfte bald verschwinden. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum ich mich wieder aufs Tanzen freue. Es gibt mir das Gefühl einer Vor-Corona-Nostalgie. Denn das es anders sein wird als vor vielen Monaten, ist mir klar. Ganz einfach deshalb, weil ich anders bin.

Das hängt jetzt nicht mit den Corona-Kurven des Körpers zusammen, sondern mit dem Drumherum. Ich habe beschlossen, statt mit dem Bus mit der S-Bahn in die Stadt zu fahren, weil ich da weniger Zeit in einem Öffi verbringen muss. Das Gute daran: Der Spaziergang zum Studio entlang des Flusses dauert länger und wärmt mich fürs Hüftschwingen auf. Unsere Truppe wird kleiner sein, weil eben nur eine überschaubare Anzahl von Damen umeinander herum wirbeln dürfen. Dem Spaß wird das in keinster Weise abträglich sein, da bin ich sicher. Und das Nachfüllen der rausgetanzten Flüssigkeit danach wird auch moderat verlaufen, denn in drei Stunden kann man sich zwar strategisch ausreichend betrinken; sinnvoll ist etwas anderes. Vor allem, wenn man sich das Kampftrinken in einer Zeit abgewöhnt hat, in der andere erst so richtig Geschmack daran gefunden haben. Der Gastronom meines Vertrauens wird mich trotzdem weiterhin liebevoll „kleines Miststück“ nennen.

Als ich mit einer Freundin zusammensitze, sprechen wir darüber, was denn bei offenen Konzerthallen, Kinosälen und Gastronomie-Betrieben anders werden könnte in unserem Leben. Ob wir der Versuchung widerstehen können, unsere Terminpläne wieder gnadenlos zuzupflastern, weil so viel passiert, was unsere Aufmerksamkeit fesselt. Weil wir uns eben in den vergangenen Monaten in ein Leben gefunden haben, das uns großteils entspricht. Und das konnte deshalb gedeihen, weil wir auf uns selbst zurück geworfen waren und praktisch mit der Gelegenheit beschenkt wurden, unseren ganz persönlichen Weg zu finden. Und im Grunde sind wir uns einig, dass wir auch weiterhin auf diesem Pfad bleiben wollen. Auch wenn es schwer werden könnte.

Einer Verlockung bin ich theoretisch schon erlegen, nämlich der des Kinobesuchs. Allerdings steht er noch nicht ultimativ fest, weil meine Begleitung hoffentlich ihrer Gesundung den Vorrang geben wird vor 90 Minuten Munkeln im Dunkeln. Tod hin, Meteoriteneinschlag her. Wenn ich etwas gelernt habe in den vergangenen Monaten, dann ist es das: Unsere Gesundheit sollte uns über alles gehen. Nie war es wichtiger, auf das Wohlbefinden zu schauen; verabsäumen wir das, hilft die beste Impfung nicht.

Mein Terminkalender ist bis Mitte Juli nahezu voll. Und das steht in keinem Widerspruch zum oben Ausgeführten. Denn er beinhaltet sehr viel Me-Time. Das bedeutet: Ich habe soziale Tage und Tage, wo ich meinem eigenen Rhythmus folge, meine Gedanken denke. Meine Freundin meint, dass das eine Sache des Alters ist; ich glaube, es ist eine Sache von Bewusstheit. Wenn ich bewusst Menschen treffen möchte, sollte ich im Augenblick sein können und meine Gedanken nicht immer in andere Richtungen abdriften sehen. Umgekehrt: Wenn ich meinem Rhythmus folge, soll kein anderer den Takt vorgeben. Das ist für mich Balance.

Schon im Frühjahr letzten Jahres hatte ich bedauernde Momente bezüglich der „Öffnung“, die sich im Laufe der Zeit auswuchsen. Damals führte ich das auf den Workload zurück, der an meinen Energiereserven nagte. Heute weiß ich: Ich kann nur ein beschränktes Kontingent an Aktivitäten leisten. In jeglicher Richtung. Weil ich gelernt habe, dass das Leben nur dann schön ist, wenn man sich mit etwas aus vollem Herzen beschäftigen kann. Sich hineinwerfen kann. Sich hingeben kann. Mit drei Treffen am Tag, fünf Bieren und vier Stunden Schlaf wird das nichts. Ja, ich bin über 50, aber über die Straße helfen braucht mir noch keiner. Weil ich den Weg nach Hause inzwischen selber und rechtzeitig kenne. Das Leben im Innen hat an Bedeutung gewonnen, mein Leben im Außen wenig verloren. Deshalb habe ich mir eine neue Hängematte geleistet. Sie hängt im Innen. Wenn es im Außen regnet, kann ich die Fenster öffnen und trotzdem schaukeln. Das ist meine neue Normalität, in der vollkommenen, wenn auch schutzbedürftigen Balance zwischen Auszug und Rückzug.

FREITAG: Eine Dosis Moral

Mein Selbstbild entspricht nur bedingt dem einer moralinsauren Natur. Und über weite Strecken meines Lebens hätte ich bestimmt gesagt, dass ich auch mit Prinzipien so meine Probleme habe. Doch bei einem aktuellen Thema komme ich dem Moralisieren schon sehr nahe.

„Selbstverständlich lässt Du Dich impfen“, sagte mein medizinischer Vater vor inzwischen Monaten im Brustton der Überzeugung eines Erziehungsberechtigten. Dass er mit dieser liebevoll-anordnenden Aussage auf Widerstand stoßen würde, kam zunächst unerwartet und irritierte ihn. Inzwischen hat er das Thema fallen gelassen wie jemand, der mit dem Schlüsselbund in der Hand einen Powernap macht. Und kommt das Thema zwischen ihm und mir auf, fällt er immer schneller in einen mentalen Powernap.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin keine Impfgegnerin. Vor einem Aufenthalt in Tansania habe ich mich gegen alles impfen lassen, was einem nur passieren könnte – Tollwut inklusive. Dabei war damals die Gefahr größer, dass ich einen Hund anfalle als umgekehrt. Aber wurscht. Ich finde Impfungen praktisch, wenn sie mir Freiheiten bringen, die ich mir unbedingt nehmen möchte. Wie eben Reisen.

Von Impfungen gegen die Angst halte ich wenig. Und als ich mit meiner Ex-Therapeutin beim Kaffee auf meiner Terrasse sitze, gibt sie mir Recht. Auch sie ist keine Impfgegnerin, sieht aber hinter die Dinge und so auch die Angst, der man sich ihrer Meinung nach stellen sollte – und sie eben nicht wegimpfen kann. Meine Fußpflegerin erzählte mir kürzlich von ihrer Großmutter, die geimpft ist und trotzdem Angst hat, ihre Enkel zu treffen. Genau das meinen meine Therapeutin und ich.

Thema Freiheit. Eine Maske zu tragen, widerspricht meinem Empfinden von Freiheit. Und auch wenn ich die bunten Farben, die es inzwischen als Gesichtsaccessoire gibt, sehr mag – wirklich frei fühle ich mich darunter nicht. Trotzdem trage ich sie, und die Sinnhaftigkeit scheint mir ja auch inzwischen erwiesen. Für jene, die nicht geimpft sind. Doch warum man die Maske auch noch tragen muss, wenn man auf der so sicheren Impfseite steht, erschließt sich mir nicht. Vielleicht doch nicht so zuverlässig?

Was mich zum ständigen Auf und Ab der Informationslage bringt. Es ist das Wesen der Wissenschaft, dass sich die Erkenntnislage sehr schnell ändern kann. Hier eine „Hü“-Studie, dort eine „Hott“-Studie, und die dritte sagt wieder etwas anderes. Und das ist durchaus normal, wenn man sich den verhältnismäßig geringen Zeitraum anschaut, in dem die Impfung verfügbar ist. Da kann man eben noch nicht alles wissen. Aus diesem Grund sind ja Langzeitstudien durchaus sinnvoll. Und deshalb schinde ich Zeit – ich gestehe. Und gehe zum Testen, was in meinem Fall relativ komfortabel vonstatten geht, weil ich in keine Richtung länger als zehn Minuten unterwegs bin.

In meinem Umfeld sind immer mehr Menschen geimpft, mit mehr oder weniger großen Auswirkungen. Dafür bin ich sehr dankbar. Weil es ihnen Seelenruhe schenkt. Mir schenkt es keine Seelenruhe – und jetzt kommt der moralisierende Teil -, wenn ich weiß, dass sich ein Großteil der Länder dieser Welt den Impfstoff nicht leisten kann. Dass „reiche“ Länder es nicht fertigbringen, für eine Aussetzung des Patentschutzes zu plädieren, damit der ärmere Teil des Planeten auch produzieren kann. Denn klammern wir Milliarden von Menschen aus, erreichen uns von dort neue gesundheitliche Herausforderungen, die die aktuellen Investitionen in den Impfstoff um ein Vielfaches übersteigen können. Und dann? Natürlich kann ich mich jetzt fragen, was es einem Mann in Ghana bringt, wenn ich mich nicht impfen lasse? In seinem Alltag vermutlich wenig. Doch ich bin eben Idealistin und glaube daran, dass uns Solidarität weiterbringt – zumindest menschlich.

Apropos weiterbringen: Will man nach Sansibar, braucht man eine Gelbfieber-Impfung, wenn man vom Kontinent einreist. Sollte man nach Südafrika wollen und eine Corona-Impfung verpflichtend sein, wird auch dieser Anforderung nachgekommen. Sie finden das opportunistisch? Jein. Ja, weil es mir persönlich wichtig ist, dort wieder hinzukommen und der Mann in Ghana scheinbar an Bedeutung verliert wegen meines Begehrens. Nein, weil ich mit jeder Reise nach Afrika das Augenmerk von Menschen auf diesen Kontinent lenke, für den Corona beileibe nicht das einzige Problem ist und an dem viel zu lange vorbei geschaut wurde.

Für mich ist die Zeit noch nicht reif, eine Impfentscheidung zu treffen. Und als ich gestern im Dunkeln auf der Veranda gesessen bin, den Windspielen zugehört habe und sich die Katze über den Sisalteppich rollte, ist mir das wieder eingefallen. Ich entscheide nichts, wenn ich mich nicht entscheiden kann. Seitdem ist in meinem Kopf wieder Ruhe, und die kann mir im lebendigen Zustand keine Spritze der Welt schenken.

FREITAG: Heimat in der Fülle

Eine Ära ist zu Ende gegangen, nämlich jene, während der ich mich schlecht gefühlt habe, weil ich den Begriff „Heimat“ in mir nicht verorten konnte. Und das kam so.

An dieser Stelle habe ich ja schon wiederholt meine These ausgeführt, dass der Storch einen Schwächeanfall gehabt haben muss, als er mich dort fallen gelassen hat, wo ich auf die Welt kam. Denn so richtig zuhause habe ich mich dort nie gefühlt – die Berge zu hoch, die Menschen zu kategorisch, die Sprache zu sperrig. Dabei gab es eine Zeit, wo ich mit meiner Mutter darum kämpfte, Dialekt sprechen zu dürfen. Dabei gab es eine Zeit, wo ich stolz auf meine Herkunft war. Dabei gab es eine Zeit, wo ich die Berge schon wegen der Schipisten geliebt habe. Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Als ich dann umzog, war Heimat für mich meine Familie, Menschen, auch wenn sie dort wohnten, wovor ich geflüchtet war. Noch heute dauert die Fahrt zu meinen Eltern gefühlt länger als die Rückreise. Und das liegt nicht an meinen Erzeugern, sondern daran, dass ich mich ungern von der Geographie einfangen lasse. Dass auf der Strecke eine permanente Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt wurde und ich langsamer fahren MUSS, verstärkt dieses Gefühl noch.

Seit einigen Jahren nun fühle ich mich hier zuhause, wo ich wohne. Das habe ich mir auch nicht sofort erlaubt – es war halt einfach der Fluchtort. Doch seit ich die Opposition gegen meine Herkunftsregion aufgegeben habe, kann ich ihn auch als Heimat empfinden. Allerdings muss ich mir selbst natürlich auch die Frage gefallen lassen, woher denn dann dieses Fernweh kommt, das mich quasi permanent quält und das ich momentan zwar beiseite schiebe, aber trotzdem unausrottbar scheint. Am Wochenende lese ich einen Artikel, der mir all diese Fragen beantwortet und vieles heilt.

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat ein Buch über Heimat geschrieben, und weil das ein Thema ist, das zieht, darf er in meiner bevorzugten Wochenzeitung den Heimatbegriff ausdifferenzieren. Er spricht von Heimatlosigkeit, wenn etwas nicht mehr so ist, wie es vertraut war. Und das weckt in mir die Erinnerung, dass meine Ablösung wohl damit begonnen hat, als ich zum ersten Mal in meinem Bestreben, zu helfen, missverstanden wurde. Und daraus massive Nachteile lukriert habe. Nicht wenige bekommen dadurch Hautprobleme, weil die äußere Barriere unseres Körpers auf Dissonanzen zwischen Innen und Außen reagiert. Davon bin ich glücklicherweise verschont geblieben, abgesehen von der pubertären Akne, die zwar altersbedingt erklärbar ist, vermutlich aber auch diesen Dissonanzen geschuldet ist.

Für Schmid ist Heimat das Basislager des Lebens und erwähnt in diesem Zusammenhang den Wohnraum für die Seele, in dem Menschen sein können, wie sie wollen. Neulich brachte meine Kusine ihren Freund das erste Mal mit in mein Haus und eine seiner ersten Äußerungen war: „Sehr gemütlich, aber voll.“ Eine Großkusine meinte vor vielen Jahren, dass sie meine Wohnumgebung sehr inspirierend finde, weil man überall etwas sehe, das man anschauen könne. Offensichtlich war das immer schon mein Ding, nämlich aus dem Vollen zu leben. Nein, Scherz. Mir wurde bewusst, dass mein Wohnraum tatsächlich meine Höhle ist, wo es alles gibt, was ich für die Basis meines Dasein brauche. Zugegeben, es könnte etwas weniger sein, und daran arbeite ich ja auch. Doch vieles, was bei mir herumsteht und – hängt, ist für mich von Bedeutung. Nur bedingt gilt das für elektronische Geräte, wobei ich sagen muss: ein Leben ohne Cinchkabel ist für mich kaum vorstellbar. Und verreisen ohne meinen sonnengelben Lautsprecher ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wo wir wieder bei Wilhelm Schmid landen. Er schreibt nämlich, dass Heimat auch im Unterwegssein entsteht. Und wenn ich mein Gefühl erinnere, das mich im Inneren eines Fliegers durchflutet, kann ich das absolut unterschreiben. Das Reisen gibt mir nämlich das Gefühl, nicht nur in einer Region, sondern auf der ganzen Welt zuhause zu sein. Weil ich mich als Teil des Ganzen fühle. Und dazu zählt eben auch, dass ich andere Sprachen höre, mich mit Mentalitäten beschäftigen und lernen darf. Und wenn ich im Flieger sitze, dann bin ich dorthin unterwegs – zum Gefühl, Teil der Welt zu sein. Das ist mir wichtig, und schon alleine deshalb Heimat. Schmid schreibt nämlich, dass Heimat das ist, was eben nicht egal ist. Deshalb plädiert er dafür, das Leben nicht auf eine einzige Haupt- und Herzensheimat zu beschränken, sondern auch in diesem Bereich auf dem Vollen zu schöpfen. Soziale, mentale, räumliche und temporäre Heimaten zu gründen und zu pflegen – das ist es, was ich gefühlt immer schon gemacht habe. Und mich deshalb nicht selten als „komisch“ kategorisiert empfunden habe. Weil man sich eben festzulegen habe. Das genau ist für mich unmöglich, und dank Wilhelm Schmid kann ich diese Baustelle nun auflassen. Und mich dem widmen, was er rät: „Die beste Voraussetzung für eine Heimat in der Beziehung zu anderen ist die Beziehung zu sich selbst, die Heimat sein kann.“

PS: Der Artikel „Heimat ist mehr als ein Ort“ von Wilhelm Schmid ist am 29. April in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen.