FREITAG: Die Ineffizienz von Interpretationen

Manche Dinge ändern sich einfach nicht, auch nicht mit zunehmendem Alter, und schon gar nicht bei Frauen. Denn irgendwo haben wir das Interpretationsgen versteckt, das sich weder abschalten noch zertrümmern lässt.

Kürzlich bei einem Mädelsabend ganz großes Kopfkino: Die eine fliegt mehrere Monate auf einen anderen Kontinent, um dort zu arbeiten, und denkt schon jetzt darüber nach, wie sie die eine Woche zwischen Weihnachten und Neujahr allein überbrücken könnte. Nicht, dass es allein eine reine Planungssache wäre – Sehenswürdigkeiten gibt es genügend. Doch: Wie werde ich mich fühlen? Werde ich mich langweilen, einsam sein, mich an irgendjemanden klammern, um das zu verhindern? Angst macht sich breit angesichts der Freiheit, mit der frau (noch) wenig bis nichts anfangen kann. Und selbst meine Beteuerungen, dass es eine ganz großartige Sache ist, selbst über seine Zeit bestimmen zu können, drehen das Kopfkino nicht ab.
Die andere erzählt von beruflichen Problemen, davon, dass sie es mit Menschen zu tun hat, die sich als weniger cool entpuppen, als sie es ursprünglich gedacht hatte. Und dass sie sich mit Problemen befassen muss, in die sie noch nicht einmal involviert ist. Als sie die Augen rollt, weil sie das alles so nervt, gehe ich erst einmal eine Zigarette rauchen und denke darüber nach, wie sehr wir Frauen doch „Hier!“ schreien, wenn es um Befürchtungen und Ängste geht. Vielleicht ist das eine evolutionäre Geschichte, weil wir seit Urzeiten auf Beschützen und Kümmern gepolt sind. Und wenn da irgendetwas dazwischenkommt, wird geschuftet und getan und gegrübelt, bis das System eine Lösung ausspuckt. Was da an Zeit vergeht!
Nach der Raucherpause bin ich mit der Berichterstattung dran und erzähle von meinen Begegnungen seit dem letzten Treffen. Bei einer Geschichte geht dann die Post ab. Ich erzähle von einem Gespräch und werde mit der vollen Ladung an Interpretationen konfrontiert. Dass das, was mir erzählt wurde, eh nur einem Klischee entspräche. Wie ich so blöd sein könne, das zu glauben oder gar darauf hereinzufallen. Dass man nicht wisse, wie oft manche Menschen die gleichen Worte für verschiedene Ansprechpartner absetzen würden. Und während ich mir all das anhöre, denke ich mir, dass ich diese Interpretationen wirklich satthabe, weil ich dafür auch gar keine Zeit mehr aufwenden möchte, denn gesichertes Wissen kommt dabei ohnehin nicht heraus.
Ich kümmere mich lieber darum, was Worte oder Situationen mit mir machen und wie ich damit umgehe. Ich mache mir auch gar keinen Kopf mehr darüber, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt. Was an mich herangetragen wird, gilt. Ob ich es glaube, mich damit beschäftigen möchte oder einfach weiterziehe, ist meine Angelegenheit. Und da knüpfe ich dann an. Wenn mir jemand etwas erzählt, das mich aufwühlt, überlege ich nicht, wie dieser Mensch das gemeint haben könnte. Ich überlege mir, warum mich das aufwühlt, was die Aussage in mir lostritt und welche Schlüsse ich daraus ziehen könnte. Nur so kann ich wachsen – interpretieren wirft mich zurück.
Leicht ist es nicht, zugegeben. Doch schon allein die Bemühung, achtsam zu sein und voreilige Schlüsse zu verhindern, zeigt mir, wie häufig Frauen (und auch Männer, wie mir bestätigt wurde) interpretieren. Doch bringt uns das wirklich weiter? Nicht in meiner Welt. Wir verschwenden Zeit und Energie und machen dabei noch nicht einmal etwas besser – im Gegenteil. Voreilige Schlüsse können Beziehungen auf die Dauer zerstören, weil sie nämlich nur eines bewirken: dem anderen zu zeigen, dass man nur daran interessiert ist, ihn in eine Schublade zu packen, bevor man ihm Interesse zeigt. Insofern gibt es für mich vorrangig zwei Vorgehensweisen: das Gesagte zu nehmen, wie es kommt, oder so lange zu fragen, bis ich mein Gegenüber verstanden habe. Und glauben Sie mir: Selbst das Fragen dauert nicht so lange, wie die unendliche Phalanx an Interpretationen zu durchdenken, zu der die menschliche Fantasie fähig ist.

FREITAG: Die Lücke im Wandel der Zeit

Unter einigen meiner Freundinnen gibt es eine Redewendung, wenn es um mich und meine Verlässlichkeit geht: „Sie kommt, ausgenommen Tod oder Meteoriteneinschlag.“ Ich fand und finde es eben wichtig, dass es Menschen gibt, auf die man zählen kann. So jemand wollte ich immer sein – gibt eh zu wenig Stabilität in dieser Welt. Und auch wenn ich wiederholt die Erfahrung gemacht habe, dass Veränderung stets eine zum Besseren ist, bin ich selbst in diesem Punkt für Entschleunigung – muss sich ja nicht alles gleichzeitig ändern, oder?
Doch meistens wird in Phasen wie diesen darauf wenig Rücksicht genommen. Schon seit Monaten denke und spreche ich über den Wandel, konnte ihn nie greifen und war gespannt, wann er sich denn offenbaren würde. Und vor allem wie, damit ich ihn auch tatsächlich erkenne. Sollten Sie ähnliche Gedanken haben – glauben Sie mir, Sie werden ihn erkennen, denn er legt sich lang und breit auf Ihren Fußabstreifer, an dem Sie einfach nicht vorbeikommen.
Wie so häufig spricht derzeit mein Körper ein ernstes Wort mit mir. Und während ich versuche, eine Salzlösung zwischen meinen Nasenlöchern hin und her zu schicken, mein Halschakra mit 741 Hertz-Musik beschalle und mir eine verkühlungsvertreibende Diät verordnet habe, kommen unweigerlich Gedanken darüber zutage, was denn jetzt wieder falsch gelaufen sein könnte. Ich war doch so zufrieden, ja fast glücklich. Wobei mir Zufriedenheit inzwischen lieber ist, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich habe meinen Terminkalender so blockiert, dass ich an drei Abenden in der Woche zu Hause bin. Darauf war ich ziemlich stolz, denn für jemanden, der glaubt, dass alles in sein Leben gehört, was das Leben schickt, ist das ein Riesending. Allerdings hat das dazu geführt, dass ich die Abendtermine jetzt untertags unterbringen möchte, soweit das möglich ist. Denn vollumfänglich „NEIN“ zu sagen, ist angesichts meiner wunderbaren Freundesschar unendlich schwer. Doch wozu führt das? Dass zwar meine Abende ruhiger werden, dafür die Tage aus allen Nähten platzen. Und wenn da jetzt ein, zwei neue Menschen dazukommen, die auch Zeit beanspruchen, dann wird es wirklich eng. Jetzt könnten Sie zu Recht sagen: „Dann lass die halt erst gar nicht rein.“ Stimmt. Und glauben Sie mir, ich habe mir das alles wahrlich nicht ausgesucht. Wie gesagt: Ich hatte das Gefühl, vollkommen in meiner Mitte zu sein.
Jetzt stehe ich vor der Frage, was mir lieb und teuer ist. Aktuell selbstverständlich das Bestreben nach einer freien Nase und einem schmerzlosen Hals. Und dass die Katze nicht jedes Mal zusammenzuckt, wenn ich huste. Dazu brauche ich Zeit für mich selbst, was mir zugegebenermaßen schwerfällt, weil ich darin keine Vorbilder habe. Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist meine Großmutter, die sich jeden Tag nach dem Frühstück ihre Füße mit einer Creme eingerieben hat. Das wars in Sachen Selfcaring-Vorbild. Gesundheitliche Malaisen wurden mit schulmedizinischen Mitteln niedergeprügelt, damit man schnell wieder funktionieren konnte. Und das mag in vielen Fällen durchaus seine Richtigkeit gehabt haben. Doch jetzt denke ich mir: Es muss doch etwas dahinterstecken. Mir fällt eine Freundin ein, die einmal sagte: „Ich habe genug von der Selbsterforschung.“ Ja, man kann es übertreiben und in die Egozentrik rutschen – geschenkt. Doch in Zeiten des Wandels will ich trotzdem für mich den richtigen Weg finden.
Lieb und teuer ist mir allerdings auch meine Verlässlichkeit – mir selbst und anderen gegenüber. Ich suche seit Monaten nach einer Routine für meinen Alltag, die ich selbst immer wieder sabotiere. Dass ich jetzt krank bin, werte ich als Resultat daraus. Warum ich das sabotiere? Gute Frage. Wahrscheinlich deshalb, weil ich der Meinung bin, dass man dem Leben nicht mehr Tage hinzufügen sollte, sondern den Tagen mehr Leben. Und meißelt man diese Tage in Stein, hat das Leben eben wenig Platz. Die Kunst bestünde nun darin, Lücken zum Durchatmen zu lassen. Eine andere Freundin von mir fürchtet sich gerade ein bisschen vor den künftigen Lücken, die eine zu Ende gehende Beziehung hinterlässt. Als ich ihr sagte, dass sie gar nicht so schnell schauen könnte, wie die sich füllen würden, bedankte sie sich. Das gab ihr Hoffnung. Mich erinnerte es daran, dass mir genau nach dieser Erfahrung die eine oder andere Lücke guttäte. Doch nach diesem Gesetz würde sich die Katze in den Schwanz beißen: Lücke → Lücke geschlossen, Lücke neu eröffnet → Lücke geschlossen! Das kann also nicht die Wahrheit sein, geschweige denn ein Instrument für meinen Umgang mit dem Wandel.
Ich stelle fest, dass ich (noch) zu wenige Instrumente für diese Veränderungen habe, dass ich mich schwer tue, von bekannten Verhaltensweisen abzurücken, Glaubenssätze loszulassen. Dass ich es aber andererseits auch nicht schaffen werde, neue Gegebenheiten mit den rostigen Werkzeugen der Vergangenheit zu meistern. Also werde ich wohl noch ein bisschen Zeit mit mir selbst verbringen müssen, um die Dinge um mich herum sortieren zu können. Um herauszufinden, wie ich mit den Themen umgehe, die von außen an mich herangetragen werden und die in meinem Inneren aufploppen. Klarheit zwischen Nasendusche, feuchten Taschentüchern und verschwollenen Augen zu finden, ist eine Herausforderung. Aber keine unannehmbare. Drücken Sie mir die Daumen und bleiben Sie dem Wandel gewogen.

FREITAG: Die Tapetentüre

Es gäbe diese Woche ja einiges, worüber ich berichten könnte. Allerdings versuche ich ja immer, hinter allem, was mir passiert, den tieferen Sinn herauszubuddeln. Es gibt ihn nicht bei allem, aber vielem.

Vor einiger Zeit habe ich aufgehört, gleich nach dem Aufstehen drei Seiten zu schreiben. Ich habe das gefühlt 100 Jahre lang immer wieder gemacht, vor allem zu einer Zeit, die für mich schwierig war und wo ich händeringend nach einer Lösung gesucht habe. Dabei hat mir das morgendliche Schreiben geholfen, weshalb ich immer dann, wenn ich vor einer innerlichen Wand stehe, schnell zu Stift und Schreibheft greife, um sie niederzureißen. Doch kürzlich ist mir aufgefallen, dass mich das morgendliche Schreiben nicht nur von Problemen befreien kann, sondern mir auch eines macht: nämlich jenes, mich an diese schwierige Zeit zu erinnern. Weshalb ich es gelassen habe und nur mehr wirklich punktuell einsetze, wenn sich besagte Wand vor mir aufbaut.
Und siehe da, kleine Wände kann ich schon ohne Schreiben bewältigen. Beispielsweise jene, die sich in Form von fast 20 Litern Traubensaft vor mir aufbaute, für den mir die Behältnisse und Gefriertüten ausgingen. Es ist jedes Jahr das gleiche: Ich freue mich ob der Riesenernte, doch die Verarbeitung stresst mich. Das Abperlen der einzelnen Beeren, das Waschen, das Entsaften. Heuer ging es etwas leichter, weil ich mir einen Tag dafür frei genommen und es als meditative Tätigkeit eingestuft hatte. Doch nach vier Stunden Abperl-Meditation tat mir das Genick weh, was in meiner Vorstellung von Meditation eigentlich nicht passieren sollte – eher das Gegenteil. Und es saß mir auch die Sorge im Genick, was ich denn mit dem vielen Saft machen sollte. Da schrieb mir eine Freundin und fragte, ob ich Zeit für eine Tasse Kaffee hätte. Auf die Information, dass ich mitten in der Traubenernte stecke und leider keine Zeit habe, meinte sie, ob ich Flaschen gebrauchen könnte, die sie ohnehin entsorgen wollte. Halleluja!
Eine weitere Wand errichtete sich, weil ich zwei Karten für eine Veranstaltung hatte, die ich mit einer anderen Freundin besuchen wollte. Leider musste die relativ kurzfristig beruflich verreisen, und ich versuchte, die eine Karte an eine passende und interessierte Person zu bringen. Anfangs war ich zuversichtlich, doch dieses Gefühl schwand schnell, weil genau an diesem Tag offenbar überall der Bär tanzte. Ich stellte das Angebot in eine Facebook-Gruppe, die normalerweise für alles und jeden eine Lösung hat – nichts. Und als mein Ex mir auch noch fünf Alternativen vorschlug, sprudelte es aus mir heraus: „Ich übergebe das jetzt dem Schöpfer, der soll sich darum kümmern.“ Ich hatte alles getan und kam nicht weiter. Und selbst das Schreiben hätte mir nichts geholfen. Also beschloss ich, zur Veranstaltung zu marschieren und zu versuchen, die eine Karte an eine Frau oder einen Mann zu bringen. Wer neben mir lacht, war mir sekundär. Die Schlange vor der Kasse war lang, als ich der Kartenverkäuferin signalisierte, dass es noch ein verfügbares Ticket gäbe, falls sie in ihrem Computer keines mehr finden würde. Dann stellte ich mich an die Seite und beobachtete die Menschenschlange. Aus einem plötzlichen Impuls heraus und weil mich die Frau so freundlich angelächelt hat, fragte ich sie und ihre Begleitung, ob sie zwei Karten brauchen könnten. Denn irgendwie war mir ohnehin nach einem heimeligen Abend. Und tatsächlich: Nach einigen Minuten Nachdenkzeit fanden meine Tickets neue Besitzer, und ich marschierte durch den Regen, dafür mit einem zufriedenen Lächeln nach Hause.
Einmal im Jahr versuche ich, mich mit einer lieben Bekannten zu treffen, für die ich arbeite. Die letzten Male hat es nicht geklappt, weil ihr Termine oder Vergesslichkeit dazwischen gekommen sind. Und doch probiere ich es immer wieder, weil ich sie einfach mag. So auch diese Woche mit ganz viel Hoffnung, dass wir es schaffen würden. Als ich sie erinnerte, kam zurück: „Wir haben etwas ausgemacht??????“ Ich musste lächeln, denn irgendwie hatte ich es schon gespürt. Und schrieb einem uralten Freund, mit dem ich ebenfalls seit langem versuche, einen Termin zu finden. Wir haben seit 25 Jahren nicht mehr geplaudert, und das wollten wir beide ändern. Doch unsere Kalender waren einfach nicht kompatibel. Ich schrieb ihn also an und fragte, ob er Zeit hätte. Und er hatte!
Es gibt dieses wunderbare Lied von Lee Ann Womack: „I hope you dance“. Eine Zeile daraus lautet: „Whenever one door closes I hope one more opens“ – genau diese Erfahrung durfte ich in dieser Woche machen. Ich habe selbst danach gesucht, und genau in diesen Momenten, wo ich die Wand abtastete, hörte ich das Klicken der Tapetentüre. Dass Dankbarkeit zu Glück führt, kann ich nur einmal mehr unterstreichen.

FREITAG: Hoffnung genießen

„Hoffen bedeutet, nichts machen. Man kann hoffen, oder man kann tun.“ Das las ich am Wochenende in einer Zeitung. Und obwohl noch eine ganze Seite zu diesem Inhalt geschrieben stand, blieb nur diese Aussage bei mir hängen.

Vor einiger Zeit hatte ich mir ja ob einer völligen geistigen Überlastung eine Informationsdiät verordnet. Nicht, dass ich vorher ein News-Junkie gewesen wäre – über die negativen Auswirkungen von negativen Nachrichten (selten sind es andere) war ich mir schon seit Langem klar und hatte deshalb das regelmäßige Nachrichtenschauen und -lesen fast vollständig eingestellt. Doch angeregt durch ein Buch, habe ich mich inzwischen auf das ausschließliche Lesen von Wochenzeitungen und Büchern verlegt. Dieses Buch hat ebenfalls empfohlen, nur noch solche Inhalte dem Geist zuzuführen, die die Kompetenz stärken.
Jetzt bin ich ja ziemlich leidenschaftlich, was mein berufliches Tun angeht – ob es nun Schreiben oder Lehren ist. Doch mich nur darüber informieren? Das kommt und kam mir einigermaßen einseitig vor. Also machte ich eine kleine Mindmap mit fünf Themen, die mich privat mehr als alles andere interessieren. Und siehe da, meinem Kopf geht es etwas besser, seit ich mich darauf fokussiere. Kann ich also nur allen empfehlen, die manchmal auch nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht.
Also las ich innerhalb dieses definierten Spektrums am Wochenende ein Interview mit einer Frau, die sich sehr für Menschenrechte engagiert, deshalb keinen festen Wohnsitz hat und auch sonst einigermaßen unkonventionell lebt. Vieles fand ich interessant, mit einigem konnte ich mich nicht identifizieren. Doch vor allem über eines musste ich nachdenken, eben über ihre Meinung über die Hoffnung. Ich erinnerte mich an eine Phase meines Lebens, in der ich vorrangig gehofft hatte, weil mir alles andere entglitten war. Doch als ich dann las, dass Hoffnung nur dann berechtigt sei, wenn es auch eine Minimalwahrscheinlichkeit an Umsetzungsmöglichkeit gebe, ist ein riesiger Brocken davon abgebrochen. Diese Minimalvariante sah ich damals überhaupt nicht. Und hörte auf zu hoffen.
Was sich dann aber herausstellte, war: Es passierten die Dinge, die ich mir erhofft hatte, trotzdem. Das Interessante an dieser Entwicklung war, dass ich zwar nichts in der Sache tun konnte, dafür auf einer anderen Ebene. Nämlich dort, wo es darum ging, das Feld zu bestellen für Wahrscheinlichkeiten. Denn seien wir ehrlich: Wenn wir im Herbst Zwiebeln legen oder im Frühling Blumen aussäen, wissen wir auch nicht genau, ob sie jemals das Sonnenlicht erblicken werden. Doch die Wahrscheinlichkeit steigt, wenn wir das in guter Erde tun.
Als diese Frau nun davon sprach, dass Hoffnung gleichzusetzen sei mit Passivität, war ich absolut anderer Meinung und bin es immer noch. Vielmehr sehe ich im Hoffen eine sehr aktive Angelegenheit. Denn zum einen kann das Herumackern sehr wohl in Arbeit ausarten, wie ich an den Hochbeeten immer wieder bemerke. Und zum anderen ist es auch in unserer überkontrollierten Zeit durchaus ein Aufwand, genau diese Kontrolle aktiv abzugeben. Ich war ja auch immer ein Mensch, der am liebsten alles kontrollieren wollte, schließlich heißt es ja stets so leistungsorientiert: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Alternativ ist auch „Wie man sich bettet, so liegt man“ sehr beliebt. Doch ich habe irgendwann begriffen, dass wir eben nicht bis zum letzten Punkt planen können. Weil es manchmal eben doch anders kommt. Weil es eben anders für uns vorgesehen ist, als wir es uns manchmal wünschen. Und wir genau das aus den Augen verlieren, wenn wir uns der mehr oder minder ausgeprägten Kontrollsucht hingeben.
Und wenn diese Frau sagt, dass Hoffen Nichtstun bedeutet, gebe ich ihr doch insofern recht, dass wir an einen Punkt gelangen, wo wir tatsächlich nichts tun – müssen. Wo wir uns zurücklehnen und zuschauen dürfen, was mit unserer Saat passiert. Für mich ist das eines der letzten Mysterien unserer Zeit, das wir bitte, bitte als solches genießen sollten. Die Liebe ist auch so eines – aber das ist ein anderes Thema.

FREITAG: Megatrend Achtsamkeit

Mein Ältester und ich sind unfreiwillige Trendsetter, haben wir gestern festgestellt. Denn bei einem Vortrag über Achtsamkeit kam zutage, dass das das einzige Rezept gegen die Vibes der heutigen Zeit ist. Wirklich wahr, oder?

Steintürmchen bauen, aufs Wasser schauen, Yogaübungen – so lauteten die Ergebnisse, als der Trendforscher Achtsamkeit in die Bildersuche des Internets eingegeben hatte. Alle mussten lachen, manche auch schelmisch – so ganz nach dem Motto: „Immer diese Realitätsverweigerer!“ Gut, das ist jetzt eine Interpretation, denn wenn das Thema uninteressant gewesen wäre, hätten sich nicht so viele Menschen um eine Vortragskarte bemüht.
Wir saßen in der zweiten Reihe, weil es mich seit geraumer Zeit wahnsinnig macht, wenn Menschen vor mir knistern und husten und schwatzen, während ich mich auf das Gesagte konzentrieren möchte. Da bin ich schon achtsam geworden für meine eigenen Bedürfnisse. Und während wir auf den Auftritt des Redners warteten, tauschten wir uns über Verschiedenes aus – vor allem, was sich in unserem Leben getan hatte. Und das sieht nicht etwa so aus, dass wir uns erzählen, was wir gearbeitet, erlebt oder „gemacht“, sondern welche Erkenntnisse wir seit unserem letzten Treffen gewonnen haben. Welche bewusstseinserweiternden Videos wir gesehen haben, welche Verknüpfungen wir zwischen den einzelnen herstellen konnten und wie wir das ins Leben integrieren wollen. Die Einführungsworte für die Veranstaltung haben diesen Fluss unterbrochen.
Was wir dann hörten, war interessant, aber für uns beide daily business. Dass unser aller Leben viel zu komplex geworden ist. Dass wir uns gar nicht mehr bei uns selbst einfinden können bei all dem „Schneller, Höher, Weiter“, das die heutige Zeit von uns verlangt. Dass wir hauptsächlich konsumieren, ohne uns darüber bewusst zu sein, ob und was wir eigentlich brauchen. Doch die Fragen, die im Anschluss gestellt wurden, zeigten uns, dass es bei diesem Thema tatsächlich Nachholbedarf gibt. Dass es wirklich Menschen gibt, die sich mit Achtsamkeit nur als Modewort beschäftigen und es bislang noch nicht mit Inhalt erfüllen konnten.
„Wir müssen unsere Zukunft entscheiden“, sagte der Trendforscher, und das hat meinen inneren Widerstand geweckt. Denn vor einiger Zeit habe ich mich durch die ersten Seiten des Buches „Die Weisheit des ungesicherten Lebens“ geplagt und nach den ersten Hindernissen eine für mich absolute Wahrheit gefunden: nämlich die, dass wir die Zukunft immer nur mit der Erfahrung der Vergangenheit betrachten können und insofern Vorhersagen wenig bis gar nichts bringen. Wie sollen wir also eine Entscheidung treffen, ohne die Parameter dafür zu kennen? Das hatte für mich wenig mit Achtsamkeit zu tun, sondern mit einem kurzen Egoflash. Denn nur der veranlasst uns dazu, uns Fähigkeiten herauszunehmen, die wir wirklich und wahrhaftig nicht besitzen.
Natürlich bin ich nicht ganz frei von dem Wunsch, wissen zu wollen, was die Zukunft bringt. Nicht umsonst lege ich bei Voll- und Neumond oder wenn neue Menschen in mein Leben kommen, gerne die Tarotkarten. Ich war auch schon einmal wegen eines Mannes bei der Astrologin – fragen Sie nicht, welche Auswirkungen das auf mein Dasein hatte! Doch gerade durch solche Erlebnisse wurde mir bewusst, dass es einfach nur mit Achtsamkeit geht. Im Moment sein, wahrnehmen, weitestgehend frei von Interpretationen bleiben und die eigenen Bedürfnisse respektieren. Nur so können wir dieser schnelllebigen Zeit etwas entgegenhalten, ohne total kirre zu werden. Mein Ego freute sich über den Trendsettergedanken, doch davon habe ich auf die Dauer gar nichts. Von dem Gefühl, im Augenblick glücklich zu sein, umso mehr. Dass ich viele solcher Augenblicke im Leben habe, macht mich dankbar. Und das wiederum mehrt das Glück. Insofern lebe ich die absolut positive Variante von der Katze, die sich in den Schwanz beißt. Meine liegt auf einem weißen Handtuch neben meinem Laptop und schnurrt.

FREITAG: Der Intuition folgen

Langsam gruselt es mich vor mir selber. Doch nur genau in dem Moment, wo ich mich vergleiche – mit mir selbst vor einigen Monaten. Dann siegt die Neugierde darüber, was der Wandel noch alles in mir wandeln wird.

Wie letzte Woche angekündigt, habe ich meinen Claudia-Tag auf einem Schiff verbracht. Nicht genau auf dem, das ich ursprünglich entern wollte. Denn beim Frühstück überkamen mich Zweifel ob der Bedingungen dieses Ausflugs. Ich hätte mich im Vorhinein entscheiden müssen, welche Art von Sitzplatz ich wählen möchte. Ich wäre hüben wie drüben an fixe Abfahrtszeiten gebunden gewesen, und die Zeit dazwischen auf unbekanntem Terrain erschien mir plötzlich unangenehm lang. Was, wenn es mir am Zielort nicht gefällt, fragte ich mich, während ich mein orientalisches Frühstück in der Sonne genoss. Jetzt zähle ich normalerweise nicht zu den Reiseskeptikerinnen – geneigte Leser dieser wöchentlichen Zeilen werden das bestimmt schon bemerkt haben. Man setze mich auf eine Fähre im Indischen Ozean, und ich wäre die Letzte, die an Piraterie denkt. Und selbst wenn ich in Kontakt mit Piraten käme, wäre ich ziemlich neugierig, mich mit ihnen zu unterhalten. Dass mich die Zweifel in Mitteleuropa anfielen, überraschte mich.
Und während ich an einer Gurkenscheibe herumkaute, kämpfte ich mit mir selber. Denn normalerweise tue ich, was ich sage – im Allgemeinen, aber auch in meinem eigenen Leben. Und das gerät offensichtlich ins Wanken, denn die Tatsache, dass ich plötzlich nicht mehr tun wollte, was ich angekündigt hatte, machte mich unrund wie die Gurkenscheibe nach einem Biss. Dann erinnerte ich mich an eine Erkenntnis, die ich vermutlich letztes Jahr hatte: Wenn du dich nicht entscheiden kannst, entscheide nichts. Okay, dachte ich mir, dann frühstücke ich jetzt einfach weiter und tue so, als würde der ganze Tag völlig leer vor mir liegen.
Gesagt, getan. Zwischenzeitlich kamen Nachrichten auf mein Handy, unter anderem auch auf Facebook. Und damit einige Veranstaltungstipps für diesen Tag. Und während ich mich durch die verschiedenen Vorschläge wischte, kam mir plötzlich die Idee, dass ich ja vielleicht auf ein anderes Boot steigen könnte. Und siehe da, ein zeitnaher Termin war vorrätig, und schon war ich unterwegs. Ich musste mir keinen Platz für Dutzende Euro reservieren, sondern konnte mir einen am Bug aussuchen und dort genüsslich mein Gesicht in die Sonne halten. Ich bemerkte vom Deck aus Kunstwerke, die ich mir im Anschluss genauer anschaute, und einen Strand mit Liegestühlen, wo ich meine Füße in den Sand stecken konnte. Wer hätte das gedacht?
Später machte ich mich zu einem Straßenmusikanten-Festival auf und traf mich mit meinem Onkel, der die Seele eines Pfadfinders hat und allzeit bereit ist, wenn ich mich melde. Anschließend noch ins Museum und den Tag mit einem warmen Ziegenkäse auf Fruchtsalat beschlossen. Auf das alles hätte ich verzichten müssen, wenn ich meinem ursprünglichen Plan gefolgt wäre, meine Stier-Sturheit ausgelebt hätte. Doch da ich vor einiger Zeit den Vorsatz gefasst habe, meine Intuition mehr zu respektieren, wenn ich sie wahrnehme, fiel es mir leicht, mich in das zu fügen, was das Leben mir an diesem Tag bot.
Normalerweise sind meine Claudia-Tage ja weniger ereignisreich, um nicht zu sagen, ereignislos. Doch dieser Sonntag hatte alles, was mir Freude macht. Und auch die Geschwindigkeit der Großstadt, die mir – egal wo – mit zunehmendem Alter zu schaffen macht, hat mich mitnichten angesteckt oder getrieben. Alles easy! Am Abend saß ich auf dem Balkon meines kleinen Apartments bei einem Tee und stellte fest, dass die Abenteuer dort sind, wo man gerade ist. Wenn man die Augen aufsperrt und offen ist für die Informationen, die einem geschickt werden. Von wem auch immer – Litfaßsäule oder Facebook, egal. Hauptsache, dem Bauchgefühl gefolgt und reich belohnt worden. Mein Leben ist schön.

FREITAG: Es herbstelt

Ach, ich mag den Herbst – auch wenn mein Kühlschrank vor Trauben, Zwetschgen und Äpfeln überquillt. Ja, Erntezeit ist eine fruchtbare Zeit, und langsam beginnt auch das vorsichtige Ernten aus den Jahressaaten im Leben.

Vor einiger Zeit habe ich mir ein Sechs-Minuten-Tagebuch angeschafft. Nicht dass ich ungern Tagebuch schreiben würde; manchmal denke ich mehr oder weniger laut darüber nach, wohin ich mit den bisher angefüllten Schreibheften soll, die sich über die Jahrzehnte angesammelt haben und die sowieso niemand lesen wird, weil unleserlich für 99,9 Prozent der Bevölkerung. Ich denke, nicht einmal die Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien käme durch den Schlaufendschungel durch. Andererseits: man wächst mit den Herausforderungen, auch so eine Sammlung. Doch das ist ein anderes Thema.
Das Sechs-Minuten-Tagebuch ist im Grunde ein Achtsamkeits- und Dankbarkeitsbuch, bei dem man sich morgens und abends drei Minuten hinsetzt und reflektiert. Es werden einem immer die gleichen Fragen gestellt, die man je nach Tagesverfassung möglichst konkret beantworten soll. Einmal in der Woche blickt man auf dieselbe, monatlich ebenfalls. Dabei geht es um Wünsche, Hoffnungen, aber eben auch sehr viel um Zufriedenheit aus Erreichtem. Während dieses Sommers habe ich dieses Gefühl sehr oft beim Blick aus dem Fenster empfunden, wenn nach einem Regenguss das Grün geblitzt und einen so wunderbaren Kontrast zum sommerblauen Himmel gebildet hat. Ich verspürte diese Morgenruhe bei den Klängen zur Sufi-Musik, beim Schnurren der Katze, beim ersten Schluck Kaffee. Keine spektakulären Dinge finden sich auf diesen Ausfüllseiten, die immer einen Satz beinhalteten: „Alles ist gut.“
Ein altes Sprichwort sagt, dass Übung den Meister macht – und das trifft auch auf die Dankbarkeit und Achtsamkeit zu. Wenn man derartig offen für Unerwartetes ist wie ich, dann kommt diese Übung im ganz normalen Alltag oft zu kurz. Denn gerade dann, wenn man mit einer Meditation beginnen will, läutet das Telefon oder es bingt am Handy oder mein kleiner Nachbar steht auf der Veranda seines Holzhauses und ruft nach einem Eis. Jetzt könnten Sie zu Recht sagen, dass ich ja endlich das Wörtchen „Nein“ lernen könnte. Und ganz unrecht hätten Sie damit auch gar nicht – schließlich kann ich nicht überall sein, muss hin und wieder auch schlafen oder essen. Andererseits: „Live happens while we’re busy making other plans.“
Mein Ex sagt immer, dass ich endlich zur Ruhe kommen sollte. Denn dieses Leben, dass ich seit unserer räumlichen und erotischen Trennung führe, macht ihn total kirre. Er hält schon die Sufi-Musik nicht aus, doch wahrscheinlich deshalb, weil er kein Bauchtänzer ist. Die Beschäftigung mit dem Orient öffnet eben auch andere Klangwelten. Ich im Gegensatz hab’s nicht so mit Chorälen, aber ansonsten verstehen wir uns auch nach 23 Jahren so gut, dass die Kinder unbeschwert Zeit mit uns beiden verbringen können.
Sie merken, ich schweife ab. Das ist allerdings symptomatisch für mein Dasein. Ich springe von einem Thema zum anderen, weil für mich alles in alles fließt. Weil ich das Gefühl habe, dass es wenig Trennung gibt zwischen den einzelnen Ebenen meines Daseins. Deshalb kann ich beispielsweise auch nie genau sagen, wie viel ich an einem Tag gearbeitet habe. Denn wenn ich schreibe, kann es sein, dass ich währenddessen Hunger bekomme und kochen gehe. Danach setze ich mich an den Teich zu einem Verdauungsrülpserchen und schreibe anschließend weiter. Oder ich gehe in den Garten, wühle in der Erde und dabei kommt mir ein Gedanke, den ich schriftlich festhalten möchte. Oder ich fahre zum See und nehme Arbeit mit.
In meinem Sechs-Minuten-Tagebuch steht fast täglich, dass ich mir selbst mehr Achtsamkeit schenken möchte. Das betrifft mein Hungergefühl ebenso wie Müdigkeit, wenn sie unmittelbar auftritt oder Energielosigkeit, die sich oft in Frieren äußert. Und dass ich das öfter als bisher in meinem Leben schaffe, ist für mich eine Ernte dieses Jahres. Auch, dass ich es zu 90 Prozent zu Wege bringe, mir selbst und nur mir den Sonntag zu schenken. Meine Trafikantin meinte, sie würde diese Tage spontan planen. Doch das funktioniert bei mir nicht. Ich muss mir proaktiv Zeit für mich selbst nehmen – so steht es auch in meinem Sechs-Minuten-Tagebuch. Nur so klappt es bei mir.
Am kommenden Sonntag werde ich meinen Claudia-Tag auf einem Schiff verbringen und schauen, ob ich dort auch bei mir sein kann. Wasser hat ja die wunderbare Wirkung auf mich, dass ich sehr gut loslassen kann. Oder vielleicht auch weitere Ernteerkenntnisse sammeln werde – who knows? Schwierig wird es, wenn mich jemand anspricht. Da „Nein“ zu sagen und ein abweisendes Gesicht zu machen, fällt mir schwer. Doch hey, selbst das wird einen tieferen Sinn haben, der mein Leben bereichern kann. Und der nächste Claudia-Tag kommt bestimmt.

FREITAG: Reden statt anklagen

Man kann es mit allem übertreiben, finde ich. Vor allem Drama Lamas greifen gerne zu diesem aufmerksamkeitsverschaffenden Trick. Doch die meisten von ihnen bringen damit niemanden in den Knast – hoffe ich zumindest.

Vor einigen Monate brachte die hiesige Tageszeitung ein Portrait von mir, weshalb ich mich erkenntlich zeigen wollte und ein Abo abgeschlossen habe. Meist überfliege ich die Titelseite, lese darauf die Öko-Glosse und wenn ich mir ausgesprochen Zeit nehme, blättere ich durch den Lokalteil. Dass ich dabei immer die Tage versäume, wo Freunde von mir Interviews geben und ich dann unschuldig schauen muss, wenn sie mich darauf anreden, ist eine andere Geschichte. Sie merken schon: ich bin eine schlampige Printmediennutzerin geworden. Und das trifft auch auf das Abo meiner Wochenzeitung zu, die ich inzwischen total zerfleddere, bevor sie meinen Geist ob all der gut geschriebenen Geschichten zerfleddert. Nur die Themen, die mich laut Inhaltsangabe interessieren, überleben diesen Prozess. Reicht auch noch.
Bei meiner lokalen Zeitung geht es schneller, schon allein wegen des Umfangs. Doch heute bin ich hängen geblieben, und zwar an einer Geschichte, bei der ich mir die Augen reiben musste. Nicht wegen des Kollegen, der sich damit beschäftigt hat, sondern wegen des Inhalts. Da ging es um eine über 70jährige Frau, deren Mann wohl neben alt auch ziemlich krank war. Bei einem Arztbesuch hatte sie sich beim Herrn Doktor erkundigt, ob es denn nötig sei, dass ihr Gatte so viele Medikamente nehmen müsse. Dabei ist mir meine Großmutter väterlicherseits eingefallen, die sich sehr gerne mit Ärzten umgeben hat und entsprechend viele Rezepte eingelöst hat. Nach ihrem Tod füllten diese einen halben Müllsack. Ich glaube mich auch erinnern zu können, dass mein Mediziner-Vater immer wieder einmal gefragt hat, wofür sie das eine oder andere Präparat verschrieben bekommen hätte. Angesichts der aktuellen Erkenntnis hat er wirklich Glück gehabt, dass er für diese Frage nicht im Kittchen gelandet ist.
Die 70jährige Frau nämlich wurde wegen versuchter Anstiftung zum Mord angeklagt, vier Monate saß sie in Untersuchungshaft. Und das alles offenbar wegen eines Missverständnisses. Sie wollte ihrem Mann das Leben erleichtern, dass ihrer Anschauung nach mit weniger Medikamenten eher zu gewährleisten war. Verstanden wurde, dass sie ihren Mann durch das Absetzen der Präparate um die Ecke bringen wollte. Und das alles zieht jetzt weitere Kreise, weil man zur Absicherung jetzt auch noch weitere Richtlinien und Verschärfungen der Anzeigepflicht fordert. Und ich frage mich wieder einmal: Haben Menschen ihre kommunikativen Fähigkeiten komplett verloren?
Nicht dass mein Leben arm an Missverständnissen ist! Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass in die einfachsten Sätze Romane hineingedichtet werden. Und das oft nur deshalb, weil man an einem Wort hängen bleibt, das irgendwas triggert. Bei meinem Ex beispielsweise ist es aktuell das Wort „Leid“. Wenn ich ihm etwas vorlese, von dem ich denke, dass es ihn freuen würde, und das Wort „Leid“ kommt zu früh, kann ich auch gleich mit dem Vortrag aufhören. Denn der Rest versickert eben in seiner Abwehr. Jetzt ist er aber schon zu den Fortgeschrittenen zu rechnen, denn er ist sich nach einer kurzen Beruhigungszeit dessen bewusst und dann auch für den Rest aufnahmebereit. Bei vielen anderen findet diese Reflexion nicht statt. Sie brettern mit ihren Überzeugungen einfach über das Gegenüber drüber, als gäbe es eine Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Es hat einen Grund, warum der Mensch zwei Ohren und nur einen Mund hat. Doch das Zuhören ist eine Qualität, die keine große mehr zu sein scheint. Das Nachfragen übrigens auch nicht, wenn man etwas nicht verstanden hat. Das ist aber auch nur logisch, wenn man eh nicht zuhören will. Doch brauchen gerade jene, die verstopfte Ohren haben, irgendwann einmal jemanden, der sich das anhört, was sie von sich geben. Und da ist diesen Menschen dann jeder recht, der des Weges kommt. Ich verstehe das schon – man muss sich ja manche Dinge von der Seele reden. Doch gute Kommunikation ist wie eine Beziehung ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Eine alte Gesprächsregel besagt, dass man zweimal auf Gesagtes eingehen sollte, bevor man sich selbst ins Spiel bringt. Und das gilt für das Gegenüber dann selbstverständlich auch. Die verschärfte Version wäre der indianische „Talking Stick“, bei dem so lange zugehört werden muss, bis der Inhaber desselben ihn weitergibt. Das kann dauern, zugegeben. Und deshalb ist diese Methode ja auch nicht immer und überall passend. Aber zweimal auf sein Gegenüber zu reagieren – das muss drin sein.
Und hätte der Arzt die 70jährige Frau gefragt, warum sie nach dem Absetzen der Medikamente verlangt, hätte sie dem Mediziner vielleicht erklären können, wie sie es gemeint hat. Und dann hätte man die Gefängniswärter, die Schöffen und die Richter nicht bemühen müssen. Dass man das dafür verwendete Steuergeld sinnvoller einsetzen hätte können, scheint mir glasklar. Oder stelle ich mir das in meiner Pippi Langstrumpf-Welt nur wieder einmal einfacher vor als es ist? Na ja, „einfacher“ ist vielleicht das falsche Wort – direkter, wertschätzender und konstruktiver würde es wohl eher treffen. Doch das setzt eines voraus, nämlich eine zunehmende Distanzierung zum eigenen Ego. Und das ist dann tatsächlich weniger einfach, als Pippi sich das gedacht hätte.

FREITAG: Die Zeit ist reif für Griechenland

Der Vorteil von Auszeiten ist ja unter anderem, dass man lernt. Und das muss gar nichts Großartiges sein, wenn auch etwas Großartiges daraus resultieren kann.

Während meines Urlaubs ist etwas eingetreten, was ich für unmöglich gehalten hätte: Ich habe mich tatsächlich in den Bergen entspannt. In den sozialen Medien stünde an dieser Stelle nun dieses Emoticon, das sich den Kopf hält und ein Gesicht macht, als wäre es Edvard Munchs „Der Schrei“ entsprungen. Ich bin sicher, Sie kennen das. Meint: absolutes Entsetzen! Doch andererseits bin ich wirklich glücklich darüber, dass das Experiment derart gut funktioniert hat.
Was mir allerdings auch hier wichtig war: die Aussicht. Wenn Berge meinen Horizont beschränken, dann empfinde ich nach wie vor einen unbändigen Fluchtreflex. Jetzt könnten Sie sagen, dass Berge dazu da sind, sie zu erklimmen. Das überlasse ich gerne anderen, ich bevorzuge die entspannte Art des Anstiegs, und der erfolgt eben über Lift oder Auto. Und diese Einstellung hatte ich bereits vor meiner Raucherkarriere. „Papa, tragen!“ ist noch jetzt ein beinahe geflügeltes Wort, wenn zwischen meinen Eltern und mir Kindheitserinnerungen ausgetauscht werden.
Während ich also nun auf diesem Berg in einem unendlich paradiesischen Hotel gesessen bin, hatte ich ausreichend Zeit, um meinen Geist fliegen zu lassen. Wenn man in luftigen Höhen in der Sonne sitzt und außer zirpenden Grillen nichts hört, kehrt eine unglaubliche Ruhe ein. Und die Niederungen werden einem bewusst, vor allem die emotionalen. Ich bin ja der Meinung, dass wir uns selbst nie wirklich kennen, doch das Kennenlernen finde ich ziemlich spannend. Weil uns das dazu bringt, eine Entwicklung 24/7 mitzuverfolgen. Bei anderen passiert das ja immer nur in Zeitfenstern, mit uns selbst verbringen wir das ganze Leben. Und das Sitzen auf einer Bank mit Blick über ein weites Tal befördert eine Bestandsaufnahme der emotionalen Befindlichkeit ungemein.
Während das Meer, das ja bislang meine bevorzugte Reisedestination war, vielfach Gedanken, Sorgen oder sonstige Malaisen wegzutragen pflegt, ermöglicht die entgegengesetzte Richtung einen Überblick. Gibt es außer besagter Grillen keine sonstigen Reize, die einen zerstreuen, fällt das Wesentliche umso mehr ins Gewicht. Das, was dem Leben Sinn gibt oder geben könnte, wenn man es nur zulässt. Oder vielleicht auch, dass der bisherige Sinn des Lebens gar nicht mehr stimmt. Weil eben eine Entwicklung stattgefunden hat, die man in der alltäglichen Getriebenheit noch nicht wahrnehmen konnte.
In der Abgeschiedenheit eröffnen sich ganz andere gedankliche Möglichkeiten. Weil man den Luxus genießen kann, sich wieder zu entdecken. Durchzuatmen und dabei vieles loszulassen, was beschwert, ohne dass man sich dessen bewusst war. Und während man den Grillen beim Springen zuschaut, kommt die Idee plötzlich daher, dass man ja auch hüpfen könnte. An Ort und Stelle, aber auch aus Gewohnheiten und Konditionierungen heraus, die einem nicht mehr entsprechen. Dabei entsteht ein weiter Raum, den man neu besetzen und einrichten kann. Oder einfach nur dessen Weite und Leere genießen kann.
In dieser Weite treffe ich Aris, den griechischen Gärtner. Ich habe es nicht so mit Griechenland, war auch noch nie dort, denn als ich mit 16 hin wollte, durfte ich nicht. Und als ich konnte, war es schon überlaufen. Aris betreibt ein Hotel in Athen, das aber mehr Geld braucht, als die Touristen zahlen. Also arbeitet er im Sommer in den österreichischen Bergen und bringt den Hotelgarten samt Gemüsebeeten in Ordnung. Er ist erstaunt, dass ich seine Heimat noch nie besucht habe und schreibt mir eine Liste mit Inseln, die ich unbedingt sehen sollte. Weil sie eben nicht übervölkert sind. Und in meiner inneren Weite denke ich, dass ich diesen Wink nie wahrgenommen hätte, würde ich noch in meinen Konditionierungen stecken. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass mein nächstes Ziel Griechenland ist. Sie werden es erfahren.

FREITAG: Zuhause angekommen

Die Tochter einer Freundin ist jetzt in ihr eigenes, langersehntes Leben aufgebrochen. Nicht dass es vorher schlecht gewesen wäre – wenn immer wieder die Frage aufpoppt, ob es einem entspricht, muss es wohl noch mehr geben.

Ich erinnere mich noch gut an meinen eigenen Aufbruch aus der Gegend, die jetzt auch die junge Frau verlassen hat. Die Berge rund herum, die Möglichkeiten beschränkt – und das lag nicht nur an der Geographie. Die Tochter meiner Freundin würde das sofort unterschreiben, obwohl sie als Mitglied einer anderen Generation mit der ganzen (Internet-)Welt verbunden ist. Ich weiß nicht, ob mich das Netz von einem Aufbruch damals abgehalten hätte – die junge Frau auf jeden Fall nicht. Was wieder einmal beweist: Es gibt keinen Ersatz für das wirkliche Leben.
Sie hat sich nun in England eingerichtet, ich habe damals schon Salzburg als absolutes Freiheitsgebiet betrachtet. Und war total glücklich in meiner ersten Nacht auf einem Ausziehbett, das mein siedlungshilfsbereiter Großvater und ich drei Stockwerke hinauf geschleppt hatten, weil es nicht in den Lift passte. Was die junge Frau nach den ersten britischen Tagen schreibt, klingt auch verdächtig nach Glück. Und auch nach Nachdenklichkeit, die sich schon alleine daraus ergibt, weil man plötzlich aus der Distanz auf das bisherige Leben, die Mechanismen und Prägungen blickt. Und feststellt: Es wurde höchste Zeit, Eigenheiten zu entwickeln. Auch wenn man noch nicht genau weiß, welche. Doch die Neugierde ist überwältigend, weil einfach alles besser ist als das bekannte.
Nicht, dass das Dagewesene schlecht wäre – manchmal passt es halt einfach nicht zu einem. Und aus Loyalität, Anerkennungs-, wahlweise Anpassungswillen schiebt man diese Tatsache oft weg. Dass Kinder das tun, erklärt sich aus der Abhängigkeit von den Eltern. Als erwachsener Mensch muss man erst einmal verinnerlichen, dass man plötzlich auch eigene Wege gehen kann. Dass man den Erziehenden nicht lebenslang ihre Bemühungen in die Schuhe schieben kann, obwohl man selbst fähig (geworden) ist, in die Sandalen zu schlüpfen, die einem passen.
Ich sage ja oft mit einem Augenzwinkern, dass mich der Storch im Zuge eines Schwächeanfalls dort fallen gelassen hat, wo ich auf die Welt gekommen bin. Und kürzlich bin ich auch drauf gekommen, was der tiefere Sinn dahinter ist. Es hat mir eben nicht entsprochen. Doch da können weder die Umgebung noch die Menschen etwas dafür. Sich irgendwo zuhause zu fühlen, ist vor allem ein inneres Gefühl, das unmittelbar mit dem eigenen Selbst zu tun hat. Ich habe zufriedene Menschen kennengelernt, die glücklich waren, wenn man ihnen ein Badetuch geschenkt hat. Und ich weiß von Menschen mit goldenen Wasserhähnen, die den ganzen Tag Kaffee trinken und trotzdem keinen Boost in ihrem Leben haben. Klingt wie ein Klischee, stimmt aber.
Unser Leben ist eine Reise. Manche müssen wie ich Tausende von Kilometern hinter sich bringen, um bei sich anzukommen. Manche wissen es scheinbar sehr schnell, wo ihre Wurzeln und wer sie sind. Über einen Kamm scheren kann man das keinesfalls. Nichtsdestotrotz macht mich die vorgeblich immer schon dagewesene Zufriedenheit manchmal stutzig. Denn der Mensch ist ein „work in progress“, und wenn er sich schon im Außen nicht verändert, glaube ich doch an die Notwendigkeit einer inneren Entwicklung. Von der Wiege bis zur Bahre glücklich zu sein, halte ich einfach für eine Illusion. In der heutigen Zeit, die permanent versucht, durch negative Schlagzeilen, Gefühle und Impulse diese Zufriedenheit zu unterminieren, muss es doch ein steter Prozess sein, seine Mitte zu behalten.
Vielleicht bin ich auch nur skeptisch, weil ich eine Suchende war und bin. Wie die Tochter meiner Freundin. Das Ziel klingt nach einem weiteren Klischee: Selbstverwirklichung. Doch was steht dahinter? Nichts mehr als der Wunsch, sich selbst so annehmen zu können, wie man eben gemacht wurde. Und das geht oft nur durch Distanz. Nach fast 35 Jahren örtlicher Entfernung von den Prägungen meiner ersten zwei Lebensjahrzehnte hatte ich kürzlich zum ersten Mal das Gefühl, endlich zuhause zu sein. Und weil das so ist, fahre ich jetzt einige Tage zu meinen Eltern. Und werde dort ganz ich selbst sein. Drücken Sie mir die Daumen, dass sie das ertragen können. Den nächsten Blogbeitrag gibt es wieder am 23. August.