FREITAG: Einfach komplex

Den Wind gibt es hier wie dort, meine Bräune wird sich wohl auch noch ein paar Tage halten und das Arbeiten ist mir ja auch geblieben. Doch sonst?

Meine Füße sind selbst nach drei Tagen immer noch schwer, speziell mein kleiner Zeh macht erst recht Probleme, seit er sich in Schuhe zwängen muss und nicht mehr an der Sonne vor sich hin heilen darf. Das konstante Sitzen hat mich wieder, die Katze residiert ja in einem kleinen, kuscheligen Palast in der Gartenhütte, mit der sie mein Ex beschenkt hat. Obwohl ich eine Katzenfrau bin, muss ich sagen: Hunde halten einen mehr auf Trab, speziell wenn man eh zum Sitzen neigt. Doch die Situation mit meinen fluggeschädigten Beinen macht mir eines deutlich: Ich soll es wohl zuhause langsam und sanft angehen.

Das wird neben dem Wind und dem Arbeiten wohl auch bleiben, denn frau gewöhnt sich daran, an die Entschleunigung. Wenn es bis zu sechs Stunden am Tag keinen Strom gibt, tut man sich leicht, ein Buch zu lesen. Weil ein Großteil der Arbeit schon erledigt ist. Zeitmanagement funktioniert in diesem Umfeld sehr gut, weil extern initiiert. Und mit Gegebenheiten zurecht kommen, kann ich ganz gut. Der Knackpunkt ist bei mir immer der, wenn ich erkenne, dass ich Dinge oder Situationen verändern kann. Da werde ich hyperaktiv, körperlich und mental. Doch wie ist gegen die staatliche Stromversorgung anzukommen? Gar nicht. Also mache ich das Beste daraus, weshalb sich Arbeit vielfach eben nicht als Arbeit angefühlt hat.

Hier gibt es von allem viel. Meine Bücher sind wieder um mich, mein Terminkalender füllt sich zusehends, Strom gibt es (noch) ausreichend. Und ich sitze eben wieder vor meinem Computer mit der Gewissheit, dass ich es ganz alleine bin, die für das Zeitmanagement verantwortlich ist. Gut, ich könnte mich darauf hinausreden, dass es hier ja keine Wärme gibt, unter die ich mich mit einem Buch breiten könnte. Doch die Couch ist auch nicht unbequem und säuselt mir ein „Komm‘ schon“ ins Ohr. Auch die Windspiele im Garten erinnern mich daran, den Augenblick zu genießen. Doch die Stimmung hier ist: Mach, tu etwas.

Das war immer schon der Grund, warum es mich nach Afrika gezogen hat. Weil ich dort sein konnte, weil ich weit genug vom Leistungsdenken weg war, um es in Frage zu stellen und dann die Pausetaste zu drücken. Zuhause fällt mir das mit der Pausetaste wirklich schwer, gerade wenn ich mir vornehme, im Augenblick zu sein. Denn gerade in diesem Augenblick, während ich diese Zeilen schreibe, werde ich daran erinnert, dass ich noch mein Visionboard für 2023 machen will. Dass die Tulpen in der Vase neues Wasser brauchen. Dass das Kochgeschirr in den Geschirrspüler gehört. Dass ich meinen Kreativitätstechniken-Workshop vorbereiten möchte. Dass ich mich endlich bei meinen Nachbarn melden sollte, um einen Termin für die Übernachtung des Kleinen auszumachen. Zum Vergleich: In den vergangenen Wochen lief es gemächlicher. Wenn es Strom gab, habe ich gearbeitet. Wenn der Pool voller Blätter war, habe ich sie rausgefischt. Wenn die Hunde zu viel Dreck ins Haus getragen haben, kam der Besen zum Einsatz. Und wenn Essenszeit war, wurde gekocht. Ich empfinde mein Leben in Europa als viel komplexer als in Afrika. Und ich frage mich, ob es tatsächlich so sein muss oder ob es einen Weg geben könnte, der Komplexität mit mehr Einfachheit zu begegnen. Doch ich merke, dass ich allein durch diese Idee in einen Gehirnstrudel hineinkomme, weil mir bewusst wird, dass Komplexität nicht einfach durch ein Fingerschnipsen aufgehoben werden kann.

Doch vielleicht kann es so funktionieren, dass ich in einem ersten Schritt einfach hinterfrage, ob Verhaltensweise und Dinge wirklich notwendig sind. Warum ich etwas mache und ob ich es auch lassen kann. Mir ist momentan sehr nach lassen, aber das mag auch der Umstellung geschuldet sein. Upbeat-Songs an der Ampel sind eben ganz etwas anderes als Perlhühner-Schreie aus der Palme. Wird schon, denke ich mir. Und warm wird es bestimmt auch von selbst wieder. Bis dahin habe ich Vitamin-D-Tabletten gegen den Winterblues, liebevolle Erinnerungen und den festen Plan, allem die Zeit zu geben, die benötigt wird. Vor allem mir selbst.

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FREITAG: Zurück in die Pubertät!

Nach einigen Jahren ohne Jugend in meinem Haus komme ich nun in den Genuss, wieder in die Erlebniswelt junger Menschen eintauchen zu dürfen. Und ich kann gar nicht glauben, wie schnell sich manche Dinge in nur relativ kurzer Zeit verändern können.

Als ich meine Kinder begleiten durfte, lag mein Hauptfokus darauf, ihnen etwas zu vermitteln, was Bestand haben könnte. Denn durch meine eigene Erziehung hatte ich festgestellt, dass manche der Werte, die meine Eltern mir mitgegeben hatten, nur mehr bedingt von Nutzen waren. Das war keineswegs ihr Fehler, denn Eltern handeln immer nach bestem Wissen und Gewissen. Doch die Welt hatte sich während meines Heranwachsens so rasend schnell zu drehen begonnen, dass neue Vorgehensweisen angebrachter erschienen.

Im Alter von 19 Jahren feststellen zu müssen, dass es auch andere Sichtweisen auf das Leben gibt, als ich sie aus meiner gebirgigen Wachstumsregion mitgebracht hatte, war anfangs ziemlich spannend. Denn in diesem Alter kann man sich noch einigermaßen an Neues anpassen, sucht es häufig auch. Schließlich will der eigene Horizont erweitert werden, speziell wenn er von Bergen begrenzt war wie in meinem Fall. Und es ist natürlich auch eine Art von Rebellion, Dinge anders zu sehen und zu tun, als sie einer gelehrt wurden. Tirol ist schließlich nicht überall – glücklicherweise.

Im Laufe meines Lebens stellte ich allerdings fest, dass ich sehr wohl Werte vermittelt bekommen hatte, die es wert waren, weiterzugeben. Speziell, als die Kinder in mein Leben kamen. Nach der rebellischen Phase meines eigenen Erwachsenwerdens wurden die Tugenden durch die neue Generation wieder auf den Prüfstand gestellt. Und vieles hielt. Zum Beispiel, dass man mit jungen Menschen tunlichst im Gespräch bleiben sollte. Die Geduld und Leidensfähigkeit wird dabei gehörig auf den Prüfstand gestellt, denn ich habe mir vieles angehört, was mich mit keiner Faser meines Herzens interessiert hat. Ich hatte es nie mit Computerspielen oder anderen modernen Spielzeugen, empfand mich nicht als besonders kreativ und war auch niemand, der Action viel abgewinnen konnte. Und doch nahm ich mir die Zeit dafür, weil es mir egal war, worüber die Kinder mit mir reden wollten – Hauptsache, sie redeten. Und das galt vor allem für die Burschen, die generell ja kein besonders ausgeprägtes Redegen haben. Meine reden bis heute, können sich ausdrücken und mögen den Austausch.

Jetzt muss ich sagen, dass ich Glück hatte. Denn die größte Strafe für mich wäre gewesen, wenn meine Bemühungen um Kommunikation gescheitert wären. Die Kinder stumm zu erleben, unfähig, Worte für ihre Befindlichkeiten und/oder Gedanken zu finden, auch unsicher, ob das, was sie ausdrücken möchten, auch wohlwollend aufgenommen wird – das alles hätte mich buchstäblich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen lassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie bedrückend es sein kann, wenn man für die eigenen Gefühle und Gedanken keine Worte findet. Da stapelt sich etwas im Inneren, was einer die Stimmung vergällt, den Hunger dämpft, die Lebenslust massiv beeinträchtigt. Und je länger man keinen Ausdruck findet, umso gefährlicher wird die emotionale Gemengelage. Ich habe glücklicherweise für mich Werkzeuge gefunden, diesen Zustand nach einer überschaubaren Anzahl von Tagen zu beenden. Doch junge Menschen haben ihren Werkzeugkasten vielfach noch nicht so gefüllt wie eine Voll50-Frau.

Deshalb glaube ich, dass eine der immergrünen Werte, die man jungen Menschen vermitteln kann, jene ist, dass Menschen miteinander im Gespräch bleiben sollten. Wohlwollend, wertschätzend, offen. Und das fällt vor allem dann schwer, wenn man zu wissen glaubt, wen man vor sich hat. Denn Schubladisierungen sind immer trügerisch. Das merke ich häufig im Gespräch mit meinen Eltern, die ich natürlich immer noch gerne als jene Gesprächspartner sehen würde, die ich als junger Mensch erlebt habe. Doch inzwischen sind Jahrzehnte vergangen, und die Herausforderung für mich war, auch ihnen Entwicklung zuzugestehen. Den Menschen in unserer nächsten Umgebung versagen wir das manchmal, weil wir einfach daran festhalten wollen, dass es wenigstens etwas gibt, was bleibt. Das ist wie mit der Religion, die für viele Menschen auch ein Feld ist, das ihnen Stabilität gibt. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Anzuerkennen, dass sich unsere Kinder entwickeln, gerade in der Pubertät ihre Persönlichkeit erforschen und immer wieder einen neuen Blick darauf zu legen, was aktuell anders ist – das ist mir durch das konstante Kommunizieren mit den Kids leichter gefallen. Weshalb dieser Wert im Umgang mit der Jugend allgemein für mich der wichtigste ist. Als Erwachsene sind wir es, die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle und Handlungen übernehmen sollten – vor allem, wenn wir mit den Youngsters sprechen. Sie sind oft in den Stürmen ihrer Existenz gefangen, zugebenermaßen auch scheinbar egozentrisch. Doch ist es nicht nachvollziehbar, dass wenn das Innere unaufgeräumt ist, das Äußere unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen wird?

Kindern Werte zu vermitteln, bringt uns Erwachsene automatisch in die Situation, uns selbst zu überprüfen. Und festzustellen, dass sich manches, was wir als selbstverständlich angenommen haben, vielleicht gar nicht mehr vertretbar ist. Weil sich unsere kleine und große Welt stillschweigend weitergedreht hat, während wir noch versuchen, die Dinge zu regeln, die wir vielleicht unhinterfragt übernommen haben. Unsere Kids zwingen uns manchmal sogar dazu, das zu überprüfen, was wir ihnen an Stabilität zu bieten gewillt sind. Weil sie vielleicht etwas anderes brauchen. Die Frage ist: Können wir das? Sind wir bereit, mit dem Flow zu gehen und uns damit in eine Situation zu bringen, die auch uns in eine Art Pubertätsmentalität versetzt? Wenn wir unsere persönlichen Wertepflöcke gesetzt haben, können wir dieses Risiko ruhig eingehen.

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FREITAG: Etwas bewegen, wo es geschätzt wird

Die Zitronen baumeln im leichten Nachmittagswind, nur wenige Meter entfernt beschützt mich ein schnarchender Beagle-Mann vor wilden Tieren. Und ich gewöhne mich langsam an die Gegebenheiten.

Das Gefühl der übermäßigen Privilegiertheit, unter südlicher Sonne arbeiten und leben zu dürfen, legt sich langsam. Auch weil ich gemerkt habe, dass mich die 30 Grad Hitze und die drei Hunde von den wichtigen Dingen im meinem Leben nicht fernhalten können. Es ist so ähnlich wie mit dem Alkohol: Er hilft nicht gegen Sorgen, weil sie verdammt gut schwimmen können. Und so merke ich, dass eine veränderte Umgebung nur sehr beschränkt dazu beiträgt, die Anforderungen in meinem Leben leichter zu nehmen.

Heute morgen wurde ich in meinem täglichen Schreibimpuls dazu aufgerufen, darüber nachzudenken, wie ich mir ein einfaches Leben vorstelle. Und das war ziemlich schwer, weil ich gemerkt habe, wie sehr ich mich inzwischen an die Herausforderungen gewöhnt habe, die meistens über meinen Alltag hereinbrechen. Dass ich mir oft schon gar nicht mehr überlege, ob ich sie annehmen will oder nicht. Denn – offen gesagt – liebe ich Herausforderungen. Weil sie mein Hirn trainieren, indem sie mich kreative Lösungen suchen lassen.

Jetzt muss man natürlich unterscheiden lernen zwischen den kreativen Lösungen für eine selbst oder für andere. Und genau das macht den Unterschied zwischen einfachem und kompliziertem Leben aus. Ich bemerke, dass ich meine Kreativität mehr für mich selbst nutzen möchte, weil mir das einfacher erscheint als andere von Lösungen überzeugen zu müssen – selbst wenn sie angefragt wurden. Und das trifft ganz besonders auf Fälle zu, wo zuerst angefragt und dann wieder entzogen wurde. Weil ich mich da – verzeihen Sie meine Sprache – verarscht fühle.

Jetzt ist dieses Gefühl keines, das mir liegt. Weil ich davon überzeugt bin, dass ich immer die Wahl habe, die Kapitänin meines eigenen Schiffes zu sein. Dass Loyalität dort endet, wo sie zu einem einschneidigen Schwert wird. Dass ich zu alt bin, um für meine Kompetenz kämpfen zu müssen. Lieber lasse ich etwas, was mir deutlich signalisiert, dass die Zeit abgelaufen ist.

Jenseits von den heimatlichen Ablenkungen nützt mir dann doch die örtliche Distanz, um Dinge klarer zu sehen. Was ich brauche für ein einfaches Leben. Und dazu gehören mit Sicherheit keine schlechten Vibes und Mangelgefühle. Ich möchte ein Leben leben, in dem ich Dinge bewegen kann, weil ich weiß, dass sie dann besser werden. Und so wie es aussieht, kann ich das nachhaltig nur für mein eigenes Leben in die Hand nehmen. Es ist wohl die Zeit gekommen, das endlich umzusetzen.

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FREITAG: Dampf ab, schlechtes Gewissen!

Es ist gar nicht so einfach, das Glück zu akzeptieren, wenn man mitten drin steckt. Dabei dachte ich immer, ich hätte ein Händchen dafür. Das sich langsam, aber sicher wieder öffnet.

Mein erster Impuls für diesen ersten Blogbeitrag des Jahres war, mich selbst anzuzweifeln. Daraus ist ein Lamento entstanden, das meiner aktuellen Situation in keinster Weise gerecht wird. Und das ich vermutlich auch keinem Menschen zumuten sollte. Deshalb entsteht hier die freundliche Version der ersten, die aus Müdigkeit und Anpassungsschwierigkeiten heraus geboren wurde.

Doch nicht nur daraus. Ich musste feststellen, dass ich mich nur schwer von einer Art schlechtem Gewissen befreien konnte. Jenem nämlich, dass ich mich partiell schlecht dabei gefühlt habe, in einer Umgebung zu arbeiten, in der andere und auch ich bislang Urlaub gemacht haben. Das mache ich normalerweise in Salzburg ja auch, das Jahr für Jahr von Millionen von Touristen besucht wird. Und obwohl ich diese Stadt als den perfekten Wohnort betrachte, arbeite ich doch etwas außerhalb und sehe weder Festung, noch Salzach oder den Festspielbezirk jeden Tag. Insofern ist mir der Segen meines Arbeitsplatzes nicht so bewusst wie hier.

Hier – das bedeutet Sonne, Strand und Meer. Das Arbeiten im Freien mit der Option, bei geistiger und körperlicher Überhitzung in den Pool springen zu können. Das neue Leben als Beziehungsmensch auszuprobieren und tagtäglich zu überprüfen, was ich an alten Prägungen loslassen kann und neue, wohlwollende Verhaltensweisen zu aktivieren. In dieser Umgebung zu arbeiten und zu leben, ist ein absoluter Segen. Das haben mir zwei Freundinnen bewusst gemacht, denen ich meine Zwiespältigkeit bezüglich meines aktuellen Status quo erzählt habe. Beide waren sich einig: „Das hast Du Dir verdient.“

So hatte ich die Sache nicht zu betrachten gewagt. In meiner Welt bin ich immer noch nicht daran gewöhnt, dass sich mein Prinzip, Gutes in diese Welt zu bringen, auch tatsächlich auf mich selbst auswirken könnte. Ich bin normalerweise so damit beschäftigt, mein Dasein freundlich, wohlwollend und konstruktiv zu gestalten, dass ich gar nicht dazu komme, Erwartungen in irgendeiner Richtung aufzubauen. Und vermutlich ist das auch der Grund, warum ich in den ersten Tagen am Kap mit meiner Situation gehadert habe. Weil Erwartungen erfüllt wurden, die ich gar nicht hatte. Pläne, ja. Doch das Universum und ich sind ja nicht immer einer Meinung, haben das eine oder andere Missverständnis. Weshalb ich ja vieles einfach laufen lasse, um herauszufinden, was an Gutem bei der Haustüre hereinkommt. Und es kommt vieles, was mich dankbar macht.

Das hier allerdings sprengt den Rahmen von „Gut“. Arbeit fühlt sich nicht wie Arbeit an, sie ist vielmehr ein Teil eines ruhigen Stroms; in dem zwei Maltesermischlingsmädels eine große Rolle spielen. Und dieser Strom ist nicht nur der Liebe und Zuneigung geschuldet, die mich hier umgibt. Er ergibt sich auch dadurch, dass es Stromabschaltungen gibt, die mich mindestens für zwei Stunden täglich zwingen, Offline-Zeit zu gestalten. Eine meiner größten Sorgen war ja, dass ich keine Zeit für mich selbst haben könnte. Eine Eremitin wie ich braucht Zeit fürs Nachdenken, Ausbalancieren, Entdecken. Und wider Erwarten habe ich sie, ohne mir diese Zeit mit meinem hyperaktiven Ich ausdiskutieren zu müssen. Alles ist in der Balance, ohne Zeitmanagement und sonstigen Systemen, die ich mir zuhause eingerichtet habe.

Vermutlich habe ich diesen Zustand tatsächlich verdient, wie meine Freundinnen sagen. Und vermutlich ist das eine wunderbare Gelegenheit, das Gute mit dem Nützlichen zu verbinden. Daraus ein schlechtes Gewissen zu lukrieren, ist vollkommen unnötig, eine Selbstgeiselung, die nicht mehr in mein Leben passt. Ich darf die beste Umgebung für mein Arbeiten, mein Sein genießen. Und Prägungen loslassen, die sich vorsichtig ducken wollen, weil der Neid hinter jedem Busch lauern könnte. Soll er doch, wenn er sich dort wohlfühlt. In der südlichen Sonne darf er aber auch gerne verdampfen.

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FREITAG: Auf ein neues!

Es ist wieder Zeit, Bilanz zu ziehen. Und meine ziehe ich heuer mit großer Zufriedenheit und Ruhe – auch wenn es vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm ist.

Gerade bin ich noch am Strand gesessen und habe durchgeatmet, weil mir das Glück des Wiederreisenkönnens in die Knochen gefahren ist. Das war vor fast zwölf Monaten, und würde ich nicht wissen, dass ein Jahr immer gleich lang dauert, müsste ich sagen, es war um die Hälfte kürzer. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass es proppenvoll war, vor allem mit Veränderungen. Beziehungen sind anders geworden, das Arbeiten ebenfalls, die Tagesstruktur passt sich langsam diesen Veränderung an. Auch meine Auffassung von Reisen hat sich gedreht und wird es weiterhin tun.

Und vor allem habe ich mich verändert – wie immer ganz unfreiwillig und doch sehr bewusst. Aus der Gruppendynamik weiß ich, dass sich eine Gruppe immer dann bewegt, wenn ein neues Mitglied dazukommt oder sich verabschiedet. Einer weniger, eine mehr – das macht etwas mit Menschen. Die Bewegungen in meinem sozialen Umfeld haben mir bewusst gemacht, dass auch ich mich verändern, wachsen, mich entwickeln darf. Nicht dass ich das in den vergangenen Jahren nicht gemacht hätte – die LeserInnen dieses Blog wissen das zur Genüge. Doch heuer wurden fundamentale Überzeugungen auf den Prüfstand gestellt. Und die Kernfrage war stets: Muss ich das weiter tun? Muss ich das weiter glauben? Muss ich bei einer Meinung bleiben?

Die meisten dieser Fragen habe ich mit „Nein“ beantwortet, nicht leichtfertig, sondern wohl überdacht. Denn mein Körper hat mich geführt. Wie das? Er hat heuer sehr sensibel darauf reagiert, wenn ich etwas gegen meine Natur gemacht habe. Und so musste ich auch die Überzeugung loslassen, dass ich körperliche Wehwehchen durchtauchen kann – nope! Er war sehr präzise in seinen Botschaften und hat mir Wege aus Situationen gezeigt, die mir nicht mehr gedient haben. Und genauso hat er mich bestärkt, wenn sich etwas richtig gut angefühlt hat. Und davon gab es vieles in diesem Jahr, auch wenn es sich ungewohnt angefühlt hat. Meine Einstellung, dass alles und jede/r eine Aufgabe für mich bereit hält, hat mir geholfen, mit Gelassenheit das Neues genauso wie das Alte zu überprüfen. Und siehe da, das Leben hat einen ganz anderen Drall bekommen. Wer sein Leben ab 50 nur mehr aussitzt, versäumt so viel!

Ich habe heuer begriffen, dass dieses Leben noch vieles für mich bereit hält, was ich noch nicht kenne. Und vor dem Hintergrund meiner gesammelten Erfahrung aus über fünf Jahrzehnten werde ich bestimmt das eine oder andere auslassen. Doch das, was sich gut und richtig anfühlt, darf in mein Leben kommen, vielleicht auch bleiben. Ich freue mich ungemein auf das neue Jahr, all seine Abenteuer und Erkenntnisse. Ab dem 12. Januar 2023 teile ich sie wieder mit Ihnen und wünsche bis dahin geruhsame Tage, entspannte Begegnungen und viel Zuversicht für die folgenden Monate.

FREITAG: Rocken unter dem Christbaum

Momentan habe ich wieder das Bedürfnis, jeden Morgen eine Tarotkarte zu ziehen. Sie ist für mich ein kleiner Kompass, damit ich mich während des Tages nicht zu sehr zerstreue.

Heute in der Früh habe ich „Die Liebenden“ gezogen. Doch ganz im Gegensatz zu den traditionellen Decks ist auf meiner Karte eine Frau abgebildet, die sich im Spiegel betrachtet. Das passt sehr gut zu dem Thema, das mich aktuell mehr als alles umtreibt, nämlich die Selbstliebe. Und das hat jetzt nichts damit zu tun, dass frau egoistisch wird und die natürliche Verbundenheit außen vor lässt. Sondern eher damit, dass es gerade in Zeiten wie diesen mehr denn je wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse anzuschauen.

Wenn ich mir mein persönliches Leben aktuell anschaue, läuft da einiges aus dem Ruder. Nicht dass mich das in diesem Jahr wundern würde! Seit Jahren stelle ich fest, dass mit zunehmendem Alter auch die Inhalte zunehmen. Ganz kann ich mir das nicht erklären, weil ich mir ja vor einiger Zeit vorgenommen habe, mich nur mehr für fünf Themengebiete zu interessieren. Und auch stets versuche, meinen Alltag inklusive Kleiderschrank zu entrümpeln. Inzwischen habe ich sieben Säcke verschenkt, damit mein Liebster wenigstens einen Platz hat, wo er nach seiner Ankunft in wenigen Tagen seine Hemden aufhängen kann. Ich habe mir auch eingetragen, dass ich in der Woche davor mein Leben runterschrauben möchte, damit ich nicht völlig hysterisch und abgerackert am Flughafen stehe und ihm aus Erschöpfung und nicht aus Freude um den Hals falle. Ersteres ist jetzt trotzdem wahrscheinlicher als letzteres, weil mich dieses ohnehin schon übervolle Jahr noch einmal dazu auffordert, Strukturen zu schaffen.

Jetzt kann ich das ziemlich gut, weil ich in mir selbst eine ziemlich gute Struktur habe. Das bedeutet, ich weiß relativ genau, wenn etwas unlogisch oder ineffizient läuft. Und mir wird auch in ähnlicher Geschwindigkeit klar, wo der Hebel anzusetzen ist. Vor Jahren hat mir ein Arbeitskollege das Bewusstsein dafür gegeben, dass man das gerne macht, was man gut kann. Geschenkt. Doch vor Weihnachten? Muss sich immer alles rund um das Christkind zusammenschieben? Offensichtlich. Insofern stehe ich also mitten im Struktur- und Optimierungskampf und möchte mich eigentlich – und das kommt selten vor – nur auf das Putzen der Toiletten oder das Entfernen der Spinnweben konzentrieren. Weil ich dabei nicht denken muss, nichts überlegen muss, nichts organisieren muss.

Der Spiegel, in den ich dabei schaue, würde mir ein entspanntes Gesicht zeigen, nach dem ich mich sehne. Ungefähr genauso wie nach meinem Liebsten, aber ein paar Tage bleiben mir ja noch. Um zu meditieren. Um mein Schicksal anzunehmen. Um einen Plan umzusetzen, der mir sinnvoll erscheint. Also auf die Dauer. Und weil ich mich selbst wirklich liebe, tue ich mir am Ende des Tages auch diese Arbeit an. Denn wenn ich die Wahl habe zwischen dauerhaftem Quälen und kurzfristigem Durchbeißen – meine Zähne lassen grüßen -, wähle ich auf jeden Fall die „Augen zu und durch“-Variante. Um dann in Frieden mit den Kindern und unserer erweiterten Patchwork-Familie unter dem Christbaum „Kling Glöckchen klingelingeling“ zu rocken. Dass sie das eingeführt haben, weil ihnen die traditionelle Singweise zu langweilig erschien, wird auch in diesem Jahr ein Segen sein. Denn bei der Rock-Version kann man so richtig alles rausschreien. Und danach liegen wir uns in den Armen. So soll es sein, jedes Jahr aufs Neue.

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FREITAG: Die blinde Kuh auf dem Regenbogen

Wenn man im Zug sitzt und unendlich froh ist, dass man nicht mehr wegen eines Streiks feststeckt, stellt sich der Grad von Entspannung ein, der einer das Hören eines Audiobuchs ermöglicht. Ich habe ein königliches ausgewählt.

Es gibt aktuell ja viele Themen, mit denen man und frau sich beschäftigen könnten, um sich die Weihnachtsstimmung zu vermiesen: Blackout, Umweltschutz, Streiks, das Wetter. Die Liste ließe sich gewiss unendlich fortsetzen, wenn ich denn das wollen würde. Doch mir fehlt dafür die Zeit, auch die Lust und generell der Sinn. In diesem Mindset bin ich immer, wenn ich aus der großen Stadt zurückkommen, nachdem ich mir reingezogen habe, was andere Menschen so umtreibt. Und bei einem Mittagessen quasi zwischen Hauptspeise und Dessert serviert zu bekommen, dass der Blackout im kommenden Januar oder Februar für ein paar Stunden über uns hereinbrechen wird und es dann zwei Wochen dauern könnte, bis alles wieder läuft, verdirbt sogar mir den Appetit. Und ich esse gerne.

Während ich auf der Liege meines Physiotherapeuten versuchte, den Schmerz wegzulächeln, sagt er etwas sehr gescheites, nämlich dass er sich abgewöhnt hat, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die er nicht beeinflussen kann. Und da tat es mir zwischen den Schulterblättern gleich ein wenig weniger weh. Denn genau so ist es. In der großen Stadt verdirbt man sich die Laune wegen des schwarzen Damokles-Schwertes und lässt es bei der Weihnachtsbeleuchtung krachen, als gäbe es kein Morgen. Und natürlich muss ich mich auch selbst beim Schopf packen, wenn ich bei einem Kaffee unter einem Heizschwammerl sitze, nur weil ich eine rauchen will. Jetzt könnte man ja sagen, dass es die Heizschwammerln gar nicht bräuchte, ließe man die Raucher im Warmen rauchen, doch damit öffne ich ein anderes Fass, das ich lieber geschlossen halten möchte. Worauf ich hinaus will: Alles ist mit allem verbunden. Und wenn wir da etwas zerschneiden, gerät auch der Rest aus der Balance.

Mein Liebster und ich denken uns einen Regenbogen zwischen den beiden Orten, an denen wir leben. Dieses Bild erinnert uns stets daran, dass wir auch aufgrund der großen Distanz verbunden sind. Wenn ich aus der Balance bin, spürt er das. Und wenn es ihm schlecht geht, ist mein Wohlbefinden ebenfalls beeinträchtigt. Auf einer größeren Bühne heißt das in meiner Welt nichts anderes als: Frauen und Männer bedingen sich gegenseitig. Nur damit ich es an dieser Stelle einmal sage: Ich bin eine Cis-Frau, und meine Schreibperspektive ist dem angepasst. Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass in dieser Cis-Welt beide Geschlechter tunlichst darauf achten sollten, sich zu achten.

Das Hörbuch, das ich mir im Zug reingezogen habe, beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Rollen von Mann und Frau. Es erzählt davon, dass Frauen ihre Weiblichkeit und Männer ihre Männlichkeit verloren haben. Und dass viele nicht einmal mehr wissen, wie sie die jeweilige Identität zurückgewinnen können. Zugegeben: Man und frau sehen sich einem enormen Pool an Informationen, Workshops und Gruppen ausgesetzt, wo man das lernen könnte. Doch dafür muss erst einmal eine Entscheidung getroffen werden. Nicht nur, ob Frau einen Göttinnen-Workshop besuchen oder Mann einer Bruderschaft beitreten möchte, sondern vor allem, ob sich beide Geschlechter überhaupt mit diesem Thema auseinandersetzen wollen.

Unsere Welt braucht beide Energien, das Empfängliche und das Zielstrebige. Mein Leitspruch, wenn es um Beziehungen geht, lautete stets, und das auch während meiner Single-Jahre: „Die Frau führt den Mann zur Quelle, und der Mann sorgt dafür, dass sie das tun kann.“ Es geht um Vertrauen und Wohlwollen, um Sicherheit und Geborgenheit, um Liebe. Wenn Mann und Frau stets auf der Hut voreinander sein müssen, geraten beide in Verteidigungshaltungen, und das wiederum führt früher oder später in die äußere und innere Vereinzelung. Das Buch erzählt davon, wie sich die Geschlechter annähern können, indem sie sich auf ihre Qualitäten konzentrieren und das Beste aus beiden Welten zu einem Paket schnüren. Das wiederum kann nur funktionieren, wenn dem jeweils anderen Menschen diese Qualitäten auch zugestanden werden. Darin sehe ich im aktuellen interhumanen Miteinander das größte Problem. Wenn eine Frau beispielsweise handwerklich begabt ist, muss der Mann sich nicht plagen, nur weil er glaubt, dass es seine Aufgabe wäre. Wenn eine Frau Kurkuma und Kümmel nicht auseinander halten kann, darf der Mann seinen Kochkünsten frönen. So what? Wir können in all unseren Beziehungen so viel Gutes in die Waagschale werfen, dass die Zufriedenheit groß sein könnte. Und vielleicht auch das Potenzial hat, ins Glückliche aufzusteigen. Darauf sollten wir uns fokussieren, weil wir genau das auch wirklich persönlich beeinflussen können. Und sollte der Strom tatsächlich ausfallen, können Frau und Mann dann auch unbeschwert und ausgelassen „Blinde Kuh“ spielen – vielleicht sogar mit Extras.

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FREITAG: Fußball-Philosophie

Für meine Mutter ist Katar ja ein Vergnügungspark für Menschen, die ihren Anstand mit Gürteln der besonderen Art bestücken. Und die Welt echauffiert sich aktuell tatsächlich auch über ein „Kleidungsstück“ für die Liebe.

Doha ist für mich vor allem eines: eine Drehscheibe des internationalen Flugverkehrs. In zweiter Linie liebte ich den gelben Riesenbären, bevor ich herausfand, dass er 6,8 Millionen Dollar wert, 18 Tonnen schwer und sieben Meter hoch ist. Dass sich eine Königsfamilie solch ein Spielzeug leistet, mit dem sie noch nicht einmal spielt, halte ich für äußerst fragwürdig. In dritter Linie verbinde ich mit diesem Flughafen Raucherlounges, in denen man noch nicht einmal eine Zigarette anzünden muss, um nach einem mehrstündigen Flug ohnmächtig zu werden. So modern der Airport auch sein mag: An der Belüftung dieser Nebelboxen sollte die Königsfamilie noch arbeiten. Ganz bestimmt gibt es die auch in Gold.

Meiner Mutter ist dieser Flughafen höchst suspekt, weil sie ihren Informationsquellen terroristische Gefährdung entnommen hat, vor allem für mich, als ich zwischen Goldbär und Goldbelüftung hin und her taumelte. Ich wiederum habe mir stets überlegt, warum diese unanständigen Menschen, selbst wenn sie ihre Trainingslager vor den Flügeltüren der Luftdrehscheibe hätten, ausgerechnet dieses Trainingslager in die Luft jagen sollten. Doch zu einer ultimativen Einschätzung bin ich nie gekommen, weil ich meist zum nächsten Flug musste und es mich viel mehr stresste, dass das WLAN nicht funktionierte.

Inzwischen dürfte das repariert sein, denn schließlich rollt in Katar aktuell der Ball. Der internationale Ball. Und meinen Informationsquellen entnehme ich, dass das im Grunde ziemlich pfui ist. Ich bin ja eigentlich eine Turnierzuseherin und habe heftige Fussball-Phasen hinter mir, besonders als mein Jüngster auf einer Welle mit mir schwamm. Er tobt sich aktuell in Marokko auf denselben aus, während ich gegen die Kältewelle kämpfe. So ändern sich die Zeiten. Für mich ist die Kältewelle ja genauso pfui, aber auf eine andere Art und Weise. Doch das wird in absehbarer Zeit anders, und bis dahin beiße ich die Zähne zusammen.

Pfui ist das Kicken in Katar vor allem deshalb, weil Tausende Menschen offenbar beim Bau diverser Einrichtungen ums Leben gekommen sind. Weil man in Katar Homosexualität als geistigen Schaden bezeichnet. Weil Frauen nicht einmal annähernd die gleichen Rechte wie Männer haben. Weil viel zu viel Energie für das Kühlen der Stadien verschwendet wird. Gut, das mit den Toten konnte man im Vorhinein nicht überblicken, doch den Rest? Seit 2010 weiß die Fußball-Welt, dass man in Katar das Runde im Eckigen haben will. Und nicht nur dort, denn schließlich mussten die Scheichs ja jemanden bei der FIFA „überzeugen“. Katar gar nicht zur Bewerbung zuzulassen, ist wohl keine Option gewesen in der Welt, wo nicht nur der Rubel rollt.

Während einige in meinem sozialen Umfeld gar nichts dabei finden und sich daran delektieren, dass endlich einmal eine Fußball-WM ohne betrunkene Fans stattfindet, sind andere ganz strikt. Und das entspricht wohl auch dem Zeitgeist, wo statt Fußballschauen Fußballspielen bevorzugt wird, weil das ja auch im Trend liegt. Zumindest in Österreich. Da scheint es jetzt nach zehn Jahren endlich möglich zu werden, in der Schule eine tägliche Bewegungseinheit einzuführen. Offenbar mahlen nicht nur in der FIFA-Welt, sondern auch hierzulande die Mühlen langsam. Hauptsache, man schwärmt virtuell nach einer „One Love“-Binde aus, die zwar nur ein kleines Zeichen am Arm eines Torhüters gewesen wäre, doch immerhin eine so große Bedrohung, dass man sie verbieten muss. Wir haben wirklich keine anderen Probleme, wie mir scheint. Und auch keine anderen Dinge, an denen wir uns aufrichten könnten.

Ich habe mich entschieden, dem Fernseh-Fußball fernzubleiben. Wenn ich ein Ergebnis oder Ereignis wissen soll, wird das Universum schon dafür sorgen, dass ich es erfahre. Faszinierend finde ich trotzdem, in welcher Form es uns immer wieder auf die verschlungendsten Wege führt, damit wir unsere ethische Einstellungen überprüfen können. Ich sag’s ja immer: Philosophien, Konzepte und Weltanschauungen müssen erst den Alltag überstehen. Doch haben sie den Härtetest überstanden, können sie sehr kraftvoll sein. Darüber könnten wir nachdenken – vielleicht sogar während eines Fußballspiels.

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FREITAG: Ganz Ohr für Gefühle

Große Ohrringe stehen für ein Übermaß an Gefühl. Diese Erkenntnis durfte ich kürzlich gewinnen. Fotos von mir bestätigen das, doch kann man daraus eine Regel machen?

Ich erinnere mich noch an Zeiten in meinem Leben, wo ich explizit Kleines in meine Ohren gesteckt hatte. Da war ich pubertär und schon froh, dass ich mir überhaupt Löcher in die Läppchen stechen lassen durfte. Mein späterer Wunsch, dem einen noch ein zweites hinzufügen zu wollen, wurde aus abstrusen Gründen abschlägig beschieden. Leider war ich diesem Erlass ausgeliefert, mein Erwachsenen-Ich brauchte die Doppel-Durchlöcherung nicht mehr.

Später wurden die Ohrgehänge größer. Ich glaube ja, dass man in größere Ohrringe genauso hineinwachsen muss wie in Lippenstift. Zu früh wirkt er einfach unnatürlich, obwohl ich auch dazu sagen muss: Rote Lippen sind immer ein Hingucker und retten am Outfit vieles, was mit anderen Mitteln so schnell nicht zu leisten ist. In meinem Regal steht immer noch das Buch mit dem Titel „Ein Hauch von Lippenstift für die Würde“, und ich freue mich schon darauf, es zu lesen.

Ich liebe Ohrgehänge, weil ich finde, dass sie einer Frau einen Hauch von Grazie verleihen. Denn frau sollte sich tunlichst gerade halten, wenn es an ihren Ohren pempelt, da sie sonst Gefahr läuft, die Balance zu verlieren. Und wenn man Grazie aus Sicht der Gefühle betrachtet, ist es tatsächlich so, dass ein Gefühl dahinter steckt: das Gefühl einer Königin. Im Laufe der Jahre habe ich unzählige Paare Ohrhänger gesammelt, auf der ganzen Welt. Und sie in Säckchen gehütet, um sie an einem speziellen Tag in der Zukunft rauszuholen. Irgendwann fielen mir Parallelen zum Sonntagsgewand auf, und ich beschloss, jeden Tag zu einem Sonntag zu machen.

Alle Farben, alle Formen – ich fühlte mich wie in einem Zuckerlgeschäft. Und das Gefühl des Überflusses konnte ich nicht leugnen. Aus dem Vollen schöpfen zu können, ist eine wunderbare Erkenntnis, was übrigens auch auf Lippenstift zutrifft. Nicht dass ich mir teure Ohrhänger gekauft hätte – die wirklichen Preziosen halten sich in Grenzen. Meist waren es preisgünstige Exemplare, die mir Freude schenkten und die Königin in mir ans alltägliche Licht holten.

Und dann entdeckte mein kleiner Nachbar die Ohrringe, die ihm so nahe waren, sobald er sich auf meinem Arm eingerichtet hatte. Und weil man als kleiner Mensch stets auf der Suche nach haptischen Erfahrungen ist, zog er einfach daran. Immer wieder. Nicht dass es geschmerzt hätte – ich fand das damals sogar ziemlich drollig, weil ich ja wusste, dass sie verführerisch waren. Doch irgendwann einmal stellte ich fest, dass sich meine Ohrlöcher doch über Gebühr geweitet hatten und meine Stecker einfach durchrutschten. Ich überlegte mir, ob ich diesen Zustand operativ verändern sollte, hatte sogar schon einen Termin bei einem plastischen Chirurgen. Schließlich wollte ich mich von dem Gefühl der Königin sprich der Fülle nicht trennen, das mir die Ohrgehänge geschenkt hatten.

Dank der Lockdowns durfte ich diese Entscheidung noch einmal überdenken. Wie lächerlich, sich seine Ohrlöcher zunähen und neu durchstechen zu lassen, während Menschen im selben Krankenhaus um ihr Leben kämpften! Doch darüber hinaus hatte ich mehrere Feststellungen gemacht: Erstens gab es leichte Ohrgehänge, zweitens brauchte ich keine äußeren Symbole mehr für meine innere Königin. Ich fühlte mich auch in meiner Kraft, wenn kleine Buddhas oder Monde an meinen Ohrläppchen baumelten. Und gleichzeitig schonte ich damit das Gewebe, das zugegebenermaßen einiges hatte aushalten müssen. Offenbar war ich gefühlsmäßig in meiner Mitte angekommen.

Als ich dieses Thema kürzlich mit einer Freundin besprach, fiel mir ein Foto aus dem heurigen Sommer ein. Ich war in den Armen meines Liebsten und trug die größten Ohrringe, die ich jemals besessen habe. Die Ohrläppchen hielten durch, doch vermutlich nur deshalb, weil die Kraft der Liebe auch deren Gewebe gestützt hat. Ausnützen wollte ich das nicht, auch deshalb, weil mir eines klar wurde: Wenn große Ohrringe für Emotionalität stehen und ich es inzwischen aushalte, auch „kleinere Brötchen“ zu backen, kann das nur bedeuten, dass ich gelernt habe, zwischen großen und weniger großen Emotionen zu unterscheiden. Das Leben ist eben nicht immer das ganz große Kino, und das kann manchmal auch sehr entspannend sein.

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FREITAG: Körperkult? Kann ich!

Bislang habe ich ja mit kaum merklich angehobenem rechten Mundwinkel auf das Thema „Körperkult“ reagiert. Dass ich damit einer Verallgemeinerung aufgesessen bin, durfte ich heute lernen.

Körperkult-Anhänger und -innen waren für mich bislang Menschen, die in den Muckibuden an der Ausformung ihrer jeweiligen Muskeln gearbeitet haben, dabei glänzende, wahlweise schwitzende Haut zeigten und vor Kraft kaum mehr gehen konnten. Dass ich damit auch das Vorurteil kultiviert habe, dass man dafür nicht unbedingt eine weit gespannte Intelligenz braucht, habe ich an dieser Stelle zähneknirschend zu gestehen. Doch wie immer, wenn ich etwas nicht kommen sehe, schlägt es mir auf die Schulter und macht auf sich aufmerksam.

Heute morgen in Form eines Radiobeitrags. Ja, Radio höre ich noch, wenn auch sehr selektiv und meist zeitversetzt, damit ich meinem Gehirn nur Dinge zumute, die ich auch verkraften kann. Und aus irgendeinem Grund habe ich heute auf das Angebot „Körperkult als Ersatzreligion“ geklickt. Religion und Spiritualität zählen ja zu meinen Top Fünf-Themen, auch wenn sie in Verbindung mit Körperkult gebracht wird. In diesem Fall bin ich dem Narrativ „Wer A sagt, muss auch B sagen“ gefolgt und habe Unangenehmes, wenn auch nicht Unakzeptables über mich herausgefunden.

Offenbar gibt es drei Unterkategorien beim Körperkult: Styling, Tuning und Caring. Bei ersterem geht es um Selbstgestaltung. Und dazu zählt eben auch, wenn ich mir die Fußnägel lackiere oder Lippenstift auftrage. Ich musste auch zugeben, dass ich Körpertuning betreibe, in dem ich zum Bauchtanzen gehe und Yoga mache. Und last but not least: Unter ‚Caring‘ fällt meine ayurvedische Ernährung und Meditationen jeglicher Art. Und bei all dem bin ich in meiner Welt meilenweit von dem Bild entfernt, das ich abschätzig bewertet hatte.

Gerne sehe ich mich selbst als überaus toleranten Menschen an, der anderen all das verzeiht, was sie manchmal nicht einmal sich selbst verzeihen. Weil ich weiß, dass wir alle Menschen sind und Fehler machen können. Doch gerade in Situationen wie dem Körperkult-Vorurteil fällt es mir wirklich schwer, mir selbst Vorurteile zu vergeben. Weil ich ja zuerst den Schritt machen muss, sie mir und gegebenenfalls auch gegenüber anderen einzugestehen. Und vor diese Aufgabe werde ich immer dann gestellt, wenn ich sie gerade gar nicht brauchen kann, weil mir eh schon der Kopf platzt.

Jetzt könnte man einwenden, dass man ja nicht jede Einladung zur Reflexion annehmen muss. Richtig. Und doch hänge ich ja der Meinung an, dass Einladungen selten angekündigt daher kommen. Und dabei spreche ich nicht von solchen zu Hochzeiten, die man ja zugegebenermaßen einige Zeit im Voraus planen muss. Auch nicht von runden Geburtstags- oder Pensionsantrittspartys. Sondern von jenen, die uns das Universum über den Weg schickt, um uns in die Gegenwart zu bringen. Und gerade deshalb, weil mir das Universum heute die Erkenntnis geschenkt hat, dass ich durchaus Körperkult-Neigungen habe, werde ich mir in den nächsten Tagen endlich einen Termin beim Friseur ausmachen – der wartet nämlich schon seit Mai auf den jährlichen Zweittermin. Übertrieben ist er nicht, mein Körperkult.

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