FREITAG: Bitte Lächeln!

Mein Friseur hat ja keine große Freude mit mir, weil ich meine Haarfarbe in diesem Salz-und-Pfeffer-Ton behalten möchte. Doch kürzlich ist mir aufgefallen, dass selbst die bunteste Haarfarbe nicht ausreicht für eine positive Erscheinung.

Hin und wieder sollte frau ja ihre Gewohnheiten ändern und einen ungewohnten Weg nehmen. Nicht immer ins gleiche Kaffeehaus trotten, sondern auch einmal andere Geschmacksrichtungen ausprobieren. Gesagt, getan am letzten Samstag. Die Entscheidung war gut, denn sonst hätte ich nie einen uralten Freund wieder getroffen, den ich über die Jahrzehnte vollkommen aus den Augen verloren hatte. Aber das kam erst danach, als ich mit einem Fuß schon auf dem Heimweg war.

Vorher hatte ich mich gemütlich im Schatten niedergelassen und mir einen bobohaften Matcha Latte bestellt, begleitet von einer Cremeschnitte. Dafür habe ich eine Schwäche, ich gestehe es unumwunden. Vielleicht liegt das daran, dass ich irgendwann einmal lernen möchte, diese Süßigkeit so zu essen, dass der Teller danach nicht wie ein Schweinestall aussieht. Ja, auch ich bin ehrgeizig. Wie auch immer. Ich bearbeitete also diese Cremeschnitte, genoss sie in vollen Zügen und blickte um mich. Beim Essen bin ich eine absolute Feindin von Multitasking, da lese ich nichts, da höre ich nichts, da bin ich voll im Augenblick. Und wie viele Frauen habe ich währenddessen andere Frauen angeschaut.

Vielleicht ist es ja eine Fixierung von mir, dass ich sehr häufig auf die Haarfarbe schaue, vor allem bei sitzenden Frauen. Der Rest wird ja meist erst sichtbar, wenn sie sich erheben. Und ein Kaffeehaus ist nun einmal ein Ort des Sitzens. Was mir grundsätzlich überaus sympathisch ist, denn sitzen und schauen, trinken und rauchen liegt mir einfach. Es gab Frauen mit grauen, kurzen Haaren, Frauen mit halblangen roten Haaren, Frauen mit raufgedruzelten blonden Haaren. In meiner Stadt wird ja gerade der Monat der Vielfalt gefeiert, in diesem Kaffeehaus habe ich sie erlebt – zumindest behaarungstechnisch.

Was allerdings bar jeder Vielfalt war: die Mienen der Frauen. Ihre Gesichter drückten Missmut aus, schlechte Laune, Sorge. Und ich musste an meine beiden Firmtöchter denken, die in ihrer Pubertät vieles ausprobiert hatten, nur nicht das Lächeln. Damals hatte ich gelernt, dass das nichts über ihre Befindlichkeit aussagte, doch ganz geglaubt habe ich ihnen das nie. Denn ich bin da ganz anders geartet. Ich kann unglaublich diplomatisch sein, doch wirklich greifen tut diese Diplomatie nur im Dunkeln. Denn bei Tageslicht erkennt jeder an meinem Gesichtsausdruck, ob die Diplomatie ernst oder aufgesetzt ist. Kurz: Ich habe meine Mimik nur selten unter Kontrolle. Weshalb ich eben nur aus dem Haus gehe, wenn ich einigermaßen sicherstellen kann, dass mein Gesicht die Welt ein wenig freundlicher macht.

Zurück zu den Frauen im Kaffeehaus. Während ich immer noch versuchte, die Cremeschnitte mit Anstand zu essen, überlegte ich mir, welchen Sinn es haben könnte, mit der Haarfarbe Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um dann der Welt zu signalisieren: „Schau her, wie schlecht gelaunt ich bin.“ Vielleicht steht dahinter ja der Wunsch, aufgeheitert zu werden, der ja nur dann in Erfüllung gehen kann, wenn man ihn irgendwie artikuliert. Mit Worten, aber vielleicht auch mit auffälligen Attributen. Kann ja sein. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass ich alleine für meine Stimmungen verantwortlich bin, aber das bin eben ich. Andere Frauen sind möglicherweise anders gestrickt.

Mit dem letzten Bissen der Cremeschnitte beginne ich zu recherchieren und frage die Suchmaschine „Warum lächeln Frauen nicht mehr?“ Und auf die Ergebnisse war ich ganz und gar nicht vorbereitet. Als ich gelesen habe, dass die männliche Aufforderung an eine Frau, doch mal zu lächeln, inzwischen als sexueller Übergriff empfunden wird, habe ich die App geschlossen. Mit solchen Erkenntnissen ist es wirklich schwer für mich, etwas nicht zu bewerten. Und das, obwohl ich mehrmals Zeugin davon wurde, wie eine Frau ständig mit dieser Aufforderung konfrontiert wurde und sich wahnsinnig darüber geärgert hat.

Gelernt hatte ich bei dieser Kurzrecherche auch, dass lächelnde Frauen weniger ernst genommen werden. Und noch heute frage ich mich, wie man einen einfachen Gesichtsausdruck derartig überladen kann. Schon bei Babys ist ein Lächeln das ziemlich entzückendste, was es geben kann. Und das ändert sich auch mit zunehmendem Alter in den wenigsten Fällen. Am besten gefallen mir Bilder von alten Menschen ohne Zähne, die mit einem grandiosen Lächeln die physischen Mängel vergessen machen. Und dass Lächeln gut für die Gesundheit ist, steht auch seit langem fest. Es hält das Immunsystem stabil, senkt das Schmerzempfinden und stärkt die Selbstheilungskräfte. Lächeln macht schlauer, gelassener und ist im Grunde die beste Kosmetik.

Diesen Gesichtsausdruck in einen Genderkontext zu bringen, finde ich ungesund. Denn selbst wenn wir darauf verzichten, weil wir ernst genommen werden möchten, hilft es uns nichts, wenn wir dabei krank werden. Oder uns auf sonstigen Ebenen von unserem inneren Strahlen abschneiden. Wenn ich vor die Türe gehe, lächle ich immer. Und meine Erfahrung ist, dass ich viele Menschen damit anstecke, weil sie gar nicht anders können, als zurück zu lächeln. Und dabei habe ich nie das Gefühl, dass sie mich nicht ernst nehmen. Vielmehr gehe ich meiner Wege mit der Gewissheit, dass ich zumindest ein paar Menschen an diesem Tag mit dem inneren Strahlen anstecken konnte. Und damit vielleicht im Leben dieser Menschen ein Spur hinterlassen habe. Oder auch nur einen Fußabdruck. Und das ist mir persönlich wichtiger als die Überlegung, ob ich damit eine männliche Erwartungshaltung erfülle oder mich selbst im gesellschaftlichen Zusammenhang unterminiere. Wenn mich ein Lächeln disqualifiziert, dann soll es so sein. Shit happens. Shift happens too.

Die gesprochene Version dieses Textes finden Sie auf www.voll50.com/category/podcast

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