FREITAG: Der Geist des Reisens

Gar nicht so einfach, ein deutsches Wort für Mind-Set zu finden. Gesinnung klingt irgendwie vorgestrig, Bewusstsein ist meines Erachtens ein wenig zu hoch gegriffen. Wie auch immer: Es ist kompliziert.

Ich finde Geisteshaltung und Denkweise und bin zufrieden, dass ich mich dem Denglish widersetzen konnte. Eine wirkliche Geisel der rhetorischen Menschheit, doch manchmal unumgänglich, weil es einfach Wörter gibt, die man im Deutschen nur mit viel mehr Silben übersetzen kann. Lustig wird es dann, wenn ein deutsches Wort auch auf Englisch deutsch daherkommt. Übersetzt man nämlich „Fernweh“ dorthin, erhält man „Wanderlust“. Womit ich beim Thema bin.

Während ich in (nicht an) reifen Kirschen ersticke, einen Dschungel vor meinen Fenstern habe und der Himmel strahlt, kreisen zwei Gedanken umeinander. Der eine: Wie schön ist es hier und wie glücklich darf ich mich schätzen! Und das noch dazu in einer der schönsten Städte der Welt, die (normalerweise) drei Millionen Menschen im Jahr anzieht. Die eine Lebensqualität bietet, die man selten irgendwo findet mit Bergen und Seen, Kultur und Kulinarik, Freiheit und Tradition. Früher dachte ich mir öfters, dass ich doch noch einmal irgendwo anders wohnen möchte – London zum Beispiel. Doch bei meinem letzten Besuch musste ich feststellen, dass ich mich von dem, was ich an dieser Metropole so liebte, entfernt habe und im Grunde nur von einem Park zum nächsten gesprintet bin, weil mir alles andere zu laut und zu nervig war. Doch ein kleines Apartment am Rande des Hydeparks – warum nicht? Allerdings ist es gerade keine sehr gute Zeit für Überlegungen dieser Art.

Was mich zum anderen Gedanken bringt, der mir ziemlich fremd ist. Mit dem Sommer und dem Herannahen der Schulferien kommt man am Thema Urlaub kaum vorbei. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr verebbt es auch wieder sehr schnell, weil die Alternativen zum Urlaub zu Hause wahlweise der Mut zum Anziehen der von Siebenmeilenstiefeln gering sind. Heute hätte ich mit meinen Eltern den Flieger nach Edinburgh besteigen sollen, um dort den 82. Geburtstag meines Vaters zu feiern. Jetzt findet er in den Tiroler Bergen statt, und ich werde noch eine Weile warten müssen, bis ich meine schottische Freundin nach über zwei Jahren endlich treffen kann. Ob ich meine andere Freundin in Kapstadt heuer noch sehen werde, weiß ich auch nicht. Und meine ewige Liebe sowieso – das Meer. Jetzt könnte ich natürlich nach Italien oder Kroatien, im September habe ich eine Einladung zu einer Weinreise in der Türkei. Doch mit den Mittelmeer-Hotspots bin ich eigentlich durch, weil für mich das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt; ob mich die Türkei bis dahin reinlässt, ist auch fraglich, selbst wenn ab Mitte Juli die Flieger wieder dorthin abheben.

Letztes Jahr hatte ich ja schon den Versuch gemacht unternommen, Urlaub daheim zu machen. Es war schön dort, ruhig und doch irgendwie vertraut. Und das ist genau das, was ich beim Verreisen vermeiden möchte – das Vertraute. Am liebsten habe ich den fremden Geruch, wenn ich irgendwo im Süden die ersten Schritte aus dem Flieger mache. Doch wie wird das werden, wenn wir alle diesen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen? 14 Vierzehn Stunden Flug mit Visier könnte ich mir noch vorstellen, allerdings das Schlafen schwierig machen. Und die wichtigste Frage: Tue ich mir das wirklich an?

Im Gespräch mit einer Freundin stelle ich fest: Reisen ist ein Mind-Set, eine Geisteshaltung, eine Denkweise. Und ja, ich empfinde mich als Reisende – mental, seelisch, körperlich. Ich bin gerne unterwegs, tauche gerne in fremde Kulturen ein, treffe gerne Menschen, die einer anderen Mentalität anhängen als ich selbst. Und wenn dabei das Meer zu hören und zu sehen ist, bin ich auf Wolke sieben. Doch in Zeiten wie diesen frage ich mich: Ist das nicht alles ein Gedankenkonstrukt? Nimmt es mir etwas von meiner Persönlichkeit oder meinem Wohlbefinden, wenn ich das alles nicht mehr habe? Vermutlich nicht. Das Sturheitsgen in mir schreit natürlich „doch, doch, doch“, wird aber sehr leise angesichts der wahrscheinlichen Einschränkungen beim Hüpfen von Kontinent zu Kontinent.

Im vergangenen Jahr war ich in einer ähnlichen Situation. Es gab kein Reiseziel, keine Unterkünfte, zu keine erschwinglichen Preisen, zu denen ich mich aufraffen konnte. Damals habe ich entschieden, gar nichts zu entscheiden und alles auf mich zukommen zu lassen. Weil ich das Gedankenkarussell in meinem Kopf nicht mehr wollte. Ich kenne diese Situation also bereits. Und selbst wenn die Vorzeichen 2020 anders sind und ich es gar nicht mag, gezwungenermaßen von etwas abgehalten zu werden: Es ist, wie es ist. Ich bin zwar noch weit davon entfernt, Urlaub in Österreich als wirkliche Alternative zu „meinem“ Beach House zu betrachten. Oder zum Meer allgemein. Doch vielleicht brauche ich diese Pause, um mich neu zu justieren. Um meine Persönlichkeit und das Reisen zu entkoppeln. Weil eben auch das Unterwegssein eine Frage der Perspektive ist. Momentan habe ich das Gefühl, dass ich dafür offen sein sollte – schauen wir mal, was daherkommt.

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