FREITAG: Nachtrag zum Muttertag

Meine Mutter hat über mich geschrieben und hat recht gute Chancen, dass dieser Text auch veröffentlicht wird. Und ich hätte mir nie gedacht, wie heilsam das ist.

Ich kenne kaum jemanden, den seine Mutter kaltlässt. Und insofern ist es vermutlich gut, dass ich selbst nie Kinder auf die Welt gebracht habe und mich auf mein Dasein als „wilde Mutter“ konzentrieren kann. Da steht man mit all seinen Stärken und Schwächen nicht ganz so im Fokus. Böse Zungen würden nun vielleicht sagen, dass es leicht ist mit Kindern, wenn man sie wieder „zurückgeben“ kann. Doch meine Erfahrung ist: Das Zurückgeben und Zurücknehmen ist ein ständiger Prozess, der einen lehrt, wie schnell sich Kinder verändern können und wie wichtig es ist, diese verschiedenen Stadien wahrzunehmen – vor allem für die Kids.

Wie auch immer: Ich schreibe ja schon lange über die jungen Menschen in meinem Leben, weil ich unglaublich viel von ihnen gelernt habe und das immer noch tue. Unser gemeinsames Dasein ist nach wie vor verwoben, auch wenn es an unterschiedlichen Orten stattfindet und lockerer geflochten ist. Und genau hier stellt sich heraus, ob man imstande war, kräftige Fäden zu spinnen. Wie es im Moment aussieht, haben wir das geschafft. Und es ist jeden Sonntag aufs Neue ein virtuelles Vergnügen, den Kids bei ihren Projekten, Gedanken und Herausforderungen zu folgen, manchmal gefragt zu werden und trotzdem zu wissen, dass sie alle Lösungen für das Leben heute in sich tragen.

Ob ihnen bewusst ist, dass ich immer wieder über sie schreibe? Vermutlich nicht. Es genügt ihnen, wenn sie zu Weihnachten einen rührseligen Brief von mir bekommen, wo ich ihre Entwicklung zusammenfasse und sie stärke. Da weiß ich, dass sie das lieben – oft mehr als das dazugehörige Geschenk. Und auch ich kann mich noch genau an die ersten Zeilen meiner Mutter in einem kleinen Büchlein erinnern, das sie mir vor über 20 Jahren geschenkt hat. Nicht dass meine Mutter schreibfaul wäre oder nichts zu sagen hätte; aus irgendeinem Grund überließ sie das Verfassen von Zeilen an mich stets meinem Vater. Ich liebe seine Karten und die darin enthaltenen Gedanken, doch mit zunehmendem Alter (meinem!) werden mir die Gedanken meiner Mutter wichtiger.

Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich mich in den vergangenen Jahren sehr damit auseinandergesetzt habe, was Weiblichkeit in der heutigen Zeit bedeutet. Denn irgendwann einmal musste ich feststellen, dass es dafür kaum Vorbilder gibt. Die C-Zeit hat ja gezeigt, wie leicht man in traditionelle Rollen schlüpft, ohne das zu hinterfragen. Eine meiner Freundinnen hat sich daran sehr abgearbeitet, dass ihre drei Männer zu Hause es nur in sehr seltenen Fällen für nötig empfanden, irgendetwas zur Herstellung der häuslichen Ordnung beizutragen oder organisatorische Dinge zu erledigen. Es blieb an ihr hängen, so schnell konnte sie gar nicht schauen.

Die Frauen, die ich während meines Aufwachsens beobachten konnte, waren unterschiedlich und doch ähnlich in ihren Vorgehensweisen. Meine Großmutter mütterlicherseits pflegte ein absolut traditionelles Frauenleben in aller Konsequenz. Dass es ihr nicht ganz entsprochen haben muss, lässt sich wohl an dem einen Satz nach dem Tod ihres Gatten ablesen, der ihr mit 90 Jahren einfach herausgerutscht ist: „Jetzt bin ich wieder frei!“ Meine Mutter adaptierte das Frauenleben, indem sie arbeitete. Beiden war wichtig, dass ich unabhängig werde – mission accomplished! Und trotzdem dachte ich mir irgendwann einmal, warum man das betonen muss, wo es sich eigentlich von selbst versteht. Etwas später ahnte ich, dass dieser Leitspruch aus ihrer jeweiligen Lebenssituation heraus kam, dass die beiden vermutlich stets das Gefühl hatten, einen Mann zu brauchen, um existieren zu können.

Wenn man Glaubenssätze wie diese unbewusst übernimmt und dann darauf kommt, dass das Leben noch andere Dinge für einen bereithält, kann der Sprung vom Turm unsanft werden. Da wird einiges gerade gerüttelt, doch ein schlüssiges Konzept zu einem weiblichen Dasein fällt damit noch lange nicht an seinen Platz. Das ist harte Arbeit – gedanklich, körperlich, seelisch. Und wenn ich nach all dieser Arbeit von meiner Mutter lese: „Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, wie sie ihre Situation mit so viel Elan und Freude meisterte“, dann weiß ich, dass mein Weg der richtige war.

Denn wie wir es drehen und wenden, ob wir mit unserer Mutter in Kontakt sind oder nicht: Ihre Bedeutung für uns – und da mache ich keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen – ist ständig präsent und wichtig. Meine Mutter und ich haben über viele Dinge im Leben unterschiedliche Auffassungen und wahrscheinlich rollen wir übereinander öfter die Augen als andere Menschen. Doch wenn jahrzehntelange Reibung in eine so große Wertschätzung zwischen Mutter und Tochter mündet, ist die Dankbarkeit überbordend – und alles ist gut.

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