FREITAG: Wilhelm Busch und das Muss

Geneigte Leser*nnen dieser Zeilen werden schon bemerkt haben, dass ich gerne lerne. Der Beschluss kam spät, aber nicht zu spät – in Zeiten von Lifelong Learning sowieso nicht.

Meine Kindheit war von ziemlich vielen Büchern bevölkert, unter anderem auch von denen von Wilhelm Busch. Witwe Bolte, Max und Moritz – diese Figuren sind immer dann aufgetaucht, wenn die ausgeliehenen Bücher wieder einmal vor der Abgabefrist ausgelesen waren. Allerdings kann ich mich nicht an den Spruch: „Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muss“ erinnern. Das kann zweierlei Gründe haben. Erstens, weil ich zumindest in meinen ersten acht Schuljahren immer gerne gelernt habe. Zweitens, weil in den nächsten fünf Jahren zumindest meine Eltern den Beschluss gefasst hatten, ich aber aus Pubertätsgründen natürlich meinen eigenen Weg suchen wollte. Mein Horizont damals hat noch nicht so weit gereicht, dass sich das mit lauter Bergen rundherum in der gewünschten Art und Weise meiner Eltern erledigte. Aber wurscht, schlussendlich habe ich den Weg zur Kreuzung gefunden, die mehr anbot als die Richtungen „taleinwärts“ oder „talauswärts“.

Dass mir irgendwann einmal alle Himmelsrichtungen offenstanden, fand ich anfangs großartig und erfüllend. Doch mit zunehmendem Alter ist es tatsächlich so, dass ich das Gefühl habe: Die Optionen erdrücken mich ein bisschen. Bei Reisedestinationen ist das glücklicherweise nicht ganz so schlimm, momentan sowieso nicht. Beim Lernen allerdings gerate ich ins Schleudern. Denn in unserer komplexen Welt gibt es schließlich immer etwas, was wir noch nicht wissen. Und damit meine ich jetzt nicht, dass ich es einfach nicht schaffe, in meinem Mailsystem eine Signatur zu installieren, die NICHT in einer Zeile erscheint, sondern untereinander. Obwohl man das schon auch als Lernen bezeichnen könnte. Irgendwie. In meiner Welt hat Lernen allerdings etwas mit der Erweiterung des Bewusstseins zu tun. Wie die Welt funktioniert. Wie Menschen funktionieren. Und ja, auch Wissen über Katzen gehört da durchaus dazu. Kürzlich habe ich gelesen, dass die Stubentiger im Grunde nur miauen, weil sie sicherstellen möchten, dass wir Menschen auf sie reagieren und dass sie nicht länger als maximal vier Minuten gestreichelt werden wollen. Was mich zur Erkenntnis bringt, dass die Katze, bei der ich wohne, höher oder niedriger entwickelt sein muss. Doch genau wissen werde ich das wohl nie. Insofern hat die gewonnene Erkenntnis zwar an meinem Alltag angedockt, mir aber nicht wesentlich weitergeholfen.

Und genau das ist der Punkt. Wir schaufeln viel zu viel Wissen in uns hinein, ohne zu reflektieren, ob es uns auch weiterbringt. Da hilft die 5-Stunden-Regel, habe ich gelernt. Sie besagt, dass man jeden Tag eine Stunde damit verbringen sollte, etwas Neues zu lernen – idealerweise etwas, was uns weiterbringt. „Erfunden“ hat sie der amerikanische Präsident Benjamin Franklin, und aktuell ist sie nach wie vor, beispielsweise für Bill Gates (momentan eher pfui wegen seiner C-Impfstoff-Engagements), Oprah Winfrey und Warren Buffett. Jetzt muss man sich ja nicht unbedingt die Bücher zu Gemüte führen, denen diese drei anhängen. Man kann seinen Lesestoff wirklich ganz individuell definieren. Doch man sollte jeden Tag eine Stunde dafür reservieren. Was nicht bedeutet, dass man sie irgendwo abzwicken muss – achten Sie ruhig einmal darauf, wo Sie nicht so hundertprozentig produktiv sind oder sein wollen. Ich persönlich ziehe Lesestoff jedem Programm vor, das um 20:15 Uhr über den Bildschirm flimmert. Und sollte das schon out of date sein: Das habe ich offensichtlich noch nicht gelernt.

Der zweite Punkt dieser Regel: darüber reflektieren. Und das kann im Gespräch mit jemandem sein, aber auch schriftlich passieren. Ich habe mir dafür ein kleines Heft angelegt, das ich gerne in die Hand nehme, weil der Umschlag mit flauschigen Samtgirlanden verziert ist. Darin notiere ich mir alles, was ich verstanden habe und im Kopf behalten möchte. Schreiben hat mir persönlich schon immer geholfen. Während meiner Studienzeit beispielsweise habe ich alle meine Skripte mit der Schreibmaschine getippt, was zudem den Vorteil hatte, dass ich das Gehörte auch lernen konnte. Meine Handschrift war dazu leider nicht geeignet. Man kann aber auch beim Staubsaugen oder Spazierengehen darüber nachsinnen – je nach Lust und Befindlichkeit.

Punkt drei: das Integrieren in den Alltag. Kürzlich hatte ich einen Aha-Moment diesbezüglich, weil ich schon seit geraumer Zeit darüber nachdenke, warum ich immer nur schräge Typen anziehe. Die Erkenntnis: Ich reagiere nur auf diese Spezies, weil sie mich neugierig macht. Nun kann man sich normalerweise an allen zehn Fingern ausrechnen, dass Schrägheit nie gerade wird, doch da bin ich bislang etwas langsam gewesen auch wenn mich die Beschäftigung mit diesen Menschen ziemlich viel Energie, Herzblut und Schlaf gekostet hat. Und dann kam der Beschluss, zu lernen, wie ich damit aufhören kann. Im Prinzip ziemlich einfach, doch darauf muss man erst einmal kommen. Meine Conclusio: Wenn mir einer schräg kommt und ich die Neugier in mir aufsteigen fühle, gehe ich einfach weg. Oder ich drehe mich um. Oder ich rede mit jemandem anders. Und so kann ich die gewonnene Erkenntnis auf den Boden bringen. Punkt drei erfüllt. Das mag mir jetzt in einem ersten Schritt nicht zwangsläufig den Kontostand von Bill Gates, Warren Buffetts oder Oprah Winfrey bescheren. Doch wenn ich mir überlege, wie viele Stunden Gedankendrainage ich mir damit spare, die ich in meine eigenen Projekte stecken kann, dann bin ich auf einem guten Weg. Und unterschreibe ein Zitat von Günther Jauch nahezu blind: „Wissen wird erst zu Bildung durch die Persönlichkeit eines Menschen. Bildung ist mit Lernen verbunden, das kostet Zeit und Nerven, aber wissen Sie, was? Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen!“

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